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Episode 19
  Episode 19: Die erhabenen Drei
Green hätte nicht gedacht, dass ihr Aufenthalt im Jenseits so unterhaltsam sein würde; schon gar nicht im Beisammensein mit einem Familienmitglied, das schon vor mehr als fünfhundert Jahre gestorben war und vor dem Grey sie auch noch so vehement gewarnt hatte. Sie und Seigi verstanden sich prächtig; die ganze Zeit sprachen sie miteinander über dieses und jenes - ihr Gespräch war sogar so heiter, dass einige Hikari deren Weg sie kreuzten verwundert die Augenbrauen hoben, doch Green achtete gar nicht auf sie und das gleiche tat Seigi. Er wirkte ganz anders als ihr Bruder wie er davon erzählte, dass die Regeln zwar schön und gut seien, aber das wichtigste was es für einen Wächter zu lernen gab, war, die Regeln zu wahren und sie trotzdem zu umgehen; man musste sie einfach ein bisschen drehen; das war das Geheimnis, meinte Seigi grinsend. Nicht alle Hikari seien Heilige; sie wüssten nur, wie sie es so wirken ließen.
"Außer vielleicht deine Mutter", fügte Seigi nachdenklich hinzu:
"Angeblich hat sie wirklich noch nie eine der heiligen Regeln gebrochen. Aber ich glaube da nicht so wirklich dran. Jeder hat eine Leiche im Keller. Es kommt nur darauf an, wie tief man sie vergräbt - Hey! Wenn das nicht Blacky ist!" Green hätte viel lieber noch weiter mit Seigi gesprochen - er schien ganz auf ihrer Wellenlänge zu sein - aber als sie nun an einem langen Gang ankamen, an dessen Ende sich eine große Flügeltür befand, war ihr klar, dass nun der ernste Teil anstand. Und dort wartete tatsächlich ihr Bruder auf sie, wartend an der Wand lehnend, von welcher er sich sofort abfederte um auf sie zuzuschreiten. Grey versuchte zu lächeln, aber auf Green wirkte es falsch; doch auch Seigis Grinsen war verschwunden und stattdessen zeichnete sich auch auf seinem Gesicht ein fahles Lächeln ab.
"Vorhin hatten wir ja gar keine Gelegenheit uns zu begrüßen. Erfreut dich zu sehen, Blacky!", rief Seigi sich von Green lösend und seine starke Hand nun Grey reichend, die er annahm und fest zu drücken schien.
"Die Freude ist ganz meinerseits, Mörder."
"Du wirst es wohl nie verstehen, was?" Anstatt auf Greys finsteren Blick einzugehen, warf er einen seitlichen Blick an Green:
"Ich sag dir mal was, Greeny - wenn du deinen lieben, großen Bruder mal ein wenig ärgern willst, dann sprech ihn auf seine schwarzen Haare an. Whites Sohn hätte nämlich gerne weiße Haare." Green wollte gerade kichernd antworten, als ihr auffiel, dass in Seigis Augen etwas fieses, etwas abwertendes lag, als er wieder Grey ansah:
"Und der Grund warum deine Haare schwarz geworden sind, ist ganz klar, Blacky. Weil die heilige Farbe der Hikari dir als jämmerlicher Halbhikari nicht zusteht, ganz egal, wer deine Mutter ist." Green hätte erwartet ihren Bruder wütend zu sehen, doch er zuckte nicht einmal mit der Wimper. Im ernsten, aber ruhigen Tonfall antwortete er:
"Dann weiß ich bei besten Willen nicht warum du weiße Haare hast, Seigi." Der Angesprochene wollte gerade antworten, als hinter ihnen eine tiefe Stimme ertönte:
"Seigi, lass White-sans Sohn los. Sofort!" Als wäre die Stimme ein Stromschlag gewesen, ließen die beiden jungen Männer voneinander ab und schritten auseinander. Die Stimme gehörte einem hochgewachsenen Hikari, mit streng nach hinten gekämmten Haaren und somit einer hohen Stirn, die eine auffällige Narbe teilte, die quer durch sein rechtes Auge und seinem Gesicht ging; seine weißen Augen waren durchdringend und er wirkte streng; so streng, dass Green sofort schluckte. Grey jedoch schien sich zu freuen ihn zu sehen:
"Adir-san! Ihr konntet wirklich kommen; das freut mich." Adirs Augen weichten ein wenig auf, als er Grey grüßend anlächelte - und dann sah er kurz zu Green, die ihn fragend ansah, Seite an Seite mit Grey stehend. Er musterte sie kurz, aber durchdringend; aber nicht abwertend, sondern eher neugierig; verblüfft. Wie ein seltenes Tier. Er sagte jedoch nichts; kommentierte seine Begutachtung nicht, sondern wandte sich Seigi zu, mit einer erschöpft klingenden Stimme:
"Seigi, dir ist die Regeln 13B sehr wohl vertraut nehme ich an."
"Ich habe mich nicht mit ihm gestritten, wenn es das ist, worauf du hinaus willst. Wir haben debattiert!", erwiderte Seigi erhitzt und Green sah nichts mehr von einem Grinsen.
