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Episode 9
  Episode 8: Im Zeichen des schwarzen Mondes

Wie naiv ich doch war. Wenn ich jetzt zurück sehe, zurück auf dieses naives Mädchen, welches an solch brüchige Gefühle vertraute, ihr Leben dafür aufs Spiel gesetzt hatte, nein viel mehr: welche ihr Leben auf solche Gefühle aufgebaut hatte… dann will ich sie, mich, auslachen.
Doch ich vermisse sie. Ich vermisse Green Najotake.
Wäre ich doch nur nie in diese verfluchte Welt gereist.
Hätte ich nicht auf meine Gefühle vertraut, müsste ich Green Najotake nicht missen.
Hätte ich mich doch nur nie in ihn verliebt.
Denn dann würde Green Najotake noch leben.



Noch bevor Silence ihre Worte ausgesprochen hatte, zückten Ryô und Grey bereits ihre Waffen; Green war die Einzige die nicht bemerkt hatte, dass sie umstellt waren. Auch jetzt noch sah sie keinerlei Anzeichen auf Feinde; um sie herum war nichts außer toter Einöde, nirgends ein Anzeichen auf Leben.
Noch bevor überhaupt etwas geschehen konnte, befahl Silence Grey:
Überlass das hier Green und mir!“ Obwohl Green keine Ahnung hatte, was genau ihr und Silence überlassen wurde, war sie nicht mit der Aufgabenverteilung zufrieden und wie es schien, Grey auch nicht. Es war jedoch schon zu spät, denn nun bemerkte auch die Letzte von ihnen, dass sie nicht alleine waren: unsanft wurden ihre Beine weggerissen und hätte Silence nicht eingegriffen, wäre wahrscheinlich noch schlimmeres passiert, als das Verlieren der Balance.
Ich rufe die 17ste der Verbotenen Künste, Todestanz!“ Green hörte diese vertrauten Worte und schon übernahm Silence die Kontrolle über ihren Körper und elegant wich sie dem unsichtbaren Hieb aus. Grey, der dies mit Abstand beobachtet hatte, sah sofort, dass etwas anders war als normal. Er konnte nicht genau definieren was es war, doch deren „Synchronisationstraining“ schien Früchte zu tragen und auf einmal wurde ihm klar, was den Unterschied ausmachte: Greens Seele „schlief“ nicht wie sonst, sie war „wach“. Es war ihm ein Rätsel wie zwei Seelen in einem Körper gleichzeitig agieren konnten, aber scheinbar war dies genau das, was sie trainiert hatten.
Auch für Green war es lange Zeit unmöglich vorgekommen, denn es war eine wahre Herausforderung gewesen. Deren Problem war es, dass deren Niveau Unterschied zu groß gewesen war, mit anderen Worten, dass Silence zu stark und Green zu schwach war. Es fehlte der Hikari einfach an Erfahrung und Können. Dies konnte man jedoch nicht über Nacht erreichen, daher hatten sie sich nicht allzu viel Fokus darauf gelegt Green auf das gleiche Level wie Silence zu heben, sondern, dass sie einen gemeinsamen Standard fanden, dass sie zusammen bei null anfingen um sich aufzuarbeiten.
Deren neue Technik der Vereinigung baute darauf auf, dass sie beide im Kampf die gleichen Bewegungen durchführten. Green musste, als Seelenform, den Bewegungen deren Körpers, den Silence führte, folgen. „Folgen“ war eigentlich untertrieben, da sie es in genau der gleichen Sekunde ausführen musste wie Silence, um eine perfekte Synchronisation zu erreichen. Dies war kein einfaches Unterfangen, denn dafür mussten nicht nur deren Bewegungen eins sein, sondern auch deren Gedanken. Tat Green dies nicht, behinderte sie mehr als das Gegenteil und dann war es angebrachter, dass Silence ihren Körper komplett übernahm. Doch dann konnte sie das Potenzial Greens Körper nicht vollends ausnutzen… und sie brauchten dieses Potenzial um gegen Youma anzukommen.
Silence nahm Greens Glöckchen, welches vorher unter ihrem Oberteil versteckt war und Grey wollte gerade in Panik ausbrechen, als er sah, dass die Waffe die zum Vorschein kam, nicht Greens war. Es war die von Tao erschaffene Waffe welche extra für Silence angefertigt worden war. Sie schwang den eher simplen Starb scheinbar nutzlos in die Luft herum, doch Grey und Ryô sahen, dass dies ihren Zweck hatte. Dunkles Blut ergoss sich auf den Boden und spritzte in Greens Gesicht, während sie grinsend sagte:
„Eins!“ Grey wurde schlecht und hielt sich die rechte Hand vor die Augen um das Trauerspiel nicht mit ansehen zu müssen. Dabei war er zu abgelenkt um auf seine eigene Verteidigung zu achten. Ryô jedoch stemmte zuerst die Rückseite seines Schwertgriffes in die Luft, wodurch er scheinbar den Kopf des Dämons getroffen hatte, dann drehte er das Schwert und machte kurzen Prozess mit seinem unsichtbaren Gegner in dem er die Klinge durch die Luft sausen ließ.
Grey hatte sich währenddessen nicht bewegt und auch die Hand nach wie vor vor Augen. Scheinbar hatte er jedoch bemerkt was hinter ihm vorgegangen war, denn er sagte:
„Ryô, sag mir bitte nicht, dass du nun auch blutbesudelt bist.“
„Nein, Grey-sama, ich bin ausgewichen. Nur die Klinge meines Schwertes muss gesäubert werden.“
„Ich hätte Wechselkleidung mitnehmen sollen. Ich wusste es! Im Nachhinein ist man immer schlauer.“
Green wunderte sich währenddessen darüber, dass Silence immer genau zu wissen schien, wo deren Gegner sich aufhielten.
Wie machst du das?“, fragte sie die Führerin ihres Körpers.
„Ich hab bessere Ohren als du. Ich höre deren Atemzug. Green, es sind noch drei übrig. Lass uns den Zwillingsstern einsetzen.“
Den Zwillingsstern?“, fragte Green verwundert.
Für so ein Kleinviech?
