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Episode 21
  Episode 21: Zurück zu den Wurzeln
Eine Woche später


„Das ist ja unglaublich!“ Dies dachte Ryô ebenfalls, doch aus einem anderen Grund, wie sein Herr: der Tempelwächter fragte sich wieder einmal, wie blind Grey eigentlich war, denn seine Röte musste ihm ins Gesicht geschrieben stehen, nachdem der Windwächter seine neuen Hände ergriffen hatte und diese nun fest in den seinen hielt, vollkommen darüber erstaunt wie naturgetreu sie aussahen. Ryô war weniger wegen seinen neuen Händen sprachlos, sondern eher auf Grund dessen, dass Grey sie recht intensiv drückte, besonders als er seinen Tempelwächter fragte, ob er wirklich alle Berührungen spüren konnte. Ryô wollte darauf antworten, doch brachte keinen vernünftigen Satz zustande, sondern nur ein Nicken – ein Nicken, welches dem ganzen die Krone aufsetzte, denn Greys Gesicht begann zu strahlen und ehe der Tempelwächter sich versah, umarmte sein Herr ihn bereits, nicht darauf achtend, dass sie nicht die einzigen im Raum waren.
Nur einen Moment lang wahrte die Umarmung, zu kurz, als dass Ryô sie irgendwie hätte erwidern können, aber lange genug um ihn vor Rührung erstarren zu lassen.
„Ach, ist das schön, dich wieder mit Nachhause nehmen zu können!“ Aus reiner Freude darüber, nahm Grey die Tasche seines Tempelwächters und wollte sich gerade zur Tür drehen, als sich die Tür zum Zimmer öffnete und Aores in eben dieser Tür stand, gefolgt von seiner Tempelwächterin Cecilie, die sich nicht nur vor Grey verneigte, sondern auch vor Ryô.
„Was führt Sie hierher?“, fragte Grey und stellte die Tasche wieder ab; diese Chance nutzte Ryô und ergriff sie sofort, ehe Grey es sich anders entscheiden könnte.
Es fühlte sich gut an, wieder tätig zu sein; Dinge mit seinen Händen zu berühren. Seine neuen Hände waren so echt, dass er fast vergaß, dass er seine echten verloren hatte. Das einzige, was davon zeugte, dass sie Implantate waren, war eine kleine, dünne Narbe an jeder Hand – ein Preis den er alle mal willig war zu bezahlen. Er würde jeden Preis bezahlen, solange er an Greys Seite sein durfte. Von einem Moment auf den anderen war dies in Gefahr geraten, ausgelöscht worden. Er hatte nicht nur seine Hände verloren, sondern auch noch etwas anderes; etwas, das ironischer weise ebenfalls verloren gegangen war in den weiten der Dämonenwelt: ein Perlenarmband, ein Armband welcher jeder Tempelwächter erhielt, sobald er seinem Herren zugeschrieben wurde. Es war ein Zeichen der ewigen Loyalität und den einzigen privaten materiellen Gegenstand den die meisten Tempelwächter besaßen – und nun lag eben dieser Gegenstand irgendwo im Sand Henels vergraben.
Eigentlich hatte Ryô es gar nicht verdient, wieder an Greys Seite zu sein. Er hatte seine gesamte Existenzgrundlage verloren und dennoch war er nun wieder dort, wo er hingehörte – obwohl ein Krieg vor der Tür stand, fühlte Ryô ein unglaubliches Gefühl von Glück; war er überhaupt jemals so glücklich gewesen? Natürlich, er trauerte dem Armband hinterher, doch besser als jeder andere Wächter wusste er, dass Loyalität nicht von einem Armband abhängig war.
„Gut, dass ich Sie hier treffe“, sagte Aores, als wäre es ein Zufall, dass er sich gerade diese Tür ausgesucht hatte.
„Ich muss mit Ihnen über Hikari-samas Heuschnupfen reden.“ Verwundert wurde sein ernster Blick erwidert und Grey fragte sofort:
„Heuschnupfen? Green hat… ach! Den Heuschnupfen!“ Mitten in seinem Satz hatte Grey plötzlich verstanden, was Aores meinte - er hätte es jedoch nicht ohne den Blick Ryôs bemerkt, der ihn einen Seitenblick gegeben hatte, der ihm gesagt hatte, dass Aores natürlich daran gedacht hatte, dass sie nicht vor vier anderen Wächtern von Greens Zustand reden konnten.
„Wenn Ihr mir also bitte in mein Büro folgen mögt?“, fragte Aores höflich und Cecilie hielt Grey die Tür auf, als dieser den Raum, zusammen mit Ryô, verließ.
Die beiden Wächter sprachen nicht miteinander auf den Weg zu Aores‘ Büro, doch Cecilie sprach ihren Kollegen an, die beide hinter deren Herren gingen:
„Schön, dass es dir wieder gut geht, Ryô-kun.“
„Danke, Cecilie-san“, antwortete der Angesprochene ein wenig geschmeichelt, auf Grund ihrer Freundlichkeit; immerhin kannten sie sich kaum, daher überraschte ihn auch ihr nächster Satz:
„Du scheinst ja richtig froh darüber zu sein, gleich wieder mit der Arbeit anfangen zu können. Andere Tempelwächter hätten sich über die Ferien gefreut.“ Er errötete ein wenig und wusste nicht was er darauf antworten sollte, doch sie fuhr bereits aus:
„Aber ich kann dich gut verstehen. Ich wäre auch totunglücklich, würde ich nicht arbeiten können.“ Ihr Blick bewegte sich weg von Ryô und sie sah das breite Kreuz ihres Herren an; einen Moment lang war ihr Blick verträumt und Ryô musste nicht fragen: er hatte schon verstanden. So sah ein Tempelwächter aus, der mehr für seinen Herren fühlte, als bloße Hingabe.
