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Episode 20
  Episode 20: Die Teufelsspirale II
Blue hatte ja schon oft davon gehört, dass Liebe angeblich blind machen würde; dass es ein Gefühl war, welches alles auf den Kopf stellen konnte – aber, dass es sogar bei ihm Wirkung zeigte; er, der doch eigentlich alles aus einem rationalen Einfallswinkel betrachtete; dass hätte er nicht gedacht. Er wurde von den Gefühlen mitgerissen, von Green an die Hand genommen, um in diesen Strudel hinab zu tauchen und jegliche Vernunft hinter sich zu lassen. Silver erging es wohl nicht anders, denn obwohl sie beide vor dem Aufbruch ins Jenseits darüber gesprochen hatten, ob das im Rahmen ihres Auftrages fiel, waren sie sich schon vor dem Gespräch einig gewesen, dass sie Green retten würden – egal ob jeder Dämon ihnen den Vogel zeigen würde und niemand, absolut niemand, ihnen glauben würde, dass sie das aus Leidenschaft zum Auftrag taten. Wahrscheinlich hatten sie nicht damit gerechnet, dass sie es überleben würden; wahrscheinlich waren sie so von ihren Gefühlen beschwingt, dass sie Green retten würden, egal was mit ihnen dabei geschah.
So mussten sie sich jedenfalls nicht der Frage stellen, wie sie nun den Auftrag beenden sollten.
Es wäre am besten gewesen, wenn der Auftrag vor dem Jenseits beendet gewesen wäre.
Denn der Aufenthalt im Jenseits änderte alles.
Im Jenseits mussten sie sich der Wahrheit stellen, dass sie Green zu sehr liebten, so sehr, dass sie ihr eigenes Leben wegwerfen würden, um das ihre zu retten. Sie mussten einsehen… dass sie ohne Green nicht mehr leben wollten, dass sie sie nicht verletzen wollten und besonders Blue wurde im Jenseits bewusst, dass er selbst Green nicht umbringen konnte und dass er auch nicht zulassen würde, dass jemand anderes es tat.
Zum aller ersten Mal, hatte er geweint. Er, ein Dämon, hatte um eine Hikari geweint.
In dem Moment wo sie ihre Augen wieder öffnete, wusste er, dass er den Auftrag nicht zu Ende bringen konnte, dass er für immer an ihrer Seite bleiben wollte, dass er Blue umbringen würde, um für sie, für immer „Gary“ zu sein.
Er baute sich Traumschlösser zusammen: sie hätten im Tempel leben können, kein Dämon konnte dorthin gelangen, das Siegel war aktiv und daher konnten sie, rein theoretisch natürlich, zusammen leben, bis der Tod sie schied.
Aber Blue ließ sich nicht umbringen, egal wie utopisch Garys Gedanken sein mochten, etwas was nicht nur Silver ihm vor die Augen führte, sondern er selbst ebenfalls.
Er war ein Dämon und als solcher würde er immer eine Gefahr für Green sein. Zu Recht hatte sie Angst vor ihm gehabt und es war genau diese Angst die seine Utopie platzen ließ und ihn zurück in die Realität holte.
Dämonen und Hikaris konnten nicht zusammen sein: dass sie sich ineinander verliebt hatten, war ein schrecklicher Streich des Schicksals. Ihre Liebe hatte keine Zukunft, gehörte in eben jene Utopie und genau wie alle anderen Utopien, würde auch diese nie wahr werden. Dämonen und Hikaris waren eine Gefahr für den jeweils anderen und würden es immer sein.
Und deshalb… hatte Silver Recht.
Wenn er Green wirklich liebte, dann musste er sie gehen lassen.


Hingegen ihrer eigenen Wünsche, schlief Green nicht. Das Licht der strahlenden Sonne tat gut; es war so schön warm auf ihrer Haut, ließ sie vergessen, wie schwer das Glöckchen um ihren Hals war. Doch schmerzhaft erinnerte es sie auch an Garys Reaktion, damals, als sie sich das erste Mal sahen, nachdem Green das Glöckchen von Pink bekommen hatte… er hatte sie gefragt ob sie in die Sonne sehen konnte. Damals hattte sie keine Ahnung gehabt, was diese Frage zu bedeuten hatte; heute wusste sie, dass sie es konnte, weil sie eine Hikari war und es in ihrer DNA lag die sie zu einer Hikari machte.
Daraufhin waren sie sich näher gekommen… er hatte ihr angeboten ihr Nachhilfeunterricht zu geben, so ganz ohne weiteres und aus blauen Himmel heraus, war er plötzlich neben ihr eingezogen.
Warum?
Weil sie eine Hikari war.
Weil es sein Auftrag war… Plötzlich stand es alles klar vor ihren Augen, plötzlich ergab alles Sinn… Der Hass, der aus seinen Augen gesprochen hatte, als er sie das erste Mal als Wächterin gesehen hatte; diese Feindseligkeit… vielleicht war das das einzige Mal gewesen, dass sie seine ehrlichen Gefühle gesehen hatte; sein wahres Ich. Natürlich konnte er diese Gefühle später verstecken, immerhin musste er ihr nah kommen…
Green spürte wie die Tränen an ihrem Gesichter herunter liefen, ohne, dass sie es wollte, doch etwas dagegen tun konnte sie nicht, obwohl sie es versuchte. Sie presste ihre Augen zusammen um die Tränenflut zurück zu drängen, doch dies sorgte nur dafür, dass noch mehr hervor kamen.
„H-Hör auf, Green…. Hör auf…! Du bist doch… du bist doch… stark… du weinst doch nicht, nicht wegen… ein paar Lügen… du bist doch stark…“ Doch es half nicht; die Tränen rannten und rannten, wollten nicht still stehen, egal wie sehr sie die Augen zu kniff und sich auf die Lippen biss, damit sie nicht auch noch anfing zu schluchzen.
„Wie lange willst du da noch rumliegen?“ Green hörte Silence‘ Stimme, verfluchte die Tatsache, dass sie Silence nicht wie alle anderen aussperren konnte und dass ihr Wunsch alleine zu sein, scheinbar nicht nachgegangen wurde. Sie wollte nicht, dass jemand sah, in welcher Verfassung sie war und genauso wenig wollte sie mit irgendwem über ihre Trauer reden. Der einzige, mit dem sie über so etwas hätte reden können, war der Grund für ihre Trauer…
Green spürte den Blick Silence‘ auf sich ruhen, obwohl sie ihre Augen geschlossen hielt und auch, als Silence fortfuhr, öffnete sie ihre Augen nicht:
„Ich verstehe nicht, was mit dir los ist; dass du dich so hängen lässt. Solltes-“ Mitten im Satz, wurde Silence dann doch unterbrochen, denn Green riss plötzlich die Augen auf. Anklagend, ja fast schon wütend, starrte Green ihre Mentorin an, während sie sich in ihrem Bett auftürmte, um zu antworten:
„Du verstehst es nicht!? Was gibt es da nicht zu verstehen!? Gerade du müsstest meine Gefühle doch verstehen können! Was war das denn zwischen Youma und dir!? Warst du gar nicht traurig?! Natürlich warst du das, ansonsten hättest du ja auch Frieden gefunden! Und hätte er dich nicht umgebracht, bin ich sicher, dass du dich selbst getötet hättest!“ Silence‘ Augen verengten sich und hätte sie noch gelebt, hätte ihr Herz sich aus Wut beschleunigt, genau wie man es Green so deutlich ansah. Doch Silence‘ antwortete noch ziemlich ruhig:
„Denkst du wirklich unsere Fälle kann man vergleichen? Denkst du wirklich, dass es uns noch ähnlicher macht, als sowieso schon? Nein, Green, das denke ich nicht. Youmas Verrat, seine Veränderung, kam aus heiterem Himmel und hatte vollkommen andere Hintergründe als es bei dir und deine Halblingen der Fall ist. Ich war nicht darauf vorbereitet, konnte es gar nicht sein. Im Endeffekt, konnte ich nichts tun um das Drama abzuwenden.“
„Ach und ich konnte etwas tun, oder was!? Ich war auch nicht darauf vorbereitet, für mich kam es auch aus dem heiteren Himmel!“
„Oh nein, das kam es nicht! Das kam es nur, weil du es dir eingebildet hast. Wie viele haben dich gewarnt!? Eine gesunde Portion Skepsis, hätte dich und das Wächtertum vor dieser Situation bewahrt!“ Das war der Schlag der Green zum Schweigen brachte. Das Argument, welches ihr auf der Zunge lag, zerbrach im gleichen Moment wo abermals Tränen herunter liefen. Silence schwieg, während sie sie beobachtete. Doch das Schweigen hielt nicht lange.
„…Ja, du hast ja Recht, es ist alles meine Schuld.“ Langsam hob Silence die Augenbraue, sagte jedoch nichts, denn sie spürte, das mehr kommen würde und daher bewahrte sie die Antwort, die ihr sofort durch den Kopf schoss, auf.
„Die Karten, die Inceres damals vorausgesagt hatte… sie waren wohl doch richtig. Ich bin der Untergang des Wächtertums… meine verdammte Liebe und ich sind es.“ Sie starrte ihre bebenden Hände an, während sie fort fuhr:
„Nur… weil ich zwei Halbdämonen… liebe… geliebt ha-hab-be…“ Ein Schluchzen unterbrach sie und die bebenden Hände ergriffen ihren Kopf aus purer Verzweiflung:
„Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht! Was tue ich… was soll ich tun… was soll ich denken, wie soll ich denken… wie kann ich sie hassen, wenn ich sie doch liebe? Wenn ich sie immer noch liebe!? Wie soll ich weiter machen, wenn ich sie so sehr brauche!?“
„Seit wann, bist du so schwach?“ Einen Moment verstummten die Tränen, zusammen mit den Wörtern und langsam hob Green den Kopf, ohne ihn loszulassen. Mit geweiteten Augen wiederholte sie das letzte Wort zögernd.