„Wir sollten jede Gelegenheit nutzen um zu üben!“, antwortete Silence mit einem neckischem Grinsen, während sie scheinbar mit Leichtigkeit dem Angriff eines Feindes auswich. Green blieb keine Zeit um dagegen zu sprechen, denn Silence hatte sich schon entschieden indem sie den Stab senkrecht vor sich ausstreckte, noch während sie in der Luft war. Ein klein wenig zu spät folgte Green ihrer Bewegung, doch der gewünschte Effekt wurde dennoch erzielt. Mit dem bloßen Auge sah es danach aus, als würde Silence den Stab auseinander ziehen: der Stab leuchtete in der Mitte auf und von diesem Punkt aus breiteten sich Edou Zeichen aus, die den Stab letztendlich in zwei Teile zerbersten ließ. Silence hielt nun beide Teile des Stabes in den Händen, wo die einzelnen Teile ihre eigene Form angenommen hatten und somit zu einer völlig neuen Waffe geworden waren: Der Zwillingsstern.
Green schloss die Augen um sich darauf zu konzentrieren welche Bewegungen Silence ausführte. Sie wollte sich nicht von ihrer Umgebung ablenken lassen, sondern eins mit den Gedanken Silence’ werden. Auch wenn sie dafür nur wenige Sekunden hatte, schien es ihr zu gelingen, jedenfalls von dem was von seinem Standpunkt aus beurteilen konnte. Perfekt war sie bei weiten noch nicht, aber für schwächere Gegner genügte es.
Silence sprang rückwärts in die Luft, nachdem sie den rechten Teil der Waffe in den roten Abendhimmel geworfen hatte. Während diese noch in durch die Luft zirkulierte, stemmte Silence die andere Hälfte hinter sich, wo sie offensichtlich einen Dämon traf. Sie sagte eine Beschwörung welche jedoch so leise ausgesprochen worden war, dass weder Grey noch Ryô sie verstanden hatten und die beiden Enden des rechten Teiles strahlten auf, wodurch er kurz in der Luft erfror, als würden Fäden im am Fallen hindern. Daraufhin warf sie auch noch den letzten Teil des Zwillingssternes, welcher die Mitte seines Gegenparts traf und genau wie dieser in der Luft erfror. Kaum hatten sie sich berührt erstrahlten auch die Enden des anderen Teiles, die als Ausgangspunkt für einen Bannkreis dienlich waren.
Es war schwer zu sagen wie viele Gegner von dem dunklen Licht des Bannkreises eliminiert worden waren, doch scheinbar war noch einer übrig, denn Silence rief den Zwillingsstern wieder zu sich, festigte den Griff um die beiden Teile der Waffe und sauste Richtung Boden. Doch ehe sie den Boden erreichte, drehte sie sich in der Luft herum und rammte die beiden Teile des Stabes rückwärts in den Boden – womit der Dämon scheinbar in der Mitte aufgespießt worden war.
Elegant richtete Sience sich auf und wollte gerade Green die Kontrolle zurückgeben, als sie sich wie vom Donner gerührt herumdrehte und den linken Stab wie ein Wurfgeschoss warf, welcher in ein entferntes Ziel traf, denn Silence zischte, während sie den Stab wieder auffing:
„Feiglinge kann ich auf den Tod nicht ausstehen!“
Grey war sprachlos, genau wie Ryô. Er hatte natürlich gewusst, dass die beiden Mädchen mit einander trainiert hatten, doch waren ihm die Ergebnisse fremd gewesen und diese überraschten ihn, ja, schockierten ihn! Denn diese Brutalität war ihm bei seiner Schwester nicht geheuer. Ebenso machten ihn die schnellen Fortschritte seiner geliebten Schwester Sorgen, da er natürlich Silence als Sündenbock ausgewählt hatte, als wäre sie für den schlechten Einfluss verantwortlich.
„Silence!“, sagte Grey auf halben Weg zu Green und ihrem zweiten Ich.
„Du kannst doch Green nicht solche Angriffe und Attacken beibringen!“ Green, die ihren Körper wieder erlangt hatte, antwortete verwundert:
„Aber Grey, war dir das nicht gut genug?“ Grummelnd holte Grey ein Taschentuch aus seiner Tasche und fing an Green das Blut aus dem Gesicht zu wischen, ohne auf ihre Proteste zu achten.
„Davon rede ich nicht. Ich rede vom Stil. Es ist unzweifelhaft nicht dein Stil, der einer Hikari, sondern der von Silence und dieser steht dir nicht, egal wie effektiv er ist. Die Bewegungen waren… wie soll ich sagen. Sie waren dämonisch.“ Green wechselte einen Blick mit Silence, nachdem Grey das Tuch wieder weg gesteckt hatte. Silence grinste Grey leicht schadenfroh an, welches nur noch breiter wurde als Green Grey antwortete:
„Ich habe Silence die Bewegungen beigebracht, Onii-chan.“ Der Mund Greys klappte auf, doch zu einer Antwort war er nicht fähig. Silence lachte in sich hinein, während Green es ihrem Bruder erläuterte:
„Deine „dämonischen“ Bewegungen stammen aus meiner Rhythmischen Gymnastik Unterricht. Da mein Körper dafür ausgelegt ist, haben Silence und ich uns entschieden, dass wir unseren gemeinsamen Stil darauf aufbauen. Aber die Attacken stammen wirklich von Silence! Und hast du gesehen, Onii-chan, wenn Silence meinen Körper kontrolliert kann ich fliegen? Ist das nicht toll?“ Greys Mundwinkel zuckten und schwach sagte er:
„Ja… toll. Ganz toll.“ Green grinste ihren armen Bruder an, der schon jetzt erschöpft war und sich nichts sehnlicher wünschte als sein Gemach, einen guten Tee und das Fertigstellen seiner Skizzen.
Ryô hatte während dieser Konversation die einzige Karte die sie besaßen auf dem sandigen Boden ausgebreitet und deren Aufenthaltsort auf der Karte markiert, ehe Green dazu kam und sich über die Karte beugte.
„Wo sind wir?“, fragte sie an Ryô gewandt, der auf einen schwarzen Punkt zeigte, der in einer krakeligen Schrift gekennzeichnet war. Green tat es sich schwer die Schrift zu entziffern.
