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Episode 8
  Episode 8: Höllenfahrt
Schneller als es Green lieb war, war der Tag des Festes gekommen. Es war kaum zu fassen: Sie bangte mehr vor dem Fest und sehnte sich darauf es hinter sich zu bringen, als um die Hölle die auf das Fest folgen würde. Denn genau das war der Plan. Der Tag der Abreise und der Tag des Festes waren ein und der gleiche. Eine Stunde nach Mitternacht würde Inceres kommen um sie abzuholen. Green hatte darum gebettelt es einen Tag früher zu machen, damit sie vor dem Fest fliehen konnte, doch es hatte nichts gebracht. Grey sah es genau anders herum. Er wollte es lieber hinauszögern. Es gefiel ihm nicht, einfach so vom Fest zu verschwinden. Doch ansonsten war alles bereit zur Abreise. Sie hatten sämtliche Gerätschaften, Utensilien und Informationen gesammelt, die man nur zusammentragen konnte. Man könnte meinen, sie würden drei Monate auf eine Wandertour gehen, doch stattdessen waren sie nur 12 Stunden in der Hölle unterwegs.
Doch im Moment hatte Green noch andere Sorgen als die bevorstehende Reise...
„Grey... Hältst du das hier wirklich für nötig?“
Ihr Bruder war nicht fähig zu antworten. Er starrte seine Schwester an. Natürlich hatte er erwartetet, dass sie gut aussehen würde, in dem von ihm neuesten Kleid, aber so gut...
Greens Haare waren leicht gewellt worden und ihre Strähnen, die ihr normal über die Schulter fielen, waren geflochten und an ihrem Hinterkopf zusammen mit weißen Bändern gebunden. In ihrem langen Haar waren dezente Perlen hinein geflochten und ebenfalls dezent war auch ihr Kopfschmuck. Das Glöckchen war deutlich auf ihrer Haut zu sehen, da es von weißer Seide umrahmt wurde. Ihre Schultern lagen frei und ihr zierlicher Körper wurde ab der Oberweite von verschiedenen weißen Stoffen umarmt, welcher sich perfekt an ihren Körper schmiegte und so ihre Taille betonte. Unter der weißen Seide, lagen Satinebenen in verschiedenen Blautönen. Das Ende mündete aus in dunkelblau welches zart unter dem Weiß hervorschimmerte. Unter ihrem Rocksaum konnte man gerade noch ihre Füße, die bis jetzt noch nackt waren, hervor schauen sehen.
Um es simpel auszudrücken: Green war wunderschön.
Diese bemerkte mit leichtem Anflug von Stolz was ihr Anblick bewirkte – auch wenn das Kleid absolut nicht ihrem Geschmack entsprach, so war ihr schon klar, dass es sie kleidete. Wie alle Kleider ihres Bruders. Er würde niemals etwas entwerfen welches nicht perfekt und 100% auf ihren Körper abgestimmt war.
Da Green keine Antwort auf ihre Frage erwartete, setzte sie sich behutsam auf einen Schemel, da Itzumi das Schuhwerk aus dem Karton holte. Dies schien den Windwächter wieder zurück in die Realität zu holen und um sich von Green abzulenken, ging er fast schon automatisch zu seinem großen Schreibtisch und tat so als würde er die ohnehin schon penibel angeordneten Skizzen sortieren.
„Grey-sama, entschuldigt...“ Der Angesprochene sah ein wenig überrascht von seiner Arbeit auf, da er Ryô nicht bemerkt hatte. Ryô musterte seinen Meister besorgt, doch schien sich anders zu entscheiden. Kurz sahen sich die beiden an, dann schlug Grey reuevoll die Augen nieder und wandte sich schmerzvoll ab, natürlich wusste er was Ryô sagen wollte, dafür benötigte er keine Worte.
Einen Moment lang musste Ryô gegen die Versuchung ankämpfen ihm nicht tröstend die Hand auf die Schulter zu legen. Doch stattdessen sagte er:
„Aber Ihr macht sehr gute Fortschritte. Mit Ilang-samas Hilfe ...“ Ryô hoffte inständig, dass Grey seinen schmerzhaften und vielleicht sogar neidischen Tonfall nicht hörte.
