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Episode 10:
  Episode 10: Gary Ookido und Green Najotake I
Ryô gefiel die momentane Lage nicht, denn es war eine Lage in der er sich normalerweise nicht befand: er war alleine. Nicht, dass er Grey verloren hatte, aber auf seinen Antrieb hin, hatten sie sich getrennt um so effektiver nach dem Gegengift für Tinami zu suchen. Natürlich hatte Ryô protestiert, natürlich wollte er an Greys Seite bleiben, aller Vernunft zum Trotze, denn sie hatten nicht mehr viel Zeit und das Gegengift musste gefunden werden – eine zweite Chance würden sie nicht bekommen. Das waren Greys Worte gewesen, doch er hatte wohl bemerkt, dass es Ryô nicht besonders behagte, seinen Herren alleine zu lassen, denn er hatte mit einem Lächeln gesagt: „Bitte zwing mich nicht, es dir zu befehlen. Tu mir einfach den Gefallen, ja, Ryô?“. Es war unmöglich dem zu widersprechen, vielleicht war es sogar wirksamer als jeglicher Befehl.
Das Glück schien allerdings auf der Seite des Tempelwächters zu sein, denn er hatte das Gegengift bereits in seiner Tasche verstaut: natürlich nur wenn er annahm, dass es das echte war, in der Welt der Dämonen konnte man immerhin nie wissen. Vielleicht hatte Grey auch dies im Hinterkopf gehabt, als er vorgeschlagen hatte, dass sie sich trennen sollten – zwei Gegenmittel waren besser als eins. Es war für Ryô nicht besonders schwer gewesen, an das Gegengift zu gelangen und er hoffte, dass es Grey genauso ergangen war. Ryô hatte einen Händler gefunden, der eine enorme Auswahl an verschiedener Gifte und Gegengifte im Sortiment hatte und da es in der Dämonenwelt keine geltende Währung gab, war jeder Erwerb nichts anderes als ein Tauschhandel. Das war ein unschlagbarer Vorteil für Ryô, da er dies im Hinterkopf gehalten hatte, immerhin besaß er die Schlüssel zur Vorratskammer des Tempels, welche natürlich einen enormen Umfang hatte, gefüllt mit tausenden von verschiedenster Köstlichkeiten und exotischen Herrlichkeiten: ein wahrer Festschmaus für das bloße Auge. Aber es in diesem Fall handelte es sich nicht ums Essen, sondern um die Getränke. Da Wächter schon vor enorm langer Zeit jegliches Einnehmen von Alkohol verboten hatten (außer zu medizinischen Zwecken), besaß der Tempel natürlich keinen eigenen Weinkeller. Aber schon seit je her benötigten Tempelwächter Wein als Zutat – was nicht verboten war, da der Alkohol beim Kochen seinen Effekt verlor und natürlich konnte man sich vorstellen, dass selbst der Wein, der nur als Zusatz diente, nicht einfach irgendein Wein war: für die Hikaris gab es nur das Beste, keine Frage, dass die Tempelwächter da einen Wein auswählten, der über Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte, gereift war. Auf solch kleine Details mussten Tempelwächter achten und sei der Tropfen nur noch so klein und noch so unwichtig in einem Mahl. Für die Hikaris nur das Beste vom Besten. Und eben dieses Beste, schien der Gifthändler äußerst erstrebenswert zu finden; seine grellgrünen Augen hatten regelrecht geleuchtet als er die Flasche Rotwein aus dem Jahrgang 1978 in den Händen hielt, denn Dämonen mochten natürlich Alkohol (auch wenn dieser so gut wie keinen Effekt auf sie ausübte). Sie mochten es so sehr, dass sich kurzerhand ein Kampf um das Erhalten des Rotweines entwickelte, dem Ryô schnell aus dem Weg ging, indem er sich wieder aufmachte Grey zu suchen: er sah jedoch nicht Grey von weiten, sondern dessen Schwester.



Green wusste sie hatte Gary gefunden, oder eher: er hatte sie gefunden. Er stand hinter ihr… Wenn sie ihren Atem anhielt konnte sie seinen hören. Doch hatte sie wirklich Gary gefunden? Denn, warum drehte sie sich nicht herum, warf sich nicht in seine Arme? Hatte sie etwa immer noch Angst? Nein, hatte sie nicht. Sie war in diese Welt gekommen, um ihm zu beweisen, dass sie keine Angst hatte – dass sie ihn liebte… egal wer oder was er war.
