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Episode 11
  Episode 11: Gary Ookido und Green Najotake II
Green wusste nicht was sie tun sollte. Sie wusste nur, dass sie kein Gespräch mit Gary führen wollte – zum ersten Mal. Es war das erste Mal, dass sie Angst davor hatte mit ihm zu reden. Sie hatte so panische Angst vor seinen Worten, vor der sogenannten Wahrheit, dass sie sich am liebsten die Ohren zugehalten hätte. Aber warum? Warum spürte sie, nein wusste sie, dass dies alles verändern würde... alles zerstören würde... wofür sie lebte... weshalb sie lebte... Der Grund weshalb der Mensch „Green Najotake“ überhaupt existieren konnte.
„Also, Green... lass mich am Anfang anfangen. Bei unserer ersten Begegnung. Nein, noch weiter in die Zeit zurück...“ Gary hatte sich wieder zu ihr herunter begeben. Es sah beinahe gemütlich aus, wie er da vor ihr hockte, den Ellbogen auf seinem Knie abgestützt; den Blick unaufhaltsam auf Green gerichtet. Dennoch wirkte es so, als würde er sie nicht sehen, sondern durch sie hindurch.
„Es war allgemein bekannt, dass irgendwo in der Menschenwelt eine Hikari versteckt gehalten wurde. Es war die Hauptaufgabe aller Halbdämonen und Mischlinge diese zu finden und sofort Bericht zu erstatten, da man befürchtete, dass diese Hikari eine große Gefahr für uns darstellte. Immerhin war sie doch die Tochter Whites und da die Hikari aus ihr so ein großes Geheimnis machten, wurde angenommen, dass sie die Trumpfkarte der Wächter war. Niemand konnte ahnen, dass du genau das Gegenteil warst, Green. Niemand wusste, dass du von den Hikari als unrein gebrandmarkt worden bist.
Du siehst also, du warst ein begehrtes Ziel.“
Siberu und Grey hatten beide vergessen, dass sie sich eigentlich herausfordernd gegenüber standen: beide wollten hören, was hinter ihnen geschah, beide waren erpicht darauf die Wahrheit zu hören: ganz im Gegenteil zu Green. Für den Notfall, hatte Grey Ryô vorsichtig abgelegt und ihn an einer Mauer abgesetzt; nicht weit von ihm entfernt.
„Und ich war es der dich fand“, fuhr Gary fort als wäre er ein Geschichtenerzähler.
„Es war pures Glück. Denn weißt du, wo ich dich das erste Mal sah? Ein kleiner Tipp: Es war nicht das Klassenzimmer.“ Green schüttelte den Kopf, da sie sich nicht im Entferntesten vorstellen konnte wovon er sprach, wahrscheinlich weil sich ihr Gehirn immer noch quer stellte.
„Es war in Deutschland.“ Green zuckte unbewusst zusammen. Sie wollte nicht daran denken, wollte nicht wieder das Mädchen vor ihren Augen sehen, welches so schwach und zerbrechlich im Schnee lag, alleine und verlassen…
„Ich erinnere mich noch sehr genau daran. Es war immerhin ein Meilenstein meines Lebens“; sagte Gary mit ironischem Unterton, welcher für Green nicht nachvollziehbar war.
„Ich sah dich auf dem Flughafen. Zur Abwechslung war ich alleine unterwegs, da Silver sich lieber teleportiert, als mit dem Flugzeug zu reisen. Weißt du, ich fliege gerne mit dem Flieger. Man kann dann fast vergessen, dass man nicht darauf angewiesen ist. Silver mag mich dafür auslachen, aber damals war es mein Glück. Denn auf dem Berliner Flughafen traf ich dich. Zuerst beachtete ich dich nicht – wer warst du auch schon? Ein Mädchen in meinem Alter, mit Zöpfen und leeren Augen. Ich bemerkte nicht, dass du dich, genau wie ich, von den Menschen um uns unterschiedest. Das bemerkte ich erst, als wir auf dem Weg zum Flieger waren. Weißt du noch, was dann passierte?“
Ja, sie wusste es. Es fiel ihr plötzlich wieder ein: Eine kleine banale Sache, ein kleines Versehen…
„Ich bin hingefallen. Ich riss mir das Knie auf. Es war nicht schlimm, dennoch musste ich ein Pflaster haben, weil ich blutete…“
„Genau. Und das war es. Deine Magie mochte zwar versiegelt sein, aber dein Blut ist und war das einer Hikari. Es sieht nicht nur anders aus, es riecht auch vollkommen anders. Das Blut von normalen Wächtern ist nicht so auffallend, aber das von Hikari sehr. Ich bemerkte also sofort, dass du eine Hikari warst.
