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Episode 16
  Episode 16: Tag der Kirschblüten
Sakura, Sakura,
in den Feldern und Hügeln und den Dörfern
So weit das Auge reicht.
Wie Nebel, wie Wolken.
Duftend und glänzend in der aufgehenden Sonne,
Sakura, Sakura
Die Blütezeit

Sakura, Sakura,
der Frühlingshimmel
So weit das Auge reicht.
Wie Nebel, wie Wolken.
Der Duft und die Farben,
gehen wir, gehen wir
Uns am Anblick erfreuen



Der Vater Miyakos Kinder stand in der Tür, tatsächlich überraschend früh wieder da, doch das war nicht das, was ihre Aufmerksamkeit auf sich zog und was sie sofort dazu brachte geschockt aufzustehen, obwohl es sie schon wurmte, dass sie sofort einen Welle von Sorge über sich hernieder prasseln fühlte, als sie sah, dass Blacks linker Arm arg in Mitleidenschaft gezogen worden war.
Erst als sie das Zimmer verlassen hatten, die Tür hinter ihnen geschlossen worden war, sagte Miyako:
„Das ist kein Fall für einen Verbandskasten: du musst ins Krankenhaus!“
„Ohja, tolle Idee und wie erklärst du diesen Menschen meine Blutgruppe, meine Haut, meine Augen? Und sowieso ist es nicht so schlimm wie es aussieht.“ Kopfschüttelnd schritt Miyako die Treppe herunter um den Verbandskasten zu holen, unsicher ob das überhaupt Nutzen zeigen würde: Blacks Arm blutete stark am Ellbogen und die Art wie er seinen Unterarm mit dem rechten Arm festhielt, wirkte es fast so, als wäre der linke Unterarm kurz davor abzureißen.
„Ich muss nur Verband drum haben, damit ich es nicht mehr selbst festhalten muss“, erklärte Black und fügte hinzu, dass die Heilkraft der Dämonen den Rest übernehmen würde.
„Daran zweifle ich. Das sieht eher danach aus, als müsstest du zu Frankenstein werden.“
„Ich hab keine Ahnung wovon zu sprichst.“ Die Angesprochene antwortete nicht, sondern suchte stattdessen den Verbandskasten heraus und ging danach sofort in die Küche, wo sie das Licht einschaltete und ihm sagte, er solle sich hinsetzen. Er tat wie geheißen und während Miyako heißes Wasser in einen Bottich füllte, riss er sich den Ärmel seiner Uniform ab, wodurch die klaffende Wunde zum Vorschein kam, welche Miyako beinahe dazu veranlasste was Wasser fallen zu lassen, als sie diese erblickte.
„Was… ist das?“ In der Tat war sein Ellbogen stark beschädigt, jedoch anders als sie es erwartet hatte: es war eine ätzende Wunde, beinahe schon ein klaffendes Loch, welches nicht nur das rohe Fleisch enthüllte, sondern auch den Knochen des Unterarmes: das was sie daran am meisten schockierte, war der Umstand, dass sich der Knochen aufzulösen schien; zusammen mit dem Fleisch drum herum – und waren das etwa leuchtende Punkte oder bildete sie sich das ein?
Nein, tat sie nicht, wie sie schnell bemerkte, als sie sich mit zitternden Beinen zu ihm setzte und das weiße Flimmern von Nahen sah: es sah aus wie viele kleine Punkte, die weiß leuchteten und langsam aber sicher Blacks Körper von Innen heraus weg zu ätzen schienen.
„Was… zur Hölle ist das?“
„Lichtintus. Ich hab überhaupt nicht daran gedacht, dass diese Furie eine Halbhikari ist. Das hab ich jetzt davon! Aber zum Glück ist es nicht viel und genützt hat es ihr auch nicht.“ Miyako verstand nicht, von was er sprach, denn dafür hatte er ihr zu wenig von seiner Welt erzählt. Aber sie verstand auf jeden fall, dass er seinen Auftrag beendet hatte, doch kommentieren tat sie dies nicht, stattdessen kümmerte sie sich lieber um seine Verletzung, obwohl sie keine Ahnung hatte, was sie tun sollte. Anscheinend bemerkte Black ihre Unsicherheit und sagte:
„Einfach nur Verband drum.“
„Und was ist mit diesem… Lichtintus?“
„Ich hab hier nichts dagegen, es muss also von selbst verschwinden.“ Miyako schwieg und starrte auf die Punkte, die nicht danach aussahen, als würden sie irgendwie von selbst verschwinden wollen.
„Keine Sorge,“ sagte er, als er ihre Zweifel bemerkte.
„Es ist nicht ernst: vielleicht kann ich eine Weile meinen Arm nicht bewegen, aber das ist alles. Glaub mir, ich hab schon weitaus größere Mengen an Lichtintus überlebt: ohne Hilfsmittel.“ Miyako schien nicht zu 100 % davon überzeugt zu sein, doch es genügte, dass sie nicht weiter protestierte, sondern einen Waschlappen auswrengte und sich gerade dazu aufmachen wollte die Wunde zu reinigen, als ihr einfiel, dass sie doch nicht so ohne weiteres in einer offenen Wunde herum stochern konnte, ohne Handschuhe anzuhaben. Etwas, woran Black scheinbar nicht gedacht hatte, denn er sah sie verwundert an, als sie Anti-Aidshandschuhe aus dem Verbandskasten holte.
„Was hast du vor?“
„Die Wunde erst mal reinigen?“ Black verzog das Gesicht und antwortete säuerlich, dass die Wunde rein genug war. Miyako verstand natürlich nicht was er damit meinte, sondern sah es nur als kindischen Protest an, auf welchen sie natürlich nicht achtete. Sie tauchte den Waschlappen ein weiteres Mal in das heiße Wasser und machte sich an die Arbeit.
Kaum, dass sie die Wunde berührte, zuckte er zusammen wie ein kleines Kind und deutlich sah sie in seinem Gesicht, dass ihm das nicht gefiel und dass er am liebsten den Arm wegziehen würde. Doch statt dem Kind in sich nachzugeben, biss er die Zähne zusammen und ließ Miyako gewähren.
„Erzähl mir von deinem Auftrag, damit du dich ablenken kannst“, sagte Miyako und war überrascht wie sanft ihre Stimme klang, was er scheinbar auch war, denn er sah sie überrascht an, ehe er wieder zusammen zuckte und geknirscht antwortete:
„Ich hab dir schon gesagt, dass du es nicht wissen willst.“
„Lass das mal meine Sorge sein.“
„Gut, dann sag ich es anders: ich werde es dir nicht erzähle – Au! Was zur Hölle sollte das?!“ Unschuldig sah Miyako ihren „Lebensabschnittspartner“ an und sagte genauso unschuldig:
„Ups, das wollte ich nicht.“ Black starrte sie einen Moment feindselig an und Miyako dachte kurz, ob er sie mit seiner freien Hand würde schlagen wollen, dafür, dass sie ihn ganz offensichtlich mit Absicht weh getan hatte, doch er schien es sich anders zu überlegen und die Feindseligkeit verschwand aus seinen Gesichtszügen. Er sah aus dem Fenster als er antwortete:
„Du willst es nicht wissen, glaub mir einfach.“ Miyako antwortete nicht, aber sie zwang sich selbst dazu es zu akzeptieren, denn sie merkte, dass Black es ernst meinte. Daher konzentrierte sie sich darauf die Wunde zu reinigen, wobei ihr auffiel, dass sie, sobald sie den leuchtenden Punkten zu nahe kam, dass diese sich alles andere als schmerzhaft anfühlten: sie waren angenehm warm und irgendwie wohlfühlend.
