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Episode 5
  Episode 5: Dämonenblut
Mit einem beinahe müden Ausdruck in den roten Augen sah ihr Angebeteter auf das schwarze Papier, obwohl Rui sich nicht sicher war, ob er den Brief überhaupt sah und nicht irgendwo anders hinsah; irgendwo in Gedanken vertieft. Rui mochte ihren Silver-sama so nicht. Diese Nachdenklichkeit und Melancholie passte nicht zu ihm. Warum reagierte er überhaupt so niedergeschlagen auf die Nachricht? Es war doch nur eine Frage der Zeit gewesen, ehe es soweit sein würde.
Rui stützte ihr Kinn auf ihren Hände ab und sah weiterhin zu, wie der Halbdämon sich in seinen Gedanken verlor. Doch lange hielt sie das Schweigen nicht mehr durch und setzte sich kurzerhand neben ihn auf den Tisch.
"Silver-sama, warum seht Ihr so niedergeschlagen aus?" Der Angesprochene antwortete nicht, sondern nahm ein weiteres Mal den Brief in die Hand und überflog die in rot geschriebenen krakeligen Worte, hinter denen sich sicherlich ein Haufen an Rechtschreibfehlern versteckte - wenn die Dämonen überhaupt so etwas wie "Rechtschreibung" besaßen.
"Gibt es sonst noch etwas Neues?", fragte der Rotschopf, ohne sich von den roten Worten abzuwenden. Rui sah ihn verwundert an, und fragte sich, ob das, was er in der Hand hatte, nicht genug an Neuigkeiten war.
"Mir ist nichts Neues zu Ohren gekommen." Wieder schwieg er, und wieder war es Rui, die die Frage stellte, der sich Siberu eigentlich nicht stellen wollte.
"Werdet Ihr heimkehren?" Er seufzte und drehte seinen Kopf in Richtung des offenen Fensters, wo die Sonne gerade von den Wolkenkratzern Tokios verschluckt wurde und einen roten Himmel hinterließ.
Er würde nicht "heimkehren"; er war bereits zuhause.
Scheinbar wurde Rui ungeduldig, denn der Rotschopf wurde dadurch aus seinen Gedanken gerissen, dass sie ihn mit beiden Händen an den Schultern packte und er somit ein wenig irritiert von ihrer Aufdringlichkeit aufsah. Als er jedoch Ruis inständigen Blick sah, verrauchte seine Wut wieder, da ihm bewusst wurde, dass sie sich einfach nur Sorgen um ihn machte. Ehe er jedoch etwas sagen konnte, überraschte Rui ihn mit ihrer nächsten Frage:
"Seht Ihr wegen ihr so traurig aus?"
""Ihr"?", fragte er verwundert, obwohl er sofort ein Mädchen vor Augen hatte, als sie das sagte. Aber konnte Rui etwa von dem gleichen Mädchen sprechen? Ahnte sie es? Stand es ihm etwa ins Gesicht geschrieben?
"Sie ist doch unser Feind", sagte Rui und schien sich über ihre Worte nicht sicher zu sein; als ob sie nicht wusste, ob sie das, was sie in ihren Gedanken hatte, sagen sollte. Immerhin unterstellte sie ihrem Herr und Gebieter damit einiges. Dieser jedoch fühlte sich eher erleichtert und lächelte sogar als er antwortete:
"Ach, du meinst Green-chan." Die Dämonin antwortete nicht, wahrscheinlich war es ihr doch zu direkt, ihre Gedanken auszusprechen. Etwas, was Siberu irgendwie niedlich fand.
"Keine Sorge, Rui. Ich wusste es doch von Anfang an."
"Es ist also nichts passiert, was nicht geplant gewesen ist?" Er lächelte sie weiterhin unverändert an, obwohl sich so einiges hinter seinen roten Augen bewegte.
"Nein", log er und war sich seiner Lüge vollauf bewusst. Es war so vieles geschehen, was nicht geplant gewesen war. So vieles, was jetzt dafür sorgte, dass er sich elendig träge fühlte, nicht imstande sich zu benehmen, wie es sich für einen Dämon gehörte, wenn er so eine Nachricht erhielt. Obendrein schienen ihm diese Gefühle auch noch ins Gesicht geschrieben, ansonsten würde Rui nicht so mit ihm reden.
Aber sie durften nicht zu sehen sein; diese Gefühle durften nicht einmal vorhanden sein. Er musste abhaken, auch wenn es ihm schwer fiel. Es war besser… besser für alle. Für ihn selbst, für seinen Bruder, für Green… und vor allen für das Mädchen, dessen Geschmack er immer noch auf der Zunge hatte und welcher einfach nicht weggehen wollte. Aber er musste ihn weg bekommen. Er musste weggehen, zusammen mit diesen verfluchten melancholischen Gefühlen.