“Kap der letzten Hoffnung“? Seit wann haben die Dämonen einen Hang zur Theatralik?“
„Der Name stammt nicht von den Dämonen, Hikari-sama. Die Karte ist von Wächtern gezeichnet worden.“ Green grinste.
„Ach so. Das erklärt einiges.“ Grey und Silence waren nun dazu gekommen und sahen sich ebenfalls die Karte an. Während Ryô deren Route aufmalte, erklärte Silence:
„Die Karte ist alles andere als aktuell. Aber es existieren im Allgemeinen keine Karten über die Welt der Dämonen die aktuell sind. Das Problem ist nämlich, dass sich diese dauernd verändert. Die Grenzen werden immer wieder erneuert, Gebiete dem Erdboden gleich gemacht und neue Gebiete entstehen. Henel ist eine Welt die unter ständiger Veränderung steht. Von Chaos und Unruhe gezeichnet. Der Weg den der Tempelwächter gerade markiert hat ist eine der wenigen Hauptstraßen, die seid mehreren Jahrhunderten unverändert geblieben ist. Ich glaube sie dient Handelszwecken.“ Grey und Ryô hörten nur mit halbem Ohr zu, da sie dies schon wussten. Green lauschte den Worten ihrer Freundin jedoch gebannt und mit großer Interesse.
„Und was ist das „Kap der letzten Hoffnung“?“, fragte Green, da sie sich noch daran erinnern konnte was sie im Tempel über eben diese Handelsroute besprochen haben. Es war eine Route die nicht weit von deren jetzigen Standpunkt begann und direkt nach Lerenien-Sei führte. Sie würden jedoch nicht auf dieser Route in die Hauptstadt gelangen, sondern sie würden sich nur an dieser orientieren, da sie jeden direkten dämonischen Kontakt aus dem Weg gehen wollten: Auch wenn sich dieser natürlich nicht vollständig umgehen ließ. Silence’ Worte halten noch in ihrem Kopf: „Aber es ist nicht besonders fatal, wenn uns jemand enttarnen sollte. Dann halten wir uns an die Richtlinien dieser Welt und töten sie.“ Green musste zugeben, dass sie nicht heiß darauf war, jeden Dämon mit dem kleinsten Verdacht umzubringen. Grey war gleichgültig, wahrscheinlich frei nach dem Motto „Einer weniger“ und Silence schien sich richtig darauf zu freuen mal wieder zu kämpfen.
„Das „Kap der letzten Hoffnung“ ist das was du hier sehen kannst, Green“, sagte Silence, richtete sich auf und blickte auf die endlose schwarze Leere, die sich vor ihr erstreckte.
„Dies ist der Ort den man automatisch erreicht wenn man als Wächter in diese Welt reist. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass wir sofort umstellt waren, mit anderen Worten: Wir haben damit gerechnet.“
„“Wir“? Also mir hat niemand gesagt, dass ich damit rechnen muss angegriffen zu werden…“, bemerkte Green und kramte in ihrem Gedächtnis herum in der Hoffnung sich daran erinnern zu können, da Silence ihr anscheinend keine Antwort geben wollte. Als hätte Green nichts gesagt sagte sie:
„Da die Wächter hier zuerst ihre Füße auf unreinen Boden setzen, wurden hier bereits unzählige Schlachten ausgeführt, daher rührt auch die Einöde. Die Wächter haben diesem Schlachtfeld wohl diesen Namen verliehen, weil sie sich hier entweder an die letzte Hoffnung klammern oder es kommt daher, dass die meisten nicht wieder in ihre Heimat zurückkommen.“ Unbewusst schluckte Green und sah auf die endlose Einöde hinaus. Inständig hoffte sie, dass sie wieder in ihre Heimat zurückkehren würde. Denn so sehr ihr diese Welt vom Aussehen her auch gefiel, sie wollte ihre Heimat nicht gegen diese eintauschen.
Green richtete sich auf, schulterte ihre Tasche und sah in die Richtung des Turmes, wo sie Lerenien-Sei vermutete.
Sibi… Gary… ich werde dafür sorgen, dass wir gemeinsam Nachhause gehen können!


Drei Stunden später hatten die vier tapferen Wächter die Einöde hinter sich gelassen und folgten nun wie geplant deren Route entlang des Handelsweges. Green ging an der Spitze und war die einzige die sich noch nicht beklagt hatte (Ryô hatte seine Klagen selbstverständlich nicht laut ausgesprochen). Grey hatte, wenn er überhaupt irgendwann Lust gehabt hatte, diese schon nach den ersten fünf Kilometern verloren, auf jeden Fall nach dem er und seine Schwester sich gestritten hatten. Denn Green hatte darauf bestanden, dass sie ihre Tasche selber tragen wollte, Grey dagegen konnte nicht verstehen warum Ryô ihre Tasche nicht tragen konnte. Der Tempelwächter hatte sich gekonnt aus deren Streit herausgehalten. Am Ende war es Green die siegreich hervor ging und beinahe stolz trug sie ihre Tasche, als wäre es ein Pokal.
Auf deren Weg trafen sie auf keine Hindernisse, nur von weiten sahen die Wächter öfters Dämonen, einzeln oder in Gruppen. Doch niemand griff sie an und genauso wenig taten sie es. Auch nach weiteren zwei Stunden passierte nichts außergewöhnliches, außer dass Grey auf eine kurze Pause bestand.
„Grehey! Das ist doch nicht dein ernst!“, beklagte sich Green, mit den Händen in die Hüfte gestemmt und ihren Bruder finster anguckend. Dieser achtete nicht auf sie und ließ sich auf einen Stein nieder, der hinter einem hohen dornenähnlichen Gewächs verborgen war, so dass dies der geeignete Punkt für eine kleine Pause da stellte.
„Green, meine liebe kleine Schwester…“ Die Angesprochene hob die Augenbraue, doch wurde nicht beachtet.
„Du bist zu ungeduldig. Wir müssen Pausen einlegen, damit wir uns nicht ganz und gar verausgaben. Falls wir angegriffen werden müssen wir vorbereitet sein und nicht von Schwäche gezeichnet sein, nur weil du uns durch die Hölle scheuchst. Wir müssen vernünftig sein.“ Green atmete tief durch um mit einem Gegenargument zu kontern, als sie jedoch unterbrochen wurde, von dem angenehmen Geruch eines frisch gebrauten Tees. Wie eine Fata Morgana starrte sie die Teetasse an und wandte erst langsam ihren Kopf zu Ryô, der die Tasse vor sie hielt.
