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Episode 01
  Episode 01: Gunst des Schicksals

Green hielt einen großen Abstand zu ihm aufrecht. Zwanzig Meter. Vielleicht mehr. Ihre zierlichen Füße bewegten sich regelmäßig vorwärts. Sie ging Barfuß. Einen Schritt vor dem Anderen. Ihre Haare kräuselten sich hinter ihr, bewegten sich, als würde der Wind sie führen. Sie trug ihre weinrote Schuluniform, wenige Risse teilten den Rock. Sie hatte zu viel gekämpft. Das Licht ihres Glöckchens erhellte die Dunkelheit, als würde sie vor sich eine Kerze tragen und ihm den Weg leuchten.
Das tat sie auch. Sie war sein Licht in der Dunkelheit. Ihr würde er überall hin folgen.

"Du willst sie."
"Lieben, ehren bis der Tod sie scheidet."
"Der Tod kann schneller kommen als er denkt."

Er schritt weiter. Beschleunigte nicht, hielt den Abstand zu Green aufrecht. Keiner der beiden nahm von den Stimmen Notiz. Sie klangen fern, weit weg. Fremd. Er kannte keine der drei unterschiedlichen Stimmen.

"Du liebst sie."
"Lieben! Welcher Dämon weiß schon was das bedeutet!"
"Du wirst sie zerstören."
"Ich werde das nicht zulassen. Niemand darf Green-chan kaputt machen. Selbst du nicht!"

Jetzt war da eine Stimme die er kannte. Doch wer war es? Sie klang nicht fremd, wie die anderen. Green ging weiter, als hätte sie es nicht gehört.

"Du verlangst nach ihr."
"Ah, die kleinen Engel sind einfach begehrenswert."
"Ich kann dir meine Hilfe anbieten."
"Hör auf! Solange du sie noch retten kannst!"
"Ich vertraue dir das Wohl meiner Tochter an. Enttäusche sie nicht!"

Eine weitere nicht fremdklingende, doch unbekannte Stimme. Doch das war jetzt egal.

Green war stehen geblieben.

Er tat es ihr gleich.

Sie hob den Kopf.

"Wie Ying und Yang. So ungleich und doch verbunden."
"Ja, Green, wir bleiben zusammen. Sie werden uns nicht trennen können. Niemand."
"Wirklich, Gary?"
"Ja. Ich verspreche es dir."

Ein markerschütternder Schrei halte durch ihn. Es war Greens Schrei. Es durchbohrte ihn förmlich und riss ihn entzwei. Es tat so weh! Solle man ihm lieber ein Bein oder Arm entreißen, möge Green nur nicht schreien! Der Schmerz war grausam... unerträglich.

"Du zerstörst sie."
"Siehst du das? Sie trägt einen Ring."
"Du nimmst dir das, was dir gehört. Brenne ihr in die Haut, dass sie dein Besitz ist!"
"Ich habs dir gesagt... Ich habs dir gesagt. Hätten wir nur nie... Hättest du nur nie..."
"Warum tust du das... Du weißt doch, dass sie dich liebt..."
"Du verfluchtes Monster!"

"Gary! Hör auf! Ich bitte dich!"

"Nein! Du... tust mir weh! Gary! GARY!"

Ich liebe ihre Tränen. Ich liebe es, wenn ihre Tränen ihre zarte Haut nässen. Es steht Green. Das Leid in ihren Augen. Der Versuch sich zu wehren. Ja. Auch Blut steht ihr! Siehst du das? Siehst du das?! Sehe die Gefühle die ich in ihr wecken kann! Kannst du das auch? Nein, kannst du nicht! Denn eins hast du nicht, eins fehlt dir. Was ist das für ein Gefühl gegen einen Halbdämon zu verlieren, Herr Offizier? Green mag vielleicht einen Ring von dir tragen, aber ich besitze etwas viel Entscheidenderes!
Ich besitze ihr Herz.

Green gehört ganz alleine MIR!


Gary schreckte aus seinem Schlaf hoch, kerzengerade saß er in seinem Bett. Seine Hände bebten, als würde ein Erdbeben die Stadt erzittern lassen. Er wusste, dies hatte nichts damit zu tun, dass er gerade den schrecklichsten Alptraum den er je hatte, hinter sich gelassen hatte. Sein Herz schlug so schnell, weil sein Dämonenblut in Wallung geraten war.
Es war Jahre her, seitdem er sein Blut so rasen gefühlt hatte. Er hatte einen Schritt davor gestanden, in den Dämonenmodus zu wechseln. Vielleicht waren seine Augen sogar schon in Rot getaucht. Gary wollte es nicht wissen. Er hatte vergessen, wie er mit roten Augen aussah. Er hatte vergessen wie der überschwemmende Drang des Tötens sich anfühlte. Er wusste nicht gegen wen sich dieser Drang richtete. Er wusste nicht wessen Hals seine Hände umdrehen wollten.
Da war jemand in seinem Traum gewesen... jemand, der es vermochte Garys Hass in ungeahnte Höhen zu entfachen. Gary mochte viele nicht, aber er hatte noch nie aus Hass getötet... doch dieser Jemand schien der Erste zu sein. Wer war er? Obwohl der Alptraum schrecklich real gewirkt hatte und sich in seine Haut eingebrannt schien, konnte er sich kaum bis gar nicht, an die gesagten Wörter erinnern.
Gary atmete tief durch und mehrere Male wieder aus. Aus dem Nebenzimmer dröhnte laute Rockmusik zu ihm herüber. Wie konnte er bei diesem Lärm, den sein Bruder veranstaltete, nur so tief in einem Alptraum versunken gewesen sein?
Er ballte seine Hände zu Fäusten, um das Dämonenblut daran zu hindern, schneller hindurch zu rasen. Langsam wurde er ruhiger und sah aus den Augenwinkeln zur Uhr. Es war kurz nach drei. In wenigen Stunden schon, würden sie Green zur Schule begleiten.
Sie durfte ihn so nicht sehen.
Gary ließ sich ins Kissen zurückfallen und versuchte sich zu sammeln. Er musste das Ganze aus einem logischen Blickwinkel betrachten.
Was sollte der Alptraum ihm sagen? Sollte er ihn als eine Warnung sehen? Würde das eintreffen... was er gesehen... gehört... getan hatte?
Aber, was hatte er getan? Wenn Gary daran zurückdachte, verschwamm seine Sicht plötzlich und ergab keinen Sinn. Er hörte nur Greens anhaltenden, schrecklichen Schrei im Kopf. Die Stimmen die auf ihn eingeschlagen hatten... zwei davon kannte er, dessen war er sich sicher. Aber sie bildeten kein Bild welches zu den Stimmen passte.
Die einzigen Worte, die er klar und deutlich im Kopf hatte, waren seine eigenen gewesen.
Nein. Es waren nicht seine.
Es waren die Worte seiner dämonischen Hälfte gewesen.
Er hatte ihr Gewalt angetan... nur was, wusste er nicht. Wollte es auch nicht genauer wissen. Gary wusste nur, dass es genau das war, wovor er versuchte Green zu beschützen.

