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Episode 05
  Episode 05: Winteralbtraum Teil 2
Die Sonne des späten Nachmittags brach durch Schneewolken hervor und erhellte ein in blau getauchtes Zimmer. Das Zimmer war beinahe ausnahmslos in Blau eingerichtet: blaue Sessel, blaues Bettbezug, blaue Gardinen... Sogar der Pyjama des Mädchens, welches im Bett lag war blau getaucht. Als die Strahlen der Sonne durch das Zimmer brachen und auf das Gesicht des Mädchens schienen, regte sie sich zum ersten Mal seit mehr als zehn Stunden um schlussendlich zu erwachen.
Green schaute sich verschlafen um. Ihr Blick wanderte zu den zwei anderen Betten, welche verlassen waren - wie auch der Rest des Zimmers. Mit dämmernder Skepsis setzte sie sich in dem blauen Bett auf und beäugte diese fremde Umgebung, denn schnell wurde ihr bewusst, dass dies nicht ihr Zimmer war. Nicht nur, dass hier alles blau war, statt grün: der Raum war auch noch gänzlich verlassen. Das einzige was als privates Hab und Gut gelten würde, waren ihre eigenen nassen Kleider, welche über der Heizung hingen.
Obwohl Green deutlich das Pochen ihrer Verletzungen spürte, dämmerte es ihr.
Gütiger Gott! Sie war in einem Jungenzimmer! Und irgendjemand, wahrscheinlich ein männliches Individuum, hatte ihre Kleider gewechselt!
Green wurde rot vor Scharm und sprang aus dem Bett - ihre Verletzungen straften diese über eilige Tat sofort mit Schmerzen. Die Wächterin fluchte, doch dabei fiel ihr auf, dass der Zimmerbewohner nicht nur ihre Kleidung gewechselt hatte, sondern auch Verband um ihre Wunden gebunden hatte. Doch Green war zu sehr von Scharm erfüllt, als irgendeine Form von Dankbarkeit in sich zu spüren.
Kurzerhand fing sie an, dass Zimmer zu untersuchen. Mit gekonnten Fingern und ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen, suchte sie das Zimmer nach Informationen ab, die sie womöglich zu dem Zimmerbewohner führen könnten. Nach fünfzehn Minuten stellte sich jedoch heraus, dass ihre Suche vollkommen umsonst war. Sie fand nicht einmal so etwas wie ein Haar! Mit anderen Worten, musste Green zu anderen Mitteln greifen, wenn sie herausfinden wollte, wem dieses Zimmer gehörte.
Sie nahm die Türklinke in die Hand um eben diese zu öffnen, damit sie sehen konnte, welche Nummer dieses Zimmer besaß. Doch genau in dem Moment wo sie auf den Gang trat, hörte sie eine wohl bekannte Stimme:
"Green! Na endlich hab ich dich!" Die Gerufene drehte sich um und sah Sho wie sie winkend auf sie zu gerannt kam. Ehe Green etwas sagen konnte, fing Sho bereits an sie mit Fragen zu belagern:
"Sag mal, wo warst du?! Ich habe mir große Sorgen um dich gemacht als ich gemerkt habe, dass du nicht in deinem Bett lagst! Und..." Dann musterte sie Green und verstummte kurz.
"Was ist das für ein Schlafanzug?" Ihre Verwunderung blieb nicht lange, denn plötzlich grinste Sho und ihre Freundin wusste sofort weshalb.
"Ich weiß genau was du denkst, Sho. Aber so ist das alles nicht gewesen..." Doch Sho hörte gar nicht auf sie.
"Du hast dich rumgetrieben! Und das auch noch bei den Jungs, also Green das hätte ich nicht von dir gedacht..." Green sprach sofort gegen an und beteuerte, dass sie sich ganz und gar nicht rumgetrieben hatte - und das Sho nicht von sich auf andere schließen sollte.
"Und wie erklärst du mir, dass du hier bist? Und, dass du einen anderen Schlafanzug anhast? UND das du mir nichts gesagt hast?!" Ja, das war eine gute Frage. Wie sollte sie es erklären? Es gab keine Erklärung... keine, die sie Sho erzählen konnte jedenfalls. Sie konnte ihr wohl kaum sagen, dass sie gegen einen Dämon gekämpft hatte und dass sie hier wieder aufgewacht war - dass sie selbst keine Ahnung hatte, wie sie hierher gekommen war. Da fiel Green noch etwas anderes ein, was ihre Wut auf den Zimmerbewohner doch senkte: er musste sie aus dem See gerettet haben...
"Die Beweise liegen klar auf der Hand, Green!", unterbrach Sho sie mit erhobenen Finger und einem Grinsen.
"Die Beweise kannst du dir an den Hut stecken."
"Und wie willst du mir das hier erklären?!"
"Glaub doch was du willst", antwortete Green erschöpft von dieser Diskussion und Shos unbändiger Neugierde. Das letzte Wort war für Green gefallen und Sho schwieg. Doch Green war sich nicht sicher, ob sie nicht bereits eine weitere Schlagzeile im Kopf hatte. Man würde meinen, dass Sho keine Story über ihre Freundin schreiben würde, aber das war leider nicht der Fall: sie machte vor gar nichts Halt.
Plötzlich bemerkte Sho Greens Verband an ihren Arm und ihr Grinsen verschwand.