Green schloss die Augen und während sie sich umdrehte zog sie ihre Kapuze von ihrem Kopf, womit ihre Haare wieder freigegeben waren.
Der Halbdämon vor ihr sah anders aus als früher. Aber es war unzweifelhaft Gary. Er trug eine Uniform, welche für sie fremd war. Ein dunkelgrünes Oberteil, welches unter einer schwarzen Jacke lag. Sie stand ihn, dennoch störte es Green.
Green reagierte kaum als sie in seine Augen sah. Es war das Schlimmste gewesen, worauf sie sich in diesem Monat hatte vorbereiten müssen, aber sie hatte es befürchtet und dies war jetzt bestätigt worden, auch wenn Green darauf vorbereitet war, es gab ihr dennoch einen Stich in ihrem Herzen, dass sie nach so einer langen Zeit der Trennung nicht in seine grünen Augen sehen konnte.
Seine Augen waren dunkelrot. Genau wie in ihrem Traum damals…
Dennoch konnte Green sich nicht gegen den übermächtigen Drang in ihr wehren. Sie streckte die Arme nach ihm aus und hatte schon den Abstand zwischen ihnen überwunden. Fest drückte die Hikari sich an den Dämon, als würde sie befürchten, dass er sich gleich wieder auflösen würde. Gary schien es jedoch genauso zu ergehen, da er sie, nach kurzem Zögern, ebenfalls fest in die Arme schloss.
„Endlich…. Endlich sind wir wieder eins.“
Lange stand das ungleiche Paar nur da und sagte nichts. Sie hörte seinen Herzschlag, der regelmäßig an ihr Ohr pochte, spürte seinen Atemzug an ihrer Haut… genau wie er spürte, wie das Blut durch ihren Körper floss und ihn belebte. Es schien ihm nicht genug zu sein, sie nur in den Armen zu halten, da er nun auch seine Finger durch ihre Haare gleiten ließ, während er sie nach wie vor mit der anderen Hand festhielt. Natürlich, genoss Green diesem Moment der Zweisamkeit, doch es beunruhigte sie auch, denn in seiner Art lag eine gewisse Verzweiflung, als wäre es das letzte Mal, dass sie diese Intimität teilen könnten, es wäre es das letzte Mal, dass sie sich berühren könnten…
Doch irgendwann unterbrach er die Stille, ohne deren Zweisamkeit aufzulösen.
„Was machst du hier, Green?“
„Was für eine dumme Frage. Ihr seid so plötzlich verwunden! Glaubst du, ich vergesse euch einfach und lebe weiter als wäre nie etwas geschehen?“
„Aber was hast du nun vor?“ Green hob den Kopf.
„Ich werde euch wieder mitnehmen!“ Er hob die Augenbraue, anscheinend eher belustigt als verärgert.
„Und wenn wir nicht wollen? Wir sind freiwillig hier, wir sind nicht entführt worden, falls du das denken solltest.“ Green zuckte zusammen, als wären seine Worte hart ausgesprochen gewesen, doch er hatte sie eher ruhig und sachlich gesagt.
„Ich verstehe das alles nicht…“
„Du willst es nicht verstehen.“ Wütend funkelte Green ihn an, während ihre Finger sich in sein Oberteil krallten.
„Dann erklär es mir!“ Einfach, als hätte Green keinerlei Stärke, löste er sie von seinem Oberteil.
„Das werde ich. Aber nicht hier.“ Damit nahm er Greens Hand und führte sie einer gewundenen Gasse entlang. Sie protestierte nicht und ließ sich bedingungslos durch diese Welt führen – und das obwohl sein Griff alles andere als zärtlich war. Er zerrte sie hinter sich her, als wäre sie ein lästiges Anhängsel. Erst nach einer recht langen Zeit wurde es ihr zu bunt.
