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Episode 4
  Episode 4: Die fünfte Stimme
Green hatte sich noch nicht umgezogen. Spärlich bekleidet in ihrem hautengen Trikot saß sie im Umkleideraum auf einer Bank. Sie hatte den Kopf auf ihre nackten Knie gesenkt und seufzte tief, während ihre nussbraunen Haare über ihren Rücken herunterfielen, als sie den Zopf öffnete der ihre Haare vorher noch unter Kontrolle gehalten hatte. Green war in ihren Gedanken vertieft und bemerkte nicht, dass sie nicht alleine war im Umkleideraum. Silence war hinzu gekommen und sah ihr Medium aus schwebender Position aus an. Sie sagte nichts, sondern lauschte nur den Gedanken Greens um so schnell und effektiv auf den neusten Stand zu kommen.
"So, so. Der kleine Rotschopf hat dir also von den sieben Mächten erzählt?" Green horchte auf und sah über ihre Knie hinweg zu Silence.
"Du kennst die?"
"Entschuldige mal. Zum einen ist meine schlechtere Hälfte selbst von dämonischem Ursprung und zum anderen… Wer hat Äonen gelebt und damit das ultimative Allgemeinwissen?" Silence machte einen Wink auf sich selbst und sagte mit Triumph "Ich". Green antwortete nicht, sondern wandte ihren Blick nach kurzer Zeit wieder ab. Silence entschloss, dass es Zeit war sie aufzuklären, egal ob sie zuhören würde oder nicht.
"Da ist nicht viel dran. Es ist einfacher Aberglaube." Die Angesprochene schien das jedoch zu interessieren.
"Aberglaube? Dämonen sind abergläubisch?" Silence konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.
"Sagen wir es so, Green! Dämonen sind nicht wirklich abergläubisch, für sie sind es niedergeschriebene Regeln, weil es ihnen schlicht weg egal ist, ob ihre so genannten "Fakten" Hand und Fuß haben oder nicht."
"Aber heißt das denn nicht, dass deren Wissen ziemlich… bröckelig ist?"
"Wenn Wächter behaupten, dass Dämonen nicht gerade die hellsten sind, ist das kein unbegründetes Vorurteil. Wahrscheinlich ist das auch der Grund weshalb dein Gary nicht an die sieben Mächte glaubt, weil ihm dafür wohl die Beweise fehlen." Green löste sich nun endlich aus ihrer Pose und setzte ihre nackten Füße nun wieder auf die kalten Fliesen.
"Mit anderen Worten, es gibt die sieben Mächte nicht?"
"Du bist nicht katholisch, kann das sein?" Die Hikari schüttelte den Kopf, obwohl sie nicht wusste, warum ihr Glaube da so wichtig war. Sie ergänze ihr Kopfschütteln damit, dass sie sagte, sie wäre im Waisenhaus evangelisch erzogen worden, war aber nie überzeugter Christ gewesen und ihr Glauben wurde auch nicht gerade dadurch gestärkt, dass ihre Adoptivfamilie Atheisten waren.
"Aber was tut das zur Sache?"
"Wüsstest du es, würdest du mich nicht fragen." Ungeduldig verdrehte die Hikari die Augen und verlangte, mehr oder weniger höflich, eine Erklärung.
"Wie dein Sibi schon sagte, stammen diese sieben Mächte von der menschlichen Religion ab, allerdings heißen sie nicht "Die sieben Sünden", sondern "Die sieben Todsünden". Im katholischen Glauben sind das besonders schwerwiegende Sünden und nun pass auf, Green und achte darauf ob dir etwas auffällt: Ruhmsucht, Habsucht, Wollust, Rachsucht, Selbstsucht, Eifersucht und zu letzt Trägheit. Na fällt dir was auf?"
"… Das Trägheit da nicht rein passt?" Kurze Pause.
