Online: 1 Heute: 20 Gesamt: 173503
Episode 07
  Episode 07: Game Over
Just in diesem Moment, nein schon seit mehreren Tagen, verfluchte Gary sein Immunsystem. Er hasste es krank zu sein. Wenn er krank war, konnte er nicht zur Schule gehen und wenn es ihn richtig erwischt hatte, dann konnte er nicht einmal lernen - und Gary hasste es am Ende eines Tages keine Ergebnisse zu sehen. Dieser Drang stellte ein entscheidendes Problem da: Denn obwohl er krank war, zwang sich der Streber dennoch zum Lesen und Lernen und das half nicht gerade seiner Genesung. Dies war die Ursache dafür, dass wenn er erst einmal krank war, dann hatte es ihn auch richtig erwischt. Nicht nur seine menschlichen Eigenschaften waren davon betroffen, sondern auch die, die er seinem Dämonenblut zu verdanken hatte. Würde ein anderer Dämon sich dazu entscheiden ihn jetzt anzugreifen, wäre Gary ihm hoffnungslos unterlegen.
Erschöpft ließ der Halbdämon das Buch fallen, zu welchen er seinen schwachen Körper gerade noch gezwungen hatte und es fiel aufgeschlagen auf den Teppich. Gary lag in seinem Bett, die Hand, die das Buch gerade noch gehalten hatte, hang über der Bettkante, welche er zu sich zog, als er entschloss vielleicht doch ein wenig zu schlafen. Schwach und mit verschwommener Sicht sah er auf die Digitaluhr, welche auf seinem Nachttisch stand und stellte fest, dass dies bereits der vierte Tag seiner Erkrankung war: Was ihn störte.
Er grummelte etwas, beschwerte sich bei seinem Körper. Lange konnte er sich jedoch nicht darüber aufhalsen, ehe die Schwäche ihn packte und er einschlief.
Nur um kaum fünfzehn Minuten mit einem gewaltigen Schrecken zu erwachen. Das Gesicht eines Mädchens war über ihn aufgetaucht, keine fünfzehn Zentimeter von seinem eigenen. Es war Green die ihn überrascht anlächelte und sich über Garys geschockten Gesichtsausdruck zu freuen schien.
"Hej, du bist ja doch wach!" Damit beugte sie sich wieder hoch, als Gary sich aufrappelte und sich in seinem Bett aufsetzte. Obwohl er krank war, sah er sie skeptisch an. Doch er kam nicht dazu die Frage zu stellen die in dieser Situation selbstverständlich wäre, da Green zuerst eine Frage stellte.
"Es wundert mich etwas, dass du mich bemerkt hast. Ich hab mich bemüht leise zu sein, um dich nicht zu wecken."
"Ich hab dich nicht gehört. Ich hab dich..." Gary hustete und bekam das letzte Wort nur schwer hervor, so dass Green es wiederholte um sich sicher zu sein, dass sie es richtig verstanden hatte:
""Gespürt"?" Gary nickte, zu mehr war er nicht in der Lage und ein weiteres Mal verfluchte er seine Gesundheit, als seine Sicht schon wieder verschwamm. Eigentlich war er nicht in der Verfassung etwas anderes zu tun als zu schlafen, doch er rappelte sich dennoch auf um es Green zu erklären:
"Ich habe deine Aura gespürt. Jedes nicht-menschliche Wesen, welches auch nur einen Funken Magie in seinen Körper speichert, besitzt so eine." Green mochte das Wort "nicht-menschlich" nicht, auch wenn sie wusste, dass es sehr wohl auf sie zutraf.
"Aber warum spüre ich sowas nicht?"
"Weil du höchstwahrscheinlich noch zu schwach bist." Seine Krankheit schützte Gary nicht davor als Antwort einen Blick des Todes zu bekommen. Diese kurze Pause nutzte Gary um endlich die Frage zu stellen die ihm auf der Zunge lag:
"Wie bist du eigentlich hier rein gekommen?" Green grinste.
"Durch die Tür, wie denn sonst?"
"Die war doch... abgeschlossen?"
"Kein Hindernis für eine Frau wie mich!" Wenn möglich wurde Gary noch bleicher bei der Vorstellung wie Green sich ihren Weg geebnet hatte und der Tatsache, dass sie es immer wieder machen konnte.
"Bist du etwa... eingebrochen?" Weiterhin grinste Green vielsagend, doch eine konkrete Antwort bekam ihr Gegenüber nicht, was ihm nicht gerade gefiel. Doch noch weniger gefiel ihm der Gedanke, dass so jemand wie Green, deren Gedanken oft finanzieller Natur waren, in der Lage war in andere Leute Wohnungen einzubrechen. Besonders nicht in seine. Sollte er sein Bargeld und seine Kreditkarte lieber unter dem Kopfkissen bewahren? Ach, Quatsch, das würde Green doch nicht machen... oder doch?
"Wir haben übrigens einen neuen in der Klasse!" Das sie das Thema wechselte, machte sie noch verdächtiger, dachte Gary, doch das Thema interessierte ihn leider, so, dass er darauf ansprang.
"Ach, wirklich? So mitten im Schuljahr?" Die Angesprochene beugte sich nun wieder vor und wenn möglich wurde ihr Grinsen noch breiter.
"Ja! Und weiß du was?" Er schüttelte nur den Kopf.