Ihr Blick hielt jedoch nur einen Moment lang, ehe sie, wie es sich für eine gute Tempelwächterin gehörte, nach vorne flitzte, um Aores die Tür zu seinem Büro aufzuhalten und kaum, dass Grey sich gesetzt hatte, fragte sie ihn ob er einen Tee oder sonstiges Getränk wünschte, was er jedoch ablehnte. Während Aores sich hinsetzte, nahm Ryô erfreut seinen gewohnten Platz hinter Grey ein. Einen Moment lang fiel es ihm sogar schwer, seinen monotonen Gesichtsausdruck zu bewahren, denn er hatte viel eher das Verlangen breit und strahlend zu lächeln.
„Bevor wir mit dem eigentlichen Gespräch anfangen, möchte ich mich gerne bei Ihnen bedanken, Aores-san, dass sie Ryô das Leben gerettet haben“, sagte Grey während er den Kopf senkte, fast so als würde er sich vor seinem Gesprächspartner in Ehrfurcht verbeugen. Doch dieser machte eine fast schon genervte Handbewegung und antwortete:
„Das ist absolut nicht der Rede wert; ich mache meine Arbeit und Sie ihre. Lassen Sie uns zum Kern kommen.“ Grey verärgerte diese Aussage ein wenig, denn anders als Cecilie wusste er nicht, dass Aores sich schon über die Danksagung freute, obwohl er dies nicht zeigte.
„Ich habe noch andere Patienten, die meine Aufmerksamkeit benötigen“, und mit diesen Worten streckte er die Hand hinter sich über seine Schulter aus, damit seine eigene Tempelwächterin ihm ein Dokument geben konnte – auf Greys missgestimmtes Gesicht achtete er nicht, sondern überflog das Dokument ehe er mit seinem Vortrag anfing:
„Die Werte unserer Hikari-sama haben sich gebessert. Von Stabilisierung kann keine Rede sein, aber sie ist wieder in der Lage das Bett zu verlassen.“ Grey bemühte sich sein höfliches Lächeln aufrecht zu erhalten, denn es war sicherlich nicht angebracht zu erwähnen, dass Green seit einer Woche nichts, aber auch gar nichts, im Bett halten konnte.
„Weiterhin ergaben die Untersuchungen, dass nach wie vor kein Funken Licht durch ihre Adern fließt, sie sollte sich daher schonen. Zwar ist es gut, dass sie das Bett wieder verlassen kann, aber sie sollte sich nicht zu viel belasten und sich oft ausruhen.“ Der Windwächter bemerkte wie sein Lächeln steifer wurde, bei den Gedanken, dass Green alles andere Tat als sich zu schonen: sie trainierte wie ein Berserker.
„Ich wiederhole mich und betone, dass Hikari-sama so oft es geht Sonnenlicht aufnehmen soll. Da im Tempel momentan der Winter anbricht, sollten Sie ihre Schwester vielleicht die Baustelle von Espiritou del Aire zeigen. Dort ist momentan Sommer.“
„Espiritou del Aire?“, fragte Grey verwundert und zugleich nicht erfreut über diesen Vorschlag. Es war sicherlich eine gute Idee; Greens Gesundheit würde es gut tun und auf der anderen Seite war es politisch auch zum Vorteil, wenn Green sich unter das Volk mischte. Aber es konnte auch das Gegenteil erzielen, immerhin… verband Green viel mit diesem Ort und das Letzte was Grey wollte, war, dass Green sich wieder ihren Erinnerungen hingab.
„Man kann sich bereits die ersten Häuser sichern.“
„Ahja“, antwortete Grey, da er wenig an einem Gespräch über Immobilien interessiert war. Doch scheinbar teilte Aores diese Auffassung nicht, denn er führte aus:
„Was ist mit Ihnen, Grey-sama? Wollen sie nicht auch umziehen? Im Tempel muss es doch ziemlich bedrückend sein und da Ihr bereits verlobt seid, nehme ich an, dass Ihr sicherlich bald eine Familie gründen werdet.“ Die Wangen Greys wurden Rot als er daran dachte mit Ilang eine Familie zu gründen, denn plötzlich fiel ihm auf, dass er darüber noch gar nicht nachgedacht hatte. Es war ein Thema welches ihm im Moment beinahe banal vorkam, genauso wie die Frage ob er irgendwann umziehen würde oder wie die Häuser auf Espiritou del Aire aussahen. Denn genau Aores wusste auch er, dass ein Krieg nicht mehr lange unvermeidlich sein würde, auch wenn die Frage nach dem „wie“ immer noch ungeklärt blieb, da das Siegel, trotz dem Überschreiten von Green, Silence, Ryô und ihm noch intakt war und sich seitdem nichts verändert hatte.
