Online: 1 Heute: 16 Gesamt: 170924
Episode 02
  Episode 02: Beim Klang der Spieluhr
"Du verfluchter Idiot! Ich warte unten! Wenn ihr in fünf Minuten nicht unten seid, fahre ich ohne euch! Dann könnt ihr selbst sehen wie ihr rechtzeitig nach Osaka kommt!" Greens Finger verharrte über den Knopf für den Fahrstuhl, als sie diese wütende Stimme vernahm. Sie senkte die Hand und es gelang ihr gerade den Kopf zum Treppenhaus zu wenden, da trampelte auch schon ein kochender Rotschopf herunter. Als sie Green erblickte, schien ihre Wut ein wenig herunterzufahren und sie schritt zu ihr.
"Wie überlebst du diesen Typen nur!" Green grinste Firey ein wenig neckisch an.
"Ich bin eben ein Überlebenskünstler. Was hat Sibi diesmal getan?" Jetzt bemerkte die Hikari erst, dass Firey anders aussah als normal. Sie trug nicht, wie sonst, einen geflochtenen Zopf, sondern hatte diesen nun geteilt und auch sonst mehr aus ihren Haaren gemacht. Dezente Ohrringe baumelten an ihren Ohren und sie sah weiblicher aus als sonst. Fireys normaler Kleidungsstil war eher praktisch veranlagt, lange Oberteile, die sich so wenig wie möglich an ihrem Körper schmiegten und im Gegensatz zu Green hatte Firey immer Hosen an. Jetzt jedoch trug sie ein T-Shirt, darüber eine Jeansjacke und dazu einen gemusterten Faltenrock. Ein wahrlich ungewohnter Anblick, ihre Schwester Sho hatte sicherlich einiges dazu beigetragen.
Green konnte sich denken wodurch ihre Wut entfacht war. Siberu war ein Junge der sehr viel Wert auf das Aussehen legte - er hatte Fireys Kleidungswandel 100% bemerkt. Entweder hatte er es also mit Absicht übersehen, oder, was wahrscheinlicher war, lächerlich gemacht. Es war so typisch! Green hatte gehofft, er würde heute ein wenig netter zu ihr sein, aber scheinbar hatte sie sich geirrt. Es war so süß wie Firey sich herausgeputzt hatte... man könnte meinen, die hätte ein Date. Doch das hatte sie nicht - nach ihrer Aussage zu mindestens. Sie, Sho und Siberu wollten heute nach Osaka, zu einem Livespiel der japanischen Nationalmannschaft im Fußball: Japan gegen England. Seit einer Woche hatten Siberu und Firey sich über das Ergebnis gestritten, Firey für England und Siberu für Japan. Sho hatte das mitbekommen und hatte die Gelegenheit am Schopfe gepackt. Mit ihren finanziellen Mitteln war es kein Problem Karten zu bekommen. Sie flogen mit dem privat Flieger der Minazaiis und verbrachten den Tag in Osaka: Sho musste es ja ausnutzen, dass sie den beliebtesten Schüler der Schule an der Angel hatte. Firey kam natürlich nur wegen dem mit Spiel. Aber: Wenn sie nur wegen dem Spiel mitkam, musste sie sich nicht so aufbretzeln.
Die Hikari schien mit ihrer Spekulation ins Schwarze getroffen zu haben, den Firey verschränkte die Arme vor der Brust und grummelte etwas missgestimmt. Genau in dem Moment, wo sie anfangen wollte sich über Siberu zu beschweren kam gerade dieser aus dem Fahrstuhl heraus, mit Sho im Schlepptau. Da sie alle drei rote Haare hatten, war es umgehend um einiges wärmer im Raum.
"Mach doch nicht so einen Aufstand, wir sind ja schon..." Dann entdeckte er Green und sein Gesicht machte eine 180° Drehung.
"Green-chan! Du bist doch schon so früh zurück! Hast du dich doch dazu entschieden, mitzukommen?" Die Angesprochene schüttelte den Kopf.
"Du weißt doch was ich heute vorhabe." Er sah umgehend schlecht gelaunt aus.
"Leider."
"Außerdem mag ich kein Fußball, wie du weißt." Jetzt mischte sich Sho ein:
"Lass sie, Siberu! Green hat keine Zeit sich zu amüsieren, sie muss lernen. Außerdem..."
"Silver-sama!" Alle vier wandten sich umgehend zu dieser schrillen Stimme herum, der Männliche im Bunde machte sich bereits bereit dazu, im Notfall zur Seite zu springen. Doch der Ursprung der Stimme blieb am Eingang des Treppenhauses stehen, wo die anderen sie anstarrten als wäre sie eine schreckliche Erscheinung.
Rui versperrte den Ausgang mit gespreizten Beinen und verschränkten Armen, diese Pose sah mit ihrer spärlichen Bekleidung verboten aus. Ihr Gesichtsausdruck war überaus finster und ernst.
"Wo kommt die den her?", war Sho es die als erstes ihre Stimme in Gebrauch nahm.
"Silver-sama! Ich muss mit Euch reden. Jetzt!" Ihr Abgott nahm gerade von Sho Abstand, um näher an Green zu gelangen. Anscheinend fühlte er sich in der Nähe einer Hikari sicherer. Firey knirschte mit den Zähnen, während sie spürte, wie die Wut wieder brodelte. Sie hätte ihren Köcher doch nicht Zuhause lassen sollen! Hätte sie doch nur ihrem Instinkt vertraut, anstatt dem Modegeschmack ihrer Schwester!
"Jetzt?", wiederholte Siberu, er schien verwirrt von Ruis dominanten Tonfall und ungewohnter Reaktion. Er sah heute gut aus - soll heißen: Besser als normal. Wo war der Fangirl-Kreisch? Er trug ärmellos. Man konnte seine nackten Schultern sehen. Eigentlich müsste er doch untergehen in ihrer Sabber... es sei denn...
"Jetzt geht aber schlecht", antwortete er ein wenig kühl. Rui bewegte sich nicht vom Fleck.
"Wann dann?" Scheinbar war ihr Respekt vor ihm doch zu groß, als das sie weiterhin versuchte ihm ihren Willen aufzuzwingen. Green sah aus den Augenwinkeln zu Siberu. Ihr gefiel die momentane Situation überhaupt nicht. Nicht nur, dass die beiden Dämonen unheimlich ernst waren, was die Luft anspannte, sondern auch die Frage was die Nachricht von Rui beinhielt, dass sie sich ihrem Schwarm gegenüber so verhielt.
"Wenn ich wieder zurück bin."
"Ich kann Euch auch begleiten." Da die Hikari genau neben Siberu stand, bemerkte sie, dass er sich versteifte.
"Du kommst nicht mit. Du wartest in meinem Zimmer."
"Aber..."
"Das ist ein Befehl." Die einzige im Raum die nicht wusste, wie ernst er seine Worte meinte, pfiff anerkennend.
"Siberu, du musst ja nicht gleich so direkt sein!" Doch Rui hatte sich bereits in Bewegung gesetzt. Fast so, als hätte sie Firey erst jetzt bemerkt, warf sie ihr einen finsteren Blick zu, der mindestens genauso finster erwidert wurde. Bevor die beiden sich jedoch Beleidigungen an den Kopf werfen konnten, tat Rui wie ihr Meister es verlangte.
Bevor irgendjemand fragen konnte, sagte Siberu, mit fröhlichem Unterton:
"Dann lasst uns los!" Er nahm Shos Arm, machte einen Wink an Firey und war schon auf halben Weg raus, als er sich noch einmal umdrehte und Green ansah. Zuerst tauschten sie ernste Blicke aus, es war deutlich zu sehen, dass die Hikari wissen wollte, was vor sich ging. Siberu grinste entschuldigend und auch ein wenig aufmunternd, jedoch nichts was Green zufrieden stellte. Es sah nicht danach aus, dass der Rotschopf ihr späterhin irgendeine Erklärung geben würde.
Als die drei aus dem Treppenhaus verschwanden, begab sich Green in die fünfte Etage und ohne Umwege in die Wohnung von Siberu und Gary. Sie hatte sich ohnehin mit ihm verabredet, aber nun hatte sie etwas anderes vor. Sie würde Rui direkt fragen. Irgendetwas würde sie schon aus ihr herausbekommen, wenn sie ein wenig mit Lichtmagie nachhalf.
Da Green einen Schlüssel für deren Wohnung besaß, brauchte sie nicht zu klingeln und trat ohne Umschweife in das Zimmer wo sie Gary vorfand. Seine Pose war eine sehr gewohnte Stellung: Er war über einen dicken Wälzer gebeugt, die Lesebrille auf der Nase und vertieft. Er sah jedoch auf, als die Hikari hereintrat.
"Du bist aber fr-"
"Sorry, aber ich möchte mit Rui sprechen." Der Halbdämon schien erstens leicht verärgert über Greens Unterbrechung und Tonfall und zu zweiten war er verwundert über das Thema.
"Rui? Silver ist gar nicht hier, warum sollte Rui also hier sein?" Green erwiderte seinen Blick skeptisch.
"Wir haben sie unten im Treppenhaus getroffen. Sie ist hier hochgegangen, weil sie auf Sibi warten wollte. Er hat es ihr befohlen."
"Das ist nicht das erste Mal, dass sie seinem Befehl nicht Folge leistet." Greens Skepsis blieb erhalten, was Gary nun erwiderte.
"Was willst du eigentlich von ihr?"
"Wissen, was sie mit Sibi zu bereden hat."
"Seit wann interessiert dich das? Sie wollte wahrscheinlich das gleiche wie immer..." Green schwieg einen Moment. Sie wusste nicht ob sie Gary von ihrer Beunruhigung erzählen sollte, oder ob es besser war zu schweigen. Sie brauchte etwas zu lange für ihre Antwort, denn der Halbdämon ergriff bereits das Wort:
"Sie ist jedenfalls nicht hier. Oder spürst du sie?" Das war das entscheidende Argument. Green konnte wirklich keine andere Aura außer ihre eigene und die von ihm spüren und mittlerweile war sie recht gut darin Auren zu erspüren. Also blieb der Hikari nichts anderes übrig als ihren Gedanken um die Ausfragung Ruis zu verwerfen. Mit einem Seufzer stellte sie eine Tüte auf dem Stubentisch vor Gary ab und ein paar Mathematik Bücher rutschten aus der Tüte.
"Ich hab alles geholt was wir brauchen." Der Lehrer nickte ein wenig geistesabwesend, während er eins der Bücher in Augenschein nahm. Seine Schülerin fragte derweil wo sie den heutigen Unterricht abhalten wollten. Pink war Zuhause, es war also angebrachter bei ihm zu bleiben, wenn sie Ruhe haben wollten.
Als Gary darauf nicht antwortete, drehte Green sich zu ihm um.
"Hej, ist das Buch so viel interessanter als ich?" Er hatte das Buch aufgeschlagen und da es ziemlich groß war, verdeckte ein einen Teil seines Gesichtes.
"...Erinnerst du dich an das Versprechen?" Greens Gesichtszüge lockerten nun auf und die Gedanken um Rui waren nun endgültig verpufft. Natürlich konnte sie sich daran erinnern! Die Hikari hatte nur darauf gewartet, dass er es ansprechen würde - von selbst hatte sie sich nämlich nicht getraut. Das Versprechen was sie sich gaben, als Green im Sanctuarian, dem Krankenhaus der Wächter, gewesen war und sie nicht wusste wann und ob sie wieder kommen würde... Sie hatten versprochen, dass Green ihm essen machen würde und sie nichts weiter als reden würden. Nichts besonders Aufregendes, nein, aber für die beiden war es etwas ganz Besonderes, da sie nie alleine waren... es war Ewigkeiten her, dass sie einfach nur miteinander geredet hatten, ohne Unterbrechungen und ohne den Störfaktor namens Siberu. Natürlich erhoffte Green sich bei diesem Treffen, dass sie endlich über deren Gefühle reden würden... Aber Gary war nicht der Typ, der sich einfach hinsetzte und frei über seine Gefühle sprach. Man musste tief bohren um sie zu finden... und gerade das gefiel Green unheimlich gut.
Die Hikari nickte nur ein wenig unsicher, was er gerade noch gesehen hatte, als er das Buch senkte. Der Halbdämon sah sie nicht direkt an, sondern war eher bemüht in eine andere Richtung zu gucken. Green bemerkte mit schlagendem Herzen, dass er rot geworden war.
"Wir könnten doch heute..." Er zögerte.
"Was....Gary?"
"Silver ist ja nicht da."
"Hmhm." Nun blickte er direkt in ihre Augen und es war deutlich, dass er all seinen Mut zusammen nahm.
"Etwas zusammen unternehmen."
Das war mehr als sie sich erhofft hatte. Denn in Gedanken übersetzte Green dies mit "Willst du mit mir ausgehen?" und ihr Gesicht begann zu strahlen wie eine aufgehende Sonne. Von "ausgehen", alias Date, war beim Versprechen niemals die Rede gewesen.
"Gerne!" Von ihrer erfreuten Stimme war der Halbdämon sichtlich überrumpelt, sodass er nur ein Stammeln zustande brachte, welches sowieso nicht gehört wurde.
"Ich zieh mich dann nur noch mal schnell um! Du kannst mich in einer halben Stunde abholen!"


