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Episode 28
  Episode 28: Blaue Tränen
„Hier, Green, deine Schuhe.“ Obwohl bereits zwei Tage vergangen waren, seitdem Green ihre Magie wieder gefunden hatte, hatte die Euphorie ihrerseits noch nicht nachgelassen: eine Euphorie, welche sie nicht nur zu einem strahlenden Lächeln brachte, sondern auch ihren Tatendrang beflügelt hatte, so dass Grey über die ruhige Minute am Nachmittagstee sehr erfreut war, denn er hatte das Gefühl seit zwei Tagen nichts anderes zu tun, als mit Green zu trainieren, welche unbedingt ihre neugewonnene Lichtmagie nutzen wollte und plötzlich das Bedürfnis hatte, das gesamte Buch der Standard-Techniken der Hikari auswendig zu lernen.
Doch nun saßen sie beide im Wintergarten des Tempels und Ryô hatte Grey just in diesem Moment den Schuhkarton gebracht, worin sich die Lackschuhe befunden hatten, welche Grey seiner Schwester nun entgegen hielt, die sie skeptisch begutachtete, ehe sie zum Schluss kam, dass sie ihr merklich bekannt vorkamen.
„Sind das die Schuhe, die ich dem Dämon an den Kopf geworfen habe?“ Grey nickte, ehe er seine Medizin trank, die Ryô ihm gereicht hatte.
„Wie hast du die denn aufgetrieben?“
„Einer der anwesenden Wächter hat sie aufgesammelt und Ukario-san gegeben.“ Irgendwie beschlich Green das Gefühl, dass Grey ihr nicht die Schuhe zurückgegeben hatte, damit sie sie zu ihren vielen anderen Schuhen zurückstellen konnte, sondern dass er das gleiche Thema ansprechen wollte, mit welchem Shaginai sie bereits konfrontiert hatte – gleich, nachdem sie vom Kampf in den Tempel zurückgekehrt war. Es war kurz vor Mitternacht gewesen und ihr Großvater hatte nichts Besseres zu tun, als die erschöpfte Green für ihren „unmöglichen“ Kampfstil zu kritisieren. Mehr als eine Stunde hatten sie sich die Köpfe eingeschlagen, doch ein „Gut gemacht“ hatte Green letztendlich – natürlich - nicht erhalten. Was hatte sie auch erwartet.
„Tja, dann muss ich mich wohl bedanken“, antwortete Green, während sie die Schuhe neben sich aufs Sofa legte.
„Green, ich muss dir nicht sagen...“
„Grey, du warst dabei als Großvater mich zusammengeschrien hat.“
„Ich habe nicht vor, Großvaters Worte zu wiederholen oder deinen…eigenwilligen Kampfstil zu bemängeln.“ Fragend sah Green von der Auswahl an Kuchen auf, die Itzumi gerade auf den Tisch stellte und fragte ihren Bruder, was es dann sei. Dieser ließ sich nicht von dem Gebäck ablenken, da er ohnehin noch den bitteren Geschmack der Medizin im Mund hatte und führte daher erst einmal aus:
„Ich wollte dich nur darüber in Kenntnis setzen, dass dein Verhalten bereits einige Kreise gezogen hat.“ Green nahm sich ein Stück Torte und fragte amüsiert, was das denn für Kreise seien, ehe sie ihre Kuchengabel in die Sahne hinab senkte.