Aber... wie sollte Gary Green vor sich selbst beschützen...?


Juli 2006 Hikari Regien Kurai Yogosu Hikari Green


"Ich fass es nicht! Es steht da tatsächlich!"
Die Hikari Green konnte nicht anders, als das kleine Platin Schild anzustarren. Sie hatte sich vorgebeugt, um auch jedes einzelne Zeichen ihres Namens, geschrieben in der heiligen Schrift der Wächter, in Nahaufnahme lesen zu können. Sie glaubte immer noch, dass es sich alles um ein Trugbild handelte. Sie hätte nie zu träumen gewagt, dass sich ihr Name, der doch als Sünderin gebrandmarkt war, sich irgendwann mal unter den Heilligen Hikaris befinden würde. Doch nun hing ihr Name, eingemeißelt in Platin, neben dem Schild ihrer Mutter - zwischen den Anderen. In einem Turm der von oben bis unten gepflastert war von diesen Namenschildern - und da dieser einen Durchmesser von rund fünfzig Metern und eine Höhe von mehr als zweihundert hatte, konnte man sich vorstellen, wie viele Namen hier verewigt waren. Der Turm war hell erleuchtet vom Sonnenlicht, da die Kuppel aus Glas bestand.
Greens großer Bruder Grey stand hinter ihr. Seine Augen waren glasig - ein Anzeichen für die nahenden Tränen der Freude und des Stolzes.
"Ich hab es dir doch gesagt! Und du wolltest es mir nicht glauben. Es ist erst heute Morgen im Jenseits entschieden worden. Ab den heutigen Tag, ist das Regime unserer Mutter beendet und du trittst an ihrer Stelle diesen erhabenen Posten an! Es wird in 22 Tagen offiziell bekannt gegeben werden und ein großes Fest wird an diesem Tage zu deinen Ehren stattfinden..." Von Green war ein Stöhnen zu hören. Noch nie war sie auf einer dieser Festlichkeiten gewesen, aber sie wusste genau, was alles damit verbunden sein würde. "Green tu dies nicht, tu das nicht. Rede so und nicht so." Dazu noch das Kleid welches sie tragen sollte... Auf ein offizielles Fest konnte sie selbstverständlich nicht ihre bevorzugte Farbe, Schwarz, tragen, sondern das genaue Gegenteil.
"Und ich habe bereits den Entwurf des Kleides fertig. Sobald der neue Stoff angekommen ist, werde ich anfangen. Du wirst großartig aussehen! Eine wahre Augenweite! Vielleicht findet sich unter den Anwesenden auch einen..." Seine kleine Schwester richtete sich auf und wandte sich herum. Ihr Blick glich der einer Schlange, die im nächsten Augenblick zum tödlichen Angriff ausholen würde.
"Habe ich mich verhört, oder hast du gerade angedeutet, dass ich die Männer auf mich aufmerksam machen soll, damit sie um meine Hand anhalten?" Grey war versucht zu lächeln, auch wenn ihr Blick ihn ein wenig nervös machte.
"Nein, natürlich nicht. Ich bin nur der Meinung... Green, du bist jung und mit menschlichen Ansichten erzogen..." Green hob die Augenbraue. Dadurch schien Grey seine Idee zu verwerfen und, indem er sich räusperte, holte er erneut aus.
"Ich finde, du solltest nicht gleich den Erstbesten nehmen, der auf der Bildfläche erscheint."
"Ich dachte du würdest langsam anfangen Gary ein wenig zu akzeptieren?"
"Ich akzeptiere...Gary-san. Aber das heißt nicht, dass ich finde er wäre der Richtige für dich. Er ist nun mal... ein Dämon." Die Angesprochene verdrehte die Augen.
"Grey, bitte!", sagte sie mit einer theatralischen Handbewegung, wie auch Tonfall.
"Unsere Familie will mich nicht mehr umbringen weil ich ihn liebe"
"Weil du Inceres-no-danna auf deiner Seite hast..."
"Na und? In der Liebe und im Krieg ist alles erlaubt und ich habe, zu diesem Fest in 22 Tagen vor, bekanntzugeben, dass ich bereits vergeben bin. Sollen sich die werten Männer erst gar keine Hoffnungen machen!" Grey seufzte und zeigte auf das Platinschild mit Greens Namen drauf:
"Darum geht es nicht. Green, du hast jetzt einen enorm wichtigen Posten, den du zu vertreten hast. Das Problem sind nicht die Hikari, sondern deine Wächter. Es ranken sich wilde und wahrlich abstruse Gerüchte um dich und deine dämonischen Freunde. Unseresgleichen kennt dich nur durch Diese. Kaum jemand kann sich ein Bild von dir machen, daher werden sie sicherlich ein wenig skeptisch deiner Ernennung zur Regime-Führerin entgegentreten. Vergiss nicht, viele der Alten haben noch unserer Mutter gedient - du wirst nicht drum herum kommen immer in Vergleich mit ihr zu geraten. Und... ohne dich kränken zu wollen, aber: es ist nicht schwer in dem Schatten unserer Mutter zu stehen. Immerhin..."
"Ist sie rein, heilig, unschuldig, mächtig, besitzt Führungsqualität und ist durch und durch perfekt. Mit anderen Worten, all das was ich nicht bin." Green hatte dies begleitet mit einem Seufzten gesagt, so dass Grey sich sicher war, dass es ihr näher ging, als sie es manchmal vorgab.
Lächelnd legte Grey seinen Arm um die Schulter seiner geliebten Schwester und sagte:
"Du brauchst dich nicht hinter dem Licht Mutters zu verstecken. Du hast dein ganz eigenes, besonderes Licht... und ich bin mir sicher, dass werden Unseresgleichen bemerken, wenn sie dich kennengelernt haben. Gib ihnen - und auch dir, ein wenig Zeit." Green lächelte und schmiegte sich an ihren Bruder.
