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Episode 15
  Episode 15: Die Familie Ookido
Japan 1996 3 Mai

Die Tür knatschte wie immer als Black eben diese öffnete und in die kleine Eingangshalle trat, durchweicht vom Regen, dessen Tropfen von seinen spitzen Haaren herunter liefen und kleine Punkte auf dem Holz unter ihm hinterließen. Er schloss die Tür hinter sich und fluchte in Gedanken über die paar Schrammen die er seinem momentanen Auftrag zu verdanken hatte. Als er den Auftrag damals vor sechs Jahren angenommen hatte, hätte er sich nie denken können, dass dieser Auftrag sich als so schwer herausstellen würde; immerhin hatte ja niemand ahnen können, dass seine Zielperson so eine Furie war.
Da der Dämon recht genervt war, reagierte er auch recht gereizt auf dem Umstand, dass er mal wieder von Krach begrüßt wurde. Denn kaum hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, rannte sein jüngstes Kind, welcher gerade sechs geworden war, ihm entgegen, mit einem verzweifelten Hilfeschrei.
„Black, halt ihn fest!“, rief Miyako ihm zu, die gerade die Treppe herunter gestürzt kam, dicht gefolgt von Blue, der das ganze Geschehen neugierig beobachtete, als Black Silver, bereits vor Miyakos Worten, ruppig, wie er nun einmal war, an den langen roten Haaren packte und ihn hoch hielt, als wäre er ein gefangenes Tier – genauso sehr zappelte der kleine Junge auch und flehte förmlich darum losgelassen zu werden, bezüglich, dass seine Haare verschont bleiben mögen.
„Gut gemacht, Black“, sagte Miyako und erst jetzt durchschaute Black das ganze Drama und überhörte seine Mitbewohnerin, die ihn darauf hinwies, dass sein Sohn kein Tier war und daher anders fest gehalten werden musste, als brutal an den Haaren. Sie hielt eine lange Schere in der Hand und an Blue sah Black, dass es mal wieder die Zeit des Monats gekommen war, wo Miyako die Haare ihrer Söhne stutzte und wie immer war Silver eindeutig nicht einverstanden damit; wehrte sich mit Händen und Füßen dagegen, doch kam natürlich nicht gegen seinen Vater an, der seine Gegenwehr kaum, bis gar nicht, bemerkte.
„Silver“, begann seine Mutter, während Black den Rotschopf weiterhin festhielt.
„Ich werde dir nur die Spitzen schneiden; das sind vielleicht gerade mal zwei Zentimeter.“
„Nein, nein, nein, nein! Ich will nicht, lass mich los!“, lautete die beinahe panische Antwort Silvers, als würde ihm weit aus Schlimmeres bevorstehen als bloßes Haareschneiden. Black konnte das Problem seines Sohnes nicht verstehen, hatte auch absolut nicht in Interesse dies zu versuchen und genauso wenig akzeptierte er dieses Verhalten.
Daher fiel es ihm recht leicht die Proteste Silvers zu übersehen und ihm die Haare mit der Schere, welche er Miyako ohne Probleme abnahm, abzuschneiden: allerdings mehr als „nur die Spitzen“. Silver verlor in diesem Moment circa 20 Zentimeter seiner Haare, schwer einzuschätzen, denn Black achtete nicht darauf, dass er es gerade abschnitt.
Silver fiel mit dem Hintern zuerst auf dem Boden, als seine Haare abgetrennt wurden, doch blieb dort nicht lange. Mit einem spitzen Schrei, sprang er auf die Füße und schneller als einer seiner Familienmitglieder reagieren konnte, verschwand er die Treppen empor, eine Tür knallte zu, dicht gefolgt von dem Geräusch eines herunterfallendem Gegenstandes und Miyako hoffte, dass es nicht die blaue Blumenvase war.
„Und ich dachte, ich hätte einen Sohn und kein verwöhntes, kreischendes Mädchen“, lautete Blacks Kommentar auf dieses Szenario, während Blue seinem Bruder erstaunt über dessen Reaktion und wahrscheinlich auch Schnelligkeit nachsah. Miyako wandte sich daraufhin wütend an dessen Vater, der, als wäre nichts geschehen, ins Badezimmer gehen wollte: kein Wunder, er war ziemlich dreckig.
„Sieh dir an, was du angerichtet hast! Was zur Hölle sollte das?!“ Black sah sie wie immer ohne jegliche Interesse an, als er antwortete:
„Er soll sich mal nicht so anstellen. Sind verdammt noch mal nur Haare.“ Und mit diesen Worten trat er über eben diese, die auf dem Boden gefallen waren und ging ohne ein weiteres Wort ins Badezimmer.
Miyako seufzte tief, stemmte beinahe schon beleidigt die Arme in die Hüfte und sah ihn brodelnd vor Wut nach. Es würde anscheinend noch Ewigkeiten dauern, ehe sie aus ihm einen ordentlichen Vater gemacht hatte.
Blue zupfte an ihrem Oberteil und sofort verpufften sämtliche negativen Gedanken ihrerseits, als sie sich zu ihren über alle Maßen geliebten Sohn umdrehte, dessen Aussehen zwar beinahe eine exakte Kopie seines Vaters war, aber dennoch so sehr nach seiner Mutter kam: er hatte die dunkelgrünen Augen seiner Mutter, die nicht nur durch dessen Tiefe bestachen, sondern viel eher durch die unbändige Neugierde, den Drang alles Unerforschte auf dieser Welt zu entdecken und zu verstehen. Seine Worte überraschten sie auch kaum:
„Mutter, soll ich nach oben gehen und versuchen Silver zu beruhigen?“

Denn Blue wusste es, ohne, dass sie es ihm jemals gesagt hatte.
Ihre grausame Wahrheit.
Ihre Sünde als Mutter.