Aber du, Green, du bist nicht stark, auch wenn du liebend gerne so tust als ob. Du bist nur stark wenn jemand dich stützt und dir den Weg zeigt. Aber ohne uns, hast du niemanden. Ohne uns, hast du niemanden der dich an kalten Winternächten wärmt und dich vor der Kälte bewahrt!
Du bist schwach.


Green begann manisch den Kopf zu schütteln, in dem verzweifelten Versuch Blues Stimme aus ihrem Kopf zu bekommen. Silence sagte nichts. Sie sah zu wie Green verzweifelte, wie sie nach kurzen, anfänglich leisem Weinen, anfing leise zu schreien, als hätte sie Schmerzen. Silence wusste nicht was sie tun sollte. Am liebsten wollte sie Green trösten, ihr Mut zusprechen, doch sie wusste, so hart das auch war, dass sie es alleine durchstehen musste. Sie musste ihre Stärke alleine wieder finden … Wenn Blue Recht hatte und sie wirklich nie stark gewesen war, dann musste Green diese jetzt aufbauen und erlangen.
Alleine.
Ganz alleine.
Wenn sie das nicht schaffte, sah Silence keine Möglichkeit für Green, sich jemals wieder aus dieser Verzweiflung zu befreien. Ein Faktum was nicht nur ihren seelischen Untergang bedeuten würde, sondern auch dem des gesamten Wächtertums.
Silence war sich eigentlich bewusst, dass dies Greens größte Herausforderung war und dass sie diese alleine meistern musste. Daher konnte sie sich nicht erklären, was sie hier eigentlich tat. Machte sie sich etwa Sorgen um ihr Medium und wollte ihr deshalb einen kleinen Schubs in die richtige Richtung geben? Sie wusste es nicht, doch als sie einen Blick auf Green warf, beschlich sie das Gefühl, dass sie mit ihrer Annahme vielleicht gar nicht so falsch lag…
Doch mit schweren Herzen verließ Silence Green, damit sie sich dieser Aufgabe stellen konnte. Ihren vielleicht schwersten Kampf auskämpfen… gegen ihre eigene Schwäche. Gegen ihr eigenes schwaches Ich.