Green riss ihre Hand zu sich um sich damit aus seinem Griff zu befreien. Gary blieb stehen und wandte langsam den Kopf zu ihr herum. Seine roten Augen fixierten Green, die sich zwang den Blick nicht abzuwenden. Sie wusste, sie musste jetzt stark sein. Sie musste beweisen, dass sie keine Angst vor ihn hatte und vor allen Dingen: Dass sie sein Blut akzeptierte.
Die Hikari schloss ihre Finger zu Fäusten zusammen und sagte:
„Gary! Ich bin hergekommen um mit dir zu reden! Nicht um mich von dir herumschleifen zu lassen!“ Seine Augen lösten sich von ihr und sahen sich um, als würde er deren Gegend untersuchen. Sie waren alleine. Alleine in einer, für sie, fremden Welt, in irgendeiner dunklen gassenähnlichen Umgebung, wo nur von weiten Stimmgewirr zu hören war.
„Gut. Lass uns reden.“ Green war froh über diese Worte, sie passten zu Gary. Weniger froh war sie allerdings als er sie ohne zu warnen auf die Knie beförderte und sich ihr gegenüber setzte, als hätte er sie zum Teetrinken eingeladen. Dennoch, Green wollte sich nicht beschweren. Ohnehin waren ihre Beine langsam schwer geworden.
„Also... Ich...“ Weiter kam sie schon nicht.
„Bevor du fortsetzt Green, will ich dich etwas fragen.“ Fragend sah sie ihn an, nickte jedoch. Sie konnte immerhin nicht wissen, was ihr Nicken für Konsequenzen mit sich brachte...
Gary sah sie an, sah direkt in ihre Augen.
„Seitdem du weißt, dass Silver und ich Dämonen sind, hast du dich da nie gefragt, warum wir in der Menschenwelt waren?“


Im gleichen Moment wo Gary Green gefunden hatte, hatte auch Ryô die Hikari ausgemacht, doch hatte sich, aus Gründen der Diskretion, auf Abstand gehalten, da er das Wiedersehen nicht stören wollte. Von weiten hatte er beobachtet, wie die beiden sich umarmt hatten und reagierte erst, als Gary Greens Hand genommen hatte um sie fortzuführen. Sollte er ihnen folgen? Er wusste, dass er sie vielleicht stören könnte, aber irgendetwas sagte ihm, dass es besser war in der Nähe seiner Hikari zu bleiben: er hatte ein ungutes Gefühl bei der Sache und falls er sich geirrt hatte, konnte er sich immer noch entfernen, war immerhin ein Tempelwächter und somit war es seine Domäne sich so zu bewegen, dass er nicht auffiel.
Daher machte er sich auf dem ungleichem Paar hinter her zu gehen, immer darauf bedacht einen großen Abstand zu ihnen zu halten und schnell wurde ihm bewusst, dass sein sechster Sinn ihn vielleicht wirklich nicht getäuscht hatte: die Art wie Gary sie hinter sich her zerrte wirkte alles andere als liebevoll…
„Da scheint sich aber jemand verirrt zu haben.“ Umgehend drehte Ryô sich herum, als er diese, für ihn nicht unbekannte, Stimme hörte und sah Siberu vor ihn stehen, einige Meter von ihm entfernt, die Arme hinter seinem Rücken verschränkt, in einem schwarzen Ärmellosem Oberteil gekleidet, mit langen Handschuhen und recht zufriedenen Grinsen, als würde er sich freuen, Ryô zu sehen. Zwar waren sie nicht gerade beste Freunde, aber als seinen Feind hatte der Tempelwächter ihn eigentlich nicht mehr angesehen, nachdem ihm bewusst wurde, dass Green ihn als ihren Freund ansah. Das eine Mal wo er ihn angegriffen hatte und wo Siberu die Narben an seinen Handgelenken herhatte, sollte eigentlich das letzte Mal gewesen sein… warum hatte Ryô jetzt das Gefühl, dass es nicht bei diesem einem Mal bleiben würde?
Ryô sah über die Schulter zurück um zu sehen wie weit Green und Gary von ihnen entfernt waren, doch er konnte sie schon nicht mehr ausmachen; sie hatten sich irgendwo zwischen den Gassen und Winkel der Dämonenwelt verloren.
