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Episode 06
  Episode 06: Liebe auf den ersten Blick
Green hielt sich die Hand vor dem Mund, da sie herzhaft gähnte. Kein Wunder, dass sie müde war: Sie war in der gestrigen Nacht unsanft aus dem Bett geworfen worden, um ihre Pflicht zu erfüllen, oder heilige Aufgabe, wie Pink es so gerne nannte. Green nannte es Schlafraub; und das, wo sie gerade erst aus Hokkaidô zurück gekommen war. Die Ereignisse der Klassenfahrt beschäftigten ihre Gedanken, wie auch ihr Sein, da sie wie paranoid darauf achtete, dass das Glöckchen immer und zu jeder Zeit unter ihrem Oberteil verborgen lag. Sie wusste immer noch nicht wie es ihr abhanden gekommen war. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie es ihr jemand hätte gestohlen haben können - das hätte sie doch bemerkt... aber genauso unwahrscheinlich war es auch, dass sie es einfach so verloren hatte. Sie hätte doch bemerkt, wenn es herunter gefallen wäre, oder etwa nicht? Der Körper der Wächterin reagierte ja sogar wenn sie das Glöckchen auch nur einen halben Meter von ihr entfernt auf den Tisch legte.
Aber etwas anderes beschäftigte sie noch mehr als das Glöckchen...


"G-Gary?!" Green starrte ihrem Gegenüber geschockt an, während sie das eben erst zurückerhaltene Glöckchen an sich klammerte und spürte, wie ihr Körper sich von Sekunde zu Sekunde immer mehr wiederherstellte. Gary sah sie einfach nur aufmerksam an. Er hatte sich immer noch nicht vom Fleck bewegt. Da er nicht antwortete und auch sonst nicht reagierte, beugte Green sich vor in ihrem Bett. Sie wollte am liebsten aufstehen und zu ihm gehen, doch zum einen wollte sie Sho nicht aufwecken, die mit dem Kopf auf ihrem Bett lag und zum anderen, fühlte sie sich noch nicht im Stande aufzustehen.
"Gary, was zum Teufel geht hier vor!?", flüsterte sie, im Versuch ihre Stimme unter Kontrolle zu halten. Endlich reagierte der Angesprochene. Er schüttelte den Kopf und sagte:
"Ich werde es dir erklären, aber nicht hier." Gary machte einen Wink zu Sho und Green verstand was er meinte.
"Ruh dich erst einmal aus. Wir reden später." Damit drehte er ihr den Rücken zu und ehe Green etwas tun oder sagen konnte, verließ er ihr Zimmer und die Wächterin starrte ihn nur verdattert hinterher.
Auf dieses "später" musste Green ganze vier Tage warten: Vier Tage in denen sie immer ungehaltener und ungeduldiger wurde, da sie sich entsetzlich viele Gedanken über den Vorfall machte und unheimlich viele Thesen aufstellte: eine unwahrscheinlicher als die andere. Sie war kurz davor zu verzweifeln und Pink hatte nicht gerade dagegen gewirkt. Green hatte sie gleich am ersten Tag, wo es ihr wieder gut ging, angerufen und endlich auch erreicht. Ihr fiel ein Stein vom Herzen als sie Pinks quitschige Stimme hörte, doch lange hielt die Erleichterung nicht an, ehe sie schnell von eben dieser Stimme genervt wurde. Pink erzählte ihr von irgendeinem Alptraum, der absolut keinen Zusammenhang hatte und wo sie sich selbst kaum noch dran erinnern konnte. Obwohl Pink den Inhalt vergessen hatte, schien es ihr von größter Bedeutung Green davon zu erzählen und diese hörte auch zu, im Versuch einen Sinn in Pinks Traum zu finden. Schon nach fünf Minuten entschloss sie, dass sie Pink nichts davon erzählen wollte, was bei ihr vorgefallen war, da sie bereits Kopfschmerzen von ihrer Stimme hatte. Sie würde es in ihre eigenen Hände nehmen.
