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Episode 24
  Episode 24: Gute Reise
„Warum lügst du, Green? Warum behauptest du ich wäre tot?“

„Ich… lüge nicht… es ist die Wahrheit…“

„Solange ich noch atme, ist es eine Lüge zu behaupten ich wäre tot.“

„… Aber du…du bist nicht… du bist nicht…“

„Nicht „Gary“?“

„Nein, du bist nicht Gary… Gary ist tot… er ist… tot…“

„Gary und Blue sind ein und dieselbe Person. Nur, dass „Gary“ niemals eine Person war, sondern nur eine Lüge.“

„Nein! Nein, sei ruhig, geh weg! Lass mich…“

„Du armes kleines Licht… Du bist so gut darin dir Dinge einzubilden.“



In der Nacht nach dem Treffen und dem Gespräch mit Saiyon, schlief Green wahrlich katastrophal, wenn man das Durchleben eines nie enden wollenden Alptraum überhaupt als „schlafen“ bezeichnen konnte. Als sie aufwachte, konnte sie sich an nichts mehr erinnern, doch, dass es schrecklich gewesen sein musste, bewies der Schweißausbruch, das Zittern und die Tatsache, dass sie während des Schlafes ihr Glöckchen umklammert hatte.
In eben diesen Zustand hatte sie sich befunden, als es an ihrer Zimmertür geklopft hatte. Green fuhr zusammen und musste erst einmal schlucken ehe sie den Besucher herein bat. Als dieser in ihrem Zimmer stand, musste Green noch einmal schlucken, denn es war ihre Mutter.
„M-Mutter, was machst du hier?“, fragte sie ein wenig unhöflich, doch das schien White weniger zu stören; sie lächelte ihre Tochter an und wünschte ihr einen guten Morgen.
Erst da fiel Green etwas ganz Entscheidendes an ihrer Mutter auf, was sie fast schon schockierte. White trug keines ihrer weißen Kleider oder etwas anderes was eine Hikari oder ein Wächter, tragen würde, sondern menschliche Kleidung. Es war nicht so, dass es ihr nicht stand, doch es war wirklich mehr als ungewohnt sie so zu sehen.
White bemerkte ihren Blick und beantwortete die Frage, die in den Augen ihrer Tochter lag. Sie legte ihre Hand über ihr Herz, auf den lila Stoff des Oberteils, und sagte:
„Ich habe es von Kanori geschenkt bekommen. Leider ist mir die Gelegenheit es tragen nicht oft vergönnt.“ Obwohl Green eigentlich absolut nicht danach zumute war, musste sie lächeln. Vielleicht lag es daran, dass ihre Mutter so glücklich wirkte, wenn sie an Kanori dachte – glücklich und zugleich zutiefst traurig. Die Erinnerung an ihn, deren gemeinsamen Momente… all dies machte ihr Glück aus, sowie sein Tod ihre gesamte Trauer war.
War es bei Green nicht genauso?
White schreckte ihre Tochter aus ihren Gedanken hoch, als diese ihre Hände an Greens Wangen legte und sie so sanft ansah. Sanft, aber auch besorgt.
„Du hast einen Alptraum gehabt, nicht wahr, mein Mädchen?“ Die Angesprochene sah weg, auch wenn das schwer war, wenn das Gesicht mit beiden Händen festgehalten wurde. Es war deutlich, dass es Green zu unangenehm war um darüber zu reden, aber White schien nicht nachgeben zu wollen.
„Als ich in deinem Alter war, noch ein wenig jünger sogar… hatte auch ich Sorgen und Probleme, besonders im Zusammenhang mit dem Krieg, den ich schon zu jungen Jahren zu führen hatte. Ich hatte niemanden, dem ich diese hätte anvertrauen können. Es war ausgeschlossen, dass ich einem meiner Elementarwächtern mein Leid würde beichten können, da es meine Aufgabe war für sie stark zu sein. Ich hab mir damals gewünscht, ich hätte mit meinem Vater reden können… Aber du kennst ihn. Es war für mich nicht möglich diesem Wunsch nachzugehen. Deshalb, Green…“ White streichelte sanft die Wange ihrer Tochter und lächelte milde, als die beiden sich ansahen.