„Ja, danke, Blue.“ Miyako streichelte Blue über den Kopf, über die Wange und gab ihm einen kurzen Knuff, ehe er ebenfalls auf der Treppe verschwand. Sie sah ihm nach und ärgerte sich wie immer über sich selbst. Obwohl „ärgern“ untertrieben war. Sie verfluchte sich und ihr… „Problem“.
Miyako schüttelte den Kopf, im Versuch sich diese negativen Gedanken zu entledigen und entschloss sich dazu, wenigstens ihre Aufgabe als Hausfrau einigermaßen nach zu gehen. Sie holte Kehrschaufel und Besen aus dem Haushaltsraum und begann die Reste der roten Haare aufzufegen, die ihrer doch so ähnlich sahen. Ja, ihr zweiter Sohn sah ihr um einiges ähnlicher als Blue es tat - jedenfalls was das Aussehen anbelangte. Denn, obwohl sie noch so jung waren, bemerkte Miyako deutlich wer mehr nach seiner Mutter kam und wer „Vaters Sohn“ war.
Bereits früh war Miyako zu dieser Feststellung gelangt, denn in einem sehr frühen Alter hatte sich für sie deutlich gemacht, wie grundsätzlich unterschiedlich ihre zwei Söhne waren.
Blue hatte schon immer am liebsten mit Lernspielzeugen gespielt; versuchte immer schwere Bauten aus den Bauklötzen zu machen und liebte es seiner Mutter beim Lesen und auch Reden zuzuhören. Viel schneller als Silver hatte er die ersten Wörter gelernt und unnatürlich schnell konnte er sie bereits zu Sätzen formen. Silver dagegen entwickelte sich langsam, weigerte sich strickt mit den Spielsachen Blues zu spielen, wollte nicht beim Geschichtenvorlesen zuhören und seine Redensfertigkeiten waren ebenfalls eher begrenzt.
Während Miyako aufmerksam die Entwicklung der beiden beobachtete, fiel ihr schnell auf, dass deren Entwicklung nicht mit denen von normalen Kindern verglichen werden konnte: Blue war zu schlau, zu aufmerksam und lernte viel zu schnell, während Silver sich auf anderen Gebieten mit einer unglaublichen Geschwindigkeit weiter entwickelte. So lernte er um einiges schneller als Blue das Gehen und sobald er das Gehen erlernt hatte, sprang er kreuz und quer im Haus herum, kletterte auf alles was man besteigen konnte und wenn er mal von dem Stubenschrank herunter fiel, stand er sofort wieder auf, ohne auch nur eine Träne zu vergießen. Das Haus war schnell erforscht, genau wie der kleine Garten und nichts konnte Silver im Zaum halten; außer Blue.
Aber Miyako gewiss nicht.
Dies hatte sie oft von Silver selbst bewiesen bekommen…

Japan 1995 14 Dezember

„Mutter! Mutter!“ Miyako hörte die panische Stimme Blues und legte den Kugelschreiber beiseite, den sie zu vor noch in der Hand gehalten hatte. Sie drehte sich gerade auf dem Drehstuhl herum, als Blue aufgeregt herein gerannt kam. Es war sonst nicht seine Art so hereingestürmt zu kommen und Miyako ahnte sofort Schlimmes. Doch ihre Käsestange fiel ihr erst aus dem Mund als Blue sagte:
„Silver hängt an der Lampe im Eingang!“ Die Frage wie er da hoch gekommen war, drängte sich schnell in den Hintergrund, denn die Sorge nahm Überhand. Sie folgte Blue, der sofort wieder kehrt gemacht hatte, um zu seinem Bruder zurück zu kommen. Im Eingangsbereich angekommen, sah sie Silver tatsächlich an der Decke hängen. Er klammerte sich verzweifelt an der Lampe, welche sein Gewicht nicht mehr lange halten würde: Es hatten sich bereits Risse in der alten Decke aufgetan.
Miyako wusste nicht was sie tun sollte: Sie konnte eine Leiter aus dem Keller holen und ihn wieder herunter holen, doch sie wollte sich nicht ausmalen, was passieren würde, wenn sie zu spät kam. Silver hatte zwar schon einige Stürze hinter sich, doch dieser Boden war mit Fließen belegt und die Decke und der Boden trennten gut vier Meter.
„Silver… Silver beruhig dich“, sagte Miyako beschwichtigend, als sie sah, dass er zu weinen angefangen hatte.
„Ich hole dich schon da runter. Hab keine Angst.“ Sie schritt direkt unter die Lampe und hielt die Arme offen.
„Komm, lass dich fallen, ich fang dich!“ Doch Silver schüttelte verzweifelt den Kopf, sagte jedoch nichts, da er sich auf die Lippen biss.
„Komm schon, Silver. Vertrau mir! Ich fang dich, ganz sicher!“ Weiterhin schüttelte der kleine Rotschopf nur mit dem Kopf und Miyako fragte sich, ob er nur Angst vor dem Loslassen hatte, oder ob er ihr wirklich nicht vertraute… es würde sie nicht wundern, wenn er es nicht täte.