Dazu kam sie auch, als sie Gary zufällig auf dem Gang traf. Sie hatte bereits den Mund geöffnet um sich mit ihm zu streiten, als er sagte, sie würden sich am letzten Tag auf der Lichtung treffen, wo Green gegen den Dämon gekämpft hatte.
Gut, damit hatte sie wieder neues Gedankenfutter. Zum ersten wusste er von Dämonen. Zum zweiten wusste er von ihrem Kampf und zum dritten würde sie ihn am liebsten den Kopf abreisen, weil er es so entsetzlich spannend machte. Daher war ihre Begrüßung auch recht unfreundlich, als sie ihn auf der Lichtung sah.
"Ich sollte dich umbringen, du Verdammter...!" Sie stampfte durch den weißen Schnee herüber zu ihm und funkelte ihn böse an, wie er da so arrogant an einem Baum gelehnt stand und schneidend antwortete:
"Solltest du wirklich. Aber wie ich sehe, hast du deine Waffe nicht umgewandelt." Greens Blick lockerte auf, blieb aber nach wie vor skeptisch.
"Was geht hier eigentlich vor? Woher weißt du das alles? Bist du etwa auch ein Wächter?" Gary fing an zu lachen. Nicht laut, sondern eher in sich hinein. Green wurde rot, da sie sich veräppelt fühlte.
"Nein, Green, eher das Gegenteil." Die Angesprochene wurde bleich und nahm ein paar Schritte rückwärts, hatte aber merkwürdigerweise nicht im Sinn ihre Waffe hervor zu holen.
"Du bist... ein Dämon?!" Sie holte tief Luft und er sah ihr an, dass ihr tausend Gedanken durch den Kopf liefen, als er bejahrte.
"Um korrekt zu sein, bin ich ein Halbdämon."
"Warum hast du mich dann gerettet?" Gary wusste, dass diese Frage kommen würde und er wusste, was er antworten würde:
"Weil ich nicht wollte, dass du stirbst." Diese simple Aussage ließ Green erröten und brachte sie aus dem Konzept. Im Gegensatz zu Gary, der ernst blieb.
"Du... willst mich also nicht umbringen?", fragte die Wächterin unsicher.
"Nein."
"Und was machst du dann hier, so als Dämon? Bringst du andere um?" Gary deutete ein Kopfschütteln an, ehe er antwortete:
"Ich mache Dasselbe was du machst, Green. Ich mache meinen Abschluss." Auf Greens Gesicht erschien ein schiefes Lächeln als sie die Augenbrauen hob.
"Weißt du, wenn mir das jemand anderes gesagt hätte, hätte ich ihm nicht geglaubt. Aber dir glaube ich das sofort; du bist so ein verdammter Streber." Er nahm das als Kompliment auf. Green schüttelte den Kopf und ging wieder ein wenig näher heran, so dass sie einen Meter vor ihm stand. Sie sah zu ihm hoch und deutete schon ein leichtes Grinsen an, was Gary leicht beunruhigte.
"Wenn du ein Dämon bist, dann kannst du doch sicherlich kämpfen."
"Ja?" Sein mulmiges Gefühl verstärkte sich.
"Kannst du gut kämpfen?"
"Worauf willst du hinaus?" Ohne Vorwarnung packte sie seine Hände und strahlte ihn fast schon mit einer kindlichen Euphorie an. Gary mochte das nicht, aber er wusste nicht warum. Er mochte das merkwürdige Gefühl ihrer Hände nicht, wie auch das Gefühl in ihn. Er kannte es nicht und er verstand es auch nicht. Und er mochte Dinge nicht die er nicht verstehen konnte.
"Wir können uns doch zusammen tun! Du hast doch gesagt, dass du nicht willst, dass ich sterbe und ich bin nicht so gut im kämpfen, ich könnte jemanden brauchen, der mich unterstützt!"
"I-Ich halte das für keine gute Idee..."
"Warum nicht?"
"Hast du mir nicht zugehört? Ich bin ein Däm-"
"Ein Halbdämon", unterbrach Green Gary.
"Das ändert nichts an der Tatsache, dass wir natürliche Feinde sind. Du bist eine Wächterin."