„Ist es mein Wunsch, dir das zu geben, was ich zu meiner Lebenszeit und Regimeführerin nie hatte. Wenn du Sorgen hast – und ich bin mir bewusst, dass dies der Fall ist – dann zögere nicht, zu mir zu kommen. Ich werde deinen Worten immerzu lauschen.“ Das Lächeln ihrer Mutter war ansteckend und obwohl Green nicht wusste, ob sie das Angebot annehmen würde, so war sie froh darüber, dass es existierte.
Doch lange war das Lächeln nicht zu sehen, denn sie vergrub sich in die wärmende Umarmung ihrer Mutter. Genau das war es, wonach sie sich immer gesehnt hatte, als sie damals im Waisenhaus gelebt hatte. Genau nach diesem Gefühl der Geborgenheit; dem Wissen, dass immer jemand da war, der einem zuhörte, hatte sie sich in all den 16 Jahren gesehnt. Akiko, die Mutter Fireys und Shos, hatte bei besten Willen versucht Green dieses Gefühl ebenfalls zu geben, obwohl sie nie zur Familie gehört hatte, aber sie war gescheitert. Es war nicht so, dass Green sie nicht mochte, nein im Gegenteil. Aber sie war einfach nicht ihre Mutter. Vielleicht hatte Green schon damals irgendwo im Gefühl gehabt, dass ihre leibliche Mutter irgendwo da Draußen war und immer noch an sie dachte und sie liebte.
Green wusste es nicht, im Moment war ihr das auch allerlei. Sie schmiegte sich an den wolligen Stoff des Rollkragenpullovers, der zwar nach Schrank roch, aber immer noch den Geruch vom Meer und vom Wald beinhaltete, als wäre es gar nicht so lange her, dass White zusammen mit ihren geliebten Kanori durch den Wald gerast war – derselbe Wald in dem er später auf so grausame Art ermordet wurde.
Es war Green, die sich aus der Umarmung löste, denn White hätte sie ganz sicher ewig so halten können, wenn es der Wunsch ihrer Tochter gewesen wäre. Diese setzte nun ihre Füße auf den weißen Marmorboden ab, weil ihr erst jetzt aufgefallen war, dass sie noch ihr Nachtkleid trug. Außerdem hatte sich immer noch nicht die Frage geklärt, aus welchem Grund White ihre Tochter besuchte.
„Ich werde heute mit dir nach Tokio kommen“, erklärte White, als Green die Frage noch einmal stellte. Sofort erntete sie sich einen fragenden Blick.
„Wieso? Was sollen wir in Tokio?“ Mit diesem Satz unterbrach Green auch ihr Anziehen, da sie plötzlich in ihrer Kleidungswahl irritiert wurde. Sie hatte eigentlich eines von Greys Kleidern in der Hand, doch wenn sie nach Tokio sollte, wäre dies eine unpassende Wahl.
„Grey hat mir erzählt, dass deine Freundin Hinako-san sich heute von ihren Eltern verabschieden wird und ich daher dachte ich, dass wir sie begleiten sollten“, antwortete White, während sich ihre Tochter gerade verwirrt den Inhalt ihres Kleidungsschrankes ansah, sich auf die Worte ihrer Mutter hin jedoch zu ihr wandte.
„Ich hatte eigentlich genau das Gegenteil geplant…“ Green drehte sich wieder herum und fuhr aus, jedoch mit gedämpfter Stimme:
„Sie will sich sicherlich alleine von ihnen verabschieden. Es ist immerhin ihr letzter Tag…“
„Und was ist mit dir, mein Mädchen? Willst du dich nicht auch verabschieden?“ Die Angesprochene unterbrach ihre Kleidungssuche und als wäre es Ironie des Schicksals, hatte sie just in diesem Moment ihre alte, weinrote Schuluniform in der Hand. Green antwortete nicht, sondern berührte nur den Stoff der Uniform mit den Fingerspitzen.
„Lange hast du immerhin bei ihnen gelebt. Da wäre es nur verständlich, würdest du nicht einfach ohne dich zu verabschieden aus ihren Leben verschwinden.“ Whites Tochter sah weiterhin auf die Uniform, auch als sie antwortete:
„Und warum kommst du mit?“ Obwohl Green White nicht sah, da sie hinter ihr stand, konnte sie ihr Lächeln förmlich vor Augen sehen.