"Er ist mein Freund!" Verwirrt wurde sie angesehen, doch auch überrascht über diese Aussage.
"Dein Freund?" Green richtete sich wieder auf und zwinkerte triumphierend.
"Freund-Freund! Du weißt schon; wir sind zusammen. Sowas hast du doch sicherlich schon mal irgendwo in deinen Büchern gelesen!", witzelte Green, doch Gary ließ sich davon nicht ärgern.
"Nach einem Tag? Na, das kann ja nichts Tiefgründiges sein." Das gefiel ihr offenbar nicht als Antwort.
"Genauer genommen kannte ich ihn schon vorher. Ach, du kennst ihn übrigens auch. Außerdem gibt es sowas wie Liebe auf den ersten Blick." Auf das letztere sprang Gary nicht drauf an, sondern eher darauf, dass er den unbekannten Neuling kennen sollte.
"Tue ich?"
"Ja, es war der..." In diesem Moment piepte ihr Handy und als Green es aus ihrer Tasche herausholte breitete sich abermals ein erfreutes Lächeln auf ihrem Gesicht aus.
"Wenn man vom Teufel spricht!" Sie hielt ihrem Nachhilfelehrer das Handy vor die Nase, so dass er gerade mal erkennen konnte, dass es sich um eine SMS handelte, ehe sie ihr Handy wieder in ihre Tasche gleiten ließ.
"Er holt mich ab. Na was sagst du nun?"
"Was soll ich schon dazu sagen?" Sie grinste weiterhin, ein Grinsen welches er nicht nachvollziehen konnte. Damit verabschiedete sie sich von ihm und tänzelte förmlich aus seiner Wohnung, jedoch nicht ohne ihm eine gute Besserung zu wünschen.
Erst Richtung Nachmittag, als Gary endlich in der Lage war wieder aufzustehen, fand er heraus, weshalb Green dagewesen war: sie hatte ihm wieder Medizin mitgebracht.


Eigentlich wusste Green nicht ob sie mit Siberu zusammen war. Immerhin hatte keiner der Beiden darüber gesprochen und es somit "offiziell" gemacht. Sie waren einfach so zusammen, verbrachten so viel Zeit wie möglich miteinander: egal ob während des Unterrichtes oder in den Pausen. Natürlich verlief das erstere nicht ohne Folgen und so landeten sie schnell vor der Tür, was sie weniger störte: so konnten sie ungestört miteinander reden und rumalbern.
Green mochte Siberus Gesellschaft, es war so ein unbekümmertes und sorgenloses Beisammensein. Sie hatte das Gefühl jemanden auf ihrer Wellenlänge gefunden zu haben. Als hätten sie sich gesucht und gefunden, wie Sho es so schön sagte, als sie die beiden in einer Pause beobachtete.
Wie sie es am Vortag abgemacht hatten, wollten sie heute zusammen etwas unternehmen, etwas was absolut nach Greens Geschmack war: Sie wollten durch ein Shoppingcentrum schlendern, da es immer noch regnete und sie somit nichts unternehmen konnten, außer sie wollten dauerhaft unter einem Regenschirm verweilen.
Bei diesem Date bemerkte Green schnell, dass Siberu ganz offensichtlich viel Geld besitzen musste. Nein: er musste in Geld schwimmen. Nicht nur, dass er Green in eines der teuersten Shoppingcentren Tokios entführte, er meinte auch noch, dass er ihr gerne etwas kaufen würde, wenn sie ihm die Erlaubnis dazu geben würde.
Erlaubnis! Welches Mädchen würde es ablehnen Kleidung geschenkt zu bekommen, welche sie sich frei auswählen dürfte und dazu auch noch in so einem Laden? Niemand, absolut niemand.
Green hatte so etwas noch nie mit einem Jungen unternommen, hatte jedoch oft von Sho gehört, dass es die reinste Hölle war: Jungs konnten einfach nicht verstehen, dass man sich vielleicht noch ein, zwei oder mehrere Male im Spiegel gucken musste, ehe man das ausgesuchte Kleid kaufte. Auch Green war bereits oft mit Sho Einkaufen gewesen und sie konnte Shos Begleitern nur Recht geben, wenn sie sich über ihre Begleiterin aufregten. Sho brauchte einfach zu lange. Doch Siberu war nicht viel besser. Nicht nur, dass er Green prüfend ansah, wenn sie etwas anprobiert hatte und es ihm zeigte, er war bei sich selbst mindestens genauso kritisch; saß auch nur eine Falte verkehrt, wollte er es nicht kaufen, obwohl es ihm ansonsten perfekt kleidete. Was sein Aussehen anging, war er in mancher Hinsicht sogar schlimmer als ein Mädchen. So war es auch er der leer ausging, als sie die Boutique verließen.
"Danke, Sibi, aber das war echt nicht nötig", sagte Green und nickte zur Tüte, die ihr neues Kleid beherbergte und welche Sibi trug (er hatte darauf bestanden).
"Und wie das nötig war! Du siehst umwerfend darin aus, Green-chan. Hätte ich es nicht gekauft, hätte ich ein Verbrechen begangen." Immer noch hatte Green sich nicht daran gewöhnt, dass Siberus Vokabular Größtenteils aus Komplimenten bestand und immer noch hatte sie kein Mittel gegen ihre aufkommende Röte gefunden. Seit wann war es so leicht sie zu verunsichern?