„Wir sollten sie in Ruhe lassen. Sie haben viel zu bereden.“
„Es ist meine Aufgabe sie zu beschützen“, antwortete Ryô sofort, obwohl er sich selbst nicht erklären konnte, warum er sofort annahm, dass Green überhaupt Schutz benötigte, es war sein Unterbewusstsein als Wächter welches ihn sagte, dass er seiner Hikari lieber folgen sollte.
„Und es ist meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sie nicht gestört werden. Wenn nötig mit Gewalt.“
„Soll das heißen sie schwebt in Gefahr?“, fragte Ryô ohne Greens Namen zu erwähnen, falls die Wände vielleicht doch Ohren hatten, denn die Straße war verlassen und man konnte ja nie vorsichtig genug sein. Aus eben diesen Grund bewegten sich Ryôs Hände langsam in Richtung seines Schwertes, nur um schnell heraus zu finden, dass er nicht vorsichtig genug gewesen war: Das Schwert war nicht mehr an seiner Hüfte.
Geschockt sah er an eben dieser herab, nur um schnell von Siberus Lachen unterbrochen zu werden, ein schadenfrohes und recht böses Lachen, welches von seinem überheblichen Grinsen unterstrichen wurde, als Ryô aufsah.
„Man sollte seine Wertgegenstände in der Welt der Dämonen immer gut im Auge behalten, ansonsten kann es sein, dass sie einem… abhanden kommen!“, sagte Siberu, während er Ryôs Schwert in seiner Hand hin und her wiegte, ehe er es in den Boden rammte und einen Fuß darauf stellte, als hätte er so eben seinen Erzfeind besiegt.
Ryô reagierte auf diese offensichtliche Provokation nicht, er war zu beschäftigt damit die momentane Lage zu analysieren. Siberu wollte ihn davon abhalten zu Green zu gelangen, offensichtlich durch einen Kampf, wenn Ryô nicht freiwillig aufgab, mit anderen Worten seine Hikari war in Gefahr – und wie ein jeder andere Wächter dachte Ryô jetzt eher daran, wie er zu ihr gelangen konnte, anstatt um seine eigene Sicherheit besorgt zu sein. Die Fragen warum und wieso all das hier geschah, waren im Moment unwichtig; es musste gehandelt werden.
„Aber ich sag dir was“, fing der Halbdämon an, ohne seinen Fuß wieder auf den Boden zu setzen.
„Du solltest dir keine Gedanken mehr um Green-chan machen, sondern dich um dich selbst kümmern. Denn ich habe noch eine Rechnung bei dir. Und ich mag keine offene Rechnungen, weißt du?“ Gleichzeitig mit diesen Worten hatte Siberu das Schwert aus dessen Scheide gezogen und im gleichen Moment wo Ryô sein eigenes Spiegelbild in der Klinge des Schwertes sah, schoss im plötzlich ein Gedanke durch den Kopf, ein Gedanke der ihn sofort dazu brachte, zu bereuen:

„Ryô, ich finde du solltest eine Waffe bekommen, die auf dich zugeschnitten ist, damit kein Dämon dir die Waffe entwenden kann um sie gegen dich einzusetzen.“
Natürlich hatte Ryô abgelehnt. Wozu brauchte er schon eine Waffe die extra auf ihn zugeschnitten war… und warum sollte ein Dämon einem Tempelwächter die Waffe wegnehmen um sie gegen ihn anzuwenden? Pure Verschwendung…
Vielleicht wäre es besser gewesen, hätte Grey seinen besten Freund auch dieses Mal überredet.

Genau dies schoss dem Tempelwächter durch den Kopf, als er das breite von Boshaftigkeit gezeichnete Grinsen Siberus vor sich sah, einen Moment ehe er bereits von Schmerz gelähmt war, da Siberu Ryôs Schwert dazu missbraucht hatte, dessen Besitzer eine horizontale Wunde unterhalb des Oberkörpers zuzufügen, nicht tödlich, aber tief genug um genug Blut heraus spritzen zu lassen, dass Ryô einem kurzen Moment schwarz vor Augen wurde. Allerdings nur einen kurzen Moment, ehe der stechende Schmerz ihn zurück ins Bewusstsein riss, als Siberu ihn mit dem Knie zu Boden drückte; mit der Kniescheibe direkt auf seine Wunde platziert, so dass das Blut nur so empor strudelte.