Siberu musste… "Siberu" hinter sich lassen.
"Wir brechen auf, sobald Blue wieder da ist", antwortete der Halbdämon und offensichtlich war dies das, was Rui hören wollte, denn sie lächelte sofort wieder, als er dies sagte.
"Ich freu mich." Ein Lächeln breitete sich auf dem Gesicht des Rothaarigen aus, als er sie ansah und Ruis Herz machte einen enormen Hüpfer, als er seine kalten Hände an ihre spärlich bekleidete Taille legte und sie vom Tisch herunter auf seinen Schoss zog.
"Solange wir noch warten, könnte ich eine Ablenkung vertragen."


Schweigend gingen Hikari und Halbdämon nebeneinander her. Seitdem sie sich nach einer langen Umarmung von einander gelöst hatten, hatten sie das Schweigen heraufbeschworen: jeder war in seinen eigenen Gedanken versunken. Immer mal wieder warfen sie sich einen Blick zu, jedoch ohne, dass der andere es mitbekam. Der Heimweg kam ihnen so lang vor wie noch nie... und dennoch dachte keiner von ihnen daran, sich Garys Fähigkeit der Teleportation zu bedienen. Vielleicht gingen sie auch extra langsam, um nicht zuhause anzukommen. In Tokios Straßen war Rush Hour angesagt, daher ging es ohnehin nicht gerade schnell voran. Die Wolken in Kombination mit den Wolkenkratzern verdeckten die Sonne und dennoch war es weiterhin schwül.
Nachdem sie aus der U-Bahn gestiegen waren, wählten sie einen weniger dichten Weg, wo nicht so viel los war und der gleichzeitig einen Umweg darstellte. Erst dort, sicherlich eine halbe Stunde seit dem letzten Wort, sagte Gary:
"Es tut mir Leid, dass ich das bin, was ich bin." Green sah auf, senkte ihren Kopf jedoch schnell wieder, indem sie ihn schüttelte.
"Ich bin als Hikari auch nicht besser."
"Nein, Green. Deine Hand war nicht mit so viel Blut besudelt wie meine." Jetzt drehte sie sich zu ihm um und sah, dass er mit verbissenem Blick seine Hand anstarrte, als würde er sie am liebsten abhacken wollen.
"Ich habe keine Angst vor dir, Gary." Er lächelte ironisch.
"Du vielleicht nicht. Du kennst die andere Seite nicht. Aber ich." Sie schwieg kurz, sagte dann aber:
"... hast du schon einmal aus Spaß Menschen getötet?" Er starrte weiterhin seine Hand an.
"Nein... aber bevor ich dich getroffen habe, habe ich viele Menschen getötet. Es ist egal aus welchen Grund." Sie blieb stehen und hielt ihn am Arm fest.
"Es ist egal, was du vorher getan hast! Was zählt ist das Hier und Jetzt... und ich weiß, dass du es nicht mehr tust. Das ist alles was zählt!" Gary streckte seine Hand aus, wahrscheinlich, um sie zu berühren, doch sie fiel urplötzlich herunter - im selben Moment wusste Green auch den Grund für sein plötzliches Andersentscheiden: wie ein herunterfallender Komet war die ungeheure Aura plötzlich wieder aufgetaucht.
Green japste nach Luft, als würde die Energiequelle ihr den Lebenssaft rauben. Auch Gary sah merklich blass aus, als die beiden sich umdrehten.
Der Dämon lehnte an einem Gartentor, welches zu einem reichen Anwesen führte. Er hatte ein menschliches Äußeres, was Green gleich noch weiter beunruhigte, denn auch sie wusste, dass die Dämonen mit einem menschlichen Äußeren die Gefährlichsten waren. Doch bei diesem Exemplar konnte man nicht zu 100% sagen, dass er als "Mensch" durchgehen würde. Seine Taille war unnatürlich dünn, fast so, als würden sich in diesem Bereich seines Körpers keine Knochen befinden. Das verlieh ihm ein recht bizarres Äußeres, wozu seine Haare beitrugen. Sie waren orange... und er trug sie als Zöpfe. Allerdings hingen diese Zöpfe in der Luft. Sie fingen nirgendwo an und endeten auch nirgends. Aber sie schienen dennoch zu seinen natürlichen Haaren zu gehören. Der Dämon hatte ein schelmisches Lächeln auf dem Gesicht und die Augen geschlossen. Dennoch fühlte Green sich schrecklich angestarrt, als würde er sie direkt ansehen. Unter seinen Augen waren tiefe Einkerbungen zu erkennen und Green konnte nicht auf Anhieb sagen, ob sie natürlichen Ursprung waren, oder das Gegenteil.