„Mit großer Freude würde ich die Frau kennen lernen, welche dich bei sich aufgenommen hat. Dazu will ich ihr versichern, dass du in guten Händen bist und dass sie sich keine Sorgen zu machen braucht.“ Green musste daraufhin beinahe ein ironisches Lächeln unterdrücken. Akiko sollte sich keine Sorgen machen? Sie hatte allen Grund dazu: Ihre jüngste Tochter zog in den Krieg, wie auch ihre adoptierte Tochter. Ja, das war wirklich kein Grund zur Sorge!
Natürlich äußerte Green diese ironischen Gedanken nicht, sondern schwieg, während sie die Schuluniform wieder weg hing. Obwohl sie wusste, dass sie ihre Schuluniform wohl nie wieder tragen würde, brachte sie es nicht übers Herz sie auszusortieren und wegzuwerfen. Genauso wenig wie sie es übers Herz brachte, die Erinnerungen an Green der Familie Minazaii zu löschen.


„Du hättest dich melden können, Green. Ich habe solange nichts mehr von dir gehört, geschweige denn gesehen!“ Eigentlich sollte White den Tonfall, mit dem Akiko Green entgegen kam, nicht gutheißen, immerhin tadelte sie ihre Tochter. Doch das Gegenteil war der Fall. Zum einen wusste White, dass Akiko alles Recht dazu hatte und zum anderen war es gerade der strenge Tonfall der ihr gefiel. Sie sprach auf die gleiche Art und Weiße mit Green, wie sie mit ihren leiblichen Töchtern würde reden wollen und es war auch deutlich raus zu hören, dass sie sich Sorgen gemacht hatte. Auch was White anging, reagierte Akiko wie jede andere Mutter es getan hätte: mit Skepsis und mit der unausgesprochenen Frage ob sie wirklich auf Green aufpassen konnte.
„Ich weiß…“, antwortete Green ein wenig eingeschüchtert und daher auch ohne Kontra. Die drei Frauen unterschiedlichen Alters saßen in Akikos Lieblingsraum, dem Wintergarten. Firey war bei ihren Schwestern, da ihre Mutter darum gebeten hatte, alleine mit Green und White zu sprechen. Von Beginn an, hefteten Akikos Augen auf White, wahrscheinlich hatte sie, wie so viele andere, ebenfalls festgestellt wie erstaunlich ähnlich White und Green sich sahen. Letztere konnte sich jedoch auch vorstellen, dass Akiko sich über das absonderliche Aussehen ihrer Mutter wunderte. Green hoffte, dass sie nicht bemerken würde, dass White ihr Getränk nicht angerührt hatte, wie auch die Kekse von denen Green sich bereits ausgiebig bedient hatte. Wirklich fatal würde es jedoch erst werden, wenn Akiko bemerken würde, dass White nicht atmete. Wie sollte man das erklären? Atemstörungen?
„Ich hab‘ so oft versucht dich anzurufen. Warum hast du nie zurück gerufen? Hast du gedacht, du wärest mir egal, nur weil du jetzt deine leibliche Familie gefunden hast?“ Akikos holzbraune Augen fixierten nun wieder Green, welche sofort verneinte. White sah ihre Tochter an und konnte ihren Konflikt sehr gut nachempfinden. Sie verband nicht nur Sympathie mit ihrer Adoptionsmutter, sondern auch das Wissen, dass sie ihr einiges schuldig war. Akiko hatte sie nicht nur aus dem Waisenhaus befreit, sondern ihr auch ein Leben in Japan ermöglicht; dazu noch das enorme Startkapital welches Green ein eigenes Leben ermöglicht hatte. Für all dies hatte White sich bereits bedankt, obwohl die finanziellen Schulden bereits vor langer Zeit von Grey beglichen worden waren, als er Green mit sich in den Tempel genommen hatte um sie zu unterrichten, auch, wenn Akiko das Geld abgelehnt hatte.
Es war ihrer Tochter deutlich anzusehen, dass sie schlechtes Gewissen plagte. Wie hätte sie ihrer Adoptionsmutter erklären sollen, dass sie kein Teil in dem Leben Akikos sein konnte, geschweige denn ein Mensch war?