Green hatte bei ihrer Kleidungswahl keinerlei Probleme. Es war ihr nämlich regelrecht vorgeschrieben worden, was sie bei ihrem ersten Date mit Gary tragen sollte. Da es im Bereich "Bekleidung" fiel, war es klar, wer hier die Finger im Spiel hatte: Grey. Er hatte ihr zum Geburtstag sehr viel geschenkt, doch die zwei Hauptgeschenke waren beides Kleider für einen besonderen Anlass. Das erste war das, was sich nun um ihren Körper schmiegte. Grey hatte sie inständig gebeten es bei ihren ersten Date mit Gary zu tragen und da er es genau nach ihrem Geschmack gestaltet hatte, hatte sie auch überhaupt nichts dagegen. Das zweite Geschenk jedenfalls...
Green wurde rot, wenn sie auch nur daran dachte.
Grey hatte es ihr erst später, nach der Party, überreicht, da niemand anderes es sehen durfte.
Es war tatsächlich ein Hochzeitskleid gewesen.
"Du spinnst doch!" Hatte sie ihm um die Ohren geworfen, ehe sie sich selbst um seinen Hals schlang und beinahe erwürgte. Grey hatte gemeint, er hätte sich einfach nicht zurückhalten können. Green war überrascht gewesen, dass ihr die beiden Kleider so gut gefielen, denn besonders über das Hochzeitskleid hatten sie sich oft gestritten, als Grey ihr die Kleider gezeigt hatte, die andere Hikari vor ihr bei der Eheschließung getragen hatten. Selbstverständlich waren sie alle überaus prachtvoll und nicht nur die Bekleidung der weiblichen Hikari waren übertrieben. Es gab doch tatsächlich die Regel, dass, der Ehepartner, der ein oder eine Hikari war, mehr herausstechen sollte als der Partner. Im Klartext durfte die Frau eines Hikari bei der Hochzeit nicht hübscher aussehen als er.
Man konnte sich also vorstellen, wie diese Kleider aussahen... und seitdem graute es Green vor ihrer Hochzeit. Manchmal spielte sie sogar mit dem Gedanken, dass Grey ihr das mit Absicht erzählt hatte, da er wusste, dass sie das abschrecken würde.
Und jetzt hatte sie ein Hochzeitskleid in ihrem Kleiderschrank (allerdings im Tempel, da sie Angst hatte, dass Siberu es sehen könnte, würde es in ihrer Wohnung hängen), obwohl sie noch so weit von einer Hochzeit entfernt war - aber daran konnte man ja arbeiten.
Green grinste und sah sich im Spiegel an. Ja, Siberu würde ihr die Füße küssen. Natürlich würde Gary das nicht tun, aber es würde ihr aussehen würde ihm dennoch gefallen. Sie trug ein besches Kleid, welches ihr bis zu den Knien ging, welcher kleine dunkelblaue Rüschen am Zaum hatte (Grey konnte es wohl einfach nicht lassen), aber ansonsten eher simpel gehalten war und ihre Figur perfekt untermalte. Green zog dazu blaugestreifte Strümpfe an und flocht ihre nach vorne hängenden Strähnen, damit auch ja ihre Ohrringe gut zur Geltung kamen. Die Jeansjacke ließ sie am Harken hängen, da es angenehm warm war. Auf dem Weg nach Draußen traf sie Silence, die gerade von "Sonst Wo" wieder zurück gekommen war. Sie musterte ihr Medium und grinste. Doch es war Pink, die ebenfalls in Wohnzimmer war, die es aussprach:
"Green-chan hat ein Date!"
"Hab ich gar nicht!", antwortete Green automisch.
"Jedenfalls… nicht so richtig." Pink tänzelte um ihr herum und wollte unbedingt wissen wo sie hinsollten, doch Green schwieg. Silence grinste nach wie vor, sagte dann jedoch etwas was Green gar nicht gefiel:
"Tjaja, man muss es ja auch ausnutzen, wenn der Störenfried weg ist!"
"Das stimmt nicht. Ich nutze hier gar nichts aus!", antwortete Green ihr in Gedanken.
"Und warum hast du dich so hübsch gemacht?"
"Ich weiß nicht was du meinst, ich bin immer hübsch!" Mit diesen Worten nahm sie ihre Tasche und verabschiedete sich von ihnen. Ihre Gedanken rund um den Kommentar von Silence verpufften schnell, als sie Gary am Treppengeländer stehen sah. Er hatte sich nichts anderes angezogen, sondern hatte sich über sein schwarzes Oberteil nur eine blaue Jacke geworfen, es war viel eher sein Blick und die Tatsache, dass sie jetzt kurz davor stand mit ihm auszugehen, was sie an andere Dinge denken ließ, als an Siberu. Seine Augen und seine plötzliche Röte, sagten ihr eindeutig, dass Grey ganze Arbeit geleistet hatte und sie dankte ihm dafür. Sie hatte doch einen guten Bruder!
"Komm, Gary! Lass uns gehen."


