Online: 1 Heute: 18 Gesamt: 172376
Episode 01
  Episode 01: Ein gutes Argument
Mit einem erstickten Keuchen stürzte Green auf den mit groben Sandkörnern ausgelegten Untergrund und hustete und prustete, da die Hand, die sie zu Fall gebracht hatte, ihr einen Schlag gegen ihren Brustkorb verpasst hatte. Aber wenn Green glaubte, dass Itzumi deswegen mit ihrem nächsten Angriff warten würde, hatte sie sich geirrt - sie wartete nicht einmal, bis ihre Herrin sich wieder aufgerichtet hatte. Mit ungeschickter Müh und Not gelang es Green sich zur Seite zu rollen, womit sie der Attacke ihrer Tempelwächterin entging und schnell genug wieder auf den Beinen war, um einem weiteren goldleuchtenden Hieb von rechts knapp auszuweichen.
Itzumi attackierte sie schweigend und ohne die kleinste Andeutung einer Gefühlsregung - doch sie musste nichts sagen; Green sah die Geringschätzung und die Missachtung, die sie ihrer Herrin gegenüber empfand, auch ohne dass Itzumi sie in Worte umformulierte. Manch einer hätte sich wahrscheinlich gefreut oder wäre stolz darauf, ein besserer Kämpfer als sein Kontrahent zu sein, aber Itzumi schien wütender und wütender zu werden mit jedem Angriff, dem Green nicht entgehen oder parieren konnte. Aber was hatte Itzumi denn erwartet - was erwarteten sie alle eigentlich von ihr?! Natürlich konnte Green nicht so gut kämpfen wie die anderen Wächter; offensichtlich war sie nicht einmal so gut wie ihre eigene Dienerin - aber woher sollte sie dieses Können auch besitzen? Hatte es ihr jemand beigebracht? Nein; sie hatte sich alles selbst beigebracht und eigentlich war sie auch ziemlich stolz darauf, mit der Hilfe von Siberu und Gary bis jetzt mit relativ wenig Blessuren überlebt zu haben.
Aber nein, das war natürlich nicht gut genug; das war ihrer Familie nicht gut genug - und was sollte dieser Schwachsinn, dass sie lernen sollte, ohne ihren Stab zu kämpfen!?
Und als Green ein weiteres Mal von Itzumis wohl platziertem Schlag auf den Boden befördert wurde, stellte die junge Hikari sich wieder einmal die Frage, was sie hier eigentlich tat: wie konnte ein harmloser Besuch ihres Bruders nur in so etwas ausarten?


Green konnte nicht gerade behaupten, dass dies der gemütlichste Zeitpunkt ihres Lebens war; selten hatte sie so eine angespannte, gar bedrohliche Stimmung erlebt. Den ersten Besuch ihres Bruders in ihrer eigenen Wohnung hatte sie sich gewiss anders vorgestellt. Dieser saß ihr nun gegenüber, flankiert von Ryô und Itzumi, während die Dämonenbrüder jeder auf der anderen Seite von Green saßen - die Einzige, die ihr Gegenüber nicht irgendwie abwartend oder feindselig beobachtete, war Pink. Sie saß am Ende des Couchtisches und schien als einzige Anwesende gute Laune zu haben, wie sie mit ihrem Hello!Kitty-Plüschtier auf einem Kissen hockte und fröhlich hin und her wackelte, nachdem sie den überraschten Besuchern das angebrannte Ohr ihres Plüschtiers gezeigt hatte. Anders als Grey hatte sie auch überhaupt nicht auf Greens blutbeflecktes Oberteil reagiert; für sie schien klar zu sein, dass es von einem Dämon stammen musste, der aber natürlich bereits besiegt war - das hatte Green auch Grey erzählt; eine Lüge, die er nicht so ganz zu glauben schien, es aber dabei beließ.
Siberu musterte Grey ziemlich skeptisch und sah öfter zu Green, als ob er die Ähnlichkeit der beiden Geschwister überprüfen wollte. Ryô dagegen blickte abwechselnd zwischen Siberu und Gary hin und her, Itzumi sah aus den Augenwinkeln ständig zu Grey und dieser versuchte, die beiden Halbdämonen systematisch nicht zu beachten, indem er stur nur Green ansah, die seinen ernsten Blick herausfordernd erwiderte. Gary war der Einzige, den es scheinbar nicht interessierte, dass sie gerade Besuch bekommen hatten; was natürlich nicht wahr war, doch er ließ sich die Anspannung nicht anmerken.
"Grey, kann ich dir etwas zu trinken anbieten? Wasser?", fragte Green nach einer Weile, als sie bemerkte, dass Grey einen kritischen Blick über die Wohnung und ihre Einrichtung schweifen ließ und sie ihm keine Möglichkeit geben wollte, seine Meinung zu äußern.
"Nein danke, Green. Wir werden uns hier nicht lange aufhalten." Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, stand Green auf und richtete ihr Wort an Siberu und Gary:
"Und was ist mit euch?"
"Gerne, Green-chan!"
"Das Übliche, stimmt's, Sibi?" Als Antwort bekam sie ein grinsendes Nicken, woraufhin sie sich Gary zuwandte:
"Wasser?" Gary nickte und Pink sagte in ihrem üblichen schrillen Tonfall, dass sie gerne Kakao haben wollte. Doch bevor Green sich hinter der Theke, die die Küche von der Stube trennte, an die Arbeit machte, warf sie noch einen Blick auf Grey und Siberu, ehe sie mit scharfer Stimme verkündete:
"Ein negatives Wort und ihr fliegt raus! Alle beide!" Grey grummelte irgendetwas als Antwort, was Green von Weitem nicht hören konnte; sie konnte aus den Augenwinkeln nur sehen, dass Ryô Grey beschwichtigen musste, während Siberu sich murrend an Gary wandte:
"Warum hat Green-chan es denn nicht zu dir gesagt?"