„OMT sag ich dazu nur.“ Ryô nahm dies als Kompliment und sagte mit einem leichten Anflug eines Lächelns:
„Es ist Euer Lieblingstee, Hikari-sama.“ Green nahm das warme Getränk entgegen und sagte immer noch fassungslos, doch dankbar:
„Ryô, du bist schlichtweg einzigartig. Danke!“ Er antwortete nicht, scheinbar war es ihm zu peinlich, doch sie sah ihm an, dass ihre Worte ihn freuten. Er tauchte die gewohnten drei Zuckerstückchen in den Tee der Hikari und kehrte zu seinem übergroßen Rucksack zurück, wo er die Medizin für seinen Herren zubereitete, während Green sich mit Silence unterhielt.
„Grey-sama ihre Medizin… und bitte nehmen Sie…“ Er verstummte und genau wie Green und Silence bemerkte er auch, dass Grey nicht mehr da war. Der Stein auf dem er eben noch gehockt hatte war verlassen.
„Verdammt!“, sagte Green als Ryô schon die Medizin abgestellt hatte und sein Schwert aus der Scheide gezogen hatte.
„Ryô, warte!“ Der Tempelwächter war jedoch schon los gerannt und Green hatte es schwer hinter her zu kommen. Im Rennen fragte sie Silence ob diese einen Dämon in der Nähe gespürt hatte, doch sie verneinte. Gerade als die beiden sich sicherheitshalber vereinen wollten, bremste Ryô und Green tat es ihm gleich, da auch sie das sah was ihm zum Bremsen gebracht hatte. Beide sahen Grey. Er schien unverletzt, es schien ihm sogar recht gut zu gehen, doch das Schlimme daran war: Er lag in den Armen einer Frau, die er anscheinend gerade küssen wollte.
„Grey! Du hast doch Ilang!“, rief Green empört.
„Eine Nehual!“, entfuhr es Ryô geschockt.
„Eine… was?“, fragte Green verwirrt, bekam jedoch keine Antwort von dem Tempelwächter da dieser schon auf das Paar zustürmte. Erst Silence konnte sie aufklären:
„Ihr müsst sie davon abhalten sich zu küssen! Grey stirbt sonst!“ Dies wusste Ryô anscheinend, da er sofort und ohne Umschweife die Dämonin mit gezücktem Schwert angriff. Die Frau mit den langen dunklen Haaren wie Haut, war sichtlich überrascht als sie Ryô sah und konnte daher auch nicht kontern, sondern war gezwungen auszuweichen. Bei dieser Aktion musste sie allerdings von Grey ablassen, der rücklings zu Boden gestürzt wäre, hätte Green ihn nicht, mit der Hilfe von Silence, aufgefangen. Silence wollte Ryô gerade zur Hilfe eilen, als sie feststellte, dass dies unnötig war; Ryô kam gut zurecht. Die Tatsache, dass er in seiner Kindheit öfters mit Grey trainiert hatte, zahlte sich nun aus, denn mit einem einzigen gezielten Hieb seines Schwertes teilte er die Dämonin in der Mitte, als sie sich gerade aus dem Staub machen wollte. Die kleinen Fünkchen, in denen sie sich aufgelöst hatte wirbelten in den dunklen roten Himmel und ehe die letzten sich mit diesem vereinten, hatte der Tempelwächter sein Schwert bereits wieder zurück in die Scheide geschoben und lief besorgt zu Grey, der das Bewusstsein verloren hatte. Zusammen trugen sie ihn zurück zu deren kleinen Lageplatz, wo zum Glück nichts während deren Abwesenheit passiert war. Während sich Ryô um Grey kümmerte, fragte Green was es mit den Nehualen auf sich hatte.
„Nehuale sind Dämoninen die mit ihrem Lockruf männliche Wesen in eine tödliche Falle locken“, erklärte Silence und fuhr fort:
„Dieser Lockruf kann nur von Männern gehört werden, sie sehen dann die Frau nach der sie sich sehnen und fallen in einen Zustand der Wehrlosigkeit. Das nutzen die Nehuale und saugen deren Opfern die Magie aus und fressen sie oftmals danach. Im Allgemeinen jedoch keine Bedrohung da sie ziemlich schwach sind.“ Die Hikari runzelte die Stirn.
„Aber warum blieb Ryô von ihrem Lockruf verschont?“ Silence zuckte mit den Schultern und schien ernsthaft über die Antwort nachzudenken, auch wenn Green die Interesse daran verloren hatte, da Grey aufgewacht war. Mit verklärten Augen sah er seinen Tempelwächter an.
„Was ist passiert…?“
„Ihr seid einem Nehual zum Opfer gefallen, Grey-sama“, antwortete Ryô sichtlich erleichtert darüber seinen besten Freund wohlauf zu sehen.
„Onii-chan? Geht’s?“, fragte Green, während Ryô Grey etwas zu trinken gab und auch seine Medizin. Langsam sah er seine Schwester an und musste kurz Lächeln.
„Ja, alles in Ordnung. Ihr habt ja das Schlimmste verhindert.“ Dann versuchte er aufzustehen und auch wenn es Ryô nicht zu gefallen schien, half er ihm auf die Beine. Grey bemerkte Greens besorgten Blick und konnte nicht drum herum sie ein wenig neckisch anzugrinsen.
„Was machst du für ein Gesicht? Ich dachte du wolltest so schnell es geht zu deinen Halblingen?“ Green seufzte daraufhin, genauso ratlos wie Ryô, doch konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen und es sich nicht zwei Mal sagen und schon war der, nun kalte Tee, ausgetrunken, die Sachen verstaut und Green war wieder dabei mit Tatendrang vorauszuschreiten. Daher bemerkte sie auch nicht das Gespräch von Herr und Diener, welches hinter ihr geführt wurde.