„Keine Sorge, ich bring dich nicht um.“ Ryô war so auf den Schmerz fixiert, dass er weder die Worte des Halbdämons vernahm, noch wie sich allmählich Zuschauer um sie herum sammelten: anscheinend von Ryôs Blut angelockt. Sie hielten sich auf Abstand, einige belustigt, andere gelangweilt, sahen sie einfach nur zu, als wäre es ein Theaterstück.
Siberu beugte sich zu Ryô herunter, während er seinen Handschuh auszog und damit sein gebrandmarktes Handgelenk entblößte, welches er dem Tempelwächter vor dem Gesicht hielt.
„Ich werde es dir nur heimzahlen!“
Mit diesen Worten wandte sich Siberu von dem blutenden Tempelwächter ab und sagte irgendetwas an die Umstehenden gerichtet. Wäre Ryô nicht vom Schmerz gelähmt, hätte er gesehen wie zwei der weiblichen Zuschauer, sofort auf Siberus Worte hin dazu aufmachten zu ihm zu gelangen. Die eine von ihnen schien Siberu jedoch alleine helfen zu wollen, denn sie schlug die andere nieder, ehe sie bei dem Rotschopf ankam. Nachdem sie ein zwei Worte gewechselt hatten, packte die Dämonin die Hände des Tempelwächters und streckte diese hinter Ryôs Kopf aus. Als sie seine Ärmel herunter riss um seine Handgelenke zu entblößen, wurde Ryô auf einmal klar, was Siberu vorhatte…
Der Tempelwächter versuchte verzweifelt sich zu wehren, seine Hände aus dem Griff der Dämonin zu befreien, doch zu stark war sie, zu schwach war er – und zu nah war blitzende Klinge, die Siberu über seinen Kopf hielt.
In dem Moment wo die Klinge sich senkte, erstarben Ryôs Proteste, denn er wusste, es war zu spät. Der grinsende Halbdämon würde seine Hände abharken. Nein, viel schlimmer:
Er würde Ryôs Leben als Tempelwächter beenden.

Grey!

Im gleichen Moment wo Grey zwischen dem Getümmel der Dämonen auftauchte, war es bereits zu spät: Ryô hatte kein Gefühl mehr in den Händen, denn sie lagen blutend im Sand. Ohne jeglichen Gesichtsausdruck starrte der Tempelwächter in den roten Himmel, achtete nicht auf seine Umgebung, achtete nicht auf das Blut welches aus seinem Körper heraus floss, achtete nicht auf die Dämonen die sich neugierig um ihn versammelt hatten, sein Schwert ansahen, welches senkrecht neben ihn in den Boden gerammt war, sich über seine Haarfarbe wunderten oder ihm einfach nur beim verbluten zusahen, sich bewusst, dass er sowieso nicht mehr kämpfen konnte.
Ryô hatte auch Grey nicht bemerkt, der sich seinen Weg durch die Schaulustigen bahnte, mit gezückten Schwert, bereit dafür zu kämpfen, dass ihm der Weg frei gemacht wurde. Als er jedoch kampflos vor Ryô ankam, konnte er einen Moment lang nichts anderes tun, als seinen am Boden liegenden besten Freund entsetzt anzustarren, der seinen Blick nicht einmal erwiderte, es nicht einmal bemerkt hatte; genauso wenig wie Grey bemerkte, wie zwei der Dämonen ihn etwas zu fragen schienen. Das Einzige woran der Windwächter momentan dachte, war wie er Ryô wegbringen konnte, wie er ihm helfen konnte, ohne die Umstehenden womöglich noch zu weiteren Gräueltaten zu inspirieren. Die meiste Aufmerksamkeit schien auf dem Schwert zu liegen – und womöglich würde nicht viel Zeit vergehen ehe sie bemerken würden, dass das Schwert von einem Wächter geschmiedet wurde. Dazu benötigte es nur jemanden, der sich ein wenig mit solchen Materialien auskannte um festzustellen, dass dieses Material typisch war für Wächterwaffen – und dann würden sie erst recht nicht zulassen, dass Grey Ryô half.
Daher war er Recht schnell darin, sich zu Ryô herunter zu beugen, die Fragen nicht zu beachten, als er den Tempelwächter auf den Rücken nahm und sich und seinen Freund eiligst davon zu teleportieren.
