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Episode 22
  Episode 22: Zuckerwatte und Danebrog
Die Umziehaktionen, die Grey vor Green erwähnt hatte, waren bereits eingeleitet worden, denn für alle außer Firey, war dies kein Problem, da sie keinerlei Bände oder Beziehungen zur Welt der Menschen geknüpft hatten. Natürlich hatten sie sich alle in ihrem Zuhause eingelebt und taten es sich doch ein wenig schwer dieses zu verlassen, doch niemand hatte dagegen Einwände, da der Tempel immer noch deren aller Ursprung war.
Als dieses beschlossen worden war, war Tinami noch im Sanctuarian gewesen und hatte so nicht mitentscheiden können, welches Zimmer sie bekam. Doch die Klimawächterin war regelrecht entzückt von ihrem neuen Zimmer. Kaira hatte dafür gesorgt, dass sie ein Zimmer bekam mit einem großen Fenster, welches von der einen Wand zur anderen reichte und bis zur Decke hinauf, da die Zeitwächterin sich gedacht hatte, dass Tinami die Offenheit ihres alten Zuhauses vermissen würde.
Kaira hatte ein Zimmer unter ihr und Azura würde mit Tinami dieses Gemach teilen, da es doch recht groß war und eine Zwischenwand besaß, wodurch sich das Zimmer in Zwei teilen ließ. So hatte Tinami genug Freiraum ,um sich ihren Erfindungen zu widmen und Azura genug Raum um sich davon nicht stören zu lassen. Während Tinami ihre Sachen auspackte und sie über ihren neuen Schreibtisch verteilte, fragte Kaira sie, was sie über Green dachte, jetzt wo Tinami in allem eingeweiht war.
Obwohl die Klimawächterin Kairas Blick in ihren Nacken spürte, antwortete sie nicht, sondern dachte über die Frage nach, während sie Kabel auseinander knotete. Natürlich wusste sie genau worauf Kaira hinaus wollte, obwohl die Frage ihrer besten Freundin doch ein wenig ungenau war. Die Zeitwächterin war wohl wenig an Greens Seelenleben interessiert und damit verbunden auch Greens Trauer und Verzweiflung über den Verrat der beiden Halbdämonen. Kaira sorgte sich darüber wie es nun weitergehen sollte; wie es um die zukünftige Kriegsführung stand. Denn egal wie unfähig sie Green einstufte, ohne Hikari waren sie so gut wie verloren; besonders ohne Erben.
Tinami musste sich jedoch selbst eingestehen, dass sie sich nicht sicher war, ob sie optimistisch oder pessimistisch sein sollte. Kaum, dass Green wieder bei Bewusstsein war, hatten sich die beiden wieder gesehen. Ihre Hikari hatte sich gefreut, Tinami wieder bei Bewusstsein zu sehen, hatte sie sogar überstürzt umarmt. Große Freude hatte Tinami in den Augen Greens gesehen, doch genauso hatte sie auch sofort gesehen, dass sie etwas verloren hatte: das etwas sie verändert hatte und dies gab ihr allen Grund für Pessimismus, denn sie wusste, wie wichtig, das was sie verloren hatte, für Green war.
Der Grund für ihren Optimismus war, dass Green ganz offensichtlich den Willen hatte sich nicht unterkriegen zu lassen.
Doch Tinami war ein Wächter der viel Wert auf Daten und Fakten legte und obwohl sie wusste, wie entscheidend die Gefühle, die Seele des Hikari, für das Glöckchen waren, so wusste sie nicht, wie Green den Riss in ihrem Glöckchen heilen sollte. Genau wie Aores wunderte Tinami sich, dass es Green überhaupt so gut ging, wie es ihr nun einmal ging. Das Zerstören des Glöckchens führte unweigerlich zu einem sofortigen Tod des Hikaris und das langsame zerstören des Glöckchens gehörte zu den beliebtesten Foltermetoden der Dämonen,
wie konnte Green da überhaupt Aufrecht stehen? Natürlich, ihre Werte waren miserabel, sie konnte keinen Kontakt mehr zu ihrem Element aufnehmen, aber tot war sie nicht und Schmerzen hatte sie, laut eigener Aussage, ebenfalls keine.
Tinami musste sich eingestehen, dass sie das Gebiet höchst interessant fand – was sie sicherlich nicht laut sagen sollte, denn sie sollte sich lieber Sorgen machen, so wie Kaira es tat.