"Heißt doch nicht, dass wir es sein müssen. Ich sehe dich nicht als meinen Feind, auch wenn du mich manchmal ziemlich nervst." Diese Aussage brachte nun ihn aus dem Konzept, da er nicht verstehen konnte, wie Green dieses Thema so locker nehmen konnte und wie sie überhaupt auf die Idee kam sie würden zusammen arbeiten können.
Green bemerkte, dass er nachdachte, interpretierte es jedoch verkehrt:
"Also?"
"Green..." Sie löste sich von ihm und sagte grinsend (anscheinend war sie sich ihrer Sache sicher, obwohl Gary nicht begeistert von der Idee war), dass sie ihm Zeit lassen würde, bis sie wieder in der Schule waren. Mit diesen Worten schloss sie das Gespräch ab und hatte ihm bereits den Rücken zugekehrt, als er sie aufhielt:
"Wie kannst du dir so sicher sein, dass ich dich nicht belüge?" Green lachte, als er das sagte und antwortete lachend:
"Ich glaube gar nicht, dass du lügen kannst, Gary!" Damit drehte sie sich um und wollte schon den sprachlosen Gary zurück lassen, als sie sich dann doch noch um entschied. Lächelnd sah sie über die Schulter zurück und sagte etwas, was sie noch nie zuvor zu Jemandem gesagt hatte:
"Außerdem vertrau ich dir."


Seitdem war Gary nicht mehr in der Schule gewesen - aus rein praktischen Gründen, wie Green wusste. Denn ihr neuer Nachbar und Kampfgefährte in Spe war krank. Er hatte sich in Hokkaidô wohl einen Virus eingefangen und lag nun mit Grippe im Bett. Einen Tag nachdem sie wieder Zuhause gewesen waren, hatte Green ihn besucht in der Absicht ihn dazu zu bringen, sie bei dem bevorstehenden Kampf zu unterstützen. Doch schnell hatte sie gesehen, dass daraus nichts wurde. Er war krank, so unwahrscheinlich das auch klingen mochte, wenn man bedachte, dass er immerhin ein Dämon war. Die Wächterin hatte ihm eben dies unter die Nase gerieben, doch er hatte nur genervt geantwortet, dass er jawohl trotzdem krank sein durfte und dass es etwas damit zu tun hatte, dass er zur Hälfte ein Mensch war. Green bemerkte in diesem Gespräch, dass es Gary nicht zu gefallen schien, wenn sie ihn auf seine menschliche Hälfte ansprach oder sie auch nur erwähnte. Anscheinend sah er sich selbst mehr als Dämon. Ob er sich für seine menschliche Hälfte schämte?
Pink war überhaupt nicht von Gary und dessen Dämonensein begeistert. Sie meinte, Green solle Gary auf der Stelle töten. Er war doch ein Dämon und Wächter töten Dämonen, wie umgekehrt - das waren ihre Worte, die sogar ziemlich ernst klangen. Doch Green schüttelte diese Worte von sich und wollte davon nichts hören. Sie war zu sehr von der Vorstellung begeistert einen Kampfpartner zu haben, anstatt sich mit Naturgesetzen herum zu plagen. Sie wusste nicht, ob es damit etwas zu tun hatte, dass sie Gary schlichtweg nicht zutraute, dass er ihr etwas Böses antun wollte, oder ob es mit ihrem unterbewussten Hang zum Regeln brechen zusammen hing.
Doch Pink hatte nicht vor aufzugeben und mit ihrer kindlichen Art konnte sie ganz schön nerven. Sie bestand dauerhaft darauf Green zu begleiten, wenn diese Gary besuchte und beäugte die beiden mit größter Skepsis. Drei mal war Green da gewesen, in Laufe der einen Woche, die seit der Klassenfahrt vergangen war und diese drei Mal hatten ausgereicht um Pink ebenfalls flach zu legen. Nun hatte Green zwei Patienten, obwohl Gary wohl nicht als Patient galt, da sie ihm nur Medizin brachte. Green selbst war absolut unberührt geblieben und fühlte sie frisch und munter, als sie im Mathematikunterricht saß. Okay, frisch war vielleicht etwas übertrieben, da sie in der letzten Nacht wieder einen Dämon eliminiert hatte, aber krank war sie jedenfalls nicht.