"Eine allseits gern benutzte Ausrede, die ich Leid bin zu hören. Wann lernst du endlich Grey den gebührenden Respekt zu zollen, so wie jeder Hikari seinen Mithikari akzeptiert und respektiert... oder eher sollte", fügte er mit einen Seufzen hinzu und sah Seigi dann scharf an.
"Haben wir uns verstanden?"
"Adir, Blacky ist aber definitiv kein Hikari-"
"Haben wir uns verstanden, Seigi?", sagte er diesmal mit einer messerscharfer Stimme, die keinen Widerspruch zuließ und dessen Seigi sich beugte. Aber widerwillig, wie Green sah, denn Seigi hatte seine Hände zu Fäusten geballt. Na, in was für eine friedliche Familie war sie denn geraten?
Adir sagte nichts weiter; sah nur noch kurz zu den beiden Geschwistern, lächelte freundlich und ging dann durch die große Flügeltür.
"Wer war denn das?", fragte Green sofort, kaum, dass die Tür hinter Adir zugefallen war. Grey himmelte mit den Augen, denn er hatte seiner Schwester mehrere Male von ihm erzählt:
"Hikari Hou Abaku Adir, Green. Wir sprachen auch über ihn; denn Adir-san ist als einer der ältesten Verstorbenen eine sehr wichtige Persönlichkeit die in seiner langen Zeit hier im Jenseits viele politische Angelegenheiten entschieden hat. Zu seiner Lebenszeit spielte er eine entscheidende Rolle im Abschluss des ersten Elementarkrieges."
""Elementarkrieg"? Was ist denn das?"
"So werden die Kriege wegen ihres umfangreichen Einsatzes der Elemente genannt. Die Kriege gegen die Dämonen. Auch das habe ich dir..."
"Momentan gibt es Sieben", fügte Seigi hinzu, jetzt anscheinend wieder mit guter Laune - oder die Wut verbergend?
"Der erste war der Längste; zu meiner Lebenszeit glaubte man er hätte mehr als 2000 Jahre gedauert."
"Mittlerweile ist aber dank Tao-san allgemein bekannt, dass er nur 741 Jahre gedauert hat." Tao? Hatte Green diesen Namen nicht erst vor Kurzen gehört?
"Und dann griffen die Dämonen 136 Jahre später wieder an. Der Aktuellste ging vor 16 Jahren zu Ende - eindeutig für uns." Grey schien dieser Aussage nicht ganz zustimmen zu wollen, doch kam Green ihn zuvor:
"Sagmal, greifen die Dämonen eigentlich immer zuerst an?" Seigis hob fragend die Augenbrauen, die Hände in die Hüfte gestemmt:
"Aber natürlich greifen die Dämonen immer zuerst an! Da ist doch klar, wir sind doch..." Dieses Mal unterbrach war es Grey der Seigi unterbrach:
"Danke, Seigi. Zurück zum eigentlichen Thema: Green, ich hoffe, du erinnerst dich noch, dass ich dir von "den Erhabenen Drei" erzählt habe? Adir-san ist nämlich einer von jenen." An Greens ratlos suchendem Blick erkannte Grey schnell, dass sie sich nicht erinnern konnte - war es verwerflich, dass er sich fragte, ob seine Schwester ihm überhaupt zugehört hatte? Seigi schien sich einen Spaß daraus zu machen, Erklärungen zu geben, die eigentlich Grey geben wollte und fiel ihm auch dieses Mal mit einer zweifelhaften Erklärung ins Wort:
""Die Erhabenen Drei" sind die drei Hikari die das Meiste zu sagen haben!"
"Überaus versimpelt ausgedruckt, ja. Das Trio besteht aus Adir-san, Shaginai, unserem Großvater, und unserer Mutter, weshab ich mich wundere, dass du dich nicht daran erinnern kannst, dass ich es dir erzäh-"
"Wahrscheinlich hast du es mit deiner staubigen Erklärungsart probiert, Blacky! Und wer würde sich dann noch daran erinnern können; nicht wirklich verwerflich, wie ich fin-"
"Die Erhabenen Drei genießen das größte Ansehen und haben bei den meisten Versammlungen das entscheidende Wort", fuhr Grey mit seinen Erklärungen fort ohne auf die Kritik Seigis einzugehen oder auf Greens heiteres Grinsen zu achten, die Seigi scheinbar zustimmen wollte.
"Man nennt sie übrigens auch "Der Gerechte", Adir, "Der Stolze", Shaginai und unsere Mutter nennt man auch "Die Reine", bezogen auf ihre Titel..." Dieses Mal war weder Seigi noch Green der Grund für Greys abruptes Abbrechen seiner Worte, sondern eine laute, durchdringende Stimme, die Green sofort erschüttern ließ und auch Seigi und Grey zum Zusammenfahren brachte:
"Das ist die reinste Zeitverschwendung!" Ein wenig angespannt lächelnd wandte Grey sich zum Ursprung der Stimme herum:
"Oh, da kommt unser Großva..." Weiter kam Grey nicht, denn genau in dem Moment als ihr Großvater tatsächlich mit großen Schritten um die Ecke stolziert kam, hatte Seigi Green und Grey an den Armen um die nächste Ecke gezerrt. Grey wollte schon protestieren, doch Seigi und Green hatten sich schon positioniert und luscherten um die Ecke. Warum Seigi sein Familienmitglied beobachten wollte, war Grey ein Rätsel, aber Green schien tatsächlich neugierig zu sein, weshalb Grey schnell beschloss sie nicht zu verraten.
