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Episode 12
  Episode 12: Dunkle Horizonte
„Kaze-dono, bitte verstehen sie... Zwei Offiziere sind schwer verletzt! Er ist nur ein Tempelwächter…“ Dieser Satz brachte Greys sowieso schon entfachte Wut zum überkochen. Er konnte regelrecht spüren wie Ryôs Leben um Sekunde zu Sekunde schwächer wurde, mit jeden weiteren Bluttropfen der aus ihm heraus lief. Und die Ärzte des Sancuarians weigerten sich, etwas dagegen zu tun – und das nur weil er nicht wichtig genug war! Nur weil Ryô ein Tempelwächter war wurde er nach ganz hinten in der Liste der Patienten geschoben, weil es zur gleichen Zeit einen größeren Kampf gegeben hatte und dabei einige hochrangige Wächter verletzt worden waren. Grey wusste nicht wie es um sie stand, doch er war sich sicher, dass es Ryô schlechter ging.
„Ich glaube SIE verstehen nicht! Wenn Sie nicht etwas tun wird er sterben!“ Die Kikou, welche vor ihm stand, schüttelte nur ratlos und betroffen den Kopf. Woraufhin Grey mit den Zähnen knirschte. Zu einer Antwort kam er jedoch nicht, da sich unter der Ansammlung von Wächtern eine Stimme heraustat:
„Was ist hier los?“ Grey sah auf und entdeckte Aores, gefolgt von seiner Tempelwächterin, die während des Gehens schrieb. Der Kaze stöhnte – Aores hatte ihm gerade noch gefehlt!
Während die Kikou Aores die Lage schilderte sah Aores sich den in Greys Armen liegenden bewusstlosen Ryô an, seine Worte konnte Grey bei besten Willen nicht begreifen:
„Da hat aber jemand einen schlimmen Küchenunfall gehabt.“ Er machte einen Wink zu Ryôs blutenden Handgelenken, aus denen immer noch das Blut heraus tropft, im Takt mit, dass Ryôs Hautfarbe immer mehr an Farbe verlor.
Erst nach verstrichenen Sekunden konnte Grey seine Stimme wieder finden, da Aores‘ Worte ihn förmlich aus dem Konzept geworfen hatten – man sah doch, dass das kein Küchenunfall war! Dennoch sah er seinem Gegenüber fest entschlossen an und befahl:
„Helfen sie ihm!“ Aores sah ihn nur kurz an, ehe er ihn fragte was Ryô für Grey war. Der Angesprochene war überrascht über diese Frage, obwohl er die Antwort natürlich sofort wusste:
„Er ist mein bester Freund. Und deshalb will ich nicht, dass er stirbt!“ Aores schlug die Augen nieder. Einen Moment kam es dem Windwächter so vor, als würde er lächeln. Doch dann war er abgelenkt, denn Aores ließ hinter sich eine Trage erscheinen und mit den Worten die Ärztin solle den dritten Operationssaal vorbereiten, verfrachtete er den bewusstlosen Ryô auf die Trage. Die Kikou war mindestens genauso überrascht wie Grey und schockiert protestierte sie:
„Aber, Aores-senpai! Der Offizier…“
„Hat eine Blutvergiftung“, schnitt Aores ihr das Wort ab mit seiner üblichen Schärfe und fügte noch kopfschüttelnd hinzu:
„Man sollte doch meinen ein Offizier in seinem Alter sollte wissen, dass man eine offene Wunde von dem Blut eines Dämons fernhält.“ Und damit setzte er an, in Richtung des OP-Saals davon zu schreiten, wobei Grey ihn begleitete: er wollte so lange wie möglich bei seinem Freund bleiben.
„Wird er es schaffen?“, fragte der Windwächter besorgt, nachdem Ryô schmerzend aufstöhnte. Aores machte ein abfälliges Geräusch.
„Entschuldigen Sie mal! Das sind doch nur zwei abgehackte Hände. Unterschätzen Sie meine Fähigkeiten nicht.“ Damit verschwand er auch schon im Operationsaal und zurück blieb Grey, der den beiden nachsah. Warum beschlich ihn plötzlich das Gefühl, dass er Aores doch mochte?
Was seinen Freund anging, so keimte in ihn plötzlich ein kleiner Hoffnungsschimmer. Allerdings wurde dieser wieder im Keim erstickt als er sich umdrehte und seine Schwester ansah, die stumm hinter ihm stand.
Nein, es war nicht Green. Es war Silence, die ihren Körper übernommen hatte und nun ein recht düsteres, aber auch nachdenkliches Gesicht machte.
„Antwortet sie nicht, Silence?“
„Nein. Ich spüre nicht einmal die Präsenz ihrer Seele.“ Silence nahm das gerissene Glöckchen in ihre Hände. Grey schritt zu ihr, da er es ebenfalls von Nahen sehen wollte. Beide waren darum bemüht, dass keiner der anderen Wächter es mitbekam. Wie würden sie reagieren wenn sie erfahren würden, dass das Glöckchen der Hikari gerissen war und sie nicht mehr in der Lage war ihre Lichtmagie anzuwenden – noch schlimmer, dass das Licht versiegt war? Doch zum Glück waren die Wächter um sie herum zu beschäftigt mit ihrer Sorge und Trauer um ihre Angehörigen.
„Ich habe sowas noch nie gesehen“, flüsterte Silence. Greys Blick wanderte von dem Glöckchen zu Silence‘ Gesicht, oder eher Greens.
„Aber sie lebt doch noch… oder?“ Silence sah ihn skeptisch an.
„Ihrem Körper geht es gut… aber das ist nicht das Wesentliche.“ Grey nickte. Er wusste was sie meinte.