„Es ist Ilang gegenüber nicht fair...“
„Onii-chan!“, unterbrach Green die Konversation der beiden Wächter und Grey wirbelte zu ihr herum. Sie hatte ihren Rock ein wenig hochgehoben um ihr Schuhwerk hervorzuheben und sich nach seiner Meinung zu erkunden. Während die beiden Geschwister sich unterhielten, sah Ryô mit von Sorge gezeichneten Augen zu seinem besten Freund, tief versunken in einem Chaos aus Gefühlen.


„Da ist sie, unsere Hikari-sama.“
„Sie sieht wirklich... anders aus. Die Gerüchte scheinen der Wahrheit zu entsprechen.“
„Ich habe sie bereits einmal getroffen. Sie ist eine fürchterliche Person!“
„Absolut unerzogen und ohne Niveau und Stil.“
„Aber hübsch ist sie. Das muss man ihr lassen.“
„Tz, mit Schönheit gewinnt man aber keinen Krieg.“
„Schau nur, ihre dunklen Augen...“
„Wo hat sie denn ihre Halblinge gelassen?“
„Grey-dono sieht wieder umwerfend aus... welch eine Schande, dass er bereits vergeben ist.“
„Es ist mir persönlich egal wie Hikari-sama aussieht, solange sie kämpfen kann.“
Green hörte diese Worte sehr wohl, auch wenn sie geflüstert wurden. Sie war von vornherein nervös und dies half ihr nicht gerade sich besser zu fühlen. Sie hatte ihre Hand auf Greys Arm gelegt und ging mit ihm durch die Menge an gutaussehenden und eleganten Wächter, die alle zusammen mit ihren Tempelwächtern gekommen waren nur um sie zu sehen und wahrscheinlich um mit eigenen Augen die Gerüchte über sie bestätigt zu bekommen. Nur wenige von ihnen hatten Green bei ihren Besuch in Sanctu’Elesaces gesehen und noch weniger hatten selbst ein Wort mit ihr gewechselt. Selbstverständlich war Green daher bewusst von was für einer politischen Wichtigkeit dieses Fest war, dennoch wünschte sie sich, dass die Zeit schnell vergehen möge und dass sie nicht über ihren Zaum stolpern würde. Zum Glück für sie, und wahrscheinlich auch für ihre Wächter, war Green nicht gezwungen eine Rede zu halten. Grey hatte es wohl mit Absicht umgangen, da er wusste, dass Green sich niemals an das halten würde, was auf ihren Manuskript geschrieben stand: Sie würde ihre eigene Meinung Kund geben und sich damit noch weiter in Probleme reiten als ohnehin schon. Sie hatte Greys Warnungen über ihre Popularität nie wirklich ernst genommen, doch jetzt spürte sie, dass sie berechtigt waren. Wieder einmal betete sie inständig dafür, dass niemals ein Krieg kommen sollte. Wie sollte sie jemals diese skeptischen Wächter dazu bringen ihre Befehle auszuführen?
Nach fast hundert Metern hatte Green, zusammen mit Grey ihren Weg durch die Menge der Wächter hinter sich gebracht und sah nun die wenigen Wächter an, die sie weder skeptisch noch verwundert ansahen, sondern anlächelten: ihren Elementarwächtern. Oder eher, ein kleiner Anteil davon, da die meisten nicht anwesend waren. Natürlich war Tinami nicht da… so wie auch Azura und Kaira nicht. So viel wie Green gehört hatte wichen die beiden nicht von der Seite ihres Familienmitglieds. Green selbst hatte Tinami keinen Besuch mehr abgestattet, da sie im gesamten letzten Monat mit den Vorbereitungen dieser nächtlichen Höllenfahrt beschäftigt gewesen war um ihrer Klimawächterin beim nächsten Besuch das Gegenmittel zu bringen. Wenn sie daran dachte wie Azura und Kaira reagieren würden, vergaß sie fast, dass sie sich momentan inmitten eines politischen Arrangements befand und sich eher darauf konzentrieren sollte, als ihren Optimismus zu stärken.


