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Episode 17
  Episode 17: Töten oder getötet werden
Deren neuen Zuhause, das Anwesens Ri-Ils, war ein Gebäude wie aus dem japanischen Geschichtsbuch gerissen und hätte genauso gut in den alten Städten Japans stehen können, sowohl was das Äußere anging, als auch das Innere, obwohl die vielen Korridore und Räume höher gebaut waren – immerhin hatten Dämonen eine Durchschnittshöhe von 240 Zentimeter, wie Ri-Il mit einem Grinsen bemerkte, während er Silver und Blue durch das Anwesen führte, unablässig von seinem Hang zum japanischen Baustil redend, den er ganz offensichtlich sehr inspirierend fand. Wären die beiden Brüder älter, so würde ihnen wahrscheinlich auffallen, dass sie sich in etwas ähnlichen befanden, obwohl die Frauen, die ihren Weg kreuzten, nicht viel japanisches an sich hatten, denn es gab nicht viele Kunden, die bereit dafür waren, Lagen von Kimonos auszuziehen ehe sie das bekamen was sie wollten – Dämonen waren im Allgemeinen nicht für ihre Geduld bekannt. Vielleicht wäre ihnen auch noch aufgefallen, dass sich in diesem Bereich kein einziges männliches Individuum aufhielt und dass sie sich fast schon glücklich schätzen konnten durch diese Korridore gehen zu dürfen, denn keiner der Dämonen, die zu Ri-Ils Horde gehörten, durfte diesen Teil des Anwesens betreten – seine Schätze waren von jeglichen Blicken abgeschirmt.
Doch Silver und Blue starrten eher auf ihre eigenen Füße, als sich umzusehen. Sie warfen sich nur ab und zu einen Blick zu, der von Ungewissheit zeugte und von Furcht.
Ri-Il verließ den Hauptkorridor und nachdem sie ein paar Stufen hinter sich gelassen hatten, kamen sie bei einer Wendeltreppe an, wo Ri-Il sie vorgehen ließ. Umso länger sie nach unten kamen, umso dunkler wurde es; dunkler als es ohnehin war. Doch in den ersten Korridoren hatte es wenigstens rote Papierlampen gegeben, die zwar nicht gegen die Dunkelheit dieser Welt ankommen konnten, aber doch wenigstens sowas wie Schatten verursachten.
Am Ende der Treppe wartete ein kleiner viereckiger Raum auf sie, wo nur eine einzige kleine Kerze in einer Nische in der Wand brannte und zwei Türen erleuchtete. Ri-Il zeigte auf die eine Tür und sagte:
„Diese hier führt in den Innenhof, benutzt diese um rauszukommen, denn ich will euch weder im Hauptkorridor sehen, noch irgendwo bei meinen Mädchen.“ Blue nickte zögernd, doch Silver sah die Tür an und sagte:
„Aber, da ist doch ein Schloss dran.“ Blue gefiel es gar nicht, dass Silver dies sagte; hatte er nicht schon genug zu spüren bekommen? Zu seiner Überraschung jedoch schien dies Ri-Il nicht zu stören, denn er antwortete entspannt:
„Wenn ihr brave und fleißige Schüler seid, bekommt ihr den Schlüssel. Aber jetzt zeig ich euch erst einmal euer Zimmer.“ Mit diesen Worten öffnete er die andere Tür und schob die zwei in das kleine, dunkle Zimmer. Das Erste was Blue ins Auge sprang, war nicht, dass es ein Hochbett gab, was absolut nicht in die japanische Einrichtung passen wollte, sondern, dass es keine Fenster gab und auch keine andere Tür, die zu einem Badezimmer führen könnte. Das Zweite, was er bemerkte, war, dass Ri-Il sich eindeutig über sie informiert haben musste, denn neben dem niedrigen Schreibtisch, stapelten sich Bücher zu einem hohen Haufen; ganz oben Blues momentanes Lieblingsbuch. Es gab keinen Kleiderschrank, doch auf deren Betten lagen zwei schwarze Kleidungsstücke. Gleich links, neben dem Bett, befand sich ein niedriger runder Tisch, mit zwei Sitzkissen drum herum und eine einzelne rote Laterne warf ein schummriges Licht, in das eher beklemmend wirkende, dunkle Zimmer.
„Das Zimmer gehörte früher einem der Dienstmädchen, ich habe es für euch umstellen lassen. Ich hoffe, ihr fühlt euch ganz wie Zuhause!“ Einen Augenblick lang überlegte Blue was wohl mit dem Dienstmädchen geschehen war, doch entschloss sich, dass das nicht der Beste Gedanke war, um seine Nervosität zu beruhigen. Stattdessen wanden sich die beiden nun vom Zimmer ab und sahen zu Ri-Il, als er sagte:
„Ich werde euch jetzt verlassen. Während ich weg bin, zieht euch um, denn wir haben noch einiges vor in den nächsten Stunden.“ Ihr zukünftiger Lehrmeister öffnete die Tür und wollte die beiden Kinder gerade alleine lassen, entschied sich es denn doch noch einmal anders:
„Ich betone es noch einmal: ich werde wütend, wenn ich euch oben sehe und glaubt mir, ihr wollt nicht, dass ich wütend werde.“