Silence schloss die Augen und setzte sich auf einen freien Platz an der Wand. Grey tat es ihr gleich. Eine Weile konnte er sich mit dem Nachthimmel ablenken, welchen man durch die großen Fenster sehen konnte, doch lange hielt die Ablenkung nicht. Er sah zu Silence, die ihren Kopf auf ihre zusammengefalteten Hände abgestützt hatte und die Augen konzentriert geschlossen hatte.
„Versuchst du mit Green Kontakt aufzunehmen?“, konnte Grey sich nicht zurückhalten zu fragen. Silence öffnete die Augen nicht, aber sie wirkte genervt.
„Ja. Aber sie antwortet nicht. Und jetzt sei still!“ Grey zuckte bei ihrer harten Stimme unbewusst zusammen und entschied sich dafür zu tun was sie sagte. Doch der Sternenhimmel konnte ihn nicht mehr ablenken und so spielte sich deren Flucht aus der Dämonenwelt noch einmal vor seinem geistigen Auge ab…


Green bewegte sich nicht. Sie hockte auf den Knien, wo Blue sie zurückgelassen hatte. Ihre dunklen Augen starrten geschockt ins Nichts, es war nicht auszumachen was in ihren Kopf vorging, oder ob sie überhaupt etwas dachte. Die Tränen liefen unaufhaltsam von ihren Wangen herab, tropften auf das zerstörte Glöckchen und verliefen sich im Sand.
Der fünfzehn Meter entfernte Grey war ebenfalls von dem eben Geschehenden geschockt und hatte sich noch nicht bewegt. Er hörte wie Silver seinen Bruder etwas in deren Sprache zurief, doch Blue reagierte nicht darauf. Regungslos waren seine roten Augen auf sein Opfer gerichtet. Seine Bewegungen waren langsam, wahrscheinlich war dies auch der Grund weshalb Grey nicht sofort alarmierend aufsprang und zu spät bemerkte, dass Blue Green angreifen wollte. Er hatte seine Hand hinter sich ausgestreckt und war dabei schwarze Energie auf dieser zu bündeln.
Green bemerkte es. Sie hob ihren Kopf, sah ihren gegenüber mit verweinten und leeren Augen an, ihre Lippen formten Worte… doch Grey war zu sehr damit beschäftigt aufzuspringen, zu ihr zu gelangen, als auf ihre Worte zu achten.
Es war jedoch nicht Grey der seine Schwester rettete, es war Silence. Sie war plötzlich zwischen ihnen aufgetaucht, flog mit ausgestreckten Armen auf Green zu und beschwor noch während sie flog, die Formel um ihren Körper zu übernehmen. Es gelang ihr, doch sofort bemerkte sie, was passiert war.
Silence konnte weder ihre Waffe zum blocken gebrauchen, noch Greens, da sie keiner der beiden beschwören konnte. Weil sie selbst keine Magie besaß, außer die Verbotenen Künste, blieb ihr nichts anderes übrig mittels Teleportation auszuweichen. Blues Schlag ging ins Leere, während Silence neben Grey auftauchte.
„Hol schnell den Tempelwächter!“ Ohne weiter darauf einzugehen tat Grey wie geheißen. Er verwandelte seine Waffe zurück und der Wind ließ umgehend nach. Während Grey Ryô schulterte, streckte Silence die Hand aus und zeigte anklagend auf Blue, welcher ihren wütenden Blick aufmerksam entgegen blickte.
„Hör mir aufmerksam zu, du verdammter Halbling! Green ist nicht so schwach wie du glauben magst! Denn sie wird wieder aufstehen! Sie wird ohne eure Hilfe stärker werden und dann werdet ihr euch wünschen ihr wäret nie nach Tokio gekommen!“ Grey war zusammen mit dem blutenden Ryô wieder bei Silence angekommen und hielt sie so davon ab weitere Drohungen auszusprechen. Er war sich sicher, könne sie ihre Waffe heraufbeschwören, hätte sie die beiden umgehend getötet. Doch stattdessen packte sie nun Greys Arm und teleportiete davon. Doch ehe ihre Augen schwarz wurden, war ihr, als hätte sie Blue lächeln gesehen. Nicht triumphierend, oder herausfordernd, sondern, als würde er Silence zustimmen…

Kaum, dass sie an den Ort angekommen waren wo Silence sie hinteleportiert hatte, erschien auch schon Inceres neben sie, oder eher seine Kopie. Die Augen waren geschlossen, er wirkte ernst, doch sagte nichts. Kein Wort der Begrüßung, kein Wort der Erklärung, kein Wort des Trostes: überhaupt kein Wort gelang über seine Lippen und das obwohl Silence ihn direkt ansprach. Nicht nur Silence machte dies wütend, auch Grey fühlte einen leichten Groll in sich aufkommen. Inceres hegte doch so eine große Sympathie für Green, warum sagte er nichts? Doch er behielt sein Schweigen aufrecht und ohne Worte schickte er sie direkt ins Sanctuarian, woraufhin er sofort wieder verschwand und die vier ohne Erklärung zurückließ.


Der Morgen brach fast an, ehe Grey alleine erschöpft im Tempel ankam, da Silence samt Green bereits vorgegangen war. Der Windwächter war während der vierstündigen Operation nicht von Ryôs Seite gewichen und erst nachdem er die Nachricht erhalten hatte, dass Ryô das Schlimmste überstanden hatte, war Grey in den Tempel zurückgekehrt. Eigentlich wollte Grey sofort zu ihm, doch Aores verbat es ihm, da sein Tempelwächter noch nicht zu Bewusstsein gekommen war. Aores hatte ihn Nachhause geschickt, weil er wohl gesehen hatte, dass Grey dringend Schlaf benötigte. Der Windwächter wusste es selbst, doch er hatte nicht im Sinne es zu tun. In Gedanken war er bereits ganz woanders: garantiert nicht in Richtung seines Bettes obwohl er sicherlich schon mehr als 24 Stunden wach war, er wusste es selbst nicht so genau. Seine Gedanken waren bei Green, bei der Strategie der Dämonen, bei der Frage was sie tun sollten, was als erstes getan werden musste…
Grey war so in Gedanken versunken gewesen, dass er nicht bemerkte, dass Itzumi ihn entgegen gelaufen kam. So war doch schon überrascht, als sie plötzlich vor ihm stand, mit Angst und Sorge in den goldenen Augen.
