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Episode 13
  Episode 13: Familien-Treffen der Hikari
Ein besonders gutes Gefühl hatte Green nicht gerade, als sie den beiden jungen Frauen folgte, die sie angeblich zu ihrem Bruder führen würden; besonders nicht, als es hieß, dass Siberu und Gary sie nicht begleiten dürften. Sobald sie davon erfuhr, hatte Green sich geweigert, irgendwo mit hinzugehen; doch als Tinami sie sichtlich überrascht gefragt hatte, ob sie denn ihren Bruder gar nicht kennenlernen wolle, gab Green doch mit einem Stirnrunzeln nach.
Hatte sie etwa wirklich irgendwo da draußen einen Bruder? Eine ... Familie?
Sie war immer wurzellos gewesen; zumindest hatte sie dies lange geglaubt - und jetzt stellte sich heraus, dass diese Wurzeln vielleicht nur eine ganze Weile eingefroren gewesen waren ... doch damit kamen auch tausend andere Fragen auf: Warum war sie dann überhaupt in einem Waisenhaus aufgewachsen? Warum hatte er sich nie bei ihr gemeldet? Warum hatte er sie in dem Glauben gelassen, dass sie ein familienloses Kind sei? Und warum meldete er sich ausgerechnet jetzt?
Green war skeptisch. Auf der anderen Seite war da noch ein anderes Gefühl ... nicht wirklich Freude, denn dafür waren einfach zu viele sie unruhig machende Fragen vorhanden, doch war eine gewisse Spannung in ihr, denn sie zweifelte keinen Moment daran, dass Tinami und Kaira die Wahrheit sprachen. Schon in dem Augenblick, in dem die beiden Wächterinnen ihr eröffnet hatten, dass sie Green zu ihrem Bruder bringen würden, wusste sie mit Sicherheit, dass die beiden die Wahrheit sprachen.
Der Traum damals, Anfang September, hatte ihr gezeigt, dass es möglich sein konnte, dass sie einen Bruder hatte, denn in ihm hatte sich eine Person schützend vor sie gestellt; eine Person, die sie selbst "Onii-chan" genannt hatte. Sie konnte sich nicht mehr an sein Gesicht erinnern, hatte es vielleicht auch gar nicht gesehen ... doch jetzt würde sie es vielleicht tun. Das Bild der Person, welche sie in Kürze kennenlernen würde, würde vielleicht dieses Traumgebilde ausfüllen und ihm greifbare Gestalt geben können.
"Bist du bereit, Ee-chan?" Green sah auf, als Tinami ihr diese Frage stellte und die ausgestreckte Hand sah, die ihr entgegengehalten wurde, wahrscheinlich um sie mittels Teleportation zu deren Ziel zu bringen. Also konnten Wächter sich auch teleportieren ...?
Ob sie bereit war, wusste Green nicht. Dennoch zögerte sie nicht, denn zu groß war ihre Erwartung und daher ergriff sie auch schnell die braun gebrannte Hand Tinamis.
Vor ihren Augen wurde es umgehend schwarz, sie verlor den Boden unter den Füßen und auch ihre Balance, welche sie zurückerlangte, als die Schwärze verdrängt wurde und sie somit wieder sehen konnte.
Ein atemberaubender Anblick bot sich ihren Augen; Green war sich nicht nur sicher, dass sie weit, weit weg von Zuhause war, es kam ihr auch noch so vor, als wäre sie in der Zeit zurückgereist; nein, als wäre sie in eine gänzlich andere Welt gelangt.
Sich von ihren Begleiterinnen langsam mit Staunen lösend, ging sie mit zaghaften Schritten durch den kreisrunden Raum, welcher von weißen, gotisch angehauchten Säulen gesäumt wurde. Der Boden unter ihren Füßen wie auch die Kuppel hoch über ihr wurden von Kreisen und Symbolen geziert, die sich über den Boden schlängelten, um letztendlich von den Säulen aufgenommen zu werden. An ihnen waren Leuchter befestigt, die, wie Green es schien, wohl keine Birnen brauchten, um den Raum zu erhellen, sondern weiß leuchtende Kugeln für diesen Zweck benutzen, welche ruhig in den verschnörkelten Haltern schwebten. Doch das, was Green am meisten in den Bann zog, war nicht das große Glöckchen über ihrem Kopf, welches das Zentrum der Deckenmalerei einnahm, sondern etwas anderes; etwas, was sie kaum glauben wollte.
Ohne auf Tinami und Kaira zu achten, welche sie beide neugierig beobachteten, rannte Green zum Rand des Raumes, von wo aus man hinaussehen konnte, denn zwischen den vielen Säulen befand sich keine Wand, sondern hauchdünne Fensterscheiben.
Green stockte der Atem, als sie dies sah, denn es verstieß gegen ihre Logik und dennoch empfand sie es bereits auf den ersten Blick als wunderschön.
Dieser Ort - was auch immer es für ein Ort war - befand sich im Himmel: Er schwebte.
Und der Raum, in dem sie sich momentan befand, war nur ein kleiner Teil dieses wahrhaftigen Wunders der Baukunst. Ein enorm großer Komplex erstreckte sich vor Greens Augen. Es war ein Anblick, welchen sie nicht einordnen konnte; wie sollte man dieses Wunderwerk nennen, welches sich auf den vielen verschiedenen schwebenden Inseln im Himmel zu befinden schien, sich dank seiner tausenden Lichter aus der Dunkelheit abhob und Green den Atem raubte? Einen Palast? Ein Märchenschloss? Einen Traum?
"Willkommen Zuhause."
Green drehte sich nicht um, als sie eine ihr fremde Stimme hörte und ihr Herz ließ einen Schlag aus, nein, vielleicht sogar zwei, denn die Stimme war die eines Mannes gewesen; eine sanfte, freundliche Stimme; eine sympathisch klingende Stimme. Ob die Person, der diese Stimme gehörte, genauso war?
Green atmete tief durch, ein klein wenig nervös vor dem, was sie erwartete, als sie sich langsam herumdrehte und ihren Bruder zum ersten Mal gegenüberstand.
Die Stimme passte perfekt zu ihm: Ein warmes Lächeln, welches das Himmelblau in seinen Augen untermalte, breitete sich auf seinem hübsch geformten Gesicht aus, als er Green sah. Ein wenig blass war er, was durch seine Haarfarbe deutlich zu erkennen war, doch das änderte nichts daran, dass er gut aussah mit den schwarzen Haaren, die ihm zur Schulter gingen und seiner eleganten Kleidung, welche ihn für ihre Begriffe adelig aussehen ließ.
Green wusste nicht, was sie tun sollte und war sich sicher, dass dies in ihrem Gesicht abzulesen war. Sollte sie zu ihm hingehen, ihm ihre Hand geben, sich vorstellen? Sie wollte sein seelisches Lächeln erwidern; ein Lächeln, welches ihm beinahe die Tränen in die Augen trieb.
Doch Green musste sich keine Gedanken darum machen, was sie tun sollte, denn anscheinend wusste ihr Bruder das sofort: Schneller als sie handeln konnte, schloss er sie fest in seine Arme.
"Oh, Green: meine kleine Schwester! Ich bin so froh, dass es dir gut geht, so froh, dass du wohlauf bist ..." Green fühlte sich von dem plötzlichen Gefühlsausbruch ihres Bruders überrumpelt, doch konnte nicht genau beurteilen, ob sie sich in seiner Umarmung wohlfühlte oder ob es ihr unangenehm war. Doch schnell war es vorbei und er löste sich wieder von ihr, jedoch ohne ihre Arme loszulassen. Mit einem strahlenden Lächeln sah er sie an und das Glück war beinahe greifbar:
"Ach, Green ... wie lange habe ich auf diesen Tag gewartet." Er schwieg einen Moment; einen Moment, den er nutzte, um sie von oben bis unten zu begutachten.
"Aus dir ist wahrlich ein hübsches Mädchen geworden. Du siehst unserer Mutter sehr ähnlich ... Verzeih, ich bin wahrscheinlich ein wenig voreilig, aber du kannst dir nicht vorstellen, wie lange ich mich danach gesehnt habe, meine kleine Schwester endlich in die Arme nehmen zu können. Du hast sicherlich viele Fragen, wie ich annehme."