Der Himmel der Menschenwelt wurde bald zu einem Trugbild der Vergangenheit, die Existenz der pinkfarbenen Kirschblüten glich einem Traum; wie alles andere auch, was nicht zu dem harten und unbarmherzigen Training Ri-Ils gehörte. Sie hatten ihre Eltern verloren, ihr Zuhause, ihre menschliche Existenz und noch weit aus Schlimmeres sollte passieren: sie sollten ihr menschliches Herz verlieren.
Zu Beginn dachten Silver und Blue noch, dass sie sich nie an den roten Himmel gewöhnen würden, dass sie sich nie daran gewöhnen würden, dass jemand neben ihnen umgebracht wurde; das Flehen der Straßenkinder, das Jammern der vergewaltigten Mädchen, die Boshaftigkeit der Machthaber.
Doch es war so unheimlich leicht weg zu sehen.
Besonders wenn man wusste, dass sobald man den Mund aufmachte, dass man dann selbst zu diesen armen Kreaturen gehörte, ganz darauf ankommend, ob man Glück hatte oder nicht. In der Welt der Dämonen gab es keine Regeln, keine Gesetze, keine Richtlinien. Nur eins gab es: Das Gesetz des Stärkeren. So lernten sie schnell, dass es eine Sache gab, die sie sich absolut nicht erlauben konnten und das war: Schwäche zeigen.
Schwäche zu zeigen bedeutete, weniger Essen zu bekommen und noch viel schlimmer: weniger Wasser.
Wasser glich Gold in dieser dunklen Welt; etwas zu Essen konnte man überall auftreiben, aber reines, klares Wasser, was man auch trinken konnte, das war eine Seltenheit. Denn seit Jahrhunderten war das Wasser, welches es in der Welt der Dämonen gab, so enorm verunreinigt, dass es für den Großteil der dämonischen Rassen nicht trinkbar war und so war Wasser das Importmittel Nummer Eins aus der Welt der Menschen. In einer Zeit, in der nur eine begrenzte Anzahl an Dämonen, deren Welt verlassen konnten, war der Import an Wasser bedeutend zurück gegangen, was bereits für einige Unruhen innerhalb des Herrschaftsgebietes der Dämonen gesorgt hatte, denn Dämonen konnten zwar ohne Essen überleben, aber nicht ohne Wasser (zwar länger als Menschen, aber auch nicht gänzlich ohne). Ein weiteres Druckmittel welches in der Hand der Hohen war, denn es waren sie, die für den Import zuständig waren und die auch dafür Sorge trugen, dass das Wasser auch an ihre Untertanen gelang: was sehr in der Interesse des Fürsten lag, denn in der Geschichte der Dämonen hatte es bereits etliche Kriege gegeben, wenn der Fürst zu geizig mit seinen Vorräten umging und genau aus diesem Grund waren Wasserwächter sehr beliebte Geisel, immerhin konnten sie Wasser aus dem Nichts entstehen lassen. Unter diesen Umständen, war es wohl verständlich, wenn nicht viele Dämonen das kostbare Wasser für Hygiene gebrauchten.
Was das Wasser anging, so hatten Silver und Blue allerdings noch großes Glück, denn Ri-Il besaß eines der wenigen funktionierenden Wassersysteme der Dämonenwelt, immerhin musste er darauf achten, dass seine Mädchen mit Wasser versorgt waren; sowohl was Hygiene, als auch Bedarf anging. Doch es gab strenge Regeln und Silver bekam so manches Mal Ärger, wenn er über diese hinweg sah.
Im Allgemeinen konnte man allerdings behaupten, dass sie Ri-Il nicht von einer wütenden Seite aus kennen lernten, besonders wenn man ihn mit den anderen Fürsten verglich, die Silver und Blue doch öfter mal sahen, denn zum einen waren sie fast alle treue Kunden Ri-Ils und zum anderen machte Ri-Il auch kein Geheimnis daraus, dass die beiden Halbdämonen seine Lieblingsschüler waren – eine Aussage wo Blue nicht wusste, wie ernst er sie nehmen sollte, denn man konnte bei Ri-Il nie wissen, wie ernst er seine eigenen Aussagen nahm. Es konnte genauso gut sein, dass er etwas nur sagte um jemanden Angst einzujagen oder jemanden zu nerven; ganz besonders seinen Lieblingsnachbarn und Mitfürsten Lycram, den Silver und Blue wahrlich nur von dessen allerschlechtesten Seite aus kennenlernten – wenn er denn „gute“ Seiten besaß, was sie sehr anzweifelten. Von ihm bekamen die beiden auch schnell zu spüren, dass Halbdämonen, Mischlinge, Halblinge, undämonische Brut, oder wie auch immer man sie nennen wollte, nicht mit den reinblütigen Dämonen gleich gesetzt werden konnten, dass Silver und Blue, obwohl sie sich in ihrer Heimat befanden, immer nur das Fußvolk bleiben würden und dass es keinen Grund gäbe auf sein menschliches Blut stolz zu sein. Lycram konnte absolut nicht verstehen, warum Ri-Il gerade die beiden als seine Lieblingsschüler ausgesucht hatte und dessen Trainingsmetoden waren ihm ebenfalls schleierhaft.
Ri-Il trainierte die beiden, anders als normal, nicht zu Einzelgängern; ihm war wahrscheinlich sofort ins Auge gesprungen wie gut sie sich ergänzten und dass es so zu einem größeren Vorteil war, sie gemeinsam zu trainieren. Auch war ihm sehr wichtig, dass deren Fähigkeiten sich ergänzten: Silver lehrte er Schnelligkeit und Kampfstärke, Blue Verteidigung und Wissen, sowie immer einen kühlen Kopf zu bewahren, was sich bei Silver schnell als unnützes Unterfangen herauskristallisierte.
Silver interessierte sich nicht für seine Umgebung; sie war ihm nicht wichtig und es kam Blue so vor, als wolle er sich von allem abschotten, denn er konzentrierte sich wie ein Berserker auf das Training. Das Training gab ihm nicht nur die Möglichkeit alles zu verdrängen, sondern auch die Bestätigung zu erhalten, die er von seiner Mutter nie erhalten hatte. Ri-Il war kein Lehrmeister der Können und Fähigkeiten einfach übersah, sondern dies lobte. Silver tat seine Arbeit gut. Ganz im Gegensatz zu Blue, dessen Intelligenz zwar bestens dazu geeignet war ein herausragender Stratege zu werden, da er in nur kürzester Zeit all das Wissen über die Dämonenwelt, die Welt der Wächter und alle anderen Informationen, Rassen, Techniken, Namen, Gebiete, Stammbäume, Elementarkriege, die Regeln der Wächter, die Elemente, Kriegsstrategien, beherrschte und in kürzester Zeit auswendig wusste, doch sein Kämpfen war dagegen eher mittelmäßig.
Blue hatte sich nie geweigert zu kämpfen, da er genau wusste was ihm blühte, würde er es tun. Ri-Il hatte seinen mangelnden Fortschritt nicht kommentiert, doch die Blicke die er ihm öfters mal zu warf, gaben Blue allen Grund dazu Angst zu verspüren und dies hatte gewiss nichts mit den furchteinflößenden Augen seines Lehrmeisters zu tun, sobald dieser sie öffnete. Bis jetzt hatte er Blues Fehlverhalten toleriert, da Blue immerhin auf anderen Gebieten gute Resultate vorzuzeigen hatte, doch nach fast einem Jahr in denen Blue kämpferisch kaum Fortschritte gemacht hatte, riss sogar Ri-Il der Geduldsfaden, obwohl dieser ziemlich elastisch war.