"Ihr solltet auf Blue hören, Hikari-san." Er sprach fließend japanisch und das auch noch in einem sehr höflichen Tonfall, was gut zu seiner eleganten Kleidung passte. Green kam nicht zum Antworten, da Gary plötzlich hervorschnellte und innerhalb von kurzer Zeit in der Sprache der Dämonen antwortete. Der andere Dämon runzelte die Stirn.
"Also, ich kann mich nicht daran erinnern, dass du so eine schlechte Erziehung genossen hast. Zum einem gehört es sich nicht, so mit seinem Lehrer zu sprechen und zum anderen kannst du doch keine Dame aus dem Gespräch ausschließen." Green lief es bei dieser Höflichkeit kalt den Rücken runter und ein weiteres Mal japste sie nach Luft. Sie kam sich vor wie ein Schaf, um das der Löwe langsam Kreise zieht; jeden Moment bereit zuzubeißen. Green hatte noch nie einen Dämon mit solch einer enormen Aura gespürt - und das war der Lehrer von Gary?
Gary antwortete nicht. Er schien nicht so nervös zu sein wie Green, dennoch fehlte es ihm an Farbe. Erst nach wenigen Sekunden antwortete er auf Japanisch:
"Was führt Euch hierher, Ri-Il-sempai?" Ri-Ils Lächeln wurde breiter.
"So gefällst du mir schon besser. Wo kommen wir denn hin, wenn wir die Etikette vergessen?" Es hatte den Anschein, dass er nicht auf Garys Frage antworten wollte. Er wandte sich nun vollends an Green und mit Panik sah sie, dass er einen Schritt auf sie zuging. Sie verkrampfte die Hand nun so sehr um ihr Glöckchen, dass es weh tat.
"Bitte entschuldigt, dass ich mich noch nicht vorgestellt habe. Mein Name ist Ri-Il. Höchst erfreut, Eure Bekanntschaft zu machen, Prinzessin des Lichtes." Green reagierte nicht, sondern starrte ihn weiter widerwillig an. Ri-il schien keine Antwort zu erwarten.
"Wie ich bereits andeutete... Ihr solltet Blues Worten Glauben schenken! Aber ich kann Eure Zweifel sehr wohl nachempfinden. Wenn ich Blue nicht kennen würde, würde ich es ihm auch nicht glauben, wenn ich ihn so vor mir sehe...soll ich Eure Zweifel auswischen?"
"Nein!", mischte sich nun Gary ein und ergriff zum ersten Mal Partei für Green.
"Überlasst das mir, Sensei. Ich habe alles unter Kontrolle..." Ri-Il erhob den Zeigefinger.
"Tut mir Leid, dass ich dich unterbrechen muss, Blue, aber es reicht. Du hast lange genug gespielt." Zum ersten Mal öffnete Ri-Il die Augen, und zum Vorschein kam eine grelle gelbe Pupille mit schwarzer Iris, die nicht wie sonst von weiß umrahmt wurde, sondern in einem schwarzen Meer zu schwimmen schien. Green spürte nicht nur, wie sie selbst von einer Gänsehaut gepackt wurde, sondern auch, wie Gary zusammenzuckte. Es gelang ihr, sich von Ri-Ils fürchterlichen Augen abzuwenden und sie sah, wie ihr Freund beinahe ergeben den Kopf senkte. Kaum hatte sie das gesehen, spürte sie drei spitze Finger auf ihrer Stirn.
"Es wird Zeit, dass du wieder Nachhause zurückkehrst."
Green musste sich einige Male herum drehen und doppelt so oft blinzeln, um zu begreifen, wo sie sich befand. Wie war sie auf einmal im Tempel gelandet?
Aber es war eindeutig Der Tempel. Sie war im Korridor des dritten Stocks, welcher zur Bibliothek führte. Die Nacht hatte sich über die Zentrale der Wächter gesenkt und das Weiß der Säulen leuchtete förmlich hervor.
"Gary?" Nein, sie war alleine. Ri-Il hatte sie wohl hierher teleportiert. Aber warum? Doch nicht etwa... Er hatte doch als letztes gesagt, dass es Zeit war, wieder in die Dämonenwelt zurückzukehren?! Hatte er etwa vor, Gary mitzunehmen?
Green nahm die Beine in die Hand und machte kehrt, um zum einzigen Raum zu gelangen, aus dem man sich vom Tempel wieder zurück teleportieren konnte. Was würde sie erwarten, wenn sie wieder in Tokio war? War Gary dann nicht mehr da? Und Siberu? Würde Ri-Il ihn gleich mitnehmen? Was sollte sie tun, wenn es der Fall war? Inceres hatte ihr verboten, auch nur darüber nachzudenken, wie man in die Dämonenwelt kam. Doch Green würde den beiden selbst in die Hölle folgen... Inceres würde sie nicht aufhalten!