„Ryô! Was ist mit ihm?! Wie geht es ihm?!“ Grey fiel auf, dass er sie noch nie so außer sich erlebt hatte und zum ersten Mal wurde ihm bewusst, dass sie wirklich Zwillinge waren, immerhin hatte niemand ihr gesagt, dass Ryô im Krankenhaus lag.
„Es geht ihm wieder gut, Itzumi-san. Er wird bald wieder gesund.“ Es sah aus als würde sie vor Erleichterung auf die Knie gehen, doch sie konnte an einer Säule gerade noch Halt finden.
„ Zum Glück! Ich… ich… hab mir Sorgen gemacht…“ Ihr fiel nicht auf, dass sie Tränen in den Augen hatte, erst als diese beinahe herunter kullerten wischte sie sich die Feuchtigkeit aus den Augen. Mit Schamesröte sah sie weg und sagte peinlich berührt:
„V-Verzeiht, Grey-sama… aber er ist doch mein Zwilling… ich wüsste nicht, was ich ohne Ryô machen würde…Ich hab doch niemanden außer ihn… Versteht Ihr?“ Grey nickte mit einem kleinen Lächeln und antwortete:
„Ihr zwei seid wirklich Zwillinge - dass ihr euch immer für eure Gefühle entschuldigen müsst… Selbstverständlich verstehe ich dich.“ Diese Worte bewirkten die Röte in Itzumis Gesicht und sie begann zu stammeln, etwas was Ryô wohl nie machen würde, dachte Grey. Sein Lächeln hielt jedoch nicht lange, da er sich dem Ernst der Lage wieder bewusst wurde.
„Itzumi, ich weiß es ist vielleicht nicht der richtige Zeitpunkt, aber bitte, benachrichtige alle Elementarwächter.“ Erstaunt sah Itzumi auf, Fragen in den Augen. Doch sie kam nicht dazu sie zu stellen, da Grey schon fortfuhr:
„Sag ihnen sie sollen sofort kommen. Es ist wichtig. Bring sie bitte in das Konferenzzimmer des dritten Stocks, ich ziehe mich nur schnell um.“
„D-Der Konferenzraum des dritten Stocks?! Aber… das bedeutet…“
„Ja, genau das bedeutet es.“
„Dann ist…Hikari-sama…“
„Beeil dich bitte, Itzumi.“ Verwirrt war sie zwar immer noch, doch sie nickte und salutierte, ehe sie verschwand, woraufhin Grey sich in sein Gemach aufmachte.
Er wusste, eigentlich müsste er zuerst ins Jenseits aufbrechen, doch er konnte sich nicht vorstellen, dass die Hikari nicht bereits davon wussten. Oben rein durfte er Green jetzt unter keinen Umständen alleine und unbewacht lassen. Wenn sie umgebracht werden würde, solange ihr Licht versiegt war, würde es nicht weitergegeben werden können… und die Wächter würden zusammen mit der Welt der Menschen hoffnungslos untergehen. Alles hing nun von seiner Schwester ab…
Grey stopfte seine schwarzen Klamotten achtlos in seinen übergroßen Kleiderschrank, soweit hinten wie möglich. Während er sich neue Kleidung heraussuchte, überlegte er sich wie er es den Elementarwächtern erzählen sollte… Immerhin hatten Silver und Blue nicht nur Green verraten sondern auch deren gemeinsamen Freunde. Selbst Grey fühlte sich verraten, da er gerade begonnen hatte ihnen zu vertrauen… und er wusste bei den anderen sah es nicht anders aus. Hatten nicht alle, außer vielleicht Kaira, sie aufgenommen, als wäre es selbstverständlich? Und Pink und Firey, die sie doch noch näher kannten?
Seufzend lehnte Grey sich an die Schranktür, nachdem er sich angezogen hatte. Erschöpft vergrub er seine Hand in seinen schwarzen Pony und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Es gab zu viele Dinge über die er sich Gedanken machen musste und zu viele Personen um die er sich Sorgen machte. Wenigstens ging es Ryô besser. Wenigstens etwas! Er brauchte ihn wieder an seiner Seite. Ihm war noch nie aufgefallen, dass sein Gemach so schrecklich groß war ohne ihn…
Der Windwächter schüttelte den Kopf und öffnete seine Augen wieder, um sich auf dem Weg zum Konferenzraum zu machen. Auf diesen Weg nahm Grey einen Umweg um seine nach seiner Schwester zu sehen. Er legte die Hand flach auf die Tür um auch ja keinen Laut zu verursachen und öffnete diese. Die ersten Morgenstrahlen fielen auf ihr bleiches Gesicht, welches schlafend auf dem Bett lag. Silence hatte sie dort regelrecht platziert, nachdem sie sie umgezogen hatte. Sie selbst entdeckte er auf dem Balkon; sie sah sich den Sonnenaufgang an. Doch sein Blick galt eher Green… sie schlief so ruhig. Beunruhigend ruhig. Würde er ihren Atem nicht leise hören können, würde er sich Gedanken machen. Am liebsten wäre Grey bei ihr geblieben, doch er hatte die Pflicht die Nachricht weiter zu geben…
Keine halbe Stunde später waren die Elementarwächter vollzählig, bis auf Tinami und Green, im Konferenzraum angekommen. Es war ein großer Raum, mit großen bemalten Fenstern die alle das jeweilige Element priesen. Der enorm große Tisch zog sich quer über den Raum und war verziert mit den Wappen der verschiedenen Wächtern, welche sich fein säuberlich über den Tisch schlängelten um sich in der Mitte zu vereinen zu einer großen Weltkugel, welche langsam um seine eigene Axel drehte und mit seinen aber tausenden Details verzaubernd wirkte. Der Raum wurde erhellt von einem großen Lüster, an denen helle Kristalle herunter baumelten. Selbst die Stühle waren verziert und standen alle im Zeichen der jeweiligen Elemente: niemand saß hier zufällig: Sie alle saßen auf genau dem gleichen Platz welcher auch schon ihren Vorfahren gehört hatte – alle, bis auf Firey und Pink, wussten was das zu bedeuten hatte. Denn dieser Raum war der Raum in dem seit Generationen sämtliche Kriegssitzungen abgehalten worden waren. Hier gaben die Hikari ihren Elementarwächtern die Befehle, welche sie direkt vom Jenseits erhalten hatten. Nachrichten von Verlusten, das Diskutieren über den nächsten Kriegsschritt – alles war in diesem Raum besprochen worden. Man konnte also behaupten hier war Geschichte geschrieben worden.