"Danke, Onii-chan. Das ist wirklich lieb von dir..." Doch auch wenn seine Worte sie beruhigt hatten, vollends waren ihre Sorgen nicht weggewischt. Es war gerade mal zwei Monate her, dass man sie hatte hinrichten wollen. Ihre eigene Familie wollte sie umbringen da Green von Geburt an von einem wahrlich grausamen Schicksal geschändet war. Ein Schicksal welches besagte, dass sie sich in einen Dämon verlieben würde und dass dies zu Tod und Untergang führen würde. Ihre Familie, die heiligen und engelsgleichen Hikaris, hatten sie als Gefahr für das gesamte Wächtertum angesehen und wollten diese Gefahr aus dem Wege räumen. Fast wäre es ihnen auch gelungen - hätte eben diese Person, der ihr das Schicksal prophezeit hatte, nicht eingeschritten und es zu verhindern gewusst - Inceres. Seit diesem Tage stand Green unter seinem Schutz. Alle hatten große Ehrfurcht, unendlichen Respekt und wahrscheinlich auch insgeheim Angst vor Inceres. Was wahrscheinlich auch der einzige Grund war, weshalb sie mit Freundlichkeit im Reich der Hikari aufgenommen wurde. Nein, Green korrigierte ihren Gedanken: Für die meisten war Inceres der Grund. Aber es gab auch einige wo Green sich einbildete sowas wie Sympathie zu spüren. Bei Adir war sie sich sogar sehr sicher, dass er sie mochte. Er hatte sie auch zu einer Partie Schach herausgefordert - bei der Green natürlich in innerhalb von zwei Zügen verloren hatte. Dabei hatte er ihr Hilfe angeboten, wenn Green diese in Zukunft mit ihren Untertanen nötig haben würde. Adir vertraute ihr hinter vorgehaltener Hand an, dass er zu Anfang so unsicher auf seinen Posten gewesen war, dass er seinen Bruder manchmal das Reden überlassen hatte. Green war über diese Aussage so überrascht gewesen, dass sie nicht zu einer Antwort fähig gewesen war.
Green konnte also behaupten, sie würde nun ohne flaues Gefühl im Magen ins Jenseits gehen. Dieses Gefühl bemächtigte sie allerdings, wenn sie Shaginais Weg kreuzte. Er war der Wächter gewesen, der hinter dem Hinrichten seiner Enkelin gestanden hatte, wahrscheinlich auch Derjenige der sie von allen Wächtern am meisten hasste. Nun, da Inceres seine schützende Hand über Green hielt, war sie Luft für ihn. Green hatte gehofft sie könnte ihr Verhältnis zu ihren nahen Verwanden irgendwie bessern, aber dem war nicht so. Sie sollte ihm Zeit lassen, sagten Adir und White, Shaginai wäre in seinem Stolz verletzt - und er trug immerhin den Beinamen "Der Stolze" nicht umsonst. Obendrein hatte er wegen seiner Enkelin und ihrem Beschützer große Anteile des Respekts, den die anderen Hikari ihm gezollt hatten, eingebüßt. Green hatte also noch einen harten Weg vor sich, wenn sie wenigstens einmal ein nettes Wort von ihm hören wollte.
"Verzeiht die Störung in Eurer Zweisamkeit", ertönte eine monotone Stimme hinter den beiden Geschwistern, die gerade schweigend durch die prachtvollen Gärten des Tempels geschlendert waren. Grey löste seinen Arm von Green und die beiden drehten sich um.
"Was gibt es denn, Ryô?", fragte Grey den Tempelwächter der vor ihnen stand. Seine blonden Haare glänzten in der Herbstsonne, ehe er sich kurz verbeugte. Als er sich jedoch wieder aufrichtete, lächelte er fast schon ein wenig frech.
"Ihr habt in einer halben Stunde eine Verabredung einzuhalten, Grey-sama. Ich dachte ich erinnere Euch lieber daran." Sein Meister sah perplex drein und Green sagte, wenn er ins Jenseits solle, wolle sie mit. Doch dies hatte nichts mit der Pflicht eine Hikari zu tun. Sondern eher mit denen eines Mannes.
"Ilang! In Lights Namen! Ich sollte mich um halb drei mit ihr in Kairo treffen... Ryô, sag mir nicht, dass es schon so spät ist!"
"Gewiss, ich befürchte es ist so."
"In Lights Namen!", wiederholte Grey nochmal und wandte sich dann an seine Schwester, während er schon rückwärts ging.
"Entschuldige mich, Schwesterherz! Wir sehen uns morgen! Ich muss wirklich los! Wir wollen die Pyramiden besichtigen!" Grey wartete nicht einmal ihre Antwort ab, ehe er sich davon teleportierte - wahrscheinlich um sich in seinem Zimmer neueinzukleiden.
Greens Blick blieb auf dem Fleck wo ihr Bruder gerade verschwunden war. Die etwas kühlere Herbstluft erfasste ihr Haar und lies es kräuseln. Die Hikari seufzte und konnte nichts dagegen tun, dass sie einen Stich von Neid in sich spürte. Grey hatte es gut... Seit zwei Wochen waren Ilang und er offiziell ein Liebespaar - wer hätte gedacht, dass Grey es vor Green schaffen würde? Sie hatte es in diesem Bereich nicht weiter geschafft. Zwar war sie sich ihren Gefühlen zu Gary bewusst, doch das "Ich liebe dich", war weiterhin unausgesprochen. Green fand nicht den geeigneten Moment und irgendwie... traute sie sich auch nicht. Sie hatte schlichtweg Angst vor seiner Antwort. Nicht davor, dass er ihr sagen würde, dass er sie nicht lieben würde, nein... denn das fühlte sie irgendwie. Green konnte nicht sagen warum oder wie. Aber sie wusste, es war etwas zwischen ihnen. Etwas was in den Augen eines normalen Wächters und Dämons nicht sein durfte... Genau dies war es auch, welches Green verunsicherte. Sie hatte damit gewiss kein Problem: Dass sie eine Hikari war und er ein Dämon. Aber was war mit Gary? Sie kannte seine Haltung dazu nicht... und ob er nicht aus Vernunft "nein" sagen würde...
"Ich beneide Grey..." Für die Einfachheit seiner Liebe...
"Die Liebe Ilang-samas tut ihm gut." Green fuhr zusammen, da sie Ryôs Anwesenheit durch ihre eigene Abwesenheit, vergessen hatte. Sie drehte sich zu ihm um und gab ihm ein zustimmendes Nicken.
"Ja, das denke ich auch. Ich hätte nie gedacht, dass die Liebe ihm so gut stehen würde!" Sie kicherte und wollte sich schon von Ryô verabschieden, als diesem etwas einzufallen schien. Er holte etwas aus seiner Innentasche hervor und sofort sah Green, dass sich ihre Abreiße wohl noch etwas hinauszögern würde. Es war ein Brief.
"Verzeiht Hikari-sama, dass ich ihn kurz vergaß", sagte Ryô als er Green den Brief übergab. Die Hikari war bereits beim Öffnen des Briefes, als sie sagte:
"Ach was, mach dir da keinen Kopf. Das Einzige wofür du dich entschuldigen brauchst, ist für dein dauerndes Entschuldigen!" Sie sah ihn über den Brief hinweg grinsend an.
"Aber ich weiß ja, dass du nichts dafür kannst." Damit steckte die Hikari den Brief in ihre eigene Tasche und sah den ein wenig verunsicherten Ryô lächelnd an.
"Bis dann! Ich muss jetzt los. Grüß Grey von mir und sag ihm, dass ich wissen will, wann ich Tante werde!"