Auf diese Frage erhielt Green keine Antwort, denn sie wurde von der Ausstellung eines Schmuckgeschäftes gefangen. Ihre Augen wurden von einer der vielen (teuren) Kette magisch angezogen. Kein Wunder: Es war eine Schmuckstück aus Gold, sowohl Kette als auch der Anhänger, der aus zwei Händen bestand die zusammen ein Herz bildeten.
Kitschig, aber hübsch und eher simpel gehalten, obwohl zwei kleine Diamanten eingearbeitet waren. Siberu stellte die Tüten ab und folgte ihren Blick. Er schluckte als er den Preis sah; das war jetzt doch etwas zu teuer.
"Ist die nicht schön?", hauchte Green an die Scheibe. Sie schien den Preis nicht zu beachten, genauso wenig seine Reaktion und den Umstand, dass sein Konto sich nicht nach jedem Gebrauch wie von magischer Hand wieder auflud.
"Ja und sie passt auch zu dem was wir gerade gekauft haben, aber..." Er nahm ihre Hand um ihren Blick von der Kette abzulenken. Dieses Unterfangen schien erfolgreich, denn sie sah ihn wieder an. Zuerst mit einen Funken von Erwartung, dann veränderten sich jedoch die Gefühle, die er in ihren Augen lesen konnte, als er sie ein wenig näher an sie heran zog um grinsend ihr Glöckchen in die Hand zu nehmen, welches aus dem Oberteil ihrer weinroten Schuluniform herausgerutscht war. Die Gefühle in ihrem Gesicht waren alles andere als Freude oder Scharm. Sie mochte es nicht. Entweder, dass Siberu sie an sich gezogen hatte (was er nicht glaubte) oder, dass er ihr Glöckchen genommen hatte.
Siberu achtete nicht auf ihren widerstrebenden Blick und sagte grinsend:
"Du hast doch schon eine Kette, die dir gut steht, also, wozu brauchst du eine Andere?" Er ließ das Glöckchen los und sein Grinsen wurde zu einem verführerischen Lächeln, als er sich ihr noch ein wenig mehr näherte. Erst als er Greens Glöckchen losgelassen hatte, wurde sie sich der Situation bewusst. Bewusst, dass sie sich nur wenige Zentimeter von Siberu entfernt befand, was dafür sorgte, dass ihr Herzschlag einen enormen Schub bekam.
"Aber...", hauchte er sanft auf ihre Haut, während er ihre Haarsträhne zur Seite strich. Green hoffte er konnte nicht hören wie schnell ihr Herz in diesem Moment schlug. Was würde er tun? Würde er...
Ihre insgeheimen Fantasien wurden enttäuscht. Grinsend sagte Siberu:
"Du hast gar keine Ohrlöcher!" Damit ließ er sie los und vor Schreck wäre Green beinahe umgekippt, da dies alles andere war, als das, worauf sie vorbereitet war.
"Sibi! Was zur Hölle...", brach sofort empört aus ihrem Mund hervor.
"Ich wollte doch nur schauen ob du Ohrringe hast, nichts weiter. Was hast du denn gedacht?" Sein Grinsen wurde überlegender, da er genau wusste, was sie gedacht hatte. Green grummelte etwas, sagte jedoch nichts, da eine Antwort wohl nicht von Nöten war.
"Wieso hast du keine Ohrlöcher? Hast du Angst vor dem Stich?" Die Röte von vor zwei Sekunden holte die Wächterin wieder ein und wieder war dies Antwort genug.
"Warum willst du das wissen?", fragte Green ihren grinsenden Begleiter.
"Wegen der Kette. Ich kann mir diese..." Er machte eine lässige Bewegung zum Schaufenster und fuhr fort:
"Leider nicht leisten und du hast ja sowieso etwas was deinen schönen Hals ziert. Also hab ich zu Ohrringen tendiert. Aber du hast ja keine Löcher." Ehe Green zu einer Antwort zu Stande war, packte Siberu ihre Hände und nun schien sein Gesicht beinahe nur aus einem Grinsen zu bestehen, als er sagte, dass man das ja ändern könne. Green wurde bleich, doch schon zog er sie hinter sich her und seinem Tatendrang konnte sie nicht viel entgegen setzen. Es konnte ja auch nicht so schlimm sein. Immerhin hatte sie schon ein Loch in der Magengegend gehabt, da konnte ein kleines Löchlein in ihrem Ohr doch nicht so weh tun...


Woanders in Tokio hatte ein Halbdämon gerade das Gefühl neugeboren zu sein. Die fast zehn Stunden Schlaf hatten wahre Wunder bewirkt und endlich musste er nicht mehr im Bett lesen, sondern saß an seinem Schreibtisch, gut bestückt mit den Büchern, welche er nochmal lesen wollte, da er vorher nicht im Stande gewesen war sie vollends in sich aufzunehmen. Dazu noch einen wohltuenden Tee und absolute Ruhe. Gary konnte zwar nicht behaupten, dass er wieder putzmunter war, denn er spürte immer noch eine gewisse Schwäche, welche an seinen Konzentration zerrte, doch genauso deutlich spürte er, dass es wieder bergauf ging. Morgen müsse er vielleicht noch der Schule fern bleiben, aber dann würde er endlich wieder am Unterricht teilnehmen können. Er brannte danach, da er unbefriedigten Tatendrang in sich verspürte.
Gary seufzte zufrieden, lehnte sich zurück und schlug das erste Buch zu, woraufhin er gleich das nächste nahm.