"Nein, das ist nicht mein Punkt. Aber ich erkläre es dir, ehe ich eine Krise bekomme! Diese sogenannten Todsünden sind die Werte nachdem ein normaler Durchschnittsdämon lebt, jetzt verstanden?" Offensichtlich konnte Green Silence immer noch nicht folgen, denn sie sah sie verwundert an. Genervt antwortete Silence:
"In Lights Namen! Green! Es gibt keine "sieben Mächte", das sind einfach nur die normalen Triebe eines jeden Dämons! Dämonen fanden es einfach "cool" dem Namen zu geben und irgendwann haben diese "sieben Mächte" einen besonderen Status bekommen, obwohl sie nichts anderes sind als bloße Triebe. Nicht mehr und nicht weniger. Dämonen "glauben" daran, weil sie es einfach nicht hinterfragen und nicht genauer darüber nachdenken." Wäre Green in einer besseren Verfassung, hätte sie auf Silence' ruppige Art wohl auf die gleiche Art reagiert doch das tat sie nicht. Stattdessen hatte sie nun begonnen sich umzuziehen.
"Aber… Sibi sagte doch, dass sie das dämonische Blut der Halbdämonen zum kochen bringen?"
"Tun sie ja auch. Dämonen sind hauptsächlich von ihren Trieben gelenkt. Ich habe noch nicht viele Dämonen gesehen die von ihrem Gewissen gesteuert werden. Dein Gary ist eigentlich ein hervorragendes Beispiel, da er ein recht ausgeprägtes Gewissen hat. Er weiß, was sich gehört, was man tut und was man lieber bleiben lassen sollte. Aber auch er hat, wie jedes andere Wesen, auch Triebe und diese sind wohl versteckt und kontrolliert in seiner dämonischen Hälfte…" Silence Satz wurde unterbrochen von dem Klingelton von Greens Handy. Sie hatte eine SMS erhalten. Green stand wieder in ihrer weinroten Schuluniform gekleidet, als sie nach ihrem Handy griff. Doch Silence hielt sie davon ab:
"Green. Silver hat Recht. Umso mehr jemand seine Triebe verbirgt, umso gefährlicher sind sie auch, wenn sie ausbrechen." Ohne, dass Green ihren Blick von Silence abgewandt hatte, hatte sie ihr Handy aufgeklappt. Sie wusste, dass Gary ihr eine SMS geschrieben hatte; das konnte sie vom Klingelton erkennen. Doch sie las sie nicht, sie fixierte Silence und sagte dann:
"Worauf willst du hinaus?"
"Green, nimm dich vor ihn in Acht. Du kennst nur eine Hälfte. Wer sagt dir, dass du die andere auch lieben kannst?" Einen Augenblick lang sahen sich die beiden Spiegelbilder in die dunklen Augen des anderen. Bis Green den Augenkontakt abbrach und mit den Worten "Ihr spinnt doch alle!", den Umkleideraum verließ.
Silence folgte ihr nicht. Sie sah weiterhin auf den Punkt wo Green gerade noch gestanden hatte und sagte, als würde sie dort noch stehen:
"Solange du nur vor dieser Seite davon rennst, wirst du sie nie lieben lernen."


"Ich verstehe unsere werte Hikari-sama einfach nicht." Tinami sah kaum von ihrem Flachbildschirm auf und hörte der Beschwerde von Kaira nur mit halbem Ohr zu. Daher gab sie ihrer besten Freundin auch nur ein zustimmendes Murmeln als Antwort. Diese sah ihr nun zu wie sie die Tastatur förmlich auseinander schlug, da Tinami auf dieser einhämmerte. Beunruhigt sah sie auf das Armband um Tinamis Handgelenk. Kaira mochte es nicht, wenn Tinami sich durch die Technik der Asukas genannt "Ace-Xio" mit dem Computer "vereinte". Die Tatsache, dass sie für diese Technik ihr Blut opferte, war ihr nicht geheuer. Das Armband blinkte unaufhaltsam, genauso schnell wie Tinami tippte. Ihre Hand war bereits ziemlich blass und die Fingernägel hatten einen blauen Teint angenommen - was auch kein Wunder war, da sie bereits mehrere Stunden am Computer saß - Dass die Sache mit einem Herzinfarkt enden konnte, versuchte Kaira zu verdrängen.