„…Aber, Sensei, anders als Silver habe ich nie mit unseren Vater trainiert. Es ist daher nur natürlich, dass ich nicht so gut bin wie er.“ Blue spürte genau, dass Gefahr in der Luft hang, als er und Ri-Il alleine an deren Trainingsort waren. Er hatte die Gefahr bereits gespürt, als Ri-Il ihn alleine mitgenommen hatte, ohne ihm zu sagen, wo sie hin sollten oder was sie vor hatten. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er sie noch nie voneinander getrennt und Blue war nicht nur wegen sich selbst nervös, sondern auch wegen Silver, der nun alleine in Ri-Ils Anwesen war. Da Blue die Situation als gefährlich einschätzte, versuchte er die Lage mit logischen Argumenten zu kippen.
Ri-Il hatte ihm den Rücken zugekehrt, während er antwortete:
„Ich glaube nicht, dass das der Grund für dein Versagen ist. Du willst nicht kämpfen, habe ich nicht Recht?“ Blue antwortete darauf nicht – was sollte er auch antworten? Eine Lüge würde Ri-Il durchschauen und die Wahrheit war auch nicht besser. Doch was war die Wahrheit? Blue wusste es nicht. Er hatte nicht bewusst darüber nachgedacht, ob er kämpfen wollte oder nicht. Er wusste nur, dass er es nicht mit der gleichen Leidenschaft nach ging wie sein Bruder; er tat es, weil Ri-Il es ihm befahl und er nicht wissen wollte, was sein Lehrmeister tun würde, wenn man seinem Befehl nicht sofort folgte. Oft genug hatte er mit angesehen, dass die Todesstrafe nicht erst die letzte Konsequenz war.
„Deine Intelligenz ist in der Dämonenwelt zu nichts Nütze, wenn du nicht stark genug bist, um dich behaupten zu können. Und gerade weil du so ein kluges Köpfchen bist, wirst du verstehen, dass ich es mir nicht erlauben kann, meine Zeit mit einem Schüler zu verschwenden, der sich weigert zu kämpfen.“ Weiterhin schwieg Blue mit zitternden Beinen und versuchte Ri-Ils Satz nicht weiter zu überdenken, doch froh darüber, dass Ri-Il ihn weiterhin den Rücken zugekehrt hatte, denn er war bereits nervös genug. So sehr, dass er es nicht einmal spürte, wie seine Hände sich an dem Stein festhielten, auf dem Ri-Il gesagt hatte, dass er Platz nehmen sollte. Blue überließ Ri-Il die gesamte Wortführung, aus Angst, dass er mit einem falschen Wort oder Satz etwas Unheilbares heraufbeschwören könnte. Doch Ri-Il hielt das Schweigen eine ganze Weile aufrecht, ehe er die linke Hand in seine Hüfte stemmte und Blue eine Frage stellte, die er nicht hatte kommen sehen:
„Warum habe ich dich noch nie mit roten Augen gesehen, Blue?“ Blue überraschte die Frage, obwohl er selbst öfters darüber nachgedacht hatte, denn es war richtig: er war noch nie im Dämonenmodus gewesen, hatte sich selbst noch nie mit roten Augen gesehen und… wollte es eigentlich auch nicht. Natürlich war ihm bewusst, dass es ihm nur Vorteile bringen würde, denn laut seinem Bruder konnte er viel besser sehen und vor allen Dingen würde man Blue dann nicht mehr ansehen, dass menschliches Blut durch seine Adern lief, denn es waren seine Augen die diese Tatsache verrieten. Dennoch wollte er es nicht; er mochte seine grüne Augenfarbe… vielleicht, weil sie ihn an seine Mutter erinnerten, vielleicht, weil sogar sie es deutlich gemacht hatte, dass seine Augenfarbe ein Zeichen seiner Menschlichkeit war.
Er mochte es auch nicht, wenn er Silver mit den roten, kalten Dämonenaugen sah, welche er annahm, sobald er deren gemeinsames Zimmer verließ, als wäre es nur eine Sache von Knopfdruck. Doch Silver machte sich darüber keine Gedanken. Die Frage ob menschlich oder dämonisch spielte für ihn keine Rolle, vielleicht weil er schon in der Menschenwelt, anders als Blue, zu spüren bekommen hatte, dass er anders war. Wenn er seine roten Augen hatte, war er unter Dämonen nicht anders. Jetzt war es Blue, der anders war.
„Ich weiß es nicht, Sensei“, antwortete Blue nach einer Weile und starrte auf den sandigen Boden unter seinen baumelnden Füßen, während er mit einem flauen Gefühl bemerkte, dass Ri-Il sich umgedreht hatte.
„Eine Theorie besagt, dass Halbdämonen zum ersten Mal in den Dämonenmodus wechseln, wenn sie zum ersten Mal das Verlangen verspüren jemanden zu töten.“ Nachdem Blue einen kurzen Moment lang darüber gestutzt hatte, bemerkte er, dass diese Theorie Sinn ergab, wenn er daran zurück dachte, wann er seinen Bruder zum ersten Mal in diesem Modus gesehen hatte; sicherlich hatte Silver vorgehabt, Ri-Il zu töten, wäre er in der Lage dazu gewesen. Blue dagegen… er hatte noch nie das Verlangen gehabt jemanden umzubringen und er war froh darüber, dass Ri-Il sie bis jetzt nur trainiert hatte und sie noch nie jemanden hatte töten lassen. Blue wusste nicht, ob er dazu in der Lage war und er wollte auch gar nicht erst die Gelegenheit erhalten dies herauszufinden. Könnte er jemand Unschuldiges umbringen? Er hörte noch die Worte seiner Mutter im Ohr, als er sie mal gefragt hatte, was nach dem Tod kam:
„Du bist noch ein Kind. Darüber musst du dir keine Gedanken machen.“
Es war nur ein Jahr her und nun musste er sich der Frage stellen, ob er jemand anderes umbringen konnte und ob er das Verlangen danach spürte?
Das Schweigen Blues war wohl Antwort genug, denn er hörte wie Ri-Il seufzte, ein tiefes, erschöpftes Seufzten, welches das Zittern in Blues Beinen nicht gerade beruhigte. Nach wie vor traute Blue sich nicht hoch zu sehen, doch dazu wurde er unsanft gezwungen, als Ri-Il ihn plötzlich an den Haaren packte und seinen Kopf nach oben zerrte, wodurch Blue nun doch die Augen Ri-Ils sehen musste. Geschockt stellte er fest, dass er nun allen Grund dazu hatte Angst zu haben, denn so wütend, hatte er Ri-Il noch nie gesehen und vor lauter Angst, war er weder in der Lage etwas zu sagen, noch zu versuchen, sich aus seinem Griff zu befreien; er konnte sich nicht einmal bewegen. Die Stimme Ri-Ils war allerdings noch recht ruhig und wollte so gar nicht zu der Wut passen, die sich in seinem Gesicht wiederspiegelte:
„Du hast deine Mutter doch sehr gern gehabt, nicht wahr, Blue?“
Und dann wurde die Welt schwarz.