Weit kam er nicht. Doch leider war die schrille Stimme eher zu hören als die Aura zu spüren war und so riss es den Halbdämonen beinahe vom Stuhl:
"GREEN-CHAAAAAAN! ICH..." Gary blinzelte und sah zum zweiten Male an diesem Tag ein Mädchen in seinem Schlafzimmer. Dieses war jedoch um einiges aufgebrachter und verwirrter als das erste Mädchen des Tages. Obendrein war sie den Tränen nahe, doch man konnte dennoch eine merkwürde Entschlossenheit in ihren hellen blauen Augen erkennen, die an die Entschlossenheit eines Kindes erinnerte.
Bevor Pink sagen konnte, was sie hierher gebracht hatte, unterbrach sie einen Hustenanfall und Gary erinnerte sich daran, dass Green gesagt hatte, dass ihre Mitbewohnerin ebenfalls krank war.
"Vielleicht solltest du lieber wieder ins Bett gehen", schlug Gary vor, in der Hoffnung sie würde auf ihn hören. Offensichtlich war dieses Vorhaben ohne Erfolg:
"Wo ist Green-chan? Was hast du mit ihr gemacht du... Dämon du!" Ja, jetzt fühlte er sich natürlich unheimlich beleidigt, dachte Gary ironisch. Doch ehe er antworten konnte, schien Pink etwas aufzufallen.
"Und warum bist du hier?"
"... Weil das meine Wohnung ist, falls dir das nicht aufgefallen ist." Pink schien ernsthaft darüber nachzudenken, auch wenn Gary nicht verstand was es da groß zum Nachdenken gäbe. Leichte Unsicherheit zeichnete sich auf ihrem kindlichen Gesicht ab und sie sah sowieso durcheinander aus mit ihrem viel zu großen Schal und ihren zotteligen blonden Haar, welches zur Abwechslung mal, nicht zusammen gebunden war.
Doch dann war die Entschlossenheit plötzlich wieder zurückkehrt.
"Du bist also in der Lage Doppelgänger zu erschaffen!" Eine Weile sah er sie einfach nur schweigend an und fragte sich ernsthaft was mit diesem Mädchen nicht in Ordnung war. War es ihre Krankheit? Hatte er auch so einen Unsinn gesagt, als er im Bett lag?
"Tut mir Leid dich enttäuschen zu müssen, doch Doppelgänger erschaffen liegt nicht im Bereich meiner Fähigkeiten", antwortete Gary leicht ironisch, doch Pink achtete weder auf seinen Unterton, noch auf seine Worte.
"Egal was du vorhast, ich werde es nicht zulassen!"
"Das einzige was ich vorhabe, ist in Ruhe zu lesen. Ich weiß nicht was daran verwerflich ist."
"Aber wer ist denn..."
"Wer ist was? Pink, versuch nachzudenken." Die Angesprochene bemerkte nicht, dass sie gerade beleidigt wurde und tat wie geheißen.
"Ich spüre eine dämonische Aura bei Green-chan." Jetzt wurde Gary hellhörig. Eine dämonische Aura? Wie konnte das sein? Er spürte gar nichts, weil seine Sinne noch beeinträchtigt waren von den Viren in seinem Körper. Doch wie konnte Pink etwas spüren? Sie war noch wesentlich weiter von der Genesung entfernt als Gary. War ihr Sinn für Auren etwa ausgeprägter als seiner? Dieser Gedanke gefiel Gary nicht. Da er Pink nicht gerade viel zutraute und es irgendwie beschämend war, wenn gerade sie in etwas besser war als er.
Ein anderer Gedanke als Pinks Fähigkeit schlich sich jedoch an die Oberfläche:
"Warte Mal. Warum dachtest du ich hätte einen Doppelgänger erschaffen?"
"Weil die Aura deiner ähnelt. Oh! Hast du vielleicht einen Zwilling?" Gary erhob sich aus seinem Sessel und stand auf. Pink sah ihm dabei zu wie er seine Jacke nahm und ihre Augen wurden groß. Es war jedoch Gary der sie zuerst ansprach:
"Wo ist Green?"
"Sie wollte etwas mit ihrem Freund machen... Shoppen oder so. Was hast du vor?" Der Halbdämon seufzt tief, trank den Rest seines Tees und war zusammen mit Pink schon auf dem Weg raus. Das Lesen musste wohl auf unbestimmte Zeit verschoben werden.


"Von wegen nur ein kurzer Stich!" Green machte den Fehler und berührte ihre Ohrläppchen, welche jetzt von blauen Ohrringen geziert wurden und stellte abermals fest, dass es mit Schmerzen verbunden war. Siberu, zu ihrer Rechten, sagte nichts und tat nichts anderes außer neben ihr her zu gehen, während Green sich sicherlich alle zwei Sekunden beschwerte. Obendrein war sie sich sicher, dass er sich in Gedanken köstlich über sie amüsierte, was sie nur noch mehr missvergnügt stimmte.
"Du hast es gut, du bist nicht gezwungen diese Tortur durchzustehen!" Erst jetzt reagierte er, da er nicht drum herum kam sie auf dieser Aussage hin verwundert anzusehen. Dann strich er seine roten Haare beiseite und zum Vorschein kam ein kleiner runder schwarzer Ohrring, welcher in seinem linken Ohr steckte.