Genau wie Green, dachte auch Siberu jetzt nicht an sie. Er war umgeben von kreischenden Fans, war just in diesem Moment einer von ihnen. Genau wie die Menschen um ihn herum, schrie er sich beinahe die Seele aus dem Hals, als England das erste Tor schoss. Sho fieberte eifrig mit, obwohl sie überhaupt keine Ahnung hatte von Fußball. Sie wurde wohl von den überschwänglichen Gefühlen der Zuschauer mitgerissen, oder einfach nur von Siberu, der bei der kleinsten Kleinigkeit aufsprang und lauthals seine Meinung verkündete. Firey saß grinsend in ihrem Sitz, trank ihre Cola und schwenkte beifällig ihre Englandfahne. Sie kommentierte erst, als Siberu sich maulend neben ihr hinsetzte.
"Hab ich das richtig gehört? England hat das erste Tor geschossen? Huch, wie konnte das bloß passieren!" Langsam drehte sich der Rotschopf zu ihr herum und sagte mit finsterem Gesichtsausdruck:
"Was machst du im Japanblock, wenn du für die Teetrinker bist?!" Firey Grinsen wurde breiter.
"Ich will mich daran erfreuen wie eure, besonders deine, Euphorie im Keim erstickt", antwortete Firey feixend. Siberu atmete tief durch die Nase ein, dann drehte er sich zu Sho herum.
"Sho!"
"Eh ja?"
"Glaubst du, ihr habt genug Geld um den Schiedsrichter zu erpressen?!" Die Feuerwächterin lachte über Siberus verzweifelten und unfairen Versuch, doch ihr Lachen blieb ihr schnell im Halse stecken, als Sho ernsthaft über diese Möglichkeit nachdachte. Bei jeder anderen Person hätte Firey einfach nur mit dem Kopf geschüttelt, doch nicht bei ihrer Schwester. Umso unwahrscheinlicher, umso eher zog es Sho an.
"Ich könnte das Konto unserer Eltern knacken…"
"Untersteh dich!", sagte Firey geschockt über Shos Nachdenken. Sie stützte sich an Siberus Stuhllehne ab und beugte sich zu ihrer rothaarigen Schwester herüber, ohne auf den dritten Rotschopf zu achten.
"Das hast du bereits vorletzten Monat gemacht!"
"Und das habe ich überlebt."
"Heißt nicht, dass du es ein zweites Mal überlebst. Ganz zu schweigen von deinem schier grenzenlosem Egoismus!"
"Ich weiß nicht was du meinst. Wir haben doch Geld genug!" Die beiden Mädchen waren so in tief in ihrer Diskussion vertieft, dass sie beide nicht mitbekamen, wie die Halbzeit eingeläutet wurde. Siberu hatte es natürlich schon bemerkt und tippelte nun ungeduldig auf seiner Armlehne herum, da er sich etwas zu trinken holen wollte. Doch er konnte nicht einfach so aufstehen, da sich ein gewisser Rotschopf quer über seinen Schoss lehnte um sich mit ihrer Schwester zu streiten. Sie reagierte nicht auf Siberus Räuspern und Hüsteln, erst als Siberu die Stimme erhob, bemerkte sie seine Anwesenheit. Sie sah ihn an, als wäre sie soeben aus einer anderen Welt erwacht. Als er die Augenbraue hob, wurde sie beinahe auf Kommando rot und richtete sich augenblicklich auf, was Siberu nun auch tat. Als die Blicke der beiden sich trafen, war Siberu kurz davor ein gemeines Kommentar auszusprechen, doch er wurde von Sho unterbrochen, die umgehend ebenfalls aufgestanden war, als Siberu sagte, er würde was zu trinken holen. Firey blieb in ihrem Sitz in sich hinein maulend sitzen, entschied sich nach wenigen Sekunden aber dann doch dazu aufzustehen und ihnen zu folgen, da sie ebenfalls Durst hatte und die beiden ihr sicherlich nichts mitnehmen würden.
Firey schlängelte sich durch die Menge auf die Suche nach ihren Rotschöpfen, doch vergebens. Nirgends sah sie auch nur einen roten Fleck der auch nur danach aussah wie Haare. Am Ende kam sie allein in der Reihe an, die darauf warteten etwas zu trinken kaufen zu können. Wo die beiden wohl steckten? Firey war nicht um sie besorgt, sondern nur skeptisch. Sie waren doch nicht etwa…
"Buh." Das Wort hatte seinen gewünschten Effekt; Firey fuhr zusammen, als diese Stimme dicht an ihrem Ohr ertönte und wirbelte herum. Siberu hatte die Hände in seiner Brusttasche vergraben und kippelte auf den Füßen hin und her, als wäre nichts gewesen. Nachdem Firey sich über sein plötzliches Auftauchen beschwert hatte, fragte sie ihn wo er ihre Schwester gelassen hatte.
"Sie ist auf Klo. Frauen eben, kennst du ja." Er sah sie an und deutete ein Grinsen an.
"Ach nein, ich vergaß: Kennst du nicht."
"Sei froh, dass ich meinen Köcher zuhause gelassen habe, Bakayama!", antwortete Firey mit einem leichten Anflug von Wut, obwohl sie so ein Kommentar bereits erwartet hatte.
"Wieder etwas was meine These über deine nicht vorhandene Weiblichkeit bestätigt. Vielleicht solltest du dir Mal ein Beispiel an deine schönen Schwestern nehmen?" Das hatte Firey verletzt, das sah er sofort. Es war nicht die Aussage des Satzes, welches sie verletzte, sondern die Wortwahl. Heute Morgen vor dem Spiegel hatte Firey gedacht, dass sie es einmal geschafft hatte "schön" auszusehen. Ihr Vater hatte sie sogar gefragt, ob sein kleiner Wildfang endlich ein Date hatte - aber nein, es war Siberu immer noch nicht genug. Warum hatte sie sich überhaupt auf dieses Affentheater eingelassen? Warum hatte sie überhaupt versucht sich "hübsch zu machen"? Idiot. Verdammter Idiot!
Firey antwortete jedoch nicht, obwohl sie ihm gerne Unmengen von Schimpfwörtern an den Kopf geworfen hätte. Sie versuchte ihn einfach zu übersehen, während sie langsam näher an dem Trinkstand heran kamen. Lange war ihr das jedoch nicht möglich, ehe sie aus dem Augenwinkeln sah, wie Siberus Gesicht zu Stein erstarrte. Wut zeichnete sich auf einmal in seinem Gesicht ab, er öffnete den Mund um etwas zu sagen, doch schloss ihn lieber verbittert. Firey verstand nicht. Was war los? Er starrte etwas an was hinter ihr stand, was…
"Silver-sama was macht Ihr da?" Firey starrte sie nun genauso an, wie Siberu es tat. Sie, die gerade wie aus dem Nichts dazu gestoßen war: Rui. Sie sah absolut deplatziert aus, mit ihren grellen grünen Haaren und ihrer spärlichen Bekleidung. Ein weiteres Mal bereute Firey, dass sie ihren Köcher nicht dabei hatte. Ob es der Menge wohl auffallen würde, wenn ihre Faust in Flammen aufging?
Wahrscheinlich.
"Die bessere Frage ist, WAS machst DU hier?" Siberu hatte die Arme über der Brust verschränkt und sah sie anklagend an. Wie ein Lehrer der einen Schüler ansah, wenn dieser einen enormen Fehler begangen hatte und dessen Geduld langsam am Ende war.
Rui sah sofort beschämt drein, sie wusste natürlich, dass sie seinen Befehl missachtet hatte und es schien ihr nicht gut dabei zu gehen.
"Bist du nicht mehr in der Lage einen einfachen Befehl entgegen zu nehmen?!", fragte der Rotschopf und Ruis schlechtes Gewissen verstärkte sich. Firey wusste nicht warum, aber sie hatte auf einmal Mitgefühl für ihre Kontrahentin. Warum war Siberu so sauer?
"Aber, Silver-sama, es ist wichtig… Die Hohen haben beschlossen, dass…" Siberu unterbrach seine Untergebene:
"Das müssen wir jawohl nicht hier bereden?" Firey verstand den Konflikt jetzt. Was immer Rui auch zu sagen hatte, Siberu wollte nicht, dass sie es vor Firey sagte… er wollte nicht, dass sie es hörte. Rui schien es jedoch nicht zu verstehen, denn sie versuchte es noch einmal:
"Silver-sama, Ihr müsst mir zuhören…"
"Ich sag dir, was ich müsste: dich dafür bestrafen, dass du immer noch hier bist, obwohl ich dir verboten habe hierher zu kommen UND dich dazu aufgefordert habe zu verschwinden und du es dennoch nicht getan hast." Rui zuckte zusammen, als er ihr das vor Augen führte und Firey wollte gerade dazwischen gehen, als Siberus Gesicht plötzlich umschlug. Er seufzte erschöpft und setzte dann eines sein strahlendes Casanova-Lächeln auf. Rui war zu sehr mit diesem Anblick beschäftigt, als zu merken, dass es natürlich nur gespielt war. Firey verdrehte die Augen als er ihr Gesicht anhob und einlullend sagte:
"Aber das tue ich natürlich nicht." Rui stellte sich auf Zehenspitzen um ihm noch näher zu sein und vergaß dabei das Antworten. Firey fragte sich, wie geblendet man vor Liebe sein musste, um Siberus ruppige Art von vor einer Minute zu vergessen. Firey würde er so jedenfalls nicht rumbekommen.
"Also, Rui… wir bereden das später, ja? Und wenn du brav wartest, bekommst du vielleicht sogar eine Belohnung." Damit ließ er ihr Gesicht los - jedoch nicht ohne noch einmal ihre Wange zu streicheln, wie ein kleines Kind. Ruis Augen begannen zu strahlen.
"Ist es eine schöne Belohnung?"
"Sie wird umso schöner umso schnell du bei unseren üblichen Treffpunkt bist." Das ließ sie sich nicht zweimal sagen und Firey gelang es nicht einmal mehr zu blinzeln, ehe sie auch schon verschwand. Siberu klopfte sich selbst zufrieden auf die Schulter und drehte sich dann zu Firey herum, die ihn finster anfunkelte. Beinahe entschuldigend grinste er sie an und verteidigte sich:
"Belohnung wirkt besser als Bestrafung, weißt du?"
"Rui tut mir Leid, dass sie so blöd ist und darauf hineinfällt."
"Das nennt man Liebe. Aber davon hast du ja nicht wirklich eine Ahnung." Firey antwortete nicht, da sie ihm wohl schlecht sagen würde, dass sie schon eine Ahnung davon hatte. Dennoch war sie sich sicher, dass sie niemals auf so einen billigen Casanova Trick hineinfallen würde. Doch etwas anderes beschäftigte sie. Was war das was Rui so unbedingt sagen musste, dass sie sogar einen Befehl nicht befolgte?
Sie bekamen ihr Trinken und gingen zusammen zurück zu deren Plätzen. Als sie so nebeneinander her gingen, konnte Firey sich nicht zurück halten, auch wenn er es sicherlich sowieso nicht sagen würde:
"Du bist so wütend geworden, weil Rui es nicht vor mir sagen durfte, oder?" Siberu sah sie nachdenklich an und auch, wenn er nicht antwortete, wusste sie, dass sie Recht hatte.
"Es ist sicherlich sinnlos zu fragen, was sie sagen wollte?" Er deutete ein Nicken an, als sie sich gerade wieder auf ihre Plätze setzten. Kurz bevor Sho dazu kam, sagte Siberu, ohne zu anzusehen:
"Ich will es am liebsten auch nicht wissen."