Es fiel mir ungeheuerlich schwer, mich während des Fluges ruhig zu verhalten. Und der Flug von Deutschland nach Japan war so schrecklich lang! Ich wusste, ich durfte dich nicht umbringen. Ich musste Bericht erstatten. Aber obwohl meine Sinne genau wussten, dass du eine Hikari warst, fiel es mir so schwer es mit den Augen zu glauben. Du sahst nicht aus wie ich mir eine Hikari vorgestellt hatte… Doch meinen Sinnen vertraute ich mehr als meinen Augen.
In Tokio angekommen, sorgte ich dafür, dass ich in der Reihe genau hinter dir stand, um deinen Namen hören zu können. Ich verließ nicht einmal den Flughafen auf regulärem Weg, da ich mich sofort hierher aufmachte.“ Er machte eine kurze Pause, schlug die Augen nieder, nur um sie nach dem Öffnen wieder auf Green zu heften.
„Du kannst dir vielleicht vorstellen, wie hoch ich gelobt wurde. Silver war so eifersüchtig! Und genauso eifersüchtig war er, als ich ein Jahr später den Auftrag bekam, dich im Auge zu behalten. Irgendwann würden die Hikaris wieder mit dir Kontakt aufnehmen, hieß es. Irgendwann würdest du als Wächter erwachen.
Du denkst sicherlich, dass ich das verhindern sollte. Dich vorher umbringen. Das dachte ich auch. Aber das war nicht der Fall.“
„Was… war dann deine Aufgabe?“ Er lächelte wie man ein kleines ungezogenes Kind anlächeln würde und im gleichen Tonfall sagte er:
„Nicht so ungeduldig, Green: Lass mich die Geschichte zu Ende erzählen. Also… lange musste ich aushaaren, konnte nichts weiter tun, als dich im Auge zu behalten, bis es dann Mitte September soweit war. Eines schönen Morgens standest du vor mir und warst nicht länger ein Mensch. Du warst über Nacht zur Erzfeindin der Dämonen geworden, unerfahren und damit auch ungefährlich, aber nichtsdestotrotz eine Hikari.
Ich war sauer, als man mir sagte, ich durfte immer noch nichts gegen dich unternehmen. Ich wollte nicht länger ein stummer Zuschauer sein und genauso wenig wollte ich tatenlos zusehen, wie du besser und besser wurdest. Alles was ich tun sollte, war in deiner Nähe zu bleiben. Doch dann mischte Silver sich ein… und alles änderte sich. Du erinnerst dich sicherlich daran, dass er dein Glöckchen stahl und in welchen Zustand du geraten bist. Zum ersten Mal war ich in der Lage zu sehen wie sehr ein Hikari von so einem kleinen Ding abhängig ist und sofort erstatte ich Bericht, in der Hoffnung mein Auftrag war endlich vorbei. Doch nein! Man befahl mir das Glöckchen umgehend von Silver zurückzuerlangen und dich zu retten.
Ich sehe du stellst dir die gleiche Frage, welche mich nicht losgelassen hat: Warum? Warum musste ich eine Hikari retten? Warum war es nicht zu unseren Vorteil, dass sie starb, wo sie doch unsere Feindin war?
Informationen. Ja, das dachte ich auch eine Zeit lang. Immerhin hatten wir so gesagt einen Logenplatz. Wir konnten die Eigenschaften einer Hikari, das Heranwachsen ihrer Fähigkeiten, aus erster Hand wiedergeben und dazu noch sämtliche Schwächen detailgetreu wiedergeben. Eine perfekte Wissensquelle, ja… aber auch diese war bald ausgeschöpft. Die Hikaris gaben dir immerhin keine Informationen, also konnten auch keine zu uns gelangen. Und obwohl wir es so oft anmerkten, dass es nichts mehr brachte, dass es viel einfacher war, dich umzubringen, veränderte sich der Auftrag nicht. Das einzige was wir tun sollten war dich zu beobachten und dafür zu sorgen, dass du unter keinem Umstand stirbst.
Der Ausschlaggebende Moment war der, wo du uns von der Vergangenheit deiner Mutter erzähltest. Von Nocturn-sama. Und davon wie es ihr danach erging.“ Jetzt war Green verwirrt, er sah es deutlich in ihren Augen – sie konnte ihm nicht folgen, konnte nicht zusammensetzen was doch eigentlich so offensichtlich war. Im Gegensatz zu deren Zuhörern: Siberu wusste es natürlich, doch auch Grey dämmerte es langsam. Auch wenn er es weiterhin nicht glauben konnte – konnte und wollte.
„Was hat… das mit Mutter zu tun?“ Gary lächelte ein weiteres Mal als würde er ein Kind etwas erklären wollen. Er legte die Hand auf ihren Kopf und sagte:
„Nichts. Aber was passierte mit ihr, Green? Nach dem sie von Trauer zerfressen war, über den Tod ihres Geliebten?“
„Sie war nicht mehr in der Lage ihre Magie einzusetzen“, sagte Grey mit heiserer Stimme. Gary sah zum ersten Mal, nachdem er zu Reden begonnen hatte, auf. Sein Blick war finster, da er bemerkt hatte, dass Grey es wusste: Er wusste die Wahrheit – doch er durfte es nicht sein, der sie sagte. Es musste Gary sein. Nur aus seinem Mund war der Aufrag ausgeführt.