"Das ist ganz simpel: weil ich weiß, wie man sich zu benehmen hat", antwortete er und konnte einen rechthaberischen Schielblick zu seinem Bruder nicht zurückhalten, was den Angesprochenen nur zu einem leisen Grummeln brachte, denn das konnte er nicht verneinen - und er wäre auch nicht Siberu gewesen, wenn er diese unverhoffte Gelegenheit nicht nutzen würde, um ein paar Dinge mit Greens Bruder zu klären. Er überlegte nicht einmal besonders lange; achtete nur darauf, dass Green den in der Stube sitzenden Besuchern den Rücken zugekehrt hatte und lehnte sich dann provozierend über den Tisch.
Sofort erwiderte Grey das finstere Anfunkeln des Rotschopfes.
"Was willst du, Halbling?", fragte der Windwächter genervt auf Japanisch; zuvor hatte er nur in der Sprache der Wächter gesprochen und nun zeigte sich auch warum: sein Japanisch war nicht sonderlich ausgereift.
"Sag mal… ich habe gehört, dass bei euch Wächtern Inzest normal ist." Gary machte sich bereit, zu handeln; aus der Küche ertönte der Wasserkocher. Grey blieb ruhig, auch wenn seine Stimme Verärgerung nicht verbergen konnte:
"Ja, das ist es." Siberu achtete ganz offensichtlich nicht auf seine Umgebung und fuhr ungehindert fort:
"Und? Wie sieht es mit dir aus? Stehst du auf Inzest?" Den vielsagenden Blick an Green hätte er sich definitiv verkneifen müssen, aber es waren seine Worte, die Itzumi und Ryô dazu brachten, sich alarmierte Blicke zuzuwerfen, die Grey jedoch nicht sah. Seine sonst so hellen Augen hatten sich verdunkelt und seine Körpersprache wirkte plötzlich merkwürdig steif:
"Ich wüsste nicht, was dich das angeht, Halbling." Noch bevor Siberu antworten konnte, hatte Gary ihn am Kragen gepackt und mit Wucht zurückgezogen, womit auch Grey sich zurücklehnte - und somit begann der Windwächter in der Sprache der Wächter mit seinem Tempelwächter zu reden. Man musste die Sprache nicht verstehen, um zu merken, dass die unüberlegten Worte Siberus ihn erzürnt hatten und die beschwichtigenden Worte Ryôs schienen keinen Effekt zu haben. Gary kam sich irgendwie blöd vor, weil er deren Sprache nicht beherrschte und er genau wusste, dass die drei über ihn und seinen Bruder redeten.
"Die reden aber echt nett über euch!" Beide Brüder drehten sich hastig zu Pink, die die beiden unschuldig anstrahlte.
"Sag bloß du kannst die Sprache verstehen, Pink?", fragte Siberu überflüssigerweise, denn natürlich konnte Pink die Sprache verstehen; immerhin war sie auch ein Wächter.
"Klar, ihr nicht?"
"Pink-chaaaan! Was sagen die denn?", säuselte der Rotschopf sich zu ihr beugend, die ihm auch sofort das Gespräch übersetzte:
"Grey-chan meint, es wäre eine Frechheit, wie du es wagen kannst, so mit ihm zu reden, und äh… warte, äääääh, Ryô sagt, dass Grey es ja nicht mehr lange ertragen muss oder so. Grey-chan redet über…hä? Das Wort kenn ich nicht… Sonder…regeln? Was ist das denn? Ryô antwortet, dass sie den Auftrag-"
"Pink!", rief Grey so aufgeregt dazwischen, dass Green, die gerade wieder zu ihnen kam, beinahe das Tablett mit den Getränken verlor. Als er bemerkte, dass er unhöflicherweise seine Stimme zu laut erhoben hatte, wurde er ein wenig rot, doch er richtete sich nichtsdestotrotz zornig an die beiden Halbdämonen:
"Wie könnt ihr es wagen, Pinks Naivität für eure gemeinen Zwecke auszunutzen?!"
"Und wie könnt ihr es "wagen", die Sprache der Wächter zu benutzen?", fragte Green, nachdem sie die Gläser auf den Tisch gestellt hatte und nun ihre Hände in ihre Hüfte stemmte, Grey vorwurfsvoll anblickend, der allerdings mehr Angst davor hatte, dass sie deren Gespräch gehört hatte, als vor ihrem Vorwurf:
"Findet ihr es nicht ein wenig unhöflich Sibi und Gary gegenüber?" Kurzes Schweigen, in welchem Grey deutlich anzusehen war, dass er es absolut nicht unhöflich fand, aber Green ignorierte seinen Blick sowie Siberus Beipflichtung, dass "Green-chan" natürlich absolut recht hatte.
"Sagt mal; könnt ihr euch nicht fünf Minuten unterhalten, ohne dass ihr euch streitet?" Sie seufzte demonstrativ und fuhr fort, während sie wieder neben Siberu und Gary Platz nahm:
"Also, Grey… was ist der Grund für deinen Besuch? Und wenn du in deiner Sprache sprichst, werde ich nicht antworten." Grey sah sie kurz an, schien zu überlegen und sagte dann auf Japanisch:
"Ich muss mir dir reden, Green. Wenn es möglich wäre …" Seine Augen huschten zuerst zu Gary, dann zu Siberu, bevor sie wieder bei Green landeten:
"…allein." Siberu öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch Green kam ihm zuvor:
"Solange du in meinen vier Wänden bist, hast du nicht das Recht, meinen Besuch rauszuwerfen." Deutlich spürte Ryô, wie Itzumi sich unruhig regte, als sie hörte, wie unhöflich Green mit ihrem älteren Bruder sprach, doch sie konnte sich zum Glück zurückhalten, sich wohl selbst daran erinnernd, wer von den beiden ihr eigentlicher Herr war.
"Green, ich glaube, du solltest tun, wonach dein Bruder verlangt", mischte sich nun Gary mit einem ruhigen Tonfall ein, womit er sich ein Anstarren aller Anwesenden einhandelte. Deshalb wandte er sich an Green, um die offensichtliche Frage, die sich in ihrem Gesicht zeigte, zu beantworten:
"Es muss sich immerhin um etwas Wichtiges handeln; ansonsten wäre dein Bruder wohl kaum höchstpersönlich hierher gekommen." Grey sah ihn forschend an, was Gary nur aus den Augenwinkeln bemerkte, da er zu Green schaute, die seinen Blick eher bockig erwiderte. Grey gefiel es nicht, wie er mit Green redete. So… schrecklich vertraut. Doch viel beunruhigender empfand Grey die Art, wie dieser Halbdämon seine Schwester ansah und dass sie seinen Blick auch noch erwiderte - und dass seine einsichtigen Worte bei seiner sonst so widerspenstigen Schwester zu wirken schienen. Sie nickte langsam und richtete sich dann zusammen mit den beiden Halbdämonen auf.