Während Green diesen Kampf ausfechten musste, oder eher, sich diesem Kampf stellen musste, musste auch Blue dies tun; zwar hatte er einen anderen Feind, doch der Kampf und dessen Art war dem von Green nicht unähnlich. Beide waren tief in ihren Gedanken verloren gegangen und während Green an ihr Bett gekettet war, streifte Blue weiterhin rastlos durch die Dämonenwelt, ohne ein wirkliches Ziel vor Augen zu haben. Seine Gedanken kreisten um den Punkt wo die ganze Situation plötzlich kippte, wobei er verzweifelt versuchte Greens Gesicht aus den Kopf zu bekommen, nachdem sie aus Ri-Ils Illusion erwacht war: die Angst in ihrem Blick: die Angst vor ihm.
Dieser Blick hatte mehr als tausend Worte gesagt, war wirksamer als jedes noch so warnende Wort Silvers und wie auch seinem eigenen Pflichtbewusstsein gegenüber.
Blue schüttelte den Kopf, denn er wollte diesen Blick nicht vor Augen haben: wenn er Green schon nicht mehr als Person nah sein durfte, sondern sich nur noch an Erinnerungen klammern musste, dann doch wenigstens an welche die von Licht erfüllt waren und ihm nicht immer und immer wieder die grausame Wahrheit ins Gewissen hämmerten.
Doch sein Gewissen gönnte ihm diesen Wunsch nicht.
Sein Gewissen blieb an eben diesen Punkt hängen; der Punkt, kurz nach Blues schrecklicher Erkenntnis, dass seine Vorstellungen nichts weiter als Utopien gewesen waren.
Deutlich erinnerte Blue sich daran, wie er sich gefühlt hatte, als Ri-Il ihnen mitteilte, dass sie den Auftrag in nächster Zeit beenden würden. Es waren die ersten Worte mit dem Ri-Il Blue und Silver begrüßte, nachdem sie seinen Brief erhalten hatten, worauf nur ein simpler Satz gestanden hatte: „Ihr kehrt sofort zurück.“ Genau dies hatten sie daraufhin auch sofort getan; beide doch recht nervös, denn ein so kurzer Brief seinerseits war ungewöhnlich und besonders Blue schwante Übles, denn er konnte die Taten und Worte seines Lehrers nicht nachvollziehen: das Treffen mit Green, die Illusion… warum das Ganze? Und zu welcher Schlussfolgerung war Ri-Il dadurch gekommen?
Der Treffpunkt war, wie gewöhnlich, der Ort an dem sie zum ersten Mal den roten Himmel der Dämonenwelt erblickt hatten: deren Trainingsort. Die beiden Brüder standen dieses Mal jedoch aufrecht, während Ri-Il sich auf einem Steinbrocken bequem gemacht hatte. Sowohl Blue als auch Silver hatten keine Zeit gehabt sich umzuziehen und wirkten daher beide ziemlich fehl am Platze: Blue in seiner Schuluniform und Silver in seiner menschlichen Freizeitkleidung.
„Wie kommt das?“, fragte Blue, der wie immer das Fragen übernommen hatte, denn ihm war aufgefallen, dass sein Meister außerordentlich ernst wirkte: ihm war nicht nach Spaßen zumute und Blues Spekulationen warum dies sein könnte, behagten dem Halbdämon nicht.
„Das spielt keine Rolle.“ Nun mischte sich Silver ein, indem er sagte:
„Aber wir können zu diesem Zeitpunkt nicht garantieren, dass es hinhauen wird…“ Ri-Il unterbrach ihn:
„Oh, das glaube ich schon. Ihr scheint ziemlich… überzeugend gewesen zu sein.“ Die Art wie er diesen Satz sagte, gefielen Blue und Silver überhaupt nicht.
„Und wann gedenkt Ihr, dass wir den Auftrag vollenden sollen?“ Auf Blues Frage hin legte Ri-Il seinen Zylinder beiseite, den er seit deren Ankommen auf seinen Finger balanciert hatte.
„Just in diesem Moment sind Rui-chan und eine weitere Halbdämonin dabei eure Wohnung in Tokio auszuräumen und eure Sachen hierher zu bringen. Es wird also alles nach einem sehr plötzlich Aufbruch aussehen für die kleine Prinzessin; kein Brief, keine Abschiedsworte.“ Blue und Silver schwiegen überrascht und erschrocken über diese Aussage, dass ihnen so einfach und so schnell, von einem Moment auf den Anderen, der Weg zurück verwehrt wurde; dass alles, was sie solange aufgebaut hatten, einfach so ausgelöscht worden war.
„Wann ihr der Prinzessin die Wahrheit sagen sollt?“, fragte Ri-Il und tat so, als müsste er überlegen, indem er seinen Zeigefinger an seine Schläfe legte:
„Ich finde, wir warten.“
„Wir… warten?“, entgegnete Silver überrascht.
„Auf was, Sensei?“, fügte Blue hinzu und Ri-Il klärte das Rätsel auf:
„Darauf, dass sie von selbst hierher gelangt, in unsere Welt um euch „abzuholen“. Wenn sie das tut, vollführt den Auftrag. Wenn sie es nicht tun sollte, habt ihr versagt.“ Blue und Silver warfen sich einen skeptischen Blick zu; beide schienen denselben Gedanken zu haben, den Blue aussprach:
„Aber, Sensei, der Bannkreis… Die Hikari wäre gar nicht im Stande ihn zu überwinden.“ Kaum, dass Blue diesen Satz beendet hatte, erhob Ri-Il den Finger, im gleichen Moment wie er seine Augen öffnete und sagte:
„Liebe versetzt Berge – das werdet ihr sicherlich irgendwann mal in der Menschenwelt gehört haben, nicht wahr?“ Ein weiteres Mal sahen sich die beiden Brüder fragend an, sich wohl einig, dass sie ihm nicht folgen konnten. Zum Glück ließ er sie nicht lange im Unklaren:
„Es ist viel wahrscheinlicher, dass die Wächter wissen, wie man das Siegel bricht, als dass wir es jemals herausfinden werden. Sie, als die unreine Hikari, wird sich sicherlich weniger darum scheren, was mit ihrer Welt geschieht; Hauptsache, sie bekommt ihre kleinen Halbdämonen zurück, nicht wahr? Immerhin ist sie für euch auf das Schafott gegangen, dann ist so ein kleines Siegel doch sicher kein Hindernis für sie.“ Blue spürte wie die Erkenntnis sich über ihn ergoss wie ein kalter Wasserstrahl. Auf einmal verstand er die Wahrheit: die Wahrheit hinter der Wahrheit. Doch er durfte es sich nicht anmerken lassen, daher versuchte er seine Frage so belanglos wie möglich klingen zu lassen:
„War dies bereits von Anfang an geplant?“ Ri-Il schloss die Augen wieder und antwortete:
„Ehrlich gesagt: nein, aber sind die spontansten Ideen nicht oftmals die Besten?“ Silver hob die Augenbraue; er dachte wohl dasselbe wie Blue: seit wann war Ri-Il für seine Spontanität bekannt?
„Gut, dann werde ich euch zwei mal verlassen, denn ich habe heute noch eine Konferenz welche ich überleben muss. Lacrimosa ist wieder einmal zu viel Sprachführer und ihr wisst was das bedeutet…“
„Ihr werdet genervt sein, wenn Ihr wieder kommt“, ergänzte Silver und Blue dachte einen Moment, dass er sich schon etwas weit aus dem Fenster lehnte, doch sagte nichts. Ri-Il schien es nicht schlimm zu finden, denn er grinste und antwortete:
„Exakt, Silver, exakt.“ Mit diesen Worten verschwand Ri-Il vor ihren Augen und ließ die beiden alleine zurück. Sie schwiegen sich einen Moment lang an, ohne sich anzusehen, bis Blue leise sagte:
„An der Ostseite des Tempels gibt es einen versteckten Schalter. Beweg dich am Rand der Insel, bis du zu einer Trauerweide gelangt, gleich daneben befindet sich eine weiße Steinbank. Am Baum befindet sich ein versteckter, magischer Mechanismus. Der Rest erklärt sich dann von selbst. Wir treffen uns dort.“


Kaum, dass Silence den Raum verließ, fiel Green von ihrem Bett herunter, da sie sich zu stark umher gewälzt hatte. Der Schlauch, der an ihrem Ellbogen befestigt war, hatte sich automatisch, wie aus Zauberhand verlängert, als sie auf den harten und kalten Marmorfußboden fiel, wo sie regungslos liegen blieb, obwohl sie sich nicht verletzt hatte. Sie hörte ihren eigenen, beschleunigten Atem im Raum wiederhallen, nur unterbrochen von ihren eigenen Schluchzen.

Green öffnete die Augen.
Sie taten ihr weh vom vielen Weinen.
Sie konnten nichts erkennen, weil ein Tränenschleier vor ihnen hang.

Green wusste, sie musste wieder aufstehen, sie konnte nicht liegen bleiben. Sie wusste nicht warum sie es nicht einfach tat. Wollte sie nicht… konnte sie nicht? Etwas lag auf ihren Schultern, etwas drückte sie herunter. Sie spürte ihre Beine nicht, als hätte sie überhaupt keine. Ohne Beine konnte sie nicht aufstehen. Aber sie musste.
Sie musste doch stark sein.
Ihre Hand klammerte sich an ihr Bett fest, womit sie sich ein wenig hoch hievte, doch kaum hatte sie den Kopf gehoben, als auch schon ihre Gedanken wieder ausbrachen.

„Immerhin sind wir doch alle Drei ein Team! Und ohne dich ist das nicht das Gleiche! Wir gehören zusammen!“
… hatte Sibi gesagt.
„Ich bin da, wenn du mich brauchst.“
… hatte Gary gesagt.

„IHR VERDAMMTEN LÜGNER!“ Die Tränen liefen ihr wieder herunter, sie schmeckte den salzigen Geschmack ihrer Tränen, bis sie ihre Zähne zusammen biss, um den neuen Wortschwall zu unterdrücken, doch es gelang ihr nicht:
„Ihr verdammten Lügner! Wo seid ihr jetzt!? Ihr lasst mich alleine! Ihr habt mir doch versprochen, dass wir zusammen bleiben! Ich habe es immer ernst gemeint! Ich wollte für immer mit euch zusammen bleiben! Und ihr… ihr habt mich angelogen! Alles was wir zusammen gemacht haben, all die Kämpfe, jedes Mal, wo ihr mir Mut zu gesprochen habt, wo wir gemeinsam gelacht haben…. Alles… WAR DAS ALLES GELOGEN?! Warum… warum habt ihr mir das angetan…“
Green konnte sich nicht länger aufrecht halten. Sie fiel wieder zurück auf den Boden, wie auch ihre Tränen.
„…Warum…“
Weil es alles nur gelogen war, antworteten ihre Gedanken auf ihr verzweifeltes Flehen. Weil sie die Hikari war. Weil Siberu und Gary die Dämonen waren, die auf sie angesetzt gewesen waren… Von deren aller ersten Treffen an war dieses Ende vorprogrammiert gewesen. Die Teufelsspirale war unaufhaltsam Richtung Ende gefahren.
Und hier lag sie nun.
Am Boden.
Am Ende.
Genau da wo es von ihnen geplant war. Ohne Magie, ohne ein Fünkchen Licht. Sie spürte das Glöckchen um ihren Hals, eingeklemmt zwischen Brust und Boden; groß und kalt, die Flügel schmerzten, wie sie sich gegen ihre Haut pressten. Es war so schwer… so schwer und kalt…
Wie ein Vogel, der nicht mehr Fliegen konnte, lag sie da, weil sie alleine nicht mehr fliegen konnte. Ohne Flügel war sie dazu verdammt hier auf ewig liegen zu bleiben…
Green brauchte Hilfe um ihre Flügel wieder auszuschlagen.