„….ue….niki… Aniki! Wach auf! Bitte, wach auf!“ Blue war es unverständlich warum er die Welt plötzlich aus einer Froschperspektive sah, genau wie er sich darüber wunderte, dass die Stimme seines Bruders so besorgt klang. Was war passiert? Der Weichheit nach zu urteilen lag er in seinem Bett – wie war er hierhin gekommen? Und warum war Silver besorgt, wo es Blue doch gut ging? Erstaunlich gut sogar: als er seine Augen öffnete war sein Blickfeld außergewöhnlich scharf; wirkte weder verschwommen noch dunkel. Plötzlich konnte er das Muster des Teppichs deutlich erkennen, als er sich aufrichtete, und seine Füße auf eben diesen abstellte, obwohl der Teppich für ihn doch eigentlich immer nur ein unzusammenhängendes Wirrwarr dargestellt hatte. Es war, als gäbe es plötzlich irgendwo eine Lichtquelle, die alles in ein klares Licht warf – doch woher kam sie?
„Blue… was ist passiert?“ Der Angesprochene wandte seinen Kopf zu seinem Bruder, der ihn geschockt ansah, etwas was Blue nicht nachvollziehen konnte.
„Was meinst du?“ Kaum, dass Blue diese Frage gestellt hatte, öffnete sich die Tür des Zimmers und eine rothaarige Frau, kam herein geschneit. Sie sagte nichts, ehe sie die Tür nicht hinter sich geschlossen hatte. Erst dann wandte sie sich an die beiden Brüder, wobei ihr Blick an Blue haften blieb.
„Es ist also endlich passiert. Glaub mir, Blue-kun, es ist besser für dich.“
„Was meinen Sie, Mekare-san?“
Blue und Silver kannten diese Frau sehr gut; sie war diejenige mit der sie innerhalb von Ri-Ils Mauern den größten Kontakt hatten: Mekare, die Dämonin, mit der Ri-Il mit Abstand am meisten verdiente, in seinem, wie er es selbst zu nennen pflegte, „Unternehmen“. Einen Posten den sie ihren wohlgeformten Körper zu verdanken hatte, doch die Sympathie, die Silver für sie hegte, hatte damit wenig zu tun, sondern eher mit ihren langen roten Haaren, die ihrer Mutter nicht unähnlich waren und vor allen Dingen die Tatsache, dass sie kein Geheimnis daraus machte, dass sie die beiden ebenfalls mochte. Bereits einen Tag nachdem Blue und Silver in die Dämonenwelt gekommen waren, hatte Mekare sich über das Verbot hinweg gesetzt, dass die beiden Brüder keinen Kontakt zu Ri-Ils Mädchen haben durften: sie war in deren Zimmer gestürmt und hatte sie freudestrahlend an ihre Brust gedrückt, als hätte sie seid langer Zeit endlich ihre Kinder wieder gefunden – ihr war es zu verdanken, dass die beiden öfter als andere, die Gelegenheit bekamen sich zu waschen, denn sie kümmerte sich nicht darum was Ri-Il verbat oder nicht: sie kannte ihren Preis sehr gut.
Der Grund für ihr, für eine Dämonin, fast schon unnormal herzliches Benehmen, verstand Blue erst später, als ihm klar wurde, dass Mekare und 90% der hier lebenden Frauen nicht länger zeugungsfähig waren; mit anderen Worten war ihnen allen die Möglichkeit geraubt worden Mütter zu werden und es war nur allzu deutlich, dass Mekare dies gerne gewesen wäre – obwohl sie ihren Posten liebte und im Allgemeinen eher als eingebildete Zicke bekannt war, die nur bei ihren Kunden beliebt war. Jedenfalls so beliebt, dass die Herrschaften enorm hohe Summen an Ri-Il bezahlten, nur um eine Stunde mit ihr zu verbringen. Eine Tatsache, die ihr bewusst war, eine Tatsache, die sie liebte auszunutzen und im gesamten Anwesen, war sie wohl die einzige, die sich überhaupt nicht vor Ri-Il fürchtete. Obwohl ihre Fähigkeiten sich auf ihre Bettkünste beschränkten und sie so Ri-Il keineswegs gewachsen war, tat sie so, als wären er und sie ebenbürtig. Da sie sein kleiner Diamant war, konnte sie sich diese Einstellung erlauben und war daher auch recht verwöhnt.
Auch jetzt wirkte Mekare besorgt, als sie Blue ansah und einen Moment wirkte es so, als ob sie ihn am liebsten umarmen würde, etwas was Blue genau so wenig verstand wie Silvers merkwürdiges Verhalten. Die Frage was los war, spiegelte sich wohl in seinem Gesicht wieder, denn Mekare holte einen kleinen Handspiegel unter dem Seidenstoff ihres Kleides hervor und mit den Worten, dass er sich nicht erschrecken sollte, hielt sie ihm den Spiegel vor das Gesicht.
Doch Blue erschreckte sich; erschreckte sich vor seinem eigenen Spiegelbild. Von einem Moment auf den anderen wurde ihm klar, warum seine Sicht so ausgeprägt war und warum Silver ihn so geschockt angesehen hatte: Das Dunkelgrün seiner Augen war weg - es war rot!
„Wie… wie ist das möglich, warum auf einmal?!“ Blue spürte wie sein Herz sich beschleunigte und er beinahe in Panik geriet. Er schlug den Spiegel beiseite, wollte sich selbst nicht sehen, nicht mit diesen Augen. Das war er nicht, das konnte er nicht sein!
Er hatte das Gefühl, als würde er zur gleichen Zeit weinen, wie sich übergeben wollen, doch beide Triebe konnte er zurück halten. Viel schlimmer war das Verlangen sich die Augen ausstechen zu wollen.
„Blue-kun, beruhige dich!“ Mekare packte seine Schultern und rüttelte ihn einmal hin und zurück, wobei sie versuchte ihre Stimme beruhigend und sanft klingen zu lassen, doch wirklich funktionieren tat es nicht, denn nach wie vor war sie eine Dämonin und so klangen ihre Worte mehr nach einem Befehl, als beruhigend. Doch sie zeigten Wirkung; obwohl Blue sich aus ihren Griff befreite, wirkte er ruhiger. Er sah Mekare nicht an, sondern sah zu Silver, welcher ihn ebenfalls besorgt ansah. Eigentlich hätte er ihn fragen wollen, wie man wieder aus den Dämonenmodus wechselte, doch er entschied sich dagegen und setzte sich wieder auf das Bett. Diese Chance ergriff Silver, setzte sich neben ihn und fragte noch einmal was passiert war, doch Blue schüttelte nur den Kopf.
Das gleiche was Mekare tat, als sie ihre Hände in ihre wohlgeformte Hüfte stemmte und seufzend sagte:
„Ri-Il und seine fragwürdigen Vorgehensweißen.“ Daraufhin sah Blue auf und wollte sie gerade fragen ob sie nicht etwas wüsste, doch als stünde ihm diese Frage ins Gesicht geschrieben, schüttelte sie den Kopf und sagte:
„Du brauchst mich nicht zu fragen. Ich habe keinen blassen Schimmer. Es war sicherlich einer der Verbotenen Techniken, von denen er ziemlich viele drauf hat.“
„Verbotene Techniken?“, fragte Silver, der nun ebenfalls aufsah. Doch es war nicht Mekare die ihm das erklärte, es war sein Bruder, dem nun einiges klar wurde:
„Verbotene Techniken, oder eher die Verbotenen Künste, basieren auf neutrale Magie, die jeder beherrschen kann, der genug Können aufweist. Es sind 24 Techniken, die zur Folter, für Illusionen und der Manipulation von Erinnerungen gebraucht werden. Umso höher die Bezeichnung der jeweiligen Kunst ist, umso verheerender ist sie.“ Blue hatte diese Erklärung herunter gerappelt, wie ein Roboter, denn in Gedanken war er völlig woanders, bereits dabei sich Theorien zusammen zu dichten, die vielleicht erklären konnte was ihm widerfahren war. Doch leider wurden es nie mehr als Hypothesen, denn egal wie intensiv Blue sich mit dem Thema beschäftigte, er kam nicht zu einer Antwort. Damals nicht und bis heute war es ihm ein Rätsel geblieben. Egal ob es eine Verbotene Technik gewesen war, oder einfach nur Ri-Ils Talent für Illusionen und Manipulationen, so hatte er Blue irgendwie dazu gebracht den Drang zum Töten zu verspüren. Die Tatsache, dass er Blue die Erinnerungen daran genommen hatte, was geschehen war, nachdem er ihn voller Wut angesehen hatte, wie auch die Tatsache, dass er es nie wieder ansprach, bewies, dass es etwas war, wovon er nicht wollte, dass Blue es wusste. Das Einzige was für Blue klar war, war, dass es etwas sein musste, was mit seiner Mutter zu tun hatte… etwas, dass ihn dazu gebracht hatte, Ri-Il umbringen zu wollen.