In dem Brief hatten haargenau dieselben Worte gestanden, wie auch schon in den letzten beiden. Green konnte über den Inhalt nur schmunzeln - schmunzeln und dem Wunsch dennoch nachgeben:

"Hi Green (er versuchte "modern" zu klingen)!
Die Langeweile und die Sehnsucht nach dir wird mich noch zu Tode quälen... (und das wo ich bereits tot bin). Ist es dir irgendwie möglich mich zu besuchen?
Ich bitte dich darum.

In Freude auf dein Kommen: H.U.G.K Inceres."

Kurz und bündig, so war er, Inceres. Seine letzten beiden Briefe hatten ähnlich ausgesehen. Doch da Green ihn schon seit einer Woche nicht gesehen hatte, war sie schon dabei ihren Schlüssel heraus zu holen. Als sie ihn in der Hand hatte, strahlten ihre Augen vor Freude. Nicht weil der Schlüssel sicherlich einiges wert war, sondern weil es der Beweis der Akzeptanz der Hikari war. Sie mochte es ihn in Gebrauch zu nehmen und sie hatte die Formel für die Teleportion auch schnell auswendig gelernt.
Green drückte den Schlüssel an sich, schloss die Augen und sprach die Formel:
"Heilige Göttin des Lichts, ich dein treuer Erbe erbitte um einen Glanz deiner Glorie.
Schenke mir eine Feder deiner engelshaften Schwingen.
Leite mich ich ins Reich des Lichtes…
… bis ich irgendwann ein Ableuchten eurer Heiligkeit werden kann.
Oh Hikari-kami-sama, ich bitte Euch."