Gary sandte seinem Bruder einen Blick, der ihm bedeutete, dass er Grey auf alle Fälle davon abhalten musste, es zu sagen. Siberu grinste boshaft und wandte sich an Grey.
„Ich werde dir die Stimmbänder rausreißen, damit du schweigst!“ Ohne Vorwarnung griff Siberu ihn an und mit solch einer enormen Geschwindigkeit, dass es Grey unmöglich war auszuweichen. Er wurde von dem Kick des Halbdämons gegen eine Hausmauer geschleudert und es knackte gefährlich.
„ONII-CHAN!“, rief Green, wollte an Gary vorbei laufen um ihrem Bruder zur Hilfe zu kommen, wurde jedoch mit Gewalt zurück auf die Knie befördert.
„Die Geschichte ist noch nicht vorbei, Green.“ Sie sah an ihm vorbei und erblickte zum Glück Grey, der sich wieder aufrappelte. Sein linker Arm hing leblos an seinem Körper herab.
„Du kannst mich nicht daran hindern, dich zum Schweigen zu bringen!“, sagte Siberu hämisch und fuhr triumphierend fort:
„Meine Schnelligkeit beruht auf Jahre langem Training! Deine jedoch auf deine Windmagie! Ohne sie bist du nicht schnell genug um mich aufzuhalten. Ohne sie, bist du nichts weiter als ein Mensch mit ein paar Schwerttricks!“ Green zwang sich ihre Augen von dem Schreckensspiel abzuwenden und wieder Gary anzusehen. Er sah, dass sie ihren Tränen noch tapfer stand hielt, die Frage war nur: Wie lange noch.
„Gary… Gary sag Sibi, dass er aufhören soll! Bitte!
„Dann hör mir zu. Bis zum Ende.“ Schweren Herzens nickte Green zustimmend und versuchte seinen Worten zu lauschen, während Grey sich so gut es ging gegen Siberu zu behaupten versuchte.
„Wie dein werter Bruder schon sagte, deine Mutter war nicht mehr in der Lage ihre Lichtmagie anzuwenden. Erst als du uns das bei einem ganz ordinären Frühstück erzähltest, fiel mir unser eigentlicher Auftrag wie Schuppen vor die Augen. Bei unserem nächsten Aufenthalt in unserer Welt vergewisserte ich mich und fragte unseren Sensei. Ich ärgerte mich, dass ich nicht selbst darauf gekommen war. Es war doch so offensichtlich!
Wie stirbt das Element eines Wächters? Richtig, es stirbt nicht. Es kann nicht sterben, da es irgendeinen anderen Träger sucht, sei es auch Menschen. So ist der Kreislauf der Wächterrassen auf Ewig gesichert. Egal wie oft wir eine Hikari töten – das Licht wird immer wiedergeboren werden, egal ob nun in dem direkten Nachkömmling oder in einem x-beliebigen Menschen.
Der Krieg setzt sich also in alle Ewigkeit fort.
Wie also zerstört man diesen unendlichen Kreislauf?
Mit dem, was die Stärke, aber auch die Schwäche eines Hikaris ausmacht. Seine Gefühle. Das Licht, die Magie, die Stärke, eines jeden Hikaris beruht auf dessen Herz! Auf die Stärke und Willenskraft seiner Seele! Doch wenn die Seele von Trauer und Leid zerfressen ist, versiegt das Licht. Es erlischt!
Und zurück bleibt nichts.
Deine Mutter konnte sich davon befreien, weil sie stark war. Sie konnte den Kampf gegen Nocturn-sama fortsetzen, obwohl sie gelitten hat.
Aber du, Green, du bist nicht stark, auch wenn du liebend gerne so tust als ob. Du bist nur stark wenn jemand dich stützt und dir den Weg zeigt. Aber ohne uns hast du niemanden. Ohne uns hast du niemanden der dich an kalten Winternächten wärmt und dich vor der Kälte bewahrt!
Du bist schwach.“
Wieder legte Gary eine Pause ein in der er die Zeit nutzte um sich die Reaktion seiner Worte in Greens Gesicht abzulesen. Deutlich sah man ihr an, dass jedes weitere Wort Garys sie tiefer und tiefer in die Verzweiflung führte. Sie antwortete nicht darauf, doch Gary bemerkte, dass ihre Hände zitterten als würde sie frieren.
„Also… Green. Kannst du dir jetzt denken, was unser wirklicher Auftrag ist?“
Green schüttelte manisch den Kopf.
„Ich weiß es nicht! Ich weiß es nicht!“ Gary packte ihr Gesicht mit beiden Händen und brachte es zum Stillstand.
„Doch du weißt es. Du wehrst dich bloß mit aller Macht gegen die Wahrheit.“ Seine Augen waren ohne jegliches Gefühl. Mit seinen roten Augen sah er sie kalt und fast schon uninteressiert an. Bis er, genau wie Green, etwas bemerkte und seine Augen sich überrascht weiteten. Sie spürten beide den Wind.
Grey hatte seine Magie entsiegelt und Wind kam auf.