Von diesem Tag an war Blue versucht die gleiche Energie an den Tag zu legen, was das Training betraf, wie Silver. Nicht freiwillig, sondern eher aus Zwang, denn Blue wollte nicht wissen, was Ri-Il sonst noch im Stande war zu tun, sollte Blue weiterhin seinen eigenen Fortschritt behindern.
Silver sah seinen Bruder schnell als seinen persönlichen Rivalen an, sobald Blue ebenfalls Können auf dem Gebiet des Kämpfens bewies, denn, obwohl Blue eine Abneigung dagegen hatte, so hatte er offensichtlich genauso viel Talent von deren Vater geerbt wie sein Bruder. Anders als Silver freute Blue sich jedoch nicht darüber wenn Ri-Il ihn lobte. Für ihn wurde es schnell zur Routine, etwas was getan werden musste, nicht etwas was er wollte.
Die ersten zwei Jahre die sie in der Dämonenwelt verbrachten, bestanden nur aus Training, Training und Einleben. Neben dem harten Training, nahm Ri-Il sie überall mit hin, zeigte ihnen ihre neue Heimat, die sich selbst erklärte. Dies war seine Art die beiden Kinder an die Normen und Prinzipien der Dämonenwelt zu gewöhnen. Anfangs empfanden Blue und Silver dies als schlimmer als das Training: sie wollten diese Welt, die eigentlich ihre Heimat war, nicht kennen, sie wollten nicht nach diesen Normen leben, sie wollten sich nicht daran gewöhnen. Doch sie schätzten sich glücklich, dass sie bis jetzt noch niemanden hätten töten müssen, weder Wächter, noch Menschen und schon gar nicht Dämonen. Die Frage ob sie dazu im Stande wären, rummelte in Blues Kopf herum und kam immer mal wieder zum Vorschein, besonders wenn Ri-Il ihnen Techniken beibrachte, die eindeutig zum Töten benutzt wurden. Blue beherrschte diese Techniken, genau wie Silver es tat – doch konnten sie es auch einsetzen um jemandem sterben zu lassen?
Blue wusste es nicht, wollte keine Antwort darauf haben. Und wie Silver darüber dachte war ihm schleierhaft, denn sie sprachen nicht über solche Dinge. Genauso wenig wie sie über ihr Heimweh sprachen, oder über das was sie sahen, wenn Ri-Il sie mit in andere Gebiete nahm. Es war nicht so, als ob sie es nicht miteinander teilen wollten oder konnten, es war mehr ein gegenseitiges Einverständnis: Schweigen linderte den Schmerz, einen Schmerz den sie vergessen konnten, wenn sie sich gegenseitig ablenkten.
Nach zwei Jahren kam jedoch der Moment wo Blue notgedrungen eine Antwort auf seine Frage finden musste, denn Ri-Il kam zu ihnen, mit den Worten, dass er einen Wächter gefunden hatte, den sie töten sollten.
Es war ein leichter Auftrag, verglichen mit anderen, die sie später bekamen; im Prinzip war es nichts anderes als ein Test. Dies war allerdings kein Test, der ihre Kampffähigkeiten testen sollte, sondern stellte eher die Antwort auf Blues Frage da, die Ri-Il sich wohl ebenfalls stellte. Es war nur ein mittelmäßiger Wasserwächter, der irgendwo in Mexiko eine menschliche Familie gegründet hatte und der nun für seinen Leichtsinn bezahlen sollte.
„Es ist mir egal, ob ihr auch die Familie tötet. Wenn sie im Weg kommt, tut es. Hauptsache ihr bringt den Wächter um.“
„Wieso sollen wir eigentlich den Wächter umbringen?“, fragte Silver, der, anders als Blue, sein Leben nie wirklich bedroht sah und oftmals Fragen stellte die nicht nur einleuchtend waren, sondern ihren Gegenüber auch reizen könnten – doch Ri-Il sah dies recht entspannt.
„Dein Bruder kann dir sicherlich eine Antwort geben“, antwortete deren Lehrmeister und sah dabei Blue an, der ihn ebenfalls kurz ansah, obwohl Ri-Il wie gewöhnlich seine Augen geschlossen hielt.
„Weil Wächter unsere Feinde sind. Sie töten uns, wir töten sie.“
„Brav, Blue“, antwortete ihr Lehrmeister mit einer zufriedenen Stimme.
Damit war das Thema abgeharkt und Ri-Il brachte sie nach Mexiko. Da er allerdings ein reinblütiger Dämon war, konnte er die Dämonenwelt nicht ohne weiteres verlassen und war darauf angewiesen eine original getreue Illusion von sich selbst loszuschicken, welche allerdings nicht angreifen konnte und auf eine gewisse Zeit begrenzt war, im Prinzip also nutzlos. Aber es hatte damals ausgereicht um Blue und Silver in die Dämonenwelt zu holen und es reichte nun auch aus, um sie nach Mexiko zu bringen, wie auch um sie im Auge behalten zu können. Was er anscheinend auch tat, denn Blue konnte zwar nicht seine Aura spüren, doch dessen Blick, obwohl er ihn nicht ausmachen konnte im grünen Dickicht, wo sie sich versteckt hielten. Silver schein sich darüber keine Gedanken zu machen; er wollte sofort drauf los stürzen, als er das Holzhaus zwischen den grünen Blättern entdeckte. Ein hübsches, kleines, einstöckiges Holzhaus, mit Blumen an den Fenstern und ein kleinen Steinpfad, welcher zur nächstgelegenen Straße führte.
„Sei nicht so übermütig“, warnte Blue ihn und packte seinen Bruder am Kragen, als dieser in den wohlgepflegten Garten springen wollte.
„Lass uns erst einmal die Gegend überprüfen, ehe wir… zuschlagen.“ Silver sah seinen Bruder stutzig an, als er dessen zögernden Unterton bemerkte.
„Was ist los, Aniki? Du bist ja ganz blass im Gesicht.“ Der Angesprochene schüttelte den Kopf, doch antwortete nach kurzem Zögern flüsternd:
„Bist du gar nicht nervös?“
„Wovor? Die Technik, die wir benutzen sollen, ist doch ganz einfach.“
„Nicht wegen der Technik…“ Blues Satz wurde unterbrochen, von einem sich nähernden Lichtkegel, welcher durch die Dunkelheit der schwülen Nacht schien. Beide gingen sofort in Deckung, doch fanden schnell heraus, dass das Licht keine Gefahr ausmachte, sondern zu einem Auto gehörte, welches gerade in die Auffahrt fuhr und klappernd zum Stillstand kam. Die beiden Halbdämonen blieben in Deckung, während ihr dämonischer Gehörsinn ihnen sagte, dass der Fahrer des Autos aus dem Auto stieg, die Tür leise zu stieß, abschloss, ehe er über den Steinpfad zur Haustür ging, diese aufschloss und sie wieder hinter sich verriegelte.
„Das muss der ältere Sohn sein, von dem Sensei sprach. Findest du nicht, dass er merkwürdig riecht?“
„Das muss Alkohol sein“, bemerkte Blue ein wenig meckernd, denn es gefiel ihm so gar nicht, dass Silver recht laut sprach.
„Er wird dann sicherlich gleich schlafen. Es ist immerhin schon halb drei“, ergänzte er und fügte hinzu:
„Wir warten eine halbe Stunde, dann schläft er sicherlich und dann gehen wir ins Schlafzimmer des Vaters und… führen unseren Auftrag aus.“ Dank Ri-Ils doch recht ausführlichen Informationen, wussten sie, dass die beiden die einzigen waren, die momentan in Haus waren, da die Frau des Wächters, zusammen mit deren jüngsten Tochter bei ihrer Familie in den Statten war.
„Eine halbe Stunde? Das ist ziemlich… lang und es ist feucht hier und ziemlich schwül.“
„Das ist Mexiko, das nennt man subtropisches Klima, du Holzkopf: natürlich ist es hier schwül.“
„Ich hoffe, dass ist unser erster und letzter Auftrag hier, meine Haare werden ganz fettig!“
„Du und deine Haare; willst du sie nicht gleich heiraten?“
„Also lieber schöne Haare heiraten als einen Igel.“