Dennoch, obwohl sie sich auf ihre Arbeit konzentrierte, begann sie erneut ein Gespräch: vielleicht sogar gerade deshalb. Sie war Black noch nie so nah gewesen wie in diesem Moment…
„Du hast doch mal erzählt, dass es unter euch Dämonen nicht normal ist Loyalität zu zeigen. Wie kommt es denn, dass du noch nach dem Tod deines Meisters loyal bist und so dahinter her bist, den letzten Auftrag zu erfüllen?“ Black überraschte diese Frage, dass sah sie aus ihren Augenwinkeln, denn sie hob diesmal nicht den Kopf, sondern konzentrierte sich auf die Wunde und das Wasser.
„Ich…“ Er zögerte und Miyako wusste nicht, ob es wegen dem Inhalt seiner Worte war, oder ob er einfach Probleme mit der Formulierung hatte. Doch sie ließ ihn Zeit und nach ein paar verstrichenen Sekunden fand er die richtigen Worte:
„Ich habe Nocturn-sama sehr verehrt.“ Einen Moment lang hielt Miyako inne, nicht alleine über die Wortwahl Blacks verwundert, sondern von allen Dingen über seine Stimme, die plötzlich beinahe traurig klang.
„Wie kommt es, dass gerade so jemand wie du, jemanden verehrt?“, fragte Miyako mit einem leichten Grinsen, als ob sie Black von der, wie sie vermutete, Traurigkeit ablenken wollte. Offensichtlich gelang ihr dieses Vorhaben, denn plötzlich begann Black so überschwänglich zu reden, als hätte er nur darauf gewartet, dass jemand ihm diese Frage stellte:
„Weil es unmöglich war, es nicht zu tun! So einfach ist das. Nocturn-sama war beispiellos. Nicht nur wegen seiner Fähigkeiten – welche einfach nur einzigartig waren, du glaubst gar nicht was er alles konnte, er beherrschte die Verbotenen Techniken wie kein anderer! Er war der erste Dämon der so stark war, ohne ein Fürst oder einer dessen Gefolgsleute zu sein: Nocturn-sama kam aus dem nichts und wies diese beschissenen Fürsten endlich in ihre Schranken; ich bin mir sicher, er hätte Lerau mit Leichtigkeit töten können, um damit auf dessen Thron zu steigen, aber nein, das wollte er nicht, das wollte er nie – leider! Ich bin mir sicher, dass wir den Krieg für uns entschieden hätten, wenn Nocturn-sama regiert hätte und ich bin mir sicher, dass die Fürsten das ebenfalls wussten – die hatten doch nur Angst vor ihm! Haben seinen Einfluss im Volk gefürchtet, die wussten doch ganz genau, wie beliebt Nocturn-sama unter ihren Untertanen war – dass sie, wir alle seinem Wort gefolgt wären, hätte er es gewollt! Kein Wunder, dass sie ihn ausschalten wollten, bezüglich, dass sie es getan haben.
Ich glaube nicht an die ganzen Gerüchte von Selbstmord, dass er zusammen mit der Hikari sterben wollte und was weiß ich nicht alles: Die Fürsten haben ihn umgebracht.“ Kaum, dass Black mehr als zwei Sätze gesagt hatte, hatte Miyako geschockt aufgesehen: nicht weil sie über die Worte geschockt war, denn sie hatte mehr als die Hälfte mal wieder auf Grund von mangelndem Wissen nicht verstanden, sondern über den wahren Wortschwall aus Blacks Mund: sie hätte nicht gedacht, dass er überhaupt so viel auf einmal sagen konnte, dass er überhaupt so enthusiastisch in Fahrt geraten konnte.
„Und das wo Nocturn-sama doch noch so jung war.“ Erst bei diesen Worten schien Miyako wieder zu erwachen, denn das war endlich etwas womit sie etwas anfangen konnte:
„Wie alt war er denn?“
„Er ist mit 24 Jahren gestorben. Ich habe ihm gedient seit er 17 war. Ich habe mich kurz nach seinem Auftauchen zu ihm geschlossen.“
„Und wie alt bist du?“, fragte Miyako als sie verblüfft feststellte, dass sie überhaupt nicht wusste wie alt Black eigentlich war und überraschter wurde sie, als er ihr sagte, dass er „annahm“, dass er um die 170 wäre: er sah aus wie Mitte 20, wenn es hochkam vielleicht 30!
170?! Und was soll das heißen, du „nimmst es an“? Man weiß jawohl wie alt man ist…“
„Das wissen wir oft nicht. So gut wie niemand kümmert sich um die Wochentage, geschweige denn Jahre und damit auch keine Geburtstage. Das ist normal bei uns.“ Miyako himmelte mit den Augen, während sie die Schüssel auf die Spüle stellte und das blutige Wasser ablaufen ließ. Daraufhin wandte sie sich wieder zu Black herum und begann damit den Verband umzuwickeln, obwohl sich darunter immer noch die leuchtenden Pünkchen des Lichtintuses tummelten.
Während sie dies tat schwiegen sie, doch es war ein anderes Schweigen als sonst. Plötzlich kam es Miyako nicht mehr unbehaglich vor, nicht wie eine Strafe, nicht wie etwas Schmerzhaftes – sie fühlte sich geborgen.


„…niki… Aniki? Aniki? Bist du wach, Aniki?“ Maulend wandte sich der Angesprochene um, zur Quelle der quängeligen Stimme, die unzweifelhaft seinem kleinen Bruder gehörte.
„Geh schlafen, Silver“, antwortete Blue genervt ohne zu fragen warum der kleine Rotschopf in mitten in der Nacht weckte.
„Ich habe Durst, Aniki.“
„Dann hol dir Wasser aus der Küche.“ Er druckste ein wenig herum und Blue wusste genau worauf er hinaus wollte, ohne, dass Silver etwas sagte.
„Ich hol es dir nicht, wenn es das ist, was du meinst. Gute Na – Argh! Nimm das Licht aus meinen Augen!“ Silver grinste als er bemerkte, dass sein Vorhaben Erfolg hatte, denn er hatte die Nachttischlampe angemacht, wobei diese auf Blue gerichtet war. Menschen mochten es schon nicht, wenn man das Licht einschaltete, obwohl man an die Dunkelheit gewohnt war – bei den Dämonen hatte es schätzungsweiße die doppelte Wirkung, denn ihre Augen wirkten sehr empfindlich auf Erregungen.