"Ähm, Green woher hast du diese Verletzung?"
"Ach das... das ist von einen Stur...", weiter kam sie jedoch nicht, denn ihr fiel Shos geschocktes Gesicht auf. Es konnte ja nichts mit ihrer Verletzung zu tun haben, da sie dies ja bereits kommentiert hatte - doch Green musste nicht fragen, Sho gab bereits eine Antwort auf Greens Verwunderung:
"Wie willst du in diesem Zustand nur tanzen! Ganz zu schweigen von einem Kleid..." Shos Antwort löste die Verwunderung Greens keineswegs auf, sondern steigerte sie nur noch. Fragend sah sie sie an, während Sho ihre Hände vor lauter Schreck vors Gesicht schlug. Sie brabbelte etwas vor sich hin, was wie wahnwitzige Pläne klang. Schnell änderte ihr Gesichtsausdruck sich jedoch und sie ballte entschlossen die Faust. Green war immer noch ratlos, wurde jedoch langsam unruhig.
"Keine Sorge, Green! Das bekommen wir schon hin, verlass dich auf mich."
"Was bekommen wir hin?"
"Na, das wirst du doch wohl nicht vergessen haben."
"Ich befürchte; ja", antwortete Green mit wachsender Nervosität.
"Heute Abend ist der von mir organisierte und daher famose... Tanzabend!" Die Angesprochene schlug sich die Hand vors Gesicht, da es ihr plötzlich wie Schuppen vor den Augen wieder einfiel: Shos vollkommen abstruse Idee. Sie hatte Green tatsächlich davon erzählt, nur hatte diese es nicht sonderlich seriös genommen, da Sho schon auf so viele Ideen gekommen war, die, zum Glück, nicht alle ausgeführt worden waren. Jedoch hätte Green wissen, oder jedenfalls darauf vorbereitet, sein müssen, dass sie es umsetzte, denn diese Idee hatte nur ein Ziel: Verkuppeln. Vor allen sich selbst. Sie war auf die Idee gekommen einen Tanzabend zu veranstalten, als sie und Green darüber diskutiert hatten, dass Männer, vor allen Dingen Jungs, heutzutage überhaupt keine Disziplin oder Höflichkeit besäßen. Sho wollte ihr beweisen, dass es diese Art von Jungs noch gab, da Green nicht daran glaubte. Die beste Gelegenheit dafür war in Shos Augen eindeutig ein Tanzabend. Selbstverständlich hatte Green diesen fixen Einfall nicht ernst genommen. Wer würde schon, nur um seiner Freundin etwas zu beweisen, seinen Reichtum ausnutzen nur um so etwas zu organisieren?! Aber sie hatte es getan... und Green taten ihre Klassenkameraden Leid, welche dazu missbraucht wurden so etwas Läppisches zu beweisen.
"Ich komme nicht mit", sagte Green automatisch, nachdem ihr klar wurde, was Sho vorhatte.
"Natürlich tust du das!", antwortete Sho mit erhobenem Zeigefinger und fuhr auch schon fort:
"Ich bin sicher, dass ich ein Kleid dabei habe, wo man deine Verletzungen nicht sieht."
"Ich mache bei deinem verdammten Spiel nicht mit, Sho. Aus Ende."
"Musst du dieses kitschige Gehängsel anhaben?" Sie zeigte auf das Glöckchen, welches um den Hals ihrer Freundin unscheinbar hing und lenkte Green davon ab, dass sie sich eigentlich darüber aufregen wollte, dass Sho ihre Meinung offensichtlich nicht zur Kenntnis nahm.
"Ja muss ich. Es ist mir sehr wichtig." Green wollte gar nicht rausfinden was passieren würde wenn sie es nicht bei sich trug. Pink hatte, kurz nachdem sie es ihr anvertraut hatte, gesagt, dass es wichtig war, dass sie es immer bei sich trug - und das war das einzige Mal, dass Pink ernst gewesen war, was wohl was heißen musste... Sowieso wollte Green es nicht ablegen. Nicht nur weil es ihre Waffe war, sondern auch, weil sie auch ohne Pinks Worte wusste, dass sie das Glöckchen regelrecht brauchte. Sie hatte keine Ahnung warum. Selbst beim Duschen legte sie es nicht ab, was Sho bereits gewundert hatte, da sie es beim Sport gesehen hatte. Als Sho es sich angeschaut hatte und Green es für diesen Zweck abgelegt hatte, hatte sie eine unheimliche und ihr unerklärliche Nervosität gespürt. Eben dieses Gefühl war es, was ihr sagte, dass sie ihr Glöckchen bei sich haben musste... dass sie unter keinem Umstand davon getrennt sein wollte. Es war ihr egal welche und ob es Konsequenzen haben würde, sie ertrug dieses Gefühl des Entzugs schlichtweg nicht.
Nur wusste die Wächterin nicht, wie sie es dem Mädchen ihr gegenüber erklären sollte. Der Gedanke, dass sie von einem Glöckchen abhängig war, klang schon merkwürdig genug - es auszusprechen und es erklären zu wollen, war reiner Wahnsinn.
Doch Sho fragte nicht. Sie sah Green zwar missvergnügt an, doch das hatte eher damit zu tun, dass Green sich ihren Kleidungsvorstellungen nicht unterordnen wollte.