„Das gesamte Wächtertum redet über nichts anderes mehr als von dir und deinem zerrissenen Rock. Du kannst froh sein, dass die anwesenden Wächter genug Anstand besaßen und nicht auf die Idee gekommen sind, dein Aussehen bildlich festzuhalten…“
„Wahrscheinlich hatten sie nur keine Kamera dabei.“
„Es gehört sich nicht für eine Hikari, genauso wenig wie es sich gehört, Schuhe nach deinen Feinden zu werfen.“
„Du kannst mir nicht weiß machen, dass die Kleider der Hikari, die im Krieg gekämpft haben, immer heil geblieben sind.“
„Das ist was anderes.“
„Klar, die heißen ja auch nicht „Yogosu“.“
„Du hast deine Oberschenkel freiwillig entblößt, das ist ein entscheidender Unterschied.“ Green grinste über Greys Wortwahl und antwortete:
„Meine Güte, ihr tut ja alle so, als wäre ich nackt gewesen!“ Daraufhin seufzte Grey erschöpft und sagte in der gleichen Tonlage:
„Jedenfalls…solltest du darauf achten, dass du es in Zukunft nicht machst. Deine Haut darf nur dein Verlobter sehen.“ Für diese Worte hatte Green nur ein Paar verdrehte Augen übrig und antwortete:
„Ich werd‘s versuchen. Das mit den Schuhen kann ich dir allerdings nicht versprechen. Ich kann zwar gut auf hochhackigen Schuhen gehen, aber nicht kämpfen. Flache Schuhe wären besser geeignet.“
„Keine Sorge - die Schuhe, die zu deiner Uniform gehören, sind nicht mit einer Hacke ausgerüstet. Aber zu offiziellen Angelegenheiten solltest du unbedingt hochhackige Schuhe tragen; sie bringen deine langen, hübschen Beine gut zur Geltung.“ Grey schien selbst nicht bemerkt zu haben, was ihm herausgerutscht war, doch sowohl Itzumi und Ryô, die sich beide einen vielsagenden Blick zugeworfen hatten, als auch Green hatten es bemerkt – allerdings fasste sie es anders auf als die Zwillinge und lächelte erfreut über das plötzliche Kompliment ihres Bruders, welcher nun auch bemerkt hatte, was er gesagt hatte, nachdem ihm das Schweigen nicht entgangen war.
„S-So meinte ich das nicht!“, entfuhr es ihm und obwohl er dagegen ankämpfte, konnte er die Röte nicht unterdrücken, die sich deutlich in seinem Gesicht abzeichnete.
„Ich…denke dabei nur an deinen Zukünftigen…i-immerhin hat noch niemand um deine Hand angehalten und…und…d-du…“ Green lachte über das plötzliche Stottern ihres Bruders und kam nicht drum herum aufzuspringen und ihn plötzlich zu umarmen, mit den Worten, dass er zu süß war, wenn er rot wurde.
„Du brauchst doch keine Ausrede zu suchen!“, sagte Green, die nun halb auf seinem Schoß hockte, die Arme um seinen Hals gelegt, lächelte strahlend und fuhr fort:
„Ich freu mich doch, wenn du mir ein Kompliment machst!“ Zum Glück für den vollkommen überforderten Grey sprang Green auch schon wieder auf, ehe es noch komplizierter wurde für den armen Windwächter. Die Hikari legte die Hände hinter ihren Rücken und verkündete, dass sie nun mit Silence trainieren wollte und mit einem nach wie vor strahlenden Gesicht verschwand Green; mitsamt ihrer Schuhe.
Schweigend sahen Grey und die beiden Tempelwächter ihr hinterher, ehe Grey sich an Itzumi wandte und sie höflich darum bat, ihm ein kaltes Glas Wasser zu holen; was sie natürlich sofort tat, obwohl sie genau wusste, dass er nur mit Ryô alleine sein wollte, um Dinge zu sagen, die nicht für ihre Ohren bestimmt waren.
Und kaum, dass die Tür hinter ihr zugefallen war und die beiden ihre sich entfernenden Schritte hörten, sackte Grey auch schon erschöpft auf dem Sofa zusammen.
„Ach, Ryô, was mach ich nur! Immer, wenn ich denke, es wäre besser geworden, stellt sich das Gegenteil heraus…“ Im ersten Moment wusste der Tempelwächter nicht, was er dazu sagen sollte, denn eigentlich konnte er seinem Meister nur zustimmen, denn genau dies war der Fall. Doch er hörte die Enttäuschung und den Gram über sich selbst in Greys Stimme und konnte dies unmöglich noch verstärken:
„Ich denke, Ihr habt bereits Fortschritte gemacht.“ Grey schwieg einen Moment und da Ryô hinter ihm stand, konnte er nicht sehen, was für ein Gefühl sich in seinem Gesicht widerspiegelte, bis Grey den Kopf hob und sich umdrehte, um zu Ryô hoch zu sehen.