„Komm runter, Silver!“, war es nun Blue der dies sagte und endlich zeigte Silver Regung. Er öffnete die Augen und sah zu Boden, wodurch er seine Augen sofort wieder schloss und den Kopf schüttelte.
„Du bist ein Feigling!“, sagte Blue spöttisch und Miyako wollte ihn gerade zurechtweisen, als Silver schon antwortete:
„Bin ich nicht!“
„Dann kommt runter und beweis es!“
Und ohne Vorwarnung ließ Silver los: Nur knapp gelang es Miyako ihn aufzufangen und hatte das Gefühl, dass ihre Arme brechen würden. Desperat klammerte sich Silver zitternd an seine Mutter und obwohl sie wusste, dass er Trost und beruhigende Worte benötigte, versteifte sich ihr Körper, als sie ihn in ihren Armen hielt.
„Wie bist du da hoch gekommen?“, fragte sie um sich von ihren eigenen Gefühlen abzulenken. Silver antwortete nicht, es war Blue der es tat:
„Er ist geflogen!“
„Blue, bitte erzähl mir keine Märchen“, antwortete Miyako und war froh, als Silver von alleine herunter rutschte, scheinbar froh darüber, wieder festen Boden unter seinen Füßen zu spüren.
„Aber es ist wahr! Er ist geflogen, wie Peter Pan in dem Buch gestern Abend!“ Silver nickte zustimmend, wenn auch ein wenig zurückhaltend. Miyako hatte gerade den Mund geöffnet, als das letzte Mitglied der Familie hinzukam.
„Was ist denn hier los? Ein Familientreffen im Eingang?“, fragte Black gelangweilt und ohne wirkliches Interesse zu haben. Dennoch fing Silvers Gesicht an zu strahlen vor Freude, als er seinen Vater sah und das obwohl dies nicht auf Gegenseitigkeit beruhte, denn Blacks Interesse in seine Familie hatte sich nicht verändert; alles was ihn interessierte war der Auftrag in den er sich hinein steigerte, als würde sein Leben davon abhängen.
„Du kommst gerade richtig! Weißt du, wo ich deinen Sohn gerade runtergeholt habe?! Von der Decke!“ Black zeigte nicht die Spur einer Regung, erst als Silver sagte er sei geflogen, sah er überrascht aus. Seine Antwort darauf warf Miyako allerdings aus ihrem von Wut geprägten Konzept:
„Er kann schon fliegen?“
„Was soll das heißen „schon“?!“ Doch sie bekam keine Antwort, sie vergaß auch, dass sie eine wollte, denn Black kniete sich hin, so dass er auf die gleiche Höhe wie Silver war und legte doch tatsächlich seine große Hand auf seine roten Haare.
Miyako traute ihren Augen nicht: Es war das erste Mal, dass er eines seiner Kinder wirklich berührte! Doch nicht nur das, er lächelte Silver sogar stolz an. Ein Lächeln, welches nicht nur die Jungs kaum zu sehen bekamen, sondern Miyako ebenfalls nicht.
„Ich hab noch nie davon gehört, dass irgendein Dämon so schnell gelernt hat zu fliegen! Das hast du gut gemacht!“ Durch Zufall sah Miyako zu Blue und sah sofort, dass ihm das was er sah missfiel - sein Gesicht hatte sich verfinstert. Es war deutlich zu sehen, dass er eifersüchtig war, denn auch er hatte schon oft versucht Blacks Aufmerksamkeit zu erlangen – doch vergebens.
Silver war genauso sprachlos wie die anderen. Er starrte seinen Vater an, als wäre er ein Gott. Doch Miyako löste sich aus ihrer Starre.
„Black! Du bist mir eine Erklärung schuldig!“ Endlich richtete der Angesprochene sich wieder auf. Seine Augen sahen sie wieder desinteressiert an, etwas was sie jetzt nur noch zorniger machte.
„Du hast es doch selbst gesehen. Er kann fliegen, zwei Jahre früher als jeder andere Dämon, den ich jemals getroffen habe.“
„Soll das heißen, das ist… normal?! Blue wird das auch noch können?“
„Natürlich. Ich kann auch fliegen.“ Sie schwieg kurz, erlangte ihre Stimme jedoch schnell wieder.
„Wie schön, dass ich das erfahre! Gibt es sonst noch etwas was ich in der Erziehung der beiden beachten muss? Wachsen ihnen noch Hörner?!“
„Was für eine veraltete Vorstellung.“
„Antworte!“
Die Desinteresse in Blacks Augen verschwand von einem Moment zum anderen und machte der Wut Platz: doch sie sah dies nur einen Moment lang, ehe sie von einer Backpfeife zu Boden geworfen wurde.
„Mutter!“
Blue kniete sich sofort zu ihr herunter, doch Silver blieb stehen und starrte regungslos seine am Boden liegende Mutter an, erst als Black sich von dem Geschehen in der Eingangshalle abwandte, rührte er sich und sah ihm nach. Wie sein Bruder und deren Mutter hörte er Blacks Worte, welche er drohend sagte, ehe er seine Familie alleine ließ:
„Wage es nie wieder mir Befehle zu erteilen, Mensch!“