Firey war ebenfalls nicht da, weil sie nicht eingeladen wurde. Green wollte nicht, dass sie erfuhr, dass sie sich in die Dämonenwelt begaben, da sie dann sicherlich mitkommen wollte und das wollte Green umgehen. Pink war zusammen mit Daichi und Ilang gekommen und sah sogar recht wohl gekleidet aus, in ihrem rosafarbenen, mit Puffärmel und Rüschen Ärmel verzierten Kleidchen. Es war ein ungewöhnliches Bild, sie mit offenen Haaren zu sehen und Green zweifelte nicht daran, dass Ilang ihr beim Anziehen geholfen hatte. Pink sah aus wie eine kleine Porzellanpuppe. Aber niedlich.
Kaum gatte Pink Green gesichtet, rannte sie zu ihr und umarmte sie. Green fühlte sich sofort um einiges besser, auch wenn Grey sich von seiner Schwester löste, um Ilangs Hand zu seinen Lippen zu führen. Green musste sich eingestehen, dass sie wieder einmal neidisch war, als sie sah, wie die beiden sich liebevoll anlächelten.
Pink nahm Greens behandschuhte Hände und führt sie zum ausgiebigen Büfett, welches nun angerichtet war, nachdem sie angekommen war. Die Hikari durfte sich zusammen mit ihren Elementarwächtern zuerst und in aller Ruhe etwas aussuchen. Während Pink beleidigt war, weil es noch keine Schokolade gab, fiel Green auf, dass sie sogar bei ihren Speisen beobachtet wurde. Kurz überlegte sie, ob Hikaris spezielle Dinge aßen, doch Grey hatte ihr davon nichts erzählt. Itzumi bestand darauf, ihr ihre vollen Teller abzunehmen und, da Green nicht die gesamte Aufmerksamkeit auf sich lenken wollte, stimmte sie zu, ohne zu protestieren.
Sie fühlte sich um einiges sicherer als sie sicher auf einem Stuhl verfrachtet wurde, neben Grey und Pink, da sie, solange sie nicht verlobt war, an die Seite ihrer Familie gehörte. Während Itzumi ihr Wasser einschenkte, lächelte Grey ihr aufheiternd zu. Pink sabbelte nur ohne Punkt und Komma. Was sie auch noch tat als sich bereits Ruhe über die Halle gesenkt hatte, als auch die anderen Wächter mit Essen versorgt waren. Wenn Green eine Hose tragen würde, würde ihr Herz nun darin rutschen, denn sie wusste, worauf sie gespannt warteten. Ihr Bruder hatte ihr nichts von einer Willkommensrede erzählt, doch es hing förmlich in der Luft, was von Green erwartet wurde. Aus den Augenwinkeln sah sie wie Grey sich selbst bereit machte um aufzustehen, doch sie kam ihn zuvor. Die Menge wollte etwas von ihr hören, nicht von Grey.
Green wusste nicht wie man in der Welt der Wächter eine Rede hielt, ob man nun mit der Gabel an einem Glas klopfte, oder mit irgendeiner anderen Geste deutlich machte, dass man etwas zu verkünden hatte. Daher stand sie einfach auf, welches die gleiche Wirkung hatte, wie das sachte Geräusch eines Glases. Sogar Pink verstummte. Green biss sich auf die Lippe, ehe sie tief durchatmete und versuchte Greys alarmierenden Blick zu übersehen:
„I-Ich...“ Oh Gott, dachte Green, warum musste sie gerade jetzt anfangen zu Stammeln? Das war doch sonst nicht ihre Art... Wo war ihr Selbstbewusstsein hin?!