„Es gibt eigentlich nur einen Ort in dieser Welt, der zu Ihrer Beschreibung passen würde, Youma-san. Ich kann Sie…“ Karou verstummte augenblicklich. Genau wie Youma und Nathiel weitete auch er seine Augen überrascht und blickte dann zu seinen herunterhängenden Zöpfen, welche sich langsam im Wind wogen.
„Wind?“, fragte er skeptisch, während Nathiel von ihrem Sitzplatz herunter sprang und sich zu ihm gesellte. Youma war aufgestanden und nahm seine Kapuze herunter, womit seine langen schwarzen Haare freigegeben wurden und sich im Wind kräuselten.
„Nein. Es ist die Magie eines Kaze.“ Nathiel und Karou sahen ihn an.
„Ein Wächter?“, fragte Karou, in seiner Stimme war Argwohn herauszuhören. Er konnte sich nicht vorstellen, dass ein einzelner Wächter so lebensmüde sein sollte und sich hier hin traute.
Youma sah sich aufmerksam um und sagte dann:
„Nein.“ Er hatte Silence erblickt und setzte dazu an ihr hinterher zu rennen, da sie sich aus seinem Blickfeld entfernte.
„Mehrere. Wir setzen unsere Unterhaltung ein anderes Mal fort!“ Und schon war der Sensenmann mit wehenden Haaren in der Menge von Dämonen verschwunden und hinterließ die beiden Anderen.
Doch lange waren sie nicht zu zweit. Denn auf dem gleichen Platz wo Nathiel kurz zuvor noch gesessen hatte, tauchte ein weiterer Dämon auf. Während dieser die Beine übereinander schlug, wandte Karou sich um und beäugte ihn mit üblicher Skepsis.
„Ri-Il-sama, was verschlägt Sie hierher?“ Ri-Il machte eine elegante doch eher gelangweilte Geste.
„Ah, Karou-san, ich sehe, Sie sind immer noch der gleiche Skeptiker wie früher.“ Der Angesprochene antwortete nicht, senkte seinen Blick auch nicht. Was Ri-Il als eine Aufforderung für weitere Worte ansah:
„Ich bin hier um euch beide davon abzuhalten Alarm zu schlagen.“
„Falls Sie es noch nicht bemerkt haben, Ri-Il-sama… Wächter sind in unserem Territorium eingedrungen.“
„Ja, genau davon rede ich. Und ja, das hat alles seine Richtigkeit! Daher bitte ich euch davon abzusehen und die seltene frische Briese einfach mal zu genießen.“ Karou gefiel das nicht. Nicht im Geringsten. Wäre es nicht Ri-Il der vor ihm saß, hätte er auch nicht klein bei gegeben. Doch leider war er es.
Nathiel wandte sich davon ab und setzte dazu an von ihnen zu schreiten.
„Ich überlasse alles Weitere Ihnen, Karou-san. Benachrichtigen Sie mich, wenn ich meinen kleinen Jungen wieder in die Arme schließen kann.“ Mit diesen Worten war auch sie verschwunden. Karou, wie auch Ri-Il sahen ihr nach, der Erstere von ihnen bereits in Gedanken versunken. Bis der Fürst ihn unterbrach, indem er sich zu ihm herunter beugte und fragte:
„Sagen Sie, Karou-san. Ist ihr „kleiner Junge“ nicht 24 Jahre alt geworden?“
„Ja. Aber Nathiel-san hängt an ihren Illusionen.“