Green spürte, dass sie nahe einem Nervenzusammenbruch stand. Der Tag war absolut anders verlaufen, als sie es geplant hatte. Natürlich hatte sie schon geahnt, dass ihre Hoffnungen um ein normales romantisches Date, sicherlich nicht bewahrheitet werden würden. Es war immerhin nicht Siberu, der an ihrer Seite war, es war Gary. Sie hatte sich darauf eingestellt, dass es eine harte Probe der Geduld werden würde - aber das war definitiv zu viel gewesen.
Es hatte alles ganz perfekt angefangen. Sie waren durch den nahegelegenen Park geschlendert, hatten über Alles und Nichts gesprochen, ohne, dass irgendetwas Besonderes passiert war. Erst nach zwei vergangenen Stunden hatte Green sich durchgerungen und ihn gefragt, ob sie vielleicht ins Kino gehen sollten. Sie war schon oft mit Siberu im Kino gewesen, sie wusste wie so etwas ablief. Wie oft hatte er versucht sie vom Film abzulenken, um die Dunkelheit des Raumes und die Zweisamkeit auszunutzen? Natürlich würde Gary das nicht machen. Das war ihr vollkommen klar. Aber die Zweisamkeit war dennoch vorhanden. Dann trat bereits das erste Problem auf, nachdem Gary zugesagt hatte: Welcher Film? Es liefen nicht viele gute Filme. Der, der gerade auf Platz eins war, war ein Liebesfilm und Green wollte garantiert nicht zusehen, wie zwei X beliebige Personen das Glück fanden, während sie auf der verzweifelten Mission war selbst ihr Liebesglück zu finden. Außerdem wusste sie sehr wohl, dass männliche Individuen nicht gerade Fans von romantischen Filmen waren. Es lief auch ein hirnloser Actionfilm, worauf sie beide keine Lust hatten, da sie hirnlose Action genug im Alltag hatten. Zu guter letzt wurde ein Kriegsfilm gezeigt und obwohl Gary es nicht sagte, wusste sie, dass das sein Favorit war - wahrscheinlich wegen dem geschichtlichen Hintergrund. Der Film war gut. Ohne Frage. Doch wie Green es schon befürchtet hatte, wartete sie vergebens auf einen Annäherungsversuch, sondern konnte stattdessen zugucken wie sich entweder Soldaten auf der Leinwand gegenseitig abschlachteten oder wie zwei Zuschauer genau das taten, was Green so sehr für sich selbst wünschte. Herrlich, dachte Green, sie war in einen Kriegsfilm gegangen um sowas zu umgehen: warum waren solche Turteltäubchen auch hier!
Doch nach den ersten verzweifelten 30 Minuten der Hoffnung, begann der Film sie zu fesseln und sie wurde davon abgelenkt. Natürlich stand der Konflikt der beiden Länder im Mittelpunkt und deren gemeinsame, zerstrittene historische Vergangenheit, doch die Beziehungen der Protagonisten wurde ebenso beleuchtet und das war es was Green von ihrem eigenen persönlichen Dilemma ablenkte. Die Hauptpersonen waren eine normale doch wohlstehende Frau die ihren Mann im Krieg verloren hatte und ein Soldat von der gegnerischen Seite, welcher zu den Leuten gehörte, welcher ihren Mann umgebracht hatte. Dennoch verliebten sie sich ineinander und sie versuchten sich trotz der gefährlichen Umstände weiterhin heimlich zu sehen - es ging jedoch nicht lange gut. Die Familie der Frau deckte ihr Geheimnis auf und akzeptierten ihre Liebe zu ihm natürlich nicht. Um sie nicht in noch tiefere Probleme zu stürzen, verließ er sie und sie sahen sich erst wieder, nachdem der Krieg vorbei war und sie bereits auf dem Sterbebett lag, durch eine Krankheit zum Tode verdammt. Sie hatte nie einen anderen geliebt und hatte jeden Tag auf seine Rückkehr gewartet - waren ihre letzten Worte. Tragisch. Sehr tragisch, dachte Green und wunderte sich darüber, dass sie eine merkwürdige und unwillkommene Melancholie in sich spürte und sie wusste, dass das nicht direkt mit der Tragik der beiden Hauptpersonen zu tun hatte.
Gary bemerkte es natürlich nicht. Als sie Draußen waren, war er dabei den Film kritisch zu betrachten und Green ließ es beinahe Kommentarlos über sich ergehen. Erst als beinahe zehn Minuten vergangen waren, fragte er sie, wie sie den Film fand. Die Hikari musste einen Moment lang überlegen, ehe sie antwortete:
"Er gefiel mir gut. Ich mochte die Beziehung der Hauptpersonen, auch wenn es so traurig geendet hat mit ihnen." Seine Antwort überraschte sie:
"Wieso traurig? Sie sind am Ende doch zusammen gewesen."
"Aber sie war so gut wie tot, sie ist in seinen Armen gestorben! Das ist doch kein gutes Ende. Er hätte sie nicht verlassen sollen."
"Er hat sie nur zu ihrem Besten verlassen. Ich kann seine Entscheidung nachempfinden." Green mochte diese Aussage nicht. Sie füllte Green mit Unbehagen und die Melancholie, die sie beim Ansehen des Films gefühlt hatte verstärkte sich. Sie konnte es nicht in Worte fassen, warum und wieso, es sie so sehr mitnahm, es war doch nur ein dummer Hollywood Film. Davon gab es Massen und genauso viele tragische Liebesgeschichten gab es, angefangen bei "Romeo und Julia". Green hatte dieses Stück noch nie gemocht.
Green wollte etwas sagen, doch sie fand die richtigen Worte nicht um ihre Frage zu formulieren. Doch auch wenn sie die nötigen Worte gefunden hätte, wären sie nicht über ihre Lippen gekommen, da nun der Moment gekommen war, wo deren Zusammensein völlig den Bach runter ging:
Beide spürten die Anwesenheit eines Dämons.
"Bitte, Gary, neeeeeein. Es ist nur ein Schwacher, das spüre selbst ich! Irgendein Wächter wird sich schon darum kümmern. Komm, lass uns so tun als würden wir es nicht bemerken…"
"Ich glaube ich traue meinen Ohren nicht. Das kann doch unmöglich dein ernst sein!"
"Und wie es mein ernst ist. Ich bin die unreinste Hikari aller Zeiten, vergessen?"
"Auch unreine Hikaris haben ihre Pflichten."
"Ein Dämon erinnert eine Hikari an ihre Pflichten? Ich glaube ich sollte vor Scharm in den Boden versinken", sagte Green mit einem ironischen Grinsen, fügte sich jedoch ihrem Schicksal, oder eher ihrem Vormund. In Wirklichkeit liebte sie es, wenn er sie zu Recht wies, genauso wie sie es liebte, wenn er und sie zusammen, Seite an Seite kämpften. Dennoch gefiel es ihr nicht, dass sich gerade jetzt ein Dämon dazu entschieden hatte die Bevölkerung Tokios zu dezimieren. Sie hätte gerne ein einfaches, ganz normales Date oder was auch immer Gary diesen Nachmittag nennen wollte, gehabt. Aber was hatte sie erwartet?
Sie waren nun einmal einfach nicht normal.
Und das war auch gut so.