„Ich wünsche ... allen Anwesenden erst einmal einen guten Abend und spreche meinen Dank aus, dass Sie alle Zeit gefunden haben, sich hier einzufinden, um mit mir zusammen meine Ernennung zur Regime-Führerin zu feiern. Ich...“ Gerade als sie das Stottern mehr oder weniger unter Kontrolle gebracht hatte, hörte Green wie irgendein Wächter in einem etwas zu lautem Tonfall zu seiner Nachbarin sagte, dass es besser gewesen wäre, die Hikari hätten die Wächter vor solch einer schmachvollen Regime-Führerin bewahrt. Seine Sitznachbarin versuchte ihn zum Schweigen zu bringen, doch, da Green aufgehört hatte zu sprechen, hatten alle es mitbekommen und der Wächter schien die Aufmerksamkeit zu genießen als er an seiner Sitznachbarin gewandt sagte:
„Man stelle sich vor, Yogosu wird von einem Dämon geschwängert! Verseucht unsere ganze Rasse...“ In der Halle wurde es augenblicklich still und alle starrten den Wächter an, der dies gesagt hatte. Green war über diese offensichtliche Beleidigung einen Augenblick zu geschockt, als dass sie anders reagierte als die anderen. Grey jedoch war aufgesprungen und zeigte auf ihn. Mit einer merkwürdigen ruhigen aber bestimmten Stimme sagte er:
„Wirft diesen ungehobelten Flegel raus, auf dass er nie wieder auch nur einen Fuß auf diesen geweihten Boden setzen möge!“ Ryô und ein paar andere Tempelwächter hatten diesen Befehl wahr genommen und waren schon dabei ihn umzusetzen, als Green sie aufhielt:
„Lasst ihn. Er hat mich beleidigt, es ist also an mir, mich zu rechtfertigen.“ Grey sah verärgert und gleichzeitig verwirrt aus, ließ seiner Schwester aber freie Hand und hielt sie auch nicht auf, als sie an ihm vorbei schritt und auf den Wächter zu ging, der jeden ihrer Schritte beobachtet hatte und sie herausfordernd ansah, als Green kurz vor ihm stand.
„Glaube ja nicht, dass ich mich entschuldigen werde, nur weil du die Tochter White-samas bist. Ich werde dich niemals als eine Hikari akzeptieren und bin mir sicher, dass es den Übrigen im Raum genauso ergeht! Nur weil du ein Glöckchen um den Hals trägst bist du noch lange nicht unsere Hikari!“ Green musste ein Schlucken unterdrücken, denn sie wusste, dass er Recht hatte. Alle Wächter, nicht nur die versammelten, sondern das gesamte Wächtertum war überzeugt davon, dass Green sich nicht als Hikari eignete. Wahrscheinlich verfluchten sie das Schicksal, dafür, dass gerade sie ihre Anführerin war – aber warum schmerzte Green diese Erkenntnis? Warum verletzte sie dieser Gedanke, wo sie sich doch nie über die Meinung anderer geschert hatte?
„Du hast Recht. Du hast vollkommen Recht.“ War es, weil sie das Kämpfen satt hatte? Sie wollte nicht mehr wegen ihrer Liebe und Freundschaft zu Siberu und Gary gehasst werden. Sie wollte, dass es endlich akzeptiert wurde!
„Ich bin mir sicher, dass der Großteil der hier Anwesenden deine Meinung teilt und weißt du was? Ich tue es auch. Aber ich wurde nicht um meine Meinung gefragt! Niemand hat mich gefragt ob ich eine Hikari sein wollte oder nicht! Und genauso wenig hat man mich gefragt ob ich mich in Gary verlieben wollte oder nicht! Aber es ist so! Und ihr müsst euch genauso damit abfinden wie ich! Ich werde nie wie meine Mutter und genauso wenig, werde ich mein Herz auf taub stellen, denn ich liebe ihn!“


Keine dreißig Minuten später riss sich Green ihr Diadem aus den Haaren und pfefferte es in eine Ecke ihres Zimmers. Der Trotz und die Wut über das ebengeschehende blieb jedoch nicht lange, ehe sie sich auf ihr Himmelbett schmiss und die Wut sich in einen Wasserfall aus Tränen verwandelte. Sie weinte hemmungslos und nahm dabei keine Rücksicht auf das Kissen, welches schnell feucht wurde.
„Was ist mit dir los, Green? So kenne ich dich ja gar nicht!“, hörte Green Silence sagen, doch war nicht in der Lage sich nach ihr umzusehen oder zu antworten.
„Warum hast du dir das gefallen gelassen? Normalerweise wärest du diesem Typen doch an die Gurgel gesprungen! Bei den Hikaris hast du auch nie ein Blatt vor dem Mund genommen.“ Endlich holte Green Luft um zu antworten:
„I-ich weiß doch, dass er Recht hat! ... Ich bin keine gute Hikari. Ich kann das nicht! Und ich kann den Kampf, den ich bei den Hikaris ausgefochten habe, nicht noch einmal beschreiten! Ich kann nicht mehr! Ich will nicht mehr!“ Silence wollte ihr gerade eine Antwort geben, als ihr dies abgenommen wurde. Die Tür zu Greens Zimmer war aufgegangen und Green hörte auf zu Wimmern, da auch sie gemerkt hatte, dass es ihr Bruder war, der hereingekommen war. Ohne etwas zu sagen, setzte er sich aufs Bett und fing langsam an Greens Kopf zu streicheln. Kaum hatte er sie berührt, schlang seine kleine Schwester auch schon die Arme um seine Hüfte und vergrub ihr nasses Gesicht in seinen Anzug.