"Gut", sagte sie dann schließlich.
"Ich finde schon etwas, wo das Ding nicht so sehr auffällt und was deine Verbände versteckt."
"Musst du nicht, ich hab doch gesagt, dass ich nicht mitgehe..." Die Angesprochene ignorierte ihre Proteste weiterhin. Sie ging an ihr vorbei und ließ Green, obwohl sie ihr hinter her rief, auf dem Gang, vor dem fremden Zimmer, alleine zurück.


Green war schlecht gelaunt, als Sho am Abend ihren gesamten Bestandteil an Kleidern auf dem Boden ausgeleert hatte, um auch ja den richtigen Überblick über ihr Hab und Gut zu haben. Ihre Freundin fragte sich, wie sie all diese Kleider in ihren Koffer bekommen hatte... Doch dies war nur ein mitwirkender Faktor für ihre schlechte Laune. Der Hauptgrund war, dass sie nichts über das geheimnisvolle Zimmer und dem noch geheimnisvolleren Besitzer herausgefunden hatte - obwohl sie es mit allen Mitteln der Kunst versucht hatte. Kurz nachdem sie sich angezogen hatte, hatte sie es auf normalen Wege probiert, in dem sie in der Rezeption nach Auskunft gebeten hatte. Doch die Frau weigerte sich; es verstieße gegen die Regeln meinte sie. Green war nicht in der Stimmung sich über Regeln Gedanken zu machen: wenn sie es jemals getan hatte.
Auf diese Weiße fand sie herzlich wenig heraus, nämlich gar nichts. Dazu kamen noch die pochenden Schmerzen ihrer Verletzungen, die sie bei jeder noch so kleinen Bewegung an den gestrigen Kampf qualvoll erinnerten. Warum war diese engelshafte Frau nicht wieder erschienen um sie zu heilen?
Momentan war es ihr nicht so wichtig wer sie war; Hauptsache ihre Schmerzen würden verschwinden. Aber sie sollte es vielleicht lieber hinterfragen, genau wie sie ihren fragwürdigen Retter hinterfragte - und alles andere! Was war nur in diesen einen Monat aus ihrem Leben geworden? Wäre Pink nicht bei ihr aufgekreuzt, wäre das alles nicht geschehen und sie würde sich in diesem Moment nur über Shos Einkleidungsversuche aufregen.
"Wer ist Pink?"
"Pink ist... huh?" Green wandte sich überrascht an Sho, die sie ahnungslos ansah, genau wie sie angesehen wurde. Konnte Sho plötzlich Gedanken lesen oder wie war sie plötzlich auf Pinks Namen gekommen? Diese Frage musste Green ihr nicht stellen, denn sie kam selbst zu einer Antwort: Sho hatte Greens Handy in der Hand.
Umgehend sprang Green vom Fenstersims herunter und wollte das Handy gerade zurückerobern, als Sho sich so renkte und streckte, dass sie nicht heran kam.
"Sho, gib es mir", sagte Green geduldig und ohne auf Shos Spielereien einzugehen.
"Wer ist Pink?", wiederholte Sho ihre Frage grinsend. Die Angesprochene seufzte tief und überlegte kurz, bis sie sich dazu entschied einen von Shos Schwachpunkten auszunutzen: Green streckte die Hände aus, packte ihre Freundin unter den Armen und begann sie zu kitzeln. Obwohl Sho sich verzweifelt zur Wehr setzte und versuchte jegliches Lachen zu unterdrücken, gelang es ihr nicht lange und schnell erfüllte ihr Gelächter deren Zimmer und sie verlor Greens Handy. Die Besitzerin fing es auf, ehe es zu Boden fiel und erlöste Sho von ihren unfreiwilligen Qualen.
"Green!", sagte Sho immer noch lachend.
"Das war gemein!" Die Angesprochene klappte ihr Handy auf und sah sage und schreibe 36 Anrufe in Abwesenheit - alle von Pink.
"Einige Dinge gehen dich nun mal nichts an, Sho!", antwortete Green, ihre Augen jedoch nicht von dem Display abgewandt.
"Das ist jawohl noch gemeiner! Ich dachte wir wären Freundinnen und Freundinnen haben keine Geheimnisse voreinander!" Green steckte ihr Handy in ihre Jackentasche und erhob den Zeigerfinger, welchen sie vor Shos Gesicht platzierte und meinte:
"Jeder der vor dir keine Geheimnisse hat, ist dumm." Sho wusste, dass Green das nicht böse meinte und lächelte ein wenig beschämt.
"Aber ich kann dir versichern, dass es kein Junge ist", meinte Green.
"36 Anrufe sind aber schon ziemlich viel."
"Ja, sie ist sehr... eigen."
"Ich würde das eher aufdringlich nennen. Oder vielleicht ist etwas bei ihr passiert?" Dies löste doch Unruhe in Green aus. Etwas passiert? Das könnte sehr wohl wahr sein. Was wenn irgendein Dämon aufgetaucht war? Was, wenn sie Pink wieder mitnehmen wollten? Und Green war mehr als 100 Kilometer von ihr entfernt, konnte ihr nicht helfen... Die Wächterin schluckte, während sie ihre kleine pinke Freundin anrief. Sie bemerkte kaum Shos neugieren Blick dabei. Doch Pink nahm das Handy nicht ab, es ertönte nur das monotone Piepen in Greens Ohr: was ihre Nervosität nicht gerade minderte.