Ein Schrei verleitete Green dazu, auf der Stelle anzuhalten. Es war Ilangs Stimme gewesen.
Und ihre Stimme war voller Verzweiflung und Angst.
Die Hikari wirbelte herum, während sie auch schon ihre Waffe heraufbeschwor und loslief. Sie zögerte keinen Moment und wusste sofort, was jetzt wichtiger war: so schnell es ging wieder nach Tokio zurückzukehren oder Ilang zu Hilfe zu eilen. Würde sie das Erstere wählen, wäre sie nichts anderes als ein enormer Egoist, der das Leben eines anderen aufs Spiel setzte für sein eigenes Glück. Green war ein Egoist. Aber sie opferte keinen ihrer Freunde.
Die Hikari zwang sich, sich auf das momentane Problem zu fokussieren und sich einzureden, dass weder Gary noch Siberu in ernsthafter Gefahr schwebten.
Ein Dämon musste sich in den Tempel eingeschlichen haben, eine andere Erklärung gab es nicht. Aber wie? Das Sicherheitssystem war absolut intakt und unmöglich zu knacken. Alle Wesen, die eine Aura besaßen, wurden von dem System erfasst... außer zwei Halbdämonen, die Green aus dem Register entfernt hatte. Aber das war ausgeschlossen...ob weder Grey noch Ilang das Alarmsignal gehört hatten? Möglich war es... aber was war mit Ryô und Itzumi? Einer von ihnen musste den Eindringling doch bemerkt haben!
Greens Glieder vereisten plötzlich als der Gedanke, den sie seit dem Hören von Ilangs Schrei verdrängt hatte, wieder an die Oberfläche ihres Seins empor kroch. Was war wenn... Ilang tot war? Und was war mit Grey, der doch sicherlich in ihrer Nähe war?! Natürlich, Grey konnte sich zur Wehr setzen, aber wenn der Angreifer Ilang als Geisel genommen hatte? Die ultimative Schwäche der Wächter... ihre Liebe...
Grey, tot...
Green spürte, wie die Tränen sich bei diesem Gedanken in ihren Augen bemerkbar machten. Kari hatte sie bereits verloren... aber doch nicht ihren Bruder! Das durfte nicht sein. Bitte nicht! Sie wollte nicht noch einmal tatenlos sein. Sie wollte nicht noch mehr ihrer Engsten verlieren...
Die Hikari schüttelte verbissen den Kopf. Sie durfte die Zweifel und die Angst nicht über sich kommen lassen - ansonsten wäre das ein Störfaktor für ihre Lichtmagie. Und das konnte sie in der jetzigen Situation nicht gebrauchen. Sie musste daran glauben, dass Grey noch lebte und das Ilang nur verletzt worden war. Die beiden brauchten ihre Hilfe - das war es, was die Hikari glauben musste.
Green blieb stehen, da sie nicht wusste, wo sie lang musste. Ilangs Schrei war vom Nordflügel gekommen, wo sie sich jetzt auch befand, aber von wo genau? Green sah keinerlei Zeichen auf einen Kampf und weiterhin spürte sie auch nichts... wie war das nur möglich?
Doch plötzlich reagierten ihre Sinne. Es war keine Aura und auch keine Magie; was sie spürte war eine sanfte Briese des Windes.
"Grey…Onii-chan?", fragte sie in die Stille hinein, ohne eine Antwort zu erhalten. Sie lauschte gebannt, hörte wie ihr eigenes Herz gegen ihren Brustkasten hämmerte und einfach nicht langsamer schlagen wollte. Sie versuchte, den Ursprung des Windes auszumachen, indem sie sich langsam zu mehreren Seiten wandte. Nach verstrichenen Sekunden wurde ihr plötzlich klar, woher der Wind kam, und wäre sie nicht sofort losgerannt, würde sie sich eine Närrin schallen. Der Wind kam vom größten Balkon des Tempels, der sich im Nordflügel befand. Normalerweise war er zur nächtlichen Zeit verriegelt, um Eindringlinge fern zu halten. Aber wenn der Wind von dort kam, konnte das nur bedeuten, dass jemand sich auf dem Balkon befand... oder einfach, dass sie durch diese Tür herein gekommen waren. Wenn letzteres der Fall war, waren dort vielleicht wenigstens Spuren... zu... finden...

Im ersten Moment dachte Green, es war Nocturn, der blutbesudelt vor ihr stand.
Doch es war nicht Nocturn.
Oder irgendein anderer mächtiger Dämon.
"Was... tust du da... Gary?!"