I don’t know“, antwortete Tinami dann schlussendlich ihrer Freundin, welche diese Antwort überhaupt nicht witzig fand, so dass die Klimawächterin ausführte:
„Ich bin mir selbst noch nicht so ganz sicher, was ich von dem Ganzen halten soll, Ai-chan. Aber da ich mich der Wissenschaft verschrieben habe, möchte ich nicht irgendwelche Theorien aufstellen, für die es noch nicht ausreichend Fakten gibt.“
„Du hast also bereits Theorien?“
„Natürlich habe ich das. Aber, wie gesagt, Ai-chan…“ Tinami hob den Zeigefinger begleitet von einem vielsagenden Grinsen:
„Ich werde sie dir erst mitteilen, wenn sie sich bestätigt haben. Bis dahin: lass uns einfach sehen, was die Zukunft bringt und natürlich auf unsere Hikari vertrauen, so wie es sich für gute Elementarwächter gehört.“ Kaira antwortete nicht, doch ihre Gedanken standen ihr deutlich ins Gesicht geschrieben: lieber war sie eine schlechte Elementarwächterin als auf Green zu vertrauen.
Tinamis Grinsen ließ nicht nach, als sie sich von der Zeitwächterin abwandte und anfing ihre Computer auf zu stellen. Im normalen Fall, hätte Kaira nachgeharkt, hätte darauf bestanden, dass auch sie diese Theorien erfuhr, doch sie hatte keine Lust verärgert zu sein – zur Abwechslung mal.
Es konnte etwas damit zu tun haben, dass sie sich einfach über ihre Rückkehr freute.
Natürlich hatte sie ihr das nicht erzählt. Anders als Green hatte Kaira nicht die Kontrolle über ihre Gefühle verloren, sondern hatte sich zurückgehalten. Sie war Tinami nicht aus schierer Freude um den Hals gefallen, sie hatte ihr auch nicht gesagt, wie glücklich sie darüber war, wieder mit ihr zusammen zu sein… und wie besorgt sie um ihre Freundin gewesen war. Aber Kaira hatte nicht im Gefühl, dass es überhaupt notwendig war, es zu sagen. Kaira war sich sicher, dass Tinami auch ohne Worte verstand.
„Wie sieht es eigentlich mit Ki-kun aus?“, unterbrach Tinami Kairas Gedanken, welche sich sofort verdüsterten.
„Ich habe diesen Idioten von Bruder kontaktiert, aber er hat noch nicht geantwortet.“ Tinami schaltete ihren Computer an, nachdem sie ihn fertig aufgebaut hatte. Während die ersten Pixel auf dem Bildschirm zu sehen waren, dachte sie darüber nach, was Kaira ihrem verhassten Halbbruder wohl geschrieben hatte – dass sie ihn umbringen würde, wenn er nicht auftauchen würde um endlich seine Pflicht, nach geschlagenen 17 Jahren, zu erfüllen? Wenn sie geschrieben hätte, dass sie ihn vermisste und ihn sehen wollte, dann wäre er schneller aufgetaucht als sie hätte blinzeln können. Doch wie sie Kaira kannte, hatte sie ihm entweder gedroht oder hatte ihm seine Pflichten vor Augen geführt, so wie sie es schon oft getan hatte. Doch Yuuki war niemand den man mit Pflichten locken konnte. Zu sehr war er mit sich selbst, dem Spaß am Leben und dem Hineinleben in den Tag beschäftigt, als sich darüber Gedanken zu machen, dass die Fähigkeiten, die er besaß, nicht für seine eigenen Zwecke missbraucht werden durften, sondern dem Wächtertum und der Menschheit dienen sollten.
Doch so war Yuuki nicht.
Und Tinami musste zugeben, dass sie ihn gerade deswegen mochte.
Anders als Kaira. Sie hasste ihn dafür, verweigerte manchmal sogar, dass sie einen Bruder hatte.
Als nun auch der zweite Computer aufgestellt war, beschloss Tinami, dass es nun auch für sie Zeit war, ihrer Pflicht nachzugehen: den neuen Erbe des Elementes der Erde finden.


Green trainierte mittlerweile jeden Tag, nicht nur mit der Maschine, sondern auch mit ihrem Bruder zusammen, wenn er gerade Mal Zeit für sie hatte, was leider selten war, da er viel zu tun hatte. Morgens war Green die Erste die aufstand, meistens noch bevor die Sonne aufging und abends war sie die Letzte die sich zu Bett begab. Es war oft so, dass Silence kam und sie regelrecht zu Bett beorderte. Denn die Hikari konnte und wollte nicht schlafen. Wenn sie sich einmal zu Bett begeben hatte, lag sie oft noch wach – konnte nicht einschlafen, weil sie einfach keine Ruhe fand. Ihr Körper stand ständig unter Strom, wollte sich bewegen, wollte etwas tun, Ergebnisse sehen in Form von Fortschritten. Schlafen war reinste Zeitverschwendung!