"Gut, von mir aus. Aber erst einmal will ich ein paar Wörtchen mit Sibi und Gary wechseln. Ich hoffe, mein großer Bruder erlaubt mir das?" Widerwillig nickte der Angesprochene, auch wenn er nicht nachvollziehen konnte, warum sie auf ein Gespräch mit den beiden bestand - doch Grey hoffte einfach, dass Green diese Halblinge danach rauswerfen würde, weshalb er sich nicht sträubte.
Sofort verschwanden die drei in Greens Zimmer und sie verschloss die Tür hinter sich. Kaum war die Tür zu, ließ Siberu sich maulend auf den Boden fallen und verschränkte missgelaunt die Arme über der Brust.
"Was bildet sich dieser Lackaffe eigentlich ein?! Ich kann ihn nicht leiden. Das weiß ich jetzt schon!"
"Keine Sorge, Sibi. Ich denke, er mag dich auch nicht", erwiderte Green mit einem kleinen Grinsen, als sie sich auf ihr Bett setzte; Gary dagegen blieb an ihrer Zimmertür, als wolle er sich so wenig wie möglich in Greens kleinem Zimmer umsehen. Siberu fühlte sich natürlich wie Zuhause; er hatte sie immerhin schon mehrere Male mit einer stürmischen Umarmung aus dem Schlaf geweckt und kannte Greens Zimmer wie sein eigenes - für Gary dagegen war es das erste Mal, dass er sich in ihrem Zimmer befand und ihm war ein wenig unwohl zumute. Das Zimmer an sich war allerdings relativ unspektakulär: die Wand rechts von ihm wurde, genau wie es auch in seinem Zimmer der Fall war, komplett von einem großen Wandschrank eingenommen, daneben befand sich ein großer Spiegel, an welchem Fotos der Familie Minazaii angeklebt waren - allerdings keine, auf denen Green ebenfalls zu sehen war - und links daneben ein ordentlich gemachtes Bett, bezogen mit blauer Bettwäsche. Auf der Kommode gegenüber vom Bett lagen einige Wächterbücher, die allerdings nicht benutzt aussahen, zusammen mit den Sportutensilien, die Green für rhythmische Gymnastik benötigte und dafür wohl entweder gekauft oder aus der Schule stibitzt hatte, denn Gary meinte nicht, dass es erlaubt war, die Utensilien mit nach Hause zu nehmen. Einen Schreibtisch besaß sie nicht.
Neben den eigentlich unerlaubten Gymnastik-Utensilien und den Wächterbüchern war das einzig Eigenartige an Greens Zimmer die Tatsache, dass es recht dunkel war - das große Fenster, das mit hellen Vorhängen versehen war, war mit einem Rollo zugezogen. Ob sie es wegen dem Schnee den gesamten Winter lang zugezogen hielt?
"Also, Jungs …", begann Green, das eine Bein über das andere schlagend:
"...Ich werde mir schnell das anhören, was mein Bruder mir zu sagen hat, hoffen, dass er dann wieder abzischt und dann kommt ihr einfach wieder, okay?" Ohne auf eine Antwort zu warten, richtete sie ihr Wort speziell an Siberu:
"Sibi... Plan L. Egal was passiert, halte dich daran, okay?" Das Gesicht des Angesprochenen hellte auf, er schlug die Hände zusammen und antwortete mit einem Grinsen:
"Wie Ihr wünscht, Madame!"
"Könnte ich auch mal eingeweiht werden?", fragte Gary misstrauisch von einem zum anderen blickend, doch Siberu zuckte nur neckisch mit den Schultern:
"Davon verstehst du eh nichts, Aniki! Nicht wahr, Green-chan?"
"Haargenau! Das ist ein Diebesgeheimnis! Aber, Sibi, höchste Diskretion!" Gary verstand immer noch kein Wort, doch er beschloss, lieber nicht weiter nachzufragen, weshalb sich Siberu nun erhob und Green hastig umarmte, ehe sie etwas anderes tun konnte:
"Green-chan, halt dich bloß nicht zu lange mit diesem Kerl auf!" Dann verschwand er, doch ehe Gary es ihm gleich tun konnte wandte er sich noch einmal an Green:
"Pass auf dich auf." Green sah ihn verwundert an, schmunzelte dann und antwortete lachend:
"Gary… er ist mein Bruder!"
"Ich weiß. Aber ich hab ein ungutes Gefühl bei der Sache." Green stand vom Bett auf und sagte lachend:
"Keine Sorge! Grey würde sich eher selbst umbringen als mir irgendetwas anzutun." Gary erwiderte ihr Lächeln kurz, nahm allerdings schnell wieder seinen gewohnten, ernsten Gesichtsausdruck an, verabschiedete sich von ihr und verschwand.
Green sah kurz schweigend auf den Fleck, wo er eben noch gestanden hatte. Was Gary wohl damit gemeint hatte? Eigentlich konnte man sich ja immer auf sein Gefühl verlassen… Aber was sollte an Grey gefährlich sein? Er wollte sie sicherlich ermahnen, dass sie mehr in ihre Bücher schauen sollte... oder sie vielleicht einladen, in den Tempel zu kommen... oder vielleicht bekam sie eine verspätete Standpauke wegen dem Familientreffen - ja, das war es garantiert, dachte Green und seufzte, die Augen resigniert Richtung Decke gewendet.