"Wie du siehst habe ich deine sogenannte "Tortur" auch heil überstanden", antwortete er und unterstrich seine Worte noch mit einem neckischen Grinsen.
"Außerdem muss ich zugeben, dass mir diese "Tortur" unheimlich gut gefallen hat", fügte er noch hinzu, woraufhin Green ihn skeptisch ansah als sie ihn fragte warum.
"Zum ersten stehen dir die Ohrringe und zum anderen... Spüre ich seit fünfzehn Minuten meine Hand nicht mehr." Zuerst starrte sie ihn verwirrt an, da sie seine Anspielung erst beim zweiten Nachdenken verstand. Doch dann schaute sie zu ihrer Hand, die immer noch krampfhaft Siberus Hand umklammerte. Sie war so mit den Löchern beschäftigt gewesen, dass sie vergessen hatte seine Hand los zu lassen. Die Röte stieg abermals in ihr hoch und sofort ließ sie seine Hand los. Immer noch grinsend führte er ein paar Handbewegungen durch. Dann sagte er:
"Du hast wirklich einen festen Griff für ein Mädchen."
"Ich weiß nicht, ob ich das als Kompliment auffassen soll", antwortete Green nicht unbedingt begeistert, doch immer noch mit leichter Röte, die sich sofort steigerte als er von sich aus ihre Hand nahm. Nicht nur das, er legte seine Finger zwischen die ihre, so dass ihre Hände eine geschlossene Einheit bildeten. Green sah deren Hände an, dann zu ihm, wo ihre Augen von einem sanften Lächeln empfangen wurden.
"Lass uns an einen Ort gehen, wo ich dich von deinen Schmerzen ablenken kann."


Als Siberu und Green das Shoppingcenter verlassen hatten, war bereits die Nacht angebrochen. Es war kühl in den Straßen Tokios, doch es schneite nicht, da die Schneewolken sich verzogen hatten um den Blick auf die Sterne freizugeben, wenn man nicht gerade zwischen Wolkenkratzern unterwegs war. Doch das waren die Beiden nicht mehr. Siberu hatte Green von den belebten Straßen weggeführt und sie gingen, immer noch Hand in Hand, durch den verlassen Park. Nachdem Siberu und Green eine ganze Weile munter geschwatzt hatten, schwieg er. Green wurde langsam kalt, doch trotzdem dachte sie nicht an den Heimweg. Sie lehnte sich an seine Schulter und lauschte der Stille die sie umgab. Green schaute Richtung Himmel, froh darüber die Schneewolken nicht mehr sehen zu müssen, sondern vom Licht der Sterne begrüßt zu werden.
Irgendwie romantisch...Green drückte sich fester an ihm. Er seufzte tief, aber sie konnte nicht sagen ob es ein positives oder negatives Seufzen war. Aber warum sollte es schon ein Negatives sein? Sie sah zu ihm hoch, um die Gefühle in seinen Augen lesen zu können, doch dieses Vorhaben wurde vereitelt. Denn er hatte sich zu ihr herum gedreht und sah direkt in ihre Augen, was sie sofort aus dem Konzept brachte.
Er sagte nichts, als er seine Hand von Greens löste, nur um diese an ihrem Hinterkopf zu platzieren, um sie so näher an sich ran zu ziehen. Obwohl die Wächterin ein wenig überrumpelt war, von seiner plötzlichen Annäherung, störte es sie nicht im Geringsten. Sie legte sogar ihre Arme um seine Hüfte, in der Hoffnung das Verlangen danach noch tiefer in seinen dunklen Augen zu versinken gestillt zu bekommen.
Gerade als Green die Augen schloss und sich deren Lippen beinahe berührten, schrillten sämtliche Alarmglocken in ihrem Kopf. Ihre nächste Handlung geschah instinktiv, als sie sich aus seinem Griff befreite und geschickt zurück sprang. Sie krallte ihr Glöckchen an sich und starrte Siberu auf einmal feindselig an. Nicht ohne Grund: er hatte nicht nur nach ihren Glöckchen gegriffen, sondern auch daran gezogen, als wollte er es von ihrem Hals reißen.
Siberu war ruhig stehen geblieben. Die Hände in den Hosentaschen und mit einem gelassenen Grinsen um Gesicht.
"Du scheinst etwas aus deiner Lektion gelernt zu haben, Green-chan."
"Wovon redest du?", fragte Green nun etwas unsicherer, aber immer noch mit dem Widerwillen in den Augen.
Doch eine Antwort erhielt sie nicht. Urplötzlich verschwand der Rotschopf aus ihrem Blickfeld und sie taumelte ein paar Zentimeter rückwärts, als sich ihre Nasenspitzen urplötzlich berührten.
"Aber um an meine Schnelligkeit heran zu kommen, brauchst du noch einige Jahre Training." Ohne dass Green diesmal etwas dagegen tun konnte, riss er ihr das Glöckchen aus der Hand und von ihrem Hals. Die Wächterin griff noch danach, doch Siberu war schneller aus der Reichweite verschwunden, als dass ihr Vorhaben gelang.