Das Aores sich über das Umziehen Gedanken machte, bewies, dass die nicht eingeweihten Wächter über einen möglichen Krieg überhaupt nicht nachdachten. Sie fühlten sich geschützt vom Siegel – die Paar Halbdämonen und Mischlinge die ab und zu mal auftauchten, waren nichts im Vergleich zu dem, was sie alle kannten und vergessen wollten. Wenn sie erfuhren, dass die Dämonen möglicherweise einen Weg gefunden hatten das Siegel zu überwinden, dann wäre der Optimismus sofort dahin. Ganz zu Schweigen von der Baustelle Espiritou del Aires, die plötzlich sehr unnütz wäre.
Grey wusste nicht, wie er zu diesem Thema stand. Auf der einen Seite konnte er die Hikaris gut verstehen, die noch kein offizielles Statement abgeben wollten, solange sie nicht wussten, auf was sie ihre Wächter vorbereiten sollten. Es gab schlichtweg zu wenig Information und eine unbegründete Panik war nicht gerade ein Vorteil – eine Panik, die unweigerlich ausbrechen würde, wenn man einen Krieg verkünden würde und im gleichen Atemzug noch mitteilen musste, dass Green keine Lichtmagie anwenden konnte und auch die Erbfolge nicht mehr gesichert war.
Auf der anderen Seite, waren die Wächter so gänzlich unvorbereitet, lebten noch in dem Glauben ihre Kinder könnten sorglos aufwachsen, in einem neuen Haus auf Espiritou del Aire. War das unfair, oder einfach nur Schutz?
Aber bis jetzt war noch nichts sicher. Keine Kriegserklärung, keine Kriegsähnlichen Aktionen, keine Veränderungen des Siegels – nur eine Vermutung, dass es so weit sein könnte, nun, da sie ihre größte Gefahr ausgelöscht hatten; das Licht.
Und vielleicht sollten sich die Dämonen lieber beeilen.
Denn wer wusste schon, wie lange das Licht noch in tiefer Dunkelheit schlafen würde?


„SPITIT OF LIGHT!” Green war sich sicher, dass diese Attacke ihren Gegner ausschalten würde; denn wie die Anzeige, vor ihren Augen ihr mitteilte, war dieser Dämon nicht besonders stark. Doch schnell stellte sich heraus, dass sie dem Computer wohl lieber nicht vertrauen sollte. Greens Attacke hatte nicht ausgereicht und durch den entstanden Lichtwirbel hindurch, holte der Dämon aus, wollte nach der Hikari greifen, doch diese konnte ihm soweit ausweichen, dass er nur ihre rechte Schulter auf riss.
„Punkte Abzug, Hikari-sama.“
„Fresse!“, zischte Green der mechanischen Stimme zu, die trotz ihrer Unechtheit, in Greens Ohren so klang, als würde diese sie verspotten. Darauf achtete sie jedoch nicht, da sie damit beschäftigt war seitlich auszuweichen, so dass nur ihr Kleid darunter zu leiden hatte. Das Licht, von Greens Attacke, war erloschen und die Hikari war im Moment nicht in der Lage mit einer weiteren Attacke nachzusetzen, da sie gezwungen war sich auf das Ausweichen zu konzentrieren.
„Empfohlene Taktik: Umgebung nutzen, Hikari-sama.“ Green knirschte als Antwort mit den Zähnen: sie wusste nicht was schlimmer war: der Dämon oder die Stimme des Computers.
„Dämon zu 67% wieder regeneriert, Hikari-sama“
„Ja, zum Teufel nochmal!“ Green hatte der Stimme zu viel Aufmerksamkeit geschenkt und hatte damit nicht darauf geachtet wo hin sie auswich und so merkte sie mit Schweißausbruch, dass ihr Rücken gegen einen Felsbrocken gestoßen war. Überflüssigerweise teilte ihr die Stimme des Computers mit, dass sie sich in einer Gefahrenzone befand. Ihr Feind grinste, entblößte dabei seine langen, eher gelben, Fangzähne, als er bemerkte, dass sein Gegner in einer Sackgasse gelandet war und sofort nutzte er diese Chance und schlug zu; Was Green rettete, da er vergessen hatte zu zielen und sie war froh darüber eins fünfundsechzig groß zu sein, denn seine Klauen hatten sich über ihren Kopf in den Stein hinein gebohrt – und er kam nicht wieder frei.
Anstatt sich über die Lage zu erfreuen, kam ihr eine Idee, welche sie auch sofort in die Tat umsetzt: sie packte den Arm des Dämons mit beiden Händen, hielt gut fest und schwang sich darüber. Sie grinste, als der Computer ihr mitteilte, dass sie für diese Aktion Pluspunkte ergattert hatte und nutzte die Gelegenheit, in der der Dämon sich nicht bewegen konnte, und wollte gerade zum Angriff ausholen, als die Hikari bemerkte, dass sich hinter ihr ein Schatten auftat. Umgehend drehte sie sich um und sah nur noch die roten Augen des zweiten Dämons, ehe es vorbei war.
Zuerst war alles in Dunkelheit gehüllt, doch dann klärte ihr Bild auf und durch eine grüne Brille hindurch, sah sie ihren Bruder vor sich stehen. Green hob die Kopfbedeckung von ihrem Kopf und war somit wieder in der realen Welt, in einem mittelgroßen, kahlen Raum, welcher nur für einen Zweck gut war: visuellen Training.