"Das kann man wohl laut sagen ...", antwortete Green, als er sich von ihr löste und mit einer vornehmen Geste die Hand auf seine Brust legte, um sich vorzustellen:
"Mein Name ist Kaze Atatakasa Hikari Ikikaeraseru Shinsetsu Grey. Ich bin der Elementarwächter des Windes und habe den ersten Rang inne." Der Mund Greens öffnete sich verblüfft, als sie diesen langen Namen hörte und sie hatte sofort das unbändige Verlangen, ihn aufschreiben zu wollen.
"Gibt es dafür eine ... Abkürzung?" Er lachte in sich hinein, als Green ihn dies fragte; ein ruhiges, höfliches Lachen.
"Aber, Green! Ich nenne dich doch auch nicht bei deinem vollen Namen. Mein Rufname ist Grey."
"V-voller Name?" Die Verwirrtheit in Greens Gesicht musste sehr deutlich sein, denn Grey seufzte und sagte:
"Es tut mir aufrichtig leid; ich sollte dir erst einmal alles erklären, bevor ich dich so überrumple." Doch anstatt damit anzufangen, wandte er sich an Tinami und Kaira, die einige Meter abseits von ihnen gestanden hatten, um die beiden wiedervereinten Geschwister nicht zu stören.
"Danke, Tinami-san, Kaira-san, für eure Hilfe. Ich werde von hier an übernehmen." Beide nickten und wie Green auffiel, waren beide sichtlich erfreut darüber, dass Grey sie direkt angesprochen hatte, denn sie waren beide leicht rot geworden.
"Komm, Green, ich zeige dir dein Zuhause." Grey war bereits vorgegangen zur einzigen großen Flügeltür des Saales und streckte die Hand nach ihrer aus, doch Green nahm sie nicht, sondern stellte sich direkt neben ihm hin. Er war sympathisch, kein Zweifel, aber Green war noch zu skeptisch, um sofort in die Rolle der kleinen Schwester zu schlüpfen und sich bei der Hand nehmen zu lassen. Grey schien traurig darüber zu sein, dass sie seine Hilfe abgelehnt hatte, doch sagte nichts dazu.
Die große Tür öffnete sich automatisch und die beiden Geschwister gelangten in einen langen Korridor, welcher gepflastert war mit weißem Marmor und wieder von Säulen gesäumt wurde, die ähnlich wie im Kuppelraum Zwischenräume besaßen; doch anders als im vorigen Raum waren keine Fensterscheiben zwischen den einzelnen Säulen. Trotzdem war es nicht kalt, sondern angenehm warm - und sie spürte auch keinen Luftzug, welcher doch eigentlich durch die Öffnungen hätte hindurchgelangen müssen. Verdattert löste Green sich kurz unbemerkt von Grey, ging näher heran und streckte ihre Hand aus, um erstaunt eine leichte Kräuselung zu erkennen, fast so, als hätte sie eine Wasseroberfläche berührt.
Grey hatte von dem Verhalten seiner kleinen Schwester nichts mitbekommen, denn er war bereits eifrig dabei zu erklären, weshalb Green lieber schnell zu ihm aufschloss:
"Der Ort, an dem du dich befindest, ist der Tempel, der Hauptsitz unseres Reiches - des Reiches der Wächter. Er wurde 645 vor der Zeitrechnung erbaut und seitdem immer wieder renoviert und erneuert. Der Tempel besitzt mehr als 1200 Zimmer, beherbergt die größte Büchersammlung der Wächter und ist darüber hinaus die einzige Verbindung zum Machtzentrum. Dank dieser Funktion lebten hier einst die meisten Wächter, doch seit dem schrecklichen Krieg vor 16 Jahren, bei dem Teile des Tempels komplett zerstört wurden, wohnt hier nur noch ein kleiner Anteil. Die meisten Wächter leben auf den anderen Inseln. Daher wird es dir hier ziemlich ruhig, gar verlassen vorkommen." Sie gingen durch die nächste Tür und kamen, wie Grey erklärte, nun ins Innere des Tempels. Eine Weggabelung lag vor ihnen, zusammen mit einem Brunnen, in dessen Mitte sich ein Engel emporhob, der in der einen Hand einen Globus hielt und in der anderen ein Glöckchen; Greens Eigenem nicht unähnlich, nur mit weißen Flügeln. Grey schlug den rechten Weg ein und Green folgte ihm den weißen Korridor entlang, dessen Höhe sie in Erstaunen versetzte, denn zwischen der Decke und dem Boden aus weißem Marmor lagen mehr als 10 Meter und die Schritte der Geschwister hallten an den hohen Wänden wider.
Grey drehte sich zu ihr herum und sagte lächelnd:
"Aber jetzt, da du wieder da bist, wird sich das sicherlich schnell ändern. Alle Wächter werden vom Licht angezogen." Verwirrt sah seine kleine Schwester ihn an und fragte:
"Was habe ich mit all dem zu tun? Ich weiß, dass ich eine Wächterin bin ... aber ich weiß gar nicht genau, was das ist. Pink konnte es mir nicht erklären. Jedenfalls nicht so, dass ich etwas verstanden habe." Sie gelangten an eine Treppe, die sie hinauf gingen, und kamen in einen Korridor, welcher keine großen Fenster hatte, da die gesamte rechte Wand von einem enormen Gemälde eingenommen wurde, welches mindestens 40 Meter lang war. Green beachtete die vielen Türen auf der entgegengesetzten Seite nicht, da das Bild ihre gesamte Aufmerksamkeit verlangte.
Sie wusste nicht, ob sie es schön fand, aber beeindruckend war dieses enorme Gemälde auf jeden Fall: überladen mit abertausenden Details zeigte das Kunstwerk einen Kampfschauplatz. Grey blieb stehen und machte einen Wink zu dem Gemälde, als er anfing zu erklären:
"Die Wächter, Green, zu denen auch du gehörst, sind eine uralte Rasse, älter als die Zeit selbst. Wir sind die Träger der Elemente, mit deren Hilfe wir die Menschheit beschützen und unsere Feinde, die Dämonen, bekämpfen, um sie zu eliminieren. In jedem von uns schläft ein Element, welches unser Aussehen und unseren Charakter prägt, uns beschützt und welches wir im Laufe unseres Lebens zu beherrschen lernen, um unsere Pflichten zu erfüllen. Es gibt 13 Elemente ..." Grey streckte die Hand aus und zeigte auf eine rothaarige Person, die eine schwarze Kreatur mit einem Pfeil aufspießte:
"Die Feuerwächter, Träger des Elementes des Feuers. Eine außerordentlich starke Familie, welche immer an vorderster Front kämpfte, doch leider dem Schrecken des letzten Krieges zum Opfer fiel und nun vollständig ausgerottet ist." Nun zeigte er auf eine Person mit blauen Haaren, die einer dritten Person Wasser spendete und deren Wunden versorgte, doch hinter ihr war eine weitere blauhaarige Person, die eine schwarze Kreatur zu ertränken schien:
"Die Wasserwächter. Eine große Familie mit dem Element des Wassers ausgerüstet. Ruhig und besonnen sind die meisten von ihnen, doch reize sie niemals, denn ihr Wasser kann unbändig sein." Nun zeigte Grey auf eine kleine Gruppe von Personen mit hellen Haaren, die sich am Rand des Bildes aufhielten und die Green nicht genau erkennen konnte, da sie im Hintergrund verlorengingen.
"Die Illusionswächter, ebenfalls eine große Familie, doch recht in sich gekehrt. Dank ihres Elementes der Illusion sind sie die Besten auf dem Gebiet der Schleichmorde und Attentate. Außerordentlich gut darin, Informationen zu sammeln." Greys Hand ging nun weiter über das Bild, ohne darauf zu achten, dass Greens Aufmerksamkeit ihm nicht mehr vollends gehörte, bis er zu zwei braunhaarigen Wächtern kam, wovon der männliche Wächter die Hand auf dem Boden platziert hatte, von welchem sich Risse auftaten und die weibliche Wächterin hinter ihm ihre Hand ausgestreckt hatte und ihren Partner mittels einer Steinbarriere vor den Angriffen der schwarzen Gegner schützte:
"Die Wächter der Erde sind leider ebenfalls im letzten Krieg ausgelöscht worden und das, obwohl sie zur stärksten Angriffsmacht gehörten. Doch auch ihre Verteidigung ist mächtig. Eine Tragödie, dass gerade sie dem Krieg zum Opfer fielen ..." Als nächstes, gleich hinter den Erdwächtern, gelangten sie zu einer Frau, die ihre Hände auf den blutigen Boden gelegt hatte und an deren Armen sich Ranken empor schlängelten.