"Ach, Green mach dir keine Sorgen! Was soll ihr schon passiert sein", sagte Sho in der Absicht Green aufzuheitern, da sie ihren bleichen Blick bemerkt hatte. Was sollte schon passiert sein? Eine Menge! Aber das konnte Green ihr wohl nicht sagen. Was sollte sie tun? Es später noch einmal versuchen? Immerhin konnte es auch sein, dass Pink schlichtweg nicht wusste, wie man ein Handy bediente und selbst wenn etwas passiert war... wie sollte Green zu ihr gelangen? Von dem Ort aus wo sie momentan wohnten, fuhren um diese Uhrzeit keine Züge mehr. Sollte sie ein Taxi nehmen?
Green wunderte sich plötzlich über sich selbst und ihre Gedanken. Dafür, dass sie Pink so gut wie nicht kannte, machte sie sich ganz schöne Sorgen um sie - etwas was sie überhaupt nicht gewohnt war. Als sie über die Möglichkeit mit dem Taxi nachgedacht hatte, hatte sie gar nicht an die Kosten gedacht, die eine Fahrt von über 100 Kilometer mit sich bringen würde.
"Komm, Green. Ich hab dir ein Kleid ausgesucht. Du probierst es später noch einmal mit dem Anrufen." Auch Sho war es wohl aufgefallen, dass Green sich ernsthafte Gedanken um Pink machte, denn ihre Stimme klang besorgt und verwundert. Sie war es wohl genauso wenig gewohnt, dass Green sich solche Sorgen um andere machte wie umgekehrt.
Sho hielt ihr ein elegantes dunkelblaues Kleid hin. Green seufzte und ergab sich ihrem Schicksal.


Mit hochgesteckten Haaren, gehüllt in feine Stoffe (Green wollte gar nicht wissen wie teuer diese Kleider gewesen waren) und auf hohen Schuhen, waren Green und Sho wie so viele andere auf den Weg zu dem von Sho organisierten Tanzabend. Doch kaum waren sie um die erste Ecke gebogen, packte Sho Green am Arm und zerrte sie zurück. Green keuchte auf, da Sho zu ihrem Leid den kaputten Arm gepackt hatte. Der Rotschopf achtete herzlich wenig darauf. Wahrscheinlich würde sie sich mehr Sorgen um das eventuelle Brechen der Hacke von Greens Schuhen machen, als um ihren Arm.
"Was zum Teufel?!", zischte Green ihrer Freundin zu, doch diese zeigte nur um die Ecke. Die Wächterin luscherte um die Ecke, doch zog den Kopf sofort zurück, wie Sho es auch tat. Zum einen hatte Green festgestellt, dass sie in eine Sackgasse gelandet waren und zum anderen, dass ihr privater Nachhilfelehrer dort gerade eine angestrengte Diskussion mit einem rothaarigen Jungen führte. Green hatte das gleiche gedacht wie Sho, als sie ihn gesehen hatte: Dass dieser Junge einfach unverschämt gut aussah.
"Was hat unser Klassenstreber mit so einem so heißen Typen zu tun?", fragte Sho Green leise. Diese wusste, dass es ihnen verdammt nochmal nichts anging, was die beiden zu diskutieren hatten, aber sie war ebenfalls zu neugierig was die beiden miteinander zu tun hatten. Nur leider sprachen sie sehr leise, obwohl sie sich zu streiten schienen.
"... Ich komme sehr gut alleine zu Recht... Du musst dich nicht einmischen!", sagte Gary.
"Ich will dir nur helfen!"
"Helfen?! Du machst alles nur viel schlimmer... als es ist."
".... Du kannst dich auf mich verlassen... Du weißt doch ich..."
"...ver, ich weiß ganz genau, dass du nur deinen Spaß haben willst.... Du nimmst nichts seriös..."
"Vertrau mir! Ich weiß was ich tue..."
"Immer wenn ich diesen Satz gehört habe, ging irgendetwas schief." Das war das letzte Wort was die beiden Mädchen hörten obwohl sie angestrengt lauschten. Doch nur wenige Sekunden versuchten sie verzweifelt etwas zu hören, ehe ihnen bewusst war, dass nichts mehr zu hören war.
Green kam aus deren Versteck hervor und war genau wie Sho überrascht niemanden mehr vorzufinden. Wie war es möglich, dass der Gang, wo er doch eine Sackgasse war, ausgestorben vor ihnen lag?


Green nippte unruhig an einen Weinglas, hin und her gerissen ob sie den Wein mal probieren sollte oder nicht. Sho hatte sie bereits verlassen und war schon seit einer halben Stunde auf der Tanzfläche; immer wieder tanzte sie mit einem neuen Tanzpartner, auf der Suche nach dem Perfekten. Von weiten grinste sie immer mal wieder Green zu und forderte sie mit ungeduldigen Handbewegungen dazu auf, sich ihr anzuschließen. Doch Green verzichtete. Sie weigerte sich weiterhin sich auf Shos Spiel einzulassen. Obendrein hatte sie keine Lust mit einem Jungen aus ihrer Klasse zu tanzen. Nicht, dass sie nicht tanzen konnte; damit hatte das gewiss nichts zu tun. Sie war einfach wählerisch und warf sich nicht jeden um den Hals. Außerdem pochten ihre Verletzungen schmerzlich.
