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Episode 13
  Episode 13: Die Schöne und das Biest
Miyakos Mutter hatte ihr immer gesagt, dass sie nie den Fehler begehen durfte und sich in einen gutaussehenden Mann verlieben durfte. Diese Männer wissen, dass sie gut aussehen und genauso ist ihnen auch bewusst, dass sie jede Frau bekommen können: auf ihre Liebe kann man nicht zählen, waren ihre Worte, sie waren gut für ein bisschen Spaß, aber nicht für etwas Ernstes. Miyako hatte ihre Mutter daher gefragt, ob sie einen hässlichen Schwiegersohn wollte. Daraufhin hatte sie gelacht und gesagt, dass der Mann ihrer Tochter ja nicht hässlich sein musste. Er musste „vernünftig“ aussehen, dazu sagte sie noch, die Hauptsache war, dass er sie glücklich machen konnte.
Kein Mann der Welt konnte Miyako glücklich machen. Denn Miyako war bereits verheiratet: mit ihrer Arbeit. Sie hatte sich dem Journalismus verschrieben und war wohl einer der erfolgreichsten Journalisten Japans. Für ihre Zeitung war sie auf der ganzen Welt unterwegs, USA, Hongkong, Mexiko, Frankreich... Über sechs Sprachen sprach sie fliesend, jeden Monat floss ein schönes Gehalt auf ihr Konto und obendrein sah Miyako nicht schlecht aus. Ihre Mutter kam aus Italien, daher hatte Miyako ihre langen naturroten Haare geerbt, auf die sie recht stolz war, denn nicht viele Japaner konnten behaupten, dass ihre roten Haare ungefärbt waren. Zusammen mit ihren grünen Augen verlieh ihr das ein exotisches Aussehen, welches sie schon so einige Male ans Ziel gebracht hatte. Sie war eine Frau von Welt; wie sie sich gerne selbst beschrieb. Zwar war sie geborene Japanerin und hatte dort auch ein recht schickes Haus, doch ihr Zuhause waren Fünfsterne Hotels.
Und genau in so einem Hotel traf Miyako Ookido ihn.
Damals hatte sie sich mit ihrem Klienten in einem geschmackvollen Hotel in Manhattan getroffen. Allerdings konnte sich Miyako nicht mehr genau an das Thema erinnern, da das Gespräch nicht einmal richtig in Gang gekommen war. Denn als Miyako ihren Blick durch die Lobby schweifen ließ, sah sie einen Mann der ihre gesamte Aufmerksamkeit auf sich zu saugen schien. Miyako wusste nicht was es war was er an sich hatte. Es waren garantiert nicht seine merkwürdig abstechenden Haare. Er weckte ihre natürliche Neugierde, obwohl er nichts anderes tat, als aus dem Fenster in die dunkle Nacht zu sehen. Vielleicht war es seine Kleidung, die so einfach nicht in dieses Ambiente herein passte. Die Menschen um sie herum waren in Abendkleidern, Anzügen und Smokings gekleidet, er jedoch trug einen alt aussehenden Mantel, worunter sie eine Art Uniform erkennen konnte. Er wirkte deplatziert, als hätte er sich nur hierhin verirrt.
Plötzlich drehte der Mann sich um und ganz ohne Zweifel sah er Miyako an, als hätte er ihren Blick bemerkt und das obwohl sie mehr als zwanzig Meter voneinander entfernt waren.
Von einem Moment auf den anderen stand er plötzlich vor ihr und als Miyako fragend zu ihm hochsah war ihr Sein von der Frage gefesselt, welche Augenfarbe der Fremde hatte. War das schwarz? Oder eher ein Braunton? Nein... es war viel mehr eine rötliche Farbe.
Auf einmal ging alles zu schnell. Viel zu schnell. Miyako vergaß den Klienten, vergaß das Gespräch und vergaß sogar wie sie in das Zimmer gekommen war. Es war als hätte sie zu tief ins Glas geschaut, nein, viel schlimmer: als hätte sie Drogen genommen. Denn das, was passierte, als die Zimmertür geschlossen wurde, war wahrlich jenseits jeglicher menschlicher Vorstellung...

Japan 28. März 1989

„Ich hab‘s dir doch gesagt, ich hab‘s dir doch gesagt!“ Miyakos Mutter wiederholte diese zwei Sätze, obwohl sie sie bereits bei deren letzten Telefongespräch, welches gerade mal zehn Minuten zurück lag, gesagt hatte. Freudestrahlend stand sie vor Miyakos Haustür, welche ihre Freude eher genervt erwiderte, sie aber doch herein ließ in die kleine Eingangshalle, wo sie ihr, wie ein guterzogenes Kind, den Mantel abnahm und ihn auf hing. Ihre Mutter tänzelte an ihr vorbei, wie ein kleines Kind, und verschwand in die Stube, wo Miyako bereits Kaffee und Kuchen angerichtet hatte, da ihre Mutter keine Gelegenheit verpasste, ihre einzige Tochter zu besuchen und erst recht nicht heute. Seitdem sie ihren zweiten Ehemann verlassen hatte, tat sie nichts anderes als Miyako zu besuchen und hatte sogar ein Haus in der Nähe – vielleicht war das ein Grund mehr, warum Miyako so gut wie nie in ihren eigenen vier Wänden war, obwohl sie nicht behaupten konnte, dass sie die Gesellschaft ihrer Mutter nicht mochte, immerhin war sie nicht nur ihre Mutter, sondern auch ihre einzige Gesprächspartnerin, aber manchmal konnte es doch zu viel werden.