Als Grey sich auf dem Platz setzte, wo das Wappen der Kaze eingemeißelt war, kam er nicht drum herum an seinen Vater zu denken, der hier vor mehr als zwanzig Jahren ebenfalls gesessen hatte. Ein mulmiges Gefühl befiel ihn und er wusste, dass es Kaira, Azura und Ilang genau ging: dass sie in diesem Moment alle in die Fußstapfen ihrer Eltern traten und dass sie alle im Hinterkopf hatten, dass deren Eltern in diesem Krieg, dem siebten Elementarkrieg, ihr Leben verloren hatten.
Auch Firey wurde langsam von der ernsten Stimmung erfasst und wurde sich bewusst, dass die Auswahl des Raumes kein Zufall war. Nur Pink gähnte herzhaft.
Grey atmete tief durch und begann mit den Worten, die er sich zu Recht gelegt hatte:
„Erst einmal wünsche ich euch einen Guten Morgen und entschuldige mich für das frühe Stören. Doch es ist leider von Not gewesen.“ Grey faltete seine Hände und legte sie auf den kalten Tisch.
„Die meisten von Euch wissen was es mit diesem Raum auf sich hat und werden bereits ahnen welche Nachrichten ich überbringe.“ Als er zu Firey sah, wirkte diese beschämt. Wahrscheinlich weil sie es nicht wusste, doch der Windwächter hatte keine Zeit ihr die Bedeutung nahe zu legen, denn Kaira unterbrach Grey:
„Ich spreche die Frage aus, die uns allen im Kopf herum schwebt, seitdem wir so unsanft geweckt worden sind. Sind wir im Krieg?“ Firey klappte der Mund auf und geschockt blinzelte sie ihre Mitwächterin an. Erst als Grey antwortete, sah sie zu ihm.
„Nein, das sind wir nicht“, sagte er mit niedergeschlagenen Augen, welche er öffnete, als er die Elementarwächter direkt ansprach:
Noch nicht. Es ist jedoch nur eine Frage der Zeit!“
„Warum? Was ist passiert, Grey?“, fragte Ilang ihren Geliebten. Dieser sah bedrückt aus und es war Firey, der es dämmerte.
„Wo ist Green?“ Die Bedrücktheit von Grey nahm zu, man konnte seine Pein regelrecht ergreifen.
„Was ist passiert?!“, hackte Firey nun noch weiter nach. Doch Grey wandte sich zu Kaira und Azura.
„Zuerst einmal will ich die gute Nachricht überbringen: Aores hat das Gegenmittel erhalten. Tinami-san wird bald wieder in unseren Reihen sein.“ Erleichterung pur war in den Augen der beiden Mädchen zu sehen, die Anspannung schien von Kaira komplett herabzufallen. Während Azuras Augen glasig wurden, weil sie die Freudentränen kaum noch zurückhalten konnte, fiel es Kaira leichter, ihre Freude zurück zu halten.
„Doch kommen wir zu den... weniger erfreulichen.“
Und Grey erzählte seinen Mitwächtern haargenau was geschehen war. Bei jedem Wort wurden ihre Gesichter geschockter und besonders Fireys Gesicht verlor an Farbe. Auf halbem Weg fing Pink an entsetzlich zu weinen und zu jammern und es war Ilang, die aufstand und sie in die Arme schloss, da Daichi nicht anwesend war. Als Grey seine Erzählung abgeschlossen hatte, herrschte angespannte und ja… traurige Ruhe. Als wären gerade zwei Freunde von ihnen gegangen. Firey saß in sich gekehrt auf ihren Stuhl, war aber dennoch die erste, die die Stille brach:
„Das… ist nicht wahr.“ Kaira schlug mit der zusammengeballten Faust auf den Tisch. Zornfunkelnd sah sie zuerst Firey an, richtete aber dann ihren Blick an alle:
„Natürlich ist das wahr! Es war so offensichtlich! Wir hätten drauf kommen sollen! Wir hätten es verhindern sollen, ehe es zu spät war! Verdammte…“ Wieder schweigen. Grey behielt Firey im Auge, da er sich bewusst war, dass auch sie eine enge Freundschaft zu Blue und Silver geführt hatte. Er sah ihr an, dass sie mit den Worten zu kämpfen hatte, dass sie sie nicht passend machen konnte und auch… dass sie ihm nicht glaubte.
„Wie geht es Green?“, war es Ilang die diesmal die Stille brach, auch wenn sie vollauf damit beschäftigt war Pink zu trösten.
„Sie schläft… mehr kann man im Moment nicht sagen“, antwortete er mit einem Kopfschütteln.