„Es... tut mir so leid, Onii-chan! Bitte entschuldige... ich hab alles ruiniert... Es tut mir so Leid...“ Er streichelte weiterhin ihren Kopf, während er ihre bebenden Schultern ansah.
„Es ist nicht deine Schuld, also entschuldige dich auch nicht. Die Schuld liegt bei diesem Flegel von einem Wächter. Leider gibt es solche Leute in jeder Gesellschaft.“
„A-Aber er hat die Wahrheit gesagt! Niemand wird mich je als Hikari erachten, weil ich keine bin! Ich bin nicht wie M-Mutter, ich werde es nie sein! Ich will es auch nicht sein... aber manchmal wünschte ich es wäre so... dass würde das alles so einfach machen... wenn ich mich nie in Gary verliebt hätte, würden sie mich akzeptieren!“ Bei diesen Worten nahm Grey Green bei den Schultern und zog sie auf die Knie. Mit beiden Händen auf ihren Schultern ruhend, sah er ernst in ihre verweinten Augen.
„So etwas darfst du nie wieder sagen. Was hast du alles bereits durchgemacht, nur deiner Liebe wegen! Willst du jetzt aufgeben? Willst du jetzt anfangen deine Liebe zu leugnen? Nur weil ein paar dahergelaufene Wächter zu blind sind um deine Einzigartigkeit zu erkennen! Du liebst ihn doch! Du bist zu weit gekommen, zu lange hast du für Akzeptanz gekämpft, um jetzt aufzugeben!“
„Onii-chan...“ Green starrte verweint in seine Augen, ganz perplex darüber, dass es gerade ihr Bruder war, der ihr das sagte. Er war es doch gewesen, der immer dagegen war und versucht hatte sie eines Besseren zu belehren.
„Green...“, sagte Grey mit einem Lächeln und wischte ihre Tränen ab.
„Du willst doch mit Gary-san zusammen bleiben, nicht wahr?“ Lange sah sie ihn an, bis sich ihr Blick plötzlich festigte und sie entschlossen nickte. Greys Lächeln wurde eine Spur erfreuter, als erkannte, dass Green wieder sie selbst war.
„Was für eine Frage!“ Damit stand sie auf, während sie ihre Haare aus deren Knoten befreite und ihre langen nussbraunen Haare sich auf ihren Rücken ausbreiteten. Als sie sich wieder zu Grey und Silence umdrehte, war nichts mehr von ihren Tränen zu sehen, sondern nur noch Entschlossenheit.
„Auf in die Hölle!“


Keine fünfzehn Minuten später überprüften Green und Grey noch einmal ihr Gepäck, wenige Minuten ehe sich Inceres angekündigt hatte. Beide Geschwister, wie auch Ryô, hatten sich bereits umgekleidet, da sie selbstverständlich nicht in Kleid und Anzug in der Dämonenwelt einmarschieren konnten. Grey hatte für diesen Zweck drei neue Entwürfe gemacht und ihnen die passenden Outfits geschneidert. Es war ungewohnt etwas Schwarzes zu tragen welches aus seiner Feder stammte, ebenso ungewohnt war es für Green, Grey in schwarz zu sehen. Sie war erstaunt, dass es ihm oben rein auch noch sehr gut kleidete. Ryô, der ebenfalls neue Kleidung bekommen hatte, war immer noch im beschämten Schweigen versunken, da es wohl absolut nicht üblich war, dass Tempelwächter so etwas wie Kleidung von ihrem Herren bekamen. Dazu war deren neue Kleidung auch vollkommen anders als das was er zu tragen pflegte.
Skeptisch beäugte Grey eine kleine schwarze Kugel, die er zwischen den Fingern hielt.