Und da Miyakos Mutter so oft bei ihr war, hatte sie auch als erstes etwas an ihrer Tochter bemerkt, was diese selbst nicht wahr haben wollte. Bei deren aller ersten Treffen nach Miyakos Arbeit in Manhattan, hatte sie sofort festgestellt, dass ihre Tochter schwanger war. Miyako hatte dies natürlich nicht geglaubt; so ein Missgeschick konnte einem Teenager passieren, aber doch nicht ihr! Doch eine Woche nach den anhaltenden typischen Symptomen, konnte selbst sie das Faktum nicht mehr weg reden und der heutige Arztbesuch hatte es nur bestätigt.
„Sei bloß nicht zu schadenfroh, Mum“, antwortete Miyako als sie ihrer Mutter in die warme Stube folgte, wo sie sich vor ihr auf einem braunen Sofa niederließ um ihr aus dieser Position heraus einzuschenken.
„Ich bin nicht schadenfroh, meine Freude ist ehrlich und aufrichtig!“ Und mit einem Dankeschön nahm sie den Kaffee entgegen, nur um zufrieden festzustellen, dass ihre Tochter Saft, statt Kaffee trank. Miyako wunderte sich nicht darüber, dass ihre Mutter nicht zu einer Moralpredigt oder Ähnliches ansetzte, da sie schon seit mehreren Monaten, Jahren, darauf beharrte, dass Miyako ihre Arbeit hinlegen sollte, um eine Hausfrau zu werden. Miyako kannte die Hintergedanken ihrer Mutter: es ging ihr dabei weniger um das Leben ihrer Tochter, sondern eher darum, dass sie sie auf diese Art und Weiße öfter sehen konnte.
„Aber erzähl mal, ich will alles wissen!“ Als wäre Miyako ein kleines Mädchen lösten diese Worte und die darauf folgenden Gedanken einen Rotschimmer auf ihrem Gesicht aus:
„Was gibt es da schon zu erzählen? Es spricht doch alles für sich.“
„Dass du schwanger bist, sagt mir nicht, wer der Vater deines Kindes ist.“ Miyako seufzte beinahe schon erschöpft und wappnete sich vor dem nächsten Kommentar, als sie peinlich berührt sagte, dass sie sich nicht nach seinen Namen erkundigt hatte.
Ihre Mutter stellte ihre Tasse zurück auf den Tisch und Miyako wich ihren vorwurfsvollen Mutterblick aus.
„Das sieht dir aber gar nicht ähnlich.“ Genau das wollte Miyako nicht hören: dass irgendetwas ihren doch so geregelten Lebenslauf durcheinander gebracht hatte.
„Es war ein Missgeschick und ich bin alt genug um dafür die Verantwortung zu tragen.“ Doch ihre Mutter überhörte sie:
„Du hast wirklich keine Ahnung wer er ist?“
„Nein, habe ich nicht, Mum. Aber es ist sowieso keine Sache der Wichtigkeit.“
„Sowas ist gewiss nicht egal! Dein Kind muss doch wissen wer sein Vatter ist, das geht doch nicht, das…“
„Ich werde das Kind nicht behalten“, unterbrach Miyako ihre Mutter, als diese gerade dramatisch ausführen wollte, von mehreren Liebesfilmen und Familiendramen inspiriert.
„Abtreiben kommt nicht in Frage, mein Mädchen, absolut nicht! Das ist absolut indiskutabel.“
„Wer hat von abtreiben gesprochen!?“, antwortete Miyako plötzlich ebenso empört wie ihre Mutter, doch regte sich schnell wieder ab und sagte ruhiger:
„Ich werde das Kind zur Adoption freigeben.“
„Was?! Aber… warum?“ Die Angesprochene seufzte und war kurz davor die Augen zu verdrehen Anhand der Tatsache, dass ihre Mutter mal wieder Miyakos Lebensinhalt gekonnt übersah.