Firey musste sich während der gesamten Heimreise zusammenreißen um sich nicht dauerhaft über Siberus beleidigtes Gesicht lustig zu machen. Die Gedanken um Rui waren erfolgreich verdrängt worden, nachdem England gewonnen hatte, auf Grund dessen, dass Siberus Gesicht einfach Gold wert war. Firey war schadenfroh und amüsierte sich in Gedanken königlich, während Sho sich um den Rotschopf kümmerte, als wäre er schwer verletzt. Eigentlich hatten sie vorgehabt nach dem Spiel noch essen zu gehen, doch Siberu wollte Nachhause. Firey konnte nicht klar sagen, ob das mit der Schmach von Japans Niederlage zu tun hatte, oder ob es viel eher mit Rui zusammen hing. Und schon waren die Gedanken um Rui und ihrem brennenden Thema wieder zurück. Was wollte sie so dringend von ihm? Warum hatte sie es vor Firey gesagt, oder jedenfalls versucht es zu sagen, obwohl Siberu es verboten hatte? Wollte sie, dass Firey hörte, dass Siberu Geheimnisse vor ihr hatte? Zuzutrauen wäre es natürlich, aber Firey glaubte es nicht… Rui hatte nicht so gewirkt, als hätte sie irgendwie an ihre Kontrahentin gedacht, es war ihr ja nicht einmal aufgefallen, dass er und sie zusammen, alleine, waren - sie hatte Firey nicht einmal einen bösen Blick gesandt. Was war bloß los? Was war das was Rui ihm sagen wollte? Obwohl Firey es nicht wusste, erregte es ein ungutes Gefühl in ihr, fast wie ein böses Omen… Die Hohen. Wer zur Hölle waren die?