"Die Naturwächter, eins mit ihrem Element der Natur freundlich und besonnen, doch mit einem außerordentlich großen Beschützerinstinkt ausgerüstet, für den sie auch ihren ruhigen Prinzipien entsagen." Weiter ging Grey, nachdem er auf eine Person mit lilafarbenen Haaren gezeigt hatte, die in beiden Händen Waffen hielt, die Sekundenzeigern nicht unähnlich und offensichtlich effektiv waren, denn die Person wurde dabei gezeigt, wie sie gerade einen Dämon köpfte - und sofort war alle Aufmerksamkeit Greens wieder bei Greys Erklärung, denn diese Sekundenzeiger-Waffe sah verdächtigt nach der aus, die bereits das Leben von Siberu und Gary bedroht hatte.
"Das Element der Zeit gibt den Zeitwächtern bedingt die Macht über die Zeit, welche ihnen als immens starke Angriffskraft dient. Immer an der vordersten Front kämpfend ist diese Familie daher recht klein."
"Nicht zu vergessen wie sympathisch sie sind." In seiner Erklärung unterbrochen wandte Grey sich sichtlich verwirrt an Green; er schien es nicht gewohnt zu sein, dass ihn jemand unterbrach, denn für einen kurzen Augenblick konnte er scheinbar den Faden nicht wieder finden:
""Sympathisch"? Was... meinst du?"
"Ja, diese Furie, Kaira oder wie auch immer die heißt. Sie hat mich schon freundlich begrüßt."
"Oh, ja, sie hat ein wenig ... Haare auf den Zähnen." Grey lächelte ein wenig verschmitzt, doch Green war nicht nach Lächeln zumute. Stattdessen verschränkte sie die Arme und sah das Gemälde des mordenden Zeitwächters anklagend an, als wäre es Kaira selbst, die dort abgebildet war.
"Angreifende Haare offensichtlich", erwiderte Green grummelnd, als sie wieder daran dachte, wie Kaira Siberu und Gary ohne jeden Grund attackiert hatte.
"Angreifend? Sie hat dich angegriffen?! Aber das ... das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen." Und sofort richtete sich der anklagende Blick Greens nicht mehr auf die gemalte Person, sondern gegen Grey:
"Sie hat es aber. Sie hat ohne zu zögern einfach meine Freunde angegriffen und wäre ich nicht dazwischen gegangen, hätte sie sie wohl noch umgebracht!" Vor zwei Sekunden noch hätte Green schwören können, dass sie Greys Körpersprache richtig als nervös interpretiert hatte, doch die Nervosität war nach dieser Erklärung plötzlich von ihm gefallen - Greens Aussage schien ihn beruhigt zu haben.
"Lass uns später noch einmal zu diesem Thema zurückkehren, ja?" Green hatte sich unterbewusst, aus einem ihr unbekannten Grund, schon auf einen Streit eingestellt, doch gab angesichts seiner liebenswürdigen Höflichkeit nach - erstmal.
Zwar antwortete Green nicht, doch ihr Schweigen interpretierte Grey als Aufforderung, mit der Erklärung der Elemente fortzufahren und als hätte sie ihn nie rausgeworfen, führte Grey seinen Zeigefinger nun wieder zurück auf das Gemälde, um bei zwei fliegenden Personen mit grauen Haaren stehen zu bleiben:
"Dies ist mein Element, das Element des Windes. Unser Gebiet ist die Schnelligkeit - dank dieser sind auch wir an vorderster Front anzutreffen, da wir auch die einzigen Wächter sind, die fliegen können."
"Du kannst fliegen?", lautete Greens erste überraschte Frage, den fast angefangenen Streit plötzlich vergessend, welche Grey lächelnd bejahte, ehe seine Hand ihren Weg fortsetzte, bis er an den rechten Rand des Bildes gelangte, wo sich die letzten vier Personen aufhielten: zwei von ihnen mit pinken Haaren, die anderen mit hellblauen. Die Ersteren standen am Rand des Geschehens und beschützen die anderen Kämpfenden, indem sie eine pinkfarbene Barriere entstehen ließen - eine Technik, die Green sofort an Pink erinnerte. Waren das die Wächter, zu denen Pink gehörte?
"Hier haben wir einmal die Wächter des Klimas, welche diejenigen sind mit den hellblauen Haaren. Obwohl sie üblicherweise nicht an der Front anzutreffen sind, ist ein Krieg ohne sie unmöglich zu führen, denn sie sind unsere Strategen und traditionell auch unsere Ärzte. Die nächsten, die du am Rand des Bildes sehen kannst, sind die Wächter des Schutzes, zu denen auch unsere Cousine Pink gehört. Auch sie gehören nicht zur unserer Offensivmacht, aber kein anderer Wächter übertrifft sie, wenn es um Verteidigung geht." Einen Augenblick lang wandte Green sich von dem Bild ab und sah ihren Bruder verwundert an:
""Cousine"? Pink ist meine ..." Green schwieg verblüfft über diese Offenbarung, welche Grey mit fragenden Augen beäugte - hatte sie wirklich die ganze Zeit mit einem Familienmitglied unter einem Dach gewohnt, ohne es zu bemerken?!
"Ist sie wirklich meine ... ich meine unsere Cousine?" Offensichtlich verstand er ihre Verwirrung nicht und antwortete zögerlich:
"Ja, sie ist die einzige Tochter unserer Tante Violet und somit natürlich unsere Cousine." Plötzlich fühlte Green sich vollkommen überrumpelt. In innerhalb von nur einer Stunde bekam sie nicht nur einen großen Bruder, sondern auch eine Tante und eine Cousine? Vor einer Stunde war sie noch Vollwaise gewesen ...
Um sich abzulenken, wandte Green ihren Kopf hektisch zurück zum Bild und fand auch schnell eine Frage, um sich abzulenken:
"Das sind aber nicht die Elemente, von denen ich sonst immer gehört habe ..." Grey fand sein Lächeln schnell wieder und antwortete:
"Nein, die Menschheit definiert die Elemente anders als wir." Green beschloss sich dazu, es dabei zu belassen und ließ ihren Blick wieder über das enorme Kunstwerk gleiten, wobei sie nicht bemerkte, dass Grey sie lächelnd beobachtete und ihr folgte, als seine Schwester einige Schritte nach links ging, um wieder vor der Mitte des Bildes zu stehen, wo sich die einzigen Personen befanden, die Grey noch nicht erläutert hatte.
Drei komplett in Weiß gehüllte Wesen, die im Licht der aufgehenden Sonne erstrahlten und glorreich ihre Waffen in verschiedene Himmelsrichtungen hielten: Links stand ein Mann mit weißen Haaren und weißen Augen, angriffsbereit das Schwert in der Hand, auf der anderen Seite eine Frau mit den gleichen Merkmalen: Diese hielt allerdings einen Stab in ihren Händen, mit einer beschützenden Haltung. Das Geschlecht der Person in ihrer Mitte konnte Green nicht klar ausmachen: Diese hielt auch keine Waffe in der Hand, sondern streckte die Hand Richtung Himmel, in einer Beistand suchenden Haltung, aber dennoch mit einer unglaublichen Willenskraft.
Grey, der Greens Blick gefolgt war, begann nun auch diese zu erläutern:
"Dies, Green, sind die Hikari: die Wächter des Lichtes. Mit ihrem Licht erhellen sie die Dunkelheit, führen und beschützen unser Reich mit einer gerechtigkeitsliebenden Hand. Die Hikari sind das Oberhaupt unserer Rasse." Green bemerkte, dass er sie ansah, während er dies sagte - mit Erwartung in den Augen, welche sie nicht so ganz nachempfinden konnte. Was war es, was er erwartete?
Die beiden Geschwister setzten ihren Weg fort; Green sich weiterhin neugierig in diesem beeindruckenden Gebäudekomplex umschauend, bis er eine verzierte Tür öffnete und seiner Schwester höflich den Vortritt ließ.
"Dies ist mein Gemach. Ich denke, wir können hier ungestört reden."