„Ich weiß, dass es notwendig ist, aber dennoch missfällt mir der Umstand in Henel umherzuwandern ohne meine Kräfte.“ Green, die die Kugel, die ihre Kräfte versiegelte, schon geschluckt hatte, sagte:
„Ach, Grey, so schlimm ist das doch nicht. Im Notfall können wir unsere Elemente ja wieder entsiegeln.“
„Green, dir ist klar, dass dieser Notfall niemals eintreten darf?“, fragte Grey skeptisch, als er die Kugel schluckte und Ryô ihm ein Glas Wasser zum Nachspülen reichte.
„Wenn die Dämonen mitbekommen, dass sich Wächter in ihrem Reich aufhalten werden sie es unweigerlich als eine Kriegserklärung ansehen und sobald wir auch nur einen Funken Magie unserer Elemente einsetzen, werden sie wissen was wir sind.“ Green nickte eifrig, doch Grey war sich nicht sicher ob sie es gänzlich verstanden oder verinnerlicht hatte. Ihre Augen strahlten vor Tatendrang und Zuversicht, sie schien sich richtig zu freuen... und Grey zweifelte nicht daran, dass es nicht nur etwas mit dem erhofften Wiedersehen zu tun hatte. Green fieberte der Dämonenwelt entgegen. Etwas was Grey ganz und gar nicht nachvollziehen konnte. Er hatte bis zu letzt gehofft, dass sie es sich entweder anders überlegen würde oder dass die beiden Halblinge von selbst zurückkehren würden.
Noch ein Grund mehr um sie zu verfluchen...
„Ah, Inceres!“ Grey wurde von Greens Worten erschreckt, da er nicht mitbekommen hatte, dass die Kopie Inceres‘ im Raum erschienen war. Der Windwächter wirbelte herum und sah den kleinen Hikari auf der Lehne seines Sessels sitzen, flankiert von Ecui und Acui, die beide ihre Hände auf der Lehne des Sessels hatten. Inceres saß gelassen und bequem da, als hätte er es bereits seit Stunden getan. Es war ganz offensichtlich dass sein warmes Lächeln Green galt. Wie immer nahm er von den anderen Anwesenden im Raum keine besonders große Notiz.
„Guten Abend“, konnte Inceres gerade noch sagen, ehe Green hervor schnellte und ihm das Wort abschnitt.
„Alles ist parat, Inceres! Wir können sofort starten!“ Der Angesprochene hob besänftigend die Hand und antwortete:
„Nicht so hastig, mein Schmetterling! Wir haben noch genug Zeit.“ Er sah auf eine Taschenuhr die ihm Ecui hoch hielt und bestätigte noch einmal, dass die Zeit auf ihrer Seite war. Keine Antwort die Green besonders zu gefallen schien. Für sie konnte es gar nicht schnell genug gehen. Als er dann auch noch deren genaue Vorgehensweise hören wollte, sah Green erst recht finster aus, während Inceres sie sogar etwas neckisch ansah. Seufzend ließ sie sich dennoch auf Greys Bett sinken und Ryô beschloss, dass er noch Zeit genug hatte um Tee zu kochen. Grey sah Inceres‘ Aufforderung als eine Möglichkeit auch mal zu Wort zu kommen:
„Wie bereits mit Euch vereinbart, Inceres-no-danna, werden wir Henel am „Kap der letzten Hoffnung“ erreichen. Von dort aus sind wir 12 Kilometer von unseren Ziel entfernt, welche wir gedenken in innerhalb von zwei Stunden zu erreichen.“
„Es sei denn Onii-chan trödelt.“
„Onii-chan ist ein Kaze, Green. Und diese trödeln nicht“, antwortete Grey ein wenig gekränkt da er unterbrochen worden war. Green grinste ihn nur an und er fuhr fort:
„Durch das Sammeln von Informationen haben wir erfahren, dass unsere gesuchten Personen sich in der Hauptstadt von Henel aufhalten. Dort angekommen werden wir unsere Suche mit Hilfe eines Radarähnlichen Gerätes fortsetzen...“
„Und die Fährte für dieses Teil ist ein Haar von Sibi!“ Grey wurde rot, als Green ihn abermals unterbrach, während Inceres langsam anfing zu Grinsen und wieder einmal Ähnlichkeit mit einem Fuchs aufwies.