Youma hatte Silence schnell eingeholt, ohne sich sonderlich darum bemühen zu müssen, denn sie war gar nicht weggerannt. Es schien als wolle sie das Gespräch. Youma konnte nicht wissen, dass Silence nur nicht wollte, dass ihr Zwilling ihr bis zu Green folgte, falls es ihr nicht gelang ihn abzuschütteln. Als sie sich gegenüberstanden, befanden sie sich in einer Unterführung, in dessen Schatten Silence sogar für Youma kaum zu sehen war. Allerdings hatte sie wohl damit gerechnet, dass er sie spüren würde, denn sie war dort einfach stehen geblieben.
Youma hielt sich auf Abstand und hatte seine Sense gesenkt - beide Faktoren waren eigentlich unwichtig, da Silence im Moment immerhin nichts weiter war als eine Seele und er sie sowieso nicht angreifen konnte, selbst falls er es wollte.
„Was treibt dich hier her, Silence?“, fragte Youma und sah sie dabei an, denn ihr bleiches Gesicht konnte er trotz allem deutlich erkennen. Es war nur ihr Körper der dank ihres schwarzen Kleides völlig eins wurde mit der unebenen schwarzen Mauer und daher kaum zu sehen war.
„Falls du es dir anders überlegt hast, ist es nun zu spät“, fuhr Youma fort, mit einem leichten Anflug von Stolz, als wäre er stolz darauf, dass er sich von Silence abgewendet hatte. Doch seine Worte konnten nicht verbergen, dass er Silence am liebsten umarmt hätte, wäre es ihm möglich gewesen: zu deutlich stand ihm ins Gesicht geschrieben, dass er sich freute seinen geliebten Zwilling wieder zu sehen.
„Eine viel bessere Frage ist, was du hier machst, Youma.“ Die Augen Silence‘ verengten sich anklagend und ihre Stimme unterstrich dieses nur weiter, als sie ausführte:
„Verkaufst deine Fähigkeiten! So tief bist du also schon gesunken.“
„Oh nein, Silence. Ich bin dabei aufzusteigen.“
„Ist es das was sie dir versprochen haben? Einen Platz bei den Hohen? Glaubst du ihm ernst, sie würden einem Halbwächter jemals als Fürst dulden, geschweige denn anerkennen?“ Gerade als Silence so richtig in Fahrt war, winkte Youma mit der Hand ab und unterstrich diese elegante Geste mit einer eher flüchtigen Erklärung:
„Glaube mir, Silence, ich habe alles unter Kontrolle.“ Silence machte ein abfälliges Geräusch ehe sie genauso von Oben herab antwortete:
„Ich bezweifle, dass du dich selbst unter Kontrolle hast. Sieh dich doch an!“ Mit dem ausgestreckten Zeigefinger zeigte sie auf ihren Zwilling, dessen Lächeln nun langsam dahin schwand:
„Als ach so tollen Dämon trägst du immer noch deine Wächteruniform! Versteckst aber das Wappen unserer Familie unter einem schwarzen Mantel. Und das nennst du nicht „tief gesunken“?! Wo ist mein Zwilling den ich so sehr geachtet und geliebt habe?!“ Darauf hatte Youma keine Antwort. Jede Ausrede würde lachhaft klingen, denn sein Aussehen war ein Faktum welches er nicht weg reden konnte. Außerdem schmerzte es ihn wieder einmal zu hören, dass sie ihn nicht mehr liebte. Gerade, als er dennoch antworten wollte, kam sie ihm zu vor:
„Wen hast du wiederbelebt, Youma?“ Nun gewann der Angesprochene sein bröckelndes Selbstbewusstsein zurück:
„Ich habe noch niemanden wiederbelebt und selbst wenn, würde ich es dir nicht sagen. Kriegsgeheimnis nennt man sowas, Silence, weißt du?“
„Du hast also vor einen weiteren Krieg anzustiften? Einen Krieg den es sowieso nur gibt, weil du Light umgebracht hast!“
„Ich habe zu diesem Thema nichts mehr zu sagen.“