Da sie nicht gerade heiß darauf war, nahm sie sich bewusst Zeit, aus ihrer blutigen Kleidung herauszukommen - wobei sie allerdings unfreiwillig ins Stocken geriet: Schmerzen zuckten durch ihren Körper, als sie ihren in Mitleidenschaft gezogenen Rollkragenpullover über den Kopf zog und mit gerunzelter Stirn besah sie sich Grund; den geraden Kratzer, der deutlich auf ihrem Hals sichtbar war. Er war ein wenig bläulich, lilafarben geworden und wenn Green mit den Fingern über die kleine Wunde strich, musste sie ein schmerzhaftes Stöhnen unterdrücken. Wahrscheinlich sollte sie Jod darauf tun, aber dieses befand sich im Badezimmer und dafür musste sie durch die Stube - und nein, sie wollte nicht, dass Grey Wind davon bekam. Das war eine Sache, die ihn nichts anging; die Wunde würde sicherlich bald heilen. War doch nur ein Kratzer!
Aber Gott, er tat weh. Sie hätte nicht gedacht, dass Siberu zu so einer schmerzhaften Magie fähig war … aber warum nicht? Er war immerhin ein Dämon; was hatte sie denn sonst geglaubt? Warum war sie so erstaunt über den Schmerz?
Sie seufzte noch einmal, entschloss sich dazu, nicht mehr darüber nachzudenken und kleidete sich ein, sich dabei seelisch auf die Standpauke vorbereitend. Sie wollte gerade mit den Armen hinter dem Kopf verschränkt den Raum verlassen, als sie beim Vorbeigehen die Ohrringe, die Gary ihr zu Weihnachten geschenkt hatte, auf der Kommode liegen sah.
Bis jetzt hatte sie kaum Gelegenheit gehabt, sie zu tragen, da hängende Ohrringe in der Schule nicht erlaubt waren. Ihr persönlich war das natürlich egal, aber Gary hatte darauf bestanden, dass sie sie nicht in der Schule tragen sollte - er hätte sie ihr nicht geschenkt, um sie zu einem Regelverstoß zu animieren, hatte er mit tadelnder Stimme gesagt und mit himmelnden Augen hatte Green nachgegeben.
Aber jetzt waren sie genau das Richtige, um Grey ein wenig zu ärgern, überlegte Green mit einem Grinsen - und obendrein kleideten sie Green auch noch, wie sie feststellte, als sie sich im Spiegel betrachtete. Sie hätte Gary gar nicht zugetraut, dass er dafür ein Händchen besaß... natürlich war ihr klar, dass Siberu garantiert geholfen hatte bei der Wahl des Geschenks, aber alleine der Gedanke, dass Gary...
"Green, ich glaube, Grey-chan ist leicht genervt!" Errötend fuhr Green zusammen und wirbelte zu Pink herum, die ihren blonden Haarschopf durch die Tür geschoben hatte.
"Oh, Green! Du trägst ja Garys Ohrringe ..." Aus einem Green unbekannten Grund wurde sie noch röter:
"I-Ich komme ja schon, ich komme ja schon ..."


In der Wohnung nebenan war Siberu sofort in Stellung gegangen, daher erhielt Gary die Erklärung auf die Frage was "Plan L" bedeutete recht schnell, denn er fand seinen Bruder kniend an der Wand seines Zimmers, das Ohr konzentriert horchend an eben diese gepresst.
"Aha. Dafür steht also das "L" - für "Lauschen"", konstatierte Gary, mit verschränkten Armen in der Zimmertür seines Bruders stehend. Verärgert drehte sich ebendieser herum, den Finger an die Lippen gelegt:
"Pssst! Ansonsten kann man doch gar nichts hören! Green-chan hat zwar ihre Zimmertür offen gelassen, aber so gut sind meine Ohren nun doch nicht, dass ich deren Gespräch verstehen kann, wenn du dazwischen quatschst. Komm lieber her!" Schon wandte sich Siberu wieder seinem Lauschen zu und ignorierte das verzagte Seufzen seines Bruders. Er mochte es nicht, zu lauschen und kam sich ziemlich blöd vor, als er es seinem Bruder gleich tat - aber Green hatte die beiden ja dazu aufgefordert... und tatsächlich war ihre Stimme recht deutlich durch die Wand zu hören, weshalb sich Gary sofort die Frage stellen musste, ob Siberu so etwas schon öfter getan hatte, aber er behielt die Frage für sich.
"Also, Onii-chan - was gibt's so Dringendes zu besprechen?" Grey antwortete nicht sofort; er schien zu zögern; die Antwort, die dann jedoch folgte, überraschte sowohl Green als auch Gary:
"Green, ich hoffe, du bist damit einverstanden, dass deine schulische Ausbildung hier in der Menschenwelt von nun an beendet ist." Green verschluckte sich beinahe an ihrem Getränk, als sie das hörte.
"Wie bitte?!" Genau dasselbe wollte Gary auch sagen, doch er hielt sich zurück und begnügte sich damit, verwirrte Blicke mit seinem Bruder auszutauschen.
"Wie kommst du dazu, dich in mein Privatleben einzumischen?! Wie kommst du überhaupt auf die Idee, das entscheiden zu können?! Ich meine, ich gehe vielleicht nicht unbedingt gerne zur Schule, aber ob ich nun hingehe oder nicht, das entscheide immer noch ich!" Grey blieb ruhig angesichts Greens wütender Reaktion:
"Nun, erst einmal ist es nur für vier Monate, Green ..." Seine Schwester hatte offensichtlich keine Geduld, ihm zuzuhören:
"Vier Monate?! Ich bin sowieso schon keine besonders gute Schülerin ..." Gary gab ihr nebenan stillschweigend recht -
"...wie soll ich denn jemals wieder Anschluss finden, wenn ich vier Monate lang nicht zur Schule gehe?! Wozu mache ich denn die ganze Nachhilfe - doch nicht um im Endeffekt durch alle Prüfungen zu rasseln! Außerdem gehe ich auf eine private Schule; da kann ich nicht einfach unentschuldigt fehlen wie auf den öffentlichen Schulen! Schon gar nicht vier Monate - und das zur Prüfungszeit!" Und wieder gab Gary ihr recht, obwohl er doch ein wenig verblüfft darüber war, Green ihren schulischen Werdegang so verteidigen zu hören - und ein wenig stolz war er auch.
"Ich glaube nicht, dass du dir um deine nächsten Prüfungen Gedanken machen musst..." Green schnaubte ärgerlich:
"Nein, denn wenn ich vier Monate fehle, kann ich auch genauso gut die Schule schmeißen! Ist es das, was du bezweckst?!" Immer noch blieb Grey ruhig, doch eine Spur Ungeduld mischte sich in seine Stimme:
"Ich bezwecke nichts. Es geschieht auf Wunsch unserer Familie."