„Du bist wirklich ein Teufel, du…“ Wieder antwortete Silver nicht, schien aber seine Taktik zu ändern, denn er stellte die Nachttischlampe wieder auf den Tisch zurück. Gerade als Blue sagen wollte, dass er sich weigerte ihm etwas zu trinken zu holen, da Silver jawohl alt genug war es selbst zu tun, sagte Silver:
„Ich glaube Papa ist wieder da. Sie sitzen in der Küche und reden.“ Blue war überrascht über diese Aussage, denn genauso wenig wie Miyako hatte er so schnell nicht mit Blacks Rückkehr gerechnet, denn natürlich kannte auch er Blacks Routine und damit wusste er auch wie lange er normal weg war. Auf der anderen Seite hatte er ein anderes Problem; sein Bruder. Natürlich wusste Blue wo das Problem Silvers lag. Er traute sich nicht in die Küche zu gehen, wahrscheinlich weniger wegen Black, sondern eher wegen Miyako.
„Du musst ja nicht in die Küche gehen. Geh doch ins Badezimmer.“
„Dann muss ich aber an der Küche vorbei.“ Stimmt, daran hatte Blue nicht gedacht. Das Haus der Familie besaß nur ein großes Badezimmer, welches neben der Küche war.
Silver sah seinen Bruder bettelnd an und dieser wusste sofort, dass ihm gar nichts anderes übrig blieb, als es zu tun, ansonsten würde Silver ihn die gesamte Nacht wachhalten. Seufzend schwang er seine Füße aus dem unteren Teil des doppelten Hochbettes heraus und stellte diese auf dem warmen Teppich ab, dabei versuchend Silvers erfreuten, aber auch leicht triumphierenden Blick nicht zu beachten.
„Warte hier“, sagte Blue als er bei der Tür angekommen war und diese leise öffnete. Wie auf Kommando hangelte Silver sich hoch zu seinem Bett, ohne die dazu gehörige Leiter zu benutzen und zog die Decke über dem Kopf. Noch einmal seufzte Blue, doch kam nicht drum herum zu lächeln, ehe er die Tür leise hinter sich schloss und den Weg nach unten antrat. Er war bemüht langsam zu gehen, denn er wusste, wenn er hart auftrat, würde die Treppe knatschen – kein lautes Geräusch zwar, aber Black würde es sicherlich hören und das wollte Blue vermeiden. Daher hoffte er auch, dass die Küchentür zu war, damit er sich unbemerkbar vorbei schleichen konnte und das Glück war auf seiner Seite, denn die Tür war tatsächlich nur angelehnt. Das Licht im Flur war ausgeschaltet und nur ein dünner Streifen oranges Licht schien auf dem Flur hinaus, was Blue von seinem Standpunkt aus sehen konnte, denn er befand sich noch mitten auf der Treppe und konnte daher nicht nur das Licht sehen, sondern auch, dass sie miteinander redeten. Etwas was seine Neugierde weckte, denn nicht nur Miyako wunderte sich darüber, dass sie ein richtiges, zusammenhängendes Gespräch führten, sondern auch Blue. Aus diesem Grund verharrte er kurz, nur um seine Neugierde zu befriedigen und um zu hören, ob es nicht vielleicht doch nur ein Streit war. Doch es schien keiner zu sein. Die Stimme seiner Mutter klang sanft, aber auch traurig – worüber sprachen sie?
„Woher… weißt du das? Ich habe es dir nicht erzählt…“, fragte Miyako und steigerte dadurch nur Blues Neugierde. Black antwortete mit seiner üblichen neutralen Stimme:
„Du bist nicht gut darin, deine Gefühle zu verstecken. Das seid ihr Menschen im Allgemeinen nicht.“ Daraufhin kam keine Antwort, erst nach einer kurzen Weile war es Black der wieder etwas sagte:
„Jetzt wein doch nicht schon wieder.“ Die Stimme seines Vaters klang eher erschöpft und genervt als besorgt oder beruhigend.
„D-Das hast du also auch mitbekommen?“
„Nur, weil ich nichts dazu sage, heißt nicht, dass ich es nicht bemerke. Also hör auf zu heulen, das bringt dir auch nichts.“
„Aber… was soll ich denn tun… es gibt doch nichts was ich tun kann.“ Aufmerksam lauschte Blue, doch er konnte nichts hören. Keine Worte, keine Stimmen, genauso wenig wie Schritte oder Bewegungen. Was ging da vor sich? Der kleine Dämon hielt die Luft an, als würde er dadurch mehr hören können und atmete erst wieder aus, als er die plötzlich aufgeregte Stimme seiner Mutter hörte:
„Was zur…!? Hast du mich gerade… hast du… du hast mich gerade geküsst, ist dir das klar? Das hast du noch nie…“
„Ich hatte eben bis jetzt keine Lust drauf.“ Eine kurze Pause, in der Miyako scheinbar nicht wusste was sie darauf antworten sollte, denn es war Black der fortfuhr:
„Oder ich wollte dich einfach daran hindern, dir weiterhin so einen Schwachsinn einzureden. Kannst du dir…“ Wieder trat eine kurze Pause ein wo niemand etwas sagte, wo komplette Ruhe einkehrte, bis Black diese unterbrach, offensichtlich überrascht:
„Und warum hast du das jetzt gemacht?!“ Miyako antwortete schnippisch:
„Weil ich eben Lust drauf hatte!“ Blue hatte keine Ahnung was in der Küche gerade vor sich ging, doch er spürte wie die Röte sich in seinem Gesicht bemerkbar machte und sich so langsam das Gefühl in ihm breit machte, dass er vielleicht lieber schnell das Wasser holen sollte. Als er allerdings von den Stufen aufstieg, war er wohl etwas übereilig, denn er stolperte und fiel nicht nur von der Treppe, sondern stürzte auch auf den Boden. Er unterdrückte ein Jammern, als er den Boden berührte, jedoch wohlwissend, dass er bereits zu viel Krach verursacht hatte, als das er unbemerkt bleiben würde – außerdem hatte er sich nicht sonderlich gestoßen, nur sein Steißbein schmerzte.
Wie bereits befürchtet öffnete sich die Küchentür, woraufhin das Licht sich im Flur ausbreitete und sich Blacks Silhouette deutlich abhob, dicht gefolgt von Miyako, die beiden im Türrahmen stehen blieben und verwundert ihren ältesten Sohn auf dem Boden sahen, welcher sich sofort aufrichtete um zu verdeutlichen, das nichts geschehen war, denn seine Mutter hatte sofort einen besorgten Blick im Gesicht, obwohl sie eindeutig rot war, als wäre sie ein Teenager der gerade in einer prekären Situation erwischt worden war. Black schien eher genervt zu sein über die ungebetene Störung.
„Was machen kleine Störenfriede um diese Uhrzeit hier Draußen auf dem Gang?“, sagte Black streng, als hätte er einen Kriegsspion auf frischer Tat ertappt und dieser Gedanke löste nicht gerade Wohlbehagen in Blue aus.
„Ich… ich… wollte…“ Miyako ging dazwischen und unterbrach ihren Sohn:
„Nun mach ihn doch nicht so nervös, Black.“ Während sie dies sagte legte sie ihre Hand auf Blacks Schulter – eine sanfte, beinahe schon liebevolle Berührung, welche scheinbar nicht nur Blue überraschte, sondern auch sein Vater, der Miyako skeptisch ansah, sich aber offensichtlich beruhigte.