Green sah aus dem Fenster, da es der Unterricht wiedermal nicht vermochte ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Stattdessen starrte sie in den weißen Himmel an diesem grauen Novembertag und überlegte wie lange es wohl noch dauern würde, bis der Winter auch nach Tokio vordrang.
Gerade als sie sich das fragte, weckte sie etwas aus ihren Gedanken. Der Unterricht war unterbrochen worden. Sie wandte ihr Gesicht zur Tafel und umgehend öffnete sich ihr Mund überrascht.
"Das ist euer neuer Mitschüler, Nakayama Siberu." Green traute ihren Augen nicht, aber es war wirklich Siberu der da vor der Tafel stand. Die Mädchen waren hin und weg von Siberus selbstbewussten Auftreten und seines hervorragendes Äußeres, doch das war es nicht was Green diesmal umhaute. Es war ganz und gar sein simples Dasein: Die Tatsache, dass ihr Mathelehrer ihn gerade als deren neuen Mitschüler vorgestellt hatte. Nicht, dass Green sich nicht freute, ganz im Gegenteil! Sie war begeistert davon. Ihr Herz machte vor Freude einen Hüpfer, als sie bemerkte, dass er sie ansah. Green musste sich eingestehen, dass sie sich freute, ihn wieder zu sehen.
"Ist der Platz noch frei?", fragte Siberu, als er durch die Reihe gegangen war, um zu Green zu gelangen. Diese hätte glatt vergessen, dass der Platz neben ihr Gary gehörte und sie hätte ihn Siberu auch überlassen, wenn der Lehrer Siberu nicht den Platz hinter Green gegeben hätte. Green sah über die Schulter hinweg zu ihm. Sie hatte ihm tausend Fragen zu stellen, doch auf ihren fragenden Blick, bekam sie nur ein Grinsen, welches sie erröten ließ.
"Schlagt bitte auf Seite 44 auf" Die Schüler folgten der Anweisung des Lehrers und man hörte wie die Bücher aufgeschlagen wurden. Sho hatte jedoch ihren Blick nicht auf das Buch gerichtet: sie war voll auf beschäftigt die neue Situation zu analysieren: Sie war viel in der Welt herum gereist und hatte viele Menschen gesehen, aber sie musste sagen, dass sie noch nicht viele gesehen hatte, die so gut aussahen wie ihr neuer Mitschüler. Einen kurzen Augenblick fragte sie sich, ob er wohl mit ihr verwandt war: wegen der roten Farbe seiner Haare, was eindeutig eine natürliche Farbe war. Aber Sho kannte ihren Stammbaum recht gut und wusste, dass sie noch nie von einer Familie namens "Nakayama" gehört hatte.
Ob er wohl eine Freundin hatte? Hm, vielleicht wäre die bessere Frage wohl eher, wie viele er momentan hatte. Ohne Zweifel war er ein Casanova; Sho hatte einen Blick für sowas und im Moment schien dieser Siberu wohl einen Blick auf Green geworfen zu haben. Ob Sho sie warnen sollte? Aber Green wusste es sicherlich selbst. Allerdings war ihre Freundin noch nie wirklich verliebt gewesen und von ihrer Röte nach zu urteilen, war dies Liebe auf den ersten Blick. Sho gefiel das nicht. Aber sie konnte nicht sagen, ob es etwas mit Eifersucht oder Sorge zu tun hatte.