„Grey-sama… verzeiht, wenn ich so direkt frage: Aber Ihr habt nicht Ilang gesehen, liege ich mit dieser Annahme richtig?“ Der Windwächter schien sich nicht über seine Worte zu wundern. Sein langsames Nicken wurde begleitet von einem tiefen Seufzten. Er senkte den Kopf und sagte leise:
„Ich frage mich, ob ich es jemals schaffen werde die Gefühle für sie zu überwinden…“ Er sah auf und sah das Mädchen an, welches tänzelnd ihre Schritte vorwärts machte.


Schon zum zweiten Mal in der Welt der Dämonen war Green sprachlos als sie die Hauptstadt dieser Welt vor sich liegen sah. So weit das Auge reichte türmten schwarze Häuser sich hinauf in das rote Dämmerlicht dieser Welt und Rauchsäulen verloren sich in die Röte des Himmels. Die Häuser schienen ohne jegliche Ahnung von Ordnung gebaut worden zu sein; sie standen einfach kreuz und quer und genauso unförmig und chaotisch erschienen sie auch. Green entdeckte Gebäude die man mit den Hochhäusern von Tokio oder New York vergleichen könnte, aber auch Behausungen die eher einer Höhle, als einem Gebäude ähnelten. In der Mitte der Stadt türmte ein enormer Turm in den Himmel; das Ende war nicht zu sehen; egal wie sehr man sich regte und streckte.
Die Stadt Lerenien-Sei lag unter der Erdoberfläche, in einem tiefen und unheimlich großen Krater, dessen Seiten als Mauern dienten, wo verschiedene Treppen hinauf führten. Um diesen Krater herum standen in zirka 500 Metern Abständen Pfeiler, die alle eine leuchtende gelbe Kugel trugen, die allerdings kaum die Dunkelheit etwas aussetzen konnten. Es war Green schleierhaft wofür diese gut waren. Was sie jedoch eher wunderte war die Tatsache, dass sie Stadt in einem Recht guten Zustand zu sein schien. Sie hatte erwartet Zerstörung und Gewalt zu sehen.
„Das liegt daran, dass hier Gesetze herrschen“, antwortete Silence auf ihre Gedanken. Die vier Wächter standen nun auf der Handelsstraße, die ins Innere von Lerenien-Sei führte, umgeben von gereizten Dämonen die hektisch die Stadt verließen oder in sie hinein wollten. Den drei Wächtern plus Silence schenkte niemand Aufmerksamkeit, da diese sich schön weit Draußen platziert hatten um die Stadt von oben sehen zu können. Um nicht aufzufallen sprachen sie nun englisch, statt die Sprache der Wächter (was Green gar nicht passte, da ihr Englisch nicht besonders gut war), da es viele Dämonen gab die englisch sprechen konnten und es auch taten. Das waren die Dämonen die früher, vor den Zeiten des Siegels, sich oft in der Menschenwelt aufgehalten hatten.
„Gesetze? Dämonen haben Gesetze?! Das höre ich zum ersten Mal!“
„Naja sie haben welche. Heißt nur nicht, dass sie sich auch daran halten. Hier wirken sie jedoch, dank den Pfeilern, die um Lerenien-Sei gebaut worden sind. Da in Lerenien-Sei die meisten Dämonen leben, fanden hier auch die meisten Kämpfe statt und die Stadt wurde immer wieder dem Erdboden gleich gemacht. Irgendwann hatten die Fürsten keine Lust mehr ihre Hauptstadt ständig zerstört vor zu finden und man verbot das Kämpfen innerhalb von Lerenien-Sei. Die Pfeiler bannen jegliche Magie die auf den Straßen zum Einsatz kommt.“
„Heißt aber doch auch, dass sie sich immer noch die Köpfe einschlagen können.“
„Ja das können sie auch noch, aber durch bloßes „Köpfe einschlagen“ zerstört man noch keine Stadt.“ Green nickte und folgte ihrem Bruder und Ryô durch einen simplen Holzbogen in die Stadt hinein. Kaum einen Schritt innerhalb Lerenien-seis, verharrte Grey augenblicklich geschockt und Green wollte ihn gerade neckend fragen ob er schon wieder von einer Frau gerufen wurde, als er selbst den Grund erklärte warum er stehen geblieben war:
„Es gibt in dieser Stadt keinen Wind. Die Luft ist in einem absoluten Stillstand. Ich hätte nie gedacht… dass sich dies so beklemmend anfühlen kann.“ Ryô und Green sahen Grey an, sagten jedoch nichts. Anders als Grey spürten sie die neuen Umstände kaum bis gar nicht. Man musste wahrscheinlich ein Windwächter sein um dies zu bemerken. Grey schüttelte den Kopf, als würde er versuchen diesen Umstand damit zu verdrängen. Der Erfolg war ungewiss, doch er bedeutete seinen Begleitern, dass es weiter gehen konnte. Bevor sie jedoch deren Weg fortsetzten, zog Grey Greens Kapuze über ihren Kopf mit den Worten:
„Man weiß nie ob dich jemand erkennt! Wir sollten lieber vorsichtig sein.“
…Nur leider kam Greys Vorsicht zu spät.


„Lycy!“ Eine gespielt quietschige Stimme hallte durch ein stickiges Lokal, mehrere Kilometer von der Gruppe von Wächtern entfernt. Ein Dämon verdrehte seine orangenen Augen, seufzte verärgert und zog sich die Kapuze seines Mantels über seine ultramarinen Haare.
„Ich glaube Sie wurden gerufen“, sagte eine etwas jüngere Dämonin, die zu seiner rechten saß.
„Fresse! Dich hat niemand nach deiner Meinung gefragt!“, reagierte der Dämon ärgerlich.
„Lyciiiie! Deine griesgrämige Stimme habe ich gesucht!“ Und schon tauchte das strahlende Gesicht desjenigen vor seinen Augen auf, der ihn gerufen hatte. Sofort wich der Angesprochene einige Zentimeter nach hinten, als würde der Andere ihn anwidern. Der ungebetene Besucher lehnte sich weit über den Tisch und sagte erfreut:
„Ich habe spannende Neuigkeiten, Lycy!“ Scheinbar fand sein gegenüber dies nicht so spannend, er verengte die Augen und sah ihn schnippisch an:
„Lycram. Ich heiße Lycram!“
„Ach, ups. Das hatte ich fast vergessen.“ Lycram schlug mit der zusammen geballten Faust auf den Tisch, dass sie Gläser klirrten. Das Mädchen zu seiner Rechten entschied sich schnell ihren Drink auszutrinken, ehe es zu spät war und nichts mehr davon übrig war.