„Also, Blue, weshalb liegst du nicht im Bett?“, fragte seine Mutter und der Angesprochene antwortete:
„Silver hatte Durst. Ich wollte ihm etwas zu Trinken holen… Entschul-“ Abermals unterbrach Miyako ihren Sohn, mit den Worten, dass er sich dafür nicht entschuldigen musste und ging daraufhin mit ihm zusammen Richtung Badezimmer, wobei Blue bemerkte, dass sie dabei seinen Vater ansah und irgendwie hatte er das Gefühl, dass sich etwas verändert hatte… was auch immer es war.

Japan 2 April 1996
Miyako legte den Haustürschlüssel auf die Kommode im Eingangsbereich ab und überflog ein wenig desinteressiert die Briefe, die sie gerade aus dem Postkasten heraus geholt hatte.
„Rechnungen, Rechnungen…“, sagte sie seufzend und legte den kleinen Berg an Briefen neben ihren Schlüssel, als sie ihre Schuhe auszog und sie fein und ordentlich nebeneinander abstellte, ehe sie die kleine Stufe empor stieg, sich noch einmal umdrehend weil sie die Briefe vergessen hatte.
„Ich bin wieder da!“, sagte sie ins Haus hinein und freute sich über den Klang ihrer Stimme, welcher Wiederhall gab und sie freute sich darüber, dass sie gehört wurde, denn aus der Küche heraus antwortete Black ihr mit genervter Stimme:
„Das hab ich auch so gehört.“
Es war ein ganz normaler Nachmittag: Blue und Silver waren noch in der Schule und würden sicherlich erst zum Essen Zuhause sein, da Blue heute unbedingt mit Silver zusammen in die Bibliothek wollte – und das dauerte normalerweise länger.
Vor sich hin lächelnd, mit den Gedanken dabei was sie heute Abend zu Essen machen wollte, ging sie in die Küche, wo Black saß; wie so viele andere Familienväter über die Zeitung gebeugt war, jedoch schien er sich ein wenig dafür zu genieren, dass er sich für das interessierte was in Japan und in der Welt vor sich ging, denn er schob die Zeitung sofort von sich weg.
„Hanami fängt heute an“, sagte Miyako lächelnd und fügte, zwar ein wenig zögernd, doch scheinbar über ihren Vorschlag erfreut:
„Ich dachte, wir könnten hingehen. Wir vier.“ Sie musste tief durchatmen ehe sie dies gesagt hatte, denn bis zum heutigen Tag hatte sie sich nicht getraut ihn zu fragen, ob sie an dem alljährigen Frühlingsfest teilnehmen sollten. Seit dem Auftauchen Blacks war sie nicht mehr auf dem Hanami-fest gewesen und dies betrübte sie sehr, denn sie hatte es als Kind immer sehr gemocht - es gehörte immerhin fest in den Jahresablauf eines jeden Japaners. Es war eine Schande, dass ihre Kinder es noch nie miterlebt hatten und Miyako hatte im Sinn dies zu ändern. Lange hatte sie darüber nachgedacht, ob sie Black fragen sollte, ob er mit wollte oder ob sie und die Jungs einfach alleine gehen sollten. Schlussendlich hatte sie sich doch dagegen entschieden. Sie wollte ihn wenigstens fragen. Wenn er „Ja“ sagen würde, so wäre es ihr erster Familienausflug…
„Hanami? Dieses Kirschblüten-etwas? Ich hab schon etwas darüber…“ Er schien gerade fast sagen zu wollen, dass er darüber in der Zeitung gelesen hatte, doch sagte stattdessen, dass er davon gehört hatte, dass er sich ernsthaft mit der Zeitung auseinander gesetzt hatte, erschien ihm dann doch ein wenig zu peinlich.
„Ja, genau das „Kirschblüten-etwas“. Alle Japaner treffen sich an diesem Tag in einem Park in ihrer Nähe um das Blühen der Kirschblüten zu feiern, mit Picknick und so. Ich dachte ich mache uns einen schönen Picknickkorb und wir gehen früh los, damit wir einen guten Platz bekommen “, antwortete Miyako grinsend und es war nicht zu übersehen, dass sie sich alleine über die Vorstellung freute.
„Um das Blühen der Kirschblüten zu feiern? Ist das nicht ziemlich dämlich? Das sind doch diese pinken Dinger die momentan überall in unseren Garten rumfliegen?“ Der Blick Miyakos ließ ihn verstehen, dass das feiern von blühenden Kirschblüten absolut nicht dämlich war und wenn er das fand, so war seine Meinung nicht gefragt.
„Ja genau die – und sie liegen nicht rum, sie verschönern unseren Garten. Du musst ja auch nicht mit, ich kann auch mit Silver und Blue alleine hin. Das ist mir auch recht.“ Black grinste auf diese Aussage hin ein wenig, denn er konnte deutlich raus hören, dass ihr das absolut nicht recht war.
„Du weißt, ich mag keine Menschenmengen. Sie nerven mich, machen mich wüt-“ Miyako wandte sich von der vollen Einkaufstüte ab und sah ihn mit strahlenden Augen an, während sie sagte:
„Ist das ein Ja?“
„Eigent…“
„Okay, morgen um fünf fahren wir los.“
„Um… fünf?!“
„Weißt du wie voll es sein wird? Ich will meinen alten Stammplatz haben und du wirst mir dabei helfen.“ Er hob die Augenbraue daraufhin, nicht alleine wegen diesem Satz, sondern auch wegen ihrem plötzlichen Gesichtswandel, sie sah plötzlich fast schon hinterhältig aus, besonders als sie sagte:
„Man muss doch ausnutzen, wenn man einen Dämonen als…“ Sie war kurz davor „Mann“ zu sagen, doch entschied sich doch dazu diese Bezeichnung für sich selbst zu behalten und das obwohl deren Beziehung deutlich besser geworden war, seitdem er seinen Auftrag abgeschlossen hatte. Doch zu Miyakos Übel schien Black bemerkt zu haben, was sie eigentlich sagen wollte, denn er grinste plötzlich vielsagend und von einem Moment auf den anderen stand er plötzlich vor ihr an der Küchentheke. Überrascht öffnete Miyako den Mund, doch keiner von ihnen kam dazu etwas zu sagen, denn Blacks Gesichtsausdruck änderte sich plötzlich als er die Briefe auf der Theke liegen sah. Als Miyako seinen Blick bemerkte, richtete auch sie ihre Aufmerksamkeit auf die Briefe und auch ihr fiel etwas Merkwürdiges daran auf: zwischen den weißen Umschlägen stach ein schwarzer hervor.
„Wie geschmacklos“, sagte Miyako und nahm eben diesen Umschlag aus dem Haufen von Briefen heraus, um diesen verwundert zu beäugen, was Black ihr gleich tat, doch hätte sie ihn angesehen, so wäre ihr aufgefallen, dass er bei weiten ernster aussah als sie.
