Online: 1 Heute: 9 Gesamt: 172413
Episode 7
  Episode 7: ... wird möglich
„Ich bin wütend. Sehr wütend, Green.“
„Lässt sich denken.“ Grey rührte nervös seinen Tee mit einem goldenen Löffel herum, beinahe so schnell, dass die grüne Flüssigkeit über lief. Er konnte es nicht fassen: Er saß an einem Couchtisch zusammen mit Green... und Inceres-no-danna. Als ob das nicht schon genug Grund zu Beunruhigung war, sagte dieser überaus mächtige Hikari auch noch, dass er wütend auf Green war – und sie antwortete so unhöflich! Sie brachte wahrlich Veränderung.
Inceres antwortete ohne die Augen zu öffnen:
„Du hast dich meinem Willen widersetzt und sehr ausgeprägt über eine Möglichkeit nachgedacht, wie du nach Henel gelangst.“ Green wusste nicht was an ihm so beunruhigend sein sollte. Sie fand nichts an Inceres was Nervosität erweckend wäre. Besonders jetzt nicht, da es seine Kopie war die vor ihnen saß. Sie ähnelte Inceres zwar eins zu eins, doch hatte lange nicht seine Ausstrahlung.
„Ja das habe ich“, beichtete Green ohne schlechtes Gewissen zu haben und fügte noch hinzu:
„Und ich habe vor eine Möglichkeit zu finden.“
„Ich weiß.“ Greys Umrühren wurde schneller.
„Dir ist bewusst, mein Schmetterling, welches Risiko du eingehst?“ Die Angesprochene nickte und versuchte ihr schweres Herz zu verstecken. Grey konnte nur erahnen welches Risiko Inceres meinte.
Inceres sah sie an und währen seine Augen offen hätten sie nun direkten Augenkontakt. Sie wusste, dass seine dunkelblauen Augen sie aus dem Jenseits her anstarrten. Wahrscheinlich mit Vorwurf. Doch plötzlich geschah das unfassbare: Inceres senkte den Kopf.
„Du hast bereits gewählt. Ich hätte es wissen sollen“, sagte er beinahe schon erschöpft. Bei seinem nächsten Satz verlor Grey seinen Löffel:
„Ich werde es dir ermöglichen nach Henel zu gelangen.“
Greens Gesicht begann zu strahlen. Sie wusste nicht was oder wie sie ihn herumgekriegt hatte, doch es war ihr auch egal. Sie würde in die Welt der Dämonen gelangen – sie würde Gary und Siberu wieder sehen!
Ihr großer Bruder war zu geschockt um etwas über die Lippen zu bekommen. Inceres sah unglücklich aus.
„Danke, Inceres! Danke!“ Sie war kurz davor ihm um den Hals zu fallen, doch das würde sie sich für den echten Inceres aufbewahren.
„Ich finde es ja toll, dass du dich anders entschieden hast, aber warum?“ Inceres seufzte abermals.
„Du hast dich bereits für diesen Weg entschlossen. Auch wenn ich dich bestrafen würde, würdest du um jeden Preis weitermachen. Du würdest womöglich versuchen das Siegel zu manipulieren... und es könnte dabei zerstört werden, womit wir einen Krieg heraufbeschwören würden… Ich habe eine Verantwortung zu tragen. Du bist mir zwar von allen Wächtern am liebsten (Grey klappte der Mund auf, als er das so offen zugab), aber das heißt nicht, dass ich wegen deinem Wunsch so viele Wächter in Gefahr bringe. Selbstverständlich...“ Er faltete die Hände in seinem Schoss:
„Gibt es gewisse Bedingungen. Zum ersten, lasse ich dich nicht alleine zur Hölle fahren. Ich denke dein Bruder wird dich mit Freuden begleiten.“ Ein wenig gekränkt brachte Grey zum ersten Mal einen Ton heraus in Inceres‘ Gegenwart:
„Selbstverständlich lasse ich Green nicht...“ Grey schien für ihn ohne Interesse, da Inceres ihn nicht einmal ansah und ihn sogar unterbrach:
„Und Silence ebenfalls. Ich verlange, dass sie deinen Körper zu 80% der Zeit einnimmt. Sie kennt sich in dortigen Gefilde aus und ist kampferprobter als du es bist, mein Schmetterling.“ Green nickte eifrig, während Silence‘ Blick sich eher verdunkelte. Sie hatte nichts dagegen Green zu begleiten, doch sie hatte etwas gegen Inceres‘ Art. Seine Art mit allen so umzugehen, als wären sie seine Schachfiguren, gefiel ihr nicht. Scheinbar erachtete Inceres nur Green für seiner ebenbürtig und Silence zweifelte nicht daran, dass es einzig und alleine an ihrer Augenfarbe lag. Wahrscheinlich weil er sich selbst in Green sah – ein schwarzes Schaf in der heiligen Familie. Nur mit dem Unterschied, dass er, als schwarzes Schaf, die größte Macht besaß. Silence konnte über die Gründe nur spekulieren, doch eins war ihr bewusst: Etwas stimmte mit ihm nicht... und ihr sechster Sinn sagte ihr, dass es mit Green zu tun hatte.
Doch sie war nicht in der Position ihm zu widersprechen.
„Desweiteren erlaube ich nur einen 12 stündigen Aufenthalt.“
„Aber Inceres, wie soll ich die beiden in 12 Stunden finden?“
„Ein weiterer: Du wirst dich vorher ausgiebig informieren. Zum einen, über die Welt selbst und zum anderen darüber wo deine beiden Freunde sich aufzuhalten pflegen.“
„Aber wie soll ich das herausfinden? Tinami ist nicht mehr da...“
„Du hast noch andere fähige Klimawächter, Green.“ Der Gedanke einen anderen Klimawächter statt Tinami zur Rate zu ziehen, gefiel Green nicht. Sie hatte Tinamis Hilfe immer für selbstverständlich gehalten... Wenn man aufgeschmissen war und keinen Ausweg fand, konnte man immer zu ihr kommen…und jetzt sollte Green ohne ihre Intelligenz solch eine Mission vorbereiten? Es erschien ihr unmöglich.