Gerade als Green den Wein probieren wollte, wurde ihr Vorhaben unterbrochen; von einer ihr unbekannten Stimme, die sie zum Tanzen aufforderte. Während Green sich umdrehte, sagte sie:
"Nein, tut mir Leid, mir geht es nicht gut..." Die Wächterin geriet ins Stottern als sie denjenigen erkannte, der vor ihr stand: Es war der rothaarige Junge, den sie vor etwa einer Stunde mit Gary zusammen gesehen hatte. Das Problem war nur: vom Nahen sah er noch besser aus. Das Problem dabei war, dass es Green die Sprache verschlug.
Seine schulterlangen roten Haare glänzten im Licht, wie auch seine dunklen roten Augen, die seine Haare ergänzten. Ein scharmantes Lächeln zierte sein perfekt zugeschnittenes Gesicht, welches kindlich, aber doch männlich zugleich wirkte. Mit anderen Worten, dieser Typ sah zu gut aus um wahr zu sein. Es schien bei ihm einfach alles perfekt zueinander zu passen. Es störte nicht einmal, dass er nicht passend angezogen war; es verstärkte sogar den Reiz den er ausstrahlte.
"Schade, dass es dir nicht gut geht", sagte der gutaussehende Unbekannte und sein Lächeln wurde zu einem leichten Grinsen, welches ihm sogar noch besser stand als das Lächeln. Green schluckte ohne es zu merken.
"Ich hätte dich zu gerne zum Tanzen entführt."
"I-Ich denke ein Tanz kann nicht schaden." Oh Gott! Dachte Green - seit wann war sie so schüchtern? Sie hatte noch nie in Angesicht eines Jungen gestottert. Kam das nur von seinem Aussehen?
Green versuchte sich abzulenken, denn sie musste an etwas anderes denken: was hatte er mit Gary zu tun? Über was hatten sie gesprochen? Wer war er?! Das waren die Fragen die sie sich stellen sollte und vielleicht würde ein Tanz ja ein wenig Aufklärung geben. Wenn sie wenigstens seinen Namen herausfinden würde... dann könnte sie Untersuchungen anstellen.
Sie beschloss für sich selbst, dass dies eine gute Ausrede war - eine mit der sie leben konnte.
Green stellte ihr Weinglas auf dem Tisch ab, was sie die ganze Zeit über in der Hand gehalten hatte, seitdem er aufgekreuzt war. Sie setzte ein verführerisches Lächeln auf ihr Gesicht und sagte:
"Aber ich möchte erst einmal wissen, mit wem ich das Vergnügen habe." Diese Aussage brache ihm zum lachen, doch es hielt nicht lange, ehe er wieder lächelte.
"Du gefällst mir." Das warf Green umgehend wieder aus dem Konzept. Was für ein Charmeur! Und wahrscheinlich war er auch noch ein Casanova - und sie konnte es ihm nicht einmal verübeln - bei seinem Aussehen.
"Mein Name ist Nakayama Siberu", antwortete er und streckte daraufhin seine Hand nach Green aus, in einer geübten doch unheimlich eleganten Art. Das Mädchen bemerkte, wie ihr Herz sich beschleunigte, als sie seine Hand ergriff, er sie fest hielt und sie vom ihrem Stuhl hoch zog.
"Und dein Name ist?", fragte er, als er sie bereits auf die Tanzfläche begleitet hatte und die Hand an ihre Taille gelegt hatte. Green gestand sich ein, dass sie das mochte. Sie mochte, dass gerade ein langsames Lied gespielt wurde. Sie mochte seine roten Augen, die sie anstrahlten, obwohl sie so dunkel waren.
"Najotake Green." Er grinste wieder, sagte nichts zu ihrem ungewöhnlichen Namen. Er drückte sie ein wenig fester an sich, bewegte sich zur Musik ohne die Augen von ihr zu lösen, was auf Gleichseitigkeit beruhte. Siberu konnte sehr gut tanzen, er musste sich gar nicht auf seine Schritte konzentrieren. Alles worauf er sich konzentrierte, war Green.
"Darf ich dich Green-chan nennen?" Die Angesprochene kicherte ein wenig dezent, drückte seine Hand ein wenig fester und sagte, mit einem schelmischen lächeln:
"Wird das nicht etwas zu persönlich?"
"Und wenn ich will, dass es persönlich wird?" Greens Herz begann schneller zu schlagen, als er sie so anlächelte, um seine Worte zu unterstreichen. Doch so leicht würde sie es ihm nicht machen. Er sollte sich nicht einbilden, dass sie sich ihm ausliefern würde, nur weil er mit so einem schönen Aussehen gesegnet war und dazu noch mit schmeichelnden Wörtern umgehen konnte. Außerdem wusste Green genau, dass man solchen Jungs am wenigsten vertrauen sollte.
"Ich glaube, du solltest nicht so voreilig sein, Siberu-san." Diese Aussage gefiel ihm nicht, dass bemerkte sie sofort und merkwürdigerweise freute es sie. Es freute sie, dass sie standhaft geblieben war und gekontert hatte. Wenn Sho an ihrer Stelle war, würde sie sich Siberu sicherlich ohne wenn und aber um den Hals werfen - und wahrscheinlich nicht lange auf der Tanzfläche bleiben.