Nachdem sie Inceres durch die besonderen Ereignisse kennengelernt hatte, musste sie immer wieder über die Formel lachen. In dieser flehte man Hikari-kami-sama um Erlaubnis ihr heiliges Reich zu betreten... statt ihren Namen, wäre der Name Inceres' besser angebracht. Es war sein Verdienst, dass es das Jenseits überhaupt gab. Hikari-kami-sama hatte damit wenig zu tun. Sie hatte ihn einmal darauf angesprochen, ob er es gewesen war, der die Formel erfunden hatte. Doch der kleine Hikari hatte gelacht und verneint. Im Prinzip wurde keine Formel benötigt, sie war nur praktisch für den Anwender. So konnte er den Einklang mit seinem Element besser erreichen und damit den Schlüssel aktivieren. Also konnte Green im Prinzip sagen was sie wollte, solange sie ihre Lichtmagie konzentrierte.
Ihre Fußspitzen setzten auf dem verzierten Boden ab, im gleichen Moment wo ihr der Atem erleichtert wurde. Green öffnete die Augen, warf sich die Haare über den Rücken und schritt zur Flügeltür, die wie immer von zwei eisernen Tempelwächtern bewacht wurde. Standartgemäß verbeugten sie sich tief und fragten dann:
"Name?" Green lächelte und versuchte dabei Whites nachzuahmen. Es machte ihr Spaß "Hikari" zu spielen.
"Kurai Yogosu Hikari Green! Tochter von Hikari Akarui Tenshi Shinsetsu White. Wächterin des Lichtes..." Mit stolz geschwellter Brust holte sie tief Luft und sagte:
"Zweiter Rang!" Die Beförderung vom dritten auf den zweiten Rang, schien die beiden Tempelwächter weniger zu interessieren. Nicht die geringste Gefühlsregung war in ihrem Gesichtern zu erkennen, im Gegensatz zu Green, die richtig strahlte. Die Prüfung war immerhin schwer genug gewesen, da hatte sie jawohl allen Grund stolz auf sich zu sein. Green hatte sie vor einer Woche abgelegt, nachdem Grey ihr zwei Tage zuvor davon erzählt hatte. Es waren zwei wirklich anstrengende Tage des Trainings gewesen, doch es war ihr letztendlich gelungen. Ihr Bruder hatte gemeint, dass es auch kein Wunder war: Green hatte schon lange nicht mehr das Niveau einer drittklassigen Wächters mehr und es war immer nur eine Frage der Zeit, wann sie aufsteigen würde. Allerdings war der Aufstieg vom Zweiten auf den Ersten, um einiges schwerer und nicht mit einer "einfachen" Prüfung zu machen. Um auf den Ersten aufzusteigen musste Green ein Wunder vollbringen. Ein Wunder in Form davon, dass sie etwas tun musste, was sie als Hikari einzigartig machen würde - als ob sie das nicht schon wäre! Kein anderer Hikari konnte immerhin von sich behaupten, Dämonen heilen zu können. Doch diese Fähigkeit wurde lieber vergessen und verdrängt, als für Gabe angesehen zu werden. Es würde also sicherlich noch ein wenig dauern bis Green sich eine Erstrangwächterin nennen konnte. Jedoch störte sie das nicht allzu sehr. Zwar war sie die einzige Hikari in der Geschichte die mit 17 noch den zweiten Rang innewohnte, doch sie war zufrieden.
Green wurde von den beiden Tempelwächtern in das Reich der Hikaris hereingelassen und kaum hatte sie einen Fuß über die Türschwelle gesetzt, hatte sie auch schon ein Kind umarmt.
Ein Kind, welches der größten Macht des Wächtertums innewohnte.
"Ah, Green, ich hab dich so vermisst!"
"Ich dich auch, Inceres." Und schon fand sie sich in Inceres' Gemach wieder. Sie war nicht so überrascht wie das erste Mal, als er sie hierher gebracht hatte. Er wollte mit ihr ungehört und alleine sprechen - was sie auch gut verstehen konnte. Beim ersten Mal hatte er sie auch vorgewarnt. Was ihr jedoch auch noch beim zweiten Mal den Atem raubte, war der Anblick seines Gemaches... wo "Gemach" eindeutig das falsche Wort war. Sein Reich glich eher einer privaten Kathedrale.
Hohe verzierte Wölbungen, die über 90 Meter vom Boden entfernt war, hohe gotische Säulen, die bunte Glasfenster einrammten, dank denen sich farbige Lichter auf den Boden spiegelten. Doch das größte Fenster war dort, wo sich in einer christlichen Kirche der Altar befanden hätte. Von diesem Fenster flutete das bunte Licht nur so hinein, als würde die Sonne im Zenit stehen - was im Jenseits absolut unmöglich war.
Die Architektur war jedoch nicht das atemberaubende an diesem Anblick... es waren die Bücher. Green hatte immer geglaubt, sie würde niemals eine Bibliothek finden, wo sich mehr Bücher befinden würden, als in der Bibliothek, die zum Tempel gehörte. Doch dieser Saal übertraf alles. Die Bücher standen nicht nur in den vollgestopften Regalen, sondern einfach überall. Der Saal bestand aus Bücher die kleine Türme bildeten, teilweiße 20 Meter hoch. Es sah aus wie ein Labyrinth welches aus Büchern bestand. Eins war sicher: aus diesem Raum würde man Leseraten wie Gary niemals wieder herausbekommen. Inceres hatte ihr gesagt, er hätte hier sogar die Erstausgabe der Bibel. Bei all diesen Büchern wurde einem Inceres' Wissen förmlich auf einem Silbertablett vorgelegt. Ein wenig beängstigend war das manchmal schon...
