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Episode 26
  Episode 26: Himmel und Hölle
Green wusste, dass das was sie im Sinne war zu tun, das wohl Dümmste, Verantwortungsloseste, Unüberlegteste war, was sie je getan hatte. Schon oft hatte sie vorschnelle Dinge getan, aber das hier toppte alles; einfach alles.
Zusammen mit dem Wächter, welcher sie nichtsahnend hierher gebracht hatte, stand sie am Rande des Geschehens, auf einer Klippe, von wo aus man perfekt das mörderische Getümmel unter ihnen überblicken konnte. Der Wächter hatte darauf bestanden, dass sie sich hinter ihm aufhalten sollte, bis er sich einen Überblick verschafft hatte und so spähte Green nun über seinen Arm hinweg zu den Kämpfenden hinunter.
Green hatte bis jetzt noch nie gegen viele Gegner auf einmal gekämpft; ein solches Schlachtfeld war ihr fremd. Sie sah kaum was, auf Grund des aufgewirbelten Staubes und der Magieentladungen, doch der Wächter hatte ihr erzählt, dass es sich um 16 Dämonen handelte: 16 gegen 7 Wächter, exklusive Green, deren größter Kampf bis dato gegen drei Dämonen gewesen war.
Aber das war weiß Gott nicht das größte Problem und auch ihr schmerzender Knöchel war nicht das Wesentliche. Viel problematischer war, dass sie nicht im Besitz ihrer Lichtmagie war und sie auch nicht den blassesten Schimmer hatte, wie sie diese aktivieren sollte. Es gab nur eines was sie wusste: sie musste handeln. Sie würde ihre Lichtmagie nicht zurückerhalten, indem sie nur pausenlos trainierte. Green wusste nicht, ob sich Hals über Kopf in den Kampf stürzen irgendeinen Sinn hatte, aber so verantwortungslos das auch war: sie musste es drauf ankommen lassen.
Green wusste, es war ein Fehler.
Aber sie musste das Schicksal herausfordern.


White hatte niemanden von dem Gespräch mit Silence erzählt und so konnte sich auch keiner erklären, warum sie bei der Ratsversammlung so überaus schweigsam war. Eigentlich hatte sie nicht einmal vorgehabt teilzunehmen, doch das hatte ihr Gewissen nicht zugelassen, obwohl die Ratsversammlung "nur" über das Verhalten der Dämonen debattierte. Sie hatten mehr als einen Monat keine größeren Angriffe ausgeübt, woher kam dieser plötzliche Sinneswandel und zu welchen Zweck?
Hizashi war gerade dabei zu erklären, dass es sich eindeutig um die private Horde Lerous handelte, doch Whites Gedanken waren woanders, als bei dem fragwürdigen Verhalten des Dämonenherrschers.
Sie war bei den Fragen, welche sie seit dem Gespräch mit Silence beschäftigten: Warum hatte sie White dies gefragt? Warum hatte sie über Nocturn gesprochen? Warum war es wichtig, ob er sich aufgelöst hatte oder nicht?
Warum weckte Silence diese alten Geister, welche White ohnehin so schwer fielen zu verdrängen?
White war nervös, das fiel Adir auf, welcher neben ihr saß und Hizashi auch nur mit halbem Ohr zuhörte, der sich gerade ein Wortduell mit Shaginai verstrickt hatte. White hatte die Arme über ihren Bauch verschränkt und rieb sich beständig die Oberarme, als wäre ihr kalt, was natürlich unmöglich war. Er wunderte sich sehr über ihr Verhalten, doch konnte seine Sorge unmöglich inmitten einer Ratsversammlung aussprechen.
Stattdessen richtete er seine Aufmerksamkeit wieder der Versammlung zu, denn Mary hatte sich in die kleine Debatte zwischen Hizashi und Shaginai gemischt, mit den Worten, dass deren Feinde womöglich doch einen Krieg mit Halbdämonen führen wollten und dass vielleicht der Auftakt darstellte.
„Im Falle des 7ten Elementarkrieges haben wir immerhin auch keine Kriegserklärung erhalten.“ Shaginai lehnte sich in seinem Stuhl vor und während er seine Finger ineinander verzweigte, antwortete er:
„Unsere Feinde waren mehr als 17 Jahre eingesperrt, da wird ihre Wiederkehr, bezüglich der Auftakt eines erneuten Elementarkrieges, niemals ein Angriff auf ein solch unbedeutendes Ziel sein. Nein, das ist nichts weiter als ein normaler, unüberlegter Angriff geprägt von Inkompetenz. Ich zweifle stark daran, dass sie so einfältig sind und einen Krieg nur mit Halbdämonen führen wollen.“
„Vielleicht ist es gar nicht so abwegig. Wir wissen nicht wie weit fortgeschritten ihre Züchtungen sind, vor allen nicht über welche Fähigkeiten diese verfügen. Unsere Wissensquellen sind zu gering um zu einer Beurteilung zu kommen“, fügte Hizashi nachdenklich hinzu.
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Krieg ohne die Fürsten gefährlich für uns sein sollte“, entgegnete Seigi offensichtlich ein wenig missvergnügt bei dem Gedanken, einen Krieg nur gegen Halbdämonen führen zu müssen. Nach dieser Aussage räusperte sich Adir und lenkte somit die Aufmerksamkeit auf sich, welche er ausnutze um sein Wort an White zu richten, welche aus ihrer Gedankenwelt erwachte und ihn überrascht ansah.
„Nehmen wir an, die Dämonen haben nicht vor einen Krieg mit Halbdämonen zu führen, sondern dem Bestreben nachgehen, das Hindernis, den Bannkreis, zu überwinden. Wie könnten sie es bewerkstelligen, White-san? Welche Möglichkeiten gäbe es das Siegel zu brechen, wenn es überhaupt eine gibt?“ Whites Antwort kam schnell, was Adir schließen ließ, dass sie bereits darüber nachgedacht hatte – er hatte ja keine Ahnung, wie sehr sie dieser Gedanke in den letzten Stunden geplagt hatte:
„Die Kraftquelle des Bannkreises ist meine Magie, die das Portal zu unser Seite aus verschließt und des Dämons Nocturns, dessen Magie das Portal zur anderen Seite verschließt. Dies sind die einzigen Schlüssel zum Portal und die einzigen, die es vollbringen können diesen Schlüssel einzusetzen, sind ich und eben dieser Dämon. Einzeln kann keiner von uns es brechen… wir können es nur zu zweit bewerkstelligen, ansonsten öffnen wir nur die eine Seite des Portals.“ Das angespannte Schweigen, welches sich ausbreitete nach Whites Erklärung, herrschte nicht lange.
„Aber das heißt, wenn sie diesen Dämon wiederbeleben würden, wäre es für sie möglich den Bannkreis zu neutralisieren, jedenfalls in dem Rahmen, dass die Dämonen in unser Territorium eindringen könnten?“, fragte Adir, doch kaum hatte er dies ausgesprochen, brach Seigi dazwischen. Von allen unbemerkt verdrehte Elisabeth die Augen, denn sie wusste sofort was er sagen wollte.
„Dann machen wir es doch zuerst! White-sama kann doch den Bannkreis von uns aus neutralisieren und dann greifen wir zuerst an! Nein, nein, stopp! Ich weiß genau was ihr mir jetzt sagen wollt, wir greifen niemals zuerst an; wenn sie uns nicht angreifen, haben wir keinen Grund es zu tun und so weiter und sofort. Aber! Der sonderbare Umstand in dem wir uns gerade befinden, erfordert besondere Maßnahmen! Soviel zu meiner Meinung.“
„Danke, Seigi-san, für deine Meinung“, sagte Hizashi mit einem säuerlichen Unterton, doch bei einigen Hikaris war nicht nur Abneigung gegen Seigis Vorschlag zu hören. Besonders Shaginai schien die Idee nicht so schlecht zu finden, wie Adir und White selbst wussten. Immerhin hatte er dies schon vor knapp einem Jahr vorgeschlagen, noch bevor die Dämonen überhaupt anfingen, an den nächsten Elementarkrieg zu denken. Doch Adir war nach wie vor nicht angetan von dieser Idee, genauso wenig wie White.
„Rein praktisch ist es nicht durchzuführen“, sagte Adir.
„Es ist uns zwar möglich, Wächter nach Henel auszusenden und sie damit in den Krieg zu schicken, doch sie können nicht zurückkehren. Wir würden unsere Wächter damit in den sicheren Tod schicken und das kann kein Sieg wert sein.“ Seine Mithikaris stimmten ihm zu, doch Seigi hatte dennoch etwas dazu zu sagen:
„Aber Greenchen und Bla- ich meine Grey, sind doch auch zurückgekehrt.“
„Ja, aber nur weil…“ Mary ertappte sich dabei wie sie beinahe Inceres‘ Namen sagen wollte und schlug sich die Hand beschämt vor den Mund. Die anderen Hikaris wussten was sie sagen wollte und führten es aus dem gleichen Grund nicht aus, wie sie bereits die Hand vor dem Mund gehalten hatte.
„Inceres-no-danna interessiert sich nicht für uns oder das Wächtertum. Er interessiert sich nur für Yogosu.“ Shaginai war der einzige der die Gedanken der Hikaris laut aussprach und wieder schwiegen sie gespannt, als würden sie erwarten, dass Shaginai von Inceres bestraft werden würde. Doch selbst noch nach Sekunden passierte nichts und es war deutlich zu spüren, dass die Anspannung nachließ. Es war Lili, welche das Thema wechselte und zurück führte:
„Aber… es ist doch nicht möglich diesen Dämon wiederzubeleben, oder etwa doch?“
White spürte wie man sie ansah, als ob sie es wüsste. White fühlte sich ertappt in ihren Gedanken, denn genau dieselbe Frage hatte sie seit dem Gespräch mit Silence nicht mehr losgelassen. Doch sie war immer zur gleichen Antwort gekommen: Es war nicht möglich. Es durfte nicht möglich sein. Doch ihre Furcht beruhte nicht auf der Tatsache, dass Nocturn in der Lage sein würde das Siegel zu beschädigen, sondern auf etwas vollkommen anderem…