Greens Augen konnten sich nicht entscheiden, wo sie stehen bleiben wollten. Sie huschten von den drei leblosen Körpern zu Grey und wieder zurück zu Gary. Greys rasselnder Atem war das einzige, was zu hören war, bis Green ihren Stab verlor und das Geräusch durch die Nacht hallte. Itzumi war tot.
Greens Augen waren gefesselt von dem Blut, welches sich von ihrem Oberkörper aus ausbreitete und besonders ausgeprägt aus ihrem Hals herausfloss. Ihr Kopf war ihr förmlich vom Nacken gerissen worden.
"Du mochtest sie doch sowieso nicht."
Green spürte bei diesem Bild die Übelkeit in ihr aufkommen und sie stolperte einige Schritte rückwärts. Ruckartig sah sie nun zu Ryô. Sie konnte nicht sagen, ob er lebte oder nicht... das Gesicht lag im Schatten... aber sein Kopf saß noch am Körper. Er lag genau neben seinem Zwilling in der gleichen Blutlache; seine goldenen Haare hatten sich rot gefärbt.
Ilang lebte. Grey hielt sie an sich geklammert, genauso blutig wie sie. Seine Geliebte hatte eine klaffende Wunde in der Bauchgegend, er hingegen schien unverletzt zu sein. Er starrte Green an, formte seine Lippen zu Wörtern, doch seine kleine Schwester hörte ihn nicht.
"Es tut mir Leid, Green. Ich tue nur meine Pflicht" war das einzige, was sie hörte und diese sachlichen Worte kamen nicht aus dem Mund ihres Bruders.
Langsam sah sie nun zu guter Letzt dem Wesen in die Augen, welches sie liebte.
Seine Augen waren rot. Rot wie die Augen eines normalen Dämons...
Auch wenn in seinen Augen noch ein kleines Fleckchen Licht auszumachen war; es war dennoch ein unerträglicher Anblick...
Seine Augen... zusammen mit dem Blut seiner Opfer an seiner Hand, an seiner Kleidung und in seinem Gesicht... und wie locker er eigentlich dort stand und sie ansah... mit ihr sprach...
"Pflicht...?", stotterte die Hikari fassungslos. Ihre Augen wussten nach wie vor nicht, worauf sie ruhen konnten. Es war alles zu schrecklich, um es ertragen zu können.
"Ja. Sensei hat mir diese Aufgabe übertragen, da du uns ja damals aus dem System gelöscht hast." Green schluckte und versuchte, die aufkommende Übelkeit zu bezwingen.
"Es war also eine perfekte Gelegenheit." Er sah tatsächlich reuevoll aus.
"Warum guckst du so panisch, Green? Glaubst du, ich werde dich als nächstes töten?" Er ging einen Schritt auf sie zu. Das war der Moment, in dem Greys Stimme endlich durch die Dunkelheit schnitt und Green erreichte:
"LAUF, GREEN! LAUF WEG!" Schneller als Green gucken konnte, hatte Gary sich plötzlich zu ihm herum gedreht. Ein zeitlupenartiger Zustand schien einzutreten und zu viele Dinge passierten gleichzeitig.

Garys Hand schien unerwartet von einem schwarzen Muster bemalt und sie strahlte auf.
Ilang war plötzlich wieder auf die Füße gekommen.
Grey schrie ihren Namen, als sie sich vor ihn stellte...
Er packte ihre Schulter, versuchte, sie zurück zu ziehen, sie aus der Schusslinie zu bekommen.
Ein schwarzer Strahl durchbohrte ihre Brust.
... Doch ging hindurch...
...... und direkt durch Greys Herz.

Ilang fiel wie ein Stein in seine Arme, und ehe die beiden den steinernen Boden berührten, waren sie tot.

Green war nicht einmal mehr fähig zu schreien. Wenige Sekunden starrte sie die Leiche ihres Bruders an, bis ihre Füße sich von alleine bewegten und das Adrenalin ihren Körper übermannte. Sie wirbelte herum und wollte wegrennen.
Ihre Flucht ging jedoch nicht weiter als die ersten Schritte, ehe sie spürte, wie der Halbdämon an ihren Kleidern zerrte. Die Hikari stolperte, da er ihr Fußgelenk zu fassen bekommen hatte. Mit Gewalt wurde ihr zierlicher Körper zu Boden gedrückt.
"Warum läufst du denn davon, Green?"
Green schrie, versuchte verzweifelt, sich zu wehren.
"Seit wann hast du denn solche Angst vor mir?"
"Lass mich, lass mich!", heulte sie voller Leid. Es schien ihn zu stören, denn er presste seine Lippen kurzerhand hart auf ihre. Der Geschmack von Blut machte sich in ihr breit und ihre Proteste steigerten sich. So sehr, dass sie sich freireißen konnte.