Drinnen stockte Green kurz der Atem, denn das sah nicht aus wie ein normales Zimmer: Locker hätte ihre gesamte Wohnung zwei Mal hineingepasst. Der Einrichtungsstil des Zimmers war viktorianisch und abermals fühlte sie sich in der Zeit zurück befördert: auf dem großen Schreibtisch lagen Federkiele anstatt einer Computertastatur, die Bücher auf dem massiven Schreibtisch waren alt ... es herrschte Ordnung in diesem Zimmer, auch wenn es ziemlich voll war. Besonders der Schreibtisch quillte über, weil sich viele verschiedene Haufen von Dokumenten stapelten, sowie Bücher - aufgeschlagen oder auf einen Haufen gelegt. Ein großes Bücherregal enthüllte, dass er sehr belesen war, denn es sah aus, als wenn die Bücher regelmäßig vom Regal geholt und wieder zurückgestellt worden waren. Doch was Green besonders auffiel, waren zwei Mannequins gleich neben dem Schreibtisch, wo Grey anscheinend an zwei Kleidern arbeitete.
"Du ... schneiderst?" Ihr großer Bruder wurde ein wenig rot, als er antwortete:
"Ja, wenn die Zeit es zulässt, widme ich mich diesem Zeitvertreib mit leidenschaftlicher Freude." Das konnte man laut sagen, dachte Green, als sie um die Ecke spähte und einen hellblauen Wandschrank entdeckte, der größer war als das enorme Himmelbett gleich daneben.
Green warf noch einen Seitenblick auf ihren Bruder, wobei sie ihren Blick noch einmal über seine Kleidung laufen ließ und auf die Art, wie er seine Hände hielt und wie er ging, als er auf eine Sitzecke an einem riesigen, die Wand gänzlich einnehmenden Fenster zusteuerte. Er hatte einen eleganten Gang, seine adelige Kleidung, dieses riesengroße Zimmer ...
Eins war ihr klar: Was auch immer ihre Familie war, sie musste über enorme Mittel verfügen. Grey hatte gesagt, dass er ein Windwächter war. Was war sie dann? War sie auch eine Windwächterin?
Doch gerade, als sie diese Frage stellen wollte, öffnete sich die Tür leise und ein blondhaariger, junger Mann kam mit gesenktem Kopf herein. In seinen Händen befand sich ein Tablett mit dampfendem Tee, welchen er schweigsam auf den Tisch stellte.
"Guten Abend, Grey-sama." Seine Stimme war ruhig, beinahe monoton, doch das war nicht das, worauf Green in diesem Moment achtete: War er ein Diener? Ihr Bruder hatte einen Diener?!
Grey lächelte den jungen Mann erfreut an und richtete sich sofort auf, als dieser den Tee serviert hatte. Die beiden wechselten ein, zwei Blicke miteinander aus, ehe der Blondschopf sich an Green wandte und sich elegant verbeugte, was diese mit einem fragenden Blick beantwortete. Warum verbeugten sich bloß alle vor ihr?
"Green, darf ich vorstellen: das ist Ryô. Mein treuer Tempelwächter, aber zeitgleich auch mein bester Freund."
"Tempelwächter?", fragte Green verwirrt, doch Grey winkte mit der Hand ab, woraufhin er sofort auf den Sessel neben sich zeigte:
"Setz dich doch. Ich werde dir so viel erklären, wie du wünscht." Ehe er dies allerdings tat, wandte er sich noch einmal an Ryô:
"Ryô, wenn du noch nicht zu müde bist, würde ich dich nachher um deine Hilfe bitten." Während Green sich endlich setzte, fiel ihr auf, dass Ryô dies nicht zu gefallen schien: Seine goldenen Augen sahen plötzlich besorgt aus. Doch er fügte sich dem Wunsch Greys und verließ mit kaum hörbaren Schritten den Raum. Grey sah ihm hinterher, seufzte kurz, ehe er sich eine Tasse nahm und dazu ansetzte, einen Schluck von seinem Tee zu nehmen. Seine Schwester nahm ebenfalls eine Tasse, obwohl sie eigentlich nicht unbedingt ein Teetrinker war. Sie wusste nicht einmal, was es für ein Tee war, der sich in der verzierten Tasse befand, die sie in der Hand hielt, wovon sie keinen Schluck nahm, sondern ihn nur in der Hand behielt. Geduldig, aber angespannt, wartete Green, bis Grey einen Schluck von seinem genommen hatte, und stellte erst danach ihre Frage:
"Grey, du hast mir erzählt, zu welchem Element du gehörst. Doch zu welchem gehöre ich? Was ist mein Element?" Ihr Bruder schwieg. Ohne einen Laut zu verursachen, stellte er seine Tasse wieder ab, mit einem Blick, der ins Nichts ging. Green beobachtete ihn dabei genau, mit einer wachsenden Ungeduld, und obwohl sie ihm Zeit lassen wollte, so hatte sie doch das Bedürfnis, ihn um eine Antwort zu bedrängen; eine Antwort, die er nach mehreren schweigsamen Minuten endlich gab, mit einem Blick, der fest auf sie gerichtet war:

"Du, Green, bis die Nachfolgerin unserer Mutter, Hikari Akarui Tenshi Shinsetsu White, und somit die Erbin des Lichtes. Du bist eine Hikari und damit das Oberhaupt aller lebenden Wächter."

Vollkommen fassungslos starrte die eben zur Hikari Ernannten ihren Bruder an; absolut widerwillig, seinen Worten Glauben zu schenken - sie, eine Hikari, eine Lichtwächterin? Sie, ein reines Element vertretend? Sie, ein Oberhaupt? Das musste ein Fehler sein; das musste ein Irrtum sein!
Aber ihre Attacken ... sie griff mit Licht an, sie konnte in die Sonne sehen ... aber wie war das möglich? Wie konnte so jemand wie sie das Licht sein? Wenn sie das Siberu und Gary erzählte, würden sie ihr bestimmt auch nicht glauben ...

Dann fiel es Green wie Schuppen von den Augen.
Sie wussten es.

"Die heilige Familie der Hikari stand seit jeher an der Spitze der Wächter, denn sie hat das mächtigste Element von allen Wächtern; die größte Macht und die effektivste gegen die Dämonen", fuhr Grey fort, als bemerke er weder die Fassungslosigkeit auf Greens Gesicht noch die Tatsache, dass sie ihm nur noch mit einem halben Ohr zuhörte.
"Unsere Mutter ist eine legendäre Hikari: eine Hikari, die geachtet wird von unseren Familienmitgliedern, geliebt von ihren Untertanen und gefürchtet von unseren Feinden. Sie ist gütig, hilfsbereit, barmherzig, freundlich ... Sie ist rein. Die absolute Ikone für jeden Wächter. Großes hat sie in ihrer Zeit als Regimeführerin vollbracht." Green schwirrte der Kopf. Zu viele Dinge belagerten sie gleichzeitig, zu viele Informationen: sie hatten einen Bruder gefunden und gleichzeitig eine mächtige, heilige Familie, sie war eine Lichtwächterin - und dann war da noch die Tatsache, dass sie sich überaus sicher war, dass Siberu und Gary von alledem wussten. Warum sonst hätte Gary sie damals fragen sollen, ob sie in die Sonne blicken könne? Er wusste es von Anfang an ... und damit auch Siberu. Warum hatten sie es ihr nicht erzählt?
"Green?" Überrascht sah die Angesprochene auf und traf den Blick ihres Bruders, welcher sie besorgt ansah:
"Ich denke, es ist für heute genug. Du siehst ... müde aus." Green schüttelte den Kopf und versuchte, ein Lächeln hervorzubringen.
"Es gibt noch so viele Fragen ..." Grey nickte zustimmend, sagte aber auch, dass sie noch viel Zeit haben würden, um diese zu klären und dass man nichts überstürzen sollte. Green war der gleichen Meinung: außerdem wollte sie eigentlich so schnell es ging zurück, denn bevor sie noch mehr von ihrem Bruder erfahren würde, wollte sie mit Gary reden. Sie musste wissen, was es mit all dem auf sich hatte und vor allen Dingen, warum sie es ihr nicht erzählt hatten.
"Ich möchte aber gerne noch meinen richtigen Namen erfahren." Nun war es Grey, der so aussah, als wäre ihm plötzlich unwohl zumute; was Green wunderte - war es nicht eine gänzlich normale Frage? Eine normale Frage, auf die man ganz normal antworten konnte?