„Ich werde jeden töten der dir nahe steht. So lange bis du niemanden mehr hast. Das schwöre ich! Vielleicht wirst du dann begreifen, dass wir einander brauchen.“

White hoffte, dass niemand bemerkte, dass eine Gänsehaut sie packte. Sie hatte doch nur noch Grey und Green… nicht auch noch sie…
Sie wollte den Kopf schütteln um diese Gedanken zu verdrängen, doch sie konnte nicht. White wollte vor ihrer Familie nicht zeigen, dass die alte Angst sie nie losgelassen hatte und dass es ihr schlimmster Alptraum wäre, Nocturn lebend wieder zu sehen.
„Es ist nicht möglich“, sagte Adir kopfschüttelnd. White sagte nichts dazu, auch wenn sie bemerkte, dass man auf ihre persönliche Meinung wartete. Erst nach einem kurzen Schweigen ergänzte sie Adirs Worte:
„Ich bezweifle es auch. Das Thema Heilung, worunter Wiederbelebung fällt, ist für die Dämonen ein Bereich welchen sie nicht beherrschen. Nur Light-sama war der Wiederbelebung mächtig.“ Sie hatte diese Worte herunter gerappelt wie eine mechanische Puppe, mit den Gedanken jedoch vollkommen woanders. Gedanken, die sie niemals aussprechen würde, denn keiner der Anwesenden wusste, dass sie Nocturn auch außerhalb des Schlachtfeldes getroffen hatte und schon gar nicht von den fragwürdigen Gefühlen seinerseits. Es gab einige Geheimnisse, die sollte man lieber mit ins Grab nehmen… oder in die Ewigkeit. Sie wollte sich gar nicht ausmalen, wie Shaginai reagieren würde, wenn er wüsste, dass sie mit Nocturn öfters Tee getrunken hatte, Gespräche geführt hatte.
Sie selbst würde es am liebsten vergessen…
Doch gerade weil sie Nocturn kannte, war sie sich ziemlich sicher, dass er keine Gefahr für das Siegel darstellte. Er und sie waren die einzigen die es brechen konnten, doch sie zweifelte daran, dass er es tun würde… denn dadurch, dass Silence sie dazu gezwungen hatte, in ihren Erinnerungen zu suchen, erinnerte sie sich deutlicher denn je an den Moment wo sie beide zu Grunde gegangen waren. Er hatte seine Macht freiwillig an sie abgegeben, für seine persönliche Rache an… White konnte sich nicht mehr genau an den Namen erinnern.
Nathiel?