Japan 1996 3 Mai

Mensch.
Miyako lächelte ironisch in sich hinein, als sie an das Geschehen von vor ein paar Monaten zurück dachte. Was hatte sie erwartet? Dass sie irgendwann „Miyako“ für ihn sein würde und nicht einfach nur die Mutter seiner Kinder, ein unbedeutender Mensch?
Sie war naiv gewesen, berauscht von den positiven Gefühlen, die sich nach Blues Geburt in ihr breit gemacht hatten. Sie hatte geglaubt, dass es besser werden würde… zwischen ihr und Black: dass sie vielleicht irgendwann anfangen könnte, ihn zu mögen, dass er dank deren gemeinsamen Kinder sich vielleicht ändern würde.
Nichts hatte sich durch Blues Geburt verändert und wenn, war es durch Silvers Geburt zerstört worden.
Aber wenigstens war es selten, dass er sie schlug – um einiges seltener als in deren ersten gemeinsamen Jahren. Ob das nun etwas Positives war oder nicht, wagte Miyako nicht zu beurteilen, denn immerhin war Black ja zu 70 % nicht Zuhause: es war also kein Wunder, dass es selten war, immerhin hatte sie daher kaum Gelegenheit ihn wütend zu machen.
Miyako seufzte tief: Sie sollte nach oben gehen, anstatt sich mal wieder in ihre negativen Gedanken zu verlieren, dachte sie, während sie die Haare wegwarf. Es war nicht Blues Aufgabe seinen Bruder zu trösten; es war ihre und egal wie sehr sie sich dagegen sträubte; sie musste es tun.
Miyako lehnte den Besen an die Wand und sah beinahe schon ängstlich die Treppe empor die zum Schlafzimmer wie auch deren gemeinsamen Kinderzimmer führte.
Warum fürchtete sie sich? Und vor allen Dingen: vor was fürchtete sie sich?
Fürchtete sie sich davor wieder einmal diese Gefühle in sich hochkommen zu spüren?
Sich wieder einmal selbst zu hassen, sich zu verfluchen, weil sie absolut hilflos gegenüber diesen Gefühlen war?
Nein, sagte sie sich selbst, während sie die Treppen emporstieg, tat sie nicht. Tat sie nicht, tat sie nicht. Silver war ihr Sohn: genau wie Blue es war. Sie hatten beide unterschiedliche Charakterzüge, Eigenschaften und Stärken und mussten jeder auf ihre Art geliebt und beachtet werden. Sie durfte keine Unterschiede machen: sie, als Mutter, durfte das nicht tun.
Dennoch, obwohl sie sich diese Worte wieder einredete, wie sie es so oft tat, blieb sie vor deren Tür stehen, als würde eine unsichtbare Barriere sie am Weitergehen hindern. Miyako legte die Hände auf ihr Herz, als könnte sie damit ihren Herzschlag unterdrücken, der sich ohne ihr Zutun beschleunigt hatte, als sie Silver heulen hörte.
„Silver, nun hör doch wieder auf… so schlimm ist das doch nicht“, lautete Blues Versuch seinen Bruder zu beruhigen, der auch sofort antwortete:
„D-Doch, ist es! Ich hab kurze Haare, ich will keine k-kurzen Haare…“
„Aber Haare wachsen nach! Du musst einfach nur warten…“
„Ich will aber nicht warten, ich will nicht!“
„… Du bist so ungeduldig.“ Eine kurze Pause trat ein, wo Miyako hörte, dass Blue aufstand im Zimmer herum ging, um sich schlussendlich wieder auf den Boden zu setzen.
„Komm, du musst das Positive daran sehen: So denkt wenigstens niemand mehr, dass du ein Mädchen bist.“ Miyako sah förmlich vor ihr wie Silver beleidigt die Oberlippe hochzog, wie er es immer tat, wenn man sagte, dass er einem Mädchen ähnelte, ohne zu merken, dass er es damit umso mehr tat. Gerade weil er diesen Vergleich nicht mochte, war es Miyako schleierhaft, warum er so unbedingt seine langen Haare behalten wollte: immerhin waren diese es, die ihn weiblich aussehen ließen.
„Mir doch egal. Ich will meine Haare wieder haben.“ Wieder eine kurze Pause, in der sie Blue seufzten hörte, ehe Silver plötzlich auf eine andere Idee zu kommen schien:
„Aniki?“ Es versetzte ihr wie immer einen Stich, als Silver seinen Bruder so nannte, denn dieser Name, bezüglich Bezeichnung, war ein weiterer Beweis dafür, dass sie als Mutter kläglich versagt hatte: Das Wort „Aniki“ war das erste Wort welches Silver gelernt hatte zu sprechen. Nicht „Mama“ oder „Mutter“ und auch nicht „Papa“.
„Ja?“
„Kennst du nicht einen Trick wie Haare schneller wachsen?“ Blue lachte auf diese Frage hin und erleichtert hörte Miyako, wie Silver nach kurzem Zögern ebenfalls einstimmte. Sie wollte sich bereits entfernen, als eine Frage Blues sie zum Stillstand brachte:
„Warum möchtest du unbedingt lange Haare haben? Wenn du kurze Haare hättest würde man nicht mehr denken, dass du ein Mädchen wärest.“ Immerhin war dies die Frage welche sie sich auch immer gestellt hatte: welche sie Silver auch öfters gefragt hatte, wenn sie ihm mal wieder unter gewaltsame Proteste die Spitzen abschnitt. Natürlich hatte sie darauf keine Antwort erhalten; aber Blue würde er sicherlich antworten.
„Weil…“ Silver zögerte, was Miyako verwunderte, denn Blue erzählte er normalerweise alles ohne darüber nachzudenken.
„Weil… wenn ich lange Haare habe, sehe ich Mama ähnlich. Wir haben doch die gleichen Haare… dann… dann bin ich auch ihr Sohn.“
Kaum, dass Miyako dies gehört hatte, drehte sie sich um, ab von der Tür und langsam den Stufen herunter. Die Tränen liefen an ihrem Gesicht herunter – wie so oft. Wie so verdammt oft…

Denn… das Schlimmste war nicht, dass Blue es wusste.
Das Schlimmste war, dass Silver es selbst wusste.

Die Wahrheit, die Wahrheit die sie immer wieder zum verstecktem Weinen brachte, welche sie in tiefe Depressionen stürzen ließ und der Grund war weshalb sie sich selbst mehr als alles andere verabscheute:
Sie, seine Mutter, konnte Silver, ihren Sohn, nicht lieben.