"Würde dir ein Tee gefallen?", fragte Inceres und schreckte Green damit aus ihren Gedanken auf. Sie sah ihn an und sofort sprudelten weitere Worte aus seinem Mund:
"Oder lieber Kaffee? Orangensaft? Apfelsaft? Cafe Latte? Wasser? Limonade? Energy drink?" Hätte Green den überschwänglichen Hikari nicht schnell gesagt, dass ihr ein Tee gut tun würde, hätte er wahrscheinlich alle Getränke der Welt aufgelistet. Kaum hatte sie ihren Wunsch ausgesprochen, tauchten wie aus dem Nichts auch schon Inceres' zwei Tempelwächter Ecui und Acui hinter ihm auf, beide ausgerüstet mit Tablett und einem wohlriechenden Tee. Beide ausdruckslos wie eh und je, reichten sie den beiden Hikaris jeder eine Tasse und füllten das heiße Wasser hinein.
"Danke, Ecui und Acui", sagte Inceres in einem lieben Tonfall und lächelte die Beiden erfreut an. Green war immer wieder überrascht darüber wie viele Gefühle er für die Zwillinge hegen musste. In ihrer Nähe wirkte er immer um einiges jünger und eher wie ein unschuldiges Kind, als ein Machthaber.
"Also, Inceres...", fing Green an, nachdem die beiden Tempelwächter wieder zwischen den Büchern verschwunden waren. Ihr Gesprächspartner hatte mittlerweile auf einem Stapel Büchern Platz genommen und die Ketten, die er an seine Fußgelenke hatte, baumelten frei herunter. Green mochte sie nicht gerne sehen, da es sehr schmerzhaft aussah wie sie sich um sein Gelenk schlangen und es ohnehin ein nicht schöner Gedanke war, dass Inceres sein gesamtes Leben und seinen Tod in Gefangenschaft gefristet hatte - obwohl er diese Macht besaß.
Green atmete tief durch und nahm dann den Faden wieder auf:
"Was wolltest du besprechen? Gibt es etwas Bestimmtes?" Der Angesprochene trank einen Schluck von seinem Tee, ehe er antwortete:
"In der Tat, ich habe einen bestimmten Grund dich hierher zu beordern. Ich möchte mit dir über etwas reden."
"So? Über was?" Green konnte sich schon vorstellen über was er reden wollte. In deren paar Treffen hatte es ein Hauptthema gegeben: ihre Liebe zu Gary. Nicht, wie man denken sollte, dass er versuchte ihr den Gedanken aus den Kopf zu schlagen, nein, eher das Gegenteil. Der kleine Hikari schien großen Gefallen daran zu finden Amor zu spielen. Als ob er der Allwissende im Bereich "Liebe" war, gab er ihr am laufenden Band Tipps und versuchte hartnäckig sie dazu zu bringen ihre Gefühle Gary gegenüber zu offenbaren. Green wusste nicht wie sie das deuten sollte - immerhin wusste Inceres über ihren nächsten Weg bescheid. Ihren Weg. Oder eher, ihre nächste Entscheidung. Inceres einzigartige Fähigkeit bestand darin die Wege zu sehen, kleine Entscheidungen die die Zukunft nicht im geringsten beeinflussen konnten, wie zum Beispiel die Wahl was man zum Frühstück essen wollte, aber auch wichtige Dinge, die nicht nur sein eigenes Leben beeinflussen konnten, sondern das aller. Dies war als Hikari nicht gerade schwer. Jedoch war Inceres' Gabe beschränkt. Er konnte nur die "Auswahlmöglichkeiten" sehen, nicht das Ergebnis an sich. Daher konnte Green seine hartnäckigen Verkupplungsversuche nicht recht deuten. War es etwa so, dass sie sich beeilen musste? Sie hatte ein wenig Angst davor, dass es sich um die Todeskarte handeln würde... Sie hatte Inceres von ihrer Angst erzählt, in der Hoffnung, dass er ihr über ihren nächsten Weg erzählen würde, doch Inceres antwortete mit einem Lächeln:
"Die Wahl liegt ganz bei dir, Green."
"Es handelt sich um deine Begabung Dämonen heilen zu können." Green kehrte durch die Stimme Inceres' wieder in die Gegenwart zurück und sah sofort ein wenig beschämt drein.
"Es bringt sicherlich nichts, wenn ich dich frage, woher du davon weißt...?" Inceres lächelte mit geschlossenen Augen ein wenig schelmisch, wobei er Ähnlichkeit mit einem Fuchs hatte, da er sehr dünne Augenbrauen besaß.
"Nein. Du solltest dich nicht so oft dazu entscheiden deine Freunde zu heilen, Green." Sie sah weg, da es nicht das erste Mal war, dass er sie ermahnte.
"Deine Gabe muss unter absoluter Geheimhaltung stehen. Es ist ein zu großes Risiko, wenn du sie zu oft dazu gebrauchst kleine Verletzungen zu heilen."
"... Du redest schon wie Gary." Inceres grinste.
"Ein weiterer Grund warum er genau der Richtige für dich ist. Du brauchst jemanden der dich an die Richtlinien des Lebens erinnert." Green erwiderte sein Grinsen.
"... Sagt ein zehnjähriger Junge."
"In der Tat." Er grinste noch einen kurzen Moment, bis er wieder ernst wurde und seine nun leere Tasse auf einen weiteren Bücherstapel abstellte. Er faltete seine weißen Kinderhände auf seinen Schoss und fuhr fort:
"Ich bitte dich darum mit deiner Gabe sorgfältiger umzugehen. Diese Bitte ist wirklich inständig. Ich habe dich nicht wiederbelebt, damit du durch einen Ausrutscher in die Hände der Dämonen fällst. Ich muss dir nicht sagen, welch Wichtigkeit du für sie einnehmen würdest, wenn unser Gegenpart diese Informationen erhält." Green deutete ein Nicken an. Sie hatte das schon oft zu hören bekommen. Vor allen Dingen von Gary. Natürlich hatten sie seit ihrem Geburtstag bereits gegen viele Dämonen gekämpft... auch wenn es weniger wurde, was Gary zu beunruhigen schien... und wenn Siberu oder Gary verletzt wurden, war Green sofort zur Stelle um sie zu heilen. Der Rotschopf hatte dagegen überhaupt keine Einwände. Ihm schien es sogar unheimlich zu gefallen und es sah manchmal so aus, als würde er sich die Wunden mit Absicht zufügen. Er sah nicht die Gefahr die dahinter steckte - die Heilungen kosteten Green zwar nicht mehr so viel Energie wie zu Beginn, doch das größte Risiko war die Sache mit der Geheimhaltung. Denn im Gegensatz zu Siberu, musste Green Gary regelrecht dazu zwingen sich heilen zu lassen und er achtete sehr genau darauf, nicht verletzt zu werden.
"Ich werde mich zurückhalten", versprach Green, doch Inceres sah bei weiten nicht überzeugt aus. Bevor er jedoch seine Predigt fortsetzen konnte, unterbrach die Hikari ihn:
"Ich wollte mich noch bei dir bedanken!" Verwundert wurde sie angeschaut, bei weiten kein Anblick der oft auf Inceres' Gesicht zu sehen war.
"Für was?"
"Ach tu doch nicht so, Inceres. Dafür, dass jetzt ein Platinschild mit meinem Namen im Turm hängt - mit anderen Worten, dass ich Regime-Führerin bin."
"Ach das." Er winkte mit der Hand ab.
"Ich habe dazu nicht so viel beigetragen wie du denkst. Kleine Schubse in die richtige Richtung... mehr war da nicht nötig."
"Trotzdem, Inceres... du tust so viel für mich." Er lächelte.
"Ich mag dich sehr." Green wusste nicht was sie darauf antworten sollte, daher schwieg sie. Sie sah ihn an, sah zu wie er seine Tempelwächter beobachtete - er sah jedenfalls in deren Richtung. Es war selten ihn mit offenen Augen zu sehen. Er schien zu versuchen so viel wie möglich mit geschlossenen Augen zu regeln, wahrscheinlich weil er in der Zeit in der er lebte immer geglaubt hatte, seine königsblauen Augen wären eine Sünde. Er und Green hatten wirklich genau die gleiche Augenfarbe... Nur, dass seine Augen kleiner waren als die ihre, obwohl sein Körper sieben Jahre jünger war als Greens. Aber das war der einzige Unterschied. Als sie ihn so ansah, spielte sie wieder einmal mit dem Gedanken, dass mehr Bedeutung in ihrer gemeinsamen Augenfarbe lag, als es den Anschein hatte. Hikaru, die Mutter Inceres', hatte gesagt, dass seine Augen ein Zeichen dafür waren, dass in ihm solch eine ungeheure Macht innewohnte. Green hatte bereits mit dem Gedanken gespielt, ob auch in ihr etwas wohnte, von dem sie keine Ahnung hatte. Sie hatte Inceres darauf angesprochen, doch er hatte nur mit dem Kopf geschüttelt und gesagt, er würde erst weiter in ihre Zukunft sehen können, wenn Green die nächste Entscheidung hinter sich gelassen hatte. Was das für eine Entscheidung war, war nach wie vor, das Größte von Inceres' Geheimnissen.
Es gab jedoch ein anderes Geheimnis, nach dem Green ebenso gierte es gelüftet zu haben:
"Inceres... kann es sein, dass du mich magst, weil du..." Er sah sie wieder an und lächelte nun ein wenig mitleidig:
"Du sehnst dich wirklich nach einem Vater." Green wurde rot, weil er sie sofort durchschaut hatte.
"Ich möchte es nur wissen. Mutter will mir immerhin nichts erzählen... Am Ende glaube ich wirklich noch sie wurde von Nocturn vergewaltigt!" Inceres lachte.
"Na, das wollen wir doch mal nicht hoffen!"
"Kannst du nicht einfach mal eine klare Antwort geben, anstatt immer Raum für Spekulationen übrig zu lassen? Du machst einen ja verrückt!" Entschuldigend wurde sie angesehen, auch wenn sie die Aufrichtigkeit seiner Entschuldigung nicht vollends ernst nahm. Es machte ihm unheimlich Spaß andere zu verwirren. Er legte seine Hand auf sein Herz und antwortete:
"Gut, dann will ich dir die Wahrheit verraten: Ich bin nicht dein Vater. Wie auch? Egal wie viele Äonen ich bereits existiere, mein Körper ist nur zehn Jahre alt geworden. Ich bin genauso unschuldig wie du." Green wurde bei dieser direkten Antwort rot. Natürlich war ihr klar gewesen, dass er sie nicht gezeugt hatte. Dieser Gedanke war ziemlich abstrus. Doch Inceres traute sie mittlerweile alles zu... und egal wie es möglich sein sollte, es war ihr egal: Der Gedanke Inceres könnte ihr Vater sein war ein schöner Gedanke. Denn obwohl er so klein war und ihr kleiner Bruder sein könnte, fühlte sie sich in seiner Nähe wohl und geborgen. Es war etwas anderes als die Gefühle die sie für ihre Mutter fühlte. Es war genauso, wie sie sich vorstellte, mit einem Vater zu reden. Green sprach gerne mit ihm, auch wenn er alles verschleierte. Seine Anwesenheit war merkwürdig wohltuend. Es war, als wäre er die fehlende Hälfte die sie benötigte um komplett zu werden…