"Ich stimme Ihnen nicht ganz zu, Shaginai-san. Ich denke es könnte interessant werden", antwortete ein anderer Hikari der ein kleines Stückchen hinter Shaginai ging und offenbar Schwierigkeiten hatte, mit ihm Schritt zu halten - der einzige Hikari, den Green sogar sofort erkannte; es war Hizashi einer der ältesten Toten, mit einem so strahlenden, falschen Lächeln, dass Green irgendwie unwohl wurde, aber auch wenn das Lädchen ihres Vorfahren ihr sofort auf den Gemälden ins Auge gestochen hatte, war dies nicht der Grund, weshalb sie sich ihn gemerkt hatte: er war der Autor der Dämonen-Enzyklopädie. Jenem Bücherschinken, der sie zum Einschlafen brachte. Und obwohl Green sogar mal wusste, wer der Begleiter ihres Großvaters war, interessierte sie sich nicht für ihn - zu sehr verschlug Shaginais herrischer Auftritt ihr die Sprache. Dieser forsche Gang, diese alles durchdringenden Augen, die überhaupt nicht weiß wirkten, sondern eher als wären sie aus Titan gehauen und seine kräftige Stimme die Green sofort an einen Richter denken ließ, der einen Richtspruch verkündete:
"Ich teile Ihren Enthusiasmus nicht. Sie scheinen sich ja schon richtig darauf zu freuen, Hizashi-san."
"Oh ja, das kann ich nicht verneinen..." Hizashi räusperte sich und richtete seinen Kragen:
"Immerhin hat ihre Enkelin-"
"Diese Missgeburt ist nicht meine Enkelin!"
Grey bereute es sofort, dass er sich nicht aufmerksam gemacht hatte, denn zwar sagte Green nichts und er konnte auch ihr Gesicht nicht sehen, da sie mit dem Rücken zu ihm stand, aber er hatte sie zusammen zucken gesehen und die verzagte, an der Wand abstützende Faust, brachte seine Stimme dazu mitfühlend zu klingen, als Shaginai und Hizashi hinter Tür verschwunden waren:
"Ich und Mutter haben ja versucht dich darauf vorzubereiten, Green..."
"Keiner von euch hat erwähnt, dass er meint, ich wäre eine Missgeburt." Dem konnte Grey nicht viel entgegen setzen, weshalb er auch bedrückt schwieg, denn er kannte keine Worte um diese Tatsache schön zu reden. Seigi sagte nichts; entweder er bemerkte die bedrückende Stimmung nicht, oder es interessierte ihn nicht:
"Schade, ich dachte er würde vielleicht etwas über die Sonderregeln verlieren..." Jetzt ging es Grey entscheidend zu weit und obwohl Green neugierig aufhorchte und sich gerade erkundigen wollte, was die Sonderregeln seien, nahm Grey Greens Hand und führte sie von Seigi weg, weshalb sie ihm stattdessen die Frage stellte, die Grey recht knapp beantwortete:
"Das sind Regeln für Dämonen." Wie konnte Seigi nur so gedankenlos dieses Thema anschneiden während Green in der Nähe war?! Hatte er denn überhaupt keinen Anstand, keine Allüre, keine Empathie?! Allein auf die Idee zu kommen einen Familienangehörigen zu belauschen konnte nur von einem Ungehobelten wie ihm stammen! Von wegen er brach keine Regeln, er tat es doch ständig!
Seigi sah den Geschwistern nach und musste dabei wieder an die Worte denken die Adir zu ihm gesagt hatte: "Wann lernst du endlich Grey den Gebührenden Respekt zu zollen?"
Er musste ein hohles Lachen unterdrücken: dem sollte er Respekt? Niemals. Er war ja nicht einmal ein Hikari. Im Prinzip musste er sich glücklich schätzen dieses Reich überhaupt betreten zu dürfen. Grey war immerhin nur ein Kaze - kein Hikari. Trotzdem genoss er ein - Seigis Meinung nach - viel zu hohes Ansehen und das hatte nichts mit seiner Persönlichkeit oder gar Fähigkeiten zu tun, sondern weil er Whites Sohn war. Der Sohn der Hikari, die alle als Gottgesandte verehrten! Nur deshalb wurde Grey mit Samthandschuhen behandelt, behandelt wie man einen Hikari behandelte. Seigi erinnerte sich noch genau an den Tag an dem Grey zum ersten Mal das Jenseits besucht hatte... ein kleines, verwöhntes Muttersöhnchen, ständig an dem Rockzipfel seiner Mutter hängend. Seigi konnte ihn von Anfang an nicht leiden und hatte seine Abneigung wohl auch ein paar Mal zu viel gezeigt. Doch Seigi hatte keine Spur von schlechtem Gewissen.