Dazu diese Alpträume… Mal sah sie sich selbst, wie sie durch den Schnee schritt; Weinend und um Hilfe schreiend, ganz alleine irgendwo in Deutschland. Manchmal sah sie Siberu und Gary, wie sie ihnen hinterher rannte, aber nie ankam, sie anflehte sie doch mitzunehmen, egal wo sie waren, egal wohin die Reise ging…
„…Holt mich… bitte nimmt mich mit euch… ich kann nicht mehr… ich will nicht mehr…“
Green hasste diese Träume vom ganzen Herzen. In der Nacht kam ihre Schwäche hervor, eine Schwäche die sie normalerweise sehr gut unter Kontrolle halten konnte. Es war lange her, dass sie geweint hatte. Nur manchmal, wenn sie aus diesen Träumen erwachte, zitterte sie oder hatte Tränen in den Augen. Vor kurzen war es besser geworden, da sie nun Tabletten gegen Träume einnahm. Es gefiel ihr nicht, dass sie die Hilfe von Tabletten benötigte um ihre Schwäche zu kontrollieren. Doch es blieb ihr nichts anderes übrig, wenn sie den Alpträumen entkommen wollte. War das Schummel? War sie in Wirklichkeit nicht so stark wie sie glaubte? Doch, das war sie. Sie hatte ihre schwache Seite nur noch nicht vollends ausgemerzt. Das würde sie erst können, wenn sie ihre Waffe wieder hatte.
An dem Tag, wo Firey wieder kommen würde, jedenfalls laut der SMS, die sie Green geschickt hatte, zusammen mit den Worten, dass sie sie von ihrer Familie grüßen sollte, Akiko sauer auf sie war, weil sie sich nie meldete und es ihr doch hoffentlich gut ginge, wurde Green wieder einmal in ihrem Training unterbrochen. Diesmal hatte sie nichts dagegen, da sie hoffte, dass es Firey war, welche sie unterbrach, doch es war ihr Bruder; diesmal sah er missbilligend und genervt aus.
„Machst du auch noch etwas anderes, außer zu Trainieren?“ Sein Tonfall war nicht anklagend, sie war also nicht der Grund für seine schlechte Laune.
„Ich schlafe und esse“, antwortete Green mit einem Grinsen und zog sich an, da Grey ihr sagte, dass er ihre Hilfe benötigte.
„Meine Hilfe? Wofür? Und ist Firey schon da?“
„Green, in Japan ist es schätzungsweise acht Uhr morgens – lass sie doch erst mal von Kyoto nach Tokio fahren.“ Natürlich, wusste sie, dass Grey Recht hatte, doch sie hatte eine Menge mit Firey zu bereden, bezüglich ihr eine Menge auszureden.
Als sie durch die Korridore des Tempels schritten, fragte Green noch einmal wofür er ihre Hilfe brauchte.
„Wir haben den neuen Wächter der Erde gefunden.“ Greens Gesicht hellte auf.
„Das ist doch großartig! Wozu brauchst du da meine Hilfe? Oder soll ich mich einfach nur vorstellen?“
„Das natürlich auch, aber… er weigert sich mit uns zu kommunizieren. Er tut so als würde er uns nicht verstehen, obwohl das ein Ding der Unmöglichkeit sein müsste. Das Element der Erde gibt ihm gleichzeitig die Fähigkeit unsere Sprache zu verstehen und sie selbst zu sprechen.“
„Und wie soll ich dir dabei helfen?“
„Er kommt aus Deutschland. Er ist Karis großer Bruder.“ Green blieb augenblicklich stehen. Grey tat es ihr nach und sah in ihren Augen, wie sich die Erinnerungen und die Trauer um Karis Tod wieder hochkamen.
„…Ihr leiblicher Bruder?“ Grey nickte und bedeutete ihr, dass sie weitergehen sollten.
„Wie heißt er? Und wie viel älter ist er?“
„Er ist neunzehn und heißt Kristian.“ Wie es sich für einen Gentleman gehörte, öffnete Grey seiner Schwester die Tür zu einem der vielen überdrüssigen Zimmer, welches jedoch genauso überfüllt war mit Kunstwerken vergangener Zeiten, wie die anderen Räume des Tempels und mitten in diesem Haufen von übertriebener Ausschmückung, saß ein junger, recht kleiner, Mann, den Kopf auf seine Hand gestützt und sich langweilig umguckend. Er hatte kurze rostbraune Haare, und dazu grüne, schmale Augen, welche sie nur kurz ansahen, um sich dann wieder desinteressiert abzuwenden. Er starrte irgendeinen Punkt im Zimmer an, doch Green wusste sofort, dass er einfach nur keine Lust hatte, mit ihr zu reden. Sie konnte seinen Widerwillen sehr gut nachempfinden. Wie würde man reagieren, würde ein Fremder zu einem kommen, sagen, er wäre ein Wächter und dass er es auch war? Noch schlimmer: in einen fremden Krieg zwischen Gut und Böse teilnehmen, sich für eine Person opfern die man gar nicht kannte – und das alles nur weil irgendeine Person zu einem kam und es behauptete? Green fragte sich, was die Wächter taten, die die Aufgabe hatten, solche Wächter zu holen, wenn diese sich weigerten mitzugehen? Zwangen sie einen?