Aus den Augenwinkeln sah sie zu ihrer Freundin herüber, die zwar immer noch einen Tanzpartner hatte, aber doch mehr auf Green und Siberu konzentriert war, als auf ihn und das Tanzen. Green konnte nicht sagen ob es Eifersucht oder Begeisterung war, was sie in ihren Augen sah. Wahrscheinlich eine Mischung davon.
Doch gerade als Green sich wieder Siberu zuwenden wollte, entdeckte sie hinter Sho noch jemanden der ihre Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Nahe der Tür lehnte Gary sich mit verschränkten Armen an die Wand und sah den Tanzenden zu. Nein, er sah Green und Siberu zu, die anderen interessierten ihn nicht. Er sah sie jedoch nicht irgendwie an, sondern unheimlich finster und ernst. Green fragte sich, ob das wohl Eifersucht war... doch irgendetwas sagte ihr, dass es das nicht war. Aber was war es dann? Hatte es etwas mit dem Gespräch zwischen den beiden zu tun?
"Green, wo guckst du denn hin?", unterbrach Siberu ihre Gedanken und wandte sich sofort von dem Stachelkopf ab und zurück zu dem genauen Gegenteil. Siberu grinste, sah aber nun ebenfalls zu Gary.
"Ich glaube, da ist jemand eifersüchtig." Green ging nicht darauf ein, da sie sich sicher war, dass Gary nicht eifersüchtig war. Warum auch.
"Kennst du ihn?" Siberu sah sie wieder an und deutete ein Achselzucken an.
"Oberflächlich würde ich sagen. Aber, Green, was interessiert mich das? Du interessierst mich. Und ich will diesen Tanz mit dir genießen." Dieser Satz hatte seinen erwünschten Effekt. Green wurde rot und dachte nicht darüber nach skeptisch zu werden, was sie normalerweise geworden wäre. Ihr fiel nicht einmal auf, dass Siberu Gary ein überlegendes Grinsen zusandte und dieser sich wütend abwandte.
Als das Lied vorbei war, wollte Green eigentlich weiter tanzen, doch Siberu entschuldigte sich.
"Ich muss leider wieder los. Meine Zeit hier war nur begrenzt." Green gefiel das nicht, ihre Hand, die immer noch in Siberus lag, drückte sie ein wenig fester als sie ihn fragte, ob sie sich wieder sehen würden. Er zog das Mädchen näher an sich heran und Greens Herz machte einen gewaltigen Hüpfer, als Siberu ihre Haare küsste.
"Das hoffe ich, immerhin will ich dich noch Green-chan nennen dürfen!" Er schenkte ihr noch ein letztes Grinsen, ehe Green ihn in der Menge verlor.
Kurz blieb sie stehen, sah ihn mit pochendem Herzen hinterher, ehe ihr bewusst wurde was sie tat und darüber errötete.
Sie schüttelte den Kopf und wandte sich herum, um wieder zum Tisch zu gehen, wo Sho bereits auf sie wartete um einen Bericht zu hören. Green fing an zu gehen, wobei sie bemerkte, dass Gary nicht mehr da war.
Dann passierte es.
Ein enormer Schmerz zuckte durch Greens Herz, als hätte man einen Teil herausgerissen. Das Sichtfeld verschwamm zuerst, ehe es sich verdunkelte, im Takt mit steigenden Schmerzen. Ihre Knie brachen ein und ehe sie zu Boden stürzte, hatte sie das Bewusstsein verloren...


Von weit her drangen Stimmen an Greens Ohren. Sie konnte die Stimmen nicht verstehen, konnte nicht hören was sie sagten oder wem sie zugehörten. Alles worauf sich ihre Sinne momentan konzentrierten waren Schmerzen. Es waren keine stechenden Schmerzen, die ihren Körper heimsuchten, es war ein anhaltender Schmerz, der in ihr brannte... und sie hatte das Gefühl, dass es von Sekunde von Sekunde schlimmer werden würde. Sie war schwach, müde, kaputt. Green konnte sich nicht dazu aufbringen ihre Augen aufzumachen oder sich überhaupt zu bewegen. Alles war zu anstrengend. Nur eine Sache wollte sie haben, nur für eine Sache würde sie sich jetzt bewegen.
"...Wo... ist... mein Glöckchen?" Sie hatte ihr Glöckchen nicht bei sich. Es war nicht in der Nähe - sie spürte es. Jemand nahm ihre Hände, die sie hochgestreckt hatte, ohne es zu bemerken.
"Green, wie schön, dass du wieder bei Bewusstsein bist...! Ich hab mir..." Green öffnete die Augen, sah Sho an, welche sie nur verschwommen sehen konnte und hörte den Rest ihrer Worte kaum noch. Sie wollte ihr Glöckchen haben. Alles andere war nicht von Bedeutung.
"... du hast wahrscheinlich eine Blutvergiftung. Aber das wird schon wieder, Green! Du musst dich einfach nur ausruhen. Bleib im Bett, bis ein Arzt kommt." Nein, ein Arzt würde ihr nicht helfen können. Es war das Glöckchen... wo war es...