„An wem ist der Brief?“, fragte Black ohne den Blick vom Umschlag abzuwenden, den Miyako weiterhin in der Hand hielt, als wäre er ein Schatz aus einer unwirklichen Märchenwelt. Doch auf seine Frage hin wandte sie den Umschlag herum und sagte ihm, was sie mit weißer Schrift dort geschrieben sah:
„Er ist an…“ Ihre Augen weiteten sich überrascht.
„… uns gerichtet?!“


Das plötzliche Dasein eines Vaters hatte nicht nur für Miyako einiges verändert, sondern auch für dessen Söhne. Die Tatsache, dass Miyako deutlich entspannter und befreiter wirkte, übte sich positiv auf Blue und besonders Silver aus. Es war fast so, als hätte Miyako die ganze Zeit nur jemanden gebraucht dem sie ihr Leid und ihre Probleme hätte erzählen können, denn seit dem Gespräch mit Black wirkte sie deutlich befreiter. Man konnte zwar nicht behaupten, dass sie die gleiche liebevolle Zuneigung die sie für Blue empfand sofort auf Silver übertragen konnte, aber es war Besserung in Sicht.
Nach wie vor jedoch überließ Black die Erziehung nach wie vor dessen Mutter, doch manchmal, ganz plötzlich aus einer Laune heraus, war Black plötzlich draußen im Garten, wenn die beiden Brüder ebenfalls draußen waren um zu spielen. Der Blick Miyakos war Gold wert, als sie ebenfalls nach draußen kam und Black mit seinen Söhnen spielen sah. Black nannte es nicht spielen, sondern trainieren und vielleicht war es dies auch eher, denn Blue konnte dem bereits schnell nichts abgewinnen, denn zur gleichen Zeit wie Silver mit dessen Vater trainierte, saß er drinnen mit seiner Mutter und lernte, denn dies hatte natürlich oberste Priorität. Doch Silver wartete förmlich darauf, dass Black raus kam – denn natürlich tat er das nicht, wenn man ihn fragte, egal wie sehr Silver auch danach bettelte.
Auch für Silver und Blue war dieser Nachmittag ein ganz normaler, mit der Ausnahme, dass der Rotschopf hatte nachsitzen müssen; was vielleicht auch noch ganz normal war.
„Super“, beschwerte sich Blue, als sie hinaus auf den kleinen Schulhof traten und schickte seinem kleinen Bruder einen tadelnden Blick, der diesen natürlich gekonnt übersah.
„Wegen dir können wir jetzt nicht mehr in die Bibliothek, die hat nämlich jetzt schon zu.“
„Trainieren macht aber mehr Spaß als Mathe“, antwortete Silver mit ausgestreckter Zunge und die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Eine Aussage die Blue natürlich so nicht stehen lassen konnte:
„Trainieren bringt dir aber nichts für dein späteres Leben.“
„Du bist nur eifersüchtig weil Papa mich lobt und dich nicht!“
„D-Das stimmt überhaupt nicht!“, antwortete Blue, doch seine Schamesröte verriet, dass Silver doch ein kleines Bisschen Recht hatte.
„Ihr zwei seid wirklich süß.“
Beide erstarrten augenblicklich und wagten es nicht weiter zu gehen. Blue wusste nicht was das plötzliche ungute Gefühl bedeutete, welches sich in ihm breit machte. Er hatte so etwas noch nie zu vor gespürt. Erst viel später, wenn er an diesem Moment zurück dachte, wusste er, dass er in diesem Moment zum aller ersten Mal die Aura eines anderen magischen Wesens gespürt hatte. Doch damals, in der überfüllten Straße Tokios, konnte er es nicht definieren, konnte nicht den plötzlichen Schweißausbruch erklären und verstand nicht, warum ihn das Atmen schwer wurde.
Silver und Blue drehten sich gleichzeitig um, sahen beide einen Haufen Menschen die in ihre Richtung gingen, an ihnen vorbei gingen – doch gleichzeitig sahen sie sie nicht, denn ihre Augen waren auf einen eigenartigen Mann gerichtet, der um die zwanzig Meter von ihnen entfernt und direkt in der Menge stand. Er war komplett in schwarz gekleidet, welche seinen merkwürdigen Körperbau betonte. Seinen Kopf hatte er gesenkt, ein Zylinder legte sein Gesicht in Schatten. Beide zweifelten nicht daran, dass er es gewesen war, dem die glockenhelle Stimme gehörte.
Blue packte Silvers Hand und brachte ihn dazu sich umzudrehen.
„Komm, Silver! Wir müssen Nachhause!“
Es war als hätte Silver die Worte seines Bruders nicht gehört, denn er tat es sich schwer seinem großen Bruder zu folgen und drehte sich immer wieder um, obwohl Blue ihn so hartnäckig vorwärts zog. Bevor sie um die Ecke bogen, konnte auch Blue sich nicht länger zurück halten und sah ebenfalls noch einmal zurück.
Der Mann sah ihnen hinterher, bewegte sich jedoch nicht. Doch eins hatte sich an ihm verändert: Er grinste, wie ein Jäger der seine Beute verfolgte.


Black hatte ihr den Brief aus der Hand genommen und schritt zurück zum Küchentisch.
„Aber wie ist das möglich? Wieso ist der Brief an uns beide gerichtet? Du bist doch gar nicht gemeldet, kein Mensch weiß, dass wir zusammen leben.“ Er achtete nicht sonderlich auf seine verwirrte Frau, da er gerade den Brief auseinander riss und eine ebenso schwarze Karte hervor holte.
„Der Absender war auch kein Mensch.“ Verwundert doch auch mit einer Spur von Furcht schritt sie zu ihrem Mann.
„Schicken Dämonen Briefe?“, fragte sie unsicher, während Black die Karte untersuchte, sie aber dann auf den Tisch legte. Miyako wollte ihn gerade fragen was denn nun da drin stand, als die Karte plötzlich in der Mitte aufleuchtete und sich von diesem Punkt aus ein merkwürdiges Muster auf der Karte ausbreitete. Black setzte sich seelenruhig auf dem Stuhl, welcher der Karte am nächsten war und sah dann zu seinem Gesprächspartner auf.
Es war zwar gestochen scharf und man konnte meinen die Person war wirklich und leibhaftig über Miyakos Küchentisch aufgetaucht, doch es war nur ein Hologramm welches die Karte freigegeben hatte. Das Hologramm zeigte einen Mann mit merkwürdigen orangen Haaren, welche zu Zöpfen gebunden waren, aber, unlogischer weiße, nicht an seinem Kopf fest zu hängen schienen. Er hatte seinen sehr dünnen Körperbau, welcher sehr ungesund aussah, da es wirkte, als hätte er in seinem Taillenbereich keine Knochen.
Miyako war von dieser plötzlichen Erscheinung mehr fasziniert als das Gegenteil. Es erinnerte sie an irgendeinen Science-Fiction Film, nur dass dies hier besser gemacht war und… real war.