„Hast du ihn gezwungen mitzukommen?“, fragte Green flüsternd ihren Bruder. Dieser schüttelte den Kopf.
„Ich habe ihn nicht geholt. Es war Ukario-san. Und so wie ich gehört habe, ist Kristian-san freiwillig mitgekommen.“ Green seufzte. Sie wollte niemanden dazu zwingen ihr Treue zu schwören. Sie würde ihm viel lieber davon abraten, ihm sagen, dass das alles zwar schön aussah, der Tempel mit seiner ganzen Pracht und Schönheit, die Macht über ein Element verlockend sein mochte, doch das dies täuschte und das das Menschenleben so viele Vorzüge hatte. Doch was blieb ihr anders übrig, als genau dies nicht zu tun?
„Kannst du Deutsch?“, fragte Green, natürlich im einwandfreien und akzentfreien Deutsch, was Grey verblüffte, immerhin hatte er sie noch nie Deutsch sprechen gehört. Auch Green war überrascht, als sie die Worte sprach; überrascht darüber, dass sie die Sprache immer noch beherrschte. Es war solange her, dass sie sich dieser Sprache benötigt hatte. Sie hatte sie seit Karis Tod… Die Worte klangen beinahe fremd auf ihrer Zunge… obwohl es ihre Muttersprache war.
Kristian sah sie wieder an, musterte Green von oben bis unten und sah dann wieder weg.
„Ja, kann ich“, antwortete er ebenfalls auf Deutsch. Doch Green stellte sofort fest, dass er alles andere war, als ein Deutscher. Er hatte die Sprache gelernt, sprach sie auch gut und fehlerfrei, aber hatte einen starken Akzent, welchen Green nicht im Stande war einzuordnen.
„Woher kommst du?“
„Aus Dänemark.“ Green drehte sich zu ihrem Bruder um, der hinter ihr stand und erzählte ihm, dass Kristian ganz und gar nicht aus Deutschland kam.
„Ich dachte Dänemark gehöre zu Deutschland?“ Green starrte ihren Bruder an und wollte sich gerade über seine geografischen Kenntnisse lustig machen, ehe ihr auffiel, dass Kristian laut und verärgert aufstöhnte. Mit anderen Worten: Er hatte sie sehr wohl verstanden und tat wirklich nur so, als würde er sie nicht verstehen.
„Ej for fanden da! Hvorfor tror alle verdens lande at Danmark er en tysk kolonie?”
„Du kannst uns also doch verstehen!“, fuhr es aus Green, obwohl sie kein Wort von ihm verstanden hatte. Er sah sie wieder an und antwortete auf Deutsch:
„Ich habe nie behauptet, dass ich euch nicht verstehen würde. Was ist das für eine Sprache? Hindi? Hebräisch? Und warum kann ich sie verstehen?“
„Das erklärt dir am Besten mein Bruder“, sie nickte zu Grey.
„Allerdings ist er nicht so gut in Deutsch, es wäre also gut, wenn du in der anderen Sprache mit ihm reden würdest.“ Kristian grinste.
„Ich hoffe davon hat er mehr Ahnung als von Geografie.“ Zum Glück hatte er das wieder in Deutsch gesagt und Green hatte auch nicht im Sinne es zu übersetzen. Grey sah ein wenig verwirrt aus, immerhin hatte er keine Ahnung, dass er gerade beleidigt wurde. Green sagte ihm, dass Kristian sich dazu bereit erklärt hatte mit Grey in der Wächtersprache zu reden und dass er ihm einiges zu erklären hatte. Grey setzte sich zu ihm und nachdem er sich höflich vorgestellt hatte, begann er es Kristian zu erklären, genau wie er es vor fast einem Jahr Green erklärt hatte. Kristian hörte ihm zu, fragte jedoch nichts. Als Grey von der Aufgabe der Elementarwächter erzählte, dass es deren Pflicht war Green mit Leib und Seele zu beschützen, sah er Green an und sie wusste sofort, dass er es garantiert nicht machen würde. Und noch etwas anderes sah sie in seinen Augen: er mochte sie nicht.