An genau diese Frau dachte just in diesem Moment auch ein Anderer, welche sich jedoch nur kurz mit der Frage beschäftigte, wann er sie wohl wieder sehen würde, bis er diese Frage abgestempelt zu den Akten legte, um sich wichtigeren Dingen zu widmen. Obwohl er Konferenzen als ziemlich langweilig empfand, war er doch immer anwesend; doch diese würde vielleicht ein wenig amüsanter werden, denn das Thema war keines, welches jeden Tag auf dem Programm stand und vielleicht gab es sogar mal eine minimale Chance, dass die Hohen auf einen Nenner kommen würden und sich nicht wie sonst sinnlos anschreien würden, im Versuch irgendwie ihre Macht zu demonstrieren. Das Thema waren zwei Halbdämonen.
Die Akteure der heutigen Konferenz waren beisammen gekommen und Karou stellte zufrieden fest, dass seine Vorrichtung Effektivität bewies, denn es war ganz offensichtlich, dass die beiden Halbdämonen, dank des Bannkreises welchen Karou installiert hatte, nicht in der Lage waren die Fürsten zu erkennen; andersherum war dies jedoch möglich. Die einzigen, die die zwei Halbdämonen sehen konnten, waren Lycram, Ri-Il und Lerou, zusammen mit dessen Spielmädchen Luzil, die Karou jedoch nicht zu den Akteuren zählte, da sie nicht die geeignete Intelligenz aufwies; Karou konnten sie nicht erkennen, da er sich, wie immer, weit in den Schatten des Raumes verzogen hatte und die Konferenz von weitem beobachtete und aufzeichnete wie er es immer tat.
Lycrams Gemüt konnte als siegessicher definiert werden, Lerou gelangweilt, Ri-Ils Stimmung undefinierbar, Silver nervös und Blue ernst. Karou schätzte, dass die Konferenz sechs Stunden und drei Minuten dauern würde und dass die Überlebenschance der beiden Halbdämonen bei 44% lag.
Und seine Schätzungen lagen selten daneben, außer es traten ungeahnte Zwischenfälle ein. Doch das Überleben der Halbdämonen war für seine Pläne von geringer Wichtigkeit, viel mehr interessierte ihn die merkwürdige Konstellation von Lycram und Ri-Il, oder eher die Anwesenheit des Letzteren. Die Frage warum er ebenfalls anwesend war beschäftigte scheinbar nicht nur Karou, wie ihm auffiel runzelten auch einige andere Fürsten die Stirn und Karou mochte keine Fragen, die er nicht beantworten konnte.
Silver war in der Tat nervös und wäre es wahrscheinlich noch mehr, würde er wissen, dass ihm diese ins Gesicht geschrieben stand. Es machte ihn nervös, dass er nicht in der Lage war die anwesenden Fürsten zu sehen, sondern nur ihre Aura spüren konnte; zwar wusste er von Blue, dass die Fürsten nicht direkt anwesend waren, sondern nur in Form von Hologrammen, doch er war nicht darauf vorbereitet gewesen, dass er sie nur schemenhaft sehen konnte; so schemenhaft, dass es ihm nicht möglich war, die Gesichtsausdrücke zu erahnen und damit tappten sie buchstäblich im Dunkeln, denn der Saal war obendrein auch alles andere als hell. Genauer gesagt gab es keine einzige Lichtquelle und so konnte er weder den Boden unter seinen Füßen erkennen, noch die Decke, was es schwer machte einzuschätzen wie groß der Saal eigentlich war. Als Lycram seine Stimme jedoch in Gebrauch nahm und diese einen ziemlichen Wiederhall gab, war er sich sicher, dass der Raum ziemlich groß sein musste:
„Was für eine verdammte Beleidigung!“, fing Lycram ohne jegliche Begrüßungsfloskeln an und machte einen Wink zu Silver und Blue.
„Dass ich das miterleben muss! Zwei verdammte Mischlinge in unseren Reihen, in diesem Saal!“ Karou musste beinahe ein ironisches Lachen unterdrücken: wenn Lycram nur wüsste…
„Lycy, Lycy, Lycy!“, scheute Ri-Il sich nicht ihn vor versammelter Fürstenschaft zu nennen und sich mit seinem gewohnten gelassenen Lächeln an ihn zu wenden. Doch niemand wunderte sich über Ri-Ils Verhalten, sie waren es gewohnt und kaum jemand amüsierte sich darüber. Nur Lycram selbst regte sich darüber auf, was durch eine pochende Pulsader deutlich zu sehen war und schon bereute er, dass er sich auf den Handel mit Ri-Il hatte eingelassen und wusste plötzlich nicht mehr, ob diese Frau, deren Namen er schon wieder vergessen hatte, dies wert gewesen war.
Doch Ri-Il reagierte nicht auf Lycrams gereizte Stimmung, sondern stemmte die eine Hand in seine dünne Taille, während er sich nun sowohl an die Fürsten, als auch an Lerou richtete, mit einer tiefen Verbeugung:
„Verzeiht das Benehmen des Sprachführers, meine Hoheit, es scheint, dass er einen schlechten Tag hat…“
„Meine Tage sind immer schlecht wenn ich deine Visage sehen muss, du dreckiger Hurenso…“
„Aber, Lycilein! Doch nicht vor den Kindern“, entgegnete Ri-Il und tat so als wäre er entsetzt über Lycrams Wortwahl, während er einen Wink an Blue und Silver machte. Ersterer wunderte sich sehr über das Verhalten seines Lehrmeisters; natürlich hatte er oft selbst miterlebt wie gern er Lycram zur Weißglut trieb, aber er hätte nicht gedacht, dass er dies auch vor versammelter Fürstenschaft tun würde. Was bezweckte er mit diesem Verhalten? Warum war er überhaupt hier? Doch wohl kaum um sich mit Lycram zu amüsieren…
„Lasst uns diese Konferenz beginnen! Oder habt Ihr noch irgendwelche Einwände, Herr Sprachführer?“ Natürlich hatte dieser Einwände, besonders dagegen, dass er dieses Gespräch nicht führte, sondern ein gewisser anderer, welcher überaus große Freude daran zu haben schien. Bevor dieser den Mund öffnen konnte um weiter die Konferenz zu leiten, stellte Lycram sich nun vor ihn und gab ihn mit einem finsteren Blick zu verstehen, wer eigentlich das sagen hatte. Ob Ri-Il dies auch so sah, war fraglich, doch er unterbrach Lycram nicht, als dieser nun zum zweiten Mal anfing:
„Wir alle wissen, warum wir hier sind und was diese Mischlinge hier machen!“ Lycram wandte sich von Lerou ab und wandte sich mit einem triumphierenden Blick zu Blue und Silver herum, als wäre ihm plötzlich eingefallen, dass die Karten für ihn gar nicht so schlecht lagen.
„Wir alle sind ganz gespannt darauf zu hören, warum diese beiden Mischlinge das Hikarigör nicht getötet haben, obwohl es ihnen ausdrücklich befohlen wurde!“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und warf Ri-Il einen Blick zu der von neugewonnenen Selbstvertrauen nur so strotzte.
„Nicht wahr, Ri-Il?“ Der Angesprochene tat so als würde er die Bedeutung in den Worten Lycrams nicht herauslesen können und Blue war sich ziemlich sicher, dass er, obwohl Ri-Il seine Augen geschlossen hielt, sie beide ansah, mit einem Blick der nicht unschwer zu deuten war.
„Sei doch ein wenig netter zu den beiden. Lycilein! Immerhin haben wir es ihnen zu verdanken, dass wir mit den Kriegsplanungen anfangen können, da die Lichtprinzessin außer Gefecht gesetzt ist.“ Eine Stimme unter den Fürsten räusperte sich und Silver war verwundert, als er die helle Stimme einer Frau hörte. Blue dagegen nicht, denn er wusste, dass die Stimme Lacrimosa gehörte, dem einzigen weiblichen Mitglied unter den Fürsten:
„Du brauchst deine Schüler gar nicht so scheinheilig in Schutz zu nehmen, Ri-Il! Wir alle wissen, wer in Wahrheit die Verantwortung trägt.“ Lycram schien diese Worte mit Wonne in sich aufzunehmen, da er mit einem überhebenden Lächeln fortfuhr:
„Zur Abwechslung mal hat eine gewisse Schlampe ja sogar mal recht. Nun stellt sich doch die Frage…“
„Tja, denn eine gewisse Schlampe denkt auch nicht mit ihrem Schwanz so wie ihr das tut.“ Wieder fing die Pulsader Lycrams zu pochen an, als er über die Schulter sah und scheinbar mit Lacrimosa ein Blickduell führte, wie Blue schätzte, immerhin konnte er die Gesichter der anderen Fürsten nicht erkennen. Dank der Worte Lacrimosas gönnte Blue sich einen kurzen nachdenklichen Moment, denn ihre Worte waren leider mehr als wahr. Diese Konferenz handelte nicht nur um das Weiterleben von ihm und seinen Bruder, sondern auch um Ri-Ils Ruf und Machtposition, was es für sie nur noch gefährlicher machte, denn sie waren das Mittel um Ri-Il zu schwächen. Würden sie eine zu große Gefahr ausmachen, würde Ri-Il sie fallen lassen wie eine heiße Kartoffel. Natürlich war Blue dies von Anfang an klar gewesen, doch er hätte nicht gedacht, dass dieser Aspekt der Lage bereits nach fünf Minuten auf dem Tisch kommen würde. Er hatte gehört, dass nicht nur Lycram etwas gegen Ri-Il hatte, sondern auch Lacrimosa: es waren also mindestens zwei der Fürsten, die alles daran setzen würden, Ri-Il zu schaden – und damit auch ihm und seinem Bruder.
Es gab nur eine Möglichkeit, wie Blue dies zu Ri-Ils, und damit auch zu deren, Gunsten kippen konnte…
Lycram wandte sich von dem Blickduell mit Lacrimosa ab und erhob nun seinen Arm, samt ausgestreckten Zeigefinger und zeigte anklagend auf die beiden Halbdämonen:
„Warum haben die Mischlinge die Hikari am Leben gelassen?! Eine berechtigte Frage, wenn man bedenkt, dass es das war, worauf dieser ganze Scheiß hinaus lief!“ Silver spürte wie er langsam unruhig wurde. Die Wut des Fürsten schien ungebändigt und er zweifelte nicht daran, dass er sie schneller umbringen würde, als sie blinzeln konnten. Blue meinte zwar, dass er einen Grund liefern konnte, der sie retten konnte, aber Silver konnte sich nur schwer einen vorstellen. Zu erpicht schien Lycram darauf zu sein, sie tot zu sehen.
„In der Tat gibt es einen Grund für unser Vergehen. Es gibt nämlich ein Faktum, welches sich erst kurz vor dem Beenden des Auftrages gezeigt hat; ein Faktum welches dafür gesorgt hat, dass das Leben der Hikari plötzlich wichtig wurde.“ Silver war überrascht über Blues ruhigen Tonfall, als er dies vortrug und fragte sich, ob er denn gar nicht nervös war; man sah es ihm jedenfalls nicht an.
„Na, dann lass mal hören, Kleiner!“, sagte Lycram spöttisch und ganz offensichtlich von seiner Sache überzeugt; überzeugt davon, dass er Ri-Il in dieser Konferenz einiges auswischen konnte, wobei ihm dessen ach-so-tolle Lieblingsschüler helfen würden. Nichts würde sie und damit Ri-Il retten können, dessen war Lycram sich sicher und daher schwieg er auch einen kurzen Moment, als Blue entschlossen seine Antwort vortrug:
„Wir brauchen sie zu Forschungszwecken.“
Silver klappte fassungslos der Mund auf, während die anderen Dämonen Blue, nach einem kurzen schweigen, lachend verspotteten. Sogar Lycram lachte boshaft, doch Blue verzog keine Miene, während er so fürchterlich zur Schau gestellt wurde; er sah genauso ernst aus, wie Ri-Il es plötzlich tat, welcher ebenfalls nicht das Verlangen danach hatte zu lachen.
Nachdem sich die boshafte Tollerei wieder gelegt hatte, ergriff Lycram wieder das Wort und erklärte Blue breitgrinsend, dass derjenige wohl nicht ganz auf dem laufenden Stand der Dinge wäre, während er langsam auf den Halbdämonen zuging, dabei einen verstohlenen Blick zu Ri-Il werfend, dessen Grinsen verschwunden war, was Lycram außerordentlich gefiel.
„Wir haben bereits genug Hikaris auseinander genommen, um zu wissen, wie sie ticken. Also ist das wohl eine ganz beschissene Ausrede! Hast du keine bessere auf Lager? Ist dir deine erbärmliche Haut etwa so wenig wert?“ Der Fürst stand nun genau vor Blue, welcher zu ihm hoch sehen musste, um ihn direkt ansehen zu können. Immer noch wirkte Blue nicht verunsichert, sondern eher uninteressiert. Ein Blick welcher an seinen Vater erinnerte, dachte Silver und bewunderte ihn dafür, dass er so ruhig bleiben konnte.
„Weißt du, was ich glaube, Mischling?“, zischte Lycram und obwohl er nicht laut sprach, war seine Stimme von allen Anwesenden klar und deutlich zu hören:
„Ich glaube ihr wolltet dieses Hikariweibsstück gar nicht töten - und weißt du, warum ihr das nicht wolltet? Ganz einfach: Weil ihr nur erbärmliche Halbdämonen seid und ihr sicherlich, im Laufe der vielen Jahre, angefangen habt das Weib zu mögen. Und Menschen, die ihr zur Hälfte seid, bringen keine um, die sie mögen.“
Stille.
Ri-Il hatte seine Augen geöffnet, was von den leiblich Anwesenden nur Silver bemerkte, denn Blue war zu sehr damit beschäftigt, den Blick Lycrams tapfer standzuhalten. Doch der Rotschopf hatte bemerkt, dass Blue, dadurch, dass Lycram ins Schwarze getroffen hatte, verunsichert wurde.
„Ich weiß genau was ich sehe und ich sehe, dass…“ Lycram packte Blue am Kragen und fuhr zähneknirschend fort:
„Besonders dieser Mischling etwas verbirgt!“
„In der Tat, das tue ich, aber nur weil Ihr mich nicht aussprechen lässt.“ Das hätte Blue lieber nicht sagen sollen, denn von einem Moment auf den anderen entstellte die Wut Lycrams Gesicht.
„Was erlaubst du dir?!“
Hätte Ri-Il sich in diesem Moment nicht eingemischt, wäre Blue wahrscheinlich einen Kopf kürzer gewesen: schneller, als irgendjemand hätte reagieren können, stand Ri-Il plötzlich hinter Blue, von wo aus er Lycrams Handgelenk gepackt hatte und dieses senkte, wodurch Lycram dazu gezwungen war, den Kragen Blues loszulassen. Dies war in wenigen Sekunden passiert und als Ri-Il folgendes sagte, war er wieder einige Meter von Lycram und Blue entfernt:
„Ich glaube, du solltest Blue ausreden lassen, immerhin ist dies der Grund, weshalb wir hier sind.“ Lycram funkelte ihn so abgrundtief wütend an, als wolle er seinen Kontrahenten mit dem Blick töten wollen. Doch er schwieg: wahrscheinlich weil ihm bewusst war, dass er sich keine Blamage vor versammelter Fürstenschaft erlauben konnte.
Blue wechselte nur einen kurzen Blick mit Ri-Il, welcher seine Augen nun wieder geschlossen hatte. Irgendetwas sagte dem Halbdämon, dass dies das letzte Mal war, dass Ri-Il ihm geholfen hatte. Von nun an, müsste er auch ihn überzeugen, ansonsten würde er die Gunst seines Lehrmeisters verlieren. Blue atmete tief durch, achtete nicht auf den Blick seines Bruders, welcher scheinbar spürte, was Blue würde sagen wollen und ganz und gar nicht darüber erfreut war.
„Die Hikari hat eine besondere Fähigkeit die für uns von großer Wichtigkeit ist.“
„Und die wäre?“, fragte einer der anderen anwesenden Fürsten und man konnte förmlich spüren wie Unruhe sich breit machte. Da Blue niemanden außer der leiblich Anwesenden direkt ansehen konnte, sah er an Lycram vorbei und sagte:
„Die Hikari besitzt die Fähigkeit uns Dämonen zu heilen.“