Black sagte etwas in einer Sprache die Miyako nicht verstand, doch der Mann im Hologramm antwortete auf Japanisch, so dass Miyako ihn sehr gut verstand:
„Lange nicht gesehen, Black. Wie geht es dir?“ Black wurde sofort skeptischer als sowieso schon als sein Gegenüber auf Japanisch antwortete. Er sah zu Miyako und ihm wurde bewusst, dass sein Gesprächspartner wollte, dass Miyako es mit anhörte. Was hatte er vor?
„Das ist nicht das, was Sie von mir wissen wollen, Ri-Il-san. Also kommen Sie zum springenden Punkt: was wollen Sie?“
„Och, Black! Sei doch nicht so. Wir haben uns doch so lange nicht mehr gesehen, da werde ich mich doch erkundigen dürfen, wie es dir so ergangen ist?“ Miyako sah wie Blacks Gesicht sich verfinsterte und ihr wurde bewusst, dass er den Fremden nicht sonderlich zu mögen schien.
„Tun Sie nicht so, als wären wir sowas wie alte Bekannte. Sie waren der Feind Nocturn-samas: Damit sind Sie auch meiner!“ Ri-Il winkte mit der Hand ab, als würde er eine lästige Fliege beiseite scheuchen wollen.
„Du und deine Loyalität! Aber diese ist ja auch lobenswert. Ohne diese hätten wir immerhin nicht so ein ausgezeichnetes Versuchskaninchen bekommen. Ich danke dir nochmal dafür! Lycylein hat ganz besonders großen Spaß an dem kleinem Prinzeschen.“ Ein Schauer rannte Miyakos Rücken herunter. Hatte das mit dem Auftrags Black zu tun, wofür er solange gearbeitet hatte? Nein, war das der Auftrag? Miyako wollte die Worte des Dämons nicht genauer überdenken, denn jetzt wo sie eine leise Ahnung hatte, wollte sie gar nicht mehr wissen was Black getan hatte. Sie wollte nicht glauben, was sie vermutete.
„Ich habe nur das getan was Nocturn-samas Willen entsprach.“
„Ja, das hast du sicher! Ein wahrlich vorteilhafter Handel.“ Ri-Il lachte in sich hinein und Miyako beschlich das Gefühl, dass dieser Handel besonders für ihn vom großen Vorteil gewesen war.
„Sei dir gewiss, dass ich meinen Teil eingehalten habe. Soweit ich weiß ist die kleine Dämonin sicher bei Lacrimosa.“ Black antwortete nicht, doch Miyako fiel auf, dass er einen kurzen Moment sichtlich erleichtert wirkte. Scheinbar waren dies gute Neuigkeiten für ihn. Mit einer eleganten Handbewegung fuhr Ri-Il fort:
„Aber wie ich sehe hast du es dir gut gehen lassen! Du hast eine wirklich hübsche Frau und zwei gesunde Kinder. Was will man mehr?“ Jetzt war es Miyako die sich einmischte. Sie wusste nicht warum, aber als er das sagte, schrillten bei ihr sämtliche Alarmglocken.
„Was ist mit Silver und Blue?! Was hast du mit ihnen vor, du…“ Black unterbrach Miyako in ihrem plötzlichen Wortschwall. Er bedeutete ihr ruhig zu sein und wollte dann gerade etwas an Ri-Il sagen, als dieser schon mit einer theatralischen Stimme Miyako antwortete:
„Was für eine gemeine Anschuldigung! Als ob ich solch süßen Kindern etwas antun könnte! Ich habe sie nur auf der Straße getroffen nichts weiter.“ Miyako beruhigten diese Worte nicht im Geringsten; es machte sie nur noch nervöser. Doch es war Black der antwortete:
„Wie ich es mir dachte, es handelt sich um Silver und Blue. Was willst du von ihnen?“
„Nichts, wie ich schon sagte. Ich habe dir einen Vorschlag zu machen.“
„Ich bin ganz Ohr“, antwortete Black beinahe schon entspannt was so gar nicht zu seiner Körperhaltung passen wollte, die genau das Gegenteil war von entspannt.
„Du willst doch sicherlich, dass aus deinen Söhnen was wird, oder nicht, Black? Du willst doch sicherlich, dass sie nicht so elendig verrecken wie deine anderen zehn Abkömmlinge? Du willst dich sicherlich, dass sie mehr werden als nur Kanonenfutter, oder nicht, Black?“ Black knirschte mit den Zähnen, es wirkte als würde er Ri-Il am liebsten an die Gurgel springen wollen.
„Ich kann dafür sorgen, dass sie mehr werden, Black. Das ist es doch was du willst.“ Wieder wollte Miyako sich einmischen, doch Black hob den Arm vor ihrer Brust und schüttelte den Kopf ohne sie anzusehen. Was Ri-Il als Zeichen dafür sah, dass er ungehindert fortfahren konnte:
„Deine Söhne haben Glück, dass sie aus einer Paarung von Mensch und Dämon hervorgegangen sind. So kann ich sie sehr gut gebrauchen.“
„Für was?“, entgegnete Black drohend, was das negative Gefühl in Miyako nur noch verstärkte
„Wie du sicherlich weißt, können nur Halbdämonen das Siegel überqueren und somit können sie Kommen und Gehen wie es ihnen gefällt. Deshalb… will ich deine Zwei ausbilden für den Außendienst. Und obwohl wir keine alten Bekannte sind, wie du es so schön gesagt hast, müsstest du wissen, dass ich nicht um Erlaubnis frage.“
Ri-Il öffnete seine Augen und Miyako erstarrte augenblicklich zu Eis. Nur die Stimme Black drang zu ihr durch, die zum aller ersten Mal ihren Namen sagte. Doch das war nicht das, was sie am meisten schockte, es war nicht das, was ihr den Boden unter den Füßen nahm, während sie wie paralysiert in die gelben Augen Ri-Ils starrte.
„Miyako! Flieh!“


Blue wusste ganz genau, dass dieser Mann, den sie auf der Straße getroffen hatten, ein Dämon war. Zwar konnte er sich nicht erklären woher er es wusste, aber er zweifelte nicht an diesem Wissen. Ob daher das ungute Gefühl kam, welches ihn nicht wieder los ließ, welches sich in ihm breit machte und Nervosität auslöste, konnte er nicht mit Gewissheit sagen, er wusste nur, dass er so schnell wie möglich Nachhause wollte. Er war zu jung um selbst zu diesem Problem Stellung zu beziehen. Doch schon damals, während er seinen kleinen Bruder hinter sich her zog, dachte er fieberhaft darüber nach, wer diese Person sein konnte – ein Bekannter seines Vaters? Hatte er nicht gesagt, dass es keinem Dämon möglich war, in deren Welt zu gelangen? Warum stand er also plötzlich inmitten der Menschenmenge, warum war er überhaupt da?
„Aniki, Aniki!“, unterbrach Silver die Gedanken des Älteren und dieser konnte die gleiche Nervosität aus seiner Stimme hören, welche er ebenfalls fühlte.
„Hast du das auch gespürt? Dieses merkwürdige Gefühl… Glaubst du, das war ein Dämon?“ Blue rannte weiter, seinen Bruder ihm Schlepptau und nahm sich auch nicht die Zeit den Regenschirm aufzuschlagen, welcher an seiner Schultasche baumelte, als er die ersten Regentropfen in seinem Gesicht spürte.