Seigis Meinung über Grey änderte sich erst als er ihm zufällig einmal beim Training gesehen hatte. Grey wurde, genau wie früher White, von den besten Hikari ausgebildet - man hatte eigentlich Seigi vorgesehen als Lehrmeister in Schwerkunst, aber dieser hatte sich verweigert. Was er nun im Nachhinein bereute, denn es währe die perfekte Gelegenheit gewesen Grey das Leben zur Hölle zu machen. Doch obwohl viel Zeit und Mühen in Greys Ausbildung investiert worden waren, so hatte Seigi trotzdem nicht geglaubt, dass er ein besonders guter Wächter werden würde. Aber nachdem er ihn beim trainieren unbemerkt zugesehen hatte, musste er zugeben, dass er sich geirrt hatte: Grey wusste sehr wohl wie man mit einem Schwert umzugehen hatte und besaß einen recht außergewöhnlichen Kampfstil.
Seitdem brannte Seigi darauf Grey in einem Kampf gegenüber zu stehen. Kein Trainingskampf, nein - einen Echtem bei den ihn niemand ermahnen würde, dass er doch so oder so nicht mit "Whites Sohn" umgehen könnte.
Aber das würde nur dann möglich sein, wenn Grey die Seiten wechselte - und dass Grey die
Seiten wechseln würde, war genauso unwahrscheinlich, als wenn White mit Dämonen Tee trinken würde.
Seigi seufzte tief und ging durch die große Flügeltür.


Green konnte es kaum glauben, aber es schien wirklich ein... relativ normales Familientreffen zu sein, auch wenn sie der Normalität des Treffens sehr skeptisch gegenüber war. War das Lachen, das sie hier und dort am langen Tisch hörte echt und nicht gespielt? Waren es normale Gespräche die sie führten, oder vertuschen sie etwas? Niemand sprach mit ihr; es war eher so, dass man sie komplett ignorierte, als wäre sie Luft; nicht einmal ein kleiner Seitenblick wurde ihr zugeworfen. Man hatte sie neben Grey platziert, welcher wiederrum neben White saß - auch sie war in einem Gespräch vertieft. Sie, Adir und Shaginai hatten die Köpfe zusammen gesteckt und hielten sich aus den Gesprächen um sie herum heraus. Auch sie hatten von Green keine weitere Notiz genommen und das war auch gut so. Wenn sie hier nur herumsitzen und nichts tun sollte, war das wirklich um einiges einfacher als von ihr angenommen; einfacher aber auch langweiliger, denn sie mischte sich nicht von sich aus in einem der Gespräche im ihr herum ein. Abwesend fing sie ein paar Gesprächsfetzen auf, dessen Inhalt sich für die unerfahrene Hikari nicht erschloss und hatte auch keine besondere Lust sich in jenen Gesprächen einzumischen - sie wollte diesen langweiligen Nachmittag einfach schnell hinter sich haben... vielleicht konnten sie und ihre Mutter ja danach noch ein wenig miteinander reden?
Der Nachmittag nahm jedoch eine unauffällige, jedoch entscheidende Wendung, als Grey sich von Green entschuldigte, da eine auffällig hübsche Frau ihn zu sich winkte - sie war wirklich sehr hübsch, wie Green bemerkte, während sie Grey dabei zu sah als er sie auf seine elegante, vornehme Art begrüßte. Langes, gewelltes, seidiges Haar, reich verziert mit dezenten Blumen und sanfte, sehr weibliche, Gesichtszüge. Worüber sie sich wohl unterhielten?
Da Green sie nicht so auffällig Anstarren wollte, verbarg sie ihr Gesicht hinter einem der vielen, auf den Tisch verteilten, Regelbücher, weswegen sie sich auf Greys Platz setzte um an eines heran zu kommen. Warum verteilte man auf einem Familientreffen Regelbücher als wäre es ein spannendes Magazin? Sie sollte eine Liste über die Merkwürdigkeiten ihrer Familie machen...
"Shaginai, das kann unmöglich dein Ernst sein!", hörte Green Adirs Stimme plötzlich rechts von ihr und wunderte sich über seinen aufgebrachten Tonfall - stritten die drei sich? Weiterhin tat Green so, als wären die heiligen Regeln das interessanteste was sie je gelesen hatte, obwohl das Gespräch der drei Erhabenen nun um einiges spannender war, als ein paar viel zu alte Regeln:
"Und warum sollte es nicht mein Ernst sein? Warum sollten wir nicht auch einmal einen Krieg anfangen?"
Green verlor vor Schreck fast das Buch: Krieg?! Einen Elementarkrieg gegen die Dämonen?!
"Hältst du das wirklich für das richtige Thema für ein Familientreffen?", erwiderte Adir um einiges ruhiger als Green es getan hätte, die bemerkte, dass ihre Hände zu zittern angefangen hatten.