„Und ich vergesse mich gleich!“ Beschwichtigend hob der Angesprochene die Hände.
„Du musst wirklich lernen dein Temperament im Zaum zu halten, Lycy!“
„Mein Temperament ist nur so gereizt weil ich deine stinkende Visage vor mir habe!“ Das Mädchen stellte ihren Drink ab, leckte sich über die Lippen und ohne, dass sie wirklich darüber nachdachte, sagte sie:
„Aber Herr und Meister, Sie sind immer gereizt!“ Langsam wandte Lycram sich zu ihr um. Eine Weile sah er sie an. Sein Blick wanderte von unten nach oben, wobei er sie genau musterte.
„Du bist entlassen!“ Es gelang ihr gerade noch die Augen zu weiten, ehe diese erstarrten und sie sich zusammen mit ihrem Körper auflösten, da ihr Kopf plötzlich von ihrem Körper getrennt war. Der ungebetene Gast hatte zugesehen wie ihr Körper sich aufgelöst hatte und hatte sich dann über die Theke geschwungen. Auf eben dieser nahm er Platz, schwang das eine Bein über das andere und legte seinen Zylinder auf seine Knie ab. Lycram hatte sich währenddessen einen weiteren Drink bestellt und rührte griesgrämig in ihm herum.
„Hast du ein neues Mädchen für mich?“, fragte er unwirsch und ungeduldig.
„Was erwartest du, Lycy? Ich stelle sie nicht in Fließbändern her. Außerdem bist du zu verwöhnt!“ Lycram ging darauf nicht ein, sondern fragte stattdessen was er überhaupt von ihm wollte, wahrscheinlich um ihn schnell loszuwerden.
„Meine Neuigkeit handelt in der Tat um ein Mädchen. Ein sehr besonderes sogar. Ein kleines Prinzesschen welche sich im dunklen Wald verlaufen hat…“ Lycram nahm einen Schluck von seinem Drink und verdrehte dabei seine gelben Augen.
„Rede nicht um den heißen Brei herum! Ich bin nicht in der Stimmung dafür! Was ist das für ein Mädchen? Entspricht sie meinen Vorstellungen?“ Sein Gesprächspartner legte seinen Finger an das Kinn und schien nachzudenken.
„Nein. Ich glaube eher nicht. Außerdem solltest du nicht mit ihr verkehren. Das wäre nicht so gut für deine Gesundheit.“ Lycram grinste plötzlich.
„Aha, aha! Hast du wieder einmal eine Wächtergör in deine Sammlung aufgenommen? Ich erinnere dich daran, dass du bereits das letzte Mal gesagt hast, dass es nicht gut für meine Gesundheit wäre! Und ich lebe noch und das Risiko hat sich obendrein auch noch gelohnt! Ohne Risiken wäre das Leben doch langweilig. Besonders in diesen Zeiten.“ Der andere Dämon antwortete nicht, er schwieg, gab Lycram jedoch in Gedanken recht. Seid 17 Jahren existierte das Siegel nun, was auch bedeutete, dass alle Volldämonen, also weit über die Hälfte, in ihrer Welt eingesperrt waren. Unter diesen Umständen glich es einem Wunder, dass die Dämonen sich noch nicht gegenseitig umgebracht hatten. Selbstverständlich hatte es größere Ausschreitungen gegeben, doch noch keinen Krieg auf eigenen Reihen. Er war sich sicher, dass die Hikaris darauf spekuliert hatten. Die beiden Dämonen konnten sich auf die Schulter klopfen, denn es war ihnen, den Fürsten, zu verdanken, dass dies nicht geschehen war.
„Wer weiß wie lange wir noch im Käfig hausen.“ Damit sprang er von der Theke herunter und setzte sich elegant den Zylinder auf. Lycram setzte verwundert sein Glas ab.
„Weißt du was, was ich nicht weiß?“ Der Angesprochene grinste.
„Ich weiß vieles was du nicht weißt!“ Es war deutlich zu sehen, dass diese Worte Lycram reizten, nicht zuletzt an seiner pochenden Ader. Doch der andere Dämon war bereits auf dem Weg heraus und so vergaß Lycram seine Wut kurz.
„Hej, wo willst du hin?!“
„Zu meinen Lieblingsschützlingen! Ich muss ihnen doch sagen, dass ihr kleines Lichtlein hier ist!“
„Wie bitte -- ?! Und was soll ich den anderen Fürsten sagen?! Mal wieder?!“
„Lass dir was einfallen, Lycy!“, antwortete er und unterstrich seine heiteren Worte mit einer winkenden Geste.
LYCRAM, zur Hölle nochmal! Merk dir das endlich, Ri-Il!“


Die Gruppe hatte sich in zwei geteilt, da sie viel Zeit durch die Bewusstlosigkeit Greys verloren hatten. Ryô und Grey besorgten das Gegenmittel für Tinami, während Green zusammen mit Silence weiter in Lerenien-Sei vorgedrungen war, immer darauf beachtet, die Kapuze eng am Kopf liegen zu haben und niemanden direkt anzuschauen – was ihr schwer fiel, da sie diese fremde Welt mit neugierigen Augen betrachtete. Sie wollte alles wissen, alles sehen – alles was ihre zwei Freunde ihr so lange verschwiegen hatten. Sie wollte verstehen: diese Welt und ihre Bewohner.