Ein wenig später begutachtete Green stolz ihr vollbrachtes Werk. Sie hatte eine rote Schleife um die Tüte mit den Keksen gebunden und war mit sich selbst doch recht zufrieden, da sie nicht nur gut aussahen, sondern auch fabelhaft rochen. Dazu kam, dass sie wusste, dass sie gut schmecken würden. Green konnte gut kochen und dazu gehörte auch das backen. Das war auch der Grund, weshalb Sho während des Hauskundeunterrichtes dauernd versucht hatte einen der kleinen brauen Kekse zu ergattern. Sie selbst war nämlich absolut nicht in der Lage auch nur irgendetwas in die Richtung von Essbaren zu vollbringen, da sie noch nie darauf angewiesen war, sich selbst essen zu machen. Tja, die Reichen und ihre Vorzüge.
"Green, du hättest mir wenigstens einen abgeben können! Du hast so viele gemacht... und du weißt genau, dass man meine nur als Drohung gebrauchen kann!" Die Angesprochene schüttelte weiterhin den Kopf, als sie ihre Jacke über ihre Schuluniform anzog.
"Green, glaubst du, ich weiß nicht für wen du sie gebacken hast?" Die Angesprochene sah Sho von unten herauf an, da sie sich niedergekniet hatte um die Kekse in ihre Tasche zu packen.
"Warum fragst du denn, dass du einen abhaben kannst, wenn du weißt, dass sie nicht für dich bestimmt sind?" Sho sah missgestimmt aus, als sie antwortete:
"Ich glaube dieser Typ ist nicht für dich geeignet, Green." Green blinzelte sie kurz an ehe sie sich aufrichtete und ihre Freundin an pikte, nicht ohne zu Grinsen.
"Na, man wird doch wohl nicht eifersüchtig sein, was Sho?" Diese wurde ein wenig rot, da sie ertappt worden war - jedenfalls zur Hälfte. Greens Grinsen wurde damit noch ein wenig breiter.
"Ich bin nur besorgt um dich! Das ist alles."
"Danke, Sho, aber ich denke, ich kann auf mich aufpassen."
"Aber solche Typen sind nur auf Spaß aus."
"Wie gesagt, Sho. Ich kann auf mich aufpassen, ich gehe nicht mit einer rosaroten Brille durch die Welt." Sho seufzte, schien aber nicht im Sinn zu haben aufzugeben. Doch Green unterbrach sie:
"Sag, musst du heute noch zu deiner Redaktion?" Dieses Ablenkungsmanöver hatte Erfolg. Sho musste nachdenken und schüttelte den Kopf. Green gefiel diese Antwort nicht, da das bedeutete, dass sie heute alleine Nachhause gehen musste, da Sho sie nicht mitnehmen konnte. Das Problem dabei war, dass die Wächterin bereits bemerkt hatte, dass es regnete und nicht nur irgendwie: Es regnete in Strömen. Natürlich hatte Green gerade heute ihren Regenschirm vergessen und leider musste sie noch zur Rhythmischen Gymnastik, was bedeutete, dass Sho jetzt frei hatte und sie nicht. Mit anderen Worten, Green konnte nicht mit ihr Nachhause fahren, in einer warmen und bequemen Limousine.
"Ich kann James sagen, dass er dich nachher Nachhause bringen soll. Du hast doch sicherlich keinen Regenschirm dabei." "James" war nicht der richtige Name von dem privaten Buttler der Minazaiis, doch sie hatten Spaß daran ihn so zu nennen, da es so eine Stereotype war. Green hatte lange Zeit nicht einmal bemerkt, dass er in Wirklichkeit einen anderen Namen trug.
"Nein, Danke, Sho. Ich komm schon alleine Nachhause, ist ja nicht das erste Mal." Sho gefiel diese Aussage nicht, dass fiel Green sofort auf, dennoch sagte Sho nichts, sondern verabschiedete sich von ihrer Freundin, die sich gerade ihre Sporttasche über den Rücken geworfen hatte. Sho ging jedoch nicht hinaus in den Regen ohne Green nicht vorher ein weiteres Mal vor Siberu zu warnen. Green schüttelte nur ratlos mit dem Kopf und sah vom Fenster aus, wie Sho in die warme Limousine hüpfte. Wenn sie sich so die dunklen Wolken ansah, bereute sie es ein wenig das Angebot ihrer Freundin nicht angenommen zu haben.
Na toll und in diesem Mistwetter musste sie auch noch einkaufen.
