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Prolog
  Prolog: Ouvertüre
Die dunklen Schwingen dieser Nacht...
Brechen lautlos auf uns ein
Wir haben nur den Augenblick
Um zusammen zu sein...


Der Schlussakkord erklingt
Und leidend stirbt der Ton
Genau wie unsere Liebe
Denn es zieht dich davon...


Tanz ein letztes Mal mit mir...
Bevor der Tag anbricht
Zeig mir ein letztes Mal die Sonne...
Bevor alles zerbricht


Schmerzzerfressen, todesmutig...
Bricht der Morgen auf uns ein
Und nimmt den letzten Traum mit sich...
Wir werden nie mehr glücklich sein


Kein Ton ist mehr zu hören...
An diesem fremden Ort
Allein, verlassen
Denn es zog dich fort...


Tanz ein letztes Mal mit mir...
Bevor der Tag anbricht
Zeig mir ein letztes Mal die Sonne...
Bevor alles zerbricht
....

Nach menschlicher Zeitrechnung 2006 / Das Reich der Dämonen

Es war ungewöhnlich ruhig in den sich windenden Korridoren. Das Einzige was Wiederlaut an den kahlen Steinmauern gab, waren ab und an seine Berührungen mit dem Boden, wenn er in seinen schnellen Lauf absetzte. Ein Umstand der ihn verwundern und skeptisch machen sollte, doch im Moment war er gleichgültig. Sein Weg lag ausgestorben vor ihn - gut für jeden eventuellen Dämon der seinen Weg kreuzen würde. Er war so wütend, dass er seine gewohnten Prinzipien gerne über Bord werfen würde. Aber nein, er war nicht wie viele seiner Artgenossen. Er hasste das rohe Töten - sah darin nicht viel Genugtuung, Spaß oder Befriedigung. Für ihn war das sinnlose Abschlachten einfach nur niveaulos. Töten musste Stil haben! Und verflucht noch mal, ab und an wäre es angebracht sein Hirn zum Denken zu bewegen! Womit hatte deren Welt nur so einen einfältigen und arroganten Machthaber verdient?!
Plötzlich blieb der Dämon mitten in der Luft hängen, als hätte sich vor ihm ein Stoppschild aufgetan. Er war gerade an einem der wenigen großen Fenster vorbeigerauscht, als er aus den Augenwinkeln bemerkte, dass sich eine kleine, zierliche Silhouette am Glas abzeichnete. Es wäre ihm egal gewesen, wer da stand, wenn er diese Person nicht sofort wieder erkannt hätte. Obwohl deren letztes Treffen doch schon 17 Jahre zurücklag.
Ihre kleinen dunklen roten Augen sahen zu ihm hoch, schienen nach Anzeichen der Veränderung zu suchen.
"Sie sehen aufgewühlt aus, Karou-san. Ich habe Sie noch nie so Hals über Kopf durch die Gänge hasten sehen! Ist der Grund Ihr Zwilling?" Karou landete lautlos neben ihr. Er konnte ein schelmisches Lächeln nicht verbergen; seine Wut schien verraucht. Die Frau hatte wirklich eine eigenartige Wirkung auf ihn. Ob es daran lag, dass er sich in ihrer Gegenwart nicht verurteilt fühlte, weil er das was er sagte, auch schreiben konnte? Oder einfach, weil diese Frau eine ganz außergewöhnliche Anziehungskraft hatte?
"Ich bin es, der ein Recht auf Fragen hat", antwortete Karou mit spielerischem Unterton.
"... Immerhin bin ich doch ziemlich überrascht Sie hier zu sehen, Nathiel-san. Wollten Sie sich nicht vollkommen zurückziehen, nach dem Tod Ihres Neffen?" Nathiel lächelte auf die gleiche vielsagende Art wie Karou es tat. Oh, wie sie es liebten, Salz in die Wunden des jeweils Anderen zu streuen. Ein Beweis dafür wie viel sie über sich wussten... und dafür wie wenig sie einander bedeuteten.
"Es gibt einen Grund für meine Rückkehr... und ich nehme an - nein, ich weiß, dass es der gleiche Grund ist, weshalb Sie sich mit ihren Bruder auseinander gesetzt haben." Es war überflüssig Nathiel zu fragen woher sie das wusste - bei schalldichten Wänden. Sie würde wahrscheinlich nur hinterhältig lächeln und mit den Schultern zucken.
Er antwortete nicht und wartete darauf, dass sie fortfuhr, was sie nach wenigen Sekunden auch tat.
"Ich habe Auskünfte für Sie, was den unbekannten Schönling angeht." Karous Lächeln verzog sich zu einem Grinsen und zeigte seine blanken Fangzähne. Sie war wirklich zu was zu gebrauchen. Anders als gewisse Verwandten.
"Kaum ist der Arme hier und schon gerät er an Sie." Bei diesen Worten zuckte er mit den Schultern. Nathiel hatte ihren Beinamen "Die schwarze Witwe" nicht umsonst verdient.
"Irrtum. Er wollte nicht mit mir verkehren. Der Schöne meinte er wäre… verlobt." Das letzte Wort schien für sie fremd zu sein, denn sie sagte es als wäre dieser Begriff das erste Mal aus ihrem Munde gekommen.
"Verlobt?" Karou klang nicht weniger verwundert. Nathiel sah weg. Gedankenverloren sah sie in die Dunkelheit und brauchte einige Sekunden für ihre Antwort.
"Schade. Er hat mich an Jemanden erinnert. Wissen Sie, der Schönling hat irgendwie die gleichen Augen wie mein kleiner Junge..." Ihr Gesichtsausdruck schlug um, wurde mit einem Mal traurig.
"Ich vermisse ihn so...", quietschte sie wehleidig, als erwartete sie Karou würde plötzlich sowas wie Mitleid zeigen. Er machte jedoch nur eine beiläufige Handbewegung, mit den Worten:
"Irgendwann werden Sie schon ein neues Spielzeug finden. " Nathiel achtete nicht auf seinen geringschätzigen Tonfall und antwortete, mit einem Anflug eines Lächelns:
"Einige Dinge sind schwer zu ersetzen..." Nathiel machte einen Schritt auf ihn zu und legte ihre geschmeidigen Arme um seinen Hals. Mit lockendem Unterton sprach sie leise in sein Ohr:
"...Sie wollen doch mehr wissen, oder? Ich kann Ihnen Informationen geben. Aber Sie wissen... nichts ist umsonst."
Karou wusste was sie meinte... und Nathiel konnte sich nicht vorstellen, dass er schon fast sowas wie Sehnsucht danach gehabt hatte.