"Es gibt für mich keine andere Möglichkeit mit dir ins Gespräch zu kommen; immerhin weigerst du dich an einen Prozess teilzunehmen, Adir. Also, was hältst du von meinen Vorschlag?" Green flehte Adir in Gedanken förmlich an, gegen den Vorschlag zu sein und ihre Gebete schienen erhört:
"Ich halte nichts von so einem Vorschlag. Seit wann ist es an uns einen Krieg zu beginnen? Dazu kommt noch, Shaginai, dass es keine Anzeichen dafür gibt, dass unsere Feinde die Absicht verfolgen in absehbarer Zeit den nächsten Krieg zu beginnen; der letzte Krieg liegt erst 16 Jahre zurück... Ich denke damit lässt sich auch ihr Passivität zur Zeit erklären und natürlich dürfen wir auch Whites Bannkreis nicht vergessen." Innerlich atmete Green erleichtert auf; genau, sie planten keinen Krieg. Hoffte sie auf jeden Fall - und, passiv?! Sie fand nicht gerade, dass die Dämonen sich "passiv" verhielten. Hatte ihre Familie überhaupt eine Ahnung davon wie wenig Schlaf Green, wegen deren angeblich so "passiven" Art, vergönnt war?!
"Ich bitte dich!", erwiderte Shaginai aufgebracht;
"Sollte das wichtigste nicht sein, dass wir dieses lästige Dämonenproblem endlich aus der Welt schaffen?! ... Ich sage euch, dass sie sich aktuell zurückhalten kann sich nur um eine Falle handeln. Wir dürfen den Fehler mit Espiritou del Aire nicht wiederholen und noch einmal riskieren, dass wir so viele Wächter sterben lassen. Wer weiß ob es uns... unter den aktuellen Umständen ein weiteres Mal gelingen würde uns aus der Asche zu erheben. Der Bannkreis meiner Tochter würde uns vor Herausforderungen stellen, aber keine Unlösbaren; vielleicht würde er uns sogar ungeahnte Vorteile bieten, weshalb wir die Forschung innerhalb dieses Gebiets unbedingt fördern sollten." Redet es ihn doch endlich aus, dachte Green, redet es ihm aus!
"Über die Förderung lässt sich natürlich reden. Warum besprecht ihr das nicht bei der nächsten Ratsversammlung ob wir die nötigen Mittel dafür besitzen? Allerdings sollte eine solche Förderung unserer Verteidigung dienlich sein... nicht unserem Angriff, Shaginai. Auch wenn ich natürlich verstehe, warum dir das ein besonders wichtiges Anliegen ist, immerhin..."
"Damit hat das nichts zu tun", erwiderte Shaginai mit kalter, schneidender Stimme, die Adir auch zum Schweigen brachte, weshalb sich White nun zu Wort meldete und Green dazu brachte erleichtert aufzuatmen, denn ihre Mutter war ja wohl nicht für einen Krieg:
"Ich halte es nicht für richtig einen Krieg anzufangen, Vater, ganz gleich wie günstig eine Lage auch für uns aussehen mag. Es verstößt gegen unseren Kodex." Green dankte ihrer Mutter tausendfach für diesen Einwurf, dem sich auch Adir anschloss:
"Ich gebe White absolut Recht, Shaginai. Außerdem haben wir genug Probleme in unseren eigenen Reihen, weshalb ich eigentlich nicht verstehe, warum du ein solches Thema überhaupt besprechen möchtest..."
"Diese Probleme werden schon noch schnell genug gelöst - ist doch bereits alles in die Wege geleitet!" Er schwieg kurz, dann fing er wieder an:
"Ich kann euch Beide bei besten Willen nicht verstehen! Ist es nicht unsere Aufgabe den Frieden zu sichern?! Dafür müssen wir halt über dieses Detail hinwegsehen, immerhin ist unser Hauptanliegen die Vernichtung unserer Feinde und wenn sich ein günstiger Moment bietet, sollten wir ihn zu nutzen wissen!" Jetzt wusste Green woher sie ihren Sturkopf geerbt hatte...
"Vater, ich kann nicht glauben was ich da höre: was ist mit unseren Kodex "Erhebe deine Waffe nur wenn du angegriffen wirst"? Willst du das wirklich über Bord werfen? Das wird keinen Frieden bringen, sondern das Gegenteil. Solange sie uns nicht direkt angreifen, haben wir keinen Grund es als Erstes zu tun. Wenn wir anfangen sie anzugreifen, begeben wir uns auf die gleiche Stufe wie die Dämonen."
"White trifft es auf dem Punkt", schloss Adir ab, doch Shaginai war nicht gewillt klein Bei zu geben; er grummelte, schwieg eine Weile und dann wurde Green eiskalt getroffen und zwar von Adir:
"Aber wir könnten herausfinden ob die Dämonen einen erneuten Krieg planen um dieses Thema endgültig abschließen zu können... Yogosu?"
Die Pluspunkte die Adir gerade gewonnen hatte, verlor er auch sofort wieder. Zuerst tat Green so als hätte sie es nicht gehört um nicht den Eindruck zu wecken, dass sie gelauscht hatte und reagierte erst als Adir sie ein weiteres Mal direkt ansprach. Sie sah auf, legte das Buch beiseite und sah aufmerksam in seine Richtung - plötzlich war es außerordentlich ruhig geworden; alle hatten ihre eigentlichen Gespräche unterbrochen, als hätten sie alle nur auf das gewartet, was jetzt passieren würde.
"Deine "Freunde" sind nach meinen Informationen Dämonen?" Zwar sah Green es nicht, da ihr Blick auf Adir gerichtet war, doch sie konnte Grey förmlich erblassen sehen.