"Armes kleines Green-chan. Schon wieder hat man dir deine Seele genommen. Vielleicht solltest du besser darauf aufpassen?" Noch waren die Symptome des Glöckchenverlustes nicht stark genug, als das sie Greens Sein einnahmen, wahrscheinlich, weil es zu nah war: nur ein leichtes Zucken ihrer Hände zeigte ihre Nervosität. Da der Entzug noch nicht allzu schlimm war, konnte sich Green noch auf andere Dinge konzentrieren, als das Schmuckstück zurück zu bekommen und das war auch der Grund weshalb wie etwas anderes in sich spürte; ein Gefühl welches dadurch gestärkt wurde, dass Siberu sie weiterhin angrinste, während er das Glöckchen auf seinem Finger balancierte.
Zuerst war es Entsetzen, weil sie sich zusammen reimen konnte was passiert war: was sie zugelassen hatte... doch schnell spürte sie wie das Gefühl des Entsetzens der nahenden Traurigkeit und Verzweiflung wich.
"Was hat das alles zu bedeuten?", fragte Green dennoch, in der Hoffnung es gab eine Erklärung für dies alles: das ihre eigene falsch war. Sie wehrte sich gegen die unvermeidliche Wahrheit.
"Verstehst du es denn nicht? Es ist doch eigentlich ganz einfach und simpel..." Er unterbrach sich selbst und kurz zeigte sich sein Gesicht verwundert, wurde jedoch sofort wieder zu seinem erfreuten Grinsen als er sagte:
"Oh, wir bekommen Besuch, Green-chan!" Kaum hatte er dies gesagt, tauchte kein geringender als Gary genau vor Greens Augen auf, wie aus dem Nichts. Er hatte ihr den Rücken zugekehrt und konnte sich ihr überraschtes Gesicht daher nur vorstellen, als sie stotternd seinen Namen über die Lippen brachte.
Gary sagte etwas, was eindeutig an Siberu gerichtet war, denn Green verstand kein Wort von dem was er sagte. Er sprach in einer Sprache die ihr absolut fremd war. Der dritte im Bunde schien ihn jedoch verstehen zu können, denn er lachte beinahe schon boshaft.
"Warum sprichst du denn in unserer Sprache mit mir, Blue? Hast du etwa etwas zu verbergen?"
""Blue"? "Unsere Sprache"?", fragte Green und sah Gary verwirrt an, da sie nun einige Schritte nach vorne gegangen war um nicht mehr hinter ihm zu stehen. Langsam spürte Green, dass es ihr alles zu viel wurde: die Ganzen Fragen in ihren Kopf die nach Antwort verlangten, aber eigentlich keine haben wollten... und die beiden Jungs die für mehr und mehr unbeantwortete Fragen sorgten... aber auch für Beweise, die die Theorie untermauerten, die sie nicht untermauert haben wollte.
"Das erklär ich dir später...", antwortete Gary, doch Siberu unterbrach ihn.
"Warum nicht jetzt? Wir haben doch alle Zeit der Welt!" Gereizt wandte Gary sich von Green ab und funkelte den grinsenden Rotschopf wütend an.
"Was treibst du schon wieder für Spielchen, Silver?! Wie oft habe ich dir nicht gesagt, dass du dich aus meinen Angelegenheiten raushalten sollst!" Daraufhin kicherte der Angesprochene und zuckte mit den Schultern.
"Du weißt doch: Ich bin unverbesserlich."
"Was geht hier eigentlich vor?", fragte Green, gerade als sie sah, dass Gary die Fäuste geballt hatte.
"Ja, wirklich, man sollte dich mal aufklären", antwortete Siberu, steckte das Glöckchen weg und tauchte wieder mit einer ungeheuren Geschwindigkeit vor ihr auf: scheinbar sogar zu schnell für Gary, denn dieser drehte sich gerade erst zu den beiden herum, als es bereits zu spät war.
"Es war ein Spiel. Ein wirklich leichtes Spiel." Green blinzelte, starrte in seine roten, nun kalten und teilnahmslosen Augen.
"Ein... Spiel?", wiederholte die Wächterin fassungslos, als wüsste sie nicht, was dieses simple Wort bedeuten würde.
Ihre Theorie war wahr.

Siberu war ein Dämon.
Er war es gewesen, der ihr das Glöckchen das erste Mal geklaut hatte.
Er wollte sie... umbringen.

"Silver!", rief Gary dazwischen, doch wurde von dem Angesprochenen überhört und langsam breitete sich ein zufriedenes Lächeln auf dem Gesicht des Rotschopfs aus.
"Ja, ich hab dich angelogen. Sorry, Green-chan. Das Spiel ist nun vorbei."
Green starrte ihn entgeistert an, scheinbar verstand sie seine so simplen Worte nicht und konnte nichts anderes tun, als Siberu anzustarren, bis sich langsam die Wahrheit in ihren Augen bemerkbar machte und man deutlich die nahende Verzweiflung sehen konnte, die seine Worte ausgelöst hatten: Ihre blauen Augen weiteten sich langsam umso mehr sie seine Worte verstand. Es gelang ihr doch nicht etwas zu erwidern, da Siberu wieder aus ihrem Sichtfeld verschwand, da Gary dem nicht länger zu sehen wollte und gezielt nach ihm getreten hatte; welchen Siberu mit Leichtigkeit auswich und scheinbar gar nicht darauf achtete. Auch wenn er nun wieder einige Meter von Green entfernt war, sah er sie weiterhin an; sah wie ihre Augen langsam glasig wurden, wie ihre Schultern zu zittern begonnen und freute sich schon darauf zu sehen wie die Tränen bald ihren Weg finden würden.