„…Du bist nur stark wenn jemand dich stützt und dir den Weg zeigt.“

„Hör doch auf… hör auf… ich weiß es doch… hör auf… Sag mir, warum du mir das antust… sag es mir… was habe ich dir getan, dass du mich so… hier liegen lässt…“

Und wieder stellte sich die Frage ob wirklich alles gelogen war.
Natürlich hatte sie Siberus dauernde Liebeserklärungen nicht mal halb so ernst genommen, wie er es gerne gesehen hätte. Doch dies änderte nichts daran, dass sie sich immer darüber gefreut hatte, dass ihr Herz immer einen kleinen Hüpfer gemacht hatte, wenn er es gesagt hatte – nie war sie so offensichtlich geliebt worden, wie von ihm und es erfreute ihr Herz, obwohl er bereits einmal bewiesen hatte, dass er ein Profi darin war, ein Grinsen nur zum Schein aufzusetzen.
Wieder fragte sie sich, warum sie nie skeptisch gewesen war, warum sie ihn und seine Aufrichtigkeit nie ernst angezweifelt hatte. Viel zu schnell hatte sie verdrängt, dass er ihr das Glöckchen weggenommen hatte, um sie zu töten. Viel zu schnell, hatte sie ihn lieb gewonnen; seine Offenheit, sein ansteckendes Grinsen… sie waren sich so ähnlich gewesen.
Aber, waren sie das wirklich?
Hatte sie nicht vielleicht nur ein einziges Mal den wahren Silver gesehen, in dem Moment, wo er ihr Glöckchen weggenommen hatte?
Genau wie Gary, war auch er war nie er selbst gewesen. Sie hatten sich für ihren Auftrag verstellt… so wie es für sie am praktischsten war.
„Gary“ und „Sibi“ hatte es nie gegeben.
Sie waren immer nur Dämonen gewesen.
Was sie wohl gedacht hatten? Immer – egal ob sie nun zusammen gelernt hatten, zusammen gegessen hatten, gekämpft; alles?
Greens Magen krampfte sich zusammen, als sie daran dachte, wie sie sich über die lustig gemacht haben mussten. Dabei war es nicht einmal die Tatsache, dass sie ihre Naivität und ihre Liebe, die nur den beiden galt, schamlos ausgenutzt hatten, die, die ihr so sehr schmerzte, sondern eher, dass dies auch unweigerlich bedeutete, dass sämtliche Gefühle immer nur einseitig gewesen waren.
Dass die Freude, die sie immer bei deren Zusammensein gespürt hatte, nie erwidert gewesen war.

Es waren so viele kleine Glücksmomente, die dafür gesorgt hatten, dass Green ihre eigene Vergangenheit vergaß, dass sie vergaß skeptisch zu sein und dass sie ihnen einfach so vertraute.

Abends Essen für sie zu Kochen, dabei sicher, dass einer von ihnen sie auf jeden Fall überglücklich umarmen würde.
Garys Tippen auf den Taschenrechner und wie er ihn immer wieder Green vor die Nase hielt und es nochmal und nochmal erklärte, auch wenn Green es beim dritten Mal noch nicht verstanden hatte.
Dass sie beiden ihr tatsächlich in den Tempel nachgerannt waren, nur um ihr zu sagen, dass sie sie vermissten, dass sie da sein würden, wenn sie wieder zurück kehrte.
Siberus dauerndes Knuddeln, die Freude auf seinem Gesicht, wenn sie sich sahen.
Garys Blick, wenn ihre Augen sich trafen: Die Mundwinkel stur nach unten gezogen, doch mit einer kleinen verräterischen Röte.
… und jeden Morgen zur Schule gehen.
Manchmal waren sie sogar Hand in Hand gegangen, obwohl Gary das immer albern fand. Obwohl es immer Siberus Idee gewesen war, war es Green, die sich immer darüber gefreut hatte. Deren Hände in ihren zu halten; wie eine Kette, ein Band, das nie zerreißen würde.

Immer hatte sie sich wohl gefühlt zwischen ihnen. Immer.
Egal, wie viele sie auch warnen mögen, es war ihr egal. Keine Warnung würde je dieses Band zerreißen können.
Sie brauchte die Hikaris nicht, denn Gary und Sibi waren ihre Familie.
Niemanden auf der Welt brauchte sie, solange sie da waren.

Ihr Herz weigerte sich zu glauben, dass dies alles nicht wahr sein sollte. Es wehrte sich, hielt verzweifelt deren Hände fest, klammerte sich an ihnen , flehte darum, dass sie das Band doch bitte, bitte, bitte nicht zerreißen mögen.
Obwohl sie es schon längst getan hatten und sie sich nur noch an einem Trugbild festklammerte.

Sie selbst wusste, dass es vorbei war. Dass die beiden Green nie geliebt hatten.
Ja, auch Gary nicht.


In eine Lüge hatte sie sich verliebt. Er war für sie das geworden was sie gebraucht hatte. Er hatte sich ihren Wünschen angepasst. Sie hatte jemanden gebraucht, der sie hart in die richtige Richtung stieß, der sie dazu zwang ihre Zöpfe abzuschneiden, der die dazu zwang, sich ihrer Schwäche zu stellen und diese nieder zu kämpfen. Genauso wie sie jemanden gebraucht hatte, bei dem sie dennoch schwach sein durfte, bei dem sie einige Minuten ihre Schwäche zulassen durfte… um ihr neue Stärke zu geben, damit sie wieder mit erhobenen Kopf ihren Weg fortsetzen konnte. Wo wäre sie heute gewesen, hätte Gary sie damals nicht dazu gebracht, ihre Zöpfe abzuschneiden? Wer wäre sie gewesen?
Ihr gesamtes Selbstvertrauen hatte sie nur ihm zu verdanken… und genauso hatte er es auch
wieder zerstört.

Der Moment…
wo er sie geküsst hatte…
wo er sie in die Arme genommen hatte…
wo er ihr gesagt hatte…

„Ich liebe dich.“

Sie sah ihn noch so deutlich vor sich, dazu musste sie nicht einmal die Augen schließen. Die Wärme seiner Hände, das Gefühl als er sie in die Arme genommen hatte, seine Stimme… seine dunklen grünen Augen…
Doch dieses Bild war zerstört.
Von dem was von Beginn an unvermeidlich gewesen war… von der Wahrheit…

„Du willst eine Antwort, hab ich Recht? Du willst wissen, ob ich dich auch liebe. Aber Green, was erwartest du? Mein Auftrag ist ausgeführt. Ich muss dich nicht mehr anlügen.“

Sie sah Blue vor sich. Wie er die Hand ausgestreckt hatte, sie umbringen wollte – obwohl er sie doch schon getötet hatte.

Wen hatte sie geliebt?
… ein Trugbild? Eine Illusion?