Green sah sich ihr zerstörtes Kleid an, als hätte sie einen teuren Freund verloren. Das schöne neue Kleid hatte überall Flecken, Risse und ihr rechter Ärmel war abgetrennt. Mit anderen Worten: Grey würde in Ohnmacht fallen, wenn er das sehen würde.
"Dein Bruder kann das sicherlich wieder reparieren", versuchte Gary sie aufzuheitern, als sie wieder Zuhause waren, in Greens Wohnung. Pink war nicht mehr da, wie auch Silence. Pink hatte einen Zettel hinterlassen, dass sie in der Stadt war, weil ein neuer Hello Kitty Laden eröffnet hatte und, dass Silence einfach mal wohin verschwand war nichts Neues. Sie tauchte genauso plötzlich wieder auf.
"Ja, kann er sicherlich. Aber dann muss jemand mich zuerst reparieren!" Damit entschuldigte sie sich von Gary, da sie sich eben mal umziehen wollte. Green verschwand in ihrem Zimmer und Gary blieb im Wohnzimmer. Er wollte sich gerade hinsetzen, als ihm etwas auf dem Sofatisch auffiel.
"Green? Was ist das für eine Spieluhr?" Die Angesprochene kam aus ihrem Zimmer wieder heraus. Sie glättete ihr Oberteil und befreite ihre hellbraunen Haare aus den Kragen. Gary mochte es, wenn sie das tat. Ihre Haare sahen hübsch aus, wenn sie in Bewegung waren…
"Es ist die Spieluhr meiner Mutter. Weißt du noch? Die in der Mutters Erinnerungen versiegelt sind." Green ging zum Tisch und nahm die schwer in Mitleidenschaft gezogene Spieluhr hoch. Bevor sie sie jedoch anmachte, fragte Gary sie, warum die Spieluhr in ihrem Besitz war.
"Ich hab sie geliehen. Ich mag die Melodie gerne, weißt du? Außerdem…" Green nahm den Schlüssel in ihre Hände und steckte ihn in das Schlüsselloch, wo sie ihn ruckartig drehte, jedoch darauf achtend, die Spieluhr nicht noch weiter zu schädigen.
"Außerdem… was?", fragte Gary. Green schloss die Augen, als die ersten Töne aus der Spieluhr kamen und den Raum mit seiner traurigen Melodie erfüllten. Gary musste ihr Recht geben. Es war eine traurige Melodie, auch wenn sie simpel war. Sie war so sehnsuchtsvoll… als sehne sie sich nach etwas was vergebens war, was dumm war darauf zu warten, weil es ein Ding der Unmöglichkeit war.
Gary sah Green an. Sie hatte die Augen wieder geöffnet, sah hinab auf die kleine weiße Figur, mit den ausgestreckten Armen, die sich immer wieder im Kreis drehte. Sie streckte sich nach dem Adler auf dem bemalten Deckel der Spieluhr aus. Was dachte Green, beim Anblick dieser unendlichen Spirale der Sehnsucht?
"Außerdem…", fing Green wieder an, sah jedoch immer noch auf die kleine Figur hinab.
"Habe ich so das Gefühl mit meiner Mutter verbunden zu sein… Wenn ich dieses Lied höre, hab ich das Gefühl, ich könnte sie verstehen." Sie stellte die Spieluhr sanft auf dem Tisch ab und schritt zum Fenster, wo die letzten Strahlen der untergehenden Sonne hinein schimmerten und ihre Kontur hervorhoben, als sie sich an das Fensterglas lehnte und sich auf den Boden setzte. Sie bedeutete Gary, dass er es ihr gleich tun sollte und er tat wie geheißen. Dort saßen sie eine Weile, lauschten den sanften Klängen der Melodie und die kleine Figur drehte sich immer weiter…
"Gary." Er sah ab von der Spieluhr und zu ihr. Auch sie sah ihn an, sie sahen in die dunklen Augen des jeweils anderen, als Green sagte:
"Du würdest mich nicht verlassen, so wie der Mann im Film, oder?"