"Du musst wissen, Green ... die Namen aller Hikari werden mittels Vorhersehung bestimmt, daher tragen sie eine ganz entscheidende Bedeutung, die das Schicksal und den Charakter des Trägers widerspiegeln." Mit Spannung erwartete Green nun die Nennung ihres Namens - besonders nachdem sie bemerkt hatte, dass ihr Bruder aus irgendeinem Grund zögerte, Green ihren wahren Namen zu verraten. Er holte sogar noch einmal tief Luft und sagte dann:
"Dein Name lautet ... Kurai Yogosu Hikari Green." Dunkles, unreines Licht? Ein merkwürdiger Name, doch warum hatte er solange damit gezögert, ihn auszusprechen? Sie fand eigentlich, dass er Sinn ergab. Sie war nun einmal nicht besonders rein und sie fand nach wie vor, dass sie nicht zum Element des Lichtes passte.
"Weißt du, Green ...", begann Grey zögernd und es war offensichtlich, dass es ihm mit jedem ausgesprochenen Wort schlechter ging:
"Wir Wächter leben nach Regeln: Regeln, die unser Dasein in geregelte Bahnen lenken und an die wir uns halten; allen voran die Hikari. Unsere Mutter hat nie eine einzige von ihnen gebrochen." Regeln? Oh, das klang gar nicht gut. Ein verschmitztes Grinsen huschte über Greens Gesicht. Immerhin war das einzige, was Green mit Regeln verband, dass diese nur dafür existierten, um gebrochen zu werden.
"Bereits bei deiner Geburt, bei der Namensgebung, wurde bekannt, dass du ... dich nicht gerade an diese halten würdest."
"Ich glaube, da lag diese Vorsehung gar nicht so daneben. Daher stammt also dieser, ehm ... eher negativ klingende Name?"
"Ja."
"Aber ich kenne diese Regeln doch gar nicht. Dann kann ich mich doch unmöglich an sie halten."
"Ein Hikari tut das von Natur aus. Kein Hikari würde jemals beispielsweise auf die Idee kommen, zu stehlen. Hilfsbereitschaft wird hoch angepriesen. Egoismus ist ihnen fremd ..."
"Ach du scheiße."
"... Schimpfwörter werden nicht in den Mund genommen. Auch das Lügen ist verboten. Ich weiß, dass du gegen sehr viele verstoßen hast, ständig, immer wieder. Doch das eigentliche Problem ... der Grund, weshalb du diesen Namen trägst, ist ... dass klar war, dass du viele Regeln der A-Klasse brechen würdest." Greys Gesichtsausdruck verdunkelte sich.
"Ich habe niemanden umgebracht", antwortete Green wie aus der Pistole geschossen, denn das war das Einzige, von dem sie sich vorstellen konnte, dass es in die A-Klasse gehörte - auch wenn sie keine Ahnung von den Gepflogenheiten der Wächter hatte. Aber anscheinend war das Stehlen, was sie zugegebenermaßen schon öfter getan hatte, nicht eine Regelverletzung der A-Klasse. Sie konnte sich nicht vorstellen, was sie so Schlimmes getan haben konnte, was die Ursache war für Greys düsteres Gesicht.

"Deine "Freunde". Es sind Dämonen."

Lange sah sie ihren todernsten Bruder an, der sein Kinn auf seinen gefalteten Händen aufgestützt hatte und ziemlich verkrampft aussah. Was hatte das alles plötzlich mit Siberu und Gary zu tun? Wollte er ihr damit etwa sagen, dass ihr als Hikari das Zusammensein mit ihnen verboten war?!
"... na und?", antwortete Green und versuchte, dabei so gleichgültig wie möglich zu klingen, obwohl sie bereits spürte, wie Wut in ihr aufstieg. Eine Wut, die Grey scheinbar nachempfand, denn seine Stimme gewann an Härte, als er antwortete:
""Na und"?! Green! Dämonen sind unsere Feinde! Du kannst sie nicht als Freunde sehen!"
"Ich weiß selbst, dass die Dämonen meine Feinde sind. Ich habe es oft genug gemerkt! Aber Sibi und Gary sind anders! Sie sind meine Freunde, wir vertrauen uns!" Grey beugte sich über den Tisch und sah ihr direkt in die Augen, wobei das schöne Himmelblau plötzlich hart geworden war:
"Dir scheint nicht bewusst zu sein, dass dies alles nur eine List ist. Dämonen sind blutrünstige Wesen, die nichts anderes können als zu töten - es ist ihre Leidenschaft, sie haben Spaß daran! Es liegt in ihrer Natur zu zerstören, zu betrügen, zu töten - und auch dich betrügen sie, Green! Sie sind nicht und werden nie deine Freunde sein; lass nicht zu, dass sie dich und dein Herz missbrauchen." Tonlos starrte Green ihren Bruder an, bis sie ebenso tonlos den Kopf schüttelte. Einen kurzen Augenblick war sie geschockt, doch ihre temperamentvolle Wut drang schnell wieder an die Oberfläche: Sie würde nicht zulassen, dass man Siberu und Gary so etwas zuschrieb, ohne sie zu kennen - und genau dies brach auch aus ihrem Mund hervor:
"Du kennst sie doch gar nicht! Du kannst dir gar kein Urteil über sie erlauben! Aber ich kann es und ich weiß, dass ich ihnen blind vertrauen kann!" Geschockt sah Grey, dass Green mit ein wenig zu viel Gewalt die Teetasse zurück auf den Tisch stellte, ehe sie sich schwungvoll aufrichtete und auf die Tür zusteuerte.
"Green! Wo willst du denn ..."
"Nachhause." Und schon hatte Green, ohne sich noch einmal umzusehen, die Tür hinter sich geschlossen.
Grey war ebenfalls aufgestanden, als seine Schwester sich aufgerichtet hatte, doch er fiel wieder in den Sessel zurück, sich dazu entschließend, ihr nicht nachzulaufen. Ruhelos, aber auch traurig, sah er in den dunklen Tee, der ihm keine Wärme geben konnte, denn er war bereits kalt geworden.
Er hatte gewusst, dass es schlecht um Green stand. Aber er hatte nicht gedacht, dass es ... so schlimm war. War es etwa bereits zu spät? Es durfte nicht. Es durfte einfach noch nicht zu spät sein ... er würde nicht tatenlos zusehen, wie diese beiden Dämonen Green in den Abgrund hinabrissen.
"Grey-sama?" Aus seinen Gedanken geweckt blickte der Angesprochene auf und sah Ryô vor dem Tisch stehen.
"Oh, Ryô, du bist es ... ich habe dich gar nicht reinkommen hören."
"Ich habe gesehen, wie Tinami-sama Eure Schwester in die Menschenwelt zurückgebracht hat. Anscheinend hat Euer Gespräch nicht den gewünschten Effekt erzielt?" Tief seufzte Grey statt einer Antwort und stützte seinen Kopf auf seiner zusammengeballten Faust ab und hüllte sich in Schweigen. Sein Blick schweifte hinaus durch die großen Glasfenster in das Dunkel der Nacht.
"Ach, Ryô ...", seufzte er nach einer Weile ein weiteres Mal und fuhr niedergeschlagen fort:
"Ich will mir gar nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn ich ihr die Wahrheit über den Tag ihrer Geburt erzählt hätte ... Wie hätte sie es aufgenommen, wie hätte sie verstehen können, dass ihr eigene Familie versucht hat, sie umzubringen?"


Erst um drei Uhr morgens kam Green mit der Hilfe von Tinami wieder in ihren eigenen vier Wänden an, die ihr noch nie so willkommen gewesen waren. Die Einfachheit ihrer Wohnung war beinahe besänftigend; zwei kleine Zimmer, eine Stube, die mit der Küche kombiniert war und keine Malereien, keine verschnörkelten Wandzierden, keine Antiquitäten, kein Tempel, der irgendwie in der Luft schwebte: Diese Schlichtheit war noch nie so wunderschön gewesen.
Es war spät; die Wohnung lag verlassen vor ihr, denn Pink schlief augenscheinlich bereits.
Nachdem Green sich von Tinami verabschiedet hatte, war sie an der Tür ihres kleinen Heimes stehen geblieben. Seufzend lehnte sie sich an diese und sah gedankenverloren nach unten, während die letzten Geschehnisse Purzelbäume in ihrem Kopf schlugen, wie ihre Schuhe, die sie sich wie in Trance von den Füßen zwängte und die müden Füße in ihre Hausschuhe gleiten ließ.