Da er sich in dieser Welt nicht auskannte, blieb ihm nichts anderes übrig als einen Ort zu wählen, den er bereits besucht hatte und so wählte er den Eingang von Lerenien-Sei. Dort angekommen, verließ er mit dem blutenden Ryô auf dem Rücken, sofort die Handelsstraße und versteckte sich hinter einer Ansammlung von Felsen, wo er seinen Freund sachte ablegte.
Nur einen Moment sah er seinen besten Freund besorgt an, ehe er handelte, da jede Minute entscheidend sein konnte für Ryôs Leben. Als er jedoch gerade die Verbandsrolle aus seiner Tasche nahm, fiel ihm auch das kleine Gefäß in die Hände, in dem die drei Kugeln lagen, die seine Kräfte entsiegeln würden. Wenn er seine Wächterkräfte entsiegeln würde, könnte er seine Heilmagie benutzen – diese wäre viel effektiver als ein läppischer Verband, allerdings wäre das Benutzen von Lichtmagie äußerst riskant, er würde sofort lokalisiert werden.
Aber wer garantierte ihn, dass ein Verband Ryô vor dem Verbluten schützen konnte? Er hatte eine Schnittwunde und zwei offene klaffende Löcher!
Nein, das Risiko war zu hoch… zu hoch, dass Ryô es ohne Heilmagie nicht überstehen würde.
Und um nichts in der Welt wollte Grey seinen besten Freund verlieren!
„… Nein… bitte tut das nicht…“ Der Angesprochene sah überrascht auf gerade als er den Deckel der Flasche geöffnet hatte und sah besorgt zu seinem Tempelwächter, der endlich wieder einen Ausdruck im Gesicht hatte: einen flehenden, schmerzverzerrten Ausdruck und… waren das Tränen in seinen Augen?
Grey war sprachlos, er wusste nicht was er sagen wollte, obwohl ihn so viel durch den Kopf schoss: er konnte sich nicht entscheiden, was von all diesen Dingen er sagen wollte.
„…tut das nicht, nicht für mich… Hikari-sama… Eure Schwester… sie ist in Gefahr! … Ihr müsst ihr helfen…“ Mit Schmerz, inneren Schmerz, bemerkte der Tempelwächter sofort wie Greys Gesichtsausdruck sich veränderte, wie seine Sorgen sich verlagerten, wie Ryô unwichtiger wurde, wie Green sich in den Vordergrund schob.
„Was ist mir ihr?!“ Oh, wie es schmerzte, oh, wie es sein Herz zerriss. Wie war es möglich, dass er diesen Schmerz überhaupt noch spüren konnte, wo sein Körper doch förmlich in Flammen stand vor Pein?
„…Die Halblinge… haben sie mitgenommen… als ich versucht habe… sie daran zu hindern… hat der Jüngere mich angegriffen… ich weiß nicht, was sie mit ihr vorhaben… aber es schien… nichts Gutes zu sein.“ Wieder antwortete Grey nicht, zu viele Gedanken kreuzten sich in seinem Kopf, verschlangen sich zu einem festen Knoten, wie deutlich Ryô es doch sehen konnte!
„… Geht, Grey-sama…“, versuchte Ryô mit einem Lächeln zu sagen, ihm die Bürde zu erleichtern, doch die verräterischen Tränen rannten an seinem Gesicht herunter und vermischten sich mit seinem Blut.
„…Lasst mich hier. Opfert nicht Eure Magie… nicht für mich. Bringt… euch nicht meinetwegen in Gefahr…“ Als er Greys geschockten Gesichtsausdruck sah, unterbrach er ihn sofort, als Grey schon widersprechen wollte:
„Geht!“, versuchte Ryô mit fester Stimme zu sagen, obwohl der Schmerz bereits seine Stimme verzerrte.