„Gut!“, sagte Kaira und schien damit das Thema abharken zu wollen, auch wenn sie genau sah, dass es für Firey alles andere als abgeharkt war.
„Wir haben keine Zeit den beiden hinterher zu trauern-“
„Aber sie sind doch unsere Freunde!“, unterbrach Firey Kaira.
„Freunde!? Jetzt nennst du sie noch so?! Also meine waren sie gewiss nie! Ich war von Anfang an dagegen und jetzt haben wir den Salat!“ Die Zeitwächterin erhob sich aus ihrem Stuhl, stemmte die Hände in den Tisch und sah die versammelten Wächter einen nach dem anderen an.
„Wie ich schon sagte: Wir haben nicht die Zeit den beiden hinterher zu heulen! Die Dämonen wären verdammt blöd, würden sie diese Chance nicht für einen Krieg ausnutzen. Es ist ein Wunder, dass sie uns noch nicht angegriffen haben! Wir müssen uns darauf konzentrieren ihnen entgegen treten zu können! Da unsere Hikari nicht im Stande ist diesen zukünftigen Krieg zu führen liegt der Schutz der Menschen in unseren Händen! Nein, noch viel wichtiger: Wir müssen auch Green beschützen! Wir müssen an ihrer Stelle kämpfen! Und wer sich dessen nicht bewusst ist und nicht gewillt ist seine Pflicht als Wächter, als Elementarwächter, zu erfüllen…“ Kaira funkelte gezielt Firey wütend an und fuhr fort:
„Dann hat dieser jemand nicht die geeigneten Qualifikationen für einen Elementarwächter und hat kein Recht diesen Raum zu betreten!“ Damit beendete sie ihren Vortrag, indem sie sich wieder hinsetzte, die Arme vor der Brust verschränkte und schwieg.
Firey antwortete nicht auf die Anschuldigung, sie schwieg wie die anderen. Nur Pinks Schlurzen war ab und hörbar. Es war Grey der sich schlussendlich erhob und sagte:
„Ich muss Kaira-san Recht geben. Ich weiß, der Verrat Silvers und Blues trifft uns alle, denn wir alle haben sie akzeptiert und sie als einen Teil… aufgenommen. Doch, so leid es mir tut, wir müssen diese Bindung aufgeben. Unseren Gefühlen ungeachtet steht uns ein Krieg bevor, welchen wir nur gewinnen können wenn wir entschlossen zusammen stehen. Als Elementarwächter ist es unsere oberste Pflicht unsere Hikari mit allen uns verfügbaren Mitteln zu unterstützen und jetzt in diesem Moment benötigt sie unseren Schutz.“ Der Windwächter legte seine Hand auf sein Herz und sagte aufrichtig:
„Doch ich glaube nicht, dass sie unseren Schutz lange benötigt. Denn ich glaube an meine Schwester! Ich glaube an Green und darauf, dass sie selbst wieder auf die Beine kommen wird, dass sie ihr Licht wieder findet und dass sie uns leiten wird!“ Pink befreite sich aus Ilangs Umarmung und wischte sich die Tränen aus den Augen.
„Ich… ich glaube auch an Green-chan! S-Sie ist stark!“ Von den anderen ein zustimmendes Murmeln, bis sie sich zuletzt sicher waren. Nur Firey hielt sich raus. Erst als Grey gerade fortfahren wollte, fragte sie:
„Wie könnt ihr Gary und Siberu… einfach so abharken, als… als wären sie einfach irgendein schlechtes Ereignis in einem Buch?“ Alle Augen lagen wieder auf Firey. Kaira sah einen Moment so aus, als würde sie sie wieder anschreien wollen, doch es war Grey der ihr antwortete. Nicht wütend. Nicht im Geringsten. Eher traurig, mit Mitleid, aber auch Verständnis in den Augen.
„Weil wir Wächter sind, Hinako-san. Und wenn du das nicht bist, muss ich Kaira-san Recht geben. Dann solltest du nicht hier sein.“ Er setzte sich, seufzte und fügte dann nach einer kurzen Pause hinzu:
„Anders als wir, hast du eine Wahl. Du bist zur Hälfte auch ein Mensch. Wenn du nicht gewillt bist nach unseren Prinzipien zu leben… steht es dir frei, zu deinem alten Leben zurückzukehren.“ Firey schüttelte den Kopf.
„Ich will keinen Krieg. Ich führe keinen Krieg gegen die beiden!“
„Das musst du auch nicht. Aber dann musst du auch den Preis bezahlen.“
„Preis…? Welchen Preis?“
„Dir wird bereits klar sein, dass du dein Element des Feuers verlieren wirst, habe ich Recht? Damit verlierst du deine Identität als Elementarwächter des Feuers... und damit verbunden auch sämtliche Erinnerungen die mit deinem Leben als Wächter verbunden sind.“ Mit anderen Worten, übersetzte Firey es für sich, sie würde sowohl Green als auch Siberu vergessen, zusammen mit ihrer kleinen dummen Liebe für ihn… Aber war die nicht schon verloren? Ihr Kopf sagte ihr, dass es so war – dass sie ihn genauso leicht aufgeben sollte, wie die anderen Wächter. Es war nur eine kleine unbedeutende Liebe. Ein wenig Herzklopfen in den falschen Momenten. Etwas was er sowieso nie erwidert hätte…
Sollte sie das gegen einen Krieg austauschen? Da war es doch viel schlauer es jetzt zu beenden. Anders als Green würde sie dann nicht unter deren Verrat leiden. Firey würde es einfach nur vergessen...
Aber sie wollte es nicht! Die wollte sich an ihren kleinen wagen Erinnerungen, die vielleicht sowieso nicht wahr waren, klammern und darauf vertrauen, dass sie wahr waren! Firey wollte die Wahrheit wissen.