Auf einmal bemerkte Kaira wie Tinamis Finger langsamer wurden und schlussendlich zum Stillstand kamen. Innerlich atmete sie erleichtert auf, sagte jedoch schroff:
"Hat ja auch lange genug gedauert!" Tinami starrte auf dem Bildschirm, was Kaira ihr gleich tat. Die Kikou schien etwas zu lesen, doch bei dem Versuch es ebenfalls zu tun, verzweifelte ihre Freundin. Auf dem schwarzen Bildschirm liefen in einem nicht enden wollenden Fluss ein Wirrwarr von roten Zeichen. Schon nach wenigen Sekunden schwirrte ihr der Kopf und sie musste sich abwenden.
"Was ist das?"
"Eine Art Backup des Dämonensystems." Das machte Kaira nicht schlauer.
"...Aha." Tinami schien es ihr nicht erklären zu wollen, sie hatte bereits den Finger über der Entertaste, wo er jedoch verharrte. Die Augen der Zeitwächterin weiteten sich verwundert.
"Ist was?" Tinami erhob die Hände wieder und nahm ihre blaue Plasmabrille von den Augen. Mit einem entschuldigen Grinsen drehte sie sich zu ihr um und sagte:
"Ich brauche Pockies!" Skeptisch verengten sich Kairas Augen.
"Sagt mir?" Tinamis Augen nahmen einen bettelnden Ausdruck an.
"Dass du so lieb bist und mir welche holst?" Die Zeitwächterin verschränkte die Arme.
"Vergiss es, Asuka."
"Och bitteeee! Ohne kann ich mich nicht konzentrieren!" Kaira blieb stur.
"Aber, Ai-chaaaan... Du hast das letzte Spiel verloren und du hast versprochen mir einen Gefallen zu tun, right?" Bei dem Gedanken an diese Schmach lief die Angesprochene rot an.
"Außerdem, kann ich mich nicht bewegen." Tinami zeigte auf ihr Armband und das war das entscheidende Argument, dessen Kaira sich fügte. Mit einem Grummeln und nicht ohne einen Kommentar von sich zu geben, verließ die Zeitwächterin den Computerraum und Tinami blieb alleine zurück. Auf ihrem Gesicht zeichnete sich ein sanftes Lächeln ab... doch es war von leichter Traurigkeit erfüllt.
Das Lächeln wahrte nicht lange, ehe die Kikou fast schon schmerzhaft die Augen zusammenpresste und sich wieder dem Bildschirm zuwandte. Diesmal ohne Zögern drückte ihr Zeigefinger die Entertaste herunter und augenblicklich wurde der Bildschirm schwarz. Erst nach wenigen Sekunden tauchte eine Eingabefläche auf, die von einer Überschrift in der Sprache der Dämonen geziert wurde. Ihr anderer Computer war bereits mit der Übersetzung beschäftigt, doch Tinami brauchte keine. Es war nur allzu deutlich, dass hier ein Passwort von Nöten war.
Aber Dämonen haben ihre eigene Art ihre wichtigen Dokumente zu schützen... und Asukas haben die richtige Antwort darauf.
Tinamis Hand, an dem das Armband befestigt war, bewegte sich wie von alleine und erhob sich. Konzentriert hatte sie die Augen geschlossen und mit einem Mal fegte ihre Hand durch die Luft. Es war beinahe unmöglich ihre Bewegungen mit den Augen zu folgen, so schnell raste ihre Hand durch die Luft, malte Zeichen ins Nichts und brachte beinahe die Luft zum beben. Wie auch ihr Atem, der sich von Sekunde zu Sekunde beschleunigte.