Und so verging eine halbe Stunde damit, dass sie sich stritten, anstatt leise auf der Lauer zu liegen und irgendwo verdrehte ein Fürst die Augen. Als die 30 Minuten jedoch rum waren, war deren Auseinandersetzung sofort vergessen und vorsichtig kamen sie aus deren Versteck hervor und näherten sich langsam dem Haus – Silver wäre direkt über die Grasfläche gegangen, hätte Blue ihn nicht in die Schatten zurück gezogen. Während sie um das Haus schlichen um zu dem offenem Fenster zu kommen, welches sie bereits ausfindig gemacht hatten, ging Blue noch einmal alles im Kopf durch, bis Silver ihn plötzlich fragte, wer von beiden den Wächter töten sollte, kurz, ehe sie das Fenster erreichten.
Einen Augenblick lang schwieg Blue, als er über diese Frage nachdachte. Die Antwort, zu der er schlussendlich fand, gefiel ihm nicht, dennoch zwang er sich ein leichtes Grinsen ab, als er seinem Bruder antwortete:
„Ri-Il sagte, wir sollten es kampflos durchführen. Ein schneller, lautloser Tod: ich denke, das mache ich also lieber.“
„Was soll das denn heißen?“, fragte Silver mit einem skeptischen Blick, doch Blue ließ sich davon nicht abbringen. Es war besser so; nicht nur, was den Plan anging, sondern war es auch besser, dass der große Bruder zuerst sein eigenes Gewissen in Blut tauchte, ehe der Kleinere ebenfalls dazu gezwungen war.
„Du gibst mir Rückendeckung, falls etwas passiert.“ Mit diesen Worten öffnete Blue das Fenster so weit, dass er hinein schlüpfen konnte und wählte das maulige Gesicht seines Bruders nicht zu beachten, genau wie er die Frage beiseite drängte, warum Silver deren ersten Mord auf die leichte Schulter nahm, fast so als wäre es nur ein Spiel und nicht knallharter Ernst, wie es nun einmal der Fall war.
Zu diesem knallharten Ernst wurde es, nachdem sie sich in der geräumigen Stube umsahen, die zur Küche anschloss. Denn kaum, dass sie im Schwebeflug, da sie keine Laute verursachen wollten, zur Treppe gelangt waren, merkte Blue, wie Silver sich instinktiv herum drehte und im gleichen Moment, wo Blue ihm dies nachmachen wollte, hörte er auch schon ein stumpfes Geräusch und er sah den Körper eines jungen Mannes in der Mitte der Stube liegen und Silver vollkommen verharrt in seiner Angriffspose. Beide starrten schweigend auf den Körper, beide gleichermaßen geschockt und schnell atmend.
„Ist… ist er tot?“, fragte Silver nach einer kurzen Weile und ließ sein Bein wieder zu Boden sinken.
„Nein… bewusstlos, glaube ich.“ Blue entschied sich dazu, dies erst einmal beiseite zu schieben und horchte stattdessen, ob sich jemand im ersten Stockwerk regte. Nach ein paar lauschenden Minuten, wandte er sich an Silver, der nach wie vor den Körper des jungen Mannes anstarrte, vollkommen verblüfft darüber, dass es ihm so einfach gelungen war, einen Gegner auszuschalten.
„Bleib du hier unten, falls er wieder aufwacht. Ich geh hoch.“ Dies weckte Silver aus dessen Gedanken und er drehte sich zu seinem Bruder um. Deutlich sah Blue in dessen Augen, dass Silver von dieser Idee nicht gerade beeindruckt war, zum einen aus Sorge und zum anderen vielleicht aus Angst, denn sie waren nie voneinander getrennt.
Dennoch beugte er sich Blues Willen und ohne sich noch einmal umzusehen, schwebte Blue die Stufen empor und kam damit in einen kleinen Gang, wo sich nur zwei Türen befanden. Beide Türen waren mit kleinen bunten Schildern verziert, so dass Blue auch ohne die Aura des Wächters, schnell heraus fand welches von den beiden das Schlafzimmer war: das mit dem Bettchen drauf und nicht das mit dem Teddybär.
Der Halbdämon streckte die Hand nach der Türklinke aus, berührte das kalte Metall, doch konnte sie aus irgendeinem Grund nicht herunter drücken. Sie war nicht abgeschlossen, nein, es war etwas anderes, ein anderer Grund… in diesem Zimmer musste er jemanden töten. Jemanden, den er nicht kannte, jemand der unschuldig war, für den es keinen Grund gab zu sterben, jemand der sich im Traum wahrscheinlich darauf freute seine Frau und seine Tochter bald wieder zu sehen. Blue sah die beiden vor sich, wie sie Nachhause kommen würden, um ihren Mann und ihren Vater tot vorzufinden. Der ältere Sohn würde es sich wohl nie verzeihen können, dass er seinem Vater nicht hätte helfen können.
Welches Recht hatte Blue, dieses simple Familienglück zu zerstören?
Blue holte tief Luft, löste bereits die Finger von der Klinke, da er es nicht aushalten konnte, dass eine weitere Familie ins Blut gezogen wurde, genau wie seine… genau wie seine Mutter…
Seine Finger lösten sich jedoch nicht vollends von der Klinke, den kaum, dass sie sich auch nur einen Zentimeter davon entfernt hatten, spürte er auf einmal wieder Ri-Ils Blick in seinem Nacken und umgehend drehte Blue sich herum.
Doch da war nichts, nichts außer einem leeren Gang. Dennoch hatte dieser kurze Schock ausgereicht, um ihn wieder daran zu erinnern, was passieren würde, wenn er seinen Auftrag nicht ausführte.
Denn Blue hatte noch eine Familie.
Er hatte noch Silver.
Er musste ihn beschützen: er würde nicht zulassen, dass ihm das letzte Stück Familie genommen wurde, was er noch übrig hatte.
Und ohne, dass Blue es bemerkte, stand er bereits in dem kleinen Schlafzimmer, welches nach Lavendel roch. Zum ersten Mal in seinem Leben sah er einen Wächter, war erstaunt darüber, dass sie wirklich aussahen wie Menschen. Das einzige was darauf hinwies, dass sie keine waren, war ihre Aura, die wie ein sanftes Licht um sie herum zu spüren war. Er schlief lächelnd, genau wie die Personen, auf dem Bild welches neben dem Bett stand.
Vollkommen klar und rational denkend, streckte Blue die Hand nach dessen Kehle aus, nur um zu merken, dass er ihn nicht erwürgen konnte: er war nur ein neunjähriger Junge, seine Hände waren nicht groß genug um dessen Hals zu passen. Es wäre dennoch möglich ihn zu erwürgen, aber das würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Das ging nicht. Blue musste ihn schnell umbringen, denn ansonsten würde der Wächter sich wehren.
Er musste das tun, was Ri-Il ihnen beigebracht hatte. Eine Standarttechnik, die jeder Dämon beherrschen sollte – einfach, schnell, effizient und blutig, hatte er grinsend gesagt.
Es war wirklich einfach. Blue musste nur seinen Arm anspannen, die Finger eng aneinander legen und seine Magie auf die Fingerspitzen konzentrieren, um damit genug Kraft zu haben, den Brustkorb durchbohren zu können, dort wo das Herz sich befand.
Blue tat es, einfach, schnell, effizient, doch die Rationalität brach zusammen, denn kurz ehe er durch dessen Brustkorb stieß, wachte der Wächter auf, nur um Blue geschockt anzusehen, ehe das aufspritzende Blut Blue die Sicht versperrte.
Das warme Blut spritze ihm ins Gesicht und geschockt taumelte er rückwärts nachdem er seinen Unterarm aus dem Körper des Wächters heraus zog, begleitet von einem schmatzenden Geräusch. Der junge Mörder stieß mit dem Rücken gegen den weißen Kleiderschrank, die Augen nicht von der Leiche abwendend.
Blue starrte die Leiche an, als würde er auf etwas warten. Doch natürlich geschah nichts, sagte er sich selbst: er hatte einen Wächter umgebracht, diese lösten sich nicht auf. Wenn er Lust hatte, könnte er hier ewig stehen und in die leeren Augen starren, die ausdruckslos zurück starrten, verewigt in dem Moment wo sie seinen Mörder gesehen hatten. Sein letzter Gedanke war wohl:
„Aber das ist ja noch ein Kind!“
Ja, er war nur ein Kind. Nur neun Jahre alt.
Und schon ein mit Blut beschmierter Mörder.
Der Geruch des Blutes drang durch seine Nase, in seinen Kopf, in seinen Körper. Der Blickkontakt mit der stummen Leiche wurde unterbrochen, ihm wurde schwarz vor Augen und plötzlich fand er sich auf dem Boden wieder, kurz davor sich zu übergeben.
Bilder flackerten vor seinem Auge, verschwommen, unscharf…