Kaum hatte sie diesen Gedanken gedacht schüttelte sie schon energisch den Kopf. Sie durfte nicht aufgeben! Sie war immerhin auf den besten Weg.
Grey startete abermals den Versuch mit Inceres zu reden:
„Wann haltet Ihr es für angebracht, diese Mission zu unternehmen, Inceres-no-danna?“ Inceres schien die Frage diesmal für wichtig genug zu erachten, denn er antwortete an Grey gewandt:
„Ich denke in einem Monat.“ Green fuhr auf und verlor dabei ihren Teelöffel.
„Einen Monat?!“ Wiederholte sie, halb erstickt und doch schreiend. Inceres reagierte nicht.
„Aber in einem Monat könnte es zu spät sein!“
„Wenn er dich wirklich liebt, ist ein Monat nicht zu spät. Liebe ist an keine Zeit gebunden.“ Eine Weile sah sie ihn einfach nur stumm an, genau wie Grey. Doch dann nickte sie und setzte sich hin. Green wusste, dass er Recht hatte, allerdings gefiel ihr der Gedanke nicht, Gary so lange im Glauben zu lassen, dass sie ihre Angst nicht bekämpfen konnte. Er musste einfach wissen, dass sie ihn liebte... und dass sie nicht zulassen würde, dass das Dämonenblut eine Hinderung darstellen würde.
Inceres weckte sie aus ihren Gedanken:
„Ich werde in einem Monat hier sein, um euch nach Henel zu geleiten. Seid bis dahin bereit.“

Eine Woche später

„Das Land des Zwielichts
Im Schatten des nie untergehenden Mondes
Alleine durch die unsterbliche Nacht gehend
Werde ich je den Heimweg finden?
Oh, Hikari-kami-sama befehligt meinen Körper…
Doch Hoffnung ist vergebens
Licht so fern
Untergegangen im Tanz mit der Sonne
Untrennbar gestorben.
Verdorben die hierhausenden Kreaturen
Kein Licht führt sie aus der Düsterkeit
Sehnsuchtserweckend der rote Himmel…
Rot wie all das hier geflossene Blut...“

Green flüsterte das letzte Wort beinahe, als sie es laut vorlas und die Schilderung der Dämonenwelt in Form eines Gedichtes, erfüllte den Raum. Grey, der etwas Abseits über einige Bücher gebeugt war, seufzte hörbar auf. Green achtete nicht auf ihn und überflog die Zeilen noch einmal. Die Schilderung war von einem Feuerwächter geschrieben worden, einer der wenigen Überlebenden von einer Schlacht, die in der Dämonenwelt stattgefunden hat. Er schrieb in seinem Tagebuch wie unerträglich heiß es seine Mitstreiter gefunden hatten – er wiederum nicht.
„Ist es in der Dämonenwelt wirklich so heiß?“, fragte Green in den Raum, wo sich nicht nur Grey sondern auch Silence befand. Ihr Bruder antwortete:
„In manchen Gebieten, ja. Deshalb waren es auch oftmals Feuerwächter die in den Kampf geschickt wurden.“ Silence ergänzte:
„Es gibt einige Gebiete da herrschen extreme Minusgrade und in anderen sind teilweiße 70° und mehr.“
„Na“, sagte Green grinsend.
„Da werde ich jedenfalls nicht frieren!“ Grey schien das nicht so witzig zu finden:
„Da die Körper der Wächter auf Dauer nicht für solche Temperaturen ausgelegt sind, wurden gewisse Gerätschafen entwickelt, mit denen man die Körpertemperatur manipulieren kann, so dass sie von außen nicht beeinflusst wird.“ Green nickte verstehend und musste gleich darauf an Greys Gesundheit denken. Es war in letzter Zeit zwar um einiges besser geworden, aber die Mission würde ihm garantiert nicht gut tun. Es tat ihr Leid, dass er dazu gezwungen war, mitzukommen... Doch nicht nur wegen ihm hatte sie ein schlechtes Gewissen. Denn Ryô hatte aus eben diesen Grund darauf bestanden ebenfalls mitzukommen. Grey war davon nicht angetan, doch sein Freund war hartnäckig geblieben – hartnäckig für Ryôs Verhältnisse jedenfalls.
Green versuchte sich von ihren Schuldgefühlen abzulenken und vertiefte sich stattdessen wieder in ihren Büchern. Dank Silence wussten sie schon einiges über die Dämonenwelt ohne überhaupt etwas gelesen zu haben: Die Welt der Dämonen war im Gesamten wahrscheinlich vier Mal so groß wie das Reich der Wächter – im Vergleich zur Menschenwelt war die Größe mit Russland zu vergleichen. Deren Welt war aufgeteilt in verschiedene Gebiete, allerdings waren diese keine festen Länder mit niedergeschriebenen Grenzen. Die Größe und Wichtigkeit des Gebietes veränderte sich konstant, je nachdem wie mächtig der jeweilige Machthaber war. Aus diesem Grunde gab es auch immer wieder Kriege in der Welt der Dämonen. Momentan gab es 24 Gebiete, mit 24 Fürsten die zusammen die „Hohen“ genannt wurden. Mit anderen Worten, waren die Hohen die 24 stärksten Dämonen. Es gab nur noch eine einzige weitere Machtinstanz und diese war der Machthaber der Dämonenwelt und ihm gehörte das einzige konstante Gebiet, welches man auch die Hauptstadt nennen konnte: Lerenien-Sei.
Es war derselbe Name welcher schon in der längst vergessenen Zeit des Aeteriens die Hauptstadt der Dämonen geschmückt hatte (hier hatte Grey von mangelnder Kreativität gesprochen). Silence erklärte daraufhin, dass den Dämonen die Namen egal waren. Die anderen Gebiete trugen alle nur Nummern – nur wenn deren momentaner Fürst besondere Kreativität aufwies und selbst einen Namen auswählte. Ein Seltenfall.