„Ukario-sama!“
Als Green diesen Namen hörte, fiel ihr auf einmal wieder ein wer der Wächter war und eigentlich sollte sie sich schämen, dass sie den Namen des Illusionswächters vergessen hatte, denn er war einer der wichtigsten Akteure des Kriegsgeschehens. Er war Feldmarschall und hatte als solcher bereits im letzten Elementarkrieg gedient und große Taten vollbracht. In der Zeit nach dem siebten Elementarkrieg war er für den Ablauf der Außeneinsätze verantwortlich und war sowas wie der Vorgesetzte der noch recht jungen Offiziere, die, so viel Green wusste, zwar alle den siebten Elementarkrieg miterlebt hatten, aber selbst nicht aktiv teilgenommen hatten. Ukario war irgendwo Mitte dreißig und Grey sprach in hohen Tönen von ihm; daher sollte Green sich wahrlich schämen, dass sie seinen Namen vergessen hatte.
Der Wächter, der Ukario gerufen hatte, war Shitaya gewesen, welcher einige Meter neben seinem Vorgesetzten aufgetaucht war, um Bericht zu erstatten. Dies wollte er auch gerade tun, ehe er von dem Dasein Greens davon abgehalten wurde und sie verwundert ansah, ehe er hastig eine Verbeugung vollführte.
„Hikari-sama, welch eine Ehre! Doch auch positive Überraschung, wenn man bedenkt, mit welchen Gegnern wir es hier zu tun haben…“ Als Green so betitelt wurde zwang sie sich zu einem Lächeln, obwohl ihr absolut nicht danach war, denn mit einem flauen Gefühl fiel ihr auf, dass Shitaya verletzt war; er hatte eine offene Wunde am rechten Bein und als am Kampf teilnehmende Hikari war es ihre Pflicht ihn zu heilen, womit sie momentan nicht dienen konnte. Automatisch wich Green ein wenig zurück, doch zum Glück mischte sich nun Ukario ein:
„Ich nehme an, das bedeutet, dass ihr die Lage bereits unter Kontrolle gebracht habt?“ Daraufhin wandte sich Shitaya wieder Ukario zu und antwortete:
„Ja, in der Tat, Ukario-sama. Doch es gibt ein Problemfaktor, wobei uns Hikari-sama jedoch sicherlich behilflich sein wird; mit der Hilfe des Lichtes wird dieser Kampf eine Sache von Minuten sein.“ So langsam spürte Green wie sie nervös wurde, besonders als Shitaya sich wieder ihr zuwandte und sie zuversichtlich ansah. Ein Gemüt, welches Green im Moment überhaupt nicht teilte, besonders nicht, wenn man von ihrem Licht sprach, welches nicht ganz so vorhanden war, wie die Wächter, um sie herum es zu glauben vermochten.
Sie sollte etwas sagen. Vielleicht nicht ganz die Wahrheit, aber doch wenigstens andeuten, dass sie sich nicht auf sie verlassen konnten. Ihr musste eine Lüge einfallen, die glaubhaft erscheinen würde und sie gleichzeitig nicht allzu schlecht würde dastehen lassen…
Dazu kam es jedoch nicht.
Green, die nun einige Meter von Ukario entfernt gestanden hatte, bemerkte es als Letzte; genauer gesagt bemerkte sie es erst, als ihr Name gerufen wurde. In dem Moment wo ihr Name gerufen wurde wirbele sie zu dem Ursprung herum, sah wie Ukario die Hand nach ihrer ausstreckte und sie automatisch dasselbe tat, ohne den wahren Hintergrund zu wissen.
Doch ehe sie die behandschuhte Hand erreichen konnte war plötzlich alles dunkel.