„Aber ich!“, sagte Silence und trat nun aus dem Schatten, da dies immerhin der Grund war weshalb sie hier war: Sie wollte Youma die Wahrheit sagen. Vielleicht würde sie damit den Krieg noch verhindern können, denn egal wem Youma für die Hohen wiederbeleben sollte, wenn sie ihm dafür einen Platz zwischen ihnen angeboten hatten, dann sollte sie es nicht auf die leichte Schulter nehmen.
„Youma du kennst die Wahrheit nicht. Willst du…“
„Und du bildest dir ein, dass du sie kennst, Silence? Ich verstehe nicht, warum du da immer noch drin rum bohrst.“ Er hatte sein Gesicht abgewendet, anscheinend war dies wirklich ein Thema welches er am liebsten mied. Es war deutlich zu spüren, dass er eigentlich noch etwas dazu zu sagen hatte, dass es etwas gab, was er Silence eigentlich sagen wollte, aber nicht tun konnte: weder sagen noch zeigen konnte. Es gab etwas zu diesem Thema was er Silence nicht gesagt hatte, es gab ein weiteres Geheimnis welches sie trennte und anstatt es aus ihm heraus quetschen zu wollen, gab Silence eher klein bei. Es beschlich sie plötzlich das Gefühl, dass sie es vielleicht gar nicht genau wissen wollte.
„Er hat es gebeichtet. Er hat es gestanden. Was gibt es da noch zu bereden?“
„Hikaru war es! Sie hat ihn erpresst, weil…“ Plötzlich geriet sie ins Stocken. Aber warum? Sie kannte die Wahrheit doch. Sie wusste, dass es alles Hikarus Schuld war, dass Light genauso unschuldig war, wie seine Seele rein war. Aber warum hatte Light Youma gesagt, dass er es gewesen war? Und was war das, was Youma ihr nicht sagen wollte oder konnte? Vielleicht war es doch nicht so einfach… Vielleicht…
Das „vielleicht“ war egal, den Silence hatte keine Zeit jetzt auszuführen. Es würde nicht genügen Youma einfach das zu erzählen, was sie durch die Reiße zurück in die Zeit herausgefunden hatte. Silence hatte das Alles zu einfach eingestuft, zu optimistisch angesehen… sie hatte geglaubt, dass sie es einfach nur erzählen müsse und dann hätte sie ihren Zwilling wieder. Aber so einfach war das nicht… ein paar Worte änderten nichts an Youmas Einstellung. Denn Light selbst hatte diese bestätigt. Warum nur hatte er nicht versucht Youma von seinen Weg abzubringen?
Aber Silence hatte keine Zeit mehr.
Grey hatte seine Magie aktiviert, was bedeutete, dass sie unzweifelhaft in Gefahr waren und höchstwahrscheinlich die Hilfe von Silence‘ benötigten. Youma musste erst einmal warten… wiedersehen würden sie sich ohne Zweifel.
„Es ist egal ob es Hikaru oder Light war. Es kommt auf das Gleiche hinaus. Die unumstrittenen Tatsachen bleiben unumstritten.“ Hörte Silence da ein „leider“ heraus? Das verstecke „leider“ konnte sie jedenfalls nicht von seinem Gesicht ablesen, denn seine Augen zeigten weder Trauer noch Reue. Sie waren schwarz und undurchsichtig wie immer.
Gerade als er jedoch fortsetzen wollte und den Mund öffnete, fing etwas an Youmas linken Arm rot zu blinken an, gefolgt von einem Piepton. Silence war überrascht als sie an seinem Arm ein Kommunikationsgerät entdeckte – so sehr war er bereits in die dämonischen Angelegenheiten verwickelt, dass sie mit ihm in Kontakt standen?
Ohne auf Silence zu achten, schob er seinen Ärmel zurück und besah sich das kleine schwarze Gerät genauer, darüber allerdings verwirrt, da er nach wie vor nicht mit der modernen Technik vertraut war. So musste man ihn beinahe zwei Mal anrufen um ihn überhaupt zu erreichen. Auch diesmal brauchte Youma einige Sekunden um sich daran zu erinnern, wo man das Gerät ausschaltete. Als das monotone Piepen endlich aufhörte, sah er wieder auf:
„Tut mir Leid, Silence, ich kenne mich mit diesen… Silence?“
Doch sein Zwilling hatte Youmas technische Unwissenheit zu ihren Gunsten gebraucht und war verschwunden.