Green war mittlerweile damit beschäftigt herauszufinden wo Siberu und Gary sich aufzuhalten pflegten. Da Tinami weiterhin im Koma lag, war es Shitaya der ihr half, aus dem Grunde, dass er nach Tinami der höchstgestellte Klimawächter war. Green bemerkte immer wieder, dass ihm die Arbeit nicht gefiel, auch wenn er das nicht äußerte. Er schien nicht für die Büroarbeit gemacht worden zu sein, sondern wollte lieber seine Mitstreitern im Kampf unterstützen.
„Sie müssen mir nicht immer helfen, Shitaya-san“, sagte Green eines Mittags, als ihr seine Unkonzentration auffiel. Shitaya wurde leicht rot, scheinbar war es ihm unangenehm, dass es seiner Hikari aufgefallen war. Er räusperte sich und antwortete beschämt:
„Ich helfe Euch mit Freuden, Hikari-sama.“ Green lächelte.
„Und dennoch würden Sie lieber ihren Freunden helfen.“
„Mitnichten. Sie benötigen meine Hilfe momentan nicht. Das Auftauchen der Dämonen in der Welt der Menschen ist um 30% gesunken. Aber, was sage ich Euch das, das wisst Ihr garantiert auch!“ Greens Lächeln wurde ein wenig steif, da sie es natürlich nicht wusste. Sie hatte nur noch schwach in Erinnerung, dass Gary sich damals über die Inaktivität gewundert hatte. Der Hikari war es nicht weiter aufgefallen, die sie schon lange nicht mehr in der Welt der Menschen gegen Dämonen gekämpft hatte.
Shitaya schien nicht bemerkt zu haben, dass Green davon keine Ahnung hatte, er sah eher ernst aus.
„Ist das denn ein Grund zur Beunruhigung?“, fragte Green, denn sein Blick machte sie leicht nervös.
„Es kann sowohl positive als auch negative Aspekte beinhalten. Wenn wir optimistisch sind, könnte deren Inaktivität bedeuten, dass sie nicht mehr genug Halbdämonen besitzen um sie in die Menschenwelt zu schicken. Negativ gesehen, könnte es auch mit der Ruhe vor dem Sturm verglichen werden.“ Greens Augen weiteten sich.
„Ruhe vor dem Sturm? Ein... Elementarkrieg?“ Sofort sah Shitaya auf und brachte ein Lächeln aufs Gesicht.
„Ein Elementarkrieg in den jetzigen Zeiten ist vollkommen unmöglich. Solange White-samas Siegel aktiviert ist, besteht kein Grund zur Annahme eines Krieges. Selbstverständlich könnten die Dämonen einen Krieg nur mit ihren Halbdämonen führen, aber das sollen sie nur versuchen. Sie wären uns zahlenmäßig enorm unterlegen. Dann schicken wir sie zurück in die Hölle wo sie hergekommen sind!“ Während er dies sagte, vollführte der Wächter eine entschlossene Pose, wofür er sich prompt schämte.
„Verzeiht, Hikari-sama. Ich wollte nicht taktlos sein.“
„Taktlos?“, wiederholte die Hikari fragend. Shitaya räusperte sich und schien seine Worte sehr sorgfältig auszuwählen.
„Taktlos, aus dem Grunde, dass Ihr Dämonen als... Freunde ansieht.“ Greens Gesicht verdunkelte sich ein wenig. Waren das etwa die Gerüchte von denen Grey gesprochen hatte?
„Das entspricht nicht ganz der Wahrheit, Shitaya-san. Dämonen sind nicht meine Freunde. Meine Freunde sind Dämonen. Ein entscheidender Unterschied wie ich finde. Und ich habe nicht vor dieses Thema weiter auszuführen.“ Die beiden Wächter sahen in die Augen des jeweils anderen, ohne überhaupt etwas zu sehen. Zuletzt war es Shitaya der sich abwandte. Ein leichtes Lächeln spielte um seine Lippen.
Green ging nicht darauf ein, da er ihre Gedankenwelt angeregt hatte. Wenn es wahr war, was Shitaya sagte und die Dämonen wirklich keine Halbdämonen mehr besaßen um sie auf die Welt der Menschen loszulassen, dann waren Siberu und Gary vielleicht deshalb wieder zurück beordert worden und sie waren vielleicht gar nicht irgendwo in der Dämonenwelt, sondern in der Menschenwelt? Irgendwo auf der Erde? Aber Grey bekam regelmäßig Berichte über die Vorfälle auf der Erde, er hätte ihr doch gesagt, wenn ihre beiden Freunde gesichtet worden wären…
Und wieder schlich sich der Gedanken in ihr empor, dass ihnen etwas zugestoßen war, dass sie in Gefahr schwebten. Doch, nein, daran durfte sie nicht denken! Sie musste versuchen optimistisch zu denken, besonders jetzt wo der Weg sich langsam ebnete…
Seufzend vertiefte sich die Hikari wieder in ihre Arbeit und Shitaya lenkte sie ab, mit Gesprächsthemen die sich deren eigentliche Aufgabe handelten. Erst später, als der Himmel sich schon langsam in die dunklere Farbgebung hinab wagte, sagte Green, beim Einpacken:
„Wie geht es Saiyon?“ Green hatte diese Frage gestellt ohne wirklich darüber nachzudenken. Sie war einfach plötzlich in der Luft. Shitaya schien darüber überrascht zu sein und die Hikari fragte sich, ob es nicht erlaubt war, nach dem Befinden eines Bekannten zu fragen, wenn man eine Hikari war.
„Meinem Bruder geht es gut. Es wird ihm freuen, wenn er hört, dass ihr Euch nach ihm erkundigt habt.“ Und wie es ihm freuen würde, dachte Shitaya. Sein Bruder würde sich den gesamten Abend nicht mehr einkriegen.