Die Antwort auf Blues Satz war ein Raunen welches durch die anwesenden Dämonen ging, selbst Lycram und Ri-Il schwiegen verblüfft, während Silver sich auf die Lippen beißen musste um nichts zu sagen. Das war es also gewesen, was Blue angedeutet hatte, als sie beschlossen hatten, den Auftrag auszuführen… und nun wusste Silver auch, warum er ihn nicht eingeweiht hatte. Sein kleiner Bruder hätte es ihm ausgeredet; er hätte alles daran gesetzt ihn von diesem Gedanken abzubringen und auch jetzt zerfraß ihn das Bedürfnis Blue in seinem Vorhaben zu unterbrechen, sich dazwischen zu werfen und zu sagen, dass das alles absolut nicht wahr war. Eine Hikari die Dämonen heilen konnte! Ha! Wer glaubte sowas schon…
Doch es wurde geglaubt. Jedenfalls brachte es die Fürsten im ersten Moment zum Schweigen. Einen Moment lang spielten sie wahrscheinlich alle mit dem Gedanken, wie es wäre, wenn sie sich genauso einfach heilen konnten, wie die Wächter es konnten. Silvers Überlebensinstinkt erleichterte das Schweigen, aber gewiss erfreute es ihn nicht. War Blue sich bewusst, was er da tat? Wozu war das ganze überhaupt gut gewesen, wenn er ausgerechnet den Fürsten sagte, dass Green sie heilen konnte! Er lieferte sie regelrecht an den Pranger!
Selbstverständlich war Blue sich dessen bewusst. Selbstverständlich wusste er, welches Risiko sich hinter seinen Taten verbarg – doch auch welcher Vorteil, für sie und für Green.
„Eine Hikari, die uns heilen kann?“, stellte einer der Fürsten erstaunt fest.
„Ja“, antwortete Blue und führte aus:
„Ich bin der lebende Beweis dafür. Ohne ihre Fähigkeiten würde ich hier nicht stehen können, denn die Hikari rettete mein Leben durch ihre einzigartige Fähigkeit.“ Jetzt erst verstand Silver den zweiten Grund, den wichtigsten Grund, weshalb Blue es ihm nicht gesagt hatte. Jetzt erst verstand er den zweiten Hintergrund hinter Blues Tat. Er belog die Fürsten indem er sagte, dass nur er die wundersame Heilung Greens am eigenen Körper gespürt hatte, tat so, als wüsste Silver davon nichts…
„Dies zeigte sich erst kurz bevor wir den Auftrag zu Ende bringen wollten und ich beschloss, dass das Leben der Hikari für uns von größerem Nutzen wäre, als ihr Tod. Daher verschonte ich das Leben der Hikari.“
Jetzt verstand Silver: Blue übernahm die gesamte Verantwortung um das Leben seines Bruders zu retten!
„Gelogen!“ Lycram hatte sich aus seiner Starre gelöst und zeigte nun wieder auf Blue.
„Ich glaube dir kein Wort! Du willst nur deine stinkende Haut retten. Als ob eine Hikari uns heilen könnte! Ich bitte dich! Etwas Besseres ist dir nicht eingefallen?!“ Nein, dachte Silver, Blue wollte nicht seine eigene Haut retten; diese setzte er gerade aufs Spiel, um die seines Bruders zu retten. Aber darum hatte dieser verdammt noch mal nicht gebeten! Er konnte auf sich selbst aufpassen, er brauchte keinen großen Bruder, der den Märtyrer spielte… Blue musste doch klar sein, dass die Hohen es ihm nicht so ohne weiteres glauben würden, sondern Beweise fordern würden. Welche Beweise sollte er vorweisen? Sich selbst? Ja, dachte Silver, wahrscheinlich… deshalb hatte Blue auch betont, dass Green ihn geheilt hatte und nicht Silver, obwohl dies gelogen war. Aber wenn Blue glaubte, dass Silver stillschweigend zusehen würde, wie sein Bruder sich opferte, dann hatte er falsch gedacht!
Doch dazu etwas zu tun kam Silver nicht, denn jemand anderes griff ein:
„Mein Lehrling lügt nicht“, kam es von einer ruhigen Stimme hinter Blue und Silver, welche über die Schulter sahen um sich davon zu überzeugen, dass das was sie glaubten geschehen war, wirklich wahr war.
Ri-Il ergriff für sie Partei ohne selbst Beweise gesehen zu haben?!
Beide sahen Ri-Il schockiert an, als dieser ruhig und gelassen, mit verschränkten Armen an den zwei vorbei schritt, nicht auf Lycram oder sie achtend, sondern den Blick gerade aus, doch nach wie vor mit geschlossenen Augen fortfahrend:
„Ich kann bezeugen, dass die Worte Blues der Wahrheit entsprechen, denn ich war es, der Blue den Befehl dazu gab den Auftrag anders zu beenden als vorher geplant; zur Gunst unserer Rassen.“ Ri-Il löste seine Arme von seiner Brust und breitete seine Arme nun in einem einladenden Gestus aus und während er seinen Blick zuerst über die Fürsten schweifen lies, sprach er weiter:
„Stellt euch vor, meine Mitfürsten, meine Hoheit… welche neuen Möglichkeiten uns damit gegeben sind! Der größte Vorteil unserer Feinde ist nicht ihr Licht, sondern ihre Heilungsfähigkeit, die die Hikari nicht nur ihr Eigen nennen, sondern auch anderen daran teilhaben lassen. Wenn wir diese uns einverleiben könnten, dann… nun, ich denke, das ist jedem klar.“ Es war ohne jeden Zweifel, dass Ri-Il die Neugierde der Fürsten geweckt hatte; ob Lerou es vollends verstand, war eine andere Frage. Doch das war nicht das, was Blue im Moment beschäftigte, sondern eher die Frage, wie Ri-Il so einfach seine Hand für die beiden Halbdämonen ins Feuer legte. Blue hatte seinem Lehrmeister kein Wort über Greens Heilungsfähigkeit verraten, noch hatte er sie in irgendwelchen Berichten erwähnt – es war unmöglich, dass Ri-Il davon wusste. Vertraute er ihnen etwa so weit? Nein, so naiv war Blue nicht um dies zu glauben. Ri-Il musste es anderweitig erfahren haben… aber woher? Er hatte Green einmal getroffen und dabei wohl kaum gespürt, dass sie in der Lage war Dämonen zu heilen.
Blue gefiel die Situation nicht. Zwar wusste er, dass er und Silver aus dem Schneider waren, aber er hatte das Gefühl, dass er in eine Falle getappt war – und aus einer Falle, die Ri-Il aufgebaut hatte, kam man normal nie wieder heraus…