"Kurai Yogosu Hikari Green ...", flüsterte sie leise vor sich hin. Ihr neuer Name. Ein Name, der ironischerweise wirklich sehr passend war, aber dennoch absolut fremd auf ihrer Zunge klang. Green Najotake; das war ihr Name - nicht irgendein Name, der durch Vorhersehung entstanden war. Kurai Yogosu Hikari Green war der Name einer Fremden. Einer Hikari.
Was genau war das eigentlich?
Sie hatte so viel erfahren, so viel gesehen; doch es war wie ein Traum, an den sie nicht glauben konnte.
Mit langsamen Schritten ging Green zu ihrer Balkontür und legte sanft ihre Hand auf die kühle Scheibe, dabei den Blick in den klaren Nachthimmel gleiten lassend, an dem die Sterne deutlich zu sehen waren.
War das, was sie gesehen hatte, wahr? Befand sich solch ein Ort, der Tempel, wirklich dort oben im Himmel? War das ihr Zuhause? Gehörte sie dorthin und nicht hier unten, zwischen die Hochhäuser von Tokio?
Green wusste es nicht: Sie war verwirrt. Eine so große Verwirrung, die sie in Mark und Bein spüren konnte und die ihr Sein komplett einnahm, war ihr vollkommen fremd. Nicht einmal die Enthüllung ihrer Nicht-Menschlichkeit hatte sie so aufgewühlt wie die letzten zwei Stunden.
Sie hatte einen Bruder, irgendwo da oben - plötzlich auch eine Mutter, welche sie nicht einmal begrüßt hatte, obwohl es in Greys Erklärung so geklungen hatte, als sei sie noch am Leben ... eine Familie, eine Abstammung - und das, wo sie bereits gelernt hatte, alleine zurechtzukommen und sich mit ihren nicht vorhandenen Wurzeln abzufinden. Sollten diese neugefundenen Wurzeln es nun sein, die ihr die Verbindung zu Siberu und Gary verbieten wollten? Lange kannte sie die beiden noch nicht. Aber sie war sich sicher, dass sie sie nicht missen wollte - und auch, dass sie den Worten von Grey nicht glaubte. Er kannte sie immerhin nicht. Er wusste nicht, was es für ein wunderschönes Gefühl war, nach enorm langer Zeit von jemandem erwartet zu werden. Er wusste nicht, wie schwer es ihr gefallen war, ihnen zu vertrauen und dass sie nicht bereute, es getan zu haben.
Dennoch musste sie sich die Frage stellen, warum die beiden ihr nichts von ihrer Abstammung erzählt hatten. Doch diese Frage war keine Anzweiflung an sie und brachte sie auch nicht dazu, ihr Vertrauen zu bereuen, denn sie war sich sicher, dass es einen Grund für ihr Handeln gab, auch wenn sie diesen jetzt nicht erklären konnte.
Wie kam Grey überhaupt darauf, so etwas zu denken?
Green hatte Tinami zwar nichts von ihrem Gespräch mit ihrem neu gefundenen Bruder erzählt, doch hatte sie wohl in ihrem Gesicht gesehen, dass die Wiedervereinigung nicht so gut gelaufen war wie von Grey erhofft. Tinami hatte ihr erzählt, dass ihr Bruder sehr besorgt um seine kleine Schwester gewesen war und obwohl sie sich nicht gesehen hatten, immerzu nur von ihr gesprochen hatte und wie sehr er sich darauf freute, sie wiederzusehen.
Green konnte dies nicht so recht glauben. Zwar hatte sie gespürt, dass er sich freute, sie zu sehen, aber ... warum war sie denn überhaupt von ihm getrennt gewesen, wenn ihre Gegenwart nicht unerwünscht gewesen war? Und ihre Mutter, und ...
Tief seufzte sie und entschloss, dass sie ihren Gedanken eine Ruhepause gönnen sollte. Morgen war ein neuer Tag: ein Tag, den sie nutzen würde, um mit Siberu und Gary zu reden. Vielleicht könnten sie ihr Antworten geben.

Der nächste Abend bot die perfekte Gelegenheit für ein solches Unterfangen, denn Green hatte den beiden Brüdern versprochen, dass sie an diesem Abend für sie zu Abend kochen würde. Sie hatte sogar schon dafür eingekauft gehabt alles, was man so benötigte, um ein chinesisches Gericht auf den Tisch zu zaubern. Sie hatte von Siberu erfahren, dass die chinesische Küche die Küche war, die Gary am liebsten mochte und der Hintergedanke bei diesem Abendessen war gewesen, gerade ihm eine Freude zu machen: als ein Dankeschön für die Zeit und Nerven, die er opferte, um ihr Nachhilfe zu geben.
Den gesamten Tag über hatten weder Siberu noch Gary sie gefragt, wie es gelaufen war: Beide hielten sich bedeckt, obwohl diese Frage und die damit verbundene Neugierde ihnen deutlich ins Gesicht geschrieben stand. Green war sich sicher, dass Gary Siberu darauf hingewiesen hatte, dass er nicht fragen sollte, sondern ihr die Möglichkeit geben musste, den Zeitpunkt selbst zu wählen. Auf der einen Seite war Green ihnen dankbar für diese Rücksicht, doch auf der anderen Seite fragte sie sich die gesamte Zeit, warum sie ihr überhaupt nichts von ihrer Abstammung erzählt hatten.
Doch sie würde bald ihre Antwort erhalten, denn sie hatte nicht vor, sich von diesem Gespräch abhalten zu lassen. Von nichts und niemandem, auch nicht von einem Dämon.
Zum Glück blieb ihr Glöckchen bis zum Abend ruhig und ruhte leise auf ihrer Brust, während sie sich in der Küche der beiden Halbdämonen breitmachte und ein wohlschmeckendes Gericht zusammenstellte; denn mit dem Kochen hatte sie absolut keine Probleme, da sie bereits so lange alleine gewohnt hatte.
Sie hatte Pink darum gebeten, in deren Wohnung zu bleiben, was sie zuerst überhaupt nicht einsehen wollte, sondern erst, nachdem Green ihr offen und ehrlich erzählt hatte, dass sie aufgrund des gestrigen Treffens mit Grey unbedingt alleine mit den beiden Brüdern reden wollte. Green hatte ihr Pfannkuchen gemacht und dies schien das kleine Mädchen so glücklich zu machen, dass sie ganz vergaß, irgendetwas Näheres über Grey nachzufragen. Während Green so in das glückliche Gesicht Pinks sah, fiel ihr plötzlich wieder ein, dass sie beide Cousinen waren ... das erklärte vielleicht auch, warum Green sich so verbunden mit ihr fühlte. Ob sie es auch wusste? Green könnte sie fragen, doch sie tat es nicht - noch nicht. Eine Baustelle zur Zeit. Und momentan machte sie sich mehr Gedanken darüber, wie sie das Gespräch mit den beiden Brüdern anfangen sollte.
Doch das Kochen stellte sich in dieser Küche als schwieriger heraus, als vorher von ihr angenommen, denn Siberu hatte sich dazu entschlossen, ihr ununterbrochen Gesellschaft zu leisten und war nicht gerade sparsam mit seinen Annäherungen, wobei er angeblich das Essen kosten wollte, daran zweifelten Gary und Green, die ihre Müh und Not hatte, ihn abzuschütteln, während Gary auf dem Sofa sitzend ihre Hausaufgaben korrigierte und sich eine spitze Bemerkung nicht verkneifen konnte:
"Ich hoffe, Green, dass das Essen nicht so mangelhaft ist wie diese Rechnungen hier." Green, die gerade das Essen nachwürzte, sah ihn mindestens genauso scharf an wie die Soße es war und antwortete:
"Noch ein Wort von dir und ich verliere ganz aus Versehen Unmengen an Pfeffer und Chili in deiner Portion und glaube mir, dann schmeckt es gewiss gut. Außerdem hast du doch schon einmal mein Essen probiert. Hat es dir etwa nicht geschmeckt?"