Ein anderes Klima herrschte hier als das was sie in der Welt der Menschen kannte: gar nicht zu vergleichen mit der friedlichen und vertrauen Atmosphäre welche bei den Wächtern zu spüren war; als ob sie sich alle kennen und lieben würden. Hier, in dieser dunklen Welt, hatte Green das Gefühl von jedem skeptisch angestarrt zu werden; dass alle sich gegenseitig beäugten, als würden sie befürchten, dass der jeweils andere sich dazu entscheiden könne einen Angriff zu starten um den anderen umzubringen. Ohne jeden Zweifel herrschte hier keine Vertrautheit, es war Feindseligkeit. Jeder war ein potenzieller Feind, man vertraute niemanden; vertraute nur sich selbst und auf seine eigene Macht. Es gab kaum Gruppen, kaum Dämonen die miteinander sprachen; sie sahen sich gegenseitig an - einen kurzen Augenblick oder einen langen; konkurrierten sich ohne Worte, ohne zu agieren, nur über Augenkontakt. Daher versuchte Green den Blick gesenkt zu halten, was sich als schwer herausstellte, denn ihre Neugierde konnte nicht gebändigt werden. Am liebsten würde sie sich in irgendeine Ecke stellen und alles beobachten, in sich aufnehmen. Hatten sich die Hikari, nein, die Wächter im Allgemeinen, jeweils die Mühe gemacht Dämonen zu verstehen? Und umgekehrt war es doch nicht anders – warum versuchte niemand den jeweils anderen zu verstehen? Sie hatten doch dieselben Wurzeln, die gleiche Geschichte! Eine Geschichte die nicht mit Krieg begonnen hatte, sondern mit Frieden; obwohl sie so unterschiedlich waren. Manche würden behaupten, dass die Tatsache, dass dieser Frieden nicht besonders lange gehalten hatte, ein Beweis dafür war, dass Dämonen und Wächter schlichtweg nicht dafür gemacht waren friedlich Seite an Seite zu leben, sondern das Gegenteil. Doch Green war da anderer Meinung, es bewies auch, dass es möglich war, dass sie eine Koexistenz führen konnten.
Doch sie hatte keine Zeit. Ihre Stoppuhr zeigte nur noch knapp drei Stunden an und so hielt sie Ausschau nach dunkelroten Haaren und den dunklen Stachelhaar Garys – sie hätte nie gedacht, dass sie sich mal danach sehnen könnte.
Mit gesenktem Blick ging sie schnellen Schrittes durch die Straßen und bemerkte dabei immer wieder kleine merkwürdige geformte Schatten, schwarze Flecken in dem düsteren Dunkel der Mauern und Ecken. Zuerst achtete sie nicht drauf, hielt es für unförmige schwarze Steine, bis sie aus den Augenwinkeln heraus plötzlich bemerkte, dass sie sich bewegten und sofort blieb die Hikari stehen als sie dies sah.
„Was ist?“, hörte sie Silence fragen, doch antwortete nicht darauf, denn sie starrte das etwas an, was sie für einen Stein gehalten hatte. Es war weit davon entfernt davon ein Stein zu sein, es war ein Kind. Es war schwer zu beurteilen wie alt es war, aber keineswegs älter als sieben Jahre alt. Es hatte seine dunklen Augen Richtung Boden geheftet und bemerkte Green anscheinend nicht. Green hatte ausgerechnet dieses Kind bemerkt, da es nicht wie die anderen die Beine an sich gezogen hatte, sondern breitbeinig auf dem sandigen Bogen hockte und erst da bemerkte die Hikari, dass es ein Mädchen war, ein unheimlich dürres Mädchen mit einem Körper welcher von Schrammen und Wunden übersät war.
Mit einem Entsetzen verstand Green was mit ihr passiert war und weshalb sie in dieser Position saß - just in dem Moment wo das Mädchen urplötzlich die dürren Fingerchen um Greens Fußgelenk schlang.
Geschockt starrte Green die kleine Dämonin an, die ihren Blick mit leeren aber eindringlichen Augen erwiderte und sie sagte etwas, etwas was mehr nach einem Winseln zu vergleichen war und etwas was Green natürlich nicht verstand: auch wenn die Botschaft deutlich genug war.
„Green, zur Hölle nochmal!“, entfuhr es Silence, die scheinbar gemerkt hatte, dass ihr Medium sich nicht von diesem Schreckensbild abwenden konnte, besonders als das Mädchen realisierte, dass Green sie nicht verstehen konnte. Denn als sie dies bemerkte, begann das kleine Ding an seiner spärlichen Bekleidung zu zerren, um sich offenbar auszuziehen um Green so zu verstehen zu geben, was sie wollte.
Die Hikari war von diesem Geschehen geschockt und beinahe versteinert, wusste nicht was sie tun sollte, doch dies wurde ihr auch abgenommen, denn Silence übernahm die Führung ihres Körpers, gab dem Mädchen kurzerhand und ohne Rücksicht einen Tritt und machte kehrt ohne sich umzusehen und ohne Green die Führung ihres Körpers zurück zu geben.
„Sind das… Straßenkinder?“, fragte Green mit zitternder Stimme.
„Und… werden sie wirklich auf offener Straße vergewaltigt?“ Zielstrebig ging Silence der sich drehenden und wendenden Straße entlang ohne Green die Zeit zu lassen, sich die anderen Kinder anzusehen.
„Das sind keine Straßenkinder, Green und vergewaltigt kann man das auch nicht nennen. Jedenfalls nicht so wie die Kinder in den Metropolen der Menschenwelt. Es ist eine Erziehungsmetode der Eltern. Viele Eltern setzen ihre Kinder in einem frühen Alter aus in dem Glauben, dass dies ihren Überlebenswillen stärkt; falls die Kinder es überleben. Aber es sind überraschend viele die dies schaffen, du glaubst gar nicht wie stark deren Überlebensinstinkt ist. Die Schwachen sterben und die Starken überleben indem sie von den Fürsten in deren Horden aufgenommen werden um für sie zu kämpfen sobald sie alt und stark genug sind. Andere werden schon früh von der Straße geholt, von notgeilen Dämonen die diese armen Geschöpfe als Spielzeuge mit sich nehmen. Genau das, hat sich das Mädchen gerade von dir erhofft. Deshalb kann man das wohl kaum als Vergewaltigung gelten lassen, denn Vergewaltigung ist dadurch definiert, das es gegen den eigenen Willen passiert. Was bei diesen Kindern meistens nicht der Fall ist.“
Schweigen, Green antwortete nicht. Sie versuchte diese Wahrheit zu verdauen und musste unweigerlich an Siberu und Gary denken. Das hatten sie doch nicht durchmachen müssen, das konnte doch nicht wahr sein… oder doch? Hatte Ri-Il sie auch von der Straße geholt, sie vor Hunger und Not gerettet damit sie für ihn Kämpfen mussten? Sie wollte sich das nicht ausmalen. Siberu und Gary auf der Straße. Unter solchen Umständen.