„Hinako hat mir erzählt, dass du sehr viel in der Schule nachzuholen hattest und dass du natürlich auch Zeit mit deiner neuen Familie verbringen wolltest. Aber das ist keine Entschuldigung dafür, dass du dich nicht gemeldet hast, auch wenn ich es verstehen kann.“ Wieder konnte Green keine Kontra geben, doch das schlechte Gewissen stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben und das war es wohl auch was Akiko dazu verleitete erschöpft zu seufzten und sich nun endlich White zuzuwenden:
„Sie sind also Greens leibliche Mutter.“ Die Angesprochene nickte und wieder wurde sie gemustert, ehe Akiko fort fuhr:
„Ich komme nicht drum herum mich zu fragen, warum Sie ihre Tochter an ein Waisenhaus gegeben haben.“ Green fragte sich zwar nicht das Gleiche, dennoch war sie sehr auf die Antwort gespannt, denn sie wusste, dass ihre Mutter eine parat hatte; eine die zu Greys damaliger Erklärung passte.
„Wie Sie sicherlich bereits bemerkt haben, bin ich von kränklicher Natur. Mein Vater war daher gegen eine zweite Geburt, doch ich war gegen eine Abtreibung, was mir zum Verhängnis wurde: als Resultat der schwierigen Geburt fiel ich ins Komma.“ Green musste sich zurückhalten, um sie nicht fassungslos anzustarren, wahrscheinlich sogar mit offenem Mund. Da dies jedoch recht unglaubwürdig erscheinen würde, schluckte die junge Hikari nur und sah zu Akiko, die ebenfalls recht überrascht wirkte. Das war also das „Familiendrama“ was Grey damals beiläufig erwähnt hatte. Wo hatte er sich denn sowas aus dem Ärmel geschüttelt? Von Inceres‘ Lieblingslitteratur?!
„Daher erschien es für meine Familie das Beste zu sein, Green in die Obhut eines Waisenhauses zu übergeben. Ich verweilte 10 Jahre im Komma, woraufhin mein Körper lange Zeit brauchte um sich wieder regenerieren zu können. Mein erstgeborener Sohn Grey hatte sich während dieser Jahre auf die Suche nach seiner Schwester gemacht und zum Glück fand er sie wohl behütet, dank Ihnen.“ Von dieser tragischen Geschichte ganz ergriffen, brauchte Akiko einige Momente ehe sie sich regte und Green erschien es fast so, als hätte sie glasige Augen bekommen. Jeder andere hätte bei solch einer Geschichte seinem Gegenüber den Vogel gezeigt, aber obwohl Akiko eine skeptische Frau war, war sie sehr nah am Wasser gebaut und forderte dies auch immer wieder heraus, denn sie hatte einen Hang zu traurigen Geschichten und verlor dabei gerne ihre Skepsis.
White hatte währenddessen weiterhin ihr Standartlächeln auf dem Gesicht und Green fragte sich, wie viel Training man benötigte um so perfekt lächeln zu können: und das in jeglicher Lage, sogar wenn sie ihrem Gegenüber perfekt ins Gesicht log. Um ein Grinsen zu verbergen trank Green lieber ihr Getränk; jetzt wusste sie woher sie das hatte. Obwohl sie sich schon fragte, warum das was White gerade tat nicht als Regelbruch durchging. Green hatte zwar vergessen mit welcher Nummer diese Regel versehen war, aber es gab auf jeden Fall eine die das Lügen verbot. Es war eine von diesen Regeln die Green am liebsten übersah. Aber wie sie ihre Familie kannte, wurde Whites tragische, wohl bemerkt gelogene, Geschichte nicht als Lüge gewertet. Green war sich sicher, dass, wenn sie es erzählt hätte, sie sicherlich Ärger bekommen hätte.
„Ich hoffe, Green, dass du uns in Zukunft dann öfter mal besuchen kommen wirst“, sagte Akiko und schreckte die Hikari aus ihren Gedanken auf, worin sie wohl ein wenig länger versunken gewesen war. Rein aus Affekt wollte sie bereits zustimmen, als ihr einfiel, dass sie in Zukunft erst Recht keine Zeit hatte und dass dieses Treffen eigentlich ein endgültiger Abschied darstellte. Sie wollte bereits hilfesuchend zu ihrer Mutter sehen, doch sie entschied sich anders. Sie wollte selbst die Verantwortung übernehmen.