„So, Kristian, noch irgendwelche Fragen?“, fragte Grey mit seiner gewohnten höflichen und freundlichen Stimme.
„Warum sollte ich mein Leben für die opfern? Warum sollte ich gegen irgendwelche Monster kämpfen, als wäre ich ein Superheld in einem Videospiel? Die Menschheit interessiert mich einen Scheißdreck und ich habe nicht vor mich für diese und für die da zu opfern.“ Green sah Grey deutlich an wie geschockt er war. Nicht über die Aussage, denn darauf war er sicherlich vorbereitet gewesen; es war die Wortwahl die ihn schockte. Ihr armer Bruder, dachte Green, er war es nicht gewohnt, dass jemand so mit ihm sprach. Grey war bleich geworden, zu geschockt um etwas zu sagen und gerade als Green für ihn übernehmen wollte, klopfte es an der Tür.
„Herein?“, sagte Green und Firey tauchte in der Tür auf. Das Gesicht der Hikari hellte umgehend auf und sie hatte sich bereits von Kristian und Grey abgewendet um ihre Feuerwächterin zu umarmen – und so war ihr nicht aufgefallen, dass sich auch etwas auf Kristians Gesicht verändert hatte.
Es gelang Firey jedoch nicht etwas zu sagen, denn ein wutverzerrter Schrei ertönte aus dem Gang, welchen Green schnell als Kaira identifizierte:
„MÖGE DICH DER TEUFEL HOLEN! MÖGE ER DICH AUSSEINANDER REISEN, EHE ICH ES TUE! HAU AB, VERSCHWINDE AUS MEINEM SICHTFELD! UND WAGE ES NIE WIEDER DEINE VERDAMMTEN FÄHIGKEITEN FÜR SO ETWAS ZU MISSBRAUCHEN, DU VERDAMMTER ABKLATSCH EINES ELEMENTARWÄCHTERS!“ Firey und Green standen nun beide in der Tür und sahen verwundert hinaus in den Gang, als würden sie erwarten, dass irgendetwas explodieren würde. Sie hörten eine Männerstimme, doch diese war nicht so laut wie Kairas und so war es ihnen nicht möglich die Worte zu hören und zu verstehen.
„Was geht denn da ab?“, fragte Green.
„Das wollte ich gerade Grey-san sagen. Kairas kleiner Bruder ist da.“ Die Angesprochene hatte bereits den Mund geöffnet um zu antworten, als ihr auffiel, dass Kristian plötzlich zwischen ihnen stand. Der Tumult draußen auf dem Gang schien ihm egal zu sein. Er starrte Firey an, die wenige Zentimeter größer war als er.
„Willst du mit mir gehen?“
Firey starrte ihn an. Sie hatte keine Ahnung wer er war und warum er das sagte. Sie konnte seine Worte nicht einmal verstehen. Sprach er überhaupt mit ihr?
Ganz eindeutig sprach er mit ihr, denn er nahm ihre Hände und starrte Firey weiterhin an, als wäre sie eine göttliche Erscheinung.
„Ich liebe rote Haare und sie machen dich so hübsch!“ Firey starrte ihn weiterhin an, nicht zu einer Antwort fähig. Sie öffnete den Mund, schloss ihn gleich wieder. Das einzige was sie tat, war ihre Hand aus seiner zu ziehen. Green konnte nicht anders als zu Grinsen über Fireys Reaktion. Sie war solcherlei Worte eines Mannes nicht gewohnt. Doch Kristian war nicht zu stoppen. Er legte seinen Arm um Fireys Hüfte und wandte sich an Grey, ohne auf Fireys entsetzen Blick zu achten.
„Ist dieses süße Mädchen auch eine Elementarwächterin?“, fragte er, doch Grey war es nicht der ihm eine Antwort gab, es war Firey. Ihr schien es zu weit zu gehen, denn sie stemmte ihre Hände gegen Kristians Brust und presste sich weg von ihm.
„Ja, bin ich; Die Elementarwächterin des Feuers. Warum willst du das wissen?“ In ihren Augen zeichnete sich langsam die Wut ab, was Kristian zu gefallen schien.
Ah, jeg elsker piger med temperament! Særlig hvis de har sådan noget flot hår!”, sabbelte er auf Dänisch vor sich hin, als würde jemand ihn verstehen können. Aus dem Gang waren wieder wütende Schreie zu hören.