Green seufzte und wollte sich gerade zur Gymnastik aufmachen als sich ihr Tag plötzlich erhellte. Der Regen war auf einmal verdrängt.
"Siberu-san!" Perfektes Timing, dachte Green, als sie Siberu vor sich sah, einen Regenschirm geschultert. Er grinste, zum einen erfreut darüber sie zu sehen, aber auf der anderen Seite schien es ihm wohl doch zu ärgern, dass sie weiterhin das Suffix bewahrte. Sie schritt zu ihm und fragte ihn wie sein erster Schultag gewesen war.
"Gut", antwortete er jedoch mit mangelndem Interesse, dies änderte sich jedoch als er folgendes sagte:
"Ich hatte ja einen schönen Rücken worauf ich gucken konnte." Green erwiderte sein Grinsen, nur mit einem leichten Anflug von Röte.
"Liegt es in deiner Natur so viele Komplimente von dir zu geben?"
"Wenn das Mädchen so hübsch anzusehen ist wie du, ja." Das ließ Green doch als Antwort gelten und ihr Grinsen wurde zu einem süßen Lächeln. Wie auch Siberus.
"Soll ich dich denn Nachhause bringen?", fragte er sie, nachdem sie sich einige Sekunden lang angelächelt hatten. Anscheinend hatte er bemerkt, dass sie keinen Regenschirm dabei hatte. Er hatte natürlich einen. Green konnte sich schon vorstellen, dass er sehr auf seine Haare achtete und es sicherlich nicht mochte, wenn sie vom Regen durchweicht waren.
Green freute sich über sein Angebot, doch mehr auf Grund von seiner Anwesenheit, als das Praktische. Doch sie zögerte mit dem Annehmen, da sie Shos Worte noch im Ohr hatte. Daher sagte sie, dass sie noch Rhythmische Gymnastik hatte und dass sie sein Angebot dankend ablehnte. Doch er reagierte anders, als sie es erwartet hatte. Sein Gesicht hellte auf.
"Rhythmische Gymnastik? Da warte ich doch gern auf dich!"
"Wirklich? Du willst echt deine Zeit für mich opfern?"
"Ich würde dir gern zuschauen, oder störe ich dich?"
"Was? Ach, so habe ich das nicht gemeint! Natürlich darfst du zuschauen, du musst nur ruhig sein. Aber das dauert schon eine Stunde."
"Das macht mir nichts aus. Im Gegenteil." Siberu klappte seinen Regenschirm auf, weil sie das Gebäude verlassen und in den Regen schreiten mussten um die Turnhalle zu erreichen. Er hielt den Schirm schützend über ihr, jedoch ebenfalls darauf bedacht, dass seine Haare nicht nass wurden. Aus den Augenwinkeln heraus sah sie Siberu an, während sie einen Schritt vor dem Anderen setzte. Sie drehte sich jedoch gleich wieder um, da der Rotschopf sie ertappt hatte. Er sagte nichts, sondern lächelte nur auf einer zufriedene Art und Weiße. Green war das peinlich und um sich und ihm davon abzulenken, bat sie ihn darum stehen zu bleiben. Sein Lächeln schwand und verwundert sah ihr dabei zu, wie sie sich bückte um etwas aus ihrer Tasche zu holen. Als sie endlich fand, was sie gesucht hatte, drückte sie es Siberu in die Hand. Green wurde ein wenig rot, als er die Kekse merkwürdig ansah.
"Für mich?" Ihre Röte wurde deutlicher als sie bejahte. Ob es doch ein wenig zu altmodisch war? Er sah sie über die Tüte hinweg mit einem vielsagenden Blick an.
"Darf ich das als Andeutung sehen?"
"Eine Andeutung? Für was?"