„Onii-chan!“, beschwerte Green sich.
„Warum hast du das System ausgeschaltet? Ich war gerade dabei ihn fertig zu machen!“ Grey grinste ein wenig neckisch. Seitdem seine Schwester wieder auf ihren Beinen stand, hatte er bessere Laune, auch wenn er nach wie vor sehr unter Druck stand. Doch dieser Druck war leichter zu ertragen, wenn er seine Schwester lächeln sah. Es war zwar nicht das Lächeln, welches er gewohnt war von ihr zu sehen… doch wenigstens weinte sie nicht mehr. Sie hatte ihren Willen zu kämpfen wieder gefunden; ihren Willen sich nicht unterkriegen zu lassen und ein leichter Optimismus hatte sich in Greys Inneren platziert. Allerdings war sie vielleicht etwas zu eifrig dabei. Das einzige was sie in ihrer Freizeit tat, war Trainieren und Rhythmische Gymnastik; obwohl man dies wohl in einem Atemzug nennen konnte. Sie war fest davon überzeugt, dass sie auf diese Art und Weiße ihre Lichtmagie wieder finden würde. Grey war eher davon überzeugt, dass sie sich noch kaputter machte, als ohnehin schon. In der letzten Woche war sie mehr als fünf Mal zusammengebrochen- aber davon ließ sie sich nicht aufhalten. Ihr Körper und dessen geschwächter Zustand war keine Hinderung. Jedenfalls keine, die sie akzeptierte.
„Das sah mir eher danach aus, als würden sie dich fertig machen, Schwesterherz“, antwortete Grey, da er Greens Training über einen Computer hatte mit verfolgen können. Green grummelte etwas als Antwort, legte den Helm ab und schritt zusammen mit Grey ins Nebenzimmer, wo sie sich umzog, während Grey ihr den Rücken zugekehrt hatte. Bei diesem Training musste sie einen hautengen Anzug tragen, der ihre Bewegungen, die sie in der computererschaffenen Welt ausführte, auf ihren Körper projektierte. Der Vorteil bei dieser Art des Trainings war, dass man sich nicht verausgabte, da man sich in Wirklichkeit keinen Zentimeter vom Fleck bewegte. Das Training war auch nicht dafür erschaffen worden um den Körper zu stählern, sondern um die Taktik und die Kampferfahrung zu verbessern.
„Was gibt es denn nun, Grey?“, fragte Green, während sie ihr Oberteil über den Kopf zog und ihre Haare daraufhin aus dem Kragen befreite.
„Solltest du dich nicht ausruhen? Du trai-“ Umgehend wurde der Versuch von seiner Schwester abgeblogt:
„Grehey! Darüber haben wir doch schon tausend Mal gesprochen! Mir geht es gut, ehrlich.“
„Aores ist da anderer Meinung. Er meint auch, du solltest dich ausruhen und dich nicht belasten.“
„Ich belaste mich doch nicht. Du weißt doch, dass dieses Training den Körper nicht belastet.“
„Aber deine Gymnastik tut es und ich hab keine Lust dich wieder aus der Turnhalle tragen zu müssen.“ Green schwieg, mit einen mürrischen Gesicht sah sie zur Seite.
„Green, versteh doch, ich mache mir nur Sorgen um dich.“
„Onii-chan, bitte versteh du mich. Ich muss das tun. Nur mit rumsitzen finde ich nicht zu meinem Licht zurück.“
„Geh es doch wenigstens leichter an…“
„Nein.“ Die beiden Geschwister sahen sich einen Moment mit dem gleichen widerspenstigen sturen Blick an; beide nicht gewillt diesen Kampf aufzugeben, beide der Meinung, sie wären im Recht – und beide mit dem gleichen Sturkopf ausgerüstet, den sie eindeutig von Shaginai geerbt hatten. Am Ende war es jedoch Greens Blick der auflockerte, indem sie lächelnd sagte:
„Sag, war Firey wieder hier?“ Grey wusste nicht ob ihn dieser Themenwechsel gefiel, doch er sprang darauf an:
„Nein, ich habe sie seit einer Woche nicht mehr gesehen.“ Green nickte, doch ehe sie den Mund aufmachte um zu antworten, ahnte Grey bereits wohin das Gespräch führen würde:
„Nein, Green, das geht nicht.“
„Du weißt doch gar nicht, was ich dich fragen will?“
„Lass es uns so formulieren: Ich kann mir denken was in dir vorgeht und daher ist mir klar, dass du mit ihr reden willst.“ Abermals öffnete Green den Mund, doch wieder kam Grey ihr zuvor:
„Es ist absolut unmöglich, dass du sie in der Menschenwelt besuchst – und du weißt warum.“ Natürlich wusste Green warum es für sie unmöglich war, das Reich der Wächter zu verlassen. Sie musste innerhalb der schützenden Barriere bleiben, die alle schwebenden Stützpunkte umgab, denn so konnte kein Dämon ihr Leben in Gefahr bringen – ein Leben welches nicht nur für sie selbst wertvoll war, sondern auch für alle Wächter. Würde Green in ihren momentanen, lichtlosen Zustand sterben, würde dies den Untergang des Wächtertums bedeuten.
Nicht gerade ein angenehmer Gedanke.