Während Green so ihren Gedanken nachhing, waren Ecui und Acui hinzugekommen, sie sprachen mit deren Meister über etwas von dem Green keine Ahnung hatte. Sie hatte noch nie einen Hikari getroffen, der seine Tempelwächter mit solch einer Wärme und Liebe entgegen trat. Es war unschwer zu erkennen, wie sehr er an ihnen hing und wie viel sie ihm bedeuteten. Was auch kein Wunder war, wenn man bedachte, dass sie seit seiner Geburt an seiner Seite gewesen waren und auch das ewige Leben mit ihm teilten.
"So, Green. Ich muss mich langsam von dir entschuldigen." Die Angesprochene sah auf.
"Was? Warum?" Er erhob den Zeigefinger.
"Weil ich Besorgungen machen muss!"
"Besorgungen?"
"Ja. Ich habe gerade mit Ecui und Acui darüber gesprochen, sie sind dagegen."
"Warum? Wo sollst du hin?" Sie sah zu den Tempelwächtern, die ein klein wenig missvergnügt aussahen, aber auch besorgt.
"Die Dämonen haben ein neues Buch herausgebracht, welches mich brennend interessiert." Jetzt sah auch Green missvergnügt aus.
"Du willst also dein Double in die Dämonenwelt schicken um das Buch zu besorgen? Bringt es etwas, wenn ich dich frage ob du mich mitnehmen kannst?" Inceres tat so als hätte er das überhört.
"Inceres! Das ist gemein! Immer gehen alle in die Dämonenwelt und nehmen MICH nie mit! Zuerst Silence, dann letzte Woche Sibi und Gary..."
"Du bist eine Hikari, Green. Du kannst nicht einfach in die Welt der Dämonen gehen, ohne einen Krieg heraufzubeschwören. Das verstehst du doch."
"Ach, und was bist du?"
"Ein Hikari. Aber mein Double muss es nicht sein."
"Gut, dann machst du eben auch ein Double von mir. Außerdem verstehe ich gar nicht wie du da hin kommst... Das Siegel welches Mutter mit ihrer Macht und der von Nocturn geschaffen hat, ist doch aktiv. Wie machst du das?" Jetzt öffnete er seine Augen und sah ernsthaft missgestimmt aus, beinahe schon wütend. Green zuckte unbewusst zusammen.
"Ich verbiete dir, auch nur einen Fuß auf diesen blutigen Boden zu setzen. Hast du mich verstanden?"
"Du redest wie Großvater..."
"Es ist mir egal wie ich rede. Hauptsache wir haben uns verstanden. Du wirst nicht mehr darüber spekulieren wie man dorthin gelangt und weder mich, noch deine Freunde fragen, ob wir dich mitnehmen können." Green schluckte angesichts der Härte in seinen dunkelblauen Augen. Ihr war nicht bewusst gewesen wie unbarmherzig er aussehen konnte und obwohl sie dagegen war, senkte sie den Kopf und versprach, dass sie ihn nicht erzürnen würde.
Sofort nahm seine Wut ab.
"Aber ich könnte dir als Kompromiss anbieten, dass ich dir die Sprache beibringe." Green sah auf.
"Die Sprache? Du kannst die Sprache der Dämonen?!" Er lachte.
"Ja, glaubst du denn, ich gucke mir die Bilder in den Büchern an?"
"Ich dachte immer es ist uns nicht möglich, diese Sprache zu lernen..."
"Nein, unmöglich ist es nicht. Ihnen ist es nicht möglich unsere Sprache zu lernen, aber umgekehrt schon. Wir tun es bloß nicht aus Eitelkeit. Am Rande gesagt, ist die Sprache auch nicht gerade hübsch. Aber umso einfacher zu lernen."
"Oh das wäre toll! So könnten Sibi und Gary nicht mehr in ihrer Sprache reden ohne, dass ich es mitbekomme."
"Was? Sie reden ihrer Sprache hinter deinem Rücken? Das ist aber sehr unhöflich."
"Ach nein, das tun sie nicht. Wenn aber ein anderer Dämon hinzu kommt, dann kann es schon einmal vorkommen, dass sie in ihrer Sprache reden. Und das stört mich."
"Ich hoffe ja nur, dass sie gut auf dich aufpassen."
"Gary auf jeden Fall."
"Ihr passt so gut zusammen!"
"Incereeees!"
"Und du möchtest wirklich keine Ratschläge?"
"Wer war es der vor fünf Minuten noch über Unschuld gesprochen hat?"
"Ich habe vor kurzen ein Buch gelesen welches den Titel "Verbotene Leidenschaft" hatte - wäre das nicht was für euch?"
"Inceres! Nun fang nicht schon wieder damit an!" Inceres setzte eine Unschuldsmiene auf.
"Aber, ich will doch nur das Beste für meinen kleinen Schmetterling!" Green seufzte, konnte aber nicht drum herum zu schmunzeln.
"Dein kleiner Schmetterling macht jetzt die Fliege." Jetzt seufzte Inceres, aber er stand auf.
"Du hast Recht, ich muss ja auch los." Ecui und Acui warfen sich einen Blick zu. Kurz schienen sie sich nicht sicher zu sein, entschieden sich aber dann doch:
"Inceres-sama...", sagten sie wie aus einem Munde.
"Bitte überlegt es Euch noch einmal. Ihr braucht euch keine Umstände zu machen. Wir können das Buch genauso gut holen." Inceres drehte sich zu ihnen um und sagte:
"Ich will genauso wenig, dass ihr einen Fuß in diese Welt setzt, wie Green. Ich habe nicht viele Wesen dir mir etwas bedeuten und die, die es tun, sollen unverletzt bleiben." Dem beugten sich die beiden Tempelwächter, sie senkten deren Köpfe und sagten, er solle auf sich aufpassen.
"Ich werd dann mal", sagte Green und ging bereits rückwärts, indem sie ebenfalls sagte, er solle auf dich aufpassen.
"Du auch, Green. Auf Wiedersehen." Sie war schon an der Pforte als Inceres noch hinzufügte:
"Viel Spaß heute, Green." Green drehte sich um, doch sah nur noch sein liebes Lächeln, ehe sie auch schon sanft aus dem Jenseits befördert wurde.