„Ja… ja ich bin mir ganz sicher.“
„Glaubst du er verfolgt uns?“
„Weiß ich nicht, vielleicht.“ Blue verlangsamte seine Schritte etwas als sie in deren bekannten Nachbarschaft ankamen. Die kleinen Straßen auf denen gerade mal ein Auto passte, die hohen, weißen Mauern hinter denen sich Familienhäuser versteckten, die Kirschbäume die in voller Blüte standen und zusammen mit dem leichten Regen auf den Boden herab rieselten; eine typische Gegend in Tokio, ein typischer Nachmittag in Japan… und das Ende eines Lebens.
Die Straßen waren ruhig. Keine Menschen waren unterwegs. Ein rotes Auto fuhr an ihnen vorbei, als sie um die Ecke bogen - an all diese kleinen Dinge, an jedes Detail konnte Blue sich erinnern, konnte es sich immer wieder in Gedächtnis rufen und er war sich sicher, dass Silver es ebenfalls konnte und das sie es immer würden tun können.
Als sie das Gartentor zu ihrem Haus hinter sich ließen, wirkte alles normal. Es brannte Licht im Arbeitszimmer und ihm Wohnzimmer. Der gepflasterte Weg der zur Eingangstür des Hauses führte, war gefegt worden, da die Kinder des Kirschblütenbaumes ihn sonst pink gefärbt hätten. Doch die Farben des Baumes wirkten vom Regen grau und trübe, konnten nicht gegen den dunklen Himmel ankämpfen.
Silver bemerkte es zuerst, Blue erst durch das Aufstöhnen seines Bruders:
„Ist… ist das… Blut?“ Das, was Silver sah, war tatsächlich Blut, wie Blue ebenfalls schnell bemerkte: es klebte an dem großen Küchenfenster und malte ein rotes Muster auf dieses.
Die Brüder rannten gleichzeitig los, erreichten auch die Haustür gleichzeitig und rissen die nicht abgeschlossene Tür auf, um in den kleinen Eingangsbereich zu gelangen. Keiner von ihnen zog sich die Schuhe aus, wie es sich für guterzogene Kinder gehörte und keiner von ihnen bemerkte, dass die Tür hinter ihnen leise geschlossen wurde; zu sehr waren sie damit beschäftigt den dunklen Flur zu überqueren, nur um kurz vor der Küche stehen zu bleiben.
Beide zogen panisch die Luft ein, als ihre Augen die Blutlache vor der Küchentür entdeckten. Sie sahen es, rochen es – zum ersten Mal drang der metallische Geruch des Blutes in ihnen; intensiv und überwältigend.
Es kam aus der Küche und beide wussten, dass sie nur um die Ecke schauen mussten, um zu erfahren, was geschehen war, woher das Blut kam, warum es so intensiv roch… aber sie wollten nicht. Sie blieben stehen, deren Füße verweigerten jeglichen Befehl; alles was sie tun konnten, war auf das Blut zu starren.
Blue wusste nicht wie lange sie dort standen, bis sie von einer fremden Stimme dazu gezwungen wurden zu reagieren.
„Seid ihr gar nicht neugierig?“
Im gleichen Moment sahen Silver und Blue über ihre Schultern hinweg und sahen wieder den Dämon, den sie zuvor auf der Straße getroffen hatten und nun waren sie sich beide sicher, dass er ohne Zweifel ein Dämon war, denn er sah sie an, mit Augen die unmöglich von einem Menschen stammen konnten. Die Pupille stechend gelb, schwimmend in einem Meer aus Schwärze. Aufmerksam sah er sie an, legte den Kopf schief, wirbelte seinen Zylinder um seinen langen Zeigefinger herum, wartete auf etwas.
„Was…was wollen Sie von uns?!“, nahm Blue all seinen Mut zusammen und versuchte dabei den Blickkontakt zu dem Dämon aufrecht zu erhalten, was ihm nur schwer gelang. Alle seine Sinne sagten ihm, dass Gefahr von diesem Mann ausging und ohne weiter zu überlegen stellte er sich vor seinem kleinen Bruder, was dem Dämon zu einem schelmischen Lächeln brachte.
„Du bist ein guter großer Bruder, was?“ Er schloss seine Augen wieder und ehe Blue sah, dass seine Augenlieder seine Wimpern berührt hatten, verschwand er plötzlich aus seinem Sichtfeld. Blue hörte Silvers Schrei, doch wirbelte zu spät herum um zu verhindern, dass der Fremde Silver am Nacken packte um ihn hochzuheben. Silver versucht nach Leibeskräften sich zu befreien, doch lange hing er nicht in der Luft, ehe ihn der Dämon wieder fallen ließ; allerdings in der Küche. Während er langsam in die Küche gegangen war, sagte er:
„Ihr solltet euch daran gewöhnen Blut zu riechen - Leichen zu sehen. Umso schneller desto besser! Es wird bald euer Lebensinhalt sein und glaubt mir, ihr gewöhnt euch schnell daran. Schnell werdet ihr herausfinden welch Schönheit ein toter Körper darbietet, wie befriedigend das Blut zwischen den Fingern ist…“
Doch keiner der beiden hörte ihm zu. Keiner der beiden war auf etwas anderes konzentriert als den Ursprung des Blutes. Blue, der den beiden natürlich in die Küche gefolgt war, blieb erstarrt in der Tür stehen, einige Meter von Silver entfernt, den der Dämon mitten in der Küche losgelassen hatte. Sein kleiner Bruder hockte so mitten im Blut, nur wenige Zentimeter von der leblosen Hand entfernt… die leblose Hand die deren Mutter gehörte.
Miyakos Gesicht lag im Schatten des Küchentisches und ihre roten Haare waren kaum zu erkennen, da sie sich mit dem Blut vereinten. Blue konnte nicht sehen, aus welcher Wunde das Blut strömte, es war zu viel Blut da, um es auszumachen….
Blue wollte schreien, doch konnte es nicht, er wollte ihren toten Körper nicht ansehen, doch konnte sich nicht davon abwenden. Das einzige was er konnte, war sich zu bewegen und langsam, doch dann plötzlich hektisch, rannte er zu Silver, der gerade seine Hand nach der seiner Mutter ausgestreckt hatte. Kurz bevor er diese berührt hatte, schlang Blue von hinten seine Arme um seinen Bruder und hielt dessen Hand fest. Langsam wandte Silver sein Gesicht zu Blue und mit zittriger Stimme sagte er:
„Blue…Blue… Mama… Mama…bewegt sich nicht mehr… sie ist…tot… Blue, all das Blut… all das Blut!“ Während Silver dies sagte, liefen die Tränen an seinen Wangen herunter und benetzten diese. Er sah wieder zu seiner Mutter, starrte die weiße Hand an, das Einzige, was nicht blutbesudelt war.
Blue antwortete nicht. Er wusste nicht, ob er in diesem Moment auch weinte, oder ob er zu geschockt für solch einen Akt der Verzweiflung war.