„Soll ich Firey-san kontaktieren und sie bitten hierher zu kommen?“ Einen Augenblick sah Green ihren Bruder verwirrt an, da er sie aus ihren Gedanken geweckt hatte. Doch schnell wurde diese Verwirrung zu einem verneinenden Lächeln:
„Ist schon okay, Onii-chan. Firey verbringt ihre Sommerferien mit ihren Eltern und ihren Schwestern; ich will sie nicht stören. Es tut ihr sicherlich gut.“ Grey nickte und die beiden Geschwister verließen den Raum, womit sie in einen der vielen Korridore kamen. Obwohl Draußen Minusgrade herrschten und der Himmel sich grau und düster zeigte, war es angenehm warm in den Gängen.
„Das heißt ja auch, dass ich meine ehemalige Wohnung nicht ausräumen darf.“
„Ja, das stimmt. Du kannst ja Itzumi darum bitten – warte mal, was meinst du mit „ehemalig“?“ Grey war bei dem letzten Teil seiner Antwort stehen geblieben, was Green ihm gleich tat, obwohl sie nicht zu verstehen schien, warum sie stehen blieben. Fragend, sah sie ihn an, bis Green kaum merklich mit den Schultern zuckte und leise, fast eher an sich selbst, antwortete:
„Was soll ich noch in Tokio…“ Grey legte seine Hand auf Greens Hand, welche sie auf die Fensterbank gelegt hatte.
„Es ist deine Heimat… ich wäre dir nicht böse, wenn du lieber dort wohnen willst.“ Die Angesprochene schüttelte den Kopf, ihre Haare fielen ihr vor die Augen, da sie den Kopf gesenkt hatte.
„Es war meine Heimat, weil sie es zu meiner Heimat gemacht haben…“ Grey deutete ein Nicken an und sie setzten deren Weg gemeinsam fort. Natürlich freute er sich auf der einen Seite, dass er Green von nun an immer um sich haben würde, dennoch füllten ihn die Umstände mit Melancholie und wieder entschied er sich dazu, dass er Green lieber erst später vorschlagen sollte,ob sie nicht Lust hätte ihn nach Espiritou del Aire zu begleiten. Daher wechselte er das Thema, zu einem leichteren, in der Hoffnung, dass es sie sicher ablenken könne:
„Es gibt übrigens noch etwas was ich dir nicht erzählt habe.“ Spektisch wandte sie ihren Blick zu ihrem Bruder, schien nichts Gutes zu ahnen.
„Jetzt wo der Tempel wieder restauriert ist, haben recht viele Wächter eine Wohngenehmigung beeintragt und auch genehmigt bekommen.“
„Hui, dann wird es ja richtig voll in den alten Gemäuern“, antwortete Green ohne wirklich davon begeistert zu sein, denn das bedeutete, dass Grey sie oft darauf hinweißen würde, wie sie sich zu verhalten hatte, immerhin war die Öffentlichkeit dann direkt vor der eigenen Zimmertür.
„Was dich daran interessieren und sicherlich erfreuen wird, ist der Umstand, dass auch die Elementarwächter dies tun werden.“ Nun sah sie ihn wirklich überrascht an, doch die Freude, die kurz in ihren Augen aufflammte, erlosch sofort wieder als sie fragte, ob er damit auch Firey meinte.
Natürlich würde Green sich darüber freuen ihre beste Freundin um sich zu haben, doch sie wollte sie auch nicht aus ihrer gewohnten Umgebung reißen, sie von ihrer Familie trennen…
„Ich habe noch nicht persönlich mit Firey-san sprechen können. Ich werde das nachholen, sobald sie hier ist.“ Grey bemerkte den Blick seiner Schwester und damit auch ihren Gefühlskonflikt:
„Green… sie ist nicht nur deine Freundin, sondern auch deine Elementarwächterin. Die Möglichkeit zu wählen hatte sie und sie hat sich entschlossen. Als eine Elementarwächterin hat sie zwar gewisse Privilegien, doch muss sie auch ihre Pflicht erfüllen und dies kann sie nicht, wenn sie nebenbei noch ihre Schule fortsetzen würde. Das muss dir doch klar sein?“ Die Angesprochene antwortete darauf nicht, obwohl sie natürlich wusste, dass ihr Bruder Recht hatte. Dennoch gefiel ihr der Gedanke nicht. Nach wie vor konnte sie sich nicht mit den Gedanken anfreunden, dass Firey nun allen Ernstes ein Elementarwächter werden würde. Im Prinzip nichts anderes als ein Soldat im Krieg. Und das nur, weil sie Green kannte, weil sie in ihrer Kindheit zusammen gewesen waren.
Vielleicht wollte Green deswegen unbedingt mit Firey sprechen, denn irgendwo in sich, hatte sie nach wie vor die Hoffnung, sie könnte es ihr ausreden.
Doch Firey war entschlossener als Green dachte.
Sie war sich sehr wohl im Klaren, dass die momentanen Sommerferien, die sie mit ihrer Familie verbrachte, sehr wohl die Letzten sein könnten. Während Green mit ihren Bruder durch die geschmückten Tempelgänge schritt, saß Firey zwischen ihrer großen Schwester Fumiki und ihrer Zwillingsschwester Minako in einem japanischen Restaurant in Kyoto, der Ort an den die alljährliche Familienreiße hinging unter dem Motto: Zurück zu den japanischen Wurzeln!