„Vertritt er Ihren Platz, wenn Sie bei mir sind?“, fragte sie.
„Ja, wenn er gerade nicht arbeitet.“
„Arbeiten? Saiyon arbeitet?“
„Oh ja! Mein Bruder ist an dem „Espiritou del Aire“-Projekt beteiligt.“ Greens Gesicht hellte auf, da sie zum ersten Mal wusste wovon er sprach. Grey hatte ihr von diesem Projekt erzählt, welches erst kürzlich gestartet worden war. Das „Espiritou del Aire“-Projekt ging darauf aus, Espiritou del Aire wieder aufzubauen. Lange genug hatte es aus Ruinen bestanden und war damit eher ein Schandfleck auf der Karte des Wächterterritoriums, als das Gegenteil. Schon lange Zeit war geplant gewesen diesen Stützpunkt neu zu erbauen, doch war dieses Projekt durch Kriege vereitelt worden. Jetzt, in Friedenszeiten, sollte es endlich in die Wege geleitet werden, da obendrein die Anzahl an Geburten gestiegen war, würde man bald wieder neue Behausungen benötigen. Was Green und besonders Silence, daran freute, war, dass das neue „Espiritou del Aire“ ein Abbild Aeterniems sein sollte. Es sollte so originalgetreu wie möglich gebaut werden. Natürlich würd dies noch einige Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte in Kauf nehmen. Besonders da die Wächter der Erde ausgestorben waren und diese seit je her die Besten auf dem Gebiet der Architektur waren. Dennoch brachte das Projekt eine optimistische Stimmung in die Reihe der Wächter. Aufschwung brachte immer Freude mit sich.
„Das freut mich“, sagte Green und fügte noch eine Frage hinzu:
„Aber, ist Saiyon etwa ein Architekt?“ Shitaya schmunzelte.
„Sagen wir, mein Bruder hat das nötige Wissen.“ Er behielt sein Lächeln aufrecht, da er nicht wollte, dass Green sie Wahrheit herausfand. Saiyon besaß zwar wirklich das Wissen, doch Green sollte vielleicht nicht unbedingt wissen, dass er sich das angeeignet hatte, in der Zeit, wo er nicht in der Lage war seine Magie zu beschwören. In der Zeit hatte er einiges gemacht... und genauso vieles wieder abgebrochen. Er war so schrecklich unentschlossen gewesen... Shitaya war froh darüber, dass er, durch Green, wieder einen Willen gefunden hatte. Seitdem er sie kennengelernt hatte, hatte er sich komplett verändert und das nicht nur auf dem intellektuellen Gebiet.
Ein Pochen schreckte den Klimawächter aus seinen Gedanken: jemand hatte an der Tür geklopft. Green bat den Besucher herein und Itzumi folgte dieser Bitte.
„Hikari-sama... Shitaya-Kikou-sama...“ Sie verbeugte sich vor beiden.
„Ich wollte mich erkundigen ob Shitaya-Kikou-sama zum Dinieren bleibt.“ Schnell schüttelte der Angesprochene den Kopf.
„Nein, ich werde Zuhause zu Abend essen. Meine Frau erwartet mich bereits.“ Er stand auf und drehte sich, mit einer eleganten Verbeugung, zu Green herum.
„Hikari-sama... Bitte entschuldigt mich. Es war mir eine Freude Euch helfen zu können.“ Green nickte und stand ebenfalls auf.
„Danke für Ihre Hilfe.“ Sie streckte ihm die Hand aus, die er zuerst verwundert ansah und dann ergriff.
„Ich wünsche Euch noch einen guten Abend.“
„Gleichfalls. Grüßen Sie ihren Bruder.“



Das Gebäck, welches die Tempelwächter herstellten, war einfach ein Gedicht, stellte Green zum wiederholten male fest, als sie sich einen mit Kokosnussraspeln gesprenkelten Keks genehmigte und gleichzeitig einem dicken Wälzer über den vierten Elementarkrieg las. Gerade als sie ihre Tasse an die Lippen führte und mit der anderen Hand Notizen schrieb, wurde die Tür plötzlich aufgeschlagen und noch bevor die Hikari sich umgedreht hatte, wusste sie mit schweren Herzen was passiert war.
„Ich bitte Euch, Hii-sama...“ Green wandte sich herum und Itzumi verstummte. Ganz wie Green es befürchtet hatte, stand Firey in dem Portal zur Bibliothek, gefolgt von Itzumi, die sie scheinbar aufhalten wollte. Kaum hatten sich die brauen Augen und die blauen Augen getroffen, sagte Firey:
„Wo ist er?! Wo ist Siberu?! Was zur Hölle geht hier eigentlich vor!?“ Daraufhin stand Green auf, machte Itzumi deutlich, dass sie sie alleine lassen sollte und antwortete dann, mit einem leicht unsicheren Lächeln:
„Hi, Firey, schön dich zu sehen..“
„Green, sorry aber ich bin sauer! Eine Woche lang sehe ich keinen von euch! Keiner von euch ist in der Schule gewesen und keiner scheint zu wissen was ein Handy ist! Warum redet niemand mit mir?!“ Die Angesprochene, oder eher Angemotzte, hatte plötzlich Angst um die Bibliothek und überlegte wie sie Firey möglichst schnell beruhigen konnte. Sie kam zur Konklusion, dass es wohl am besten war auf ihre Frage zu antworten:
„Sie sind Beide Zuhause.“ Firey schritt mit entschlossen Schritten auf sie zu.
„Aber da sind sie nicht!“
„Zuhause... in Henel.“ Zum ersten Mal lockerte Fireys Blick auf, da sie ihr scheinbar nicht folgen konnte. Green war gar nicht bewusst gewesen, dass sie sich an den Ausdruck „Henel“ gewohnt hatte. Es kam wahrscheinlich durch das viele Lesen... und dadurch, dass Grey und auch Shitaya diesen Namen gebrauchten. Silence war da relativ neutral.