"Der Arzt des Hotels ist nur leider außer Haus und momentan wütet ein Schneesturm, es kann kein Arzt kommen... ruh dich einfach aus, Green. Alles wird gut..."
"S-Sho... ich brauche das Glöckchen..."
"Es ist nicht hier, Green."
"...Wo ist... es? ... Ich brauche... es..."
"Ich werde es für dich suchen, ja? Ich finde es, das versprech ich dir. Aber jetzt ruh dich aus." Sho verstand es nicht. Wie sollte sie es auch verstehen? Sie spürte nicht diesen Schmerz in ihrer Brust, dieses verzweifelte Verlangen...
Wieder wurde ihre Sicht von kleinen schwarzen Pünktchen gesprenkelt und sie spürte wie die Bewusstlosigkeit sie wieder zu sich holen wollte, doch sie konnte Sho noch etwas sagen:
"...Ich muss... mit Pink reden..."
"Ruh dich aus, Green."
Und, wie auf Befehl, verlor Green wieder das Bewusstsein.


Woanders, weit entfernt von irgendwelchen Schneetreiben und in einer sternenklaren Nacht, wurde ganz sicherlich nicht geschlafen. Ein Junge saß auf einen Dach und genoss die kühle Abendluft. Er mochte es, wenn der Wind seine Haare in Bewegung brachte. Zum einen wusste er, dass er dann noch besser aussah als sowieso schon und zum zweiten mochte er das Gefühl wenn seine Haare in Bewegung waren. In der einen Hand hielt er ein Glöckchen, welches er immer wieder hoch warf, um es dann lässig wieder aufzufangen.
"Schade, schade, schade... warum musste die Kleine gerade die Glöckchenträgerin sein? Sie wäre sicherlich eine gute Partie gewesen." Er seufzte tief und fing das Glöckchen wieder auf, um es dann auf seinen Zeigefinger zu balancieren, wo es im Licht des Halbmondes glänzte. Er besah es sich kurz und fragte sich, ob es wahr war, was man sich über dieses Ding erzählte. Doch bevor er sich in diese Gedanken verlaufen konnte, spürte er wie jemand hinter ihm auftauchte. Er hatte jedoch nicht im Sinn sich zu ihm umzudrehen, da er wusste wer ihm Gesellschaft leistete und genauso wusste er auch, dass er jetzt eine Standpauke zu hören bekommen würde.
"Silver, was in aller Welt hast du vor?", fragte der Junge genervt. Der sogenannte Silver richtete sich auf und wandte sich ihm nun doch zu.
"Was ich hier mache? Ich tue das was du schon längst hattest tun sollen!" Silver sah ihn neckisch mit einem Grinsen an.
"Misch dich nicht in Dinge ein, die dich nichts angehen."
"Du bist doch nur eifersüchtig, Blue. Glaubst du etwa ich hätte deinen Blick vorhin nicht bemerkt?" Der Angesprochene verdrehte die Augen und seufzte erschöpft.
"Silver, du hast mal wieder keine Ahnung. Jetzt gib mir das Glöckchen."
"Warum sollte ich, bitteschön? Ich habe es bekommen, du warst ja nicht dazu in der Lage."
"Ich wiederhole mich ungerne, aber: Du hast schlichtweg keine Ahnung."
"Was willst du mit dem Glöckchen, huh? Die Lorbeeren einheimsen, die ich mir verdient habe?" Jetzt seufzte Blue wieder, diesmal nur verärgert.
"Ich könnte mich ein drittes Mal wiederholen, aber langsam wird es mir zu blöd." Er streckte die Hand aus und verlangte ein weiteres Mal nach dem Glöckchen. Silver sah zuerst seine Hand an, dann steckte er das Glöckchen in seine Hosentasche und stellte sich in Angriffsposition.
"Dann wirst du schon gegen mich kämpfen müssen." Sein Gegenüber schüttelte genervt aber auch erschöpft den Kopf.
"Dass du immer alles mit Gewalt aus dem Weg räumen musst."
"Das klingt ja wie ein Vorwurf - als ob das so unnormal wäre für uns Dämonen!" Silver grinste und machte eine abweisende Handbewegung, als er sagte, er müsse sich das Glöckchen schon mit Gewalt holen müssen, ansonsten würde er es nicht bekommen.
"Mein werter Bruder wird doch wohl nicht eingerostet sein?", sagte Silver herausfordernd. Der Angesprochene seufzte ein weiteres Mal, schien jedoch immer noch nicht Lust am kämpfen gefunden zu haben. Er verschränkte die Arme und sagte:
"Sag, Silver, wie geht es eigentlich Rui?" Silvers Kampfhaltung fiel vollkommen zusammen, als er bei dem Klang von diesem Namen zusammen fuhr, doch nicht nur das, er wurde augenblicklich blass.
"D-Das wagst du nicht..." Die unsichere Stimme des Rotschopfes entlockte dem großen Bruder ein kleines Grinsen.
"Ich glaube sie vermisst dich ganz schön, immerhin warst du den ganzen Tag hier, nicht wahr, Silver? Ich denke es wäre nett von mir, wenn ich sie rufen würde - du vermisst sie doch sicherlich auch."
"Nein, Blue, nein! Das machst du nicht, ich warne dich...!"
"Wenn du mir das Glöckchen gibst, überlege ich es mir vielleicht anders."