Wie immer herrschte eine gute und entspannte Stimmung, denn Streit oder Diskussionen hoben sie sich immer für nach den Urlaub auf. Wenn sie, zur Abwechslung mal, alle zusammen waren, dann durften Konflikte auf keinen Fall an der Tagesordnung stehen. Dies zu gewehrleisten war die Aufgabe des Familienvaters Katsuya Minazaii, der, im Gegensatz zu seiner Frau Akiko ruhig und besonnen war und sobald ein Funken Streit auftauchte, musste er nur dazwischen gehen und schon war alles vergessen. Ohne zu untertreiben konnte man daher sagen, dass er der ruhige Poll zwischen den vielen, eher temperamentvollen, Frauen war. Alle Töchter kamen nach ihrer Mutter, bis auf Firey, die eher nach ihren Vater kam – jedenfalls waren die beiden die einzigen der Familie, die nicht extrovertiert waren.
Firey mochte diese Urlaube eigentlich immer, doch dieses Mal fühlte sie sich ausgeschlossen. Vielleicht weil sie tief in sich wusste, dass dies das letzte Mal sein würde und dass sie nicht länger Teil der Familie war. Wenn man es genau sah, war sie nicht einmal mehr ein Mensch.
„Sagt mal, was würdet ihr eigentlich davon halten, wenn ich eine Soldatin werden würde?“ Die Frage purzelte aus Fireys Mund, ganz plötzlich, ohne, dass sie darüber nach gedacht hatte und die Reaktion ihrer Familie, trat genauso plötzlich ein. Zuerst hörten sie zu Essen auf, ehe alle braunen Augenpaare auf sie gerichtet waren, überrascht über diese Frage, wo sie doch gerade noch über Chikakos neues Haus gesprochen hatten. Akiko war die erste, die schockiert auf Fireys Frage antwortete:
„Das kommt überhaupt nicht in Frage! Ich habe ja nichts dagegen wenn Mädchen Männer-Jobs übernehmen, aber dann doch bitte etwas wo ich dich auch noch lebend wieder sehe! Wie kommst du überhaupt auf diese fixe Idee!?“
„Akiko, Schatz, beruhige dich: Hinako hat doch gar nicht gesagt, dass sie es machen will, sie spricht nur in einem eventuellen Fall.“ Ihr Vater sah zu Firey herüber, welche etwas verwirrt nickte. Doch zum antworten kam sie nicht, denn Fumiki fügte hinzu:
„Außerdem kann Hinako doch keine Fliege etwas zu Leide tun, geschweige denn, jemanden erschießen.“
„Es gibt auch noch andere Tätigkeiten im Militär als Menschen umzubringen, Fumiki“, antwortete Minako ihrer großen Schwester. Firey beschloss sich in diesem Gespräch nicht mehr teilzunehmen, denn es ging scheinbar in eine komplett andere Richtung als sie gedacht hatte. Sie bereute es schon die Frage gestellt zu haben und verfluchte ihr loses Mundwerk – wie war sie überhaupt nur auf die Idee gekommen?
„Es stimmt aber nicht, dass Hinako keiner Fliege etwas zu Leide tun kann“, unterbrach Sho plötzlich das Gespräch. Sie war die einzige, die ruhig geblieben war und nach dem kurzen Schock hatte sie sich schon wieder dazu aufgemacht weiter zu essen. Dies tat sie auch, während sie weiter ausfuhr, obwohl sie einige Augenpaare auf sich ruhen hatte:
„Sie schießt unheimlich gerne rothaarige Jungs ab.“ Firey war wohl die einzige der Anwesenden, die dieses Kommentar vollends verstand, doch sie verstand nicht, warum Sho es gerade jetzt brachte und vor allen Dingen nicht, warum sie sie beinahe anklagend ansah, ehe sie sich wieder ihrem Essen zuwandte. Keiner der Anwesenden bemerkte den plötzlichen Gefühlsumschwung in Firey. Sie waren zu sehr damit beschäftigt heraus zu finden, warum Firey solch eine Frage gestellt hatte und erst nachdem Firey ihrer Mutter versichert hatte, dass sie in keinen Krieg ziehen würde und nicht im entferntesten daran dachte den Beruf als Soldatin in Erwägung zu ziehen, konnte das Thema abgeschlossen werden. Firey versuchte sich so gut es ging im nächsten Thema einzumischen, damit keiner ihrer Familienmitglieder bemerkte, dass sie eigentlich mit etwas gänzlich anderem beschäftigt war.
Erst als sie Richtung 22 Uhr müde und kaputt in ihrem Zimmer im Familienanwesen ankam, drangen die Gedanken wieder an die Oberfläche. Es waren die gleichen Gedanken, die sie seit dem Gespräch mit Green auf Schritt und Tritt begleiteten und welche jeden Abend hervor kamen.
Es tat gut mit ihrer Familie zusammen zu sein, sie halfen ihr die Gedanken beiseite schieben zu können. Daher war sie dankbar dafür, dass sie gleich am Tag nach dem Gespräch mit Green nach Kyoto gereist waren. Seitdem hatte Firey nichts mehr von den Wächtern gehört und wusste daher auch nicht, was Green kurz nach dem Gespräch zugestoßen war.