Grey schlug sich die Hand auf die Stirn und setzte seinen Vortrag seufzend ein Ende:
„Wenn wir die beiden Halblinge gefunden haben, werden wir nach den Umständen handeln.“ Seine Schwester rundete dies noch mit einem letzten Kommentar ab:
„Und jeder der sich mir in den Weg stellt, bekommt Ärger von mir!“
„Dessen bin ich mir sicher!“, antwortete Inceres mit einem kindlichen Lachen und wieder einmal ärgerte sich Grey darüber, dass Inceres nicht ihm, sondern Green geantwortet hatte. Es war wahrlich unmöglich seine Aufmerksamkeit zu erlangen, wenn man nicht Green hieß.
Inceres rutschte von seinem Platz herunter und klopfte sich seinen Rock, als wären plötzlich Krümel oder ähnliches darauf. Er warf sich seinen weißen Zopf über den Rücken und es sah aus, als wäre er endlich bereit dafür, sie in die Hölle zu bringen.
Silence seufzte ungehört, über Greens kindliche Aufregung. Denn sie wusste, genau wie Grey wahrscheinlich auch, dass diese nur ihre wahren Gefühle versteckten. Die Ereignisse des Festes saßen tief, vielleicht hatten diese sie auch bleibend geprägt… Silence merkte, dass Green versuchte das erlebte zu verdrängen: so zu tun, als wäre es ihr egal – wie früher auch. Aber es war ihr nicht mehr egal, schon lange nicht mehr. Die Hikari war es sich selbst nur noch nicht vollends bewusst. Doch auch wenn Grey es ebenfalls bemerkte hatte, so ignorierte er es fürs Erste. Denn ihre Mission war von äußerster Wichtigkeit und sie alle mussten dem gewappnet sein. Ein Fehltritt und es könnte nicht nur ihnen das Leben kosten, sondern auch vielen anderen Wächtern. Greens Probleme mussten später gelöst werden.
Inceres schritt zu Green, bis er ihr gegenüber stand. Er hob die Hand, doch kam kaum an ihren Oberkörper heran, was ihn zu irritieren schien.
„Green, ich bin zu klein. Bitte tue mir den Gefallen und gehe auf die Knie.“ Die Angesprochene sah ihn zuerst verwundert an, aber da sie wusste, dass seine Bitte aufrichtig war, tat sie wie geheißen und kniete sich hin als würde sie zum Ritter geschlagen werden. Inceres war nun ein wenig höher als sie, schien sich aber dennoch darüber zu freuen, dass es zur Abwechslung mal nicht er war, der zu Jemand hoch schauen musste.
Inceres streckte die Hände nach ihrem Gesicht aus, wo er sie zuerst an ihre Wangen legte. Dort ruhten sie kurz, ehe er sie an ihren Hinterkopf legte und Green sanft an sich drückte.
Es war ein merkwürdiges Gefühl so von Inceres umarmt zu werden, da das, was sie spürte sich nach einem Kinderkörper anfühlte: Es war ganz offensichtlich ein Kind welches sie umarmte und dennoch hatte sie viel eher das Gefühl von einer Älteren, viel älteren Person berührt zu werden. Aber sie konnte nicht behaupten, dass sie sich nicht geborgen fühlte.
„Sei stark, mein Schmetterling. Was auch kommen mag.“
Kaum hatte er dies gesagt, wandte er sich von Green ab und an die Anderen.
„Ich hoffe alle Vorkehrungen sind abgeschlossen, denn wir werden aufbrechen.“ Green, die kurz erstarrt war, sprang auf die Füße und warf sich schnell ihre gepackte Tasche über den Rücken.
„Was müssen wir tun?“, fragte Grey, als Green sich neben ihn gesellte. Ryô stand neben Grey, ausdruckslos wie eh und je, als wäre er nicht Greys Freund, sondern sein Gepäck. Silence war eben hinter Green aufgetaucht und ihre Partnerin fiel zum ersten Mal auf wie unzufrieden sie aussah. Doch es gelang ihr nicht mehr zu fragen, da Inceres bereits das Wort ergriffen hatte:
„Schließt die Augen und öffnet diese erst wieder, wenn ihr Schwefel riecht.“ Green war die Einzige die nickte, ihre Begleiter taten einfach wie er sagte. Während Green ihre Augen schloss, nahm sie Greys Hand. Scheinbar war er überrascht darüber, denn seine Hand versteifte sich zuerst, ehe er die Hand seiner Schwester sanft drückte.