„Das…“ Green seufzte tief und sagte:
„Kann ich nicht versprechen.“
„Warum nicht? Wirst du irgendwo im Ausland studieren, wenn du deinen Abschluss hast?“ Dies wäre vielleicht eine gute Ausrede und ein Grund für einen endgültigen Abschied, wenn die Familie Minazaii eine normale Familie, mit normalen Mitteln wäre. Aber das war sie nicht. Diese Familie hatte Geld und damit Mittel genug Green, wenn es sein musste, auf der gesamten Erdoberfläche suchen zu lassen. Fireys Zukunftspläne waren schon ziemlich riskant, aber Green würde, als Hikari, gar nicht die Möglichkeit haben eine Scheinidentität auf irgendeiner Universität aufrecht zu erhalten.
Greens Gedanken gerieten ins Stocken als ihr plötzlich etwas wie Schuppen vor die Augen fiel. Als Firey von ihrer Entscheidung gesprochen hatte, hatte Green sich überhaupt nicht angesprochen gefühlt. Wollte ihr Bruder sie schonen, oder warum hatte er ihr nicht davon erzählt? Denn auch sie hatte Wurzeln in der Welt der Menschen… selbst ohne Siberu und Gary.
Was sollte sie tun? Wie sollte sie sich entscheiden? Genau wie Firey? Aber wie sollte sie das umsetzen? Wäre es für sie auch möglich ihre Adoptionseltern ein paar Mal im Jahr zu sehen? Vielleicht ein paar Mal mit Sho die Stadt unsicher machen?
Vielleicht ein paar Mal so tun als wäre „Green Najotake“ noch am Leben?
Aber Green hatte sich für den Weg des Kampfes entschieden… wie sollte sie diesen voll und ganz vollführen, wenn ihre menschlichen Wurzeln sie zurück hielten? Sie hatte sich dafür entschieden eine Hikari zu sein: Eine Hikari, die ihre Freunde beschützen würde und vor allen Dingen, auf ihren eigenen Füßen stehen konnte.
Wenn sie eine gute Hikari wäre, würde sie ihre Mutter darum bitten die Erinnerungen der Familie Minazaii zu löschen und damit die Existenz von „Green Najotake“ endgültig aus der Menschenwelt radieren.
Aber Green war keine gute Hikari. Sie war Kurai Yogosu Hikari Green… und auch ohne Siberu und Gary war sie eine Sünderin. Eine Sünderin mit erhobenem Haupt; stolz auf ihre Sünden; stolz auf ihr Anderssein.
Und deshalb war White nicht einmal besonders geschockt als sie Greens Antwort hörte:
„Ich werde wieder nach Deutschland zurückkehren und dort Finanzwissenschaft studieren. Wenn ihr also mal um der Ecke seid, klingelt einfach durch und meine Tür steht offen für euch!“


Da Sho wusste, dass nicht nur Firey ins Ausland ziehen würde und sich damit verabschieden würde, sondern, dass auch Green vor hatte sich zu verabschieden, wollte sie nicht nur ein letztes Mal im heimischen Tokyo mit Green reden, sondern sich natürlich auch ordentlich von ihr verabschieden und ihr „Viel Glück“ wünschen…. Immerhin war Green die Einzige, die Sho jemals mit guten Gewissen ihre „beste Freundin“ genannt hatte. Selbst nachdem Green mehr als abwesend gewesen war, hatte Sho nie wieder jemanden gefunden mit dem sie sich so gut verstanden hatte, wie mit ihr. Wenn man so darüber nachdachte, waren sie und Green sich fast schon zu ähnlich. Sie waren einfach immer auf einer Wellenlänge gewesen… aber natürlich war Sho jetzt nicht melancholisch in Anbetracht eines Abschiedes. Immerhin lebte ihre gesamte Familie quer über den Erdball verteilt! Sowas war doch heut zu Tage kein Problem mehr – schon gar nicht wenn man Geld besaß und wusste wie man es einzusetzen hatte. Sho brauchte sich einfach nur ins Flugzeug setzen und schon war der Abstand zwischen ihnen überwunden. Sho würde es zwar begrüßen, wenn es nicht gerade irgendein Dritte Welt Land war; da waren die Shoppingmöglichkeiten eindeutig zu begrenzt, doch…
Sho blieb plötzlich stehen, als sie etwas Merkwürdiges hörte. Es waren zwar Wörter, aber sie konnte die Sprache nicht zuordnen… Sie klang schön, als hätte sie einen bestimmten Rhythmus der die einzelnen Wörter untermalte. Aber Sho war sich sicher, dass sie diese Sprache noch nie zuvor gehört hatte – und das, wo sie nicht gerade weltfremd war.