„Ich mache bei eurer merkwürdigen Organisation mit, aber nicht weil mir der Krieg irgendetwas bedeutet, sondern um diese Hübsche zu bekommen!“ Dies hätte er vielleicht ein wenig besser ausdrücken sollen oder es lieber gleich auf Dänisch, denn nun riss Fireys Geduldsfaden:
„…Bekommen?! Du bekommst was ganz anderes!“ Es gelang ihm nicht sich irgendwie zu wehren, ihm blieb nichts anderes übrig, als dem Schmerz ihrer flammenden Faust entgegen zu nehmen. Grey bangte um die Innenausstattung, während Green sich an das letzte Weihnachten erinnert fühlte. Firey kochte vor Wut und hätte Green und Grey sie nicht aufgehalten, wäre sicherlich noch das gesamte Zimmer in Brand gesteckt worden. Kristian eine Brandwunde am Arm hatte, schien er ziemlich entzückt von Firey und ihrem Verhalten zu sein. Die Tatsache, dass sein Oberteil versenkt und angebrannt war, interessierte ihn herzlich wenig. Wieder kommentierte er das Geschehende auf Dänisch, richtete sein Wort jedoch an Grey, in einer Sprache die er verstehen konnte:
„Wie gesagt mache ich mit, aber nur unter einer Bedingung.“
„Und die wäre?“ Firey schwante Übles. Doch nein:
„Ich will nicht mehr Kristian heißen. Nur meine Eltern haben mich so genannt und ich will mit meiner verdammten Familie nichts mehr zu tun haben. Ich werde nur noch auf den Namen „Azuma“ hören und ich verlange dass das auch überall steht. Mit „Kristian“ will ich nichts mehr zu tun haben.“


Beim Abendessen waren zum ersten Mal seid 17 Jahren alle Elementarwächter versammelt. Sie saßen an einem langen Tisch, welcher gedeckt war mit allen möglichen Leckereien der Welt. Das Essen glitzerte förmlich im Schein der flackernden Kerzen und dem gigantischen Lüster mit über zwei hundert lebender Kerzen. Die Tempelwächter taten Green Leid, die die Aufgabe hatten für die Beleuchtung zu sorgen. Doch daran dachte sie nicht allzu sehr, da die Atmosphäre einfach zu schön war, um über so etwas nachzudenken. Wie eine große Familie saßen die 10 Elementarwächter an dem Tisch, redeten Kreuz und Quer. Einige verschlangen das Essen förmlich, so wie Pink, die den Schokoladenpudding so schnell gegessen hatte, das niemand anderes davon etwas abbekommen hatte und andere aßen ruhig und sinnlich von ihrem Essen, als wäre es gesegnet, wie Grey und Ilang. Umso länger Green die beiden ansah umso mehr dachte sie, dass die beiden füreinander geschaffen waren. Warum hatte Grey solange gebraucht um das zu bemerken?
Doch Green achtete nicht zu sehr auf ihren Bruder und seine Verlobte, sondern beobachtete eher den Neuzuwachs der großen Familie.
Yuuki, Kairas kleiner Bruder, hatte ihr bei deren Begrüßung förmlich den Arm herausgerissen, als er diese geschüttelt hatte, mit einem freudestrahlenden Lächeln, welches er auch jetzt auf den Lippen hatte, als er fröhlich vor sich hin labberte. Er war ein äußerst hübscher junger Mann, jedoch eher unscheinbar als auffallend. Seine helle Kleidung passte perfekt zu seinen hellen Haaren, die aussahen wie Zuckerwatte. Sie glänzten im Licht der Kerzen in lilatönen. Auf Grund von seinem hellen und reinen Aussehen wäre er locker als Hikari durchgegangen, wären da nicht seine Augen und sein Gesichtsausdruck. Seine Augen waren die gleichen die Kaira auch hatte, dunkle braune Augen und stachen ein wenig hervor, da er ansonsten so unscheinbar war. Doch das war nicht der entscheidende Faktor, der ihn nicht als Hikari durch gehen ließ. Yuuki sah hinterlistig aus. Er sah aus wie jemand den man nicht zu viel erzählen oder dem man vertrauen sollte. Ein schelmisches Lächeln spielte dauerhaft um seine dünnen Lippen und seine Augen verrieten eine gewisse Klugheit. Green hatte bis jetzt kaum mit ihm gesprochen, doch sie mochte ihn – auch wenn er ohne Punkt und Komma sprach, ganz anders als Kaira:
„Also wenn ich nicht wegen dir zurückgekommen wäre, meine liebste, schönste, Ai-chan, dann sicherlich wegen diesem vorzüglichen Essen! Gelobt seien die Tempelwächter! Was würden wir nur ohne sie machen? Unsere Mägen würden uns bestimmt nicht danken! Ah, diese Makrelen, ich liebe Fisch! Hier guck ma, Ai-chan, diesen Salat magst du doch so gerne, soll ich dir was auffüllen? Nein? Dann vielleicht lieber… Ah, aber Hikari-sama, oder darf ich Sie Green-sama nennen? Ja? Danke vielmals! Bitte zählen sie nicht allzu sehr auf mich, meine Fähigkeiten sind von bescheidender Natur und obwohl sie recht süß sind, und sehr hübsch anzusehen, würde ich mich nicht vor ihnen werfen. Bitte verstehen Sie das und verzeihen Sie mir! Ich bin mir meinem frevelhaften Bewusstsein bewusst, doch ich habe noch große Pläne mit meinem Leben… Ai-chan heiraten, Kinder bekommen – viele Kinder natürlich…“
„Wie schön, dass ich noch was mitzureden habe!“ Kaira wurde überhört und Yuukis unbändiger Wortschwall, war nicht zu bremsen. Es war Green unverständlich, wie er es überhaupt schaffte etwas zu essen, bei der Menge an Worten die aus seinem Mund quollen. Genauso unverständlich war es ihr jedoch auch, dass zwischen Kristi, nein, Azuma und Firey noch kein Kampf ausgebrochen war. Er saß neben ihr und konzentrierte sich mehr auf sie, als auf das Essen. Ständig versuchte er sich zu ihr nähern, ein Gespräch mit ihr anzufangen, doch Firey blockte ab. Da sie ihre Feuermagie nicht am offenen Tisch benutzen konnte, hielt sie ihre Gabel ungewöhnlich fest umklammert, als würde sie ihn mit eben dieser am liebsten abstechen. Green sah den beiden zu, während sie ihre langen Nudeln (Ryô kochte für sie extra ihr Leibgericht, welches er auch sehr gut konnte, obwohl Nudeln absolut nicht zu den natürlichen Speisen eines Wächter gehörten) auf ihrem goldenen Löffel drehte.
Woran erinnerte sie dieses Bild…? Azuma, wie er verzweifelt um ihre Aufmerksamkeit bettelte und Firey, die ihn gnadenlos abwehrte?
Green schluckte ihr mulmiges Gefühl, zusammen mit Traubensaft herunter.
Das Abendessen war erst am späten Abend vorbei, da auch noch Kaffee gefolgt hatte. Es war kurz vor null Uhr, als sie sich verabschiedeten und jeder in sein Gemach ging. Die meisten Wächter waren bereits umgezogen und Green fragte sich, wie sie sich so schnell einfach „Wie Zuhause“ fühlen konnten. Lag es daran, dass alle deren Wurzeln hier lagen? Das der Tempel ihr eigentliches Zuhause war und dass es nur eine Frage der Zeit gewesen war, ehe sie alle wieder dort leben würden? Sogar Yuuki, der nur sieben Stunden dort gewesen war, hatte bereits ein Gemach im Nordturm bekommen, voll möbliert und beheizt. Grey hatte ebenfalls ein neues Gemach bekommen, da er und Ilang sich nun eins teilten. Deren Gemach „ein Zimmer“ zu nennen, war allerdings stark untertrieben: es war viel eher en Penthouse. Als Green ihm das gesagt hatte, hatte er gelacht und gemeint, dass sie doch auch irgendwann mit ihrem Verlobten zusammen ziehen würde.
Etwas worüber die Hikari am aller wenigsten denken wollte.
Alle außer Firey waren nun unter einem prachtvollen Dach versammelt, wie eine große ungleiche Familie.
Doch was war mit Azuma? Green sah ihn Richtung Westen verschwinden, als sie Pink in ihr Gemach begleitete, welches in ihrer Nähe war, weil Pink unbedingt darauf bestanden hatte. Als sie sich von ihr verabschiedet hatte und ihr eine „Gute Nacht“ gewünscht hatte, ging sie in die gleiche Richtung wie Azuma. Sie fand ihn auch schnell, da er sich scheinbar verirrt hatte.
„Du hast dich verirrt, stimmt‘s?“, fragte Green auf Deutsch, woraufhin die gegrummelte Antwort eindeutig Dänisch war.
„Das passt sich gut, ich muss mit dir reden, Kri.., ich meine Azuma.“ Widerwillig nickte der Angesprochene und bedeutete, dass sie fortfahren konnte. Sie schritt zu ihm, wobei sie ihn nicht aus den Augen ließ. Schon beim Essen hatte sie ihn eingehend gemustert, auf Anzeichen der Ähnlichkeit mit Kari. Doch vergebens. Weder sein Gesicht, noch seine Stimme und schon gar nicht sein Charakter hatten irgendwelche Ähnlichkeiten mit Greens kleiner Freundin. Die Hikari wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass die beiden verwandt waren. Ob sie nur Halbgeschwister, so wie sie und Grey waren? Und wie kam es, dass Kari ins Waisenhaus kam, wo Azuma doch bei seinen Eltern gelebt hatte? Green wollte es wissen, obwohl es sie vielleicht nichts anging.