"Halbdämonen", korrigierte Green:
"Aber ja, sind sie." Adir deutete ein gleichgültiges Zucken mit den Schultern an ehe er antwortete:
"Das ist nicht von Belang. Ein Wesen durch dessen Adern mehr als 20% Dämonenblut läuft, wird als solcher kategorisiert." Green sagte dazu nichts und er fuhr fort:
"Kann ich dir eine Frage stellen?" Adir faltete seine Hände und stützte seinen Kopf auf diese; er hatte ein ruhiges Lächeln auf dem Gesicht, aber die Stimmung war zum Reißen gespannt, weshalb Green überrascht war, dass sie nicht nervös wurde; es fiel ihr nicht schwer ihm zustimmend zuzunicken.
"Ist dir dank deiner "Freunde" zu Ohren gekommen, ob die Dämonen einen neuen Elementarkrieg planen?"
"Wir reden sehr selten über dieses Thema", antwortete Green wahrheitsgemäß und hielt seinem Blick stand, die Umgebung ausfilternd, weshalb sie auch nicht bemerkte, wie die Hikari unter sich Blicke austauschten: Hizashi hatte einen Notizblock herausgeholt, wurde aber von Mary von seinem Vorhaben abgebracht indem sie den Kopf schüttelte und ihm mit einem vorwurfsvollen Blick bedachte; Seigis an Grey gewandtes Grinsen war voller Schadenfreude, doch dieser bemerkte es nicht - er war zu angespannt. Auch Shaginai hatte großes Interesse an dem Gespräch; nur White verbarg ihre Unruhe.
"Aber du könntest es herausfinden...", bemerkte Adir mit ruhiger Stimme, sich scheinbar nicht von Greens nun leicht finstererem Blick aus der Ruhe bringen lassend.
"Was verlangt Ihr von mir? Das ich meine besten Freunde ins Kreuzverhör nehme?"
"Das sind nicht deine Freunde, sondern deine Feinde!", brach es aus Shaginai heraus und er schien noch mehr sagen zu wollen, doch Green fiel ihm ins Wort:
"Ich weiß, dass Dämonen meine Feinde sind! Aber Gary und Sibi sind anders. Sie würden mich niemals verletzen! Sie beschützen mich auch oft! Wir erledigen die Dämonen zusammen, gehen gemeinsam zur Schule, essen gemeinsam zu Abend und lernen zusammen!" Diese förmlich aus Green heraus gepurzelten Worte lösten unerwartet eine Welle von Fragen aus, auf die sie gar nicht vorbereitet war:
"Sie beschützen eine Hikari?"
"Was soll daran schon unnormal sein? Es ist immerhin allgemein bekannt das Dämonen sich gegenseitig umbringen."
"Wohl wahr."
"In Lights Namen! Wie ist eine solche Denkweiße nur möglich...!"
"Dämonen besuchen eine menschliche Schule?"
"Vielleicht liegt es daran, dass sie Halbdämonen sind?"
"Die Vorstellung, dass eine Hikari am gleichen Tisch zu Abend isst wie Dämonen..."
"Stell dir das lieber nicht vor."
Ein Räuspern White brachte die aufgeregten Hikari zum Schweigen; ein Schweigen welches allerdings nur kurz hielt, ehe die Fragen sich nun direkt an Green richteten, die nun gezwungen war eine Frage nach der anderen zu beantworten; jede Frage reizte Green mehr, doch sie befahl sich selbst ruhig zu bleiben - ihr war bewusst, dass ein Wutausbruch das Schlimmste war, was jetzt passieren konnte. Aber es war schwer; sehr schwer.
Shaginai lehnte sich auf seinen Stuhl zurück und beobachtete fast schon genüsslich das Schauspiel das sich ihm bot. Er sah seiner Enkelin förmlich an, dass sie sich nicht mehr lange zurück halten können würde und ob sie nun die Beherrschung verlieren würde oder nicht; mit jedem kleinen unnormale Wort aus ihrem Mund schaufelte sie ihr Grab tiefer. Es war nicht einmal nötig, dass er eingreifen musste; sie kreidete ihre Fehler schon selbst an und jeder der noch so sehr auf eine friedliche Lösung plädiert hatte oder jene, die sich schlichtweg geweigert hatten zu glauben, dass eine Hikari eine auf Sympathie beruhende Bindung zu Dämonen aufbauen konnte, wurde mit jedem weiteren Wort davon überzeugt wie unnormal dieses Mädchen war... und dass die Gefahr, die von ihr ausging, real war.
Adir wandte sich tiefseufzend von dem Schauspiel ab und warf einen verstohlenen Blick zu Shaginai, dem das ganze ohne Zweifel sehr zusagte. Adir, durch und durch ein sehr Familienbewusster Wächter, konnte Shaginais Verhalten nicht verstehen - dieses komische Mädchen war immerhin seine Enkelin; sein eigen Fleisch und Blut und keine weit entfernte Verwandte. Natürlich war auch Adir gegen Unreinheit und er konnte auch nicht gerade von sich behaupten, dass er Green sympathisch fand, aber seiner Meinung nach waren die Sonderregeln einen Schritt zu weit in die Radikalität - und diese Radikalität war es, die für weitere Probleme sorgte indem sie die Familie der Hikari in zwei Lager teilte.