"Dafür, dass es zwischen uns beiden endlich persönlicher wird." Greens Herz beschleunigte sich nicht nur bei seinen Worten, sondern auch weil er sie wieder so anlächelte. Eigentlich war sie gewillt ihn noch ein wenig zappeln zu lassen, doch dieses Lächeln zog einen förmlich in den Bann. Sie konnte nicht einmal auf sich selbst wütend sein, als sie zustimmte. Als er sich darüber freute, dass er sie endlich "Green-chan" nennen durfte, lächelte auch sie erfreut, obwohl sie im Prinzip absolut gegen Spitznamen und Suffix aller Art war.
Als sie an der Turnhalle ankamen, sagte Green, dass sie ihm im Gegenzug ebenfalls einen Spitznamen geben wollte.
"Und? Was hast du dir ausgedacht, Green-chan?" Siberu schien es zu genießen sie so nennen zu dürfen.
"Ich werde deinen Namen verkürzen. Im Gegenzug dafür, dass du mich "Green-chan" nennen darfst, nenne ich dich "Sibi"."


Green trainierte an diesen Tag doppelt so hart wie sie es normal tat, da sie versuchte Fehler zu vermeiden. Sie wollte sich Siberu von ihrer besten und vor allen Dingen schönsten Seite zeigen wie möglich. Doch umso mehr sie darauf achtete keine Fehler zu machen, umso mehr schlichen sich Fehler in ihre Kür. Es passierte mehr als einmal, dass sie über die Gerätschaften stolperte und der Nase lang hinfiel - nicht gerade elegant oder vorzeigeprächtig. Siberu schien das jedoch amüsant zu finden, auch als sie auf dem Heimweg knallrot geworden war, auf Grund ihrer Fehler. Sie hatte erwartet, dass er sich über ihre Peinlichkeiten lustig machen würde, doch das tat er nicht. Er kommentierte diese Fehler nicht einmal, wofür sie ihm dankbar war. Er wusste natürlich, dass es ihr peinlich war.
Sie gingen nebeneinander her, unter dem Regenschirm, welchen Siberu für sie beide hochhielt um sie vor dem Regen zu bewahren. Immer wieder ertappte sie sich selbst dabei wie sie zu ihm herüber sah und sie schallte sich selbst eine Närrin, dass sie Herzklopfen bekam, wenn sie ihn ansah. War das nur sein vorteilhaftes Äußeres oder war sie... wirklich in ihn verliebt? So schnell? Green war noch nie verliebt gewesen, sie wusste nicht wie es sich anfühlte, ab wann man sagen konnte "Ich bin verliebt". War sie verliebt, wenn ihr Herz raste, wenn sie ihn nur ansah? Aber das war kein Grund dauernd rot zu werden. Seit wann war sie schüchtern? Sie war es nie gewesen und Siberu war kein Grund jetzt damit anzufangen.
Aber sie musste ihm leider noch etwas mitteilen, etwas was ihr schweigsames, doch schönes Beisammensein unterbrechen würde.
"Ich muss noch einkaufen, leider", gab sie zu. Green hatte es vergessen oder auch schlichtweg verdrängt, da sie sich so über Siberus Vorschlag, dass er sie Nachhause bringen würde, zu sehr gefreut hatte. Siberu schien es ebenfalls nicht zu gefallen, er sah sie ein wenig missbilligend an.
"Können das nicht deine Eltern machen?" Green antwortete schneller, als sie überhaupt darüber nachgedacht hatte:
"Ich bin ein Waisenkind. Ich habe keine Eltern." Daraufhin schwieg er. Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander. Hatte ihn das jetzt aus der Bahn geworfen? Green mochte das nicht. Es war nicht ihre Absicht gewesen, schlechtes Gewissen in ihm hervorzurufen. Sie schielte unsicher zu ihm rüber, doch er schaute sie nicht an, er schien mit den Gedanken woanders zu sein. Green überlegte ob sie etwas sagen sollte, doch stattdessen harkte sie sich bei ihm ein, mit der Absicht ihm aus seinen Gedanken zu wecken, was ihr auch gelang. Er sah sie an, leicht überrascht von Greens plötzlicher Annäherung, doch scheinbar hatte er nichts dagegen, eher das Gegenteil, wie Green schnell herausfand, als er seinen Arm um ihre Schultern legte und sie damit an sich drückte.