Sie mochte diesen Gedanken nicht, konnte ihn nicht ertragen, wollte die Wahrheit nicht wahr haben; wie so oft bereits…
Aber, warum, warum schmerzte es so in ihrer Brust, wenn ihr doch bewusst war, dass es alles nur eine Lüge war? Es war derselbe Schmerz als Kari gestorben war… es war kein Hass, keine Wut, nur Trauer, nur endlose Trauer…
„… Es ist mir egal… ob alles gelogen war… ich will euch zurück! Bitte, Gary, Sibi… bitte… kommt zurück… zerreißt das Band nicht, bitte…“ Sie wusste natürlich, dass keiner von ihnen zurück kommen würde.
Sie waren tot.
Die Hände, an die sie sich verzweifelt klammerte, gab es nicht mehr; sie waren nur noch Trugbilder.

Von Blue und Silver getötet, weil sie diese Trugbilder nicht mehr benötigten… und es war so dumm, so einfältig, sich diese Lügen zurück zu wünschen.
Green musste ihn und auch Siberu vergessen. Nein, nicht vergessen. Es musste ein Teil von ihr werden, sie musste daraus lernen.

Lernen wieder auf zu stehen.
Lernen wieder stark zu sein.
Alleine.


Es war klar, warum sich die beiden Dämonenbrüder nur im Tempel treffen konnten und nicht woanders. Die Gefahr, dass sie von anderen Dämonen beobachtet wurden, war recht hoch, angesichts der momentanen Situation und zum Tempel konnte ihnen kein Dämon folgen, da kein Dämon in der Lage war, den schützenden Bannkreis um den Tempel und allen anderen Stützpunkten der Wächter, zu überwinden; außer Silver und Blue, da Green eben dieses System manipuliert hatte. Der Tempel war aber nicht nur deswegen sicherer, als ein Ort in der Menschenwelt, denn, würden sie sich in der Menschenwelt treffen, könnte man ohne Mühe ihre Aura aufspüren: zwischen so vielen Menschen, die alle keine Aura hatten, waren zwei Dämonen genauso leicht zu finden, wie zwei Lichter in der Dunkelheit, ganz anders als in der Dämonenwelt, wo man selten jemanden fand anhand einer Aura; es waren schlichtweg zu viele Auren. Daher würde Ri-Il oder jemand anderes der sie möglicherweise im Auge behielt, sich wohl nichts weiter dabei denken, wenn er die beiden in der Dämonenwelt nicht auftreiben könnte: er würde sich wahrscheinlich nur darüber ärgern, dass er sie in der Menge der Auren verloren hatte.
Kaum, dass Silver das kleine Versteck erreicht hatte, startete er das Gespräch ohne Umschweife:
„Was sollen wir tun, Blue?“ Der Angesprochene federte sich von der Wand ab, an welcher er soeben noch gelehnt hatte und begann auf und ab zu gehen, während er seinem Bruder die Situation erklärte:
„Uns bleiben nur zwei Optionen: Den Befehl Ri-Ils Folge leisten und den Auftrag ausführen oder wir weigern uns, womit wir unseren Tod besiegeln.“
„Das sind ja rosige Aussichten“, antwortete Silver ohne, dass sich dabei Gefühle in seinem Gesicht wieder spiegelten. Blue ging weiter auf und ab, während er fort fuhr:
„Rosige Aussichten, die das gleiche Ergebnis haben.“ Nun schien sich Silver zu wundern, er hatte das, was für Blue nach dem Gespräch mit Ri-Il vollkommen klar gewesen war, wohl nicht bemerkt, daher blieb Blue nichts anderes übrig, als es seinem kleinen Bruder zu erklären:
„Um es noch einmal klarzustellen: Das Ziel unseres Auftrages ist es, Greens Element, das des Lichtes, zum versiegen zu bringen und sie daraufhin umzubringen, womit das Element ebenfalls sterben würde und niemals wiedergeboren werden würde“ Silver nickte, sagte jedoch nichts: wenn Blue etwas erklärte, war es besser nicht zu unterbrechen. Stattdessen folgte er seinen Bewegungen aufmerksam mit den Augen.
„Dieses Ziel erreichen wir dadurch, dass wir ihr simpel und ergreifend die grausame Wahrheit erzählen: das alles nichts weiter als ein lügenhaftes Schauspiel unsererseits war, mit nur dem einen Ziel als Hinsicht; mit besonderer Betonung darauf, dass wir nie etwas für sie empfunden haben, um sie so schwer wie es nur möglich ist, zu verletzen; ihre Seele leiden zu lassen. Doch, was würde passieren, würden wir uns weigern dies zu tun? Die Hohen würden uns ohne jeden Zweifel umbringen lassen, wenn es nicht sogar Ri-Il selbst wäre - der es ohne weiteres tun würde, immerhin würden wir so auch seinen Namen in den Schmutz ziehen. Es ist naiv zu glauben, dass Ri-Il Gnade walten lassen würde, nur weil wir seine Lieblingsschüler sind. Genauso naiv wäre es zu glauben, dass wir uns unser gesamtes Leben lang verstecken könnten; wir können also annehmen, dass die Missachtung des Befehls unseren Tod zur Folge haben würde. Wir würden sterben.
Wie glaubst du, würde Green darauf reagieren?“ Die Frage kam für Silver unerwartet, er war nicht nur überrascht über diese, sondern schien im ersten Moment nicht einmal darauf antworten zu können.
„Sie… würde traurig sein?“
„Ja, mehr als nur das, denn… wie Sensei gesagt hat; wir waren sehr überzeugend“, antwortete Blue mit einem ironischen Lächeln, während er daran zurück dachte, was Green ihm genau an diesem Ort gesagt hatte:

„... Du bist immer da, wenn ich dich brauche, egal ob es nun um das Kämpfen geht oder ob es nur der normale Schulalltag ist… Ich kann dir alles erzählen, sogar meine tiefsten Geheimnisse würde ich dir beichten… du hörst mir immer zu und hast für meine Probleme immer eine Lösung… Auch wenn sie dich manchmal gar nichts angehen. Weißt du… dieses Gefühl des Verlasses ist für mich unheimlich wichtig… da ich früher nie Jemanden hatte, mit dem ich so offen reden konnte wie mit dir… Du bist für mich…. Sehr wichtig…“ Green atmete kurz durch und sah dann lächelnd auf:
„Du bist mein Vertrauter, Demjenigen dem ich am aller meisten vertraue!“