Den Brüdern fiel es nicht auf, nur dem Fremden; nur er sah die kleinen, weiß leuchtenden Pünktchen die im Raum herum flogen und sich eins nach dem anderen auflösten. Er lachte unhörbar in sich hinein – was für ein einfältiger Idiot Black doch war!
„So, ich finde, es wird Zeit zu gehen. Wenn ihr noch irgendetwas packen wollt, dann beeilt euch“, sagte der Dämon ohne das geringste Feingefühl, als wären sie auf eine Klassenreiße. Blue schaute über seine Schulter hin zurück zu ihm, während er bemerkte, dass Silvers Schultern zu zucken begannen.
„….Sie haben Mutter umgebracht!“
Der Angesprochene öffnete seine Augen wieder und sah Blue zuerst schweigend an, ehe er kurz lachte.
„Ja, das würde ich wahrscheinlich auch denken, wenn ich du wäre! Aber, sieh mich an, ich habe keinen einzigen Blutfleck an mir und glaube mir, wenn ich jemanden umgebracht hätte, dann hättest du es an mir gesehen.“
„…Wer… wer soll es sonst gewesen sein? Und… wo ist Vater?“ Der Dämon zuckte mit den Schultern.
„Das ist jetzt absolut unwichtig, denn wir haben keine Zeit solche Fragen zu klären. Wir haben Termine! Also wenn ihr euch jetzt bitte beeilen wollt…“ Doch Blue schüttelte nur ohne jegliches Verständnis den Kopf, Silver reagierte weiterhin nicht auf das Gespräch hinter ihn. Teilnahmslos starrte er weiterhin die weiße Hand an und atmete tief ein und aus, als wolle er, dass sich der Geruch des Blutes in ihm ausbreitete.
„Was… wollen Sie mit uns? Wo sollen wir hin?“, fragte Blue mit zitternder Stimme und bemerkte nervös, dass er auf sie zu ging. Blue hatte das Verlangen zurückzuweichen, doch Silver bewegte sich nicht; er war wie versteinert. Erst als der Dämon so nah bei ihnen war, dass Blue hoch sehen musste, um sein Gesicht sehen zu können, antwortete dieser:
„Ich bringe euch zwei Nachhause.“
Silver begann wieder zu schreien, als der Dämon seine Hand auf seinen Kopf legte, genau wie er es bei Blue tat. Doch alles Schreien brachte nichts, auch wenn Blue ebenfalls das Verlangen danach hatte sich der Verzweiflung hinzugeben.
Die Welt um sie herum wurde schwarz; das Blut wurde Schwarz und auch die Leiche ihrer Mutter löste sich in Schwärze auf. Sie verloren den Boden unter ihren Füßen, nur um ihn kurz danach wieder zu erlangen. Dieser Boden war jedoch kein gutgepflegter Küchenboden, sondern schien ein Sandboden zu sein. Blue fiel sofort die veränderten Atembedingungen auf, der Geruch, der sich verändert hatte, die enorme Hitze die ihn umschloss und ihm dass Atem erschwerte.
„Willkommen in der Hölle.“
Die beiden Halbdämonen hoben auf diese höhnische Stimme hin langsam den Kopf und sahen zum ersten Mal den blutroten Himmel, der kein einziges Lichtfleckchen bot; so undurchdringbar wie dieser Alptraum selbst.
„Aniki…wo sind wir?“, hörte Blue Silver neben sich sagen und als er sich zu ihm umdrehte, sah er, dass sein Bruder immer noch weinte. Er wusste nicht was er antworten sollte, denn er kannte die Antwort selbst nicht; wollte sie nicht wissen. Das alles musste sich einfach um einen Alptraum handeln… es musste einfach…
„In der Welt der Dämonen. Unser kleiner goldener Käfig!“, antwortete der Dämon höhnisch und erschien vor den beiden Halbdämonen, die ihn nur von unten herauf anstarren konnten, da sie nach wie vor auf dem Boden hockten. Keiner von ihnen hatte weder die Kraft noch den Willen dazu aufzustehen.
„Und ich bin ab heute euer Lehrmeister, Ri-Il“, fügte Ri-Il noch mit einem erfreuten Grinsen hinzu und unterstrich dies mit einer munteren Geste, die beinahe eine Verbeugung andeutete. Doch Silver schien dies nicht zu interessieren, denn er sagte:
„Ich will Nachhause… ich will nachhause, jetzt!“ Der Angesprochene hob die Augenbraue und sagte:
„Erst einmal, Kleiner, du bist Zuhause und zum zweiten, solltest du aufhören zu flennen, ansonsten hast du bald nichts mehr mit dem du Tränen vergießen kannst.“ Doch irgendetwas schien den Trotz in Silver geweckt zu haben - irgendetwas hatte sich in ihm geregt. Die Verzweiflung war aus seinen Augen gewichen, stattdessen zeigte sich Wut in ihnen und erstaunt sah Blue, wie sein Bruder sich aufrichtete. Er stand wacklig auf seinen Beinen, doch erstaunlich entschlossen; etwas was Blue in diesem Moment nicht nachvollziehen konnte.
„Ich habe gesagt ich will nachhause! Jetzt!“
Auch Ri-Il schien darüber überrascht zu sein, denn er sah den kleinen rothaarigen Jungen fragend an, sagte allerdings nichts, als würde er auf etwas warten. Blue war ebenso sprachlos, doch fand seine Stimme schnell wieder:
„Silver, hör auf, das bringt doch nichts!“
„Ich will zurück! Ich will nicht hier nicht sein, ich mag es hier nicht! Ich will zurück wo die Kirschblüten sind, ich will zu Mama und Papa!“ Blue sah es nur einen kurzen Moment, einen kurzen Moment lang, wo er die Augen seines Bruders ansah: hatten sich seine Pupillen verändert?!
Doch er sah es nur einen kurzen Moment lang, denn schon bewegte Silver sich aus seinem Sichtfeld: er schien Ri-Il doch tatsächlich angreifen zu wollen!
„Du bist ganz schön frühreif.“
„SILVER!“
Blue konnte nichts anderes tun, als zuzusehen, wie Silver im hohen Bogen davon geworfen wurde und mehrere Meter von ihm entfernt im Sand aufschlug. Blue kümmerte sich nicht darum, dass Ri-Il sich scheinbar überhaupt nicht bewegt hatte und dass er auch nicht gesehen hatte, wie dieser seinen kleinen Bruder angegriffen hatte. Blue war zu sehr damit beschäftigt zu Silver zu gelangen.
„Silver, Silver! Geht es dir gut!?“ Zuerst kam keine Reaktion von seinem Bruder und Blue dachte schon ihm selbst bliebe das Herz stehen, als Silver anfing zu husten. Seinem Bruder fiel ein Stein vom Herzen, besonders als er ein klägliches Fluchen aus seinem Munde hörte. Als der Schatten Ri-Ils sich hinter ihnen auftat, verschwand diese Erleichterung allerdings sofort wieder.
„Das war doch gar nicht mal so schlecht für den Anfang… ich glaube ihr könntet meine Erwartungen erfüllen. Mal sehen wo uns unserer gemeinsamer Weg hinführen wird!“
Und so begann der Alptraum Wirklichkeit zu werden.