„Meinst du wirklich?“
„Ja, selbstverständlich“, log Ryô und versuchte zu lächeln, doch natürlich durchschaute Grey ihn. Verärgert schien er jedoch nicht zu sein, denn er lächelte, als er sich langsam aufrichtete.
„Danke, Ryô. Aber ich weiß, dass du das nur sagst, um mich aufzuheitern.“
„Natürlich versuche ich Euch aufzuheitern, aber ich denke wirklich, dass ihr Fortschritte macht…sie sind nur…“
„Klein“, ergänzte Grey säuerlich und sein Tempelwächter konnte nicht anders, als dies bemitleidend zu belächeln.
„Doch kleine Fortschritte führen auch zum Ziel.“ Einen Moment lang sah Grey seinen Freund schweigend an, bis sich ein Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete. Lächelnd legte er seine Hand auf die Schulter seines Tempelwächters und sagte:
„Ich bin froh, dich meinen Freund nennen zu können. Du kennst immer die richtigen Worte.“
Ryô lächelte zwar, doch als Grey die Hand von ihm löste, dachte er genau das Gegenteil:
Er kannte nicht immer die richtigen Worte; schon gar nicht, wenn es sich um seine eigenen Gefühle handelte.


Als Green in ihrem eigenen Zimmer ankam, um sich vor dem Training umzuziehen, war sie überrascht, Silence dort vorzufinden: sie hatten sich eigentlich in der Turnhalle verabredet. Da Green sofort annahm, dass Silence gekommen war, um ihr zu sagen, dass sie einen Zahn zulegen sollte, versicherte sie ihr sofort, dass sie sich beeilen würde, doch das schien nicht Silence‘ Bestreben zu sein.
„Es gibt etwas, das wir besprechen müssen, bevor wir mit dem Training anfangen.“ Fragend sah Green sie an und da sie witterte, dass das Gespräch ein längeres werden würde, setzte sie sich, was Silence als Aufforderung deutete, um fortzufahren:
„Ich habe darüber bereits mit deiner Mutter gesprochen.“ Skeptisch, aber auch überrascht, sah Green Silence an.
„Du hast was?“ Silence wählte, Greens große, überraschte Augen zu übersehen, wie auch ihren skeptischen Tonfall; scheinbar war ihr genau wie Silence bewusst, welche Grenze sie damit überschritten hatte und deshalb war ihr wohl auch klar, dass es sich um ein wahrlich ernstes Thema handeln musste, wenn es Silence zu einem solchen Schritt bewegt hatte.
„Es ist wichtig für die zukünftige Kriegsplanung und daher von großer Wichtigkeit, dass du es auch erfährst.“
„Wenn es so wichtig ist, warum erfahre ich das erst jetzt?“ Silence sah weg, in eine andere Richtung, und wenn Green nicht alles täuschte, sah es so aus, als würde eine verräterische Röte nur allzu gut zu ihrem jetzigen Gesichtsausdruck passen.
„Ich wollte dich nicht noch mehr belasten…“ Silence ließ Green keine Zeit, um auf diesen Satz einzugehen, denn sie wandte sich sofort wieder zu ihr herum und fuhr entschlossen fort:
„Aber egal, jetzt wo du deine Lichtmagie wiedererlangt hast, muss ich darauf ja keine Rücksicht nehmen: du kannst dich sicherlich daran erinnern, dass ich, als wir in Henel - in Lerenien-Sei - waren, dort für eine kurze Zeit verschwunden bin, nicht wahr? In der kurzen Zeit, in der ich weg war, konnte ich ein Gespräch mit Youma führen, welches mich beunruhigt hat; ja, sogar so sehr, dass ich ein Gespräch mit White ersucht habe, um mich zu vergewissern, dass meine Vermutung nichtig ist.“ Obwohl Silence Green ansah, dass diese die Richtung des Gespräches nicht sonderlich gefiel, schwieg sie aufmerksam, so dass die Yami ihr das Gespräch mit Youma in allen Einzelheiten schilderte.