„Mutter, können wir bitte auf Japanisch reden, solange wir noch hier sind? Irgendwie hab ich das Gefühl, ich würde es sonst verlernen und es ist auch schön mal wieder eine andere Sprache auf der Zunge zu haben.“ Höh? Das war doch Greens Stimme… Was sprach sie da für einen Quatsch?
„Wie du willst, mein Mädchen.“ Und das war eindeutig die Stimme ihrer Mutter, denn sie klang ähnlich wie Greens, nur um einiges sanfter. Sho blieb hinter der Ecke verborgen und wagte es nicht auch nur ein wenig hervor zu kommen, aus Angst dabei entdeckt zu werden, wie sie lauschte. Denn dieses merkwürdige Gespräch hatte ihre Neugierde geweckt.
„Warum hast du dich gerade für Finanzwirtschaft entschieden? Ich meine von Grey gehört zu haben, dass du nicht besonders gut auf dem Gebiet der Mathematik bist?“, hörte Sho Greens Mutter sagen.
„Ja, das stimmt, aber ich interessiere mich sehr für Geld. Als ich noch klein war, wollte ich Finanzministerin werden! Aber meine Mathenoten waren immer ein Hindernis. Ich kam mit dieser angeblichen Logik nicht zurecht.“ Green lachte und Sho hörte wie ihre Mutter dezent einstimmte.
„Aber jetzt brauche ich mir ja darum keine Sorgen mehr zu machen… und da ich sowieso aussuchen kann was ich will…“ Kurz schwiegen Mutter und Tochter, ehe White sich räusperte:
„Green, ich kann deine Entscheidung nachempfinden, aber denkst du nicht, dass es für dich leichter gewesen wäre, wenn du dich für die erste Möglichkeit entschieden hättest?“ Greens Antwort fiel knapp aus:
„Vielleicht.“
„Du wirst bald in den Krieg ziehen… und du hast nicht die geringste Vorstellung wie sehr diese Schlacht nicht nur deinem Körper Schmerzen zufügen wird, sondern auch deiner Seele.“ Shos Mund öffnete sich verwundert bei dieser plötzlichen Wendung des Gespräches. Gespannt und aus irgendeinem Grund plötzlich nervös, lauschte sie Greens Antwort:
„Ich weiß, Mutter… und am liebsten würde ich solch eine Vorstellung auch vermeiden.“ Sie seufzte und sagte dann:
„Aber ich bin nun einmal eine Hikari, nicht? Mir bleibt keine Wahl. Wenn die Dämonen uns den Krieg erklären, werde ich kampfbereit sein.“ Dämonen? Sprachen sie etwa von einem Spiel? Das konnte doch eigentlich die einzige, plausible Erklärung sein… aber irgendetwas sagte Sho, dass es sie nicht über etwas Fiktives sprachen, sondern über die Realität. Aber das war doch nicht möglich…
Whites nächste Frage war schonend ausgesprochen, als würde sie, aus irgendeinem Grund Rücksicht auf ihre Tochter nehmen.
„Wie geht es voran mit deinem Training?“
„Ich kann mein Glöckchen immer noch nicht verwandeln.“
„Du siehst müde aus, Green. In Anbetracht der Umstände hältst du dich schon viel zu lange auf den Beinen. Solange dein Seelenträger nicht intakt ist, ist Ausruhen und Entspannen genauso wichtig, wie das Training. Ansonsten wirst du körperlich so erschöpft sein, dass die Dämonen dich in innerhalb von zwei Sekunden überrennen werden – mit, oder ohne deiner Lichtmagie.“ Green antwortete nicht.
„Ich werde Grey sagen, dass er auf dich achten soll.“
„Als ob er das nicht tut. Ich glaube er würde mich am liebsten ans Bett ketten.“
„Vielleicht wäre das gar keine schlechte Idee.“
„Oha, Mutter! Ich bin es ja gar nicht gewohnt, dass du Witze machst.“
„Vielleicht war das auch gar kein Witz.“
„Jetzt machst du mir Angst.“ Kurz schwiegen beide, ehe sie wieder anfingen zu lachen und Sho hörte wie sie sich in Bewegung setzten. Doch ehe sie bei ihr ankamen, indem sie um die Ecke bogen, war der Rotschopf bereits verschwunden, in Gedanken bei dem, was sie gerade gehört hatte.