Siberu zog seinen Haustürschlüssel aus seiner Jacke, mit den Gedanken ganz woanders. Auch als Sho ihm zum Abschied einen Kuss auf die Wange gegeben hatte, war er bereits woanders gewesen. Merkwürdigerweise beschäftigte ihn ihr Kuss weniger, als Fireys Blick. Sie hatte nicht darauf reagiert als ihre Schwester ihn geküsst hatte. Er wusste warum: ihre Gedanken kreisten genauso sehr um Rui wie seine. Sie wollte es wissen, sie war enttäuscht, dass er es ihr nicht gesagt hatte - das hatte er deutlich in ihren Augen gesehen. Ein Blick den er bei Firey nicht mochte. Sie sollte ihn lieber zornig anfunkeln, als so enttäuscht und nachdenklich. Siberu traute ihr zu, dass sie ihm verfolgen würde, wenn er sich mit Rui traf, immerhin konnte Firey mittlerweile Auren spüren. Das war der Grund, weshalb Siberu erst zurück in seine und Garys Wohnung zurück wollte, um sich mit ihm zu beraten. Sein Bruder und Green waren sicherlich noch am Lernen, immerhin war Siberu früher als abgemacht Zuhause. Er konnte Gary unmöglich vor Green davon erzählen.
Siberu schloss die Augen. Ihm wurde schlecht. Er fühlte sich hundsmiserabel.
Sollte es wirklich alles schon vorbei sein…?
Siberu steckte den Schlüssel ins Schloss und setzte ein Standard Grinsen aufs Gesicht, damit niemand Verdacht schöpfte, als er herein kam. Doch schnell wurde ihm bewusst, dass das überflüssig war.
Es war niemand Zuhause.