"Du... besiegst mich nicht!", sagte die Asuka mit knirschenden Zähnen, während ihre Hand, wie von einer fremden Nacht gesteuert, weiterhin in der Luft malte, wie eine verrückt gewordene Biene.
Dann auf einmal riss Tinami die Augen auf und die Hand fiel wie ein Stein auf den Tisch. Die andere Hand krampfte sie über ihren Oberkörper zusammen und atmete so schnell wie eine Herzkranke. Doch nicht nur das: Der Teil ihres Körpers der ab dem Armband begann, war ohne jegliches Gefühl, sie konnte die Hand nicht benutzen... Jedenfalls für eine Weile. Tinami spürte jedoch, wie sie weiterhin per ihr Blut mit dem Computer verbunden war.
Nur eine kurze Ruhepause gönnte sie sich, ehe sie entschlossen, als wäre der Computermonitor ihr Erzfeind, aufsah. Das Eingabefeld war verschwunden und stattdessen hatte sie ihr Ziel erreicht.
Die Akten von Siberu und Gary waren auf dem Bildschirm erschienen. Es waren jedoch andere... Die Bilder zeigten sie nicht in ihrer "Menschenform", sondern in ihrer Dämonenform. Es war ein merkwürdiges Gefühl sie mit roten Augen zu sehen... so ungewohnt. Besonders Gary sah überhaupt nicht mehr nach sich selbst aus.
Doch damit hatte Tinami nichts am Hut und sie scrollte runter. Die Angaben waren identisch mit denen die sie bereits vorher gehabt hatte… hatte ihr sechster Sinn sich etwa geirrt?
Am Ende stieß sie allerdings auf etwas. Es gab eine Spalte mehr, als auf der vorigen Version.
Tinami sah über die Schulter hinweg zu ihrem anderen Computer, der bereits fleißig dabei war zu übersetzen. Die ersten Buchstaben entpuppten sich als das Wort "Auftrag: ..." Der Computer übersetzte Buchstabe für Buchstabe und Tinamis Gesichtszüge erstarrten im Takt der Buchstaben.
"Oh mein Gott..." Sie schlug sich die gesunde Hand vor dem Mund, als der Auftrag voll ausgeschrieben vor ihr geschrieben stand.
"Ich muss Ee-chan..." Sie griff zu ihrem Handy, doch sie kam nicht dazu einen Anruf zu tätigen, denn das Handy fiel plötzlich zu Boden.
Und mit dem Handy seine Besitzerin.

"Ai-chan..."

Es war nach wie vor schwül in Tokios Straßen, auch die Wolken die sich vor die Sonne geschoben hatten änderten daran nichts. Green stöhnte und beschwerte sich darüber. Zwar war sie eher ein Mensch der die Wärme der Kälte bevorzugte, aber es mussten keine 30° im Schatten sein. Jedenfalls nicht in einer Großstadt. Wenn sie an einem Strand wäre... dann wäre das ein ganz anderes Thema.
Sie sah zu ihrer linken, wo Gary gedankenverloren einen Fuß vor dem anderen setzte. Sofort war der Versuch sich abzulenken verpufft und die Worte die Siberu ihr gesagt hatte, drängten wieder in den Vordergrund. Hatte er das nur gesagt aus Eifersucht um Green in Zweifel zu stürzen? Er war nicht eifersüchtig. Nein, damit hatte das alles nichts zu tun, absolut nichts. Etwas war im Gange, etwas rollte… doch wohin? Sie wusste es nicht... sie wusste auch nicht, wer ihr da eine Antwort geben konnte. Mit Gary konnte sie unmöglich darüber sprechen. Sie sollte ihm so weit vertrauen, dass sie sie davon überzeugt sein müsste, dass alles in Ordnung war. Er würde es ihr doch erzählen, wäre es es nicht!