Adir konnte sich bei besten Willen nicht vorstellen, dass dieses Mädchen den ganzen Aufwand überhaupt wert war... ihre Aura war überaus schwach und er konnte sich nicht vorstellen, dass sie mangelnde Lichtmagie mit Können ausglich und wenn sie sterben würde, dann kam sie wegen ihrer offensichtlichen Unreinheit nicht ins Jenseits. Die Gefahr, die Shaginai und jene in ihr sahen, die auf Shaginais Seite waren, sah Adir nicht und das war auch der Grund, weshalb er sich weigerte an den aktuellen Ratsversammlungen teilzunehmen - es war ihm zu blöd.
Green riss sich außerordentlich zusammen um auch ja höflich auf alle Fragen zu antworten die ihre Familie ihr stellte; eine Frage nach der anderen beantwortete so kurz gebunden wie möglich und als ihre Familie schwieg, hoffte sie, dass sie die letzte Frage beantwortet hatte, doch dann wurde die alles entscheidende Frage gestellt:
"Wie kannst du dir so sicher sein, dass sie dich nicht einfach nur ausnutzen, um an Informationen zu gelangen?" Green empfand diese Frage so simpel, dass ihre aufgestaute Wut fast schon abflaute.
"Aus einen sehr einfachen Grund; weil ich ihnen vertraue."
"Du vertraust Dämonen?" Green lächelte, errötete sogar ein wenig, wirkte ein wenig überrascht über ihre eigenen Worte, sagte sie aber dennoch mit liebenswerter Entschlossenheit:
"Es hat nichts mit der Tatsache zu tun, dass sie Halbdämonen sind. Wir sind Freunde... Nein, wir sind mehr. Ich würde meine Hand für sie ins Feuer legen." Das Geräusch eines umstürzenden Stuhls ließ alle Hikari zu Shaginai blicken, inklusive Green, deren Lächeln ernst geworden war. Shaginai war wütend aufgesprungen, fast so als währe Greens Wut auf ihn übergegangen; wutentbrannt durchbohrte seine stählernen Augen sie und es gelang ihm nur mit Mühe seine Stimme unter Kontrolle zu halten:
"Wie kannst du es wagen solche Worte zu sagen als Hikari! Wie kannst du es wagen solche Worte hier zu sagen! Besitzt du denn kein Schamgefühl!?"
""Schamgefühl"?!", wiederholte Green mit brodelnder Stimme Shaginais Blick erwidernd, während Grey sich am liebsten die Hände über den Kopf zusammengeschlagen hätte - warum mussten ausgerechnet die beiden aneinander geraten!? Er hatte es ja schon befürchtet... hatte es als unvermeidlich gesehen... aber warum beim ersten Treffen?
"Ich soll mich schämen, dass ich Freunde habe?!"
"Wenn du auch nur einen Funken Stolz als Hikari in dir besitzt, dann solltest du dich tatsächlich schämen solche Wesen "Freunde" zu betiteln!" Green wurde plötzlich ruhiger; ihre Wut schien zu erkalten und bewusst wählte sie ihre Worte als ihr plötzlich wieder durch den Kopf schoss, dass ihr eigener Großvater die eine Missgeburt nannte und genau deshalb sprach sie ihn mit folgendem Wort an:
"Großvater..." Shaginai zuckte bei diesem Wort so heftig zusammen als hätte sie ihn geschlagen, doch Green ignorierte es und fuhr fort:
"Du hast vollkommen Recht! Ich bin nicht stolz darauf eine Hikari zu sein. Warum sollte ich das auch? Ich will kein Leben in welchem ich nicht einmal selbst bestimmen darf welche Farbe ich trage, was ich denke und welche Freunde ich hab! Das nenne ich nicht "leben"! Ich lebe allein für mich, nicht für die Menschheit und auch nicht für euch! Deshalb werde ich nicht darum betteln von euch akzeptiert zu werden. Es ist mir nämlich ehrlich gesagt gleichgültig was ihr von mir denkt. Ich bin nun mal "unrein" - und verdammt stolz drauf!" Shaginai war bei jedem Wort bleicher geworden. Doch nicht nur er, so gut wie alle Hikari starrten Green entsetzt an, als währe sie das leibhaftige Unheil.
Erschöpft und sichtlich schockiert sank Shaginai in seinen Stuhl zusammen und brauchte einen Moment um sich wieder zu sammeln - dann keifte er:
"...Raus. Verschwinde! RAUS!"
Green sagte dazu nichts, sondern stand einfach nur auf und verließ den Raum.


Keiner der Hikari sagte etwas, oder tat etwas; Grey war der erste der sich rührte, als er den Raum verließ um Green hinterherzurennen; sie alle waren zu schockiert von dem, was sie eben gesehen und gehört hatten und niemand bemerkte, wie Whites Hände zu zittern begannen als sie sich langsam zu ihrem Kopf hoben, zuckten - um sich dann mit aller Macht ihrer kleinen Porzellanhände die Ohren zuzuhalten.
Es herrschte absolute Stille im Raum, doch in Whites Kopf dröhnte es. Die Melodie... die Melodie... die verfluchte Melodie; lange verdrängt, lange erfolgreich verdrängt - doch jetzt brachte sie ihr ganzes Sein zum Zittern.