"Die ach so tollen Hikari wollen mir wohl eins auswischen, weil ich so ungezogen war, oder wie soll ich das verstehen?" Nun erwiderte Grey ihren wütenden Blick finster:
"Zu diesen "ach so tollen Hikari" gehörst du zufällig auch."
"Ohja? Sag das denen! Ich denke, Großvater hat dazu eine ganze Menge zu sagen!"
"Ich bin nicht hergekommen, um mich mit dir zu streiten!"
"Dann erzähl doch mal, warum du hier bist, um mein Leben auf den Kopf zu stellen - würde mich echt interessieren." Die beiden Geschwister funkelten sich kurz muffig an, ehe Grey sich mit einem Seufzen ergab.
"Green, du bist sechzehn und immer noch auf dem dritten Rang. Ich weiß natürlich, dass es nicht deine Schuld ist, dennoch muss etwas gegen deine Unerfahrenheit unternommen werden. Doch deine Schulung ist nicht möglich, wenn du weiterhin noch eine Menschenschule besuchst." Grey zeigte auf die Schulbücher, die sie und Gary bei ihrem letzten Nachhilfe-Unterricht gebraucht hatten:
"Eine Hikari benötigt, was Mathematik angeht, nur das Grundwissen. Algebra, Geometrie, Bruchrechnung, Gleichungen… wozu brauchst du das in deinem späteren Leben als Regime-Führerin? Die Antwort lautet, dass du es gar nicht benötigst. Für dich ist das völlig unnötiges Wissen, denn für solcherlei hast du Klimawächter wie Tinami-san." In der Nachbarswohnung musste Gary einen Kommentar zurückhalten: als ob es so etwas wie "unnötiges Wissen" überhaupt gab...
Green kommentierte es allerdings nicht, sondern begnügte sich damit, ihren Bruder weiterhin zornig anzusehen.
"Und deswegen, Green, werden wir morgen mit deinem Training beginnen, um dir das beizubringen, was du in deinem weiteren Werdegang benötigst."
"Ach - und mein Leben hier ist vollkommen egal?" Die gesamte Zeit über hatte Grey versucht, das Ganze so ruhig und diplomatisch wie möglich zu klären, doch nun wurde er langsam wütend - ein ungewohnter Anblick für Ryô und Itzumi.
"Green! Du bist kein Mensch: du bist nicht auf einen Schulabschluss angewiesen! Das Einzige, was wichtig ist, ist, dass du unsere Familie so schnell wie möglich davon überzeugen kannst, dass du zu etwas fähig bist! Ich weiß, dass du es bist. Dir mangelt es nur an Wissen und Erfahrung!" Er atmete tief durch und sah sie nun fast schon flehend an:
"Versuch doch bitte, mich zu verstehen. Ich tue das doch nicht, um dich zu verärgern. Bitte Green … mach mir hier keine Szene." Doch Green ignorierte seinen Tonfall gekonnt:
"Ich soll dir keine Szene machen? Du stellst gerade mein ganzes Leben auf den Kopf! Mein Leben ist sowieso schon chaotisch, aber ich mag es so, wie es ist und ich habe nicht vor, etwas daran zu ändern."
"Das ist aber nicht das Leben, in welches du gehörst!"
"Ich will aber kein Leben als Hikari!"
"In Lights Namen! Dir bleibt aber nun einmal keine andere Wahl! Und wenn du nicht freiwillig mit mir kommen willst, dann fühle ich mich leider dazu gezwungen..." Das war der Moment, in welchem Siberu aufsprang und als hätte er vergessen, dass er sich teleportieren konnte, stürzte er Hals über Kopf aus dem Zimmer, gefolgt von seinem Bruder. Gary konnte dessen Reaktion zwar durchaus nachempfinden, doch wusste er dennoch nicht, ob dessen Aktion so vernünftig war.
"Silver! Warte!", rief er dem Rotschopf zu, als dieser schon ihre Haustür geöffnet hatte, aber trotz seiner Eile kurz stehen blieb und sich ärgerlich nach seinem langsamen Bruder umdrehte:
"Was ist denn los, Blue?! Wir können hier doch nicht tatenlos rum sitzen und nichts tun! Ich wette, dieser Typ steht wirklich auf Inzest - ganz wie ich es vermutet habe - und will uns Green-chan wegnehmen! Wahrscheinlich …" Alarmiert wirbelte Siberu herum, schon dabei ins Treppenhaus zu rennen:
"... will er sie vergewaltigen!"
"...Was?!" Siberus Aussage schockierte Gary allerdings nur einen kurzen Moment und schnell konnte er sich aus seiner Starre lösen, um Siberu hinterher zu rennen, auch wenn sein Gesicht sich immer noch verwirrt zeigte.
Mit einem Krachen riss Siberu die Haustür Greens auf - zum Glück war sie nicht abgeschlossen gewesen; er hätte die Tür ohne Zweifel auch eingetreten, wenn es Not getan hätte - und schon entdeckte Gary, dass Siberus Sorge gar nicht so unberechtigt war: Green lag ohnmächtig in den Armen ihres Bruders.
"DU VERFLUCHTER---", rief Siberu aufgebracht und sofort zum Angriff auf Grey bereit. Allerdings wurde er unterbrochen; nicht von Grey oder den beiden ebenfalls angriffsbereiten Tempelwächtern, sondern von Pink, die mit tränennassem Gesicht schnurstracks in die Brüder hinein rannte und von Gary aufgefangen wurde. Anstatt sich ihm jedoch zu widmen, drehte sie sich weinend zu Grey herum:
"Ich komme nicht mit! Ich will nicht in den Tempel und Green-chan auch nicht! Sibi, Gary, ihr müsst Green-chan retten!"
"Pink, bitte, du kannst unmöglich hier bleiben!", versuchte Grey es flehentlich; scheinbar sah er Siberu nicht als Gefahrenquelle. Als das Zimmer sich jedoch plötzlich verfinsterte und die Luft des Raumes förmlich vor freigesetzter Magie bebte und zitterte, wurde auch Grey alarmiert - zu spät allerdings.