Aber was war mit dem was Silence gesagt hatte? Nein, alles. Wenn sie genauer darüber nachdachte, wurde sie von allen Seiten verunsichert, nirgends gab es Sicherheit. Alles war im Begriff auseinander zu stürzen und dass nur auf Grund einer Liebeserklärung?
Was, wenn er ihr wirklich etwas verschwieg… was, wenn es genau vor ihren Augen lag, sie es aber einfach nicht sehen wollte?
Eine enorme Druckwelle riss Green den Boden unter den Füßen weg. Sie fiel nach hinten. Jemand hielt sie von einem unsanften Sturz auf, indem er sie nicht weniger unsanft gepackt hatte. Green gelang es durch den Wind geschockt die Augen aufzureißen und sie konnte gerade noch etwas erkennen. Das "etwas" sah aus wie ein schwarzer Blitz, genauso unförmig und schnell war das schwarze etwas wieder verschwunden. Sie konnte nicht einmal mehr fragen, was das alles zu bedeuten hatte, als ihre Haare von einem Wind durchfegt wurden, als wäre mitten in Tokio ein Orkan ausgebrochen. Ehe sie die Augen zusammen kniff, sah sie noch wie Gary die Hand abwehrend gegen den Wind zu halten schien. Doch plötzlich war es vorbei und statt dem ohrenbetäubenden Rauschen war ein Surren zu hören. Green und Gary öffneten die Augen gleichzeitig und sahen einen jungen Mann vor ihnen stehen, der einen übergroßen verzierten Bumerang in der Hand hatte. Die anderen Menschen um sie herum waren wie erstarrt und es wurde sofort deutlich, dass Gary und Green aus Versehen in einen Zeitbann geraten waren, denn die einzigen die sich in einem Umkreis von 50 Meter rührten war eine Gruppe von Wächtern. Green erkannte sie als die Offiziere wieder.
Der Wächter fiel ehrfürchtig vor Green auf die Knie.
"Hikari-sama, ich bitte um Verzeihung. Es war nicht meine Absicht, euch in Gefahr zu bringen."
Gary durchfuhr es wie ein Blitz und sein gesamter Körper schien zu Eis zu erstarren als seine Sinne die Stimme des Wächters wiedererkannten. Gary war sich sicher, er hatte ihn noch nie in seinen Leben gesehen und doch wusste er sofort wer dieser Mann war: Ihm gehörte die Stimme, die er vor wenigen Tagen im Traum gehört hatte. Es war die Stimme die ihn "Monster" genannt hatte und die Garys Hass so enorm erzürnt hatte, dass er ihn umbringen wollte... Aber wie war das möglich? Er kannte diesen Wächter doch gar nicht…
Green erkannte in diesem Moment, dass es sich bei dem knienden Wächter um Saiyon handelte. Jedoch ähnelte er ihm kaum noch. Es war doch nur knapp ein halbes Jahr her, seitdem sie ihn das letzte Mal gesehen hatte... wie war es möglich, dass er sich so verändert hatte? Green war vollkommen sprachlos, als er sich aufrichtete. Saiyon wirkte so gar nicht mehr wie der Tollpatsch der vor ihren Füßen gestolpert war. Er wirkte um einige Jahre älter und reifer. War es die Uniform die ihn so aussehen ließ? Seine Haut hatte einen leicht bräunlichen Teint angenommen und ihr fiel auf, dass er eine Narbe über die linke Wange hatte. Seine dunkeln grünen Augen strahlten aufrichtig, als er es wagte Green anzusehen. Sie antwortete nicht. Sie war zu sprachlos.
Dabei bemerkte die Hikari nicht, dass Gary buchstäblich zu Stein erstarrt war.
Saiyon senkte den Kopf, während seine Mitstreiter Kommandos zueinander riefen und scheinbar in einem hitzigen Gespräch verwickelt waren. Gary schwieg weiter.