Firey öffnete die Tür zu ihrem Zimmer um noch die letzten Sachen zu holen, die alle samt schon fein säuberlich für sie gepackt worden waren. Die letzte Tasche stand vor ihrem ehemaligen Bett und beinhielt ihr wichtigstes Hab und Gut. Langsam schloss Firey die Tür hinter sich und das Licht, was vom Gang her herein gekommen war, erlosch augenblicklich und somit lag das Zimmer dunkel da, da die Sonne am Nachmittag nicht in ihr Zimmer schien. Ihr Zimmer war in blasses Grau gehüllt und die verschiedenen kleinen und großen Fireys, in den eingerahmten Bildern, stachen nicht wie sonst, dank der Haarfarbe, hervor, sondern verschwammen nur mit dem Grau um sich herum. Firey drehte den Kopf zu den Bildern, die allesamt davon zeugten, dass sie einen Platz in verschiedenen Bogenschießwettbewerben erlangt hatte. Ein Tick von deren Mutter… jedes Zimmer ihrer Töchter hatte sie vollgestellt mit Bildern des jeweiligen Kindes. Vielleicht, damit das Zimmer nicht so leer wirkte, wenn die Mädchen irgendwo in der Welt waren… doch dieses Zimmer würde lange leer sein.
Vielleicht würde zu diesen Bildern irgendwann ihr Todesbild gehören; schneller als es irgendjemand erwartet hatte.
Vielleicht aber gab es gar kein Totenbild. Denn plötzlich musste Firey an ihren Geschichtsunterricht zurück denken. Die Maßengräber in Frankreich. Als Zeugnis des zweiten Weltkrieges und eines grausamen Kampfes, in dem innerhalb von Sekunden so viele Menschen auf einen Schlag getötet worden waren. Vielleicht war sie bald einer von diesen armen Kreaturen, die in innerhalb von wenigen Sekunden nieder gemetzelt wurden. Namenlos und für immer vergessen; nur ein gefallener Soldat von vielen.
Firey holte rasselnd Luft und starrte auf den sauberen Teppich. Sie hatte sich doch nie für Kriege interessiert. Kriege waren etwas was einen langweilte im Unterricht oder von denen man in den Nachrichten hörte. Etwas was irgendwo auf der Welt passierte, aber den normalen Bürger nicht weiter berührte. Einfach eine weitere Nachricht unter vielen anderen.
Firey schüttelte den Kopf und sagte sich selbst, dass sie nicht daran denken sollte. Sie hatte doch selbst keine Ahnung wie die Elementarkriege vor sich gingen und so leicht würde sie schon nicht sterben; versuchte sie sich selbst einzureden.
Firey sah langsam auf, wollte sich einfach die Tasche nehmen und sich mit anderen Dingen von ihren schwarzen Gedanken ablenken lassen, als ihr auffiel, das etwas auf ihrer Tasche hockte: ein kleiner Teddy, der einen Brief hielt.
Mit zitternden Händen griff die Feuerwächterin danach und öffnete den Brief, während sie das Plüschtier an sich drückte.
In blauer Schrift stand dort nur ein Satz geschrieben: „Gute Reiße, mein Schatz.“
Bei dieser Ironie war Firey kurz davor die Tränen freien Lauf zu lassen, als sie jedoch etwas davon aufhielt.
„Du ziehst auch in den Krieg, nicht wahr, Firey?!“
Es war ihre Schwester die das sagte.


Die Minazaiis verschwammen alle wunderbar mit der Abendsonne, dachte Green, als sie und White mehrere Meter von der Familie entfernt auf einem Zaun saßen. Sie hatten sich entfernt, sich von der Familie abgesondert, um nicht beim Abschied zu stören. Auch wenn die beiden fast hundert Meter von ihnen entfernt saßen, sah Green deutlich wie Firey weinte, als sie sich ihrer Mutter und ihrem Vater in die Arme warf.