Die Nacht war eindeutig anders verlaufen als Karou es geplant hatte. Aber zu behaupten es hätte ihn nicht gefallen, wäre ein Irrtum. Es war lange her. Zu lange.
"Na, sind Sie satt?" Karou wandte seinen Kopf herum, so dass er über die Schulter auf sie hinab sehen konnte. Ihr nackter Körper entlockte dem Dämon ein vielsagendes Lächeln, welches Nathiel mit Wonne als Kompliment in sich aufnahm. Sie leckte sich den Rest Blut von den Lippen, dennoch wirkten sie röter als zuvor.
"Sie wissen doch, ich bin unersättlich." Diese Worte wurden begleitet von einer eleganten Handbewegung und schon war Karou die Sicht auf ihre Haut verwehrt. Denn durch ihre Geste hatte sich ihre schwarze Kleidung wieder um ihren dünnen Körper gelegt und sie setzte sich auf.
"Aber es soll als Bezahlung reichen. Ich bin mal gnädig... Aber nur Ausnahmsweise!" Karou schnippte mit den Fingern und auch er trug wieder seine Uniform. Er lehnte sich daraufhin vor und ließ ihren dünnen Zopf durch seine Finger gleiten.
"Das hoffe ich. Sie waren mal wieder sehr eifrig. Es würde mich nicht wundern, wenn Sie mir irgendwann mein gesamtes Blut aussaugen." Nathiel kicherte glockenhell.
"Aber nicht doch! Dafür schmeckt Ihr Blut einfach zu einladend. Es wäre doch eine Verschwendung." Genau wie Nathiel zuvor, nahm Karou es nun als Kompliment auf und beschloss, dass es wohl sein Glück war, mit dieser Blutsorte gesegnet worden zu sein. Ansonsten wäre er nicht an diesem unvergleichlichen Geschmack gekommen.
"Lassen Sie uns ins Geschäftliche übergehen, Nathiel-san."
"Oh, gewiss", antwortete die Dämonin mit einem angedeuteten Nicken. Während sie dies tat, klaubte sie etwas vom Boden auf. Es war ein kleiner Ring, der, bis auf einen, aus goldenen Perlen bestand. Der eine der herausstach war dunkelblau.
"Ihr habt dieses kleine Ding also nach wie vor", sagte Nathiel die ihre Augen nicht von dem Schmuckstück abwandte.
"Aber offenbar mögt Ihr keinen Handschmuck!", fügte sie mit einem schmalen Lächeln hinzu. Durch ihre blutroten Lippen glänzten ihre Fangzähne gefährlich auf.
"Wahr. Es behindert meine Arbeit", antwortete Karou eher säuerlich. Nathiel wusste was er meinte und freute sich darüber einen seiner wenigen wunden Punkte erwischt zu haben. Genauergenommen, gab es nur noch zwei, außer seinem einfältigen Zwilling: Seinen Arm und die Feuerwächter. Diese beiden Punkte waren fest miteinander verknüpft. Ein Pfeil hatte seiner Zeit seine linke Schulter durchbohrt und diese, samt Arm vom Körper gerissen. Von diesem Tag an, war Karou gezeichnet von einem schwarzen Ersatzarm. Man konnte wohl behaupten, dass dieser dem echten in keinster Weiße nachstand - was den normalen Gebrauch anging. Im Kampfe war der Arm eine Behinderung, denn dieser vertrug keine Lichtmagie... Mit anderen Worten, löste sich das Glied auf, da es nur aus manifestieren Schatten bestand. Seit dieser Nacht war Karou an einem Posten gebunden, der seiner absolut nicht würdig war. Er war der persönliche Berater der momentanen Majestät - seinem Zwilling. In aller Öffentlichkeit war Karou nichts als sein Berater, der nur im Dunkeln agierte. Lerou, so der Name der Majestät, verleugnete die Blutsverwandtschaft mit seinem Zwilling. Mit einem Krüppel wollte er nicht verwandt sein, das sähe nicht gut aus... so seine Worte. Karou hatte Nathiels Respekt, dass dieser seinen Bruder nicht schon längst umgebracht hatte. Es war einfach eine Verschwendung um sein boshaftes Genie. Es gab so wenige Dämonen die ihr Hirn zum Denken gebrauchten...
Nathiel kroch näher an Karou heran und nahm zwischen seinen angewinkelten Beinen Platz. Sie hob ihre, noch blutigen Finger zu seinen Haaren und erst da bemerkte der Dämon, dass sie den Ring verdoppelt hatte. Sie klemmte sich den einen zwischen die roten Lippen und nahm mit ihren Händen ein Bündel seiner robusten braunen, fast schwarzen, Haare. Den einen Ring schob sie darüber. Dies tat sie auch mit der anderen Seite. Als würde Karou ihre Finger in seinem Haar nicht bemerken, sagte er:
"Also, Nathiel-san. Sie erwähnten mir wichtige Informationen."