„Ja… wir waren sehr überzeugend.“ Während Blue dies sagte, spürte er einen Moment lang, wie seine Augen brannten, als würde er jeden Moment anfangen, der plötzlich aufkommenden Trauer nachzugeben. Um sich von dieser abzulenken, kehrte er zu seiner eher rational geprägten Erklärung zurück, versucht so wenige Gefühle wie möglich hinein fließen zu lassen:
„Ich glaube nicht, dass wir unsere Fantasie besonders anstrengen müssen, um uns denken zu können, wie die Hohen uns umbringen würden: sie würden es so inszenieren, dass es den gleichen Effekt erzielt, wie das Ausführen des Auftrages, nämlich das Versiegen von Greens Element. Von dem Moment an, wo ich in unseren Berichten schrieb, dass Green uns mehr als nur mag, konnten sie sich sicher sein, dass sie so oder so eine Hikari hätten, die keine Gefahr für sie darstellt.“ Blues Vortrag wurde von Silver unterbrochen, welcher mit der Faust gegen die Steinwand schlug und damit die Aufmerksamkeit seines Bruders auffing. Mit vor Zorn glühenden Augen donnerte der Rotschopf:
„Diese Arschlöcher! Sie haben uns also die ganze Zeit an der Nase herum geführt!“ Doch Blue blieb ruhig, als er entgegnete:
„Silver, wir sind seit zehn Jahren ebenfalls Teil dieser „Gesellschaft“ – warum überrascht dich das also? Mich überrascht eher, dass ich nicht selbst darauf gekommen bin…“ Silver trat noch einmal gegen die Wand, ehe er anfing ebenfalls auf und ab zu gehen, offenbar vor Wut kochend. Gerade als Blue ihm sagen wollte, dass er ja keine unüberlegten Sachen tun sollte, sagte Silver:
„Und wenn wir uns vorher selbst umbringen?!“ Blue sah ihn kurz verdutzt an, überrascht darüber, dass er so weit für Green gehen würde, obwohl er selbst ebenfalls darüber nach gedacht hatte.
„Natürlich, das wäre eine Möglichkeit, aber… wir können nicht wissen ob die Trauer über unseren Tod, wenn auch ohne den Beitrag der Hohen, nicht ebenfalls den Tod ihres Elementes bewirkt.“ Deutlich sah Blue Silver an, wie es in seinem Kopf brodelte und das ihm nach alles andere zumute war, als nun logisch zu denken, um einen Plan zu entwickeln: ihm war nach Handeln zumute, nach Handeln mit explosiven Beigeschmack. Doch gerade als Blue ihm diesen Zahn ziehen wollte, kam ihm sein Bruder zuvor:
„Glaubst du, Sensei hat Recht und Green-chan würde uns selbst in die Dämonenwelt folgen?“ Blue musste nicht lange darüber überlegen und antwortete:
„Ich bin mir dessen sehr sicher.“ Er schwieg einen Moment lang, was Silver bemerkte und daher nicht auf die Worte seines Bruders antwortete, sondern wartete, bis er selbst sprach:
„Wo ich mir allerdings nicht sicher bin, ist die Sache mit dem Bannkreis. Wenn es wahr ist, dass Ri-Il und womöglich auch die Hohen, den Bannkreis von Anfang an im Hinterkopf hatten, dann ist das, was wir immer nur als unseren Auftrag angesehen haben, weitaus mehr. Ich war mir ja schon von Anfang an bewusst, dass der Auftrag für unsere Kriegsführung außerordentlich wichtig ist… und das wir daher mit unseren Leben spielen – aber, dass er so vielschichtig ist, hätte ich nicht gedacht.“ Silver hob daraufhin die Augenbrauen, denn es klang fast danach, als würde Blue sich darüber wundern, dass Dämonen in der Lage waren einen mehr oder weniger intelligenten Plan zu entwerfen. Doch Blue war noch nicht fertig:
Die Hohen versuchen schon seit Bestehen des Bannkreises ihn zu brechen und soweit ich weiß, völlig erfolglos. Dennoch denke ich nicht, dass sie von Anfang an das Problem mit den Bannkreis und unseren Auftrag miteinander verknüpft haben… Ich bin mir sogar Recht sicher, dass dies nicht der Fall ist. Natürlich hat Sensei Recht, dass es weit aus wahrscheinlicher ist, dass die Wächter wissen wie man den Bannkreis neutralisiert, doch das Green dies aus Zuneigung zu uns tun würde, das konnte er erst durch die Berichte unsererseits wissen und das schließt wiederum die Beteiligung der Hohen aus, denn, zwar wurde der Auftrag von allen ausgearbeitet, doch es war Ri-Il der unsere Berichte las und soweit ich weiß, hatte er diese nie den Hohen vorgelegt, sondern sie nur vom Status des Verlaufes berichtet.
Mittlerweile kennen wir ja unseren Sensei auch gut genug, um zu wissen, dass er eine solche Information für sich behalten würde, für seinen eigenen Vorteil. Denn wenn Green wirklich uns hinterher rennt und damit das Siegel bricht, dann ist es sein Verdienst.“
„Und was machen wir, wenn sie da ist?“ Blue wandte sich von seinem Bruder ab und schritt an ihm vorbei, mit Blick Richtung den dunklen Abendhimmel, ohne etwas zu sagen, tief in seinen Gedanken versunken. Silver unterbrach ihn nicht, sondern sah in die gleiche Richtung. Erst als Blue ihm antwortete, sah Silver ihn wieder an, sprachlos:
„Wir führen den Auftrag aus, wie es unser Befehl ist.“ Der Rotschopf war zu geschockt um etwas zu antworten, doch sein Blick war Antwort genug, daher begann Blue ein wenig zögernd zu erklären:
„Genau so, wie es von Anfang an vorgesehen war: wir erzählen ihr die Wahrheit, brechen damit ihr Element.“
„Und dann… töten wir sie? Was bitte ist denn das für ein beschissener Plan!?“, entfuhr es Silver wütend, nachdem er kurz über die Aussage seines Bruders gestutzt hatte. Jedoch ließ Blue sich davon nicht abbringen und fuhr fort:
„Wir töten sie nicht. Wir lassen es so aussehen und sie entwischt uns dabei „zufällig“.“
„So… aussehen? Ein Schauspiel?“ Blue bestätigte dies durch ein Nicken und wollte gerade ausführen als Silver ihn unterbrach:
„Das gefällt mir. Mittlerweile sind wir darin ja schon Profis… Aber was ist mit den Hohen? Wenn wir Green nicht umbringen können, heißt das ja, dass wir unfähig gewesen sind und das ist auch Grund genug um uns umzubringen. Immerhin haben wir dann ja versagt.“ Silver sah Blue fragend an, wartete auf eine Antwort, die ausfiel. Doch deutlich sah er ihm an, dass er nachdachte – nein, es wirkte viel eher so, als hätte er bereits eine Idee, die sie aus dieser Situation retten könnte. Doch anstatt Silver eine Erklärung zu geben, stellte er ihm stattdessen eine Frage:
„Glaubst du daran, dass Green ihr Element wieder finden wird?“ Verdutzt über diese Frage schwieg Silver einen Moment lang, obwohl die Antwort sofort vor seinem geistigen Auge stand, welche er nun auch aussprach:
„Selbstverständlich tue ich das.“
„Und vertraust du mir?“ Ein weiteres Mal sah er ihn fragend an und kam nicht drum herum zu fragen, worauf dieses Gespräch hinaus lief. Doch Blue war nicht gewillt ihm eine Antwort zu geben, sondern sagte:
„Ich habe einen Plan, den ich dir jetzt allerdings noch nicht erzählen kann. Der Grund dafür ist, dass es vor den Hohen so wirken muss, als ob nur ich es wissen würde und ja, ich weiß, dass du überrascht spielen kannst, aber es ist zu gefährlich.“ Ein Seitenblick Blues genügte um ihn zu sagen, dass Silver davon überhaupt nicht begeistert war und sofort stellte er sich auf Proteste seinerseits ein, welche jedoch zu seiner Überraschung ausblieben. Er wusste, dass es Silver nicht gefiel im Ungewissen zu verweilen und eigentlich gefiel es Blue ebenfalls nicht, denn immerhin waren sie Brüder und ein Team. Doch gerade weil Silver sein kleiner Bruder war, sein einziges Familienmitglied, musste er das tun. Sein eigenes Leben hatte an Wert verloren, doch das seines Bruders musste er beschützen. Also würde er die Verantwortung übernehmen. Würde Silver dies wissen, zusammen mit Blues Plan, würde er versuchen es ihm ausreden zu wollen und das wollte Blue umgehen.