„Weil ich meine Karriere nicht durch eine Schwangerschaft riskieren will - deshalb. Ich habe bereits mit Okawa-san gesprochen und alles weitere abgesprochen und geklärt. Ich werde solange wie möglich weiter arbeiten und nach der Entbindung werde ich an meinen Arbeitsplatz zurückkehren, als wäre nichts geschehen.“ Miyako sah ihr an, dass ihr dieser Gedanke überhaupt nicht gefiel und einen Moment dachte sie daran, ob sie das Argument bringen würde, dass sie sich doch so gerne auch einen Enkel von ihrer Tochter wünschte, obwohl Miyakos Halbbrüder bereits vier Kinder hatten, doch dies war ein Fehlgedanke. Von einem Moment zum anderen wurde ihre Mutter plötzlich ruhiger und wirkte so auch um einiges ernstzunehmender:
„Das wirst du nicht durchhalten.“
„Warum sollte ich nicht?“
„Sobald du das Neugeborene in den Armen hältst, wirst du es nicht mehr übers Herz bringen es wegzugeben.“
Und das war alles was ihre Mutter dazu zu sagen hatte, denn, kaum, dass sie dies gesagt hatte, wechselte sie das Thema, genauso schnell, wie sie ihre Laune veränderte. Sie hatte keine Antwort gewollt, für sie war es eine Feststellung gewesen. Also war ihre zwei monatige Reise nach Canada, welche sie im Mai antreten würde, wichtiger. Erst, als sie sich von einander verabschiedeten, schnappte sie das Thema wieder auf:
„Wenn du Hilfe brauchst, sag mir Bescheid. Bis Mai bin ich ja noch da und ich werde auch rechtzeitig zu deiner Entbindung wieder zurück sein. Du glaubst gar nicht wie schwer so eine Schwangerschaft ist! Und du, ganz alleine in diesem großen Haus…“
„Ich komm schon klar, Mum“, antwortete Miyako mit einem beruhigenden Lächeln und schob ihre Mutter dabei beinahe aus der Haustür. Doch diese war noch nicht fertig: gerade als Miyako die Haustür schließen wollte, drehte ihre Mutter sich noch vor dem Gartentor um und sagte grinsend:
„Ich freu mich schon auf mein Enkelkind!“

Japan 2. Mai

Miyako bereute es, die Hilfe ihrer Mutter nicht angenommen zu haben. Sie war alleine in ihrem großen Haus, jedenfalls wenn man von dem in ihr pulsierendem Leben absah. Normalerweise hatte sie nichts dagegen alleine zu sein, immerhin war sie seit dem Ausziehen von ihrem Elternhaus auf sich alleine gestellt gewesen, abgesehen von den regelmäßigen Besuchen ihrer Mutter, wenn Miyako denn mal zuhause war. Doch diese Nacht war anders und das lag gewiss nicht an dem Gewitter, welches sie Draußen mit verfolgen konnte. Sie mochte Gewitter, daher war dies nicht der Grund für ihre Unruhe.
Es war eher eine innere Nervosität… ein Unbehagen, welches sie sich nicht erklären konnte. Es konnte daran liegen, dass sie schon lange nicht mehr normal aufgewacht war, sondern nur schweißgebadet: Alpträume plagten sie und sie konnte sich nicht erklären woher diese stammten. Noch nie war sie so regelmäßig von schlechten Träumen heimgesucht worden, wie seit dem Beginnen der Schwangerschaft – aber sie hatte noch nie davon gehört, dass Alpträume zu den normalen Schwangerschaftssymptomen gehörten. Auf der einen Seite waren es diese typischen Alpträume in denen man verzweifelt nach einem Ausweg suchte, doch auf der anderen Seite waren sie unheimlich merkwürdig: Es war nicht sie, die durch endlose Korridore rannte und es war auch nicht sie die angstvoll schrie. Auch die Sprache war ihr ein Rätsel… Es war keine die sie kannte oder jemals gehört hatte.
Miyako hasste diese Träume. Sie hatten nichts mit ihr zu tun und dennoch beeinflussten sie ihr Denken. Sie schlief nicht mehr viel, versuchte sich vor dem Schlafengehen zu drücken in dem sie tausende von Büchern las. Es war als hätte sie das Kind in ihr verflucht, aber das war natürlich Schwachsinn. Ihr gesunder Menschenverstand sagte ihr, dass sie ein ungeborenes Kind doch nicht für ein paar läppische Alpträume verantwortlich machen konnte, aber unterbewusst…
Miyako saß plötzlich kerzengerade im Bett. Zwischen dem Donner und dem Einschlagen des Blitzes hatte sie etwas gehört. Etwas, was nicht Draußen vor sich ging, sondern in ihrem Haus. Sofort breitete sich ein flaues Gefühl in ihr aus. Die Kellertür war in der Tat ein wenig eingerostet und hätte schon lange ausgetauscht werden müssen. Dazu kam die Tatsache, dass man schnell herausfinden konnte, dass in solch einem großen Haus, in einem recht teuren Gebiet Tokios, eine alleinstehende, obendrein schwangere, Frau lebte, wenn man ein halbwegs kluger Dieb war und sich auf den Einbruch vorbereit hatte.
Doch ihr flaues Gefühl verwandelte sich schnell in Wut, als sie die Beine aus dem Bett schwang und sie so leise wie möglich auf dem Parkett absetzte. Ebenso leise öffnete sie die unterste Schublade ihres Schrankes und holte eine kleine Pistole heraus, welche sie immer bei sich hatte, wenn sie in New York unterwegs war. Sie hatte sie bis jetzt nur einmal gezückt, hatte aber noch nie damit geschossen. Doch festen Schrittes stieg sie die Treppen hinab, obwohl sie sich schon einreden musste, keine Angst zu haben. Sie hatte es doch schon öfter mit frevlerischen Individuen zu tun gehabt und war immer mit heiler Haut davon gekommen… Man durfte sie nicht unterschätzen, nur weil sie eine Frau war! Hilflos war sie nicht, nein, nicht sie. Und wer es wagte in ihr Haus einzubrechen und ihr Hab und Gut stehlen zu wollen, welches sie sich so hart verdient und erarbeitet hatte, der würde es büßen!
Doch ein weiteres Geräusch lies Miyako still stehen. Es war ein dumpfes Geräusch gewesen, als wäre etwas Schweres zu Boden gestürzt. Sie überlegte was es sein konnte, was zu Boden gefallen war, während sie den Gang entlang tastete und die Waffe leise entsicherte. Bei dem Wohnzimmer angekommen, festigte sie ihren Griff um ihre Waffe und nachdem ein weiter Blitz den Himmel erleuchtete, steckte sie ihren Kopf ins Zimmer.