„Henel?“, wiederholte die Feuerwächterin fragend.
„Die Dämonenwelt.“ Jetzt stampfte die Feuerwächterin mit dem Fuß auf, was Green ein wenig erschreckte.
„Was zu Hölle machen die denn da?! Aber das ist nicht ihr Zuhause! Ihr Zuhause ist Tokio!“
„Firey... wir können ihnen nicht verbieten, dass sie ab und an in ihre Heimat zurück wollen.“
„Du lügst genauso wie Siberu es getan hat. Hier ist doch alles andere als in Ordnung! Glaubst du etwa, ich sehe das nicht?!“
„Nei...Warte. Du hast mit Sibi gesprochen bevor sie abgereist sind?“ Fireys Wut verrauchte augenblicklich als sie an das Gespräch oben auf dem Dach zurückdachte... wo er sie... Die Feuerwächterin wurde knall rot und Green konnte sie nur verwirrt angucken, denn sie konnte sich natürlich nicht erklären was ihre Freundin zum erröten brachte.
„J-Ja... wir hatten ein... Gespräch.“ Der Hikari brannte die Frage auf der Zunge, ob Siberu ihr irgendeinen Grund genannt hatte, weshalb sie in ihre Heimat zurückgekehrt waren. Dies durfte sie jedoch nicht fragen, wenn sie nicht wollte, dass Firey zu viel wusste. Ihre Freundin durfte auf gar keinem Fall von ihrer Höllenfahrt erfahren. Green wollte sie nicht auch noch in Gefahr bringen... Darüber hinaus war sie schon die Wächterin der Gruppe mit der kleinsten Erfahrung – zwei unerfahrene Wächter würden ihre Mission nur noch weiter in Gefahr bringen und dafür stand einfach zu viel auf dem Spiel.
Green begann auf dem Tisch aufzuräumen, an dem sie gerade gearbeitet hatte um dabei unauffällig die Bücher wegzuschaffen, die auf deren Mission hinwiesen, wie auch Notizen.
„Weißt du, wann sie wieder kommen?“, fragte Firey.
„Nein. Nicht genau. Ich rechne damit, dass sie in einem Monat zurück sind.“ Die Angesprochene nickte.
„Gibt es irgendeine Möglichkeit mit ihm in Kontakt zu treten?“ Jetzt drehte Green sich zu ihr um.
„Warum hast du es so eilig mit Sibi zu reden? Ich meine… sie sind schon öfter weg gewesen und das hat dich nie sonderlich gestört?“ Sofort lief Firey rot an und begann zu stammeln. Die ersten Bruchstücke ihres Satzes ergaben keinen Sinn. Jedenfalls nicht ihre Worte, doch man musste kein Genie sein um zu erkennen was in ihr gefahren war. Green lächelte insgeheim, auch wenn ihr bewusst war, dass dies noch ein weiterer Grund war, Firey nichts zu sagen.
„Bakayama und ich sollten eigentlich eine Gruppenarbeit machen und deshalb…“ Kurzes Schweigen, wo Firey sich bewusst wurde, dass ihre Freundin ihr kein Wort glaubte.
„ Ä-ähm... was wollen sie eigentlich in der Dämonenwelt? H-Haben sie da Familie, oder so?“, fragte Firey stotternd um von Greens Frage abzulenken – was ihr auch gelang. Green hatte noch nie ernsthaft darüber nachgedacht, was genau ihre beiden Freunde eigentlich dort taten. Sie hatten immer versucht das Thema so gut es geht zu umgehen... und jetzt wo Green wusste, dass deren Eltern nicht mehr lebten, wurde sie noch verwirrter.
„Ihre Eltern sind tot.“ Firey schluckte, anscheinend hatte sie das nicht gewusst.
„Und ich weiß nichts von weiteren Geschwistern. Familienmitgliedern allgemein.“ Kurz schwiegen beide, dann sagte Green:
„Aber es ist ja dennoch ihre Heimat. Wir beiden würden doch auch nach Japan zurückkehren, auch wenn wir dort keine Familie hätten.“
„Ja schon, aber... wir haben doch in Tokio auch unseren Freundeskreis.“
„Wer sagt, dass sie in der Dämonenwelt keinen haben?“
„Klingt irgendwie absurd. Ich meine, Dämonen und Freunde…“
„Wir wissen nicht genug über die Dämonenwelt und über Dämonen um das beurteilen zu können“, antwortete Green mit einer gewissen Schärfe in der Stimme. Firey bemerkte es und beschloss nicht weiter nachzuhaken. Sie sah Green gedankenverloren zu, wie sie die letzten Bücher in die hohen Regale zurück legte. Irgendetwas war anders… irgendetwas hatte sich verändert: in Green verändert. Firey konnte es sich nicht erklären, aber es war irgendwie nicht mehr wie früher. Green kam ihr mehr vor wie ein Wächter… als ein Mensch.
„Sag Mal, was machst du eigentlich hier? Also, hier im Tempel meine ich. Trainierst du?“ Green sah über die Schulter von ihrem hohen Aussichtspunkt aus auf Firey herunter.
„Naja, das auch. Aber ich habe hier ja nun auch meine Familie.“
„Mama hat öfters nach dir gefragt, Green. Sie ist gerade Zuhause, vielleicht solltest du sie mal besuchen ehe sie wieder abreist?“ Die Angesprochene antwortete nicht, da sie sich durch aus bewusst war, dass Akiko, ihre Adoptivmutter, sie mal wieder sehen wollte. Sie hatten sich fast mehr als ein halbes Jahr nicht mehr gesehen und Green hatte auch nicht viel von sich hören lassen… Da Green keine gescheite Antwort einfiel, sagte sie nur „Vielleicht“ und Firey bemerkte schnell, dass sie nicht darüber reden wollte.
Doch eine letzte Frage über die Dämonenbrüder brannte ihr noch auf der Zunge, die sie stellte, als Green gerade auf die Leiter gestiegen war um ans obere Regal ranzukommen.