Die blutüberströmte Küche… seine Mutter…Blut… sie war tot… Blut, überall Blut…

„Blue!“
Sofort erhob Blue den Kopf wieder, als er den Hilferuf seines Bruders hörte und plötzlich erschienen das Blut und die Leiche unwichtig. Ohne zu zögern richtete er sich auf, drehte sich von dem leblosen Wächter ab und um zu seinem Bruder zu kommen. Unten in der Stube angekommen stockte ihm allerdings ein weiteres Mal der Atem, denn sein Bruder stand nicht länger vor dem Körper des Sohnes, sondern inmitten von Blut: selbst war er ebenfalls in Blut gebadet.
„…Was zur Hölle…“ Dann sah Blue es: vor Silvers Füßen, lag eine weitere Leiche, die Leiche eines kleinem Mädchen, dessen Körper zerrissen war - soweit er es jedenfalls beurteilen konnte, denn ihr Gesicht lag auf dem Boden gepresst und war daher nicht zu sehen. Blue wusste nicht was ihm in diesem Moment mehr beschäftigte: das Dasein der Leiche, oder das Faktum, dass sein kleiner Bruder das Mädchen förmlich auseinander gerissen hatte.
„Silver… hast du… hast du etwa…“ Blue wusste nicht warum es ihn so schockierte: hatte er nicht selbst gerade eben einen Wächter getötet? Hatte Silver nicht einfach das gleiche getan?
„…Sie… sie stand plötzlich in der Tür… Warum ist sie hier, Blue? S-Sollte sie nicht… bei ihrer Mutter sein…?“ Der ältere der Beiden schreckte auf, als er Silvers zittrige Stimme hörte und die beiden Brüder sahen sich an, zwei blutbespritze Halbdämonen, zwei junge Mörder.
„… Sie hat irgendetwas geschrien… ich habe es nicht verstanden… sie wollte mich angreifen….aber sie war so langsam. Mit Magie wollte sie mich angreifen… Aber es ging so einfach. Plötzlich war meine Hand in ihrem Körper und dann zog ich meine Hand wieder raus und dann spritze das ganze Blut mit raus und dann sagte sie noch was, hielt sich an meinen Pullover fest, ihr Atem war ganz heiß und wie sie sich an mir fest gekrallt hat, ich kann es immer noch spüren! Dann rutschte sie an mir herunter, fiel auf den Boden und… und…“ Silver schluchzte auf, ein kleiner, erstickter Schrei drang aus seiner Kehle und unterbrach seinen Wortschwall damit selbst, doch dies war das einzige Zeugnis seiner Verzweiflung und Greul gegenüber dem was er getan hatte. Er drehte sich weg von seinem Bruder, weg von der Leiche und Blue überlegte was er sagen, tun sollte, doch kam zu keinem Ergebnis. Genau wie Silver hatte er plötzlich den Drang dazu auf zu schluchzen, zu verzweifeln, doch genau wie vor zwei Jahren steckte es in seiner Kehle fest.
Stattdessen ging er auf seinen Bruder zu, wollte ihn gerade tröstend an sich drücken, wie er es schon öfter als Kind getan hatte, doch Silver drehte sich um, ehe er es tun konnte. Mit großen, fast schon flehenden Augen, sah er seinen Bruder an und sagte:
„Sensei hat gelogen… Es ist nicht schön jemanden umzubringen!“


Blue war neun Jahre alt, als er seinen ersten Mord begangen hatte, Silver acht – und genauso alt waren sie auch, als sie wieder die Erlaubnis dazu bekamen sich frei zu bewegen, denn nach ihren ersten Auftrag, übergab er ihnen den Schlüssel.
Wenn man sie mit anderen Dämonen verglich, war deren erster Mord jedoch recht spät – sie konnten sich also fast schon glücklich schätzen, dass Ri-Il ihnen zwei Jahre Zeit gelassen hatte, ehe er sie mit ihrem täglich Brot konfrontierte. Nach und nach wurde es auch zu diesem. Zuerst gab er ihnen noch wenige Aufträge, bis dann nur noch wenige Tage zwischen ihnen lagen. Er kommentierte ihren Widerwillen nicht, genauso wenig wie er Blues Zögern bei deren ersten Auftrag kommentiert hatte, obwohl Blue sich sehr sicher war, dass er es sich nicht eingebildet hatte, dass deren Meister anwesend gewesen war. Nach und nach schrumpfte deren Widerwillen; Blue zögerte nicht und Silver begann nicht mehr zu weinen.
Alles wurde irgendwann zu Routine.
Selbst das grundlose Morden gehörte dazu. Nein, sagte Blue sich selbst, es war nicht grundlos. Die Wächter waren die Feinde der Dämonen; sie mussten umgebracht werden, ansonsten würden sie sie töten: Töten oder getötet werden – ihm schwebte dieser Satz Senseis immer im Kopfe herum. Doch obwohl Blue dies im Hinterkopf hatte, konnte man nicht sagen, dass dies der einzige Grund war, weshalb er sich mit seinem Dasein als Dämon abfand und zu diesen Erwartungen auflebte: Es gab gar keine andere Alternative. Umso öfter er in der Menschenwelt war, umso mehr spürte er, dass er seine menschliche Identität verloren hatte, dass er nicht mehr zu ihnen gehörte, dass er es nie getan hatte. Er war von Geburt an ein Dämon gewesen, seine Kindheit war nichts anderes als der verzweifelte Versuch seiner Mutter vor der Realität davon zu laufen.
Es gab also weder für Silver noch für Blue keine andere Auswahlmöglichkeit als „ein Dämon zu sein“.
Und langsam und sicher verschwand auch sämtliche Gegenwehr gegen diese unweigerliche Tatsache. Blue sah die Aufträge als seine Pflicht an, genau wie das Morden und erfüllte die Erwartungen seines Lehrmeisters zur Perfektion, empfand dabei allerdings kaum Gefühle: weder Abscheu, noch Freude. Es war einfach etwas das getan werden musste. Silver, der sowieso gefühlsbetonter war, begann schnell seinen Gräuel zu verdrängen, versteckte seine Abscheu gegenüber dem Töten hinter einem aufgesetzten Grinsen – und schon bald vergaß er, dass er überhaupt etwas verdrängte: schon bald war das Grinsen echt und ein erfolgreich ausgeführter Auftrag Bestätigung – und Grund zur Freude.
Das Töten wurde ein Teil ihres Alltages, der Geruch des Blutes haftete an ihnen und das Lob Ri-Ils häufte sich. Mit der wachsenden Sympathie, so wie Vertrauen (wenn man das von einem Dämon behaupten konnte) und dem Gewissen, dass Blue und Silver sich an das Dämonensein gewohnt und abgefunden hatten, sowie Zugehörigkeit zu ihrer Rasse zu entwickeln, ließ Ri-Il ihnen immer mehr Freiraum: solange sie immer ihre Aufträge erfüllten, war es im Prinzip egal was sie ansonsten taten. Die meisten Aufträge liefen darauf hinaus Wächter zu töten, die sich in der Menschenwelt eine Menschenidentität aufgebaut hatten. Zu Beginn folgte Ri-Il ihnen in die Menschenwelt, doch nach ein paar erfolgreichen Aufträgen sah er dies als überflüssig an und schickte stattdessen einer seiner Mädchen, die nicht zu seinem abendlichen Angebot gehörten, um Blue und Silver im Auge zu behalten: immerhin wollte Ri-Il nicht, dass sie sich allzu lange in der Menschenwelt aufhielten: nicht, dass sie sich doch danach sehnten wieder in diese zu gehören. Dieses Mädchen war keine geringere als Rui, die von Anfang an einen Narren an Silver gefressen hatte: für sie nur zum Vorteil, denn so „vergaß“ sie öfter mal Ri-Il mitzuteilen, wenn die Brüder sich doch manchmal länger in ihrer alten Heimat aufhielten als notwendig. Rui war auch der Grund für Silvers wachsendem Selbstbewusstsein und mit dem Heranwachsen entdeckte Silver wie er sein Aussehen und seinen Charme für seinen Vorteil nutzen konnte: Rui war weiß Gott nicht die einzige Dämonin die ihm schnell verfiel. Doch zu dem Playboy wie er heute war, wurde er erst in der Zeit, wo Blue bereits mit seinem Auftrag in Tokio beschäftigt war.
Der Auftrag.
Der Auftrag der Blues Leben drastisch veränderte.
Plötzlich war er täglich in seiner alten Heimat, neun Stunden täglich in Tokio.
Immer wieder stellte Blue sich die Frage was geschehen wäre, hätte er Green damals nicht am Flughafen Berlins als eine Hikari identifiziert. Wenn sie nicht hingefallen wäre.
Er sah es noch genau vor sich, wie er sie bereits vor ihrem Sturz bemerkt hatte. Das kleine Mädchen mit den Zöpfen, in der Reihe neben ihm. Sie hatte ihren Blick Richtung Boden geheftet und bemerkte nicht, wie er sie aus den Augenwinkeln heraus betrachtete. Es waren ihre Augen die ihn neugierig gemacht hatten. Solch große, leere Augen… unnormal für ein normales Kind. Vielleicht war dies der Grund, weshalb sie ihn so faszinierte, die Frage was sie erlebt hatte, was sie genau wie ihn, anders machte, als die anderen Kinder in der Reihe. Doch schnell war sie wieder aus seinen Gedanken verschwunden, als sie sich zwischen den anderen Menschen verlor.