Sogleich bemerkte sie, dass sämtliche Vorsicht nicht von Nöten war – jedenfalls nicht von dem Einbrecher. In dem Zimmer war kein Einbrecher… jedenfalls keiner der eine Gefahr ausmachte. Denn der ungebetene Besucher lag auf dem Boden, reglos.
Ein weiterer Blitz schlug ein, erhellte das Zimmer für wenige Sekunden und Miyako verlor vor Schreck beinahe die Pistole, denn das Gesicht des Einbrechers war absolut regungslos gewesen. Er war tot… aber wie…
Miyako ging einen Schritt rückwärts, ohne es wirklich mitzubekommen. Was sie jedoch realisierte, war, dass sie gegen jemanden stieß. Umgehend wirbelte sie herum, hatte die Waffe schon gezückt und wollte sich gerade gegen den zweiten Einbrecher und wahrscheinlich auch Mörder, beschützen als ihr Herz vor Schreck einen Schlag ausließ.
Die junge Frau konnte nicht anders. Es war nicht ihre Art sowas zu tun, sie wollte es nicht. Aber Miyako schrie spitz und panisch vor Schreck und wahrscheinlich auch aus Angst, denn sie sah etwas was absolut unmöglich war. Dieser Jemand, Mann oder was auch immer er war, hatte rote glühende Augen, die sie regelrecht anstarrten…
Ihr panischer Schrei erstickte in ihrer eigenen Ohnmacht und sie hätte sich nie vorstellen können, dass dies so befreiend sein konnte…
Lange wahrte dieser Friedenszustand allerdings nicht. Als sie ihre Augen wieder aufschlug, war das erste was sie hörte das Donnergrollen vor dem Fenster und das Trommeln des Regens… und die Tatsache, dass sie in ihrem Bett lag. Wie sie dorthin gekommen war, beschäftigte sie nicht lange. Viel mehr beschäftigte sie der Mann der an ihrem Bett saß und sie desinteressiert ansah. Es war unzweifelhaft der Mann, dem sie ihr Dilemma zu verdanken hatte: seine Haare und dieses markante Gesicht hätte sie unter tausenden wieder erkannt. Doch er hatte keine roten Augen… hatte sie sich das eingebildet?
Hatte sie sich auch die Leiche in ihrem Wohnzimmer eingebildet? Hatte sie wieder geträumt?
Schnell saß Miyako aufrecht und atmete scharf ein. Sie wich soweit weg wie möglich vor ihn und zog die Bettdecke hoch bis zu ihrem Kinn, als könnte es ihr als Schutz dienen. Während dieser Prozedur hatte er nicht einmal geblinzelt. Aus dieser Pose heraus, nahm sie sich ein wenig mehr zeit um den bekannten Fremden aus Manhatten, der Vater ihres Kindes, genauer anzusehen, da sie sich selbst eingestehen musste, dass sie von der schicksalhaften Nacht nicht mehr viel wusste, außer seinem Gesicht und seinen Haaren. So viel ihr erst jetzt auf, dass eine Narbe sich quer über seine Stirn zog und auch seine Hände wurden von mehreren Narben geziert. Auch seine dunkle Kleidung wirkte fremdartig, mehr wie eine Uniform als Alltagskleidung.
„Bist du befruchtet?“ Miyako öffnete den Mund. Sie wollte etwas sagen. Nein, sie wollte ihm viel eher eine Ohrfeige knallen für diese unverschämte Wortwahl! Doch sie sagte nichts, wahrscheinlich weil sie sich nicht entscheiden konnte was von den vielen Wörtern sie ihm um die Ohren werfen sollte. Nach verstrichenen Sekunden konnte sie ihre Wut unter Kontrolle kriegen und sagte:
„Ich bin schwanger. Und woher zur Hölle wusstest du, wo ich wohne?“
„Gut.“ Er hatte ihre Wut wohl nicht bemerkt, oder es war ihm einfach nur egal, auch ihre Frage wurde ignoriert. Er sah sie weiterhin desinteressiert an, ohne mit der Wimper zu zucken. Er schien nicht mehr zu sagen zu haben und dass wo er doch der Vater war. Doch Miyako hatte dem Vater ihres Kindes einiges zu sagen, egal ob er es nun hören wollte oder nicht.
„Was willst du hier? Hast du plötzlich doch Interesse? Lass es dir gesagt sein, ich behalte das Kind nicht! Ich bin keine…“ Er unterbrach sie:
„Oh, doch wirst du.“
„Ich werde kein Kind großziehen! Du kannst das Kind gerne haben, es wird sowieso zur Adoption freigegeben.“
„Abkömmlinge bleiben bei ihren Müttern, bis sie stark genug sind um alleine klar zu kommen.“ Was für eine konservative Einstellung! Nein, konservativ war nicht mal das richtige Wort, doch sie wusste nicht, an was es sie erinnerte…
„Was willst du damit sagen?“
„Dass das Kind bei dir bleibt.“
„Was--?! Was bildest du dir überhaupt ein! Einfach so über mich bestimmen zu wollen…“ Kaum hatte sie diese Worte gesagt, packte er ihr Handgelenk und zerrte sie ruckartig zu sich. Es schmerzte, als würde er ihr Handgelenk brechen wollen. Doch der Schmerz drängte sich schnell in den Hintergrund als sie ihre Augen öffnete und in seine sah. Ihr Herz pochte ihr bis zum Hals, als sie schnell bemerkte, dass seine Augen ein weiteres Mal in Rot getaucht waren.