Und sie wollte es von ihm selbst hören. Sie wollte eine Erklärung! Von ihm!
„Nein!“, sagte Firey klar und deutlich.
„Ich werde meine Pflicht erfüllen und Green beschützen. Ich will…weiterhin einer von euch bleiben. Ich will eine Elementarwächterin bleiben!“ Denn Firey sah auf einmal noch einen weiteren Faktor: Sie hatte Freunde gefunden. Freunde, die sie niemals gehabt hatte. Und sie wollte eine von ihnen bleiben. Sie wollte besser werden, sie wollte genau stark werden wie die Wächter die um sie herum saßen. Firey wollte lernen ihre Kräfte zu kontrollieren und diese dazu gebrauchen Green zur Seite zu stehen. Wie konnte Firey auch nur auf den Gedanken kommen, sie in Stich zu lassen? War Green nicht ihre beste Freundin?
„Ich werde mich anstrengen“, versprach Firey mit einem schüchternen Lächeln. Sie sah sofort, dass Ilang ihr aufmunternd zulächelte und auch Grey sah zufrieden aus. Nur Kaira wirkte nicht überzeugt, aber sie sagte auch nichts.
Damit übernahm Grey wieder die Führung des Gespräches:
„Gut. Dann kommen wir zum rein Praktischen. Es ist erst einmal wichtig, dass wir unsere Reihen wieder komplettieren. Dafür fehlen uns zwei Elementarwächter, dem der Erde und den der Illusionen.“ Kairas Blick verdunkelte sich schlagartig, denn ihr schien zu dämmern was Grey vorhatte und sie presste ein gedämpftes Schimpfwort hervor. Doch der Windwächter achtete nicht darauf.
„Kaira-san ich bitte dich Kontakt mit Yuuki-san aufzunehmen.“
„Ich weiß nicht wo der verfluchte Hu... Kerl ist.“ Azura sah sie überrascht an und überlegte wohl nicht ihre Worte:
„Aber er hat dir doch erst gestern geschrieben? Diesen netten Brief wo er dir…“ Ein Blick Kairas genügte um Azura zu verdeutlichen, dass es besser war zu schweigen. Doch der Schaden war bereits angerichtet und egal wie sehr Kaira ihren Halbbruder Yuuki auch hassen mochte, sie konnte sich nicht weigern ihn zu kontaktieren. Er würde sich freuen, dachte Kaira, mit dunklen Ahnungen.
Mit dem Elementarwächter der Erde sah es allerdings schwerer aus. Es war nicht lange her, dass Kari verstorben war. Knapp vier Monate. Das Element des verstobenen Wächters verließ zwar sofort den Besitzer nach Stillstand des Herzens und suchte sich auch schon einen neuen Wirt, doch es kam auf die Person drauf an, wann und wie es sich zeigte. Wenn das Element sich ein Kleinkind oder noch schlimmer, ein ungeborenes Baby, ausgesucht hatte, dann hatten die Elementarwächter ein ziemlich großes Problem.
Ein Problem welches sich an so viele andere reihte.
Sie beschlossen, dass es schlauer war mit der Suche des Elementarwächters der Erde zu warten, bis Tinami wieder wohlauf war. Sie war die Einzige die die notwendige Kompetenz für solch eine Suche besaß. Daher beendeten sie die Sitzung mit der Vereinbarung, dass sie sich am nächsten Tag wieder am gleichen Ort treffen würden.
Als letzter Wächter verließ Grey den Raum, zu sehr war er in Gedanken versunken gewesen. Er hatte nicht einmal bemerkt, dass Ilang ihm die Hand tröstend auf die Schulter gelegt hatte. Erst als er aufstand, sah er, dass er nicht alleine war im Raum: Firey war zurück gekommen und stand nun mit einen flehenden Ausdruck in den Augen vor ihm.
„Hinako-san?“ Sie zögerte einem Moment, doch raufte sich dann doch zusammen:
„Kannst du mich zu Green bringen? Ich weiß nicht wo ihr Zimmer ist…“ Genau mit dies hatte Grey gerechnet und erschöpft antwortete er:
„Hinako-san, meine Schwester kann dir auch nicht mehr sagen als ich.“
„Du willst nicht, dass ich zu ihr gehe?“ Der Angesprochene seufzte und erhob kaum merklich die Schultern.
„Es wäre besser, dass wir sie erst einmal alleine lassen. Wir sollten sie nicht dazu zwingen, es zu erzählen. Es zu erleben war schon schwer genug für sie.“ Firey wollte darauf gerade antworten, dass Green nicht die einzige war die litt, doch sie schluckte dieses Kommentar herunter und entschied sich dazu, dass sie nicht plötzlich anfangen sollte egoistisch zu werden. Auch wenn es ihr schwer fiel, schrecklich schwer… Daher tat sie nichts anderes als zu schlucken und zu nicken.
Auch als sie sich verabschiedeten, hielt sie sich zurück, sah ihm hinterher und kaum, dass die schwere Tür hinter ihnen zugefallen war, lehnte Firey sich an eine Säule und rutschte unbemerkt an dieser herunter. Ohne an etwas zu denken, sah sie hinaus in den Himmel, wo gerade die Sonne aufging. Dennoch so erschien es, als wäre der Horizont furchtbar dunkel…
„Ich glaube das alles nicht…“ Das Bild des Himmels verschwamm vor ihren Augen, die Farben vermischten sich und ehe sie den Kopf in ihre Knie vergrub, liefen ihr bereits die Tränen herunter.