"Ich habe im Eifer des Gefechtes das Ziel verfehlt. Verzeiht, dass ich euren... Freund mit dem eigentlichen Ziel verwechselt habe." Er machte einen leichten Wink zu Gary.
"Ich habe noch viel zu lernen. Aber ich gelobe ich werde weiterhin mein Bestes tun." Erst da fand Green ihre Stimme wieder.
"Dann solltest du dich lieber bei Gary entschuldigen als bei mir." Als sein Name gesagt wurde, wachte der Halbdämon wieder auf. Green musterte ihn besorgt, denn es entfiel ihr nicht, dass er in seinen Gedanken vertieft war und dass diese scheinbar keine Angenehmen waren.
Saiyon schien es nicht zu gefallen, dass er sich bei einem Dämon entschuldigen sollte, dennoch tat er wie geheißen und sah kurz zu Gary.
Er erwiderte seinen Blick genauso widerwillig und es sah einen Moment so aus, als würden sie sich an die Gurgel springen wollen. Green hatte Gary noch nie so böswillig gesehen und die Hand, die an ihrer Taille lag, war verkrampft.
Saiyon senkte kurz den Kopf, scheinbar aber darauf bedacht nicht unter der Kopfhöhe von Gary zu geraten.
"Entschuldige mein Vergehen.", sagte er steif. Garys Mundwinkel verzogen sich ein wenig und es wirkte ein wenig schadenfroh, doch seine Augen blieben finster.
"Komm, Green." Die Angesprochene nickte einverstanden und das ungleiche Paar drehte sich um, um den Bannkreis zu verlassen. Doch Saiyon unterbrach deren Vorhaben:
"Hikari-sama!" Sie drehte sich um, auch wenn Gary an ihrer Hand zog. Saiyon lächelte sie an und das Strahlen seiner Augen kehrte zurück. Green wurde gegen ihren Willen rot und spürte wie ihr Herz einen Hüpfer machte.
"Es war mir eine Freude Euch wiedergesehen zu haben..."
"Auf Wiedersehen... Saiyon."


Genervt trat Kaira den Rückweg von der Küche an, in der Hand hielt sie die von Tinami gewünschten Pockies. Das sie aber auch gar nichts selbst machen konnte! Wer war Kaira denn? Tinamis persönlicher Tempelwächter? Tz, also so helle Haare hatte die Klimawächterin nun auch wieder nicht... Kaira sollte wirklich lernen standhaft zu bleiben und nicht immer das tun, was Tinami mit ihren großen Hundeaugen doch so gut zum Ausdruck bringen konnte. Seitdem sie Green kennengelernt hatte, war es ja sogar noch schlimmer geworden! Hatte sie sich etwa was von ihr abgeguckt?
Kaira kam bei Tinamis Arbeitszimmer an und bog in die Tür ein.
"So, Asuka das war das letzte Mal..." Die Pockies fielen zu Boden und die Stäbchen rollten über die Fliesen. Tinami lag neben dem Computer auf den Boden, in einer schwarzen sich windenden Masse aus... Kaira konnte es nicht deuten. Es sah aus wie tausend winzig schwarze Insekten. Egal was es war, der Ursprung war das Armband an Tinamis Arm. Oder eher... ihrem ehemaligen Arm. Von dem Körperteil war nichts anderes übrig als die nackten Knochen... und diese schwarze Masse arbeitete sich weiter hoch. Bereits Teile von Tinamis Haut und Fleisch im Gesicht waren dabei gefressen zu werden.
"ONEE-SAMA!" Azura war neben Kaira aufgetaucht und wollte gerade auf ihre Schwester zustürmen, wurde jedoch von dem Ellbogen der Zeitwächterin aufgehalten und zurückgedrängt. Denn sie hatte bemerkt, dass die schwarze Masse sich scheinbar nicht mit Tinamis Körper begnügte und sich schon in Richtung der beiden anderen Wächter ausbreitete.