„Du bist dir deinen Standpunkt wohl nicht bewusst, Mensch.“ Unbewusst versuchte Miyako sich aus seinen festen Griff zu befreien, ohne sich jedoch von seinen Augen abwenden zu können, obwohl sie es wollte.
„Der einzige Grund weshalb ich hier bin ist mein Abkömmling. Und das ist auch der einzige Grund weshalb du noch am Leben bist.“ Immer noch keine Antwort von Miyako, zu viele Gedanken schwirrten ihr in ihrem Kopf herum, welche sie unfähig machten zu agieren. Doch noch während sie entsetzt in seine Augen starrte brachte sie zitternd zustande:
„Was… was bist du?!`“
„Ein Dämon.“ Miyako keuchte auf, jedoch nicht wegen seinen Worten, sondern daher, dass er langsam und beinahe genüsslich ihr Handgelenk brach, ehe die Hand samt Arm wie ein Stein auf ihre Bettdecke herab fiel.
„Und du, bist ein Mensch. Deine Gelenke brauchst du nicht um das Kind auf die Welt zu bringen. Also gehorche mir, wenn du diese nicht verlieren willst.“


Japan 3. Mai

Sein Name war Black.
Und es interessierte ihn nicht, wie sie hieß. Alles was für ihn von Bedeutung war, war die Tatsache, dass sie sein Kind in sich trug. Zu Beginn hatte Miyako noch die Hoffnung gehegt, dass er wieder aus ihrem Leben verschwinden würde, sobald sie die Entbindung hinter sich gelassen hatte, doch schnell wurde ihr schmerzlich bewusst, dass dem nicht so war. Ihr ach so schön geordnetes Leben war über Nacht zerstört worden… in Schwärze getaucht. Und sie sah kein Licht.
Er war ein Dämon! Der Vater ihres Kindes war ein Dämon! Was war ihr Kind denn? Nicht menschlich!? Wie war das möglich!? Dämonen gehörten zuhause in die Bibel, in irgendwelche Horrorgeschichten oder Fantasy Games – überall, aber nicht in ihrem Zuhause, nicht in der Realität!
Doch Miyako gab nicht auf. Sie war schlichtweg nicht der Typ dafür. Sie wollte sich nicht mit ihrem Schicksal abfinden. Also versuchte Miyako sich zu wehren. Zu Beginn protestierte sie rein aus Prinzip gegen Blacks Befehle. Er konnte sich nicht mit Worten wehren und selbst wenn er in der Lage dazu war, wollte er es nicht. Es endete also immer schnell damit, dass er zur Gewalt griff. Mit allen Mitteln, sei es nun das Küchenmesser oder eine Blumenvase, wusste die junge Frau sich gegen den Dämon zu wehren, doch vergebens. In den meisten Fällen endete es damit, dass er sie durch das ganze Haus jagte und letztendlich war es wirklich das Kind in ihrem Bauch welches sie davor bewahrte, zu sterben. Diese Art von Gegenwehr gab sie schnell auf, da sie bemerkte, dass es ihm Spaß machte. Auch noch ein Sadist!
Dennoch war sie nicht gewillt sich gehorsam mit ihm abzufinden. Denn das Schlimmste war nicht, dass er sehr schnell zur Gewalt griff, sondern, dass er sie in ihrem Haus gefangen hielt. Black verbot ihr, das Haus zu verlassen oder irgendwie mit der Außenwelt Kontakt aufzunehmen. Gleich am ersten Tag von Miyakos Gefangenschaft klingelte ihre Mutter an der Haustür, um sich zu verabschieden ehe sie nach Canada reiste, wie ihre Mutter es öfter tat. Die Möglichkeit mit ihrer Mutter Kontakt aufzunehmen, wurde schnell im Keim erstickt, da Black sie, ehe sie überhaupt einen Ton sagen oder schreien konnte, ihren Mund mit seiner großen, rauen Hand zuhielt, um sie mit der anderen schmerzhaft festzuhalten.
Verzweifelt, wütend und hilflos war Miyako so gezwungen das Kommen und Gehen ihrer Mutter zu ignorieren, denn Black ließ sie erst los, als sie sich entfernt hatte.
„Ich hasse dich!“, sagte Miyako als er wieder den gewohnten fünf Meter Abstand zu ihr eingenommen hatte. Wieder reagierte er nicht auf ihre Worte, obwohl Miyako sich sicher war, dass sie noch nie jemanden so verabscheuend angesehen hatte.
„Und du glaubst, das würde mich interessieren?“ Verbittert drehte Miyako sich um und ohne zu antworten ging sie an ihm vorbei, durch den Flur, in Richtung Badezimmer. Erst mit der Hand bereits auf der Türklinke, verharrte sie, als sie bemerkte, dass er hinter ihr stand:
„Du willst mir jawohl nicht auch noch ins Badezimmer folgen!?“ Einen kurzen Moment schwieg er, während Miyakos Blick ihn hätte töten können, doch seine Antwort überraschte sie:
„Nein.“ Damit lehnte er sich an die Wand gegenüber der Badezimmertür und starrte sie wie immer einfach nur an. Erschöpft und verärgert seufzte Miyako und knallte die Tür hinter sich zu. Obwohl sie wusste, dass es sowieso nichts brachte, schloss sie die Tür hinter sich ab. Sie öffnete den Zopf ihrer Haare und ließ das Wasser in die Badewanne ein. Eigentlich hatte sie nicht vorgehabt zu Baden, aber sie sollte es ausnutzen, wenn sie schon einmal ein paar Minuten für sich hatte.