Nachdem Silence ihre Wiedergabe der Ereignisse beendet hatte, schwieg Green eine Weile, in der sie aus dem Fenster sah, mit den Fingern in ihrem Rock vergraben, nervös an den Rüschen zupfend. Erst nach einer Weile sah sie zu Silence.
„Also will Youma jemanden für die Hohen wiederbeleben?“ Silence deutete ein Schulterzucken an, lächelte jedoch, da sie bereits damit gerechnet hatte, dass Green zu demselben Schluss gelangen würde wie sie.
„Dann will er sicherlich Nocturn zurückholen…“ Die Angesprochene sah sie ruhig an, mit einem leicht verblüfften Blick.
„Du brauchst mich nicht so überrascht anzusehen“, sagte Green ein wenig unruhig.
„Ich habe keine Ahnung von Bannkreisen, aber ich denke, Nocturn ist der einzige Dämon, der dem Bannkreis was anhaben kann. Deswegen hast du doch mit Mutter gesprochen, oder?“ Daraufhin schlug Silence die Beine übereinander und antwortete mit erhobenem Zeigefinger:
„Nein, da liegst du falsch. Soweit habe ich noch nicht gedacht – noch nicht denken müssen, denn ich habe eine viel fundamentalere Frage mit White besprochen.“ Einen Moment schwieg Silence und fuhr dann aus:
„Die Macht, Tote wieder ins Leben zurückzuholen, hat Youma von Light „geerbt“; damit unterliegt Youmas Fähigkeit den gleichen Einschränkungen wie Lights. Lights sagenumwobene Fähigkeit ist nicht umsonst sagenumwoben, allerdings entsprechen diese Sagen nicht den Tatsachen: eine dieser Sagen ist die, dass Light Tote aus dem „Nichts“ wiederbeleben konnte, eine Sage, an die viele Wächter, unter anderem die Hikari, glauben und die beträchtlich zu Lights göttlichem Status beigetragen hat - aber das ist nicht richtig. Für eine Wiederbelebung benötigte er mehr als nur die Erinnerung von den Verbliebenen. Entweder musste der Leichnam noch vorhanden sein, oder, wie in meinem Falle, musste die Seele noch existieren. Man kann also nicht sagen, dass die Technik allumfassend ist und Youmas ist es damit auch nicht.
Ich habe ebenfalls sofort an Nocturn gedacht, weil er der einzige Dämon ist, der für die Kriegsplanung entscheidend sein könnte; immerhin könnten sie mit seiner Hilfe das Siegel zerstören – obwohl ich mir da nicht einmal sicher bin, dass unsere Feinde das überhaupt wissen. Daher wollte ich von White wissen, ob der Sterbeprozess bei Nocturn eingetreten ist, denn es gibt Mittel und Wege, den Auflösungsprozess der Dämonen zu verhindern. Es gibt unter anderem eine Flüssigkeit, die man mehrere Stunden vor dem unvermeidlichen Tod einnehmen kann: der Leichnam würde über mehrere hundert Jahre im gleichen Stadium verweilen wie zum Zeitpunkt des Todes. Es ist ein Mittel, welches dem gleicht, dass den verstorbenen Hikaris nach dem Tod injiziert wird, damit sie von der Zeit nicht verändert werden.