Es war deren erstes Treffen. Das erste Mal, dass Blue sie sah, das Mädchen welches sein Leben für immer verändern sollte.

Das Mädchen, das ihm zeigte, dass es zwischen Flüssen von Blut doch noch Hoffnung gab.


Jahr 2006 August Das Imperium der Wächter - Im Tempel


Nach der ersten Kriegssitzung, hatte Grey eigentlich vorgehabt, sich Schlafen zu legen, denn langsam begannen seine Augen zu schmerzen vor Müdigkeit und Erschöpfung. Zu viel war passiert und er sehnte sich danach für ein paar Stunden Ruhe zu finden. Er hatte alles getan, was er im Moment tun konnte: er hatte das Alarmsystem überprüfen lassen und Silence würde bei Green bleiben um diese beschützen zu können, falls ein Dämon sie angreifen würde: wenigstens könnte sie Green so in Sicherheit bringen. Dennoch hatte der Windwächter ein mulmiges Gefühl und entschied sich dazu noch einmal bei Green vorbei zu schauen.
Als er bei ihr angekommen war, sah er schon von weiten, dass die Tür offen stand und die Panik überkam ihm, als er los lief. Doch vor der Tür angekommen, bemerkte er, dass seine Panik umsonst war: er spürte die Aura seiner Mutter. Gespannt horchte er plötzlich auf, als er ein für ihn bekanntes Lied hörte. Ein Lied aus seiner Kindheit… War es Green die diese Worte sang?

Could it be the sacred wind
That’s calling me to now begin
To walk into the dark
Copying the light of tomorrow
Give to not the wings up high
Beyond the earth, beyond the sky
come now, don’t hesitate


Nein, es war sie nicht, auch wenn die Stimme ihrer sehr ähnlich war. Es war Whites Stimme. Ihr Sohn öffnete die Tür noch ein wenig weiter, so dass er leise hindurch schlüpfen konnte und sah wie seine Schwester im Schosse deren Mutter lag. Sie hatte die Augen geöffnet… doch sie waren schrecklich leer. Das tiefe Blau ihrer Augen wirkte wie der unendliche Ozean. Genauso tief und undurchdringlich. Sie sah in Richtung Decke, gebannt der Stimme ihrer Mutter lauschend.

Deep inside so silently my heart will speak
Weeping silently, memories becoming
And shimmering on, endlessly


Die Sonne war untergegangen und tauchte das Zimmer in ein Dämmerlicht; rote und gelbe Farben tanzten über die Wand und dem Boden hinweg. White hatte ihren Sohn bemerkt, auch wenn sie Augen geschlossen gehalten hatte, während ihre sanfte Stimme den Raum erfüllte und sie unablässig den Kopf ihrer Tochter streichelte.

Moving on the endless sky up so high
Tomorrow will follow any boat
Your promise is today
Just wait and see...


Grey gesellte sich zu ihnen, setzte sich neben seiner Mutter auf das große Himmelbett. Er wusste das Lied war zu einem Ende gekommen, doch White wiederholte es. Grey vergaß für einen Moment seine Sorgen, vergaß wie alt er war und wie lange es her war, dass White ihm dieses Lied vorgesungen hatte.

Don’t run back we got to go now
Don’t fear, you'll be safe from now on
Morning star watching over us...


Sie hatte es ihm immer gesungen, wenn er traurig gewesen war und manchmal auch wenn sie ihn zu Bett gebracht hatte. Für den kleinen Grey, der kein Englisch verstehen konnte, hatten diese Worte zauberhaft geklungen. Obwohl er damals nicht gewusst hatte, was sie sang, hatte er bei ihrem Lied das Gefühl, sein Vater wäre bei ihnen.
Grey schmunzelte als er daran dachte, wie er sie einmal danach gefragt hatte…

„Mutter, wenn du das Lied singst, ist Vater dann hier bei uns?“ Sie hatte gelächelt, ihn gestreichelt und in den Himmel gesehen.
„Nein, Grey. Dein Vater ist nicht bei uns wenn ich das Lied singe. Er ist
immer bei uns.“

Auch jetzt war es, als wäre Kanori bei ihnen. Als würde er, genau wie White, bei Green sitzen und einfach nur bei ihr sein…beschützend, tröstend. Grey fragte sich, ob Green dies ebenfalls spüren konnte, ob sie spüren konnte, dass sie sie niemals alleine lassen würden: dass Green eine Familie hatte, bei der sie sich sicher und wohl fühlen konnte. Geborgen und beschützt.

Just wait and see…

White atmete tief durch und er wusste, dass das sie es nicht noch einmal wiederholen würde. Dennoch sagte niemand etwas; niemand brach die Stille, die die Familie umgab. Zur Greys Überraschung, aber auch Erleichterung, war es Green die etwas sagte:
„…Mutter, Onii-chan… wir sind doch eine Familie… oder?“ Lächelnd sah White sie an und antwortete:
„Natürlich. Und wir bleiben zusammen.“ Grey berührte Green nun auch, legte seine Hand auf ihre. Doch sie regte sich nicht, sah weiterhin in die Decke hinauf.
„Für immer. Wir verlassen dich niemals.“ Green atmete tief ein, sog die Luft förmlich in sich, als fürchtete sie, es wäre ihr letzter Atemzug.
„Ja… ja… bleibt bei mir… bitte…“ Ihre Augen fielen auf einmal zu und Grey machte bereits einen geschockten Gesichtsausdruck, als White ihn jedoch aufklärte:
„Sie hat das Bewusstsein verloren.“ Er sah seine Schwester lange an, ehe seine Augen sich White widmeten. Seine Mutter sah auf Green herab. Er konnte nicht klar sagen, ob sie das Gesicht ihrer Tochter, oder das gerissene Glöckchen ansah, als sie ihm erklärte:
„Deine Schwester ist sehr schwach, Grey. Sei nicht beunruhigt, wenn sie nur über einen kurzen Zeitraum bei Bewusstsein ist, oder sie sich nicht auf den Beinen halten kann. Ihre Seele ist nicht mehr intakt… und so fehlt es ihrem Körper an nötiger Energie und Willenskraft aufzustehen.“
„Mutter… was kann ich tun um ihr zu helfen?“ White sah ihn traurig an.
„Das Einzige, was du tun kannst ist, bei ihr zu bleiben… Nur sie selbst weiß, wie sie zu ihrer Seele zurück finden kann.“