Gerade als sie sich das Oberteil über den Kopf ziehen wollte, fiel ihr auf, dass es noch etwas anderes gab, was sie ausnutzen konnte: Das Fenster.
Ein wenig baff darüber, dass ihr das nicht früher eingefallen war, ließ sie das Oberteil wieder fallen und ging zu dem kleinen Fenster unter der Decke, welches auf Kipp stand und wodurch ein Erwachsener gerade so durch passen würde. Aber zum Glück war sie ja nicht besonders dick.
Mit Absicht ließ sie das Wasser laufen, damit sie den Anschein wahrte, dass sie am Baden war und stieg auf einen Hocker um ihren Fluchtweg nutzen zu können. Sie öffnete das Fenster ganz und stützte sich an der Fensterbank ab, um herausklettern zu können. Gerade als sie bereits den verlockenden Duft der Freiheit auf ihrer eigenen Haut spüren konnte und sie den blühenden Kirschbaum in ihrem Vorgarten sah, wurde ihre Freude bereits enttäuscht und verrauchte augenblicklich: mit verschränkten Armen stand Black unten im Garten und sah sie genauso an wie immer.
„Sehe ich so dumm aus oder bist du einfach nur zu naiv?“
„Aber … wie… du warst doch gerade eben noch vor der Tür?“, antwortete Miyako verwirrt darüber, dass sie Black nun unter sich stehen sah, obwohl er eigentlich ganz woanders hätte sein sollen.
„Teleportiert.“ Auf diese Antwort hin, schloss Miyako das Fenster wieder ohne darauf irgendetwas zu erwidern. Langsam rutschte sie an der kalten, weißen Wand des Badezimmers herunter und während das Wasser weiterhin aus dem Wasserhahn lief, bemerkte Miyako zum ersten Mal wie die Verzweiflung Überhand nahm… und zum ersten Mal seitdem sie aus der Pubertät raus war, begann sie ihre eigene Hilflosigkeit zu beweinen.


Japan 5. Mai

Kurz darauf, hatte er ihr ein paar Telefonate gestattet, oder eher, sie dazu gezwungen. Mit seinem Blick im Nacken war sie gezwungen ihren Chef anzurufen und ihm zu sagen, dass sie bereits jetzt schon nicht mehr die Arbeit mit ihrer Schwangerschaft verbinden konnte und in den paar Sekunden, in dem ihr Chef schwieg, dachte Miyako sie würde ein weiteres Mal zu weinen anfangen – die Vorstellung, er könnte sie kündigen, war für sie einfach zu beängstigend. Zum Glück tat er das nicht, immerhin war sie seine beste Angestellte und hatte noch nie Urlaub genommen, wie er lachend sagte. Miyako war zu nichts anderem fähig als einfach nur tausend mal Danke zu sagen und zu versprechen, dass sie alles wieder aufholen würde, sobald sie wieder zurück war – wenn sie denn wieder zurückkehren könnte, wie sie selbst dachte.
Der andere Anruf war an ihre Mutter, bei der sie sich entschuldigen musste, dass sie nicht zuhause gewesen war. Dieses Gespräch hinterließ sie weniger wehmütig, denn ihre Mutter war zu sehr damit beschäftigt ihre Tochter über ihre Erlebnisse zu erzählen, als sich darüber zu pikieren, dass Miyako sich nicht verabschiedet hatte.
„Bist du nun zufrieden?!“, sagte Miyako, ohne sich zu Black herum zu drehen; er sah nur ihre bebenden Schultern.
„Ich bin erst zufrieden, wenn du das Kind zur Welt bringst.“ Miyako war kurz davor etwas sehr Böses zu sagen, doch entschloss sich dazu zu schweigen: das Kind konnte immerhin nichts dafür, dass dessen Vater ein Arschloch war!

Japan 14. Juli

Miyako war eingesperrt in ihren eigenen vier Wänden. Das war es, was ihr am meisten zusetzte, beobachtet zu werden auf jeden Schritt und Tritt. Nie schien er zu schlafen, folgte ihr in jeden einzelnen Raum, immer mit dem gleichen Blick, der gleichen Desinteresse, in seinen dunklen Augen, die Miyako wahnsinnig machte und die Tatsache, dass er nie mit ihr sprach. Wie hatte sie es nur schon so viele Monate überlebt? Warum nahm ihre Mutter nur an, dass Miyako mal wieder irgendwo im Ausland unterwegs war, trotz der Schwangerschaft? Warum sagten ihr ihre Mutterinstinkte nicht, dass ihre Tochter in ihrem eigenen Haus gefangen gehalten wurde, wo das Licht niemals angemacht wurde, damit es von Außen so wirkte, als ob wirklich niemand im Haus war?
Die Dunkelheit machte sie wahnsinnig, die anhaltenden Alpträume, der Alptraum in dem sie lebte! Es machte sie alles wahnsinnig… wenn Black doch wenigstens mit ihr reden würde. Wenn sie vielleicht das „Beste daraus machten könnte“, aber er gab ihnen ja nicht einmal eine Chance, wenn er nicht mit ihr redete. Wenn sie ihn etwas fragte oder versuchte ein Gespräch anzufangen, sah er sie desinteressiert an und antwortete nicht.