Die Nocturne.

Sie hörte wieder jeden Ton, so klar, so klar, als wäre es erst gestern gewesen, als sie in ihr Sein eingebrannt worden war; wieder, begleitet von dieser schrecklich traurigen Melodie der Nocturne, sah sie die in sich eingesperrten Bilder der Vergangenheit - und ganz deutlich, angeregt durch die in ihr wiederhallenden Klänge der Nocturne und Greens leidenschaftlichen Worten... sah sie ihn jetzt wieder ganz deutlich vor sich.
Das strahlende Himmelblau seiner Augen; so aufrichtig, so lebensfroh - und die Worte die Greens so sehr ähnelten:

"Ich versteh Euch nicht, White-sama!"
"Selbstverständlich versteht Ihr mich nicht. Wie solltet Ihr auch? Ihr seid nun mal kein Hikari. Auf Euch lastet nicht das Schicksal des Wächtertums! Dies ist mein Leben, meine Welt... und ich bin zufrieden damit."
"Dies nenne ich nicht "leben"! Ihr wisst doch gar nicht was das Wort "leben" überhaupt bedeutet."


Wie konnte das nur möglich sein? Wie konnte Green ihm nur so ähnlich sein obwohl sie keine Blutverwandtschaft mit ihm aufwies und ihn auch niemals kennen gelernt hatte?

Wie konnte Green Kanori so ähnlich sein?!


Erschöpft lehnte sich Green an die Wand vor der großen Flügeltür und sah in das unendliche Nichts der weißen Decke - sie hatte eigentlich geglaubt, dass sie sich besser fühlen würde, wenn sie ihrer Familie die Leviten lesen würde, doch irgendwie... fühlte sie sich nicht sonderlich erfreut. Es war ihr egal, was ihre ganzen Vorfahren von ihr dachten - und es war ihr auch egal, dass sie sie jetzt alle verärgert hatte, aber dennoch hätte sie sich für Grey und White zurückhalten sollen, denn sie machte den beiden damit Probleme, die sie nicht verdient hatten. Aber hätte Green ihre Freunde verleugnen sollen? Nein; auch wenn Green noch "neu" auf dem Gebiet der Freundschaft war, so war sie fest davon überzeugt, dass man die Personen, die man Freunde nannte, niemals verleugnen durfte.
Aber vielleicht hätte sie weniger radikale Worte nutzen sollen...
Sie sah auf als die Flügeltür aufging und Grey auf sie zusteuerte. Kurz vor ihr blieb er stehen und die beiden Geschwister sahen sich kurz in die blauen Augen des jeweils anderen, ehe Green leicht beschämt wegsah; keiner von ihnen sagte etwas und schweigend ließ sich Green auf den Boden rutschen, während Grey sich wie sie vorher an die Wand lehnte.
"Entschuldigung...", flüsterte Green kaum hörbar. Grey sah zu seiner Schwester herunter und seufzte kaum hörbar:
"Schon gut..." Was sollte Grey schon dazu sagen? Er konnte ihr nicht sagen, dass sie gerade ihr Schicksal besiegelt hatte und sich lieber bei sich selbst entschuldigen sollte, als bei ihn.
Green bemerkte jedoch an seinen Blick - und an der Stimmung - dass er eigentlich etwas anderes hätte sagen wollen, doch es gelang ihr nicht mehr zu antworten, denn die Tür öffnete sich ein weiteres Mal und heraus kamen die Hikari, die alle an ihr vorbei gingen, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Nur Seigi hob kurz die Hand zum Gruß und Green könnte schwören, dass Shaginai ihr einen zutiefst verächtlichen, aber auch triumphierenden Blick zugeworfen hatte.
Als Letzte verließ White den Raum. Sofort sprang Green auf die Füße und Grey federte sich von der Wand ab, obwohl sie keinen ihrer beiden Kinder ansah, als sie auf sie zu ging, fast so, als wäre sie mit ihren Gedanken gänzlich woanders.
Green blickte auf ihre Füße und wartete darauf, dass ihre Mutter etwas zu ihr sagen würde; etwas zu Recht weißendes, vielleicht enttäuschte Worte - doch das tat sie nicht. Gerade als Green sich einfach auch bei ihr entschuldigen wollte, umarmte White Green plötzlich und völlig unerwartet.
Green war absolut sprachlos. Das... das war ihre erste, mütterliche Umarmung - sie wusste gar nicht, wie sie reagieren sollte; durfte sie sich freuen, obwohl sie Mist gebaut hatte?
Doch dann bemerkte Green etwas was ihre Freude sofort verrauchen ließ:
Ihre Mutter weinte.
Hilfesuchend sah Green zu ihrem Bruder, doch auch er sah aus als müsste er die Tränen zurückhalten - was...was war denn nur los?
White sagte etwas, doch es fiel Green schwer, sie zu verstehen, da die Stimme ihrer Mutter abgeharkt war und von Greens Körper teilweiße verschluckt wurde. Aber White wiederholte es; immer die gleichen Worte, weshalb ihre Tochter deutlicher und deutlicher bewusst wurde, was ihre Mutter sagte:
"...Es tut mir Leid... Es tut mir Leid.... Es tut mir Leid..."