Kaira handelte wie von einer ErstRang Wächterin zu erwarten: Ihre freie Hand sauste herunter und leuchtete bereits lila auf. Augenblicklich gefror das Bild vor ihnen und die schwarze Masse bewegte sich nicht mehr. Doch nur einen kurzen Moment hielt die Starre an, ehe sich die Zeit urplötzlich zurückspulte.
"Glaubst du ihm Ernst, ich lasse dich fressen, Asuka?!", knirschte Kaira zwischen ihren Zähnen hervor. Ihr Arm vibrierte unter der Einwirkung der Zeitmagie. Azuras Herz beruhigte sich ein wenig als die Haut und das Fleisch ihrer Schwester im Gesicht wiederkehrte. Doch weiter brachte Kaira es nicht. Den Arm konnte sie nicht retten.
"Schnell, Azura! Kontaktiere das Sanctuarian!" Kaira ließ sie los und Azura nickte. Die Wasserwächterin legte sie Hände aneinander und formte ihre Finger zu einem Zeichen, welche sie mit einer Beschwörung unterlegte.
"Zui!" Dieses einfache Wort sorgte dafür, dass das Hospital der Wächter sofort benachrichtigt wurde und sofort, als wären sie die ganze Zeit dort gewesen, nur unsichtbar, erschienen sechs Wächter im Raum, außerhalb des Zeitbannes, den Kaira weiterhin aufrecht erhielt. Alle sechs Wächter waren in langen dunkelblauen Mänteln gekleidet und anstatt einem Mundschutz oder Handschuhe, hatte sich eine hellblaue Energieschicht um ihre Hände und vor ihrem Mund gelegt. Dennoch erkannte Kaira einen der Wächter als Aores, dem Chefarzt des Sanctuarians, wieder.
Schnell wurde ihr das Ruder aus der Hand genommen. Die Spezialisten "entsorgten" die schwarze Masse, legten um Tinami den gleichen hellblauen Schein wie um ihre Hände und gaben Azura, die in Tränen ausgebrochen war, ein Beruhigungsmittel. Als sie dabei waren Tinami in die Luft zu heben, wandte Kaira sich an Aores.
"Was war das?" Aores sah sie mit seinen hellblauen Augen ernst an.
"Ich nehme an, sie sind ihre Angehörige, Toki-sama?"
"Wir sind ihre Familie." Kaira machte einen Wink an Azura. Aores nickte verstehend.
"Es ist ein hochansteckendes Virus, genannt..." Kaira schüttelte den Kopf und unterbrach ihn damit.
"Ich möchte nur wissen ob sie es überlebt." Azura schlurzte hinter ihnen hörbar auf.
"Das kann ich aus meinem momentanen Standpunkt heraus nicht beurteilen." Die Angesprochene nickte.
"Wir werden unser bestes tun. Glauben Sie mir, Elementarwächter lassen wir nicht so schnell sterben." Wieder nickte Kaira nur als Antwort und hoffte, dass Aores nicht mehr zu sagen hatte - doch anscheinend schien er nicht zu bemerken, dass die Zeitwächterin nicht mehr reden wollte.
"Dennoch... Dieses Virus ist mir in meiner bisherigen Laufbahn erst drei Mal untergekommen. Mit Verlaub..." Aores machte einen Wink zu dem Bildschirm. Wo sich nun einige der Klimawächter zu schaffen machten. Kaira gefiel es nicht, dass an Tinamis Sachen herum gefummelt wurde.
"Was hat eure Freundin im System der Dämonen gesucht?" Kaira drehte sich weg von den Bildschirmen und weg von der leblosen Tinami.
"Akten", antwortete sie knapp, obwohl ihr Interesse erwacht war.
"Akten?" Skeptisch sah er sie an.