Wie ich von White erfahren habe, hat Nocturn sich aufgelöst, was bedeutet, dass sein Leichnam nicht existiert und er damit nicht wiederbelebt werden kann.“

Green, die diese Nachricht ganz offensichtlich begeistert aufgefasst hatte und erleichtert darüber war, dass damit jeder Gedanke an Nocturns eventuelle Wiederkehr Zeitverschwendung war, fügte erfreut hinzu:
„Aber das würde doch auch bedeuten, dass das die Auswahlmöglichkeiten einschränkt, oder? Das machen doch sicherlich nicht viele Dämonen, denn wer - besonders die nicht - rechnet schon damit, dass man in der nächsten Zeit den Löffel abgibt!“
„Ah, nicht so voreilig. Viele der früheren Dämonenherrscher waren so exzentrisch, dass sie dieses Mittel zu jeder Mahlzeit einnahmen.“
„Aber heißt es nicht, dass Henel schon enorm oft dem Erdboden gleich gemacht wurde? Wo sollen denn da ein Haufen Tote liegen – in einem unbeschadeten Zustand? Etwa im Turm?“ Diesen Gedanken schien Green witzig zu finden, denn sie grinste über ihren Einfall, doch Silence blieb ernst:
„Ich muss zugeben, dass ich auf diese Frage noch keine Antwort gefunden habe. Vor allem ist mir nicht so ganz klar, welcher der alten Herrschaften für die Fürsten irgendwie von Wichtigkeit sein sollte. Der momentane Dämonenherrscher ist perfekt für die Hohen, da er nicht einmal mitbekommt, dass sie ihn an Marionettenfäden gehängt haben.“
„Vielleicht sind es ja gar nicht die Fürsten, die dahinterstecken?“
„Und wer sollte es sonst sein, für den Youma arbeitet? Er ist nicht dumm, er wird sich und seine Fähigkeiten nicht an einen zufällig machtbesessenen Dämon auf der Straße verkaufen. Wenn ich mich nur nicht so schnell abgewandt hätte…dann hätte ich den Dämon vielleicht erkannt, mit dem Youma gesprochen hat.“
„Glaubst du nicht, dass du es herausfinden könntest?“
„Glaubst du etwa, dass ich das noch nicht versucht habe? Was glaubst du mache ich die ganze Zeit in Henel? Diesen ach-so-hübschen Himmel begutachten?“ Entschuldigend grinste Green ihre Partnerin an, die eine seufzende Bewegung ausführte.
„Jedenfalls habe ich White nicht alles erzählt und du solltest dein neuerhaltenes Wissen für dich behalten.“
„Warum? Wäre es nicht besser, ich sage es Mutter? Ich meine, klar, es sind bis jetzt nur Theorien, aber die Hikaris sollten es wissen.“
„Ach Green, du bist wirklich noch politisch unerfahren.“ Überrascht sah Green sie an, als Silence ihre Hand auf ihre Brust legte und ein vielsagendes Grinsen auf ihrem Gesicht auftauchte:
„Sieh mich an! Ich bin ein Geist, der aber äußerst gut darin ist, Informationen heranzutragen; Informationen, die überaus nützlich für dich sein könnten – das ist ein Vorteil, den andere Hikaris vor dir nicht hatten. Dein Ruf und deine Position als Hikari sind sowohl bei deiner Familie als auch bei den Wächtern bröckelig, also solltest du deine Vorteile, wovon ich einer bin, richtig gebrauchen. Deshalb habe ich White nicht alles erzählt, damit du diese Trumpfkarte bei der nächsten Versammlung benutzen kannst, für deinen eigenen Vorteil.“ Es war deutlich, dass Green ihr nicht ganz folgen konnte; das war klar in ihrem Gesicht zu erkennen. Die Idee dahinter verstand die Hikari schon, aber sie glaubte kaum, dass sie die Hikaris irgendwie davon überzeugen konnte, denn bis jetzt waren ihre Theorien nichts anderes als das. Youma hatte nichts Konkretes preisgegeben, sondern nur Stoff für Spekulationen gegeben und obwohl Green noch nie an einer richtigen Ratsversammlung teilgenommen hatte, ahnte sie, dass sie mit Spekulationen nicht besonders weit kommen würde. Besonders nicht, wenn sie aus ihrem Mund kamen.