"Eigentlich wollte ich nur wissen was an dir so toll ist, dass man so viel aufs Spiel setzen muss." Bei diesen Worten sah er kurz zu Gary und schüttelte dann nur ratlos mit dem Kopf und wandte sich wieder Green zu, die nun den Boden ansah.
"Aber ich habe nichts gefunden, was es wert wäre. Das Einzige was ich gefunden habe ist ein schwaches Mädchen, die sich nicht wehren kann und obendrein ziemlich leichtgläubig ist. Mit anderen Worten ein typisches Mädchen, was nicht nach meinem Geschmack ist."
"Schwach?", war das Einzige was Green darauf erwiderte, immer noch mit dem Blick Richtung Boden. Siberu ärgerte sich über ihre Reaktion und darüber, dass er ihr Gesicht nicht sehen konnte - wozu war das gesamte Spiel gut gewesen, wenn er nun nicht die Krönung sehen konnte?
Doch gerade als der Rotschopf sie dazu bringen wollte, nach oben zu sehen, traf der Angriff Garys zum ersten Mal ins Ziel; in Siberus Magengegend. Der Angriff war so stark, dass es ihn nach hinten warf und es war seinen athletischen Fertigkeiten zu verdanken, dass er sich keine schwereren Verletzungen zuzog, denn er hielt sich einfach an einen Ast fest, machte einen Überschlag und stand schon elegant, als wäre nichts passiert, auf dem Ast und pfiff anerkennend. Gary ging nicht darauf ein, sondern schrie zu ihm hoch:
"Hast du ihr denn nicht wirklich schon genug angetan?!" Daraufhin schüttelte Siberu den Kopf, als müsste er über die Antwort nachdenken.
"Ach, Blue. Du bist so ein elendiger Spießer. Warum lässt du mir nicht einfach meinen Spaß? Warum musst du dich immer einmischen?"
"Das sagt der Richtige."
"Ich will dir nur helfen."
"Nein, du willst nur deinen Spaß." Dem hatte Siberu nicht viel entgegen zu setzen. Er grinste daher nur ein wenig entschuldigend und es war deutlich, dass Gary ins Schwarze getroffen hatte.
"Du willst das Glöckchen zurück, nicht wahr?" Garys Blick verdunkelte sich; diesmal hatte der Rotschopf den Treffer versenkt und überlegend und auch mit einer gewissen Vorfreude sagte er:
"Diesmal wirst du es dir schon mit Gewalt holen müssen. Dein Rui-Trick wird dir nicht gelingen; da hab ich Vorkehrungen getroffen. Also regeln wir unsere kleine... Meinungsverschiedenheit ganz wie es sich für Dämonen gehört!" Gary wusste, dass er Recht hatte und dass es diesmal keine Möglichkeit gab, dies ohne Gewalt zu lösen. Dennoch zögerte er und sah noch einmal über seine Schulter zurück, wo Green weiterhin versteinert auf den Boden starrte. Ihre Knie hatten nachgegeben und so hockte sie nun auf dem Boden. Sie bemerkte nicht einmal, dass er sie ansah. Nicht nur, dass Gary kein Freund von Gewalt war und damit auch nicht gerade seiner dämonischen Natur entsprach, er schätzte es auch nicht, dass Green ihn kämpfen sah. Er wusste nicht warum, aber diese Vorstellung gefiel ihm nicht. Aber es blieb ihm keine andere Wahl. Denn so wie er seinem Gegenüber kannte, würde er das Glöckchen nicht herausrücken wenn man ihn lieb fragte. Im Gegensatz zu Gary, entsprach er, was das Kämpfen anging, ganz und gar seiner dämonischen Natur.
Gary wandte sich wieder von Green ab und sah zu Siberu, der ihn erneut angrinste. Wahrscheinlich weil er begriffen hatte, dass sie nun endlich kämpfen würden.
Als wäre ein Startsignal ertönt startete Gary den ersten Angriff, in dem er auf Siberu zuraste, ihn an den Schultern zu packen bekam und sie damit beide vom Baum herunter warf. Mit aller Kraft drückte er seinen Kontrahenten in den sandigen Steinboden, wobei er die Geschwindigkeit des Sturzes für sich ausnutze. Doch kaum, dass Siberu den Boden berührte hatte, sprang Gary auch schon von ihm weg, da sein Kontrahent bereits dunkle Magie in seinen Handflächen gesammelt hatte und sie gerade Gary entgegen werfen wollte, als dieser auswich.
"Hej, warum hast du mich nicht mit Magie angegriffen, als ich am Boden lag?" Mit diesen Worten startete Siberu einen weiten Gegenschlag, wobei er kurz nach Ausführen der Attacke, die Gary blocken konnte, vor ihm auftauchte, seine rechte Hand in dessen Schulter stemmte und sich über ihn hinweg schwang. Kaum war er hinter Gary, holte er mit seinem Bein aus, doch dieser konnte wieder blocken, mit seinem Arm.
"Dein typischer Trick", sagte Gary ohne auf Siberus voriger Provokation einzugehen, oder der Stärke seines Tritts. Der Rotschopf grinste.
"Und du bist in den letzten Jahren ganz schön eingerostet. Oder wäre "verweichlicht" vielleicht das bessere Wort?" Scheinbar hatte Gary langsam genug von Siberus Provokationen, denn die Stärke seiner Abwehr bekam auf einmal einen so großen Schub, dass er Siberu scheinbar mit Leichtigkeit zurück drängen konnte.