Es gab allerdings Momente da überraschte er sie: im positiven Sinne. Es war im Juli als sie das erste Mal zusammen etwas aßen, genauer gesagt, normal zu Abend aßen. Vor diesem Abend hatte Miyako sich nicht darum geschert ob er etwas zu sich nahm und was es war. Tatsache war jedenfalls, dass er ihr Essen niemals angerührt hatte. Die Vorratskammer, der Miyako es zu verdanken hatte, dass das Essen bis jetzt noch nicht ausgegangen war, da sie dort Unmengen von Essen gelagert hielt, welches sich über die Zeit halten konnte, wenn sie Monatelang im Ausland unterwegs war, war jedenfalls nicht von ihm gebraucht worden. An diesem Abend jedoch, an einem regnerischen Juliabend, hatte Miyako plötzlich Lust einen aufwendigen Auflauf zu machen – wahrscheinlich waren es diese sagenumwobene Geschmacksveränderungen der Schwangerschaft. Während sie es zubereitete stand Black natürlich wie immer ebenfalls in der Küche, sie dabei beobachtend. Miyako beachtete ihn nicht, mittlerweile hatte sie schon ganz gut gelernt, ihn zu ignorieren. Erst als der Auflauf im Ofen war, machte er auf sich aufmerksam:
„Das riecht gut.“ Miyako drehte sich zu ihm um und ehe sie über ihre Worte nachdachte, sagte sie:
„Willst du mitessen?“ Zum ersten Mal bemerkte Miyako wie Blacks Blick sich veränderte, zuerst fragend wurde und dann skeptisch. Sie wusste genau was er dachte und sagte daher:
„Du warst die ganze Zeit in der Küche – hast du da gesehen, dass ich etwas Giftiges rein getan habe?“ Keine Antwort seinerseits, was Miyako einfach mal so auffasste, das er mitessen wollte.
„Also…“ Sie öffnete die Schublade mit dem Besteck und fragte:
„Isst du mit Stäbchen oder bevorzugst Messer und Gabel?“
„Ich habe gelernt mit Messer und Gabel zu essen“, antwortete er beinahe stolz und Miyako fragte sich, ob das Bild was sie von unzivilisierten Dämonen hatte, vielleicht doch kein unbegründetes Vorurteil war. Doch dieser Gedanke schob sich schnell in den Hintergrund, als sie den Tisch deckte. Bei dieser Prozedur wurde ihr bewusst, dass sie gar nicht genug Besteck hatte, um bald ein Kind an diesem Tisch sitzen zu haben: sie besaß nur zwei Gabeln, zwei Messer und zwei Löffel und erst recht kein kindergerechtes Besteck.
Mit dem Besteck noch in der Hand sagte sie an Black gewandt, der sich vor dem Ofen platziert hatte und den Auflauf drohend ansah, als würde dieser ihn angreifen wollen:
„Wir haben gar kein Kinderbesteck und sowieso nichts für ein Kind. Keine Kleidung, kein Bett… gar nichts.“ Black sah sie nicht an, als er antwortete:
„Dann müssen wir wohl was besorgen.“ Die Eieruhr piepte im gleichen Moment als Miyako sich aufrichtete und Black erstaunt ansah, ehe dieses Gefühl sich in Skepsis verwandelte.
„Du weißt schon, um etwas zu „besorgen“ muss man das Haus verlassen, oder?“ Einen Augenblick lang schwieg er, bis er sie aus dem Halbprofil her ansah und sie darauf hinwies, dass die Eieruhr gepiept hatte, welches Miyako total übersehen hatte. Beinahe aufgescheucht holte sie ihre Küchenhandschuhe und wollte gerade den Auflauf heraus holen, als Black ihr diesen entgegen hielt, mit der bloßen Hand. Er verzog keine Miene als Miyako ihn ungläubig anstarrte und drückte ihr einfach die Glasschale mit dem dampfenden Essen in die Hände, woraufhin er sich an den Tisch setzte. Noch mit dem Auflauf in den Händen wandte Miyako sich an ihren Gefängniswärter und sagte:
„Bedeutet das… dass ich raus darf?“ Black schien nicht zu verstehen, wie wichtig ihr ihre Freiheit war und welche Freude und Erleichterung just diesem Moment in ihr hochkamen; dass sie beinahe Freudentränen in den Augen hatte, alleine schon bei der Vorstellung ihr Haus, ihr Gefängnis verlassen zu dürfen. Er sah sie nur mit einer hochgezogenen Augenbraue an, wartete mehr auf das Essen, als dem Gespräch Aufmerksamkeit zu schenken. Daher sagte er auch:
„Es wird kalt.“ Dies schien etwas in ihr zu regen, denn Miyako stellte den Auflauf auf das dafür vorgesehene Brett ab und setzte sich vor ihn hin. Den Auflauf anrühren tat sie nicht, im Gegensatz zu Black, der sich ziemlich begierig auffüllte.
„Black“, begann Miyako fordernd und ihr Unterfangen die Aufmerksamkeit des Dämons zu erhalten war ihr geglückt: argwöhnisch, sogar ein wenig geschockt sah er nun sie an, anstelle des Essens: sie hatte ihn noch nie bei seinem Vornamen genannt – genau wie es umgekehrt ebenfalls nicht der Fall war.