Selbst der eher schwache Wind, der in dieser Welt herrschte, konnte seine langen schwarzen Haare in Bewegung bringen. Sie kräuselten sich vor dem dunklen Himmel und verdeckten einen Teil seines Gesichtes. Die überaus dunkel roten Augen, fixierten sie fast schon anklagend. Ja, man konnte schon fast sagen, dass dieses merkwürdige Wesen auf sie herab blickte, mit Überheblichkeit und doch Erhabenheit. Die behandschuhte Hand auf dem Griff der Sense, war verkrampft - ein falsches Wort und die Waffe des Sensenmannes wurde in Schwung geraten.
"Ich habe noch nie so einen verlockenden Tod gesehen", raunte Nathiel ihrem angespannten Begleiter zu.
"Dass ihr weiblichen Wesen aber auch immer auf das Äußere achten müsst."
"Machen Sie sich keine Sorgen, Karou-san. Ich mache mir nicht so viel über das Aussehen. Hauptsache seine Sexkünste sind ausreichend. Dann würde ich auch mit einem Succubus schlafen."
"Wenn Sie mit einem Succubus schlafen, schlafe ich nicht mehr mit Ihnen", lautete Karous Antwort auf Nathiels Bemerkung. Sie lächelte daraufhin.
"Oh doch, Sie würden."
"Was wollt ihr?" Nathiels Lächeln fiel in sich zusammen und Karou vergaß seine nüchternen Proteste, angesichts von der Mutmaßung seiner Verlangensquelle. Deren kurze Ablenkung war vorüber, den der "verlockende Tod", wie Nathiel ihn genannt hatte, stand nun wenige Meter vor ihnen: Ohne, dass einer der beiden es bemerkt hatte. In Anbetracht, dass gerade ein unbekannter Dämon in den Angriffszirkel der beiden anderen eingedrungen war, machten die beiden einen recht lockeren Eindruck.
Karou musste sich zurückhalten nicht die Augen zu verdrehen: Er hatte seine Muttersprache noch nie so miserabel ausgesprochen gehört. Kein Zweifel: Dieser Mann hatte eindeutig seine Wurzeln im Wächtertum. Denn er sprach die Buchstaben so unkorrekt aus, als würde jeder einzelne Laut ihn anwidern.
Da Karou annahm, dass sein Gegenüber ohnehin nicht besonders auf deren Sprache bewandert war, wählte er leicht zu verstehende Wörter, um seine Gegenfrage zu formulieren:
"Diese Frage könnten wir Ihnen auch stellen. Sie sind ein Wächter. Damit haben Sie unbefugt unser Territorium betreten." Der Unbekannte zog seine Lippen zu einem zynischen Lächeln hoch und Karou fragte sich, ob er seine Worte richtig verstanden hatte. Nathiel verhielt sich ruhig und ihr Begleiter wollte nicht wissen, was in ihrem Kopf vorging.
"Warum lebe ich dann noch? Und warum kommen nur zwei Dämonen?" Auch Karou lächelte nun. Wenigstens war der Typ nicht auf den Kopf gefallen.
"Nun... vielleicht weil sie uns zu Nutzen sein können? Es gibt Gerüchte über Sie..."
"Gerüchte? Welche?"
"Unter anderen, dass Sie einen Partner suchen. Ist das wahr?" Er deutete ein Nicken an.
"Aber ich suche mir meinen Partner selbst aus."
"Oh, ich habe auch nicht vor mich einzumischen, geschweige denn mich selbst vorzuschlagen. Wir haben Ihnen nur..."
"... Einen kleinen Vorschlag zu machen."