"Ich habe es dir schon einmal gesagt, Silver. Du verstehst das nicht und glaube mir: es ist besser für dich!" Das Grinsen des Angesprochenen wich, wahrscheinlich weil er deutlich in den Augen seines Gegenübers sah, dass es sein vollster Ernst war.
"Warum sagst du es mir denn nicht einfach? Wir haben doch immer zusammen gearbeitet..."
Einen Augenblick lang konnte man deutlich anhand seiner sich verändernden Gesichtszüge erkennen, dass seine Laune sich verändert hatte und dieser kleiner Moment wurde ausgenutzt. Nicht von Gary, sondern von der dritten Person im Bunde.
"Wie zur Hölle...", fluchte Siberu, der plötzlich die Spitze eines Stabes in seinen Nacken spüren konnte. Gary wirkte genauso verwundert wie der Rotschopf, da er genauso wenig mit Greens Einschreiten gerechnet hatte, wie Siberu. Obendrein wirkte Green alles andere als verzweifelt. Entschlossenheit zeigte sich in ihren Augen, ihrem Gesicht und ihrer Haltung. Wie war das möglich?
"Du bist nicht der einzige der weiß wie man stiehlt."
Siberu sah über die Schulter mit düsteren aber auch erstaunten Blick zu ihr. Nach wie vor hielt er seinen Angriff gegen Gary aufrecht, doch beide waren eher auf Green fokussiert.
"Wie kann es sein, dass du nicht heulend auf dem Boden hockst?"
Ein kurzes, beinahe triumphierendes Lächeln huschte über Greens Gesicht. Sie festigte ihren Griff um ihren Stab, als sie antwortete:
"Weil ich nicht schwach bin."
Überraschung über diese Aussage zeigte sich in Siberus Gesicht und Gary sah auch, dass er beeindruckt von Greens Entschlossenheit war und besonders davon, dass sie nicht so gehandelt hatte wie er es erwartet hatte Diesen Moment nutzte Gary um seine Gegenwehr fallen zu lassen und aus der Schusslinie zu verschwinden, da er bereits an Green erkannt hatte, was sie vorhatte. Obwohl er Greens Vorhaben schon vor Siberu verstanden hatte, war er nicht weniger geschockt über ihren Entschluss. Er hatte nicht erwartetet, dass Green einen so unerschütterlichen Willen hatte, dass sie sogar die Waffe gegen jemanden erhob, den sie einige Stunden vorher noch ihren "Freund" genannt hatte.
"Du hast vor mich anzugreifen, Green-chan? Mich, deinen Sibi?" Kurz zuckte etwas über Greens Gesicht und sie musste sich auf die Lippen beißen, aber sie ließ ihren Stab dennoch nicht los.
Aha, dachte Siberu: sie war also doch nicht so stark wie sie tat.
Doch da irrte er sich, was er schnell feststellte.
"Für mich war es kein Spiel. Ich habe es ernst gemeint...", sagte Green aufrichtig, während das Licht in der rechten Leiste ihres Stabes zu pulsieren begann. Ihre Augen zeigten sich kurz sehnsuchtsvoll und fast schon liebevoll, ehe sie sich festigten und sie sagte:
"Aber wenn es für dich nur ein Spiel war, dann ist hier das Game Over! SPIRIT OF LIGHT!"


Keine halbe Stunde später gingen Gary und Green wieder Richtung Nachhause, als wären sie nur gerade von der Schule heimgekehrt. Sie schwiegen, dennoch war etwas zu hören. Etwas was normale Menschenohren nicht gehört hätten: Deutlich konnte er Green weinen hören. Sie ging ein kleines Stück weiter vor ihm, fühlte sich unbeobachtet, da weder ihre Schultern bebten, noch hatte sie ihre Hände zu ihrem Gesicht erhoben. Sie dachte, er bemerke es nicht, doch die Ohren eines Halbdämons waren empfindlicher als die eines Menschen.
Siberu war nicht ausgeschaltet, dies war beiden bewusst. In der Zeit, wo Green ihre Waffe zum Angriff bereit gemacht hatte, hatte er Unmengen von Möglichkeiten zum auszuweichen gehabt und er hatte sie sicherlich genutzt: in der letzten Sekunde. Was hatte er damit bezweckt? Wollte er nur testen ob Green wirklich so stark war, dass sie ihn angreifen würde?
Beide kramten ihre Schlüssel aus deren Tasche, als sie vor deren Haustüren standen. Verstohlen sah Gary zu Green herüber und sah, dass keine Träne zu sehen war auf ihrem Gesicht; nicht einmal Anzeichen.
Sie öffnete die Tür mit einem Klacken und hielt sie einen Spalt breit auf, als sie sich zu Gary herum drehte und ihn anlächelte.
"Danke für deine Hilfe", sagte Green simpel und verschwand dann schon in ihre Wohnung. Gary hatte den Schlüssel bereits im Schloss, doch drehte ihn nicht herum, da er immer noch auf den Punkt sah, wo seine Nachbarin eben noch gestanden hatte.

Sie war ein starkes Mädchen.
Mit einen schwachen Kern, den sie selbst nicht wahr haben wollte und die ihre Tränen verurteilte; sie niemanden zeigen wollte.
Und irgendetwas sagte Gary, dass gerade dieser Kern beschützt werden musste; damit sie irgendwann auch weinend stark sein konnte.