„Sag Mal... Wenn Siberus und Garys Zuhause die Dämonenwelt ist, warum sind sie dann überhaupt nach Japan gekommen?“ Green erstarrte und das dicke Buch rutschte ihr aus der Hand. Es fiel auf dem Marmorboden und das Geräusch schallte in der Halle nach.
Green konnte Firey keine Antwort geben. Denn sie wusste es selbst nicht.


„Firey hat Recht. Ich weiß nicht warum sie überhaupt nach Japan gekommen sind, ich hab nie danach gefragt... Warum war ich allgemein so wenig an ihre dämonischen Wurzeln interessiert? Habe ich ihr Blut etwa unbewusst verdrängt?“ Man könnte meinen Green würde mit sich selbst reden, vielleicht tat sie es auch, denn ihre Gesprächspartnerin Silence war in der letzten Zeit fast zu einem ewigen Schatten Greens geworden. Sie trennten sich so gut wie nie. Denn über das Informationensuchen hinaus, trainierten sie gemeinsam: für ein gemeinsames Ziel. Sie wollten stärker werden. Zusammen. Denn sie hatten Youmas Worte nicht vergessen, dass Silence und Green nicht „synchron“ waren und so lange sie das nicht waren, würden sie niemals in der Lage sein Youma zu besiegen, oder ihn zu Vernunft zu bringen.
Und sie waren fleißig, dass spürte Green in jedem Teil ihres Körpers, denn er schmerzte. Ob die Früchte ihrer Arbeit reif genug waren, würde sich in der Dämonenwelt herausstellen.
Vielleicht“, antwortete Silence, die wenige Meter von Green entfernt gemütlich in der Luft flog, während Green sich im heißen Wasser der enormen Badewanne zu entspannen versuchte.
Green spielte ein wenig mit ihren langen Haaren, die durch das Wasser glitten, als ob sie sich ablenken wollte. Doch Silence schonte sie nicht:
Du bist immer schon allen Misstrauen aus dem Weg gegangen, was die Beiden anging. Du hast ja genug Warnungen von Seiten deiner Familie erhalten.“ Green richtete sich auf und drehte sich zu ihrer Seelenfreundin herum.
„Sie haben ja auch gemeint, dass Sibi und Gary mich umbringen wollen!“ Green schien selbst zu merken, dass sie bei diesen Worten laut geworden war und sah ein wenig beschämt weg.
Ich denke nicht, dass sie in die Menschenwelt gekommen sind um die Hikari, dich, zu töten. Sie hatten genug Gelegenheiten dafür. Und selbst wenn ihre Gefühle späterhin ein Hindernis für sie darstellte, so hätten sie es Anfang tausendfach tun können. Du hast nämlich ein recht sorgenloses Leben geführt, weißt du?“ Außer ein verstimmtes Grummeln ging Green nicht weiter darauf ein, auch wenn sie ihr im Geheimen Recht gab. In der letzten Zeit hatte sie auch mit diesem Gedanken gespielt und war zum gleichen Ergebnis gekommen. Sie dachte dabei an ein besonderes Gespräch zurück, welches sie mit Gary geführt hatte. Es war lange her, Green kam es beinahe vor wie eine Ewigkeit. Es war das Gespräch welches sie geführt hatten, kurz nachdem Green von ihrem Schicksal als Hikari erfahren hatte: und somit auch, dass ihre Freundschaft mit Siberu und Gary gegen die Regeln verstieß. Grey hatte sie vor ihren Freunden gewarnt, da er glaubte, dass sie Green nach dem Leben trachteten... Gary selbst war es gewesen, der sie darauf aufmerksam gemacht hatte, dass, wenn sie wirklich diese Absicht verfolgten, hätten sie es zu jeder Zeit tun können.
Aber was war es dann, wenn es nicht um den Tod der Hikari ging?
Informationen?
Von dir erfährt man doch nichts“, mischte sich Silence nun in ihre Gedanken ein und Green horchte auf. Sie war es bereits gewohnt, dass ihre Freundin ihre Gedanken kommentierte.
„Aber was ist es dann? Vielleicht denken wir ja in die falsche Richtung und sie sind sowas wie... Abtrünnige oder so etwas!“
Abtrünnige die regelmäßig in ihre Heimat zurückkehren? Recht unwahrscheinlich. Green, hör auf dir die für dich bequemsten Antworten herauszupicken.“ Kaum hatte Silence ihren Satz zu Ende geführt, richtete Green sich auf. Das Wasser tropfte von ihrer nassen Haut und ihren Haaren herab, als sie die Stufen aus dem Becken empor ging und sich ihren Bademantel nahm. Silence fiel auf, dass sie sich ein wenig länger als sonst im Spiegel betrachtete. Einige Momente verstrichen ehe sie feststellte:
„Es bringt nichts. Ich werde sie selbst fragen müssen. Nur wenn ich es aus ihren Munde höre, werde ich es glauben können – egal wie schlimm es sein mag.“


Alles um Green herum bestand aus Stimmen. Ein einziges Stimmengewirr aus bekannten und unbekannten Quellen. Nur manchmal konnte Green den Sinn hören und erkannte manchmal die Stimmen von Grey oder Silence.
Sie wusste, dass sie träumte. Irgendetwas in ihr sagte ihr einfach, dass dies unwirklich war. Dennoch: sie hatte Angst. Furchtbare Angst. Doch vor was? Was sollte hier so furchteinflößend sein? Nur Stimmen umgaben sie, und die Quelle der Stimmen war unklar. So gesehen war sie alleine. Es bestand keine Gefahr.
Dennoch: Green klammerte sich an ihren nackten Oberkörper, als würde dies sie vor der ungewissen Gefahr schützen.
„...Gary...Sibi... wo seid ihr?“, kam es von Greens zitternden Lippen. Sie wusste nicht woher diese Worte stammten, sie kamen einfach aus ihrem Mund; sie quollen aus ihrem Herz.