"Silver, nein!" Gary griff nach seinem Bruder, bekam jedoch nur ein Fitzelchen seiner Schuluniform zwischen die Finger, die ihm schnell aus eben diesen gerissen wurde. Die Schnelligkeit Siberus unterschätzend wäre es Grey alleine nicht gelungen, der schwarzen Stichattacke - die, wie Gary wusste, tödliche Absichten verfolgte - auszuweichen, doch Ryô hatte seinen Meister in letzter Sekunde am Arm packen können, womit er ihn nach unten riss und so der tödlichen Attacke des Halbdämons entging - allerdings nur sehr knapp, denn obwohl Ryô frühzeitig gehandelt hatte, war Siberu so schnell gewesen, dass er dennoch Greys Stirn streifte.
Und dann waren alle Wächter, bis auf Pink, verschwunden.
Siberu hatte so viel Tempo drauf, dass es ihm nur in letzter Sekunde gelang abzubremsen, um die gläserne Tür des Balkons nicht zu zerschmettern. Stoßartig atmend blieb er vor eben dieser stehen und kurz war sein schneller Atem das Einzige, was in der Wohnung zu hören war. Langsam hellte es wieder auf, doch die Deckenlampe schwankte so heftig hin und her, als wäre ein Sturm durch die Wohnung gefegt.
"Er... dieses Arschloch... hat Green entführt!", entfuhr es Siberu plötzlich, als er sich zu Gary und der sich immer noch an ihn klammernden Pink herumdrehte, nun mehr bestürzt und besorgt als wütend.
"Ja... offensichtlich", antwortete Gary, der dabei war, die momentane Situation zu analysieren:
"Und du wolltest Grey umbringen."
"Er hat Green-chan entführt", wiederholte Siberu, ein wenig eingeschnappt, nun Vorwürfe zu hören.
"Umbringen halte ich aber dennoch für ein wenig unangebracht."
"Du ergreifst doch jetzt nicht etwa Partei für diesen ..."
"Also ich finde, Grey-chan hat es verdient", warf Pink dazwischen, die sich nun langsam von Garys Schuluniform löste, welcher sie bestürzt ansah, dann aber zu dem Schluss kam, dass Pink - wie so viele Kinder - sich sicherlich keinen Begriff davon machte, wie endgültig der Tod war.
"Er... er hat Green-chan entführt! Wie... wie konnte er nur..." Wieder begann sie zu weinen.
"Pah, jetzt hat er aber nur eine Schnittwunde an der Stirn. Ich hoffe, Blut tropft auf seine bekloppten Klamotten und lässt sich nicht rauswaschen. Das wär das Mindeste! Welcher Bruder schlägt schon sein Geschwisterchen k.o."
"Also ich habe dich schon fünf Mal bewusstlos geschlagen." Siberu wurde leicht rot und hüstelte:
"Das ist ja auch was anderes." Das sah Gary offensichtlich nicht so:
"Und ich musste dich auch einmal mit Gewalt mitnehmen - das könnte durchaus ebenfalls eine Entführung genannt werden."
"Ach, du meinst das damals in diesem russischen Dorf?"
"Du nennst Sankt Petersburg ein "russisches Dorf"?!", fragte Gary, dessen Augenbrauen einen extrem skeptischen Bogen geformt hatten, worauf Siberu gerade grinsend antworten wollte, als Pinks schrille Stimme die Aufmerksamkeit an sich riss:
"Was ist denn jetzt mit Green-chan!?" Die beiden Brüder, die beinahe eine ihrer geliebten Auseinandersetzungen beginnen wollten, drehten sich zu Pink herum, die hin und her und auf und ab hibbelte, aber Siberus Antwort brachte sie zum Stillstand:
"Na, wir retten sie natürlich - ist doch klar!" Und schon drehte er sich mit erwartungsvollen Augen Gary zu, welcher ihn zuerst verwundert, dann aber misstrauisch beäugte, denn ihm war klar, dass sein Bruder von ihm erwartete, bereits einen umsetzbaren Plan liefern zu können.
"Silver, weißt du, wie man in den Tempel gelangt?", begann Gary, was sein Gegenüber mit einem Kopfschütteln erwiderte.
"Gut. Ich nämlich auch nicht."


Als Green erwachte, wusste sie schon, dass sie das, was passiert war, nicht mögen würde. Mehrere Meter über ihr wölbte sich ein feiner Baldachin, dessen Farben dem Morgen im Dämmerlicht ähnelten und dessen Ränder mit goldenen Schnörkelchen bestickt waren und als Green erschöpft ihre Hand auf ihre Stirn legte, bemerkte sie ähnliche Verschnörkelungen an ihrer Kleidung, die aber garantiert nicht ihre eigenen waren.
"Oh, verdammt ..." Sie schob die Hand vor ihre Augen, atmete kurz tief durch und sprang dann zähneknirschend auf, mit der gleichen Erkenntnis, die auch schon Siberu erzürnt hatte: Ihr eigener Bruder hatte sie entführt!
Green sprang aus dem Himmelbett, welches viel höher war als ihr eigenes, weshalb sie beinahe eher aus dem Bett gefallen wäre und wollte eigentlich sofort zur Zimmertür stürzen, als sie doch kurz über die Größe und die Einrichtung des Zimmers stutzte. Es war mehr als doppelt so groß wie ihr eigenes Zimmer; ihre gesamte Wohnung hätte beinahe in diesen einen Raum hineingepasst, dessen zwei Wände komplett aus Fenster bestanden und ihr somit das Gefühl gab, als befände sie sich direkt im Himmel. Es war sicherlich ein sehr hübscher Raum und sicherlich keiner, der von jedem Wächter bewohnt werden durfte; sogar die Vorhänge, die für die großen Fenster vorgesehen waren, waren sehr fein mit goldenen Mustern verarbeitet; wie so ziemlich alles in diesem Zimmer. Nur waren die Regale und der Schreibtisch sowie der weiße Nachtschrank neben dem Himmelbett leer und wirkten sehr unbenutzt - fast so, als würden sie darauf warten, dass sie mit Inhalt gefüllt wurden. Pah, aber garantiert nicht von ihr, wie Green mit einem finsteren Gesichtsausdruck beschloss, an einem mit Aquarell gemalten Sonnenaufgang vorbeirauschte und schon in den bereits bekannten Korridoren des Tempels landete.