Japan 1990-1991

Es war eine Entwicklung welche sich bereits während der Schwangerschaft angebahnt hatte, die immerhin nicht einmal 100 % freiwillig geschehen war, denn Miyako hatte sich kein weiteres Kind gewünscht, ganz im Gegenteil sogar, sondern nur einer weiteren Schwangerschaft zugestimmt, weil sie sich erhofft hatte, dass Black so mehr zu einem Vater werden würde; egal ob durch Abkommen oder nicht.
Bereits einige Monate nach deren Übereinkommen suchten sie wieder die Alpträume heim, wodurch sie mit Sicherheit sagen konnte, dass sie wieder ein dämonisches Kind in ihrem Unterleib trug.
Die Schwangerschaft war bereits schwer genug, doch zu allem Überfluss passierte zur gleichen Zeit wo sie schwanger wurde, etwas weitaus Schlimmeres, als die grauenhafte Schwangerschaft: Ihre über alles geliebte Mutter starb bei einem Autounfall.
Die beruhigenden Worte des Arztes, dass Miyakos Mutter ihren Verletzungen bereits an der Unfallstelle erlegen hatte und sie somit kaum gelitten hatte, änderten nichts daran, dass Miyako von einem Moment zum anderen ihren einzigen Halt verloren hatte; ihre Mutter, die, egal wie weit sie auch von Miyako entfernt gewesen sein mochte, immer bei ihr gewesen war, mit ihren absolut belanglosen Telefonaten, ihren plötzlichen Besuchen und ihrer kompromisslosen und unkomplizierten Liebe.
Jetzt war sie nicht mehr da… und Miyako fühlte sich schrecklich alleine auf dieser Welt, in ihrem Haus, in ihrem Zimmer. Black war nicht da, war es nie: als Miyakos Mutter gestorben war, war er zwei Wochen am Stück weg gewesen. Sie hatte es ihm auch nicht erzählt, als er wiederkam, sie war nur enttäuscht, dass es ihm nicht auffiel, dass sie vor einem schwarzen Loch stand und dass nur wenige Zentimeter sie vom Abgrund trennten. Nein, er bemerkte es nicht; sah den unheilvollen Abgrund nicht.
Doch das Loch zog Miyako nicht hinein. Denn jedes Mal, wenn sie springen wollte, sich ihrer Traurigkeit hingeben wollte, war es Blue, der sie davor bewahrte; mit seinem beharrlichen Schreien und Heulen nach Aufmerksamkeit, welche für sie alles andere war als nervig.
Nein, ganz im Gegenteil: oft erwischte sie sich dabei, wie sie stundenlang an seiner Wiege saß, ihm beim Schlafen zusah und nur darauf lauerte, dass er wieder aufwachte, damit sie sich wieder um ihn kümmern konnte. Sie spielten zusammen, sie las ihm Geschichten vor, obwohl er mit seinen sieben Monaten noch nicht in der Lage war sie zu verstehen und Miyako freute sich über jede kleine Regung die sie auf seinem niedlichen Kindergesicht hervorbringen konnte: besonders das Strahlen seiner dunkelgrünen Augen.
Nach dem Tod ihrer Mutter war er der einzige der ihr Halt gab, der ihr zeigte, dass nicht alle Freude verloren war: wenn sie Zeit mit Blue verbrachte, war sie glücklich. Denn, obwohl er noch ein so kleines Kind war, unterstützte er sie sehr – etwas was eigentlich nicht seine Aufgabe war, sondern Blacks.
Sie vermisste ihn. Nein, vielleicht ist „vermissen“ nicht das richtige Wort: Sie brauchte ihn einfach. Miyako war wütend, dass er nicht da war. Sie war wütend wenn er ging, war wütend, wenn er ihr nicht sagen wollte worauf sein Befehl hinaus lief und sie nahm es auch nicht mehr als Kompliment auf, wenn er ihr sagte, dass sie eine starke Frau wäre (er betonte wohl bemerkt, dass sie stark war verglichen mit anderen Menschen) und es alleine schaffen würde.
Aber nein, sie war nicht stark; das war sie schon lange nicht mehr. Obwohl Blue sie fabelhaft ablenken konnte, sah sie den Abgrund immer aus dem Augenwinkel heraus und spürte dessen drohenden Sog. Sie versuchte es sich auszureden, doch besonders in der Nacht wurde es präsenter, wenn sie aus ihren entsetzlichen Alpträumen aufwachte, die sie ihrem ungeborenem Kind zu verdanken hatte.
Als sie eines Nachts wieder einmal schweißgebadet erwachte, war sie sich sicher, dass sie Black an ihrem Bett stehen sah.
Miyako wusste das dies kein Traum war, wie die anderen Male, als sie ihn herbei beschworen hatte: Seine Silhouette zeichnete sich am schwachen Abendhimmel ab und seine roten Augen konnte sie deutlich in der Dunkelheit des Zimmers erkennen. Er sah sie mit dem gleichen desinteressierten Blick an, wie er es meistens tat – und zur Abwechslung erfüllte sein Anblick sie weder mit Abscheu noch mit Wut. Miyako bemerkte die Tränen in ihren Augen, als sie die Hand nach ihm ausstreckte, aber nur seinen Ärmel zu fassen bekam.
„Black… bitte geh nicht. Bleib hier… lass mich nicht alleine… Ich… brauche dich…“
„Nein“, antwortete er hart und unbarmherzig auf ihre inständige Bitte. Doch die Gefühle in seinen Augen hatten sich verändert. Ein beinahe schon entschuldigender Schein trat in seine Augen. Doch obwohl es ihm ganz offensichtlich leid tat, stand er auf, wobei sich ihre Hand von seinem Ärmel löste und auf das Bettlacken fiel. Mit Tränen in den Augen sah Miyako wie er verschwand und wusste nur noch, dass sie sich in den nächsten Alptraum weinte…


Zu dieser Zeit war ihr noch nicht klar gewesen, dass sie auf der Trennlinie zwischen einem normalen Zustand und einer ernsthaften Schwangerschaftsdepression stand. Natürlich war die Schwangerschaft kein Zuckerschlecken, aber das war die Erste auch nicht gewesen und dennoch liebte sie Blue über alles, obwohl sie ihm so viele Schmerzen und Alpträume zu verdanken hatte. Es wurde ihr erst bewusst, als sie die Geburt überstanden hatte und sie Silver das erste Mal sah, nachdem sie, wie schon bei Blues Entbindung, ohnmächtig geworden war und aus eben dieser erwachte.
Auch damals war es Black gewesen, den Miyako als erstes sah. Er wirkte genervt, doch Miyako war zu schwach um überhaupt irgendetwas zu sagen.
„Endlich“, sagte er. Was, endlich?
„Du hast einen ganzen Tag geschlafen.“ Diese Information ließ sich ziemlich viel Zeit um in ihr vorzudringen, denn sie starrte ihn eine ganze Weile einfach nur stumm an. Erst nach verstrichenen Sekunden verstand sie plötzlich und wollte sich sofort aufsetzen, doch er presste sie zurück in ihr Bett, wo sie sich an seinen Armen festkrallte und ihn inständig ansah:
„Wo ist mein Kind?! Geht es ihm gut?!“
„Ja. Er liegt in Blues Zimmer.“ Diesmal konnte oder wollte Black sie nicht zurückhalten. Miyako schwang ihre Beine aus dem Bett und stand schnell auf ihren wackeligen Beinen. Schon bei dem ersten Auftreten bemerkte sie, dass sich ihr gesamter Körper dagegen wehrte. Es war auch nicht ihr Körper welcher sie voran trieb; es war ihr mütterliches Verantwortungsbewusstsein.
Wie konnte sie nur solange schlafen? Wie konnte sie das arme Kind so lange alleine lassen? Sie hatte das Kind nicht einmal mehr gesehen, bevor sie ohnmächtig geworden war – und er hatte genauso wenig seine Mutter gesehen. Miyako wurde schlecht bei diesem Gedanken, denn sie wusste, dass der erste Augenblick entscheidend war.
Doch rein praktisch… wie hatte es überhaupt etwas zu essen bekommen? Black wusste doch gar nicht wie das ging… War ihr Neugeborenes etwa am verhungern?
Miyako verfluchte sich selbst, während sie sich zwang die Treppen hochzugehen: Sie hasste sich regelrecht dafür, dass sie das Bewusstsein verloren hatte.
Erschöpft öffnete sie die Tür zum Kinderzimmer und wurde vom fröhlichen Babygeplapper willkommen geheißen. Ihr fiel ein Stein vom Herzen, auch wenn es Blues Stimme war und nicht die des Familienzuwachses.
„Na, Blue…“, fing Miyako an, während sie einen Schritt vor dem anderen setzte um zur Wiege zu gelangen.
„Kümmerst du dich gut um deinen kleinen Bruder?“ Sie lehnte sich über die Wiege und wurde sofort von Blues erfreutem Gesichtchen begrüßt. Er streckte die kleinen Finger nach ihr aus und wollte sofort, wie immer, dass sie seine Hand nahm, wie sie es normal immer tat. Doch Miyako bewegte sich nicht. Ohne zu blinzeln starrte sie das neue Kind an, starrte in seine großen Augen und bemerkte, dass er auch sie ansah, obgleich das eigentlich unmöglich sein sollte, denn das Sichtfeld der Neugeborenen war sehr verschwommen und Miyakos Gesicht war dem Seinen nicht nah genug, als das er hätte Konturen erkennen können.
Jedenfalls… war es so bei menschlichen Kindern.
Doch schon jetzt, beim ersten Anblick ihres zweiten Sohnes, bemerkte sie, dass etwas Grundlegendes zwischen den beiden Brüdern anders war. Das Neugeborene hatte keine grünen Augen: er hatte rote; genau wie sein dämonischer Vater.
Miyako wusste was sie zu tun hatte. Sie musste das Neugeborene aus der Wiege nehmen, ihn halten, wärmen, stillen… ihn lieben.
Aber sie konnte nicht.