Ukario konnte es nur schwer begreifen, dass die Hikari vor seinen Augen verschwunden war; buchstäblich in die Dunkelheit hinab gezogen worden war. Eine bekannte Magie; nichts, was einen erprobten Wächter ernsthaft in Gefahr brachte. Ein alter Hut, sozusagen und gerade deshalb eine noch größere Schande für einen Wächter seines Ranges, dass er diesen Trick nicht in Betracht gezogen hatte und Green damit nicht die nötige Ausrüstung gegeben hatte, ehe sie aufbrachen.
Der Trick, „Nox“ genannt, lief darauf hinaus, dass die Dämonen es sich zu Nutze machten, dass die Wächter im Dunklen nichts sehen konnten. Sie tauchten einen begrenzten Radius in tiefste Dunkelheit, um so ihre ahnungslosen Opfer leichter umzubringen. Besonders talentierte Dämonen konnten die in Dunkelheit gefangenen Wächter auch in einem Trancezustand versetzen, aus denen sie sich nur mit Hilfe des Lichtes befreien konnten. Die Wächter waren jedoch schon lange nicht mehr ahnungslos und daher gehörte es zur Standartausrüstung eine Sehvorrichtung installiert zu haben, welche sich automatisch aktivierte, sobald die Dämonen Nox anwandten und daraufhin das Sehfeld des Wächters in ein grünes Licht tauchte, womit man nicht von der Dunkelheit behindert wurde; und auch nicht in ihren Bann fiel, so wie es mit Green geschehen war. Da sie nicht mit der Sehvorrichtung ausgerüstet gewesen war, war es sehr wahrscheinlich, dass sie just in diesem Moment in der Dunkelheit herum irrte, irgendwo im Wirkungskreis des Zaubers.
Diese Vorrichtung hatte sich bei Shitaya und Ukario sofort aktiviert und sie sahen nun mit Schrecken, dass Green nicht mehr hinter ihnen stand, sondern verschwunden war. Kaum, dass sie dies bemerkt hatten, aktivierte Shitaya sofort sein Kommunikationsgerät, welches sich an seinem Ohr befand und gab folgenden Befehl weiter:
„An Alle! Hikari-sama ist in einem Radius von 900 Metern in einem Nox-Zauber gefangen! Oberste Priorität: Findet sie, bevor unsere Widersacher es tun! Doch denkt daran: Sucht nicht auffällig nach einer Hikari, denn die Dämonen wissen nicht, dass sie sich hier befindet!“ Kaum, dass Shitaya das Gerät ausschaltete, mischte sich nun auch Ukario ein:
„Woher nimmst du das Gewissen, dass die Dämonen nicht wissen, dass unsere Hikari-sama sich hier aufhält?“
„Ganz einfach. Würden sie es wissen, hätten sie keinen Nox-Zauber angewandt. Der Nox-Zauber wird sofort neutralisiert, sobald Lichtmagie aktiviert wird. Obendrein trägt Hikari-sama ganz offensichtlich einen Ingnix, denn ihre Aura war nicht zu spüren… Daher nehme ich an, dass die Dämonen nicht ahnen, dass Hikari-sama unter uns ist. Doch da unsere Hikari-sama anwesend ist, haben wir keinen Grund uns zu sorgen. Mit ihrer Lichtmagie wird sie sicherlich den Nox-Zauber schneller neutralisieren, als das wir sie finden we-“
„Nein, das wird sie leider nicht.“ Shitaya und Ukario wirbelten herum und sahen Grey, zusammen mit Firey, die beide ebenfalls mit den grünschimmernden Brillen ausgerüstet waren. Ernst fuhr Grey fort, denn das fragende Gesicht der beiden Wächter war nicht zu übersehen:
„Meine Schwester oder genauer gesagt ihre Magie, befindet sich im Esu-in Zustand, was bedeutet, dass sie ihr Licht noch für den Rest des Tages nicht anwenden kann.“ Der Zweck heiligte die Mittel, dachte Grey, als er die beiden Wächter anlog, denn natürlich war Green nicht in einem Esu-in, einem Zustand wo man über längere Zeit seine Magie versiegelte und mittels verschiedener Relikte seine Magie für einen kurzen Zeitraum zu stählern um für einen Kampf besser gewappnet zu sein oder um neue Techniken zu erlernen - doch die Wahrheit konnte er ihnen unmöglich mitteilen.
Während Shitaya umgehend ein weiteres Mal Kontakt zu seinen Kameraden aufnahm und sich mit Ukario beriet, wechselten Firey und Grey ein, zwei Blicke miteinander aus.
Nachdem Firey ihm Bescheid gesagt hatte, dass Green mit Ukario einen Streitplatz aufgesucht hatte, hatte Grey eine Mischung von Ärgernis und Sorge in sich gespürt. Obwohl er wusste, dass die hier versammelten Dämonen keine besonders große Herausforderung darstellten und der Nox-Zauber ebenfalls als schwach eingestuft werden konnte und es nur eine Frage von Zeit war, bis einer der Offiziere den Dämon ausgelöscht hatte, der für den Zauber verantwortlich war und damit auch den Zauber zerstörte, so war er dennoch besorgt um seine kleine Schwester, welche irgendwo in einer dunklen Zwischensphäre umherwanderte.
Was hatte sie sich nur dabei gedacht sich selbst so einer großen Gefahr auszusetzen?
Doch wirklich wundern tat es Grey nicht, immerhin kannte er seine Schwester lange genug, um über so eine unüberlegte Handlung nicht verwundert zu sein.