Dieser wurde aus seinen Gedanken gerissen, als er Silvers Hand auf seiner Schulter spürte, welche ihm einen aufrüttelnden Klaps gegeben hatte, woraufhin sie dort liegen blieb, während er sagte:
„Blue, hör mir mal ganz genau zu: Wir haben das hier gemeinsam angefangen und wir werden das auch gemeinsam zu Ende bringen.“ Einen Moment schwieg er, anscheinend wurde ihm genau wie Blue bewusst, dass sie es eigentlich nicht gemeinsam angefangen hatten, sondern, dass es von Anfang an Blues Auftrag gewesen war – doch scheinbar blieb er bei seiner Aussage und auch Blue sagte nichts um ihn zu korrigieren, also fuhr Silver fort:
„Wir sind Brüder, ein eingespieltes Team. Alleingang passt nicht zu uns, zu keinem von uns. Mir ist vollkommen klar, dass wir, wenn wir es so durchführen wie wir es nun geplant haben, ein Leben auf Messers Schneide führen werden und wir werden unsere leben gemeinsam aufs Spiel setzen, klar? Ich bin alt genug um für mich selbst entscheiden zu können und wenn ich mich für dieses Leben entscheide, ist es meine Sache, wenn ich dabei abkratze oder nicht. Aber glaub mir…“ Silver gab ihn einen weiteren Klaps auf den Rücken, ehe er seine kleine Ansprache fortsetzte:
„So leicht werde ich nicht sterben. Du kannst mir glauben, dass ich so ein Intrigantenspiel so lange spielen werde, wie möglich und ich werde mir von dir nicht den Spaß verderben lassen!“ Spaß? Ein kleines Lächeln huschte Blue über die Lippen, als er daran dachte, dass nur ein einziges Wesen auf die Idee käme solch eine Situation als spaßig zu bezeichnen. Es war unglaublich, dass Silver, trotz solch einer Situation, immer noch er selbst bleiben konnte… während Blue bereits leichte Risse in sich verspürte.
„Also, erzählst du es mir nun?“
„Du glaubst, nur wegen dieser sentimentalen Ansprache, erzähle ich es dir?“
„Natürlich denke ich das! Das gehört sich jawohl so.“
„Dann solltest du deine Einstellung vielleicht überdenken, denn meine Antwort bleibt nein. Ich dachte du vertraust mir?“
„Vertrauen ist eine Sache, aber du bist nicht mein Vormund!“ Die gerade erst heiter gewordene Stimmung verflog schnell, als Blue wählte nicht zu antworten. Gedankenverloren sah er in die Nacht hinaus und Silver wusste, dass es diesmal nichts bringen würde, wenn er nachhacken würde; Blue würde es ihm nicht erzählen, egal wie hartnäckig Silver sein würde. Viele Fragen brannten ihm auf der Zunge, doch er wagte es nicht diese zu stellen, da er nicht noch mehr Zweifel in Blue wecken wollte, als sowieso schon. Denn die Frage, was Blue und Green widerfahren war, ehe er mit seinem Bruder in die Dämonenwelt aufbrach, war in diesem Moment sicherlich alles andere als angebracht. Doch er kam nicht drum herum sie sich selbst zu stellen, immerhin hatte er noch am Vorabend von seinem Bruder erfahren, dass dieser den Auftrag nicht durchführen würde und stattdessen mit Green zusammen leben wollte. Was war passiert, dass er es sich nun plötzlich anders überlegt hatte?
Die gleiche Frage beschäftigte ihn ebenfalls, als er nach dem Ausführen des Auftrages nach seinen Bruder suchte, nachdem er sich noch mehrere Stunden mit sich und seinem Gewissen abgeplagt hatte und der Frage, ob er Blue hinterher sollte oder nicht. Letzten Endes hatte seine Sorge gesiegt und er hatte sich auf den Weg gemacht ihn zu suchen.
Das Suchen eines Halbdämons in der Welt der Dämonen war allerdings beinahe ein unmögliches Unterfangen, denn es war als würde man eine Nadel im Heuhaufen suchen wollen. Obendrein hatten weder Blue noch Silver irgendwelche Orte zu denen sie besondere Erinnerungen knüpften, außer deren Trainingsort und dort war er nicht. Ob er womöglich in der Menschenwelt war? Nein, das glaubte Silver nicht; Blue plagte sich bereits genug mit seinen Erinnerungen, warum sollte er dann in die Menschenwelt gehen, wo die Erinnerungen sein Gewissen nur noch weiter belasten würden?
Ratlos stand Silver auf der Handelsroute, die nach Lerenien-Sei führte und fragte sich, ob er dort nach ihm suchen sollte, immerhin war es dort, wo sie Green die Wahrheit gesagt hatten. Oder die Halbwahrheit, oder die… ach, er wusste nicht wie er es definieren sollte.
Doch ehe Silver sich weiter darüber Gedanken machen konnte, wo er Blue suchen sollte, stellten sich diese Gedanken bereits als Zeitverschwendung heraus, denn er spürte hinter sich eine bekannte Aura und sofort wirbelte er herum, um seinen Bruder zu sehen, der nur ein paar Meter von ihm entfernt stand, mit einem fast schon vorwurfsvollen Blick. Silver war überrascht darüber, dass Blue seine Gefühle doch recht gut verstecken konnte, denn die Trauer, die er selbst in sich spürte, konnte er nicht in dem Gesicht seines Bruders erkennen.
„Was machst du denn hier?“, fragte Silver und bemerkte, dass er dabei besorgter, aber auch erfreuter, klang als er es eigentlich geplant hatte.
„Ich habe dich gesucht.“
„Das Gleiche hab ich ebenfalls.“ Silver überlegte kurz, ob er ihn fragen sollte, wo er gewesen war, entschied sich aber doch anders.
„Lass uns gehen.“ Silver schreckte aus seinen Fragen auf und sah Blue an, der sich von ihm abgewandt hatte. Der Klang seiner Stimme überraschte ihn, denn sie klang auf einmal brüchig.
„Wohin?“, fragte er und bemerkte, dass sich auch in seiner Stimme Gefühle mit hinein mischten, die er sich nun eigentlich nicht mehr erlauben konnte.
„Der Weg zurück ist abgetrennt. Es gibt nur noch einen Weg: gerade aus. Gerade aus, in die ungewisse Dunkelheit.“ Damit ging Blue an ihm vorbei, Westwärts, weg von Lerenien-Sei. Einen Moment zögerte Silver, ehe er es ihm gleichtat und schon verlor Blue seinen kleinen Vorsprung und sein kleiner Bruder ging neben ihn.
Schweigend gingen sie neben einander her, sich beide bewusst, dass sie in diesem Moment ihre Zeit vergeudeten, denn sie könnten sich genauso gut teleportieren, doch es war, als würde der jeweils andere darauf warten, dass etwas gesagt oder gefragt wurde – eine Frage die letz endlich Silver fragte, eine Frage, die er schon lange nicht mehr gestellt hatte; eine ganz banale Frage:
„Wie geht es dir, Aniki?“ Der Rotschopf blieb stehen, während Blue noch wenige Schritte weiterging, ehe er ebenfalls stehen blieb, womit Silver den Rücken seines Bruders ansah, als er auf eine Antwort wartete.
„Warum fragst du, wie es mir geht?“
„Weil ich finde, dass ich diese Frage nicht oft genug gestellt habe.“ Genau wie es umgekehrt der Fall war, dachte Blue auf einmal und wusste plötzlich genau, was diese Frage zu bedeuten hatte. Sie hatten nie über ihre Gefühle gesprochen. Das Silver eine nun so direkte Frage stellte, war fast ein kleiner Durchbruch für sie.
„Es geht mir beschissen“, antwortete Blue ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Silver schritt einige Meter nach vorne, womit er wieder auf der gleichen Höhe war und fragte, mit dem Blick gerade aus:
„Und was machen wir dagegen?“
„Wie wär‘s mit weitergehen?“