"Du bist nicht Gary! Gary würde niemals...!" Greens Hand suchte verzweifelt nach ihrer Waffe. Was sich als schwer herausstellte, da sie zum einen in Blut herum ruderte und sich zum anderen gegen ihren Angreifer verteidigen musste.
"Stimmt. Ich bin nicht "Gary" - denn den gab es niemals!" Er bekam wieder ihr Handgelenk zu fassen und die beiden Kontrahenten starrten nun in die Augen des jeweils anderen.
"Ich bin, was ich bin. Und wenn dir das nicht passt, Green, dann heuchle mir nicht vor, dass du mich liebst." Da die Hikari noch ihre andere Hand freihatte und diese weiterhin nach ihrer Waffe getastet hatte, hatte sie plötzlich etwas in der Hand, was sie als den einen Flügel ihres Stabs erfühlte. Sie riss ihn voller Panik an sich und schmetterte dem Dämon mit dem Maximum ihrer Hikarimacht ihren Stab an die Magengegend.
"Ich habe nie behauptet, dass ich dich liebe!"
Die Antwort war allerdings überraschend. Nicht die Tatsache, dass er überhaupt noch in der Lage war zu antworten, sondern seine Worte:
"Könntest du den Stab wegnehmen?"
Die Umgebung veränderte sich auf einmal. Green war weiterhin auf dem Boden, doch es war nicht länger Marmor, sondern das Straßenpflaster Tokios. Nach wie vor hielt sie ihren Stab ausgestreckt vor sich, doch er hatte nicht mehr das gleiche Ziel. Das Ziel sah jedenfalls anders aus...
Gary starrte auf die Spitze des Stabes, welche nur ein paar wenige Zentimeter von seiner Hauptschlagader entfernt war. Sein Gesicht war blass... doch seine Augen waren dunkelgrün.
Und er war nicht voller Blut... was zum Teufel ging hier vor?
"Green, bitte nimm deine Waffe weg!" Sie tat wie geheißen und sah, dass die Lichtmagie bereits die Haut an der Stelle verätzt hatte. Green sagte nichts und sie verwandelte ihre Waffe auch nicht zurück. Die Hikari hielt den Stab zwischen ihnen und es war nicht zu verkennen, dass sie eine Abwehrposition eingenommen hatte.
Gary hielt sich die Hand vor der Stelle und beäugte Green vorsichtig. Langsam, als würde er mit einem Tier reden, welches jeden Moment flüchten konnte, sagte er:
"Green... Was hast du gesehen?" Sie starrte in seine Augen und sofort spürte sie, wie das Zittern ihrer Knochen nachließ. Umso tiefer sie in das Dunkelgrün seiner Augen hinab tauchte, umso mehr verstand sie. Das, was sie eben gesehen und erlebt hatte, war nicht die Wahrheit gewesen... Ri-Il hatte sie nicht an einen anderen Ort gebracht, er hatte sie das sehen lassen. Sie hatte diesen Verdacht schon in sich gespürt - ab dem Moment wo Gary, Blue oder wer auch immer die Person in ihrem Traum war, gesagt hatte, dass sie ihn liebte. Der wahre Gary konnte es nicht wissen, da sie es ihm nicht gestanden hatte...
"Es... war so real..." Gary nickte verstehend.
"Ich weiß. Sensei ist ein Incubus. Illusionen sind sein Fachgebiet...Green, bitte sag mir, was du gesehen hast." Die Angesprochene schüttelte wild den Kopf.
"Nein! Ich will es vergessen...es war nichts weiter als eine Illusion. Es war alles nicht die Realität! Stimmt doch, oder, Gary?" In seinen Augen trat Mitleid, was Green einen weiteren Stoß in die Verzweiflung gab.
"Stimmt doch...Gary?!"
"Das kann ich dir erst versichern, wenn du mir sagst, was du gesehen hast." Die Hikari drückte den Stab gegen ihre Brust, als wäre der Gegenstand einer ihrer neuen treuen Freunde, der ihr Trost spenden würde. Bei dem Gedanken an das, was sie gesehen hatte, brach sofort das Zittern wieder in ihr aus und sie spürte, wie die Tränen darum drängten, frei zu gelangen.
"...ein Dämon hat...Itzumi enthauptet...Ryô war auch... tot... und als er Grey töten wollte... hat sich Ilang vor ihn geworfen... doch der Strahl hat sie beide durchbohrt... und sie... und sie..." Green schluckte und es war deutlich was danach kam. Gary sagte nichts.
"...dann hat er sich auf mich...gestürzt... ich konnte mich nicht wehren..." Sie holte tief Luft.