Das war das Letzte was Green spürte, ehe sie den Boden unter den Füßen verlor. Sie hatte das fürchterliche Verlangen die Augen zu öffnen, zu sehen was mit ihr und ihren Freunden geschah, doch zu sehr fürchtete sie sich auch davor. Das Einzige was sie spürte, war Greys Hand, bis...
Sie nicht nur Schwefel roch, sondern auch ein Dröhnen in ihre Ohren vernahm. Sie konnte nicht sagen was das für ein Geräusch war, welches ihr Gehör blockierte, bis ihr bewusst wurde, dass es die Stille selbst war, die ihre Ohren erfüllte. Diese wurde erst gebrochen als Green die Stimme ihres Bruders hörte:
„In Lights Namen! Ich hab mir sämtliche Knochen gebrochen!“ Erst da bemerkte Green selbst es: Sie stand nicht mehr aufrecht, sie lag irgendwo und soweit sie es beurteilen konnte, auf Stein oder Lehmboden.
„Grey-sama, ich denke keiner eurer Knochen ist gebrochen. Lasst mich Euch aufhelfen.“
„Na Green, kannst du aufstehen?“, fragte Silence und Green antwortete ohne ihre Augen zu öffnen:
„Ja, alles klar.“ Daraufhin öffnete Green ihre Augen und musste sofort blinzeln, da die Farbe die sie erblickte auf den ersten Blick zu grell gewesen war. Erst danach öffnete sie ihre Augen gänzlich und setzte sich auf.
Zu sehr war sie von dem Himmel der Dämonenwelt fasziniert als das sie auf ihre Umgebung achtete. Beeindruckt stand sie auf, als würde sie dem Himmel näher sein wollen.
„Ist das... hübsch.“
„Das liegt wohl im Auge des Betrachters“, beschwerte sich Grey, scheinbar war er gereizt. Doch Green war hin und weg von der neuen Welt die sich vor ihren Augen offenbarte. Ein endloser roter Himmel erstreckte sich vor ihr. Er schien aus ganz anderer Substanz zu sein, als der blaue Himmel den sie gewohnt war zu sehen. Das Rot erschien undurchdringbar, als wäre es keine Atmosphäre, sondern eher wie ein gigantisches rotes Bild. Die schwarzen Wolken bewegten sich nicht, als wären sie auf dem roten Bild verewigt worden. Keine Sonne war am Horizont auszumachen, diese war ersetzt worden durch einen Mond: Dieser war jedoch anders als der, den sie zu sehen pflegte. Es war ein schwarzer Halbmond, doch nicht nur einer, sondern zwei. Zwei Halbmonde die beieinander lagen und deren Spitzen nach Osten zeigten. Es gab nichts in dieser endlosen Röte was Licht abzusondern schien. Der Mond war tot, wie die unbeweglichen Wolken und es gab keine Sterne, die diese düstere Nacht erhellten. Es war auch nur einer Erfindung der Kikous zu verdanken, dass die Wächter hier überhaupt etwas sehen konnten: Dämonen konnten alle in der Dunkelheit sehen, aber Wächter nicht. Daher hatten die Kikous Kontaktlinsen erfunden, die das Sichtfeld aufhellten, womit die Wächter nicht durch Dunkelheit wanderten mussten, wenn sie gezwungen waren in der Dämonenwelt Schlachten zu führen.
Neugierig begutachtete Green die Welt die Siberu und Gary ihr Zuhause nannten und erkannte weit am Horizont ein Turm-ähnliches Gebilde, welches sich im Himmel verlor.
Um sie herum war nichts soweit sie sehen konnte. Tote Einöde lag vor ihnen, erst weit am Horizont waren Berge zu erkennen. Der Ort an dem sie gelandet waren lag auf einer kleinen Anhöhe und außer ihnen stand nur ein hoher schwarzer, recht tot aussehender Baum dort.
Weit und breit war außer dem Baum nichts zu sehen, daher kam Silence‘ Worte sehr überraschend:
„Wir sind umzingelt.“