Nur wusste sie nicht, wo sie sich im Tempel befand - und darüber hinaus war es das erste Mal, dass sie alleine und ohne Führer durch die großen, von hellem Licht durchflutenden Korridore des Tempels ging - sich ein wenig ratlos umsehend, doch die vielen Gemälde konnten ihr natürlich weder eine Aufklärung darüber geben, wo sie genau war, noch wie sie von hier fort kam.
Klar war natürlich, dass sie nur mittels Teleportation von hier fliehen konnte und leider konnte sie das nicht. Also musste sie einen Wächter fragen... und das natürlich möglichst ohne für Aufsehen zu sorgen, weshalb sie bereits ihre Schritte verlangsamt hatte, um auch ja keinen Laut zu verursachen und bei jeder Biegung des Korridors um eben diese spähte, statt kopflos voran zu stürmen - sie hatte wohl etwas von Gary gelernt.
Aber wo waren die ganzen Wächter, die sie bei ihrem letzten Treffen noch gesehen hatte? Gut, diese alten Gemäuer konnte man wohl kaum "belebt" nennen, aber sie hatte doch ein paar Wächter gesehen; jetzt allerdings herrschte absolute Ruhe. Es war gespenstisch still im Tempel; von nirgends waren Schritte oder gar Stimmen zu hören. Wie spät war es eigentlich? Oder eher, wie früh? Vom Licht her zu urteilen hätte Green nämlich geurteilt, dass es morgens war. Wie lange hatte sie eigentlich geschlafen?
Immer noch überhaupt nichts wiedererkennend gelangte Green an eine nach unten führende Treppe, die abgesperrt war. Genau vor ihr tauchte ein weißes, auf einer goldenen Stange platziertes Schild auf, auf welchem mit feiner Handschrift Folgendes geschrieben stand:

"Restaurierung - den West- und Südflügel bitte umgehen."


Restaurierung? Davon hatte Grey ihr ja gar nichts erzählt - aber wenn dort gebaut wurde, waren dort doch sicherlich auch Wächter zu finden?
Von diesem Gedanken überzeugt umging Green das informierende Schild und schlich sich auf Zehenspitzen die lange Treppe herunter, dabei hinaus aus den gotisch angehauchten Fenstern links und rechts von ihr blickend, die alle den Himmel zeigten.
Das Schild hatte nicht gelogen; der West - oder Südflügel, sie wusste nicht, wo sie war - benötigte wirklich eine gründliche Ausbesserung. Er war zwar genauso hell und freundlich wie der Bereich des Tempels, aus dem sie gerade gekommen war, doch wirkte das Licht bleich, da die vielen Plastikplanen das Licht fahl erschienen ließen. Es war staubig und anstatt dass Kunstgemälde oder Statuen den Korridor schmückten, waren überall Löcher und Risse in der Wand und im Boden zu sehen. Je weiter Green voran schritt, umso größer schien der Schaden zu werden; einige Wände waren sogar gänzlich eingestürzt und gaben den Blick frei zu den ebenfalls zerstörten Räumen, die dahinter lagen: ehemalige Wohnzimmer, Schlafzimmer und sogar Küchen und kleine Badezimmer. Ob diese beiden Flügel früher die gewesen waren, in denen die Wächter normal gelebt hatten, also ihre Zimmer, ihr Zuhause? Die Räume sahen jedenfalls nicht danach aus, als hätten sie politischen Nutzen gehabt ... aber warum herrschte hier immer noch eine Totenstille? Wo waren die Arbeiter? Hatten die Wächter Wochenende oder Feierta-
Plötzlich und mit einem spitzen Schrei stürzte Green nicht in die Tiefe, sondern beinahe in den freien Himmel; wäre ihre Hand nicht im letzten Moment gepackt worden, die sie nun auch mit einem etwas schmerzhaften Ruck zurückzog.
"Was... was... was...", stammelte Green aufgeregt und zeigte zitternd auf ein großes, direkt in den Tempel hinein gerissenes Loch, womit der Korridor abrupt im Himmel endete. Es sah aus, als wäre ein Komet mit dem alten Gebäude kollidiert.
"Hikari-sama, was tut Ihr denn?" Erst da wandte Green sich um und sah Ryô vor ihr stehen; ihren Retter.
"Habt Ihr das Schild denn nicht gesehen?"
"A-Also auf dem Schild... auf dem Schild stand nichts von Löchern im Boden, wo nichts außer Himmel drunter ist!" Wieder zeigte Green anklagend auf die Zerstörung vor ihr:
"Woher soll ich denn wissen, dass sich unter meinen Füßen nichts außer LUFT befindet?! Ich dachte, der Tempel sei auf einer Insel gebaut! Also auf Erde... die fliegt und... ach keine Ahnung!" Mit mechanisch nach oben gehobenen Augenbrauen erwiderte Ryô ruhig:
"Das ist in der Tat wahr, nur sind der Westflügel sowie der Nordflügel viele Jahre nach der Grundsteinlegung des Tempels hinzu gebaut worden. Diese beiden Flügel schweben daher und besitzen tatsächlich keine Erde als Untergrund. Deswegen rate ich Euch, Euch hier auch nicht aufzuhalten, bis die Restauration abgeschlossen ist." Ja, das hatte Green auch nicht vor, dachte sie mit einem leichten Schielblick nach unten, wo weiße Wolken vorbei glitten, bis sie bemerkte, dass Ryô ihr helfend seine Hand anbot, denn ihre Knie waren auf den Boden gesackt. Etwas abwesend, immer noch in den Himmel hinausblickend, nahm Green die helfende Hand an und erhob sich.
"Was zur Hölle hat eigentlich dieses Loch verursacht?"
"Die genauen Kampfhergänge sind unbekannt", antwortete Ryô und bedeutete ihr mit einer sehr vornehmen Handbewegung, ihm zu folgen.
"Achso, aber es war ein Kampf?" Sofort bereute Green die Frage; natürlich war es ein Kampf, was sollte sonst so eine Zerstörung angerichtet haben; wohl kaum ein Erdbeben!