„Verzeiht mir…“, sagte Grey leise zu sich selbst, als er sein Katanakaze heraufbeschwor.
„Aber ich kann und werde nicht tatenlos zusehen, wie meiner geliebten Schwester Leid zugefügt wird!“ Während seine treue Waffe Gestalt annahm, heilte Grey seinen Arm mit der Lichtmagie die ihm zur Verfügung stand. Mit dieser Hand umfasste er nun ebenfalls die Waffe und hielt sie seinem Gegner entgegen, dessen Grinsen leicht steif geworden war. Grey funkelte ihn böse an und sauste schon ohne Vorwarnung auf ihn zu. Siberu war nicht in der Lage auszuweichen, dass sah er sofort und wollte daher Greys Angriff blocken. Doch es kam nichts zum blocken. Einen Moment war der Rotschopf verwirrt und genau in diesem Moment schlug Grey zu. Die Klinge aus Wind traf Siberu im Rücken und schleuderte ihn einige Meter in die Luft, wo er sich wieder fangen konnte. Die paar Sekunden in denen sich Siberu wieder sammeln musste, nutzte Grey um Green zuzurufen:
„Green! Hör nicht hin! Glaub ihm kein Wort!“ Doch Grey hatte keine Zeit sich um das Wohl seiner Schwester zu kümmern, denn Siberu holte zum Gegenschlag aus.
„Green“, sagte Gary im sanften Tonfall, welcher zwar Greens Aufmerksamkeit wieder erlangte, aber nicht gegen ihr anfängliches Zittern Wirkung zeigte.
„Hör mir zu. Sonst wird alles nur noch schlimmer.“ Doch Green fiel nicht auf seinen Tonfall herein. Manisch und aus purer Verzweiflung presste sie ihre Hände an ihre Ohren, so sehr, dass ihre Fingernägel sich in ihre Kopfhaut bohrten. Die Taubheit wahrte jedoch nicht lange, ehe ihre Hände vom Kopf gerissen wurden und sie samt diesen in den sandigen Boden gedrückt wurde. Hart und unbarmherzig presste Gary ihren zierlichen Körper herunter.
„Lass mich los, Gary! Lass mich los! Du tust mir weh!“ Die Sanftheit war vollkommen aus Garys Stimme verschwunden und mit einem boshaften Grinsen, welches jedoch auch von Wut und Ungeduld zeugte, sagte er:
„Oh nein, Green!“ Der Halbdämon kam dem Gesicht der Hikari näher, als würde er sie küssen wollen.
„Wenn du das Schmerz nennst, weißt du nicht was echter Schmerz ist.“ Green wollte die Augen zukneifen, wollte sich mit aller Macht gegen das wehren was passieren würde – weil sie wusste, dass dies… das Ende bringen würde. Sie wusste es. Tief in ihr, hatte sie schon lange gewusst, dass es irgendwann ein Ende geben musste…
Sie spürte seinen Atem auf ihrer Haut, in ihrem Gesicht, auf ihren Lippen als er langsam und deutlich sagte:
„Hör mir jetzt gut zu.“