Diese Gedanken musste Green nicht in ausgesprochene Worte fassen; Silence antwortete auch so auf ihre Gedanken:
„Es ist nicht wichtig, dass du etwas Konkretes preisgibst. Wichtig ist, dass du den Hikari klar machst, dass Youma eine Gefahrenquelle ist, die beachtet werden muss. Du musst sie dazu bringen, nicht auf den Bannkreis zu vertrauen und die Kriegsmaschinerie wieder in Gang zu bringen, anstatt Espiritou del Aire wieder aufzubauen. Was bringen Häuser, wenn es keine Wächter gibt, die darin wohnen können?“
„Du glaubst also, dass in der nächsten Zeit ein Elementarkrieg bevorsteht?“, fragte Green und konnte ihre Nervosität nicht gänzlich zurückhalten.
„Es wäre naiv, es nicht anzunehmen und das wissen auch die Hikaris. Sie warten nur auf einen eindeutigen Beweis, ehe sie das Wächtertum in Alarmbereitschaft versetzen. Green, es gibt einen Grund, weshalb Silver und Blue ihren Auftrag jetzt zu Ende gebracht haben; zwar hast du dein Licht wieder, aber das wird sie wohl kaum aufhalten. Ich habe - genau wie die Hikaris - keine Ahnung, wie die Dämonen den Bannkreis brechen wollen, aber ich bin mir überaus sicher, dass etwas auf der anderen Seite des Bannkreises brodelt und dass es uns verbrennen wird, wenn wir nicht darauf vorbereitet sind.“


„Aniki. Warum in drei Teufels Namen treffen wir uns hier?!“ Silvers Unzufriedenheit über den Treffpunkt, den sein Bruder ausgesucht hatte, war nicht zu übersehen, nicht nur in seiner Stimme, sondern auch in seinen Augen sah man deutlich, dass er unzufrieden war. Blue konnte ihn verstehen. Ein Pub in Lerenien-Sei war auch nicht gerade der Ort, an dem er sich am liebsten aufhielt. Es war zu unordentlich, zu chaotisch, zu laut – doch gerade die Lautstärke war hier deren Vorteil.
Blue beugte sich zu seinem Bruder vor und sagte, so leise, dass es gerade noch zu hören war und nicht in der Menge unterging:
„Weil wir beobachtet werden.“ Silver wollte sich gerade umsehen, als Blue sagte:
„Tu wenigstens so, als wärst du professionell.“
„Lass uns rausgehen und das regeln! Ich habe keine Lust beobachtet zu werden, wenn es keine Fans von mir sind.“
„Das wirst du schön bleiben lassen. Demnach, was Sensei uns erzählt hat, sind es sicherlich Dämonen aus Lycrams Horde.“ Lange musste Silver nicht in seinem Gedächtnis kramen, ehe er verstand, auf welches Gespräch Blue hinaus wollte; das Gespräch, welches sie gleich nach der Konferenz mit Ri-Il geführt hatten. Die beiden hatten sofort gemerkt, dass in der Zwischenzeit, in der Ri-Il sie rausgeschickt hatte, einiges passiert war – einiges, was dem Fürsten nicht zu gefallen schien, obwohl er ein Lächeln auf dem Gesicht hatte. Ein Lächeln, welches aufrecht erhalten blieb, obwohl kurz nach ihm auch Lycram heraus trat. Die beiden Halbdämonen nicht beachtend, warf er nur Ri-Il einen Blick zu; einen Blick, den sein selbsternannter Erzrivale mit offenen Augen erwiderte und sowohl Blue als auch Silver gefiel die Atmosphäre nicht, ganz und gar nicht. Denn obwohl keiner der beiden Fürsten irgendetwas sagte, war es nur allzu deutlich, dass sie noch nicht aus dem Schneider waren. In den Blicken der beiden Fürsten lag etwas herausforderndes, etwas gefährliches.
Das weitaus Beunruhigendere war, dass Lycram sich doch noch an sie wandte, genauer gesagt an Blue:
„Jeder andere Dämon hätte Spaß an dieser Aufgabe…doch dir sollte man vielleicht lieber „Viel Glück“ wünschen - anstatt „Viel Spaß“.“ Mit diesen Worten drehte Lycram sich auf den Hacken herum und ging den langen, dunklen Gang mit wehendem Zopf hinab, gefolgt von den verwirrten Blicken der beiden Dämonenbrüder.