Japan 1996 3 Mai

Seufzend stellte Miyako die Putzutensilien zurück in die Kammer, nachdem sie ihre beiden Söhne geräuschlos verlassen hatte, mit den Gedanken woanders, in der Vergangenheit, bei dem Ursprung ihres Problems. Sie konnte jedoch nicht genau festlegen was der Ursprung war, obwohl sie sich sehr ausgiebig mit dem Thema beschäftigt hatte um sich selbst zu heilen, um sich und ihrem Sohn irgendwie zu helfen.
Doch geholfen hatte es weniger: was half es ihr, dass sie wusste, dass ihr „Problem“ eine anerkannte Krankheit war, die sich „Postnatale Depression“ nannte und dass diese rund 10-15% der Frauen traf? Was half es ihr zu wissen, dass die Dinge die sie gegenüber sich selbst und Silver fühlte normale Symptome für diese Krankheit waren? Und besonders wenig half es ihr, wenn in den Büchern stand, dass solch eine Depression in der Regel nicht länger als ein oder zwei Jahre andauerte, wenn Silver bereits fast sechs war - Nein, die Bücher hatten ihr gewiss nicht weiter geholfen, sondern nur alles bestätigt und untermauert was sie in sich fühlte.
Mit der Zeit war sie allerdings zu dem Entschluss gekommen, dass ein entscheidender Faktor die grauenhafte Zeit der Schwangerschaft gewesen war; dass das Loch, welches sie immer aus den Augenwinkeln heraus beobachtet hatte, sie nun vollends hineingezogen hatte. Blue hatte sie davon abgehalten hineinzufallen, doch Silver hatte sie hineingestoßen.
Miyako machte ihm jedoch nicht dafür verantwortlich, denn es war ihre eigene Schuld: sie hatte zugelassen, dass es soweit kommen konnte, denn sie war es gewesen, die sich von Anfang an, an die Illusion geklammert hatte, dass ihre Kinder normale, menschliche Kinder waren, obwohl Black ihr immer wieder vor Augen geführt hatte, dass sie es nicht waren. Nein, es war nicht Silvers Schuld; es war ganz allein ihre eigene.
Aus diesem Grund war es auch falsch zu sagen, dass sie ihn hasste, denn das tat sie nicht, genauso wenig weckte er die gleiche Abscheu, die sie oft Black gegenüber empfand. Er weckte einfach… gar nichts in ihr. Keine Freude, Glück oder Wärme wie Blue es tat, sondern einfach nichts als pure Leere: sie war nichts als ein Roboter, der seine mütterlichen Pflichten nachging.
Miyako spürte wieder Tränen in den Augen: etwas was in den letzten sechs Jahren zum Standard geworden war, seitdem Silver geboren worden war. Oft weinte sie ohne Grund, aus heiteren Himmel: ein Zeugnis ihrer eigenen Unfähigkeit und dass sie die Schuldgefühle einfach nicht aushalten konnte.
Auch diesmal wischte sie sich die Tränen aus den Augenwinkeln, wobei ihr Blick auf die Kommode, die neben der Tür stand, fiel, wo sie einige wenige eingerahmte Bilder hingestellt hatte. Alle zeigten die beiden Brüder, entweder alleine oder zusammen: nur auf einem Bild war Miyako ebenfalls zu sehen, die vor Stolz strahlte, genau wie Blue, der geehrt eine eingerahmte Urkunde vorzeigte, welche bewies, dass er Klassenbester des ersten Jahrgangs war. Es war ein neues Bild, denn Blue hatte gerade erst die erste Klasse bestanden, mit Bravour: die Lehrer nannten ihn sogar den schlausten Siebenjährigen den sie je unterrichtet hatten, was seine Mutter natürlich mit Freude und Stolz erfüllte: er war immerhin ihr Sohn!
Von Silver gab es kein solches Bild, obwohl er gewiss auch seine Stärken hatte. Doch diese erfüllten Miyako nicht mit stolz. Diese führten eher dazu, dass sie und er sich noch weiter voneinander entfernten als ohnehin schon.
Es war erst vor wenigen Tagen gewesen, dass sie vom Schuldirektor zu einem Gespräch gerufen worden war, betreffend Silvers Verhalten. Am Telefon wollte er ihr nicht mehr dazu sagen, doch Miyako ahnte es bereits und Black unterstrich dies nur weiter, als er, kaum, dass sie das Telefon aufgelegt hatte, sagte:
„Ich hab dir doch gesagt, dass du einen Dämon nicht auf eine Menschenschule schicken kannst. Aber du wolltest ja nicht hören.“
Natürlich wollte sie nicht hören: Kinder hatten nun einmal zur Schule zu gehen und wenn Blue sich integrieren konnte, musste Silver das auch. Da dies allerdings auf ihren Antrieb entstanden war, versuchte sie gar nicht erst, Black dazu zu überreden an ihrer Stelle zum Direktor zu gehen um Silver und eine Standpauke abzuholen: wahrscheinlich wäre Black dazu sowieso nicht in der Lage.
In der Schule angekommen, sah sie Silver, der vor dem Zimmer des Direktors auf einer kleinen Bank an der Wand saß und unheimlich klein wirkte; alleine und verlassen in dieser Schule, alleine in der Welt.
Silver hatte nach unten gestarrt, sah jedoch schon sehr früh auf, sobald Miyako um die Ecke gebogen kam: er hatte wohl ihre Schritte gehört, ein weiterer Beweis dafür, dass er nicht menschlich war, denn sein Gehör war unheimlich gut entwickelt.
Kaum, dass seine Mutter bei ihm angekommen war, sah er in die entgegengesetzte Richtung: eine normale Handlung seinerseits, denn die beiden sahen sich nie in die unterschiedlichen Augen. Silver hatte wohl schon sehr früh bemerkt, wie sehr seine Mutter es verabscheute seine Augen zu sehen; wie es umgekehrt ebenfalls der Fall war, denn obwohl sie sich vom außen hin sehr ähnlich sahen, waren die Augen das was sie voneinander trennten.