"Green..." Die Angesprochene sah ihn immer noch an, ihre Augen verlangten eine Antwort. Er wusste was sie hören wollte…
Er setzte sich nun genau vor ihr hin, was ausreichte um Greens Herzen einen enormen Schub zu verpassen. Doch sein Blick passte nicht zur Atmosphäre. Ernst und fast schon traurig sah er sie an - irgendetwas quälte ihn. Green fühlte sich an das eine Mal erinnert, wo sie zu zweit im Schulhof unter dem Kirschblütenbaum gesessen hatten. Damals war er ihr zum ersten Mal nahe gekommen... und hatte genauso leidend ausgesehen.
"Ich muss dir etwas... beichten." Er sah weg.
"Beichten?" Bei dieser Wortwahl müsste ihr Herzschlag eigentlich auf das zehnfache beschleunigen und sie müsste innere Luftsprünge machen. Doch irgendetwas sagte ihr, dass er nicht das sagen würde, was sie zu hören wünschte und das es garantiert nicht die Antwort war, die sie hören wollte. Aber… hatte sie es nicht gewusst? Sie kannte ihn doch…
Gary sah wieder auf und traf ihren Blick. Ihre verwunderten, doch auch leicht ängstlichen tiefblauen Augen, die gespannt auf seine Worte warteten.

Er musste es ihr sagen.
Zu ihrem Schutz.

Er durfte nicht so egoistisch sein! Der Traum hatte ihm gezeigt, was passieren würde...

Was passieren würde... wenn er nichts tat...

Aber die Wahrheit... war ein Spiel auf Messers Schneide.

Würde sie ihm glauben?
Würde sie ihn verstehen?
Würde sie ihm... verzeihen?

"Gary... Was ist nur los mit dir?" Das traurige Spiel ertönte weiterhin sanft im Raum. Etwas worauf Gary sich jedoch nicht mehr konzentrierte. Green hatte behutsam seine Hand berührt. Anscheinend um ihn aus seinen Gedanken zu wecken. Er musste sich zurückhalten seiner inneren Verzweiflung nicht nachzugeben. Seine Augen musste er schließen. Ihre Berührung war so sanft und gleichzeitig schrecklich grausam. Gary konnte den Kreislauf ihres Blutes durch ihre Haut spüren, er konnte ihren Atem durch die Töne der Musik hören... und als er die Augen gegen seinen Widerwillen wieder öffnete, erblickte er abermals wieder ihre Augen...

Ich kann nicht!

Green wurde von seinem plötzlichen Sinneswandel vollkommen überrumpelt. Im ersten Moment zog sie sogar den Kopf ein wenig weg. Doch dann übermannten die Gefühle ihre Überraschung.
Gary hatte sich vorgebeugt um deren Lippen zu vereinen.
Sie küssten sich...
Von deren vereinten Lippen, verbreitete sich ein angenehmes Gefühl der Wärme in ihrem Körper aus. Nie hatte sie zu träumen gewagt, dass es sich so schön anfühlen würde. Zwar war sie bereits einmal von Siberu geküsst worden, doch Gary war vollkommen anders als sein Bruder. Bei Siberu hatte man gemerkt, dass er Können besaß. Gary jedoch... war vorsichtig, zärtlich... Green spürte, dass es für ihn genauso neu war und dass er es genauso genoss wie sie.

Ihre Finger vereinten sich...

Wie Ying und Yang.

"Green..." Green sah ihn in die halbgeschlossenen Augen, spürte ihren Herzschlag wie eine lautschlagende Trommel und es war ihr, als könnte sie auch seins spüren. Mit seiner freien Hand und ohne deren Finger voneinander zu lösen, drückte er sie an sich. Seine Hand vergrub sich in ihrem Haar, als er klar und aufrichtig sagte:

"Ich liebe dich."

Tränen des Glücks stiegen in Green auf. Gary hatte es gesagt. Er hatte das unsichtbare Band zwischen ihnen sichtbar gemacht. Green musste es nur noch ergreifen...
Leidenschaftlich erwiderte sie seine Umarmung; schlang ihren Arm um seinen Hals und wünschte sich sein Gesicht zu sehen. War er genauso glücklich wie sie? Musste er auch gegen die Tränen ankämpfen?
"Gary! Ich..." Doch es war nicht sein Gesicht welches sie plötzlich vor sich sah.
"S-Sibi...!" Green ließ von Gary ab und beide blickten zur geöffneten Tür. Die Spieluhr verstummte, als der Halbdämon mit ironischer Stimme sagte:
"Ich bin früher zurück. Aber scheinbar habt ihr mich nicht vermisst!"