"Das müssen aber wichtige Dämonen gewesen sein, wenn deren Akten mit solch einem Virus geschützt sind." Kaira nickte abermals und sah aus den Augenwinkeln auf dem Tisch, wo nach wie vor, die alten Akten von Siberu und Gary lagen.
"Ja. Es hat wohl ganz den Anschein..."


Und schon wurde Green von Gary aus dem Kreis gezogen. Der Lärm und die Gerüche Tokios strömten auf sie ein und verwirrten sie einen kurzen Moment. Gary ließ sie wieder los und ging zielstrebig gerade aus. Er sagte nichts und seinen Gesichtsausdruck konnte sie auch nicht deuten, da die Schatten seiner Haare das Gesicht zu sehr verdunkelten.
Um dennoch ein Gespräch zu beginnen, sagte Green:
"Ich frage mich, was für einen Dämon sie gejagt haben. Die Druckwelle war ja enorm! Sicherlich ein Level A..." Sie wurde unterbrochen:
"Wer war der Typ?" Die Hikari sah zuerst verwundert drein.
"Er heißt Saiyon. Einer meiner Wächter... So wie es aussah ist er zum Offizier aufgestiegen."
"Wie stehst du zu ihm?" Jetzt wurde sie skeptisch.
"Das war das dritte Mal wo ich ihn gesehen habe. Ich kenne ihn kaum."
"Er ist in dich verliebt." Green blieb stehen, was er ihr gleich tat. Den Passanten hinter ihnen schien das Stehenbleiben nicht so sehr zu gefallen.
"Selbst wenn: stört dich das?" Gary antwortete nicht und Green wurde langsam sauer.
"Es waren schon andere in mich verliebt. Bevor Sibi gekommen ist, habe ich doch oft Liebesbriefe bekommen. Das hat dich nie gestört!" Der Angesprochene wandte sich nun zu ihr herum und der Blick mit dem er sie ansah, konnte sie nur schwer deuten. Er passte überhaupt nicht zu dem Gary den sie liebte... Er sah so besitzergreifend aus, fast als würde er sie an liebsten in Ketten legen. Green durchfuhr eine Gänsehaut. Sie dachte nicht an die Warnungen Siberus, Tinamis oder Silence' als sie ihn ansah. Sie dachte nicht an die Triebe seiner dämonischen Seite, dachte nicht daran, dass sie diese nicht kannte. Doch unterbewusst. Unterbewusst war all dies da und all dies sorgte dafür, dass Green die Kontrolle verlor, als Gary sagte:
"Damals gehörtest du ja auch noch nicht mir."
Green wollte ihren Ohren nicht trauen. Sie stand einfach nur da und starrte ihn an. Ihre Hand zuckte und ohne, dass sie sich bewusst war, was sie tat, übermahnte sie die Wut. Mit ausgeholter Hand klatschte sie ihm eine Ohrfeige.
Jetzt starrte Gary sie an. Er berührte verdattert die wunde Wange, ohne Green aus den Augen zu lassen. Ihre Wut hatte sich nun plötzlich in das Gegenteil verwandelt und geschockt, doch auch mit Reue, sah er wie die Tränen aus ihren Augen kullerten.
"W-Warum sagst du sowas...!?"
"Green..."
"D-Das ist n-nicht der Gary den ich kenne!"
"I-Ich wollte das nicht sagen..."
"A-Aber du hast es...! Du redest... wie N-Nocturn!"
"Es tut mir Leid...! Bitte hör auf zu weinen..." Er streckte die Arme nach ihr aus und sie ließ sich protestlos und mitten auf der Straße von ihm in die Arme nehmen. Immer wieder wiederholte er die gleichen Worte...
"Es tut mir Leid... Es tut mir so Leid..."

Sibi... Tinami... Silence… sie haben Recht. Es ist etwas in Gary was ich nicht kenne... und was ich nicht kennen will.