„…D-Das kann einfach nicht… wahr sein.“


Silver versuchte ihn nicht anzusehen. Denn das Problem war, dass sein Bruder ihn immer wieder an das Geschehende erinnerte und das war etwas was er gerade zu verdrängen versuchte. Ein Unterfangen welches ihm nicht leicht war, da Rui seine Ohren belagerte. Sie war überglücklich, was man auch an ihrem Wortschwall bemerkte, doch Silver hörte nicht zu. Die Antwort auf ihre Worte bestanden aus einem Kopfnicken oder Schütteln – es schien sie aber nicht zu stören. Blue hatte schon längst deren gemeinsame Wohnung verlassen, wahrscheinlich weil er nicht so einfach auf Durchzug stellen konnte wie sein kleiner Bruder. Wenn man Rui allerdings schon so lange als Partnerin hatte… lernte man es irgendwann.
Obwohl Silver versuchte nicht dran zu denken, wusste er schon seit dem Blue das Zimmer verlassen hatte, dass er ihm irgendwann hinter her gehen würde. Er war zu neugierig.
Oder er machte sich einfach nur Sorgen.
Rui sah ihren Meister ein wenig empört, aber auch verwundert an, als dieser sie von seinem Schoss herunter schob und aufstand.
„Wo wollt Ihr hin, Silver-sama?“
„Ich bin gleich wieder da.“ Ohne sich nochmal umzudrehen, ließ er Rui zurück und die Tür fiel ins Schloss.
Silver konnte sich denken, wo sein Bruder steckte, auch ohne seine Aura durch Lerenien-Sei zu verfolgen. Er durchstreifte die Straßen und Gassen der großen Stadt zielsicher und hatte diese auch schon schnell hinter sich gelassen. In dem er einen der kleinen „Hinterausgänge“ benutze, gelangte er außerhalb des Ringes und hatte somit die Stadt verlassen. Er musste noch weitere zwei Kilometer gerade aus rennen, ehe er an einem ihm bekannten Ort ankam.
Es gab hier nicht viel. Nichts Besonderes jedenfalls. Ein paar große Steinbrocken waren verstreut in den Boden gerammt oder lagen zerstört herum. Es sah aus, als hätte es hier einmal ein größeres Gebäude gegeben, doch dieses war in Schutt und Asche gelegt worden. Das Einzige was es hier neben den Steinen noch gab, war ein enorm großer schwarzer Baum. Es war der größte den Silver jemals in der Dämonenwelt gefunden hatte, auch wenn er bereits tot war und es nur noch eine Frage der Zeit war, bis er in sich zusammen fallen würde.
Es war der Ort, an dem er zum allerersten Mal den Himmel der Dämonenwelt, seiner neuen Heimat, gesehen hatte.
Und der Ort an dem sie später von Ri-Il trainiert worden waren. Hart und unbarmherzig.
Silver ging nicht näher heran als notwendig. Er sah schon von weiten etwas was er noch nie zuvor bei seinem Bruder, oder bei einem anderen Dämonen gesehen hatte: Eine Tränenspur fand seinen Weg.
„Ich nimm alles wieder zurück. Ein Dämon kann also doch mehr als Verlangen…“, sagte Silver ohne sonderlich über seine Worte nachzudenken. Blue reagierte nicht auf diese unüberlegten Worte. Er sah seine Hände an, ohne von Silver Notiz zu nehmen. Es kam Silver vor wie Minuten wo sie sich anschwiegen, bis er sich dazu entschied weiter zu sprechen, auch auf die Gefahr hin, dass er nur einen Monolog führte. Vielleicht brauchte er diese Worte selbst; musste hören wie sie ausgesprochen wurden. Nicht um seinen Bruder aufzuheitern, sondern vielleicht auch sich selbst.
„Mach dir keine Sorgen um Green-chan. Sie wird schon wieder auf die Beine kommen! Du kennst sie doch! Von nichts und niemanden lässt sie sich unterkriegen, schon gar nicht von solchen Idioten wie uns! Sie ist nicht mehr alleine. Sie hat Freunde! Sie werden Green-chan schon wieder auf die Beine verhelfen, ihr Bruder und… Firey…“ Plötzlich versagte dem Halbdämon die Stimme und auch ihm war plötzlich nach weinen zumute – aber er kannte den Grund dafür nicht.
„Du solltest nicht so laut reden.“ Blue war vor ihm aufgetaucht und sah über Silver hinweg. Von seinen Tränen war nichts mehr zu sehen. Auch Silver sah nun in dieselbe Richtung wie sein Bruder und im gleichen Moment wie er es spürte, sah er seinen Lehrer plötzlich an dem großen Baum lehnen. Er hob die Hand in einem vertrauten Gestus, doch Silver und auch Blue waren so verkrampft als stünden sie ihrem Erzfeind entgegen. Blue fragte sich umgehend, ob Ri-Il Silvers Worte gehört hatte und falls, was er dazu sagen sollte um es weniger auffällig wirken zu lassen.
„Setzt euch, setzt euch!“, sagte Ri-Il als er urplötzlich vor ihnen auftauchte und auf einem Steinbrocken hinter ihnen zeigte. Blue tat sofort wie geheißen, doch sein, in Gedanken versunkener, Bruder brauchte ein, zwei auffordernde Blicke um es ebenfalls zu tun. Als sie da so nebeneinander saßen, kam es Blue so vor, als wäre er wieder zehn Jahre alt... Gerade erst in der Dämonenwelt angekommen und mit fürchterlicher Angst erfüllt.
Jetzt hatte er keine Angst. Er war höchstens unruhig. Aber auch irgendwie… gleichgültig. Als hätte alles seinen Sinn verloren. Aber hatte nach wie vor einen Sinn den er verfolgen musste. Seinen alten hatte er verloren, aber einen neuen bekommen und daher sagte er sich, dass er sich zusammen reißen musste.