"Das war ein Nudelgericht. Ich denke, das ist nicht besonders schwierig." Green wollte eben etwas erwidern, als sich Siberu mit seinem liebsten Lächeln einmischte, indem er fragte, ob er ihr dabei behilflich sein sollte, den Tisch zu decken. Zwar kommentierte Gary Greens Aufgaben nicht ein weiteres Mal, doch der Blick, den er ihr sandte, als er sich zu Tisch setzte, sagte ihr deutlich, dass er nicht gerade von ihr begeistert war und sofort fragte sie sich, womit dieser arrogante Lehrer es überhaupt verdient hatte, dass sie extra für ihn Essen machte. Doch auch sie beließ es bei einem Blick und sagte nichts weiter dazu - Siberu wiederum wählte, die Stimmung komplett zu übersehen und begann sich aufzufüllen. Einen Moment lang herrschte Schweigen außer dem Geklirre des Geschirrs, als sie sich abwechselnd etwas zu essen auffüllten. Green hatte das Gefühl, dass sie beide darauf warteten, dass sie anfangen sollte, etwas zu sagen: dass sie beide überaus gespannt darauf waren zu hören, was in der gestrigen Nacht geschehen war. Doch sie wählte, sie auf die Folter zu spannen, denn anstatt über jene Geschehnisse zu reden, schwieg sie und nach einigen verstrichenen Sekunden beklemmender Stille probierten sie alle drei das Essen in beinahe dem gleichen Moment.
"Chinesisch ist zwar nicht unbedingt mein Fall, aber ...", fing Siberu mit einem Grinsen an und fuhr fort:
"Aber das hier schmeckt eindeutig gut!"
"Danke, Sibi", antwortete Green ebenfalls grinsend und sofort wandten sich beide erwartungsvoll an Gary, der bereits seine zweite mit Stäbchen gepackte Portion hinuntergeschluckt hatte. Er schien ihre Blicke zu bemerken, doch ließ sich Zeit damit, die offensichtliche Frage in ihren Augen zu beantworten.
"Es schmeckt, wie es schmecken soll."
"Hey, Aniki, du brauchst nicht so geizig zu sein mit deinen Komplimenten! Immerhin ist es ewig her, dass wir so was Gutes zu essen bekommen haben." Green, welche absolut nicht wollte, dass Siberu noch auf die Idee kam, seinem Bruder zu sagen, dass sie es extra für ihn gemacht hatte, wollte ihn in seinem Wortschwall unterbrechen, doch es war Gary, der dies tat:
"Du solltest lieber essen, anstatt zu reden: Das Essen ist definitiv zu schade, um es kalt zu genießen." Siberu schien mit dieser Antwort nicht zufrieden zu sein, doch das Mädchen zu seiner Rechten war es, denn ihr war bewusst, dass dies Garys Art war zu sagen, dass es ihm gut schmeckte. Vielleicht wäre es ihr genau wie Siberu auch nicht aufgefallen, wenn Gary und sie nicht einen kurzen Blick ausgetauscht hätten, der ihr gesagt hatte, wie sie es verstehen sollte: Denn auf ihren fragenden Blick hin war er rot geworden und hatte sich abgewendet, um sich weiter mit Siberu zu streiten. Es war ein Streitgespräch, das in eine vollkommen andere Richtung ging, dessen Inhalt vollkommen irrelevant war und auch niemanden interessierte - am allerwenigsten die beiden Halbdämonen selbst: Sie stritten sich, weil sie sich streiten wollten.
Green wusste nicht warum, aber diese Belanglosigkeit brachte ein Lächeln auf ihr Gesicht: Sie fühlte sich wohl.
"Weißt du, Sibi ... Ich beneide dich." Der Angesprochene hörte mitten in dem Satz auf, den er seinem Bruder hatte entgegenschleudern wollen, und sah Green fragend an:
"Um was?" Plötzlich sah Green eher desinteressiert in ihr Essen und mit einer erschöpften Stimme antwortete sie:
"Du hast einen Bruder, mit dem du dich gut verstehst ... ich kann das nicht gerade behaupten."
Zum zweiten Mal trat ein unschönes Schweigen ein, in dem sich alle Beteiligten etwas anderes dachten. Siberu fragte sich, seit wann er sich denn gut mit seinem Bruder verstand, während eben dieser sich zum einen über das Kompliment seitens Green wunderte, aber auch darüber nachdachte, ob dies der geeignete Moment war, um sie auf den gestrigen Abend anzusprechen, welcher ganz offensichtlich nicht so gut verlaufen war. Green dagegen ärgerte sich, dass ihr diese Bemerkung herausgerutscht war, denn dies war nicht der von ihr gewünschte Anfang des unvermeidlichen Gespräches. Sie räusperte sich daher und wechselte das Thema:
"Gary hat ganz recht gehabt: kalt schmeckt das Essen nicht!"


Zwei Stunden später beneidete Green Siberu nicht nur um seinen Bruder, sondern auch um seinen Schlaf: Siberu war während der Nachhilfe eingeschlafen, obendrein auf ihrem Schoß. Sie selbst wünschte sich auch nichts sehnlicher, als ebenfalls bald ins Bett zu kommen, denn sie hatte in der gestrigen Nacht weiß Gott nicht besonders viel Schlaf getankt.
"Gary ... Können wir nicht Schluss für heute machen? Ich bin hundemüde ..."
"Das kommt gar nicht infrage, immerhin gelingt es uns selten genug, einen Zeitpunkt für die Nachhilfe zu finden und du möchtest sicherlich in den nächsten Prüfungen nicht durchfallen, oder?" Natürlich war dies nicht der einzige Grund für Gary, die Nachhilfe trotz der späten Stunde noch fortsetzen zu wollen. Er spürte, dass das Mädchen rechts neben ihm nur auf den richtigen Moment wartete. Zwar wusste er nicht, wie dieser aussah, doch er konnte sehr geduldig sein und es hing förmlich in der Luft, dass sie mehr mit ihm bereden wollte statt nur die Geschehnisse zu schildern.
"Natürlich will ich das nicht", antwortete Green und schob ihr Rechenheft zu ihm rüber, damit er es kontrollieren konnte. Während er dies tat, glitt ihr Blick an ihm und dem roten Stift, mit dem er ihre Fehler markierte, vorbei und hinaus in den dunklen Abendhimmel, der von den Wolkenkratzern Tokios erhellt wurde. Dennoch erkannte Green, dass es wieder angefangen hatte zu schneien. Dieses Jahr war der Winter nicht besonders gnädig ihr gegenüber; es schneite wahrlich oft und vielleicht würde es sogar weiße Weihnachten geben.
Letztes Jahr hatte es nicht so viel geschneit, doch es hatte auch Abende wie diesen gegeben, wo es kalt und dunkel gewesen und draußen vor dem Fenster der Schnee gefallen war. An solchen Tagen hatte Green sich stets in ihrem Zimmer verkrochen, alleine, mit geschlossenem und zugezogenem Fenster. Sie wäre früh ins Bett gegangen, doch erst spät eingeschlafen aus Angst vor den üblichen Albträumen.
Und jetzt schlief Siberu ruhig auf ihrem Schoss, Gary kontrollierte ihre Aufgaben - es war warm, obwohl es draußen schneite und es Winter war.
"Green?" Die Angesprochene schreckte auf, als sie die Stimme Garys hörte, der ihr gerade das Heft zurückgeschoben hatte.
"Von den fünf Aufgaben sind zwei richtig", sagte er ihr und zeigte auf die beiden Aufgaben; die anderen waren übersät mit roten Strichen, die Green zu einem erschöpften Seufzen brachten:
"Das ist aber nicht gerade eine gute Quote."
"Besser als keine Aufgabe korrekt, würde ich meinen." Diese Worte brachten Green nur zu einem müden Grinsen, während Gary aufstand und sanft versuchte, Siberu zu wecken. Dieser reagierte nicht auf die Hand auf seiner Schulter; jedenfalls nicht so, wie Gary es sich erhofft hätte, denn der Rotschopf schmiegte sich nur noch mehr an Green.
"Scheinbar fühlt Sibi sich wohl."
"Ja, das erscheint mir auch so."
"Aber er schläft wirklich, oder? Bei ihm weiß man immerhin nie." Gary schüttelte den Kopf und sagte, dass er sehr gut erkennen konnte, wann sein kleiner Bruder schlief oder nur so tat als ob. Außerdem wusste er auch, dass Siberu den Schlaf bitter nötig hatte, denn er hatte die letzten Tage nicht gut bis gar nicht geschlafen, weil er auf Greens Rückkehr gehorcht hatte.