Green konnte nicht anders.
Sie konnte sich nicht dagegen wehren.

„Der Auftrag, den wir von Anfang an verfolgten, ging darauf hinaus…“
„NEIN, GREEN, NEIN!“
Green hörte Greys verzweifelte Stimme nicht mehr. Sie hörte und sah nur noch Gary.

Sie hörte jedes einzelne Wort.
„… das Vertrauen der Hikari zu erhalten…“
Worte die sich wie scharfe Klingen gegen ihr Herz richteten.
„Eine Freundschaft zu ihr aufzubauen…“
Sich langsam hinein bohrten
„… um sie schlussendlich damit in Trauer und Verzweiflung zu stürzen…“
… und es zerstörten.
„ … damit das Licht erlischt und es nie mehr wiedergeboren werden kann.“


Für alle Anwesenden war es deutlich zu hören. Als wäre das Glöckchen Greens Herz, riss es.

Ohne, dass Green irgendetwas tat, nahm der Halbdämon ihr Glöckchen in die Hand und sah mit eigenen Augen das Ergebnis seines jahrelangen Auftrags: ein tiefer Riss, wie ein klaffende Wunde, teilte das Glöckchen in der Mitte.
Er stand auf, ließ Green am Boden liegen und richtete sich an Siberu.
„Auftrag ausgeführt.“

Siberu antwortete nicht. Er senkte den Blick, womit ihm ein Schatten ins Gesicht fiel, welcher es unmöglich machte seine Gefühle zu lesen. Doch Grey achtete sowieso nicht auf die beiden Halbdämonen. Er starrte Green an und schon bald war er nicht der Einzige, der das Unfassbare sah: auch Siberu sah es.
Green hatte sich wieder aufgerappelt. Nicht ganz, da sie noch auf den Knien hockte. Das zerrissene Glöckchen baumelte tot von ihrem Hals herunter und Tränen benetzten es.

Gary hatte es auch bemerkt. Doch er versuchte es zu ignorieren.
Ihre Worte konnte er jedoch nicht ignorieren:

„Ich… bin in diese Welt gekommen… um dir etwas zu sagen…“

Sie holte tief Luft.

„Ich liebe dich.“

Siberu biss sich auf die Unterlippe. Er konnte es nicht länger mit ansehen, wie sie da auf den Boden kniete, den Kopf gesenkt und die Tränen, die von ihrem Gesicht herunter perlten…
Grey jedoch war absolut nicht in Stande sich davon abzuwenden.

„Ich… liebe dich, Gary!“

Ihre Stimme war diesmal fester gewesen, sie hatte die Worte beinahe geschrien. Dennoch reagierte er nicht. Er, dem diese Worte galten, konnte nichts anderes tun als seine Hände zu Fäusten zu ballen.

Sie konnte sich nicht im Entferntesten vorstellen, was ihre Worte in ihm auslösten.

Sei stark
Sei stark!
SEI STARK!


Gary drehte sich auf dem Absatz zu ihr um. Es gelang ihr gerade noch verwirrt den Kopf zu heben, ehe er seine Hände an ihr Gesicht legte und sie hart zu sich zog.
Um Green ein zweites Mal zu küssen.

Nein – es war das erste Mal, wie Green schnell feststellte. Das hatte nichts mit dem ersten Kuss gemein… es war nicht Gary. Er war es nicht!
Green versuchte sich zu wehren, doch vergebens.
Sie wollte es nicht…!
Nicht so, nicht so!

Als der Halbdämon sich endlich von der Hikari löste, konnte sie kaum seine Augen sehen, so von Tränen gefüllt waren ihre Augen.
„Gary…“, flehte sie ganz offensichtlich – sie wollte eine Antwort.

Sie flehte um eine Heilung für ihr blutendes Herz.
Doch sie erhielt sie nicht.

„Du willst eine Antwort, hab ich Recht? Du willst wissen, ob ich dich auch liebe. Aber Green, was erwartest du? Mein Auftrag ist ausgeführt. Ich muss dich nicht mehr anlügen. Deshalb… werde ich dir jetzt noch eine Wahrheit sagen: „Gary“ kann dich nicht mehr lieben.“

Er richtete sich auf und sah sie von oben herab, mit einem dunklen Lächeln an. Seine dunklen roten Augen konnte sie plötzlich wieder klar erkennen…
Er sah nicht mehr nach einem Menschen aus.
Er war ein Dämon.

„Denn „Gary“ ist tot.“

…. Und mit ihm starb auch „Green Najotake“.