„Bitte, bitte tut mir den Gefallen! Nur… nur dieses eine Mal! Ich will…. Ich will nicht, dass ich…“ Er wollte nicht, dass er der Grund war, weshalb Grey die Person verlieren würde, die er doch so sehr liebte. Ryô wollte nicht auf ewig mit dem Gewissen leben, dass, wenn Grey ihm nicht geholfen hätte, Green dann noch leben könnte. Ryô würde den Gedanken, dass er die Schuld an Greys Traurigkeit hatte, nicht verkraften können…
Doch er konnte es ihm nicht sagen, genauso wenig wie er ihm sagen konnte, dass der Schmerz über die Tatsache, dass er nicht mehr an Greys Seite bleiben konnte – egal ob er es überleben würde oder nicht, dass dieser Schmerz viel schlimmer war, als sein körperlicher Schmerz.
„Ryô… was redest du da, ich kann dich doch unmöglich hier liegen lassen!“ Wenn er in der Lage gewesen wäre es zu tun, dann hätte Ryô Grey versucht wegzuschieben, ihn in die richtige Richtung zu schieben, doch er hatte keine Hände mehr um dies zu tun und schmerzlich sah er ein, dass er nichts anderes mehr war als ein nicht zu gebrauchender Krüppel.
Der Tempelwächter atmete tief durch, spürte, wie der Atemzug ihm schwer fiel, wie weh es tat und sah seinen besten Freund entschlossen, aber auch ermutigend an und die bernsteinende Farbe seiner Augen konnte Grey wieder klar erkennen, als Ryô zum ersten Mal von Freund zu Freund mit ihm sprach:
„Grey, tu es, ich bitte dich.“ Diese Worte brachten Grey dazu ihn entsetzt anzustarren, entsetzt, weil ihm durch diese Worte bewusst wurde, wie ernst es um Ryô stand, wie ernst es ihm war, dass Grey zu Greens Rettung eilte und dass er ihm diesen Wunsch nicht verwehren konnte: den ersten Wunsch den Ryô von Freund zu Freund ausgesprochen hatte.
Die Schritte die er gehen musste waren schwer; zu schwer. Seine Füße waren wie aus Blei, als er sich langsam von seinem Freund entfernte, ihn zurück ließ, zum Sterben verdammt…
Grey legte die Hand auf den Felsen, als könnte er sich selbst nicht mehr halten, während er sich zwang weiter zu gehen – warum teleportiere er sich nicht einfach?
Weil er stehen blieb. Weil er stehen bleiben musste.
„Tut mir Leid, Ryô.“


„Warum fragt ihr mich das alle?“ Greens Mundwinkel zuckten und verformten sich langsam zu einem steifen Lächeln, während ihre Augen langsam zu flackern begannen.
„E-Es ist mir egal warum ihr in Japan wart! Alles was zählt ist, dass wir uns g-getroffen haben, dass... das wir Eins geworden sind! Du, Sibi und ich! Hauptsache ihr seid da! Dann ist mir alles andere egal!“ Greens Stimme hatte einen flehenden Unterton angenommen, welches von ihr absolut nicht geplant war. Sie wollte ihn nicht darum anflehen zurückzukommen, doch ihr Körper schien von alleine darum zu betteln – darum zu betteln, dass Gary dieses Thema nicht weiter ausführte.
Die Hikari zuckte dieses Mal nicht zusammen, als er seine Hand an ihre Wange legte. Sie war rauer als vor einem Monat. Sandiger, härter…
„Weil du vor der Wahrheit davon läufst.“ Sie antwortete nicht. Wahrscheinlich weil sie wusste, dass er Recht hatte. Aber dennoch: Green wollte es nicht wissen und sie musste sich so hart auf die Lippen beißen, dass es schmerzte um so zu verhindern, dass sie nicht doch darum flehte. Ihr Widerwille war scheinbar offensichtlich, denn er sagte, begleitet mit einem Lächeln, welches Green nicht in der Lage war zu definieren, denn es passte nicht zu ihm:
„Ich werde dir die Wahrheit erzählen, ob du es willst oder nicht, Green. Denn das ist ein Teil davon. Es ist sozusagen das letzte Glied des Ganzen.“
„...Wovon redest du?“
„Ich rede von dem Auftrag den Silver und ich seid mehr als fünf Jahren verfolgen. Wenn du mir immer noch etwas zu sagen hast, wenn du die Wahrheit erfahren hast, dann bin ich gewillt dir zuzuhören.“
„Green!“ Die Angesprochene wirbelte herum, als sie die Stimme ihres Bruders hörte. Garys Hand rutschte dabei von ihrer Wange, doch das war nicht der Grund für ihr entsetztes Gesicht.