„Warum seid ihr nicht da... Ich will nicht alleine sein... Bitte... lasst mich nicht allein... Ohne euch...“ ...Hatte Green Angst. Plötzlich wusste sie, warum sie Angst hatte... sie hatte angst alleine zu sein.
... wieder schwach zu sein.
Einsam und verlassen...

Wie ein Bild des Schreckens tauchte vor Green ein Mädchen auf. Ihre geflochtenen Zöpfe wehten im Wind, wie auch ihr kurzer Rock. Das Mädchen hatte den Kopf gesenkt, sah auf ihre kleinen nackten Füße hinab.
...Es ist so kalt...
„Nein, es ist nicht kalt!“
Kälte, die dich nie wieder freilassen wird...
Die dich festhält...

Manisch schüttelte Green den Kopf, kniff die Augen zusammen und hielt sich die Ohren zu. Doch die Worte des Mädchens drangen dennoch klar und unverhohlen in ihre Seele:
Wegen der du die Kraft verlierst, weiter zu gehen...
„Sei ruhig!“
Die Müdigkeit und Schwäche in dir erweckt....
Green wusste sich nicht mehr zu wehren. Die Worte wollten nicht verstummen, egal was sie sagte oder tat.
Wallender Schnee…
Sie wollte nur noch weg. Weg aus diesem eiskalten Alptraum, weg von diesem Mädchen... auch wenn sie wusste, dass Green sie nie ganz und gar verschließen konnte. Sie würde immer ein Teil von ihr bleiben... ewig bis in alle Ewigkeit mit ihr vereint...
Green drehte sich um, ganz automatisch und ohne, dass sie es verhindern konnte setzten sich ihre Füße in Bewegung auf der heillosen Flucht vor sich selbst und ihrer kalten Vergangenheit.
...der keinen Laut durchlässt...
Überrascht riss Green die Augen auf und ihre Schritte beschleunigten sich.

Gary? War er es wirklich... oder war das nur eine Illusion, die sie sich geschaffen hatte um vor der Kälte zu fliehen? Sie kannte die Antwort nicht. Dennoch rannte sie umso schneller.
Sie streckte den Arm nach ihm aus, wollte, dass er sich nach ihr umdrehte... seine Hand nach ihr ausstreckte, sie in die Arme schloss, sie beschütze... sie wärmte...
Green packte sein Oberteil, krallte sich daran fest, wodurch er scheinbar auf sie aufmerksam wurde...

... du wirst dich alleine mit dem Schnee vereinen...

Doch es war nicht Garys Oberteil, in welches sich ihre Finger verkrallt hatten.
Es war unzweifelhaft die Uniform eines Wächters.
„Hikari-sama?“
Green riss die Augen auf, starrte in die Augen des überraschten Wächters, welche sie mit Traurigkeit füllten. Er hatte dunkelgrüne Augen... genau das gleiche Grün, genau die gleiche Tiefe, genau das gleiche Vertrauen... die gleichen Augen wie Gary.
„M-Mir ist... kalt. So... kalt.“ Sie wusste nicht warum sie das tat. Sie tat es einfach.
Ohne Vorwarnung schlang sie ihre Arme um den Hals des Wächters.
„Gree... H-Hikari...-sama?!“ Green wusste nicht ob sie weinte oder nicht. Ihr Körper war total erstarrt, kalt und ohne Sinnesempfindungen. Daher bemerkte sie auch nicht, dass der Wächter, den sie gerade umklammerte, hochrot vor Scharm geworden war.
Saiyon wusste nicht was er machen sollte. Seine Hikari umarmte ihn, weinte an seiner Schulter und zitterte am ganzen Körper. Es war ihm nicht erlaubt so eine Intimität mit der Hikari zu teilen, er durfte sie ja nicht einmal anfassen! Aber war es ein Regelbruch, wenn sie diesen Kontakt aufgebaut hatte? Er wusste es nicht, denn so genau hatte er die Regeln nicht studiert. Aber er wusste, dass es ein Verstoß gegen sämtliche Regeln war, wenn er eine Frau, die so offensichtlich Trost suchte, abweisen würde.
Saiyon legte zögernd die Arme um ihren schlanken Körper und drückte Green ein wenig zu sich.
Erst da wurde Green bewusst, dass sie aufgewacht war. Sie befand sich in der Bibliothek... offenbar war sie über ihre Bücher eingeschlafen. Doch mit dieser Erkenntnis bemerkte sie auch, dass sie einen fremden Wächter umarmte. Sie wusste nicht warum sie es getan hatte und umso weniger wusste sie, warum ihre Finger seine Uniform einfach nicht loslassen wollten, selbst als sie merkte, dass es sich um den Wächter um Saiyon handelte. Es war ihr egal.
Er war warm. Und das... war alles was im Moment wichtig war.
Keiner von beiden wusste, wie lange sie dort in der Bibliothek Arm im Arm standen. Am Ende war es jedoch Green, die sich von ihm löste. Sie war genauso rot wie Saiyon, jedoch aus einem anderen Grund. Sie schämte sich dafür, dass sie ihn ausgenutzt hatte, um sich zu wärmen. Sie war wirklich ein schrecklicher Egoist.
„Hikari-sama... geht es Euch besser?“, fragte er bedächtig. Green, die die ganze Zeit auf ihre Füße geguckt hatte, sah jetzt auf.
„Ja... Danke, Saiyon-san.“ Peinliches Schweigen.
„Ich...“, begann Saiyon, doch Green unterbrach ihn:
„Es tut mir Leid. Ich... hatte einen schlechten Traum. Ich hab mich wohl davon, wie soll ich sagen... mitreisen lassen.“ Saiyon schüttelte den Kopf und lächelte ein wenig unsicher.