Ja, es blieb ihnen nichts anderes übrig als weiter zu gehen. Weiter machen, obwohl ihr Herz sie in eine andere Richtung zerren wollte. Das würde ihre neue Herausforderung werden, ihr neuer „Auftrag“.

Für das Licht in ihrem Leben.

„Und wie geht es dir, Silver?“
„Ebenfalls beschissen, aber ich glaub es wird schon.“



Green stand. Sie stand aufrecht. Langsam hob sie den Kopf, sah in den dunklen Nachthimmel hinaus. Wie lange hatte sie auf den Boden gelegen? Lange genug. Zu lange.
Sie musste sich bewegen.
Mit einem entschlossenen Ruck zog sie den Schlauch aus ihren Ellbogen und drehte sich um.
Mit langsamen Schritten durchquerte sie das Zimmer, bis sie schon die Türklinke in der Hand hielt und sie herunter drückte. Der Gang war kalt, dunkel und verlassen. Es war ihr egal. Sie zögerte nicht, schritt einen Schritt vor dem anderen, bis sie beschleunigte.
Zuerst ging Green nur schneller.
Dann rannte sie.
Sie sprang die Treppenstufen über, sprang die Stufen herunter. Die Bilder, die Statuen, die ihren Weg kreuzten, sah sie nur in einem Wirrwarr aus Farben. Ihre Haare wehten hinter ihr her wie ein Schleier. Ihre Kleidung wollte sie sich am liebsten vom Leibe reißen, weil ihr diese wie eine Hinderung vorkamen.
Green wollte rennen. Rennen und nie wieder aufhören.
Sie stieß eine Tür nach dem anderen auf, ohne zu verlangsamen. Sie rannte an Itzumi vorbei, ohne sie zu sehen. Sie rannte auf den steinigen Wegen in der kalten Nachtluft, ohne zu merken, dass es in dieser winterlichen Nacht kalt war. Sie hörte nur das Rauschen ihres Atems, das schnelle Schlagen ihres Herzens und den Drang nie wieder aufhören zu wollen. Sie wollte sich bewegen. Sie wollte nie wieder still stehen.
Doch ihre Flucht hatte ein Ende, sie war an einer Sackgasse angekommen. Die Hikari wusste nicht wohin sie das Adrenalin in ihrem Körper geführt hatte. Sie sah die doppelte Tür vor ihren Augen, spürte das aufflammende Licht der morgendlichen Sonne auf ihrer Haut und öffnete die Tür mit pochendem Herzen.
Zuerst betrat Green Dunkelheit, doch als sie den ersten Schritt gesetzt hatte, erhellte der Raum sich und magisches Licht erhellte die Halle. Erst da wusste Green wo sie gelandet war: In der Turnhalle des Tempels. Etwas regte sich bei diesem Bild in ihr, eine wage Erinnerung. Hier hatte sie mit Grey trainiert, sie hatte hier einige Techniken gelernt… Techniken die sie nicht mehr einsetzen konnte.
Green dachte nicht darüber nach was sie tat. Sie handelte aus Instinkt, tat das, was ihr dieses befahl. Neben der Tür befand sich ein Kontrollpult, welches man auch ohne Magie bedienen konnte. Green drückte einen der vielen Knöpfe und an der Wand ihr gegenüber tat sich etwas. Sie drehte sich um und sah, wie die Steinwand sich beiseite schob und das Arsenal an Sportutensilien freigab, die fein, säuberlich und pingelig aufgehängt waren. Green durchquerte die 100 Meter lange Turnhalle und sah sich die Auswahl an Gerätschaften an.
Sie musste sich bewegen – und es war ihr egal wie.
Green entdeckte eine Menge Gerätschaften die ihr fremd waren. Wahrscheinlich gehörten diese zu Sportarten, welche die Wächter ausübten. Neben diese waren jedoch auch die Regulären, die auch Menschen benutzen.
Und etwas weiter nach der Mitte sah sie das, was sie gesucht hatte.


Im gleichen Tempo wie auch wenige Minuten zuvor, hatte sie den Tempel durchquert und war wieder in ihrem Zimmer angekommen. Silence war jetzt da, doch Green achtete nicht auf sie. Sie bemerkte nicht einmal ihren skeptischen Blick, als die Hikari sich ihre Kleider förmlich vom Leibe riss, ihren Koffer ausleerte und ihren Sportsdress fand und anzog. Während sie ihre Haare zu einem Zopf band, sagte sie:
„Folg mir nicht, Silence. Sag Grey und den anderen, dass ich alleine sein will und muss.“
„Was in Lights Namen hast du vor?“ Green nahm ihren Mp3-Player und schritt zur Tür. Ehe sie diese aufstieß und wieder zu rennen anfing, sagte sie:
„Stark werden.“


„Wie will sie das durch Rhythmische Gymnastik erreichen?“ Grey war genauso verwundert über Greens plötzlichen und abrupten Sinneswandel wie Silence, als sie ihm das erzählte. Er saß an seinem Schreibtisch, welcher überfüllt war mit Skizzen und Planungen. Auch in diesem Augenblick war er im Gange etwas zu zeichnen. Nur manchmal sah er auf, obwohl Silence genau wusste, dass ihn alles, was sie über Green berichten konnte, brennend interessierte. Doch die Zeiten wo er sich still hin setzen konnte, einen Tee trinken und mit Silence reden konnte, waren endgültig vorbei.
„Frag mich nicht. Ich bin genauso ratlos wie du!“, antwortete Silence auf Greys Frage und fuhr aus:
„Fakt ist, dass sie es tut. Sie tanzt wie eine Wahnsinnige. Du solltest ihren Blick sehen! Als wäre sie besessen davon. Seit gestern macht sie nichts anderes mehr. Selbst im Schlaf bewegt sie sich und schon vor dem Morgengrauen steht sie wieder auf den Beinen und vollführt diese Küren - oder wie auch immer man das nennt.“ Grey seufzte tief und sah zum ersten Mal auf. Das Verhalten seiner Schwester erinnerten ihn an sich selbst, wenn er an etwas arbeitete: dann hörte und sah er auch nichts mehr.
„Ich sehe ja schon wie diese Sportart relevant für Green ist. Immerhin baut ihre gesamte Kampftechnik darauf.“
„Ja. Das habe ich auch schon überlegt. Wenn ich ihr dabei zuschaue, entdecke ich auch Spuren ihrer Techniken. Sie führt dieses… dieses Ding, wo dieses Band dran ist...“
„Ich weiß was du meinst“, antwortete Grey ein wenig erheitert über Silence‘ Versuch es zu erklären. Diese schien ihre Peinlichkeit zu bemerken und fuhr sofort fort:
„Jedenfalls führt sie dieses etwas als wäre es ihr Starb. Sie wählt auch nie einen der anderen Gerätschaften aus. Daher denke ich schon, dass sie auf diesen Weg zu ihrer Magie zurückfinden will.“
„Du denkst es? Weißt du es nicht durch ihre Gedanken?“
„Sie… denkt nicht wirklich. Jedenfalls nicht so, dass ich klar sagen kann, was sie vorhat. In ihrem Kopf ist teilweiße ein Haufen Wirrwarr, das gleiche Chaos welches sie schon seit jenem Tag heimsucht und ein anderes Mal wieder, sehe ich nichts außer Leere.“ Grey wandte sich wieder von ihr ab und senkte den Blick. Silence sah, dass er über ihre Worte nachdachte und dass diese Sorge in ihm hervorriefen. Wahrscheinlich wollte er am liebsten selbst mit ihr reden, ihr beistehen. Er wünschte er sich nichts sehnlicher als ihr zu helfen: dazu musste Silence seine Gedanken nicht lesen.
Grey wollte sich wohl ablenken und richtete seine Aufmerksamkeit wieder seiner Feder. Wenn er so in seiner Arbeit vertieft war, erinnerte der Windwächter sie an Tao… Auch wenn niemand Tao in seiner Zielstrebigkeit übertrumpfen konnte.
Ein Gedanke an ihn genügte, um sie nun ebenfalls traurig zu stimmen. Silence versuchte immer alle Gedanken an ihn so gut es ging zu verdrängen. Sie konnte keine Schmerzen fühlen, da sie tot war… doch die Sehnsucht nach ihm löste einen Schmerz in ihr aus, als würde man sie durchbohren.
Genau wie Grey, wollte die Yami sich ablenken und um dies zu tun, fragte sie:
Woran arbeitest du?“ Der Windwächter sah nicht auf, als er antwortete:
„An einer Uniform für Green. Ich denke, sie wird sie bald brauchen.“