Ri-Il setzte sich ihnen gegenüber auf einen etwas höheren Steinblock, schlug wie immer seine dünnen Beine übereinander und lobte sie für ihren ausgeführten Auftrag. Doch beide spürten, dass dies nicht der Grund für sein Kommen war. Silver fragte sich, ob er so schnell schon einen neuen Auftrag gefunden hatte, doch Blue war sich sicher, dass es damit nichts zu tun hatte. Es hatte etwas mit Green zu tun.
Nach einem kurzen Schweigen löste Ri-Il es endlich:
„Doch es gibt da etwas was mich ein wenig… verwundert.“
„Was ist es, Sensei?“, fragte Blue, da Silver beschlossen hatte ihm das Reden zu überlassen. Ri-Il öffnete seine Augen und sofort lief den beiden Halbdämonen ein Schauer über den Rücken. Es war bis jetzt noch nicht oft passiert, dass sie die Augen ihres Lehrers gesehen hatten, daher war ihnen sofort bewusst, dass sie sich auf einem dünnen Grad befanden: Falsch angewandte Wörter könnten deren Aus bedeuten.
„Warum lebt das Lichtprinzeschen noch?“
„Dafür gibt es einen Grund!“, schoss Silver ein wenig zu schnell hervor, auch seine Stimme klang zu desperat. Blue verdrehte unbemerkt seine Augen. Ri-Il hatte es nicht gesehen, da er sich nun Silver zugewandt hatte. Er erhoffte sich von ihm wohl weniger gutüberlegte Worte, als von Blue, da er die beiden selbstverständlich kannte und wusste, wer von ihnen der kühlere Kopf war. Das bedeutete allerdings auch, dass Ri-Il bereits eine Vermutung hatte und so wie Blue seinen Lehrmeister kannte, ging diese sicherlich in Richtung Wahrheit – wenn er nicht schon die Wahrheit kannte!
„Dann bitte ich höflich um eine Erläuterung des Grundes.“ Ein weiteres Mal sandte Blue seinem Bruder einen vielsagenden Blick, doch dieser bemerkte es nicht und da sein Bruder es dringend vermeiden wollte, dass er sich verplapperte, trat er Silver in dessen Schienbein. Ri-Il wunderte sich nicht über dieses Verhalten, es löste auch keine Skepsis in seinem langen Gesicht aus – er war die Umgangsart der beiden Brüder gewohnt.
„Es gibt einen“, sagte Blue und nun wunderte sich Ri-Il wirklich.
„Und warum sagt ihr ihn nicht einfach, wenn es einen gibt? Ist es etwa so, dass ich euch überschätzt habe? Dass es vielleicht einfach nicht in eurem Bereich des Könnens liegt? Ich habe euch lange nicht mehr kämpfen gesehen. Es liegt also im Bereich des Möglichen, dass eure Fähigkeiten während eures Aufenthaltes in der Menschenwelt eingerostet sind. Falls dies der Fall sein sollte… so kann ich euch jedenfalls nicht ohne weiteres einem neuen Auftrag anvertrauen.“ Obwohl diese Worte alles andere als positiv waren, atmete Blue in Gedanken auf; dass sie unterschätzt wurden und für schwach gehalten wurden, war um einiges besser als wenn er die Wahrheit herausfand. Silver schien es nicht zu passen, dass er als unfähig abgestempelt wurde, doch er schwieg grollend. Genau wie Blue, der ebenfalls nicht antwortete, da er regelrecht spüren konnte, dass es noch etwas anderes gab.
„Es könnte natürlich auch sein…“ Ri-Il sah seine beiden Schüler gleichzeitig an.
„Dass ihr euren Auftrag etwas zu ernst genommen habt.“ Schweigen, Silver überließ mit Absicht seinem Bruder die Wortführung, da er auch diesmal sofort hätte verneinen wollen.
„Weshalb denkt Ihr das?“, fragte Blue und hielt tapfer, doch mit innerer Unruhe den Augenkontakt mit seinem Meister aufrecht. Ri-Il lächelte.
„Ich kenne euch doch… und egal ob ihr meine Lieblingsschüler seit oder nicht, ihr seid nur Halbdämonen.“ Beide wunderten sich über diese Aussage, da Ri-Il eigentlich kein Dämon war, der auf so etwas herum ritt. Er hatte es im Allgemeinen nie für wichtig gehalten oder oft darüber gesprochen.
Doch Ri-Il stand auf – offensichtlich wollte er keine Antwort haben. Er schloss seine Augen wieder und setzte sich seinen Zylinder auf. Seine Schüler wirkten verwundert.
„Aber ihr meint, ihr habt einen plausiblen Grund?“ Sie sahen sich an und gaben dann ein einstimmiges Nicken.
„Gut, dann habt ihr garantiert nichts dagegen ihn den Hohen zu erläutern.“ Sowohl Silver als auch Blue klappte der Mund auf. Ihnen war noch nie die Ehre zu Teil gewesen, an einer Sitzung der Hohen teilzunehmen – keinem Dämon war diese Ehre zu Teil geworden! Man sagte, wer kein Fürst war und einmal diesen Raum betreten hatte, kam nie wieder lebendig heraus…
„Ich hole euch dann ab.“ Und mit diesen Worten verschwand er, genauso wie er aufgetaucht war: im Nichts.
Silver und Blue starrten zuerst auf eben diesen Punkt, ehe sie den Blick auf den jeweils anderen wandten.
„Du hat wirklich einen Grund?“, fragte der Jüngere den Älteren, welcher nur Nicken konnte, da er bereits in Gedanken versunken war.
„Ich hoffe es ist einer den wir überleben…“
Blue hörte ihn nicht mehr. Er war bereits zu weit in seine Gedanken verstrickt. Zu tief und zu weit war er in seinen Erinnerungen vergraben… wie alles angefangen hatte. Wie er zum ersten Mal das Mädchen sah, welches das Schicksal als sein Opfer auserkoren hatte… aber auch als die, in die er sich so schmerzlich verlieben sollte…