„Ich… kannte Kari. Sogar sehr gut.“ Genau wie alle anderen zuvor, war auch Azuma von der wortwörtlich himmlischen Aussicht des Tempels gefesselt, konnte es wohl immer noch nicht fassen, dass er sich gerade so viele Kilometer über den Himmel befand. Erst als Green ihren Satz zu Ende geführt hatte, sah er sie wieder an.
„“Kannte“?“ Greens Lächeln erfror zuerst, bis es gänzlich verschwand. Er wusste es nicht. Er wusste nicht, dass Kari… tot war.
Green wollte aber doch gar nicht über ihren Tod sprechen. Sie wollte über Karis Lebzeiten sprechen, Dinge erfahren, die sie nicht wusste. Mit jemanden reden der Kari auch gekannt hatte… aber dieser Jemand wusste nicht einmal, dass sie tot war. Was war mit Karis leiblichen Eltern? Wussten sie es nicht?
Die Hikari wich seinem Blick aus. Ihre Worte steckten ihr im Halse fest, während Azuma sie ungeduldig und sogar ein wenig genervt ansah.
„Sie… sie ist tot.“ Green sah ihn nicht, sah nicht wie er auf diese Worte reagierte, da sie einfach aus dem Fenster sah und sagte:
„Sie… wurde von einem Dämon getötet. Kari war auch ein Elementarwächter, so wie du.“ Sie schluckte um ihre Stimme zu festigen. Azuma antwortete immer noch nicht, während Green in Erinnerungen versank… Youma, dieser grausame Sensenmann, wie er Kari so einfach getötet hatte. Genauso erbarmungslos wie der Tod selbst… und sie war nur ein Kind… nur ein unschuldiges Kind… welches niemals in den Krieg gezogen worden wäre, wenn es Green nicht gäbe…
„Kari hatte es nicht verdient zu sterben… sie war so unschuldig. Nur weil sie das Element der Erde in sich trug, musste sie sterben. Nur weil sie mich kannte…“
„Ich habe keine Angst zu sterben.“ Green wandte sich abrupt zu ihm um und starrte ihren Gegenüber fassungslos an, welcher ihren Blick emotionslos, aber auch desinteressiert erwiderte. Das war seine Antwort darauf, dass jemand ihm gerade gesagt hatte, dass seine kleine Schwester gestorben war?!
„Kari war deine Schwester und das ist alles was du dazu zu sagen hast?!“, antwortete Green ein wenig ruppiger als beabsichtigt.
„Ich kannte sie nicht. Du hättest mir genauso gut sagen können, dass Person X gestorben ist.“ Green ertrug es nicht. Sie ertrug den Gedanken nicht, dass Karis eigene leibliche Familie, von ihr sprach als wäre sie eine Fremde. Als wäre es vollkommen egal, dass sie gestorben war… als gäbe es sie überhaupt nicht. Hatte Kari etwa wirklich nur Green gehabt und niemanden sonst? Hatte sich niemand anders Gedanken über sie gemacht?
Green wusste nicht was sie darauf antworten sollte. Sie starrte ihn weiterhin nur an. Bis die Worte plötzlich aus ihr heraussprudelten:
„Interessierst du dich gar nicht für sie?! Warum fragst du mich nicht, wie sie war, wie sie aussah! Sie ist doch deine Schwester gewesen… was ist mit euren Eltern?! Warum haben sie Kari weggebeben, so ein liebes, fürsorgliches und warmes Mädchen… warum wurde sie in ein Waisenhaus gesteckt, in so einen kalten und düsteren Ort!? War ich etwa die einzige die sich Gedanken um sie gemacht hat?!“ Azuma sah sie eine Weile mit dem gleichen Blick wie schon die ganze Zeit an, bis er die Augenbraue hob und sie zweifelnd angrinste:
„Sag mal, übertreibst du die ganze Sache nicht?“ Greens Vernunft setzte aus und im gleichen Moment, verlor sie die Kontrolle über ihre Hand, welche durch die Luft schnellte und seine rechte Wange traf. Wutentbrannt funkelten sich die beiden an, Azuma mit der Hand auf der rotglühenden Stelle und Green noch mit erhobener Hand. Sekunden vergingen, ehe sie ihre Hand senkte, den Kopf hob und sagte:
„Den Weg kannst du alleine suchen!“