„Ich geb dir deinen Körper wieder. Aber pass auf, dass du nicht bei den Kindern stehen bleibst, sie können auch auf die Idee kommen dich anzugreifen, also beachte sie nicht weiter.“ Auch wenn es der Hikari schwer fiel, stimmte sie zu und fand sich in ihrem Körper wieder, wo sich schnell ein Gefühl der Übelkeit ausbreitete. Aber warum? Sie war darauf vorbereitet gewesen, dass das Leben in der Dämonenwelt kein Zuckerschlecken war, aber es mit eigenen Augen zu sehen… diese leeren Augen des Mädchens, diese Verzweiflung… das Winseln ihrer piepsigen Stimme…
„Green, konzentrier dich gefälligst.“ Silence hatte natürlich Recht, das wusste Green und dennoch fiel es ihr schwer dies auch zu tun, das Zittern in ihren Beinen zu bekämpfen und dafür zu sorgen genauso zielsicher den Weg zu gehen wie Silence es vorher getan hatte. Aber sie hatte nicht mehr viel Zeit, wie ihr ihre Armbanduhr mitteilte und dieser Blick auf die Zeit verlieh ihr wieder die Kraft weiter zu schreiten, jedoch fest dazu entschlossen, diese Geschehnisse nicht auf sich beruhen zu lassen.
Als sie jedoch an dem Turm angekommen war, den sie schon bei deren Ankommst gesehen hatte, konnte sie nicht anders als stehen bleiben. Er war gigantisch, allerdings nur in der Höhe. Der Durchmesser des Turmes war höchstens 10 Meter, ganz im Gegenteil zu seiner enormen Höhe. Egal wie sehr Green den Kopf reckte, sie konnte nicht das Ende sehen. Bei dieser Aktion rutschte ihr kurz die Kapuze vom Kopf, welche sie schnell wieder zurück schob.
Sie konnte sich nicht vorstellen wozu er gebraucht wurde – bewohnbar schien er nicht zu sein. Er war einfach nur schwarz, keinerlei Fenster oder Eingänge waren zu sehen. Der Turm ging zwar gerade Wegs in den Himmel, war dennoch unförmig, überall waren kleine Beulen, Löcher, Dinge die heraus hingen…
„Was ist das?“, fragte Green skeptisch.
„Naja, einige Dämonen behaupten es wären Wächterleichen.“ Geschockt sah Green sie an.
„Green, sei nicht so dumm wie Dämonen: Leichen verwesen! Es ist unmöglich daraus einen Turm zu bauen.“
„Und? Was ist es dann?“, fragte die Hikari mit dem Vorhaben, sich von dem eben Geschehenden abzulenken: Ein Turm konnte sie wohl kaum so erschüttern wie so ein armes Kind. Silence neben ihr, streckte den Hals empor und sah ebenfalls in den Himmel, als ob sie dort das Ende des Turmes sehen konnte.
„Dieses merkwürdige Gebilde hat keinen Namen: man nennt ihn einfach nur „Der Turm“ und genauso wie dessen Name unbekannt ist, ist auch der Sinn und Zweck, wie auch Ursprung völlig unbekannt. Es gibt natürlich etliche Gerüchte darüber, unter anderen die Sache mit den Leichen.“ Silence grinste Green an, da diese für einen kurzen Augenblick gedacht hatte, dass dies der Wahrheit entsprach.
„Die Wächter und auch einige Dämonen meinen, dass der Turm der Pfeiler der Dämonenwelt ist und angeblich würde die Welt auseinander brechen, würde man diesen Turm zerstören. Betonung liegt auf, angeblich. Angeblich also. So langsam hatte die Hikari das Gefühl, dass alles bei den Dämonen auf Spekulationen und Aberglaube basierte. Und in so einer Welt hatte Gary es überlebt, wo er doch für Daten und Fakten lebte und atmete?
Gerade als Green antworten wollte, drehte Silence sich von ihr weg, als hätte sie ein Blitz getroffen. Umgehend folgte Green ihrem Beispiel und bemerkte nur nebenbei, wie sich ihr Herz beschleunigte – Sibi, Gary?
„Silence, was…“, fragte Green als sie nichts Ungewöhnliches entdecken konnte, außer einer Prügelei einige hundert Meter weiter.
„Du bleibst hier, Green, beweg dich vom Fleck und du wirst deinen Familienmitgliedern im Jenseits schnell Gesellschaft leisten!“ Und kaum, dass Green protestieren wollte, löste sich Silence bereits in Luft auf und hinterließ eine einsame Hikari in der Dämonenwelt.
„Okay… ich machs mir dann solange gemütlich.“


Dort ging sie. Er musste ihr Gesicht nicht sehen, er musste nicht ihre Haare sehen, die unter der schwarzen Kapuze verborgen lagen um zu wissen, dass es sich um Green handelte. Er sah sofort, dass dieses Wesen nicht aus dieser Welt stammte, dazu benötigte er nicht einmal ihre Aura, die er nicht spüren konnte. Es war ihr simples Dasein, welches ihm bewusst machte, wer sie war. Die Art wie sie ging, die Art wie sie einen Fuß vor den Anderen setzte. Wachsam, weil sie sich der Gefahr in der sie schwebte wohl bewusst war. Green ging dennoch mit erhobenem Kopf, genauso wie er sie kannte… und er wollte, dass es so blieb. Für immer.
Das hatte er sich geschworen.
Egal wie oft sie fallen würde… sie müsse immer wieder aufstehen und mit erhobenem Kopf ihren Weg gehen.
…Egal welch schmerzhaftes Opfer er dafür bringen musste.
Der Halbdämon ging ein wenig zügiger, womit er schnell hinter ihr stand.
Green blieb stehen. Sie hatte ihn bemerkt… Genau wie er gewusst hatte, dass sie es war ohne hinzuschauen, wusste auch sie wer hinter ihr stand ohne sich umzudrehen.

Immerhin liebten sie sich.