"Ja, es war ein Kampf. Es war der letzte Kampf des siebten Elementarkrieges." Obwohl Greens Frage recht dumm war, war Ryôs Antwort nett und freundlich, ohne ihr das Offensichtliche vorzuhalten - und wieder mal stellte Green sich die Frage, warum er nicht ihr Tempelwächter war. Auch seinem Gesicht schien monotone Zurückhaltung antrainiert worden zu sein, doch ab und zu entdeckte Green ein kleines, schüchternes Lächeln. Seine Gegenwart war so beruhigend und entspannend.
"Ist das denn nicht der Kampf, bei dem meine Mutter gestorben ist?", bohrte Green weiter nach, zurückblickend auf die Zerstörung und froh darüber, dass sie diese und das Schild hinter sich ließen.
"Ja, Hikari-sama, genau dieser Kampf ist es. Allerdings wurde ihr Körper an einem anderen Ort hier im Tempel gefunden, weshalb anzunehmen ist, dass der Kampf sich verlagerte."
"A-Ahja...ja." So genau wollte Green es dann doch nicht wissen. Doch gerade als sie eben dies auch sagen wollte, gingen sie über eine Brücke, was Green sehr wunderte, denn unter der Brücke floss kristallklares Wasser.
"Wie ist das denn möglich? Wie kann auf einer fliegenden Insel denn ein Fluss fließen?"
"Das ist der Sancire. Ein Fluss, dessen Quelle sich unter dem Gebäudekomplex befindet. Das Wasser ist so rein, dass es direkt zum Trinken angeboten werden kann." Als er das sagte bemerkte Green nicht nur, dass sie Durst hatte, sondern auch, dass der Hunger sich langsam ankündigte. Vielleicht sollte sie ihre Abreise verschieben... Ryô würde sie ohnehin nicht nach Tokio zurückbringen, das musste sie gar nicht fragen. Er war immerhin Greys Tempelwächter und nicht ihrer und musste somit den Befehlen seines Herren nachgehen.
"Sag mal, Ryô, du scheinst dich hier sehr gut auszukennen. Wie lange lebst du denn schon hier?"
"Ich lebe hier seitdem ich Grey-sama diene." Wieder huschte ein schüchternes Lächeln über sein Gesicht:
"Der Tempel ist mein Zuhause." Ohne dass Green es bemerkt hatte, waren sie angekommen und schon klopfte Ryô an die Zimmertür Greys - allerdings nicht ohne ihr vorher zu versichern, dass sie sich sicherlich auch bald an diesem Ort auskennen würde. Er wollte sie aufheitern, aber sein Vorhaben hatte den gegenteiligen Effekt, denn der Gedanke, dass sie sich solange hier aufhalten musste, bis sie den Tempel in- und auswendig konnte, behagte ihr ganz und gar nicht. Sie wollte diesen Ort so schnell wie möglich verlassen.
Grey schien das allerdings gänzlich anders zu sehen und erwiderte ihren grimmigen Gesichtsausdruck mit einem freundlichen Lächeln.
"Ah guten Morgen, Green! Willst du frühstücken?"
Er saß an einem gedeckten Frühstückstisch - Greens Magen knurrte zu ihrem Ärgernis - und war bis eben noch in ein dickes Buch vertieft gewesen. Jetzt schob er seine feine Lesebrille allerdings über seinen Pony und erhob sich, um Green zum Tisch zu führen, doch obwohl ihr Magen dieser Aufforderung gerne nachgegangen wäre, blieb Green stur stehen. Ein Benehmen, welches Grey weiterhin zu ignorieren wusste; er begutachtete seine Schwester, zupfte kritisch an dem rechten Ärmel und murmelte geistesabwesend, dass er noch ein wenig zu lang war, was Ryô sofort niederschrieb.
"Nein, ich will nicht frühstücken!", begann Green, den Ärmel hektisch aus dem Fingern ihres Bruders reißend.
"Ich will nicht frühstücken; ich will nach Hause. Jetzt." Grey sah auf und antwortete:
"Du bist Zuhause, Schwesterchen."
"Das sehe ich anders und das weißt du genau!" Der Angesprochene schlug die Augen nieder und wandte sich daraufhin schweigend ab.
"Grey, du hast mich entführt. Du hast deine eigene Schwester entführt!" Grey seufzte bedauernd, antwortete allerdings immer noch nicht.
"Ich verlange, sofort wieder auf die Erde zurückzukehren, hast du verstanden, Grey?!"
"Das liegt nicht im Bereich des Möglichen. So leid es mir auch tut, du wirst hier bleiben müssen. Ich habe dir doch schon gesagt, dass es der Wille unserer Familie ist, dass du deine Lehre beginnst."
"Ich pfeife auf den Willen der Hikari! Und wenn du mich nicht sofort gehen lässt, geh ich selbst!" Grey drehte sich zu ihr um und sah sie belustigt an.
"Und wie willst du das machen? Willst du vom Rand der Insel springen?" Green lief rot an und fluchte unschön, was Grey zu empören schien, aber er kommentierte es nicht.
"Green, dir bleibt gar keine andere Wahl. Selbstverständlich kannst du dich weigern, das Training zu absolvieren und dich in deinem Zimmer einschließen-"
"Ey, das ist eine gute Idee!" Doch bevor sie irgendetwas in diese Richtung unternehmen konnte, hielt Grey ihren Arm fest.
"Willst du wirklich nie besser werden? Du wirst irgendwann mal Regime-Führerin werden und somit bist du als Oberhaupt für die Wächter verantwortlich. Doch wie willst du das sein, wenn du schwächer als sie bist?" Green sah ihn schweigend an, aber Grey bemerkte schon, dass es das falsche Argument gewesen war; sie interessierte sich zu wenig für die Meinung der Allgemeinheit oder Verantwortung.
"Willst du unserer Familie - Shaginai denn niemals beweisen, dass du fähig bist?" Sofort veränderte Greens Gesichtsausdruck sich, kaum dass Grey den Namen ihres Großvaters genannt hatte und nach kurzem Überlegen antwortete sie widerwillig:
"Gut, von mir aus. Aber ich werde dich nicht Meister oder so nennen!"