Nachdem Saiyon Green am Nachmittag in der Turnhalle verlassen hatte, hatte Green den Mp3-Player wieder vom Boden aufgehoben und über die Ohren gelegt. Der Mp3-Player hatte wieder dort angefangen, wo sie ihn vom Kopf gerissen hatte, bei dem Lied welches Gary ihr gegeben hatte. Dieses Mal hatte sie ihn nicht vom Kopf gerissen, sondern ruhig auf dem kalten Boden der Turnhalle gelegen, während die Musik sich in ihrem Kopf ausbreitete und ihren Körper erforschte. Sie hatte die Augen geschlossen gehalten, um sich zusammen mit der Musik, auf einen Tanz durch ihre Erinnerungen einzulassen.
So viele Erinnerungen lebten in ihr… das letzte Jahr war voller Erinnerungen; Erinnerungen, die die davor geschehenden verblassen ließen, obwohl es sie waren, die wahr waren…

„Sag Mal, Green-chan! Für wie schwach hältst du uns? Als ob wir vor so einen Haufen Hikaris Angst hätten! Wir werden hier zusammen abhauen! Dann wird alles wieder wie früher! Schon morgen früh, oder übermorgen, je nachdem…. Sind wir alle drei wieder aus der Klasse geflogen und stehen vor der Tür!“

„Ich könnte dich niemals hassen, Green.“
„Vielleicht reagiert dein Glöckchen nicht… weil du sie nicht als deine Feinde ansiehst?“

„Ich glaube gar nicht, dass du lügen kannst, Gary!“


Die Erinnerungen des vergangenen Jahres waren nichts außer einem großen Lügennetz. Sie wusste, dass sie dieses Netz zerstören musste, dass sie auf dessen Scherben treten musste, um wieder aufstehen zu können.