"Dieser Dämon... er sah aus wie... du." Schweigen. Gary sah mit geschlossenen Augen in eine andere Richtung, so weit weg wie möglich, bloß nicht zu ihr. Langsam kroch die Wahrheit in Green hoch.
"Gary... das hast du doch nicht getan..." Er schüttelte den Kopf. Doch das verdrängte die nahende Furcht in Green nicht.
"Sie alle sind doch am Leben!?"
"Ja, Green. Sie leben." Nur einen kurzen Moment atmete sie auf, denn sie sah, dass da noch etwas anderes war.
"Aber...?" Gary atmete tief ein und aus, sah sie immer noch nicht an.
"...es war, bevor wir uns trafen. Da Silver und ich Halbdämonen sind, sind wir einige von den wenigen, die das Siegel überwinden können. Wir bekamen daher immer sehr viele Aufträge... Aufträge die nur eins beinhalteten: das Töten von Wächtern. Du weißt ja, dass einige Wächter zwischen den Menschen leben. Viele von denen leben zusammen in kleinen Gruppen. Diese konnten von den Hohen, der Herrschaft der Dämonenwelt, von unserer Heimat aus gefunden werden und dann wurden wir Halbdämonen losgesandt, um sie zu töten. Der letzte Auftrag, den Silver und ich bekamen, ehe wir nach Tokio kamen, war das Töten eines Offiziers, welcher in Australien lebte. Er lebte sehr riskant, da er sich alleine auf dem Land mit seiner Familie niedergelassen hatte. Seine Familie bestand aus einer Tempelwächterin, seinem Sohn und seiner Ehefrau. Nur er selbst machte eine Gefahr aus. Der Sohn war zu jung und zu unerfahren. Tempelwächter sind leicht umzubringen. Seine Frau war nur eine Schutzwächterin. Aber er war ein harter Brocken, immerhin war er ein Offizier. Silver und ich hatten noch nie gegen einen Offizier gekämpft. Sensei hatte den Auftrag für uns besorgt. Er war zuversichtlich, dass wir es schaffen würden. Daher war es umso wichtiger, dass wir Erfolg haben würden. Es war auch gar nicht so schwer...es kam allerdings Verstärkung und Silver und ich mussten uns aufteilen. Er übernahm die anderen Gegner, während ich das tat, was ich gelernt hatte. Wenn der Gegner nicht in einem normalen Zweikampf besiegt werden kann, dann muss man das Mitgefühl des Wächters ausnutzen. Also nahm ich den Sohn als Geisel. Er war sicherlich nur vier Jahre jünger als ich… Die Tempelwächterin wollte ihn um jeden Preis retten, war dabei aber viel zu unvorsichtig, und es gelang mir schnell, sie umzubringen. Nur noch die Eltern und ihr Sohn waren übrig. Die Frau war bereits von Silver verwundet worden und war kaum noch in der Lage, zu kämpfen. Dennoch hätte sie mich angreifen können - ich war ohne Deckung und durch die Geisel behindert. Aber sie tat es nicht. Stattdessen flehte sie mich an, ich solle ihr Kind leben lassen. Meinte, ich wäre doch auch noch ein Kind. Scheinbar verstand sie nicht, dass das Alter bei uns Dämonen keine Rolle spielt... Wer kämpfen kann, der muss es auch. Ansonsten erfüllen wir unseren Zweck nicht... Der Offizier wollte sich im Gegenzug für das Leben seiner Familie opfern, doch als ich ihn angriff, warf sie sich dazwischen... damit hatte ich nicht gerechnet, egal, wie viel ich gelernt hatte. Zum Glück... starben dabei beide, da die Attacke zu effektiv war, um von einem Körper aufgehalten zu werden. Das Kind schrie sich beinahe die Seele aus dem Hals. Ich... hätte es töten können... aber es war Silver, der ihn zum Schweigen brachte..." Gary sah auf und zu Green, die auf den Boden starrte, mit vollkommen verklärten Augen. Sie hatte vergessen, den Stab an sich zu drücken, er lag jetzt auf ihrem Schoss und glänzte in der untergehenden Sonne. Ihre Finger zitterten, sie hatten sich in ihrem Rock verkrallt.
"Du siehst also... ein Teil Wahrheit war schon vorhanden." Green verharrte in derselben Pose. Auch als sie antwortete, regte sie sich nicht:
"Ich... hätte es wissen müssen, oder? Ich müsste... nicht so geschockt sein, oder?" Er fand keine Antwort, die er ihr geben konnte, ohne sie nicht weiter zu verletzen, also schwieg er.
"Ich habe es immer verdrängt...Ich wollte nie wahrhaben, dass du auch ein Dämon bist." Immer noch keine Antwort.