Sie hatte nur sich selbst und ihre Gedanken die sie belasteten.
Seufzend öffnete sie ihren Zopf, während sie die Papierschiebetür zur Seite schob und sich hinaus auf die kleine Veranda setzte, mit dem Kopf gegen die Papiertür gelehnt. Ihr Blick folgte den leuchtenden Pünktchen, die über den Teich im Garten tänzelten, während ihr Sein jedoch völlig woanders war.
Green hatte in ihr nicht gerade Optimismus gesät. Es hatte von Anfang an keinen Grund dafür gegeben, sie war dumm und naiv, wenn sie daran glaubte. Wenn sie an… ihn glaubte und daran, dass es einen Grund für dieses ganze Drama gab.
Sie wusste gar nicht warum sie den Auftrag und dessen Hintergrund überhaupt in Frage stellte, warum sie überhaupt an dessen Richtigkeit zweifelte. Silver hatte ihr immerhin nicht gerade einen Grund gegeben ihm zu vertrauen oder an ihn zu glauben.
Es war deren letztes Treffen welches sie verwirrte, welches der Grund war, weshalb sie verwirrt war und Greys, wie auch Greens Erklärung nicht verstand und erst recht nicht akzeptieren konnte.
Bei deren letzten Treffen, auf dem Dach der Schule, hatte er unglücklich gewirkt.
Jedenfalls, soweit sie das beurteilen konnte, immerhin hatte sie kaum das Recht und die Möglichkeit ihn und sein Verhalten zu interpretieren…
Dennoch… sein Blick, sein aufgesetztes Grinsen… Seine Worte, dass sie den Pfeil aufbewahren sollte, weil sie ihn noch brauchen würde – war das nicht schon fast eine Warnung? Warum würde er sie warnen wollen, wenn sie doch nur ein kleines Randdetail des Auftrages war? Warum erschien er unglücklich, wenn nichts außer dem Auftrag ihn an sein menschliches Dasein band?
…Warum hatte er sie geküsst?
Bei jedem anderen Mädchen hätte man es mit seinem Playboy-Getue erklären können, aber Firey passte absolut nicht in diese Sparte. Aber konnte es etwas mit dem Auftrag zu tun haben? Aber was? Sie konnte doch überhaupt nicht relevant für den Auftrag sein… sie hatte doch eigentlich gar nichts damit zu tun.
Ja, natürlich, sie war ohnmächtig geworden, aber er hätte sie auch anders zum Schweigen bringen können…
„Argh! Bakayama ich hasse dich, warum verwirrst du mich nur so!?“ Mit der Faust schlug sie auf den Holzboden, doch im gleichen Moment wo sie dies tat, bemerkte sie auch schon wie ihre Wut in Trauer umschlug. Die zusammengeballte Faust wanderte schnell zu ihrem Mund um das aufschluchzen zu verhindern.
„D-Du… Idiot… du verdammter…“ Ihre Trauer verwandelte sich in Tränen und sie bemerkte wie diese an ihrem gesenkten Gesicht herunter liefen, um auf den Holzboden dunkle Flecken zu hinterlassen.
„Warum weinst du, Hina?“ Firey schreckte auf, als sie die Stimme ihres Zwillings neben ihr hörte und erinnerte sich sofort daran, dass Minako ja das Zimmer neben ihr hatte und sie somit natürlich dieselbe Veranda besaßen. Schnell wischte Firey sich die Tränen weg und sah Minako, mit einem eher gezwungenen Lächeln an.
Die Zwillinge hatten sich früher recht ähnlich gesehen, doch mittlerweile war die Ähnlichkeit vom Heranreifen verschluckt worden: Anders als Firey hatte sich Minako die roten Haare abgeschnitten und hatte daher kurze abgestufte Haare, wo ihr nur ein paar Strähnen auf die Schulter reichten. Vom Charakter her, waren sie ebenfalls sehr unterschiedlich, denn Minako kam eher nach Sho und machte sich sehr viele Gedanken um ihr Aussehen. Wo Firey Bogenschießen gelernt hatte, hatte Minako Balletstunden genommen und sollte man Shos Worten Glauben schenken, bettelte sie schon seit geraumer Zeit darum ihre Oberweite vergrößern zu lassen, denn was das anging, hatten sie und Firey das gleiche Los gezogen. Auf Grund von diesen Fakten, sollte man meinen, dass die beiden sich eigentlich nicht so gut verstanden, doch dies war nicht der Fall. Obwohl sie sich nicht oft sahen, schrieben sie sich fast täglich Mails: es würde Minako ohne Zweifel auffallen, würde Firey nicht schreiben können, weil sie auf dem Schlachtfeld war - dafür musste sie sich noch eine Ausrede einfallen lassen.
Minako setzte sich neben ihr und schien nicht weggehen zu wollen, ehe Firey ihr nicht alles erzählt hatte.
„Liebeskummer?“, harkte Minako nach, nachdem ihre Schwester kurz geschwiegen hatte, weil sie nicht wusste, was sie antworten sollte.