Sie erkannte bereits von weiten, dass auf Greys Kleidung Unmengen von Blut klebte, doch wie ihr schnell klar wurde, war es nicht sein Blut: Ryô lag ohne Bewusstsein auf seinem Rücken. Von weiten konnte sie nicht ausmachen, was mit ihm geschehen war und in welchen Zustand er war… doch das was sie sah, reichte aus, um das Entsetzen in ihr auszubreiten; Entsetzen und Angst.
„Grey... was ist mit Ryô?!“ Die Antwort auf diese Frage bekam die Lichtwächterin nicht von ihrem Bruder, sondern von der vierten Person im Bunde, die gerade wie aus dem Nichts zwischen ihnen aufgetaucht war; Gary und Green den Rücken zu gewandt. Er grinste sie über der Schulter hinweg böswillig an.
„Sagen wir, Green-chan, er und ich sind jetzt Quitt.“ Wieder kam Green nicht dazu ihren Schrecken über seine Worte auszudrücken, denn Grey setzte darauf an zu ihr zu gelangen, als er Ryô sanft auf den Boden abgelegt hatte. Doch Siberu hielt ihn auf, in dem er sich in Angriffsposition vor ihm stellte. Er sagte nichts, sondern grinste seinem Gegenüber nur weiterhin an.
„Aus dem Weg!“, sagte Grey wütend.
„Komm, Green. Wir haben etwas zu bereden.“ Die Angesprochene wandte sich von Siberu und ihrem großen Bruder ab und sah Gary verwirrt an. Seine Worte wollten so gar nicht in das momentane Scenario herein passen. Sah er denn nicht, was passieren würde, wenn niemand die Beiden aufhielt?!
Green schüttelte nur den Kopf und sah wieder zu den beiden Anderen.
„Oh, was willst du denn machen, wenn ich nicht weggehe? Willst du mich angreifen? Ohne Magie? Du weißt was passiert, wenn du deine Windmagie benutzt... Dann ist es nicht mehr eins gegen eins, sondern eins gegen, och sagen wir, ziemlich viele!“ Man sah Grey an, dass er sich der misslichen Lage bewusst war, nicht nur an seinen zusammengeballten Fäusten, sondern an seinem Gesichtsausdruck. Dennoch wirkte er nicht als ob er nachgeben würde. Green hörte seine Antwort nicht, da Gary wieder dazwischen redete:
„Also, Green, bist du bereit mir zuzuhören?“
„Nein! Verdammt nochmal! Ihr beide seid doch komplett von Sinnen!“, antwortete Green mit erhobener Stimme und wollte gerade aufstehen, doch Gary packte ihr Handgelenk so brutal, dass sie aufstöhnte. Mit finsteren Augen sah sie ihn an und befahl:
„Lass mich los!“
„Sei dir deiner Lage bewusst, denn du befindest dich in derselben wie dein Bruder. Du bist nicht in der Position dich zu wehren, Green. Dein einziges Mittel zur Gegenwehr ist deine Lichtmagie... und die kannst du nur gegen das Risiko einen Krieg auszulösen anwenden.“ Er sah ihr an, dass ihre Gegenwehr nach diesen Worten nachließ, scheinbar wurde es ihr erst jetzt vollends bewusst. Gary stand auf, hielt ihr Handgelenk jedoch immer noch unten. Er richtete sein Wort an Grey.
„Wir haben nicht im Sinne weder dich noch Green zu töten. Wenn du dich ruhig verhältst, muss nichts passieren. Wenn du unser Gespräch allerdings stören willst, dann wirst du die Konsequenzen zu spüren bekommen.“
„Und was ist mit Ryô?! Was hat er verbrochen!?“
„Wen interessiert schon ein Tempelwächter.“ Siberu kicherte, während Green Gary ungläubig anstarrte und zitternd seinen Namen über die Lippen brachte. Damit wurde er wieder auf sie aufmerksam. Seine Mundwinkel zuckten, als er sie an sah. Doch er tat es nicht und Green war froh darüber. Das gemeine Lächeln passte nicht zu Gary. Nicht zu ihrem...
„Silver, du weißt was du zu tun hast.“