"Antworte gefälligst!" Green hatte bei diesen Worten den Kopf erhoben und sagte nun mit einer Mischung aus Verzweiflung und Enttäuschung:
"Sag mir, dass du dich verändert hast! Sag mir, dass ich das alles einfach vergessen soll und dass du es hinter dir gelassen hast! Sag mir, dass du nicht so bist wie die anderen!" Gary erwiderte ihren Blick nicht weniger verzweifelt und enttäuscht. Er würde ihr so gerne die Antworten geben, die sie sich ersehnte, doch egal, wie oft er sie in seinen Kopf formulierte, sie kamen nicht über seine Lippen. Nach verstrichenen Sekunden schüttelte er einfach den Kopf und sah verbissen in eine andere Richtung. Green deutete das als ein "Ich kann nicht" und in ihren Kopf trat plötzlich Leere: ein Verteidigungsmechanismus. Wenn sie darüber nachdenken würde, würde sie sich selbst ins Unglück stürzen, daher trat Leere ein.
Erst als die Hikari seine Fingerspitzen an ihrer Haut spürte, schreckte ihr Sein wieder auf. Scheinbar aber nicht nur ihr Sein, denn auch ihr Körper war zusammen gezuckt. In ihren Augen war plötzlich die Furcht aufgetaucht und augenblicklich zog Gary seine Hand wieder zu sich.
"Was... soll ich tun...", brachte sie zitternd über die Lippen und er sah es so deutlich in ihren Augen… so deutlich sah er die Angst: Angst vor ihm.
"Wenn... du den Auftrag erhältst, mich umzubringen?" Er holte tief Luft, als würde sie ihn mit dem Stab durchbohren. Schnell hatte Gary sich jedoch wieder gefangen und Greens angstvolle Augen verfolgten seine Bewegungen, als er sich aufrichtete. Sein Blick war Richtung Sonne geheftet, es war ihr, als könne er sie nicht mehr anschauen. Vielleicht war es ihre Angst, die deutlich in ihrem dunkelblau zu sehen war, die ihn dazu brachte, wegzugucken...
"Dann, Green..." Wolken schoben sich vor die Sonne und ein kleiner Windhauch wirbelte Greens Haare auf.
"Ist es mein Wunsch, dass du mich zuerst umbringst."

Seitdem hatte Green Gary nicht mehr gesehen.


Die untergehende Sonne tauchte das Zimmer in ein immerwährendes Flackern zwischen rot und schwarz, da die Wolken sich immer wieder vor der Feuerkugel schoben. Das elektronische Licht des Zimmers war ausgeschaltet, da es nicht gebraucht wurde.
"Silver-sama, Ihr seht so unzufrieden aus...war es etwa nicht gut genug?" Diese Worte entlockten dem Halbdämon ein tiefes Seufzten. Würde Rui nicht so viel reden, würde er sie glatt vergessen.
"Zieh dir lieber wieder was an. Blue wird sicherlich gleich wieder zurück sein." Das freute die kleine Dämonin, denn fälschlicherweise deutete sie das so, dass ihr Angebeteter nicht wollte, dass ein anderer Mann ihren entblößten Körper sah. Schnell hatte sie ihre Arme wieder von seinem Hals gelöst und tänzelte durch das Zimmer, während sich ihre Kleider wieder um sie legten, als wäre Magie am Werk.
"Ich freu mich so, Silver-sama! In Kürze ist wieder alles wie früher!" Sie kam wieder zurück zu Siberu und während sie ihre Arme um seine Hüfte schlang, schmiegte sie sich an seine Schulter.
"Dann werde ich Euch immer so verwöhnen!"
"Das entscheide immer noch ich." Kaum hatte er diese Worte über die Lippen gebracht, ertönte vom anderen Ende des Zimmers ebenfalls ein tiefes Seufzten. Siberu drehte sich auf dem Stuhl herum, so weit es Ruis Körper zuließ und sah seinen Bruder plötzlich im Zimmer. Er sah mehr als nur niedergeschlagen aus. Siberu nahm darauf keine Rücksicht und zeigte auf etwas, was auf dem Stubentisch lag.
"Wir haben Post." Rui kicherte, als wäre das ein Witz gewesen. Gary sah aus den Augenwinkeln eher desinteressiert zu ihm. Er hätte ihm alle möglichen Fragen stellen müssen, doch als er das Objekt auf dem Tisch sah, schob sich alles andere in den Hintergrund. Er schoss hervor und zerriss in seiner Hektik fast das Material, auf dem die Nachricht geschrieben stand. Seine Hände bebten, als er den Inhalt des Briefes überflog. Noch mit dem Brief in der Hand, lies er sich auf dem Stuhl fallen.
"Warum... so plötzlich?"