Doch Green wollte diese Erinnerungen nicht zerstören.

„Ach was. Ich find’s so besser. Wir gehören doch zusammen.“

„Ich liebe dich.“



Sie wollte sie nicht hassen.
Weder ihre Erinnerungen, noch Siberu… noch Gary.

Auch wenn sie schmerzten, wenn sie wusste, dass sie nur Lügen waren… dass die zwei Personen, die sie so sehr liebte, nichts außer gelogene Gestalten waren und eigentlich nie existiert hatten.

Sie wollte die gleiche engstirnige Hikari bleiben, die sie war…
Sie wollte die Green bleiben, die aus diesen Erinnerungen hervorgegangen war. Die Green, die sich über Regeln hinwegsetzte, die für das aufrecht stand, woran sie glaubte.

„Aber sie sind doch Dämonen, oder? Sind Dämonen nicht die Feinde der Wächter?“

„Diese paar Zahlen bedeuten verdammt nochmal, dass sie etwas vor dir verheimlichen! Vielleicht spielen sie dir nur etwas vor, vielleicht sind sie nicht das was sie zu seinen scheinen…“

„Dann, Green... Ist es mein Wunsch, dass du mich zuerst umbringst.“

„Wie viele haben dich gewarnt!? Eine gesunde Portion Skepsis hätte dich und das Wächtertum vor dieser Situation bewahrt!“



Doch das musste sie nun alleine.
Sie musste alleine aufstehen.


Denn… Sibi und Gary gab es nicht mehr.

Niemand würde jemals diese Leere ausfüllen können. Niemand würde sie heilen können.
Ewig würden sie einen schmerzenden Teil von ihr ausmachen, ewig würden ihre Beine schmerzen – doch sie musste aufstehen, obwohl es schmerzte.
Sie durfte die Hand nicht mehr nach etwas ausstrecken, was nicht mehr da war… niemals zurückkehren würde. Entschlossen mussten ihre Hände um die Waffe herum liegen, die ihr dabei helfen würde weiter zu gehen.
Alleine.

Die letzten Klänge des Liedes verstummten langsam und nichts außer Dunkelheit blieb zurück. Nichts außer Dunkelheit; und zwei Personen, fernab von ihr, welche ihr den Rücken zukehrten. Die Hand Greens zuckte, wollte sich ausstrecken, doch fiel herunter, ehe sie das Vorhaben in die Tat umsetzen konnte. Mit traurigen, sehnsüchtigen Augen blickte sie den beiden hinterher, doch streckte sich nicht nach ihnen aus. Sie zwang sich zu einem traurigen Lächeln und langsam bewegten sich ihre Füße; zwei Schritte rückwärts, ehe sie sich umdrehte, sich von denen abwandte, die sie so liebte.
Sie bewahrte ihr Lächeln, während sie einen Schritt vor den anderen setzte, in die entgegen gesetzte Richtung. Die Schritte schmerzten, ihre Beine waren steif und kalt, doch sie ging.

„Du willst eine Antwort, hab ich Recht? Du willst wissen, ob ich dich auch liebe. Aber Green, was erwartest du? Mein Auftrag ist ausgeführt. Ich muss dich nicht mehr anlügen. Deshalb… werde ich dir jetzt noch eine Wahrheit sagen: „Gary“ kann dich nicht mehr lieben. Denn „Gary“ ist tot.“

Ja, Gary war tot, genau wie Siberu es war.
Die Zeit blieb stehen, wenn man die Personen verlor, die man geliebt hat.
Doch sie lief weiter. Unbarmherzig bewegen sich die Zeiger weiter und egal wie sehr man die Uhr anfleht doch stillzustehen, sie bewegte sich weiter.
Immer weiter.
Zusammen mit dem eigenen Leben.
Und egal wie verzweifelt man fleht, irgendwann muss man damit aufhören, damit man aufstehen kann.
Es bringt nichts, gegen die Zeit zu laufen, egal wie sehr man es versucht.

Das einzige was einem bleibt, sind die eigenen Beine – und die Erinnerungen, die man mit den Verstorbenen verbindet.
Egal ob „Gary“ und „Siberu“ nur erlogene Gestalten waren; Greens Gefühle für sie waren wahr.

„Seht ihr… Gary… Sibi… ich stehe. Ich stehe und ich gehe; ich bewege mich weiter und egal wie oft ich am Boden liegen werde, werde ich immer wieder aufstehen. Denn ich habe eine Aufgabe… einen Grund.“

Greens trauriges Lächeln verschwand, als sich vor ihr in der Dunkelheit eine Gestalt auftat. Auch sie hatte ihr den Rücken zugekehrt. Die Hikari blieb stehen, als sie die Person erkannte und laut und deutlich, hörte sie seine Worte:

„Deine Mutter konnte sich davon befreien, weil sie stark war. Sie konnte den Kampf gegen Nocturn-sama fortsetzen, obwohl sie gelitten hat.
Aber du, Green, du bist nicht stark, auch wenn du liebend gerne so tust als ob. Du bist nur stark wenn jemand dich stützt und dir den Weg zeigt. Aber ohne uns hast du niemanden. Ohne uns hast du niemanden der dich an kalten Winternächten wärmt und dich vor der Kälte bewahrt!
Du bist schwach.“


Ein Lächeln breitete sich über das Gesicht Greens aus; ein Lächeln, welches sie nicht ganz beschreiben konnte: verbittert, siegessicher oder ironisch ihr eigenes Schicksal verspottend?
Sie schloss ihre Augen, als sie mit der rechten Hand ihr Glöckchen umschloss, denn tiefen Riss spürte, der in ihrem Herzen schmerzte.

„Nein, Blue. Ich bin stark.“


Mit diesen Worten löste sie das Relikt der Hikaris von der goldenen Halskette und umschloss es mit beiden Händen.