"Darf ich dich was fragen?", seine Stimme hörte sich ruhig und ernst an. Doch Green achtete nicht auf seine Stimme, sie genoss diese ungewohnte Nähe.
"Wenn du alleine lebst... bist du dann nicht einsam?" Daraufhin wurde Green doch ein wenig nachdenklich und ohne, dass sie weiter darüber nachdachte, sprudelten auch schon die Wörter unaufhaltsam aus ihrem Mund:
"Wieso fragt ihr mich das immer? Sho fragt es auch öfters...Wieso glaubt ihr, dass ich einsam bin? Ich muss doch nicht gleich einsam sein nur weil ich keine Eltern habe. Klar, es ist ruhig, aber ich habe keine Angst davor alleine zu sein. Ich brauche niemanden!" Ihre letzten Worte sagte sie mit einem Anflug von Stolz. Sie hatte ihr gesamtes Leben lang der Einsamkeit ins Gesicht gesehen; Die Einsamkeit war oft ihr größter Feind gewesen... obwohl eigentlich immer Personen da gewesen waren, die ihr eine helfende Hand gereicht hatten. Doch niemand hatte es vollbracht sie von der Einsamkeit zu befreien. Vielleicht weil sie es selbst schaffen musste? Weil sie die Einsamkeit aus eigenem Antrieb heraus überwinden musste? Erst nachdem sie Shos Familie verlassen hatte um sich eine eigene Existenz aufzubauen, hatte sie das Gefühl die Einsamkeit niedergerungen zu haben.
Sie war stark geworden. Und sie war stolz darauf.
"Ich weiß nicht", fing Siberu an und weckte Green aus ihren Gedanken.
"Ich glaube du brauchst jemanden der an deiner Seite ist, Green-chan." Die Angesprochene konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und pikste ihn in die Seite.
"Jemanden wie... dich?" Siberu erwiderte das Grinsen und antwortete:
"Vielleicht?" Green errötete ein wenig, konnte dies jedoch hinter einem Grinsen gekonnt verstecken. Sie antwortete nicht, nicht weil ihr keine geeignete Antwort einfiel, sondern weil es Zeit war sich von dem rothaarigen Casanova zu verabschieden, da sie vor ihrem Wohnblock angekommen waren. Siberu hatte vor sie nach oben zu begleiten, doch Green lehnte ab, auch wenn sie es genossen hätte, noch ein wenig mit ihm zusammen zu sein. Zum einen war der Rest ihres Nachmittags sowieso mit Einkaufen und Hausaufgaben verbucht und zum anderen (was sie ihm auch erzählte), wollte sie vermeiden, dass er sich bei Pink ansteckte.
"Okay, Green-chan. Dann morgen?" Die Angesprochene war bereits dabei die Treppen zum Wohnblock empor zu gehen, als Siberu sie mit diesem Satz davon abhielt und sie sich noch einmal umdrehte.
"Was, morgen?"
"Willst du morgen mit mir ausgehen?" Green blinzelte ihn verwundert an, doch konnte nichts dagegen tun, dass sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht ausbreitete. Sie musste nicht lange über ihre Antwort nachdenken, da sie bereits klar war:
"Gerne!" Auch über ihre nächste Handlung dachte sie nicht nach, sondern tat es einfach. Sie sprang die Stufen wieder herunter, welche sie gerade erst hinter sich gelassen hatte und gab Siberu einen Kuss auf die Wange.
Ehe er reagieren konnte, war Green wieder die Stufen empor gestiegen und gerade als sich die elektronische Schiebetür öffnete, sagte sie mit einem Zwinkern:
"Bis morgen, Sibi!" Dann verschwand das Mädchen hinter der Tür und in der Eingangshalle, womit sie Siberu alleine im Regen zurück ließ, der ihr hinter her sah. Nur einen Moment lang verblieb sein Gesicht regungslos, ehe sich ein Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete. Dieses Lächeln hatte allerdings nichts mit Freude oder ähnlichen Gefühlen zu tun, es ähnelte mehr einem Dämon der sich über seinen Triumph freute...