„Ah, Ookido-san“, sagte der Schulleiter sobald er hinzugekommen war, gerade in dem Moment wo Miyako Silver ausfragen wollte.
„Wie schön, dass Sie so schnell kommen konnten.“ Miyako wandte ihren Blick ab von ihrem Sohn und begrüßte stattdessen ihren Gesprächspartner; einen älteren, aber freundlich aussehenden Herren, der allerdings nervös zu sein schien, denn kaum, dass sie mit ihrem Sohn im Schlepptau in das Büro schritt und sich vor seinem Pult setzte, begann er nervös mit einem Kugelschreiber zu hantieren.
„Worum geht es, Moriyama-sensei?“, fragte Miyako, während sie ihre schlanken Finger in ihrem Schoß faltete und versuchte ruhig und gelassen zu wirken, obwohl sie sich vor der Antwort fürchtete. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie Silver sich ebenfalls hingesetzt hatte und wie seine roten Augen den sich drehenden Kugelschreiber fixierten.
„Nun, der Grund weshalb ich Sie habe rufen lassen, Ookido-san, ist der, dass sich ihr Sohn… sagen wir „auffällig“ verhalten hat.“ Genau das was Miyako erwartet hatte zu hören, dennoch zerbrach ihr höfliches Lächeln nicht.
„Was hat er getan, dass Sie sein Verhalten „auffällig“ nennen?“ Moriyama legte den Kugelschreiber beiseite und im selben Augenblick bemerkte Miyako wie Silver zusammen zuckte, als wäre er aus einem Trancezustand aufgewacht.
„Sagen wir es gerade aus: Ihr Sohn hat einen anderen Jungen verprügelt.“
„Dem Jungen ist doch hoffentlich nichts geschehen?“, fragte Miyako und spürte einen leichten Angstschauer auf ihrem Rücken.
„Nein, zum Glück konnte ein Lehrer rechtzeitig eingreifen.“ Als Antwort zwang sie sich ein dezentes Lachen hervor und antwortete, dass es jawohl normal war, dass sich Jungs untereinander ab und zu mal raufen würden. Was war daran auffällig?
„In der Tat, so ein Verhalten beobachten wir des Öfteren auf unseren Schulhof, Ookido-san, allerdings…“
„Allerdings?“
„Allerdings habe ich noch nie einen Sechsjährigen gesehen, der versucht hat einen Zwölfjährigen zusammen zu schlagen – und schon gar nicht, dass es dem Sechsjährigen auch noch gelingt.“ Das Lächeln fiel in sich zusammen und langsam, mit erstarrtem Blick wandte Miyako ihr Gesicht zu ihrem Sohn, der sofort, beinahe wie eine automatische Reaktion, den Kopf in die andere Richtung abwandte. Dieses Mal jedoch machte es sie nicht traurig, sondern wütend: sie hatte das Verlangen seinen Kopf zu packen und ihn und sich selbst dazu zu zwingen sich gegenseitig anzusehen: sie wollte sehen, was für ein dämonisches Kind sie zu Welt gebracht hatte, dem es gelang, einen Zwölfjährigen in Gefahr zu bringen.
Doch zu so einer Tat kam sie nicht, denn der Direktor war noch nicht fertig:
„Es ist nicht ganz richtig was ich sage.“ Miyako wandte sich wieder zu ihm herum und er fuhr fort:
„Es war nicht alleine der Lehrer der ihn davon abgehalten hat, fällt mir gerade ein: es war Blue-kun der sofort da gewesen war, um seinen Bruder zu beruhigen und ihn von seinen Intentionen abzubringen.“ Dies überraschte Miyako weniger. Natürlich war es Blue: es war immer Blue. Er war zwar nicht der einzige auf den Silver hörte, denn auf Black hörte er ebenfalls, aber er war derjenige dem Silver ohne jeden Zweifel am nahesten stand. Vielleicht war er sogar der einzige…
Kaum, dass Mutter und Sohn draußen auf der Straße waren, hatte Miyako wieder das schreckliche Verlangen danach zu weinen, doch die unterdrückte es: die Straße war zu voll und es würde sowieso weder ihr nützen, noch Silver. Stattdessen traten sie den Heimweg an, zu Fuß, denn seit dem Autounfall ihrer Mutter, war Miyako nicht mehr in ein Auto eingestiegen und hatte ihres sofort verkauft.
Sie gingen nebeneinander, doch nicht wie Mutter und Sohn durch deren Hände verbunden, sondern jeder für sich, in deren eigenen Gedanken. Miyako dachte verzweifelt darüber nach was sie sagen sollte und wie sie es sagen sollte und hatte eigentlich eher Lust Black dafür anzuschreien als Silver. Obwohl beide eigentlich nicht die Schuld trugen: Black konnte nichts dafür, dass er ein Dämon war und Silver nichts dafür, dass er diese Gene geerbt hatte und damit offenbar nicht zurechtkam.
Nach einem längerem Schweigen in der Miyakos Wut langsam abflaute, entschied sie sich doch dazu etwas zu sagen:
„Warum hast du das getan?“, frage sie ihn und versuchte dabei genauso zu klingen, als ob sie mit Blue reden würde: mit einer mütterlichen Stimme, gefüllt von Liebe und Geborgenheit. Doch wie immer war dies ein vergebener Versuch; ihre Stimme klang neutral und ohne den geringsten Hauch von Gefühl. Ebenfalls wie immer, antwortete Silver nicht – was hatte sie anders erwartet? Sie würde wahrscheinlich Blue fragen müssen…
„Weil ich ihn nicht mag.“ Beinahe erschrocken wandte sie sich zu Silver herum, als sie seine Stimme, eine Antwort, hörte und erstaunt darüber schwieg sie, was er als Aufforderung zum Fortfahren ansah:
„Er… er hat mich immer geärgert. Nicht so wie Blue. Er hat mich immer Mädchen genannt und wollte mir meine Haare abschneiden… ich wollte das nicht. Ich wollte, dass er aufhört.“ Silver blieb stehen und zum ersten Mal seit einer unglaublich langen Zeit sahen sich die beiden an. Silver mit seinen glasigen roten Augen und seine Mutter mit ihren tiefgrünen, leicht unsicheren, Augen.
Miyako wusste nicht was sie Silver antworten sollte, aber sie wusste, dass sie es gewusst hätte, wäre es Blue gewesen mit dem sie in diesem Moment sprach. Doch ihren zweiten Sohn anzusehen, seine roten, unmenschlichen Augen zu sehen, schnürte ihr beinahe die Kehle zu, obwohl die beiden nichts anderes taten als sich anzustarren; sicherlich einige, schweigsame Minuten lang, wie es Miyako vorkam. Schlussendlich war es Silver, der das Schweigen brach:
„…Hasst du mich jetzt?“ Es kam Miyako so vor als fehlten die Worte „noch mehr“ in seinem Satz: als ob diese Worte darin versteckt lagen. Sie wusste nicht, ob sie sich das aus reiner Paranoia nur einbildete oder ob Silver dies tatsächlich dachte. Doch gleichgültig ob diese Worte versteckt lagen oder nicht, so versetzten sie ihr einen schmerzvollen Stich, denn ein Kind sollte sich nicht mit den Gedanken plagen müssen, dass seine Mutter es hasste.
Und natürlich hasste sie ihn nicht! „Hassen“ war das falsche Wort um die Gefühle zu beschreiben welche sie für ihren zweiten Sohn empfand. Sie hatte Black oft genug gehasst um sich sicher zu sein, dass es absolut nicht dieses Gefühl war, welches sie und Silver verband. Doch obwohl sie sich da so sicher war, konnte sie nicht mit Gewissheit sagen, was es dann war, was sie verband…
„Natürlich hasse ich dich nicht, warum soll-“ Silver unterbrach sie, ehe sie ihre Frage formulieren konnte:
„Weil ich ein Dämon bin.“ Ein weiterer Stich direkt in Miyakos Herz: die grausame Wahrheit direkt vor Augen geführt zu bekommen war schmerzhaft: besonders von ihrem eigenen Kind.
„Silver, nicht mitten auf der Straße…“, antwortete Miyakos Vernunft, obwohl sie eigentlich etwas anderes hätte antworten wollen. Doch auf einmal löste sich das Glasige in Silvers Augen auf; löste sich auf in kleine unsichtbare Tränen, welche an seinen Wangen herunter liefen.
Mit dieser plötzlichen Situation war Miyako völlig überfordert. Sie wusste weder was sie tun sollte, noch was sie sagen sollte, sondern hatte nur das schreckliche Verlangen danach ebenfalls mitten auf der Straße in Tränen auszubrechen. Aber das konnte sie nicht; sie war mitten auf der Straße und genauso wenig konnte sie Silver weinend stehen lassen.
Was würde sie tun, wäre es Blue? Sie würde ihn auf dem Arm nehmen und trösten. Dasselbe musste sie jetzt mit Silver machen, das wusste sie – und dennoch zitterten ihre Arme und Hände, als sie diese nach Silver ausstreckte. Sie musste tief durchatmen, als würde sie unter der Wasseroberfläche hinab tauchen.
Genau wie damals, als sie Silver in der Decke aufgefangen hatte, versteifte sich Silvers Körper, als sie ihn nicht nur anfasste, sondern ihn fast schon unbeholfen umarmte. Deutlich merkte sie, dass er seinen Atem anhielt, als sie ihn an ihre Brust drückte und ihn hochhob, obwohl er schon anfing schwer zu werden.
Miyako musste ihn mit beiden Händen festhalten, damit das steife Kind nicht herunter rutschte und konnte daher nur langsam dem Heimweg antreten, ohne ihn irgendwie über den Kopf zu streicheln oder ihn sonst irgendwie zu trösten. Doch Silver hatte von selbst aufgehört zu weinen und nach wenigen Minuten, löste sich seine Anspannung auch ein wenig auf und genauso zögernd, wie sie es getan hatte, legte auch er langsam seine Arme um ihren Hals, um sich besser festhalten zu können.
Es war kein besonders zärtliches Tragen: von beider Seiten aus gesehen nicht. Es war praktisch veranlagt und dennoch hatte Miyako das Gefühl, dass es für sie beiden doch der erste Schritt war…
Vielleicht würde es doch irgendwann besser werden.
Vielleicht würde sie ihre eigene Angst doch irgendwann überwinden können, damit sie Silver lieben könnte.

Japan 1996 3 Mai

An dem Abend wo Silver seine Haare verloren hatte, hatte Miyako ihre beiden Söhne mal wieder alleine zu Bett gebracht, da Black urplötzlich weg gemusst hatte. Natürlich: sein Auftrag. Er war bereits kurz nach dem Drama mit Silvers Haaren verschwunden, mit den Worten, dass er es nun endlich vollenden wollte – Worte, die Miyako schon öfters gehört hatte. Was auch immer dieser geheimnisvolle Auftrag war, er war auf jeden Fall ziemlich umfassend, denn Black arbeitete immerhin schon sechs Jahre damit.
Miyako seufzte leise, damit sie ihre Jungs nicht aufweckte, denn wie immer an solchen Abenden, wo sie alleine war und über viel zu vieles nachdachte, geplagt von viel zu vielen Schuldgefühlen, saß sie im Kinderzimmer der beiden und sah ihnen beim schlafen zu: es war beinahe schon zu einer festen Routine geworden und manchmal saß sie dort mehrere Stunden.
Als sie sich jedoch gerade von dem Anblick der beiden Schlafenden trennen wollte, hörte sie wie die Tür aufging und ehe sie sich umdrehte sagte der Gast:
„Wo ist der Verbandskasten?“