„Bedeutet das, dass ich das Haus verlassen darf?“ Als Antwort verdrehte Black vorerst nur die Augen, doch Miyako starrte ihn so intensiv an, dass er sich nun endlich zu einer Antwort durchringen konnte:
„Nein, du nicht…“ Bei diesen Worten fiel Miyakos Gesicht förmlich aus den Angeln und er sah ihr an, dass sie ihn am liebsten den Auflauf um die Ohren geworfen hätte: ein Anblick der ihm gefiel. Doch er war noch nicht fertig:
„Aber wir. Wir können zusammen die Sachen besorgen.“ Nicht das was sie sich erhofft hatte und so ließ sie sich vor Enttäuschung in ihren Stuhl zurück sinken. Black wandte sich wieder seinem Essen zu und ignorierte sie wieder, auch ihr erschöpftes Seufzten.
„Gut, besser als nichts… dann kann ich dich auch endlich mal meiner Mutter vorstell-“
„Vergiss es. Ich bin nicht hier um irgendwelche Relationen mit Menschen einzugehen.“ Miyako sah überrascht auf, nicht unbedingt wegen dem Satz, sondern überraschte es sie, dass so jemand wie Black das Wort „Relation“ kannte – so dumm das auch klang.
„Und das hier“, Miyako zeigte auf ihren langsam rundwerdenden Bauch.
„Ist keine Relation oder wie sehe ich das?“
„Vermehrung ist notwendig.“ Jetzt war es Miyako die die Augen verdrehte, denn seine animalische Ansicht empfand sie als äußerst störend, ja, beinahe abstoßend. Umso mehr überraschte es sie, dass er doch tatsächlich mit Messer und Gabel umgehen konnte. Ein Kontrast zu dem was er sagte.
„Du bist eine Frau – warum willst du eigentlich keine Kinder?“ Diese Frage überraschte Miyako – er interessierte sich für sie?
„Wie kommst du jetzt darauf?“
„Der Tisch ist auch nur für zwei Personen. Von allen Dingen in diesem Haus gibt es nur zwei.“ Er bemerkte ihren skeptischen Blick und sagte:
„Ja, das fällt sogar mir auf.“
„Ich will nun mal keine Familie. Ich bin Einzelgänger, bin es immer gewesen. Was ist daran so unnormal?“
„Du bist eine Frau, Frauen sind da um Kinder zu kriegen.“ Die Angesprochene knirschte mit den Zähnen, doch entschloss sich dazu, das Gespräch weiter laufen zu lassen, anstatt es durch ihren eigenen Wutausbruch unterbrechen zu lassen:
„Meine Mutter hat den größten Teil ihres Lebens auch ihrer Karriere verschrieben. In unserer heutigen Gesellschaft ist das nicht mehr unnormal wenn Frauen arbeiten anstatt am Herd zu stehen.“
„Aha“, lautete Blacks weniger interessierte Antwort, doch Miyako konnte hören, dass er irgendwas zu sich selbst sagte und da sie dies schon oft genug gehört hatte, wusste sie, dass das Wort „Ka-uzen“ ein dämonisches Schimpfwort für „Menschen“ war. Sie beschloss sich dazu nicht darauf einzugehen, da es ihr zu dumm war. Anstatt dessen füllte sie sich den letzten Rest an Essen auf, doch gerade als sie anfangen wollte mit dem Essen unterbrach er sie:
„Also willst du keine Kinder wegen deiner Arbeit.“ Miyako legte ihre Gabel beiseite und ehe sie bewusst darüber nachdachte, sagte sie schon, dass dies nicht der einzige Grund war. Black sah sie nur kurz an, ehe er sie dazu aufforderte es ihr zu erklären und zu Miyakos eigener Bestürzung tat sie es auch, als hätte sie schon lange danach gedrängt diese Worte zu sagen:
„Meine Mutter und ich haben alleine gelebt, seitdem uns mein Vater verlassen hat, als ich drei Jahre alt war. Mum hat sehr viel gearbeitet um uns über Wasser zu halten, aber auch, weil sie ihre Arbeit liebte – genau wie ich es immer tat. So war ich natürlich sehr viel alleine, anfangs noch mit Babysitterin, später alleine. Ich nehme es ihr nicht übel, dass sie mich so viel alleine gelassen hat, denn sie ist und war immer eine sehr liebende Mutter. Aber seit damals, hab ich mich dazu entschieden, dass ich nur eins von beiden sein werde: eine Karrierefrau oder eine Mutter – und ich habe mich für das Erstere entschieden, da ich nun einmal nach meiner Mutter komme.“ Miyako schloss ihre kurze Geschichte ab mit einem heiteren Lachen, obwohl ihr das Thema sehr wichtig war. Black stocherte in seinem Essen herum, sah allerdings nicht dieses an, sondern hatte seinen Blick auf Miyako gerichtet. Eine ganze Weile sahen sie sich einfach nur an und Miyako hatte das Gefühl, dass er ihr etwas sagen wollte, dafür aber nicht die richtigen Worte fand – etwas was sie ihm plötzlich gar nicht mehr so übel nahm. Es verging sicherlich eine Minute ehe er seinen Blick abwandte, den letzten Rest Essen auf seine Gabel schob und diesen in seinem Mund verschwinden ließ.
„Das hat gut geschmeckt.“
Miyako lächelte nur – das erste Mal seitdem Black da war.