Gary verkündete, dass er ihn lieber ins Bett bringen würde, und hob ihn scheinbar ohne Probleme hoch, doch verschwand nicht mit Siberu in dessen Zimmer, ohne Green noch den Taschenrechner zu reichen mit den begleitenden Worten, was sie falsch gemacht hatte.
Green wollte gerade damit anfangen, Garys Erklärungen in die Tat umzusetzen, als er auch schon wieder zurückkam.
"Silver schläft wie ein Stein." Er setzte sich wieder zu ihr und fragte sie, ob sie die drei falschen Aufgaben heute noch korrigieren wollte oder ob sie am nächsten Tag weitermachen wollten.
"Ich möchte gerne etwas mit dir bereden", antwortete Green widerwillig, doch sie wusste, dass dies nun der Moment war, in dem sie es nicht mehr weiter hinauszögern konnte, auch wenn sie es gerne wollte.
Gary, der natürlich wusste, was sie mit ihm besprechen wollte, stimmte sofort zu und legte den Taschenrechner beiseite. Doch auch dieses Mal ließ sich die Wächterin Zeit, malte Kreise in ihr Rechenheft, während sie darüber nachdachte, wie sie das Thema beginnen sollte, ohne dass es zu anklagend klang.
"... Wusstest du, dass mein voller Name Kurai Yogosu Hikari Green ist? Und ich eine ... Hikari bin?" Zum dritten Mal an diesem Abend kehrte das unangenehme Schweigen zurück, dieses Mal jedoch nur zwischen zwei Personen. Zwei Personen, welche sich nicht ansahen: Green malte weiterhin Kreise und Gary blickte in die entgegengesetzte Richtung. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, die Gary benötigte, um eine Antwort auszuwählen und als diese endlich kam, war sie von der Kürze enttäuscht und verärgert:
"Ja." Die Mine von Greens Bleistift brach ab.
"... Gut. Und warum hast du mir das nie erzählt?" Ihre Frage klang anklagender als sie es gewollt hatte, doch die Wächterin spürte eine leichte Verärgerung in sich, obwohl sie sich den gesamten Tag eingeredet hatte, dass sie es nicht sein wollte.
"Ich habe versucht, es dir zu erklären."
"Oh nein, das hast du nicht. Ich glaube, dass ich mich daran erinnern würde, hättest du versucht, mir zu erklären, dass ich von einer was-auch-immer adeligen Oberhaupt-Familie abstamme!" Erst da wandte Gary sich ihr zu, im gleichen Moment, in dem auch Green sich von ihren Kreisen in ihrem Heft abgewandt hatte und beide sahen ernst in die Augen des jeweils anderen.
"Was hätte ich dir denn sagen sollen?! Hätte ich dir einfach so sagen sollen, dass du eine Hikari bist und unser Zusammensein daher gegen jegliche Naturgesetze verstößt?" Green wusste nicht warum, aber diese Worte von Gary zu hören machte sie nicht nur wütend, sondern auch traurig - es von Grey zu hören war eine Sache, aber es direkt von Gary zu hören ... tat weh.
"Verstehe. Du bist also auch seiner Meinung." Ohne dass der Halbdämon etwas dagegen tun konnte, richtete Green sich auf und wandte sich auch schon von ihm ab.
"Dann ist es wohl besser ... wenn wir uns nicht mehr sehen! Und ihr wieder das ... tut, was ihr halt tut! ...Und ich mach dann das, was eine Hikari so tut ... was auch immer die tun. Regeln befolgen und so." Green hatte sich in Richtung Tür gewandt, doch es gelang ihr nicht, einen Schritt in eben diese Richtung zu unternehmen, denn Gary hielt sie auf, indem er ihr Handgelenk packte:
"Was redest du denn da? So hatte ich das nicht gemeint." Insgeheim war sie froh darüber, dass er sie aufgehalten hatte, denn Green wollte von ihm genau das Gegenteil von dem hören, was sie gesagt hatte.
"Grey ... er sagte mir, dass ihr nur so tut, als ob ihr meine Freunde seid und dass ihr mich in Wahrheit ..."
"... umbringen wollen?" Sie nickte und sah in eine andere Richtung, als würde sie sich dafür schämen, dass ihr Bruder so etwas behauptet hatte.
"Ein anderer Gedanke war von einem Wächter auch nicht zu erwarten. Aber, Green, denk doch mal nach: Wir hatten oft genug die Gelegenheit, dir etwas anzutun, wenn wir es gewollt hätten und-"
"Blue, du kannst das nicht." Beide wirbelten herum und sahen Siberu in seiner Zimmertür stehen. Anscheinend hatte er genug geschlafen und offensichtlich einen Teil des Gespräches mit angehört.
"Ich dachte, du schläfst", entgegnete Gary, ohne auf die Worte seines kleinen Bruders einzugehen.
"Als ob ich schlafen könnte, wenn meine geliebte Green-chan so verletzt klingt; erst recht nicht, wenn es mein Bruder ist, der sie dazu gebracht hat!" Ohne dass es einem der beiden gelang zu antworten, schlang Siberu sich bereits um Greens Hals und sah sie mit großen Augen an:
"Ich kann ja verstehen, wenn du ihm nicht vertraust - aber was ist mir?" Seine großen Augen, alias sein perfekter Bettelblick, zeigte bei Green nicht die geringste Wirkung, denn diesen Trick beherrschte sie selbst und ließ sich nicht um den kleinen Finger wickeln. Mit einem ironischen Lächeln schob sie ihn von sich weg und antwortete schnippisch:
"Ich erinnere dich daran, dass du auf jeden Fall schon zwei Mal vorhattest, mein Glöckchen zu klauen - und es sah auch verdächtig danach aus, als würdest du mich umbringen wollen."
"Das war was anderes! Da war ich mir ja auch noch nicht bewusst, dass ich mich in dich verliebt hatte. Wir sind doch Freunde, oder? Und Freunde misstrauen sich nicht, auch wenn sie unterschiedlichen Rassen angehören! Nur weil du jetzt auch einen Bruder hast, heißt das noch lange nicht, dass wir nicht mehr zusammen sein können. Ich meine, wer interessiert sich schon für Naturgesetze und so'n Kram! Regeln sind da, um gebrochen zu werden; ist das nicht dein Motto, Green-chan?" Siberu sah vom einen zum anderen, die ihn beide sprachlos ansahen und ihn nicht davon abhielten, fortzufahren:
"Immerhin sind wir doch alle drei ein Team! Und ohne dich ist das nicht das Gleiche, Green-chan! Wir gehören zusammen! Und wenn dein Bruder etwas dagegen hat, dann ist er eindeutig ein schlechter großer Bruder." Sowohl Green als auch Gary waren sprachlos und genau so starrten sie ihn nach seiner dramatischen Rede auch an, nicht wissend, was sie antworten sollten. Erst nach verstrichenen Sekunden, in denen Siberu langsam ein wenig rot wurde bei dem, was er gesagt hatte, antwortete Gary:
"So ähnlich wollt ich das auch sagen, nur ... weniger dramatisch."
"Aber klar, Aniki, als ob du so was sagen könntest!", erwiderte Siberu spöttisch, während er sich wieder von Green löste.
"Meine Wortwahl wäre eine andere gewesen, aber die Bedeutung dieselbe. Ich hätte wohl nicht so übertrieben wie du."
"Ich habe nicht übertrieben! Ich habe es genau so gesagt, wie es ist! Zur Abwechslung war ich sogar ehrlich."
"Du und ehrlich? Passt irgendwie nicht zusa-" Weiter kam Gary jedoch nicht: von den beiden unbemerkt, und hatte ihre Arme um sie beide geschlungen, ohne ein Wort zu sagen. Fest drückte sie sie an sich, bemerkte nicht, dass die beiden Brüder von ihrer plötzlichen Reaktion überrumpelt rot geworden waren, genauso wenig wie die beiden bemerkten, dass kleine Tränen in den Augenwinkeln der neuen Hikari funkelten.
"... Green?"
"...-chan?" Green antwortete nicht. Jetzt wusste sie, warum sie sich an kalten Abenden wie diesen nicht mehr in ihrem Zimmer verkroch und darauf wartete, dass der Winter vorbeiging. Weil sie nicht mehr alleine war.
Sie war nicht allein.
"...Danke, ihr zwei ..."