„Aber, Hinako, warum bist du denn so aufgelöst! Selbst wenn du an das Ende der Welt ziehen würdest, würden wir dich doch immer besuchen kommen“, hörte Green Fireys Vater beruhigend sagen. Doch ihre Antwort hörte die Hikari nicht, denn ihre eigene Mutter unterbrach sie bei diesem Versuch.
„Die folgenden Worte, sage ich dir nicht als Hikari. Ich sage es dir als deine Mutter.“ Die Angesprochene wandte ihren Kopf zu ihr und sah sie aufmerksam, aber auch fragend an. White jedoch sah die weinende Firey an, mit einem Blick, den Green nicht definieren konnte.
„Du musst auf sie aufpassen.“
„Ich weiß…“
„Ich zweifle nicht an ihren Fähigkeiten, denn durch den Lauf der Zeit konnten wir beobachten, dass das Element des Feuers sehr kritisch ist und sich nur Wesen aussucht, die große Talente in sich verbergen. Aber diese Feuerwächterin hat nicht den Willen zum Krieg… ich kann mir nicht erklären warum sie sich darauf eingelassen hat. So wie ich das sehe… wird sie keine Probleme haben den Bogen zu spannen. Aber sie wird Probleme damit haben ihn zu schießen und damit zu töten.“ Green schwieg, denn im Prinzip wusste sie dies schon. Es allerdings von ihrer Mutter zu hören, machte das alles nur noch schrecklicher. Natürlich war sich Green dessen bewusst. Natürlich verstand sie Firey auch nicht, warum sie am Krieg teilnehmen wollte – und natürlich würde Green nicht zulassen, dass Firey sterben würde.
„Sie muss trainiert werden. Sie muss auf eigenen Füßen stehen können und sich selbst verteidigen können. Wenn du zu sehr auf sie konzentriert bist und immer versuchen wirst sie zu beschützen, wirst du dich selbst in Gefahr bringen… und das darfst du nicht zulassen.“ White sah nun Green an und sagte ernst:
„Denn du bist die Einzige von allen Wächtern die nicht sterben darf.“


White verabschiedete sich von ihrer Tochter, sobald sie wieder im Tempel angekommen waren. Sie war bereits zu lange in ihrem Ersatzkörper und ihre Füße begannen bereits leicht zu flackern. Doch als sie das Zimmer ihrer Tochter alleine verließ, wurde sie überrascht, denn ihre Rückkehr wurde verhindert. Plötzlich war hinter ihr eine Präsenz spürbar, die ihr unbekannt war. Allerdings wusste sie dennoch sofort, wem sie diese eigenartige Aura zu orten sollte und wandte sich herum, mit überraschten Blick, da es das erste Mal war, dass sich White und Silence gegenüber standen.
Whites weiße Augen zeigten Verwunderung, welche ernst erwidert wurde. Die Augen der Toten waren steinhart und die Schwärze undurchdringbar.
„Ich denke nicht, dass wir uns vorstellen müssen“, sagte sie nach einem kurzen Schweigen und machte dann eine Bewegung zu den Füßen der Hikari;
„Ich bin mir bewusst, dass du ins Jenseits aufbrechen musst, nur muss ich mit dir reden – und ich kann dir schlecht ins Jenseits folgen. Ich denke nicht, dass eine Yami, wie ich es bin, im Reich des Lichtes willkommen geheißen wird.“ White wählte den ironischen Unterton der Yami zu übersehen und nickte stattdessen nachdenklich. Sie lehnte sich an das Geländer, von wo aus man direkt in den Himmel sehen konnte. Es war ein wolkenfreier Abend, daher konnte man hinab sehen und die Welt der Menschen erahnen, welche im roten Licht der untergehenden Sonne noch ein letztes Mal für diesen Tag erleuchtete. Doch keiner der beiden schenkte diesem schönen idyllischen Anblick irgendwelche Beachtung; beide sahen sich ernst an.
„Es scheint etwas Wichtiges zu sein“, konstatierte White und Silence erklärte:
„Das ist es. Es ist ein weiteres Problem.“ Ein weiteres Mal nickte die Hikari und führte eine zögernde Handbewegung aus, welche Silence sagte, sie solle doch fortfahren. Doch Silence schien einen kurzen Moment zu zögern, ehe sie ihre Frage stellte:
„Erinnerst du dich an den Moment deines Todes?“