„Liebeskummer?“, wiederholte sie fragend, da sie im ersten Moment nicht verstand wie sie darauf kam. Sah sie aus, als hätte sie Liebeskummer? Vielleicht tat sie das, aber ihre Gefühle konnte man wohl kaum mit Liebeskummer betiteln. Wenn sie an Liebeskummer dachte, dachte sie an die Tausenden von Liedern im Radio, die von Herzschmerz, Einsamkeit, aber auch davon berichteten, dass jeder diese Gefühle kannte und jeder sich irgendwann von diesen befreien könne. Fireys Herz schmerzte in der Tat, ein wenig einsam fühlte sie sich auch – aber ihre Gefühle, ihre Probleme, kannte kein Mensch und somit wusste auch kein Mensch wie man aus diesen wieder raus kam – genauso wenig wie ein Wächter es wahrscheinlich wusste, denn nach ihrem Wissen gab es nicht so viele Wächter, die mehr mit einem Dämon zu tun hatten, als Drohungen auszutauschen.
Nein, Liebeskummer hatte sie nicht. Sie wünschte es wäre so etwas Einfaches.
„Nein, hab ich nicht…“ Minako unterbrach Firey jedoch in ihrem Satz:
„Sho-Nee-chan hat mir von so einem Playboy erzählt – Siberu-kun oder so?“ Die Angesprochene wandte ihr Gesicht von ihrer Zwillingsschwester ab um ihre Augen zu verdrehen: konnte ihre Schwester nicht mal etwas für sich behalten?
„Warum hast du mir nie von ihm erzählt?“ Auf diese Frage hin drehte Firey sich wieder um und sagte:
„Weil es da nichts zu erzählen gibt.“
„Bei Sho-Nee-chan klang das aber ganz anders.“
„Du kennst doch unsere große Schwester; bei ihr klingt alles anders. Nämlich genau so, wie sie es klingen lassen will.“ Minakos Augen verengten sich, doch nach einer kurzen Weile verschwand die Skepsis wieder, da sie wohl einsah, dass Firey gar nicht so Unrecht hatte.
„Dann erzähl mir wenigstens wie er ist, damit ich es aus deinem Mund höre und mir selbst ein Bild machen kann.“ Firey überlegte einen Moment, denn zum einen wusste sie nicht so recht was sie über Siberu erzählen sollte und zum anderen war sie auch gar nicht so heiß darauf überhaupt über ihn reden zu müssen.
„Ehm… Also, er ist… ja, wirklich ein Playboy, da hat Sho schon Recht. Er… war der beste Freund von Green und ich hatte eigentlich nicht so viel mit ihm zu tun; ich kenne ihn nur dank Green. Er ist ein ziemlicher Idiot, sehr hassenswert.“
„Und trotzdem magst du ihn.“ Auf diesen Kommentar hin verschlug es Firey die Sprache, doch zu etwas anderen als ihren Zwilling überrascht und sprachlos anzustarren, kam sie nicht. Minako grinste ein wenig, als sie sagte, dass Shos Bericht über Siberu ein wenig anders geklungen hatte. Darüber hinaus hatte ihre damalige Mail fast 5mb als Anhang gehabt, gefüllt mit Bildern des besagten Playboys.
„Ich muss zugeben; gut aussehen tut er. Aber mein Typ wäre das nicht: ich habe in meinen Leben so viele Rotschöpfe gesehen, dass es mir zum Hals raus hängt!“ Sie fasste sich an ihre eigenen roten Haare und sagte:
„Meinst du, schwarz würde mir stehen? Ich überlege ob ich sie färben soll…“ Firey, froh über die Chance das Thema wechseln zu können, antwortete:
„Mama würde dich umbringen, Mina; du weißt wie sehr sie es liebt, dass wir alle die gleiche Haarfarbe haben. Weißt du noch damals als Fumiki ihre Haare Blond gefärbt hat? Das ganze Haus stand Kopf.“ Minako verdrehte die Augen und begann darüber zu philosophieren, ob sie nicht vielleicht ihren Familiennamen ändern sollten in irgendetwas was mit der Farbe Rot zu tun hatte. Obwohl Firey sich aktiv an dem Gespräch beteiligte, um ja dafür zu sorgen, dass Minako den Faden nicht wieder fand, kehrten ihre Gedanken abermals zu Silver zurück, kaum, dass sie die Schiebetür hinter sich zu geschoben hatte.
Im Prinzip war es ein unbedeutendes Gespräch gewesen.
Minako würde es sicherlich wieder vergessen, doch das würde Firey nicht, denn ihr war bei dem Gespräch etwas klar geworden.
Sie mochte es nicht von Siberu in Vergangenheitsform zu reden. Sie wollte ihn nicht der Vergangenheit zuordnen, genauso wenig wie sie sich selbst zwingen wollte ihn in ihren Gedanken „Silver“ nennen zu müssen.
All diese Dinge taten ihr weh.
Firey wusste nicht warum es das tat.
Vielleicht hatten die recht, die sagten, dass sie ihn nicht so sehr hasste, wie sie es sich selbst immer vorgegaukelt hatte: dass sie ihn vielleicht mehr mochte, als es gut tat.
Sie wusste nicht, wie es um diese Gefühle stand; jetzt erst Recht nicht mehr. Doch es war auch zweitrangig. Sie wusste, was sie tun musste, um diese Schmerzen zu überwinden:
Die Wahrheit, hinter der Wahrheit finden.
Und danach, würde sie sich selbst die Frage stellen, ob sie diesen Idioten liebte oder nicht.