"Nie im Leben!" Das Grinsen von Blue wurde noch breiter, wahrscheinlich weil er wusste, dass er das Glöckchen so oder so erhalten würde. Um seinem kleinen Bruder zu beweisen, dass er es ernst meinte, holte er tief Luft und wie auf Kommando unterbrach ihn Silver bei seinen Versuch Rui zu rufen.
"Ja, ja schon gut! Ich gib es dir, nur lass Rui da bleiben wo der Pfeffer wächst!" Wieder grinste Blue, als er die Hand austreckte und das Glöckchen verlangte. Wiederwillig sah der Rotschopf seinen Bruder an, grummelte ein paar Schimpfwörter, ehe er das Schmuckstück aus seiner Tasche holte und es Blue gab.
"Das war unfair."
"Wie gesagt, Silver. Man muss nicht alles mit Gewalt lösen." Blue ließ das Glöckchen nun in seine eigene Tasche gleiten und wollte gerade aufbrechen, als Silver ihn davon aufhielt:
"Liegt mein Gefühl richtig, wenn es mir sagt, dass du damit nicht in unsere Heimat zurückkehrst?" Blue antwortete ihm nicht, sondern sah nur hinaus in die dunkle Nacht. Am Horizont verfärbte der Himmel sich bereits langsam; die Schwärze verblasste und würde bald die ersten Strahlen der Sonne freigeben.
"Du weißt wenn du das jetzt tust, bist du deinen Rang los, wenn nicht sogar..." Jetzt war es Silver der seufzte.
"Und das alles nur für ein Mädchen? Das passt gar nicht zu dir, Aniki. Ich erkenne dich kaum wieder." Der Angesprochene wandte sich vom den anfänglichen Morgengrauen ab und sah seinen kleinen Bruder an.
"Du missverstehst die ganze Sache, du hast..." Silver unterbrach ihn mit etwas zu lauter Stimme:
"Dann erklär es mir doch! Ich verstehe das hier nämlich wirklich nicht."
"Ich erklär es dir, wenn ich genaueres weiß. Bis dahin..." Blue erhob den Finger und sagte langsam und deutlich, als würde er mit einem Kleinkind reden:
"Misch dich nicht ein! Es ist besser für dich, glaub mir." Mit diesen Worten verschwand Blue im Nichts.
Silver sah auf dem Fleck wo sein Bruder gerade noch gestanden hatte und wiederholte seine Worte in einem genervten Tonfall. Besser für ihn? Das sah Silver anders, nämlich genau umgekehrt.
Es wäre für Blue besser, wenn Silver sich einmischte, solange es noch nicht zu spät war.


In Greens Zimmer herrschte eine tödliche Ruhe, wenn man von ihren regelmäßigen schwachen Atemzügen absah. Draußen tobte weiterhin der Schneesturm und untermalte die Stille des Raumes mit einem unbarmherzigen Rhythmus. Sho saß noch an Greens Bett, kämpfte mit der Müdigkeit, da sie immer mehr an ihr nagte. Doch Sho wollte ihrem Drängen nicht nachgeben, sie musste wach bleiben. Jemand musste auf Green aufpassen - auch wenn Sho nicht viel anderes tun konnte, als regelmäßig den kalten Waschlappen auf Greens Stirn zu wechseln. Der Versuch gegen das steigende Fieber zu kämpfen schien jedoch vergebens zu sein. Sie verstand es nicht... so langsam konnte das Fieber doch runter gehen, doch stattdessen ging es hoch... Sho machte sich schreckliche Sorgen, um sie und wünschte sich, der Schneesturm würde endlich nachgeben, so dass ein Arzt zur Hilfe eilen konnte...
Der Rotschopf seufzte tief und überlegte ob sie etwas lesen sollte um wach zu bleiben, als ihre Augen ein weiteres Mal zu fielen. Sie schlug sie noch einmal erschrocken über sich selbst auf, doch konnte sich nicht mehr lange gegen die Müdigkeit wehren, die sich über sie senkte.
Kaum, das Sho eingeschlafen war, öffnete Green langsam die Augen. Ihr Sichtfeld war unscharf und schien auch nicht im Sinn zu haben sich irgendwie zu verbessern. Ihr Herz pochte unablässig und im immer schnelleren Takt, bis sie jemanden verschwommen vor ihrem Bett ausmachte. Sie wusste nicht, wer es war, sie konnte ihn nicht erkennen.
Aber eins wusste sie: Er hatte ihr Glöckchen.
Greens Hände streckten sich nach der Person aus, ohne, dass sie über diese Bewegung nachgedacht hatte; es geschah vollkommen automatisch. Sie sagte etwas, verlangte das Glöckchen. Ihr gesamter Körper verlangte nach dem Glöckchen. Sie wusste, sie würde es sich mit Gewalt holen, würde er es nicht herausrücken. Wenn es sein müsste, würde sie dafür töten.
Aber er gab es ihr. Und kaum lag das kleine Ding in ihren Händen, spürte Green, wie sich ihr gesamter Körper entspannte. Ihre Schmerzen ließen nach, ihr Sichtfeld klärte auf, sie gewann wieder an Farbe und ihr Herz beruhigte sich. Bis sie denjenigen erkannte, der vor ihren Bett stand und sie aufmerksam beobachtete:
"G-Gary?!"