„Macht Euch keine Gedanken, Hikari-sama! Ich freue mich, wenn ich euch helfen konnte.“ Green nickte und bedankte sich abermals. Dann, etwas hastig, packte sie ihre Bücher zusammen und klemmte sich diese unter dem Arm. Da es ziemlich viele Bücher waren, wollte Saiyon ihr helfen, doch Green meinte er habe ihr schon genug geholfen. Hektisch verabschiedete sie sich von ihm und verließ die Bibliothek. Ihre Schritte waren so hastig, dass sie nicht bemerkte, dass ihr Bruder einige Meter vom Eingang der Bibliothek gestanden hatte. Saiyon, der nur wenige Sekunden später die Bibliothek verließ, sah ihn jedoch. Er schluckte als er Grey sah und sagte ehrfürchtig:
„Ich grüße Euch, Kaze-dono.“ Mit diesen Worten verbeugte er sich, da Grey immerhin sein Vorgesetzter war. Dieser sah ihn ein wenig skeptisch an und Saiyon fragte sich, ob Grey mitbekommen hatte was eben in der Bibliothek passiert war.
„Guten Tag, Saiyon-san“, antwortete Grey monoton, welcher Saiyon ein wenig verunsicherte. Er hatte eigentlich nicht vor ein Gespräch mit Grey zu beginnen, doch scheinbar hatte dieser genau das vor, da er sagte:
„Ich hatte noch nicht die Gelegenheit Ihnen persönlich zu Ihrer Beförderung zum Offizier zu gratulieren. Dies will ich nun nachholen: Meine Glückwünsche.“ Saiyon bedankte sich höflich, blieb jedoch wachsam, da er irgendwie wusste, dass Grey mehr wollte.
„Sie haben ja einen richtigen Schnellstart hingelegt. Ich habe noch nie davon gehört, dass jemand in so einer kurzen Zeit vom Unterwächter zum Offizier aufsteigt.“ Saiyon hielt sein höfliches Lächeln aufrecht, auch wenn ihm das Gespräch überhaupt nicht zusagte. Grey war wahrlich der Letzte mit dem Saiyon über seine Inspirationsquelle namens Green reden wollte.
Aber auch Saiyon war ein Wächter wie alle anderen. Zum einen würde er Grey niemals unhöflich entgegen treten und zum anderen würde er ihn auch nicht anlügen. Denn das wäre immerhin ein Regelverstoß.
Aber wie jeder andere Wächter wusste auch er, wie man den größten Teil der Wahrheit für sich behielt.
„Ich danke vielmals für das Kompliment, Kaze-dono.“ Es war ihm kaum gelungen diesen Satz zuende zu bringen, ehe Grey auf einmal etwas sagte, was ihn völlig überrumpelte:
„Meine Schwester ist bereits vergeben.“
Einen Augenblick spürte Saiyon beinahe so etwas wie Rivalität zwischen ihnen, doch diese Rivalität war auf beiden Seiten bereits vergebens, wie es schien. So wie es aussah, hatten sie beide diesen Kampf bereits verloren, ehe er begonnen hatte.
Vielleicht war das der Grund, weshalb Greys etwas skeptische Miene sich auflockerte und er plötzlich wieder ein höfliches Lächeln auf dem Gesicht hatte, als er sagte:
„Aber dennoch bedanke ich mich für Ihr Interesse an unsere Hikari. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“


Es war das erste Mal in drei Tagen, dass Azura Kaira schlafen sah. Azura war nur kurz in die Cafetiere des Sanctuarians gewesen um Kaffee für die beiden zu besorgen und war nun doch überrascht Kaira eingenickt an der Scheibe vorzufinden, welche sie von Tinamis leblosen Körper trennte. Seit drei Tagen hatte die Zeitwächterin nichts anderes mehr getan, als dort zu sitzen, als müsste sie Tinami vor einem unbekannten Feind beschützen… obwohl der Feind doch viel eher in Tinamis Körper war. Würde Azura nicht dafür sorgen, dass Kaira ab und zu auch mal etwas aß, würde sie wohl am Ende noch verhungern. Man konnte ihr nicht verübeln, dass ihr Körper sich nun doch den Schlaf zurückholte den er brauchte. Aus diesem Grund versuchte Azura leise zu sein, als sie den Kaffee neben Kaira abstellte. Sie nahm selbst einen Schluck von ihrem eigenen und starrte nur einen kurzen Augenblick in die dunkle Flüssigkeit, ehe sie ihren Blick nicht länger vor der schrecklichen Wahrheit abschirmen konnte und nach rechts sah, wo ihre große Schwester… ihr einziges Familienmitglied… lag und vielleicht niemals wieder aufwachen würde. In den letzten zehn Tagen wo Tinami schon in diesen Zustand verweilte, hatte sie sich nicht auch nur ein kleines Bisschen geregt. Absolut bewegungslos lag sie da.
Und es hing alles von Green ab, ob sie jemals wieder die Augen öffnen würde.
Azura spürte wie die Tränen in ihre Augen traten, als sie sich eine Zukunft ohne Tinami ausmalte. So oft hatte sie dies in den letzten Tagen getan und genauso oft hatte sie sich gesagt, dass es nichts brachte sich dies auszumalen, denn Green, deren Hikari, würde alles daran setzen, dass Tinami wieder gesund werden würde… und Azura musste nur an den Moment zurückdenken wo Green Aores vor vollendete Tatsachen gestellt hatte: Diese Entschlossenheit in ihren Augen! Diese stärkte Azuras Optimismus oder war viel eher die Ursache dafür… Green würde ihre große Schwester retten.
Azura legte die Hand auf das Glas welches sie von ihrer großen Schwester trennte und sagte, sich zu einem Lächeln zwingend.
„Ruh dich gut aus, Onee-sama… Bald wird wieder eine ganze Menge Arbeit auf dich warten, wofür du doch ausgeruht sein musst, damit du wieder Nächte durchmachen kannst…“
Einige Tränen fanden nun doch ihren Weg, doch niemand sah diese… auch wenn Kaira nicht so fest schlief, wie Azura glaubte.