„Was hat er damit gemeint, Sensei?“, fragte Silver, nachdem Lycram außer Sichtweite war, doch Ri-Il antwortete nicht, sondern schwieg lange, ehe er zu einer Antwort bereit war, mit einer außergewöhnlich ernsten Stimme:
„Lycilein kann außerordentlich paranoid sein, wenn er will – und wenn er von einer Sache überzeugt sein will, und sei es noch so abwegig, braucht es mehr als nur Worte, um ihn davon abzubringen.“


Genau diesen Satz wiederholte Silver nun, während er mit seinem Bruder in einem Pub in Lerenien-Sei saß und bemerkte sofort, dass Blue die Worte Lycrams nicht nur genauso negativ auffasste wie Silver, sondern sich ebenfalls keinen Reim daraus machen konnte.
„Wenn Worte nicht ausreichen…dann benötigt man Taten“, meinte Blue nach einer Weile des Schweigens, den Zeigefinger ans Kinn gelegt.
„Soll das heißen, du sollst dich von Green-chan heilen lassen? Das klappt doch nie.“ Der Angesprochene schüttelte den Kopf und antwortete nachdenklich:
„Ich denke nicht, dass Lycram Greens Heilungsfähigkeiten anzweifelt. Sensei hat das Adjektiv „paranoid“ benutzt und das deutet darauf hin, dass ich Lycram etwas anderes beweisen soll…“ Silver schwieg gespannt, darauf wartend, dass sein Bruder fortfuhr, doch dieser legte nur die Stirn in Falten und Silver sah deutlich, dass die Gedanken, die ihn belasteten, ihm nicht zu gefallen schienen.
„Und was?“, fragte der Rotschopf, nachdem Blue keine Anzeichen gemacht hatte, dass er antworten wollte.
„…nichts. Sensei wird uns sicherlich bald Aufklärung geben.“ Skeptisch verengten sich Silvers Augen, als Blue dies sagte und ebenso finster sagte er:
„Du weißt es ganz genau. Wird dein Alleingang zur Gewohnheit oder was? Wenn das wieder sowas ist, dass du mich beschützen willst, oder sowas, dann lass dir gesagt sein, dass ich auf dieses Spiel keine Lust habe! Wir spielen dieses Spiel als Two-Player und nicht im Single-Modus!“
„Du bist wohl immer noch sauer wegen der Konferenz?“ Lange sah Silver ihn an, ehe er erschöpft seufzte, denn er wusste nicht, ob „sauer“ das richtige Wort für die Gefühle in ihm war. Blue hatte ihm in einer ungestörten Minute nach der Konferenz erklärt, dass Silvers Gedanken um Greens Sicherheit sich als unnütz herausgestellt hatten, denn damit, dass Blue Greens Heilfähigkeit preisgegeben hatte, hatte er sie nicht ans Messer geliefert, sondern sie davor bewahrt. Sie würden niemals ein Wesen, das Dämonen heilen konnte, umbringen, denn die nie hatten die Dämonen eine Möglichkeit zur Heilung besessen. Die Fürsten würden ihren Horden verbieten, sie umzubringen und anordnen, sie lebend in die Dämonenwelt zu schaffen, doch eine Hikari zu entführen war weitaus schwerer, als eine Hikari umzubringen. Die Entführung an sich war bereits ein Kraftakt und wenn diese gelang, hätte der Entführer das gesamte Wächtertum an den Fersen, das alles daran setzen würde, seine Hikari zurückzuholen, egal ob als Yogosu gebrandmarkt oder nicht. Da Green eine eher unerfahrene Kämpferin war, waren ihre Überlebenschancen somit um ein vielfaches höher.
Silver verstand dies sehr wohl, dennoch war er alles andere als davon begeistert, dass Blue ihn nicht im Vorhinein eingeweiht hatte. Es gefiel ihm nicht, wenn sein Bruder ihn ausschloss.
„Keine Sorge, Silver“, sagte Blue, als hätte er die Gedanken seines Bruders gehört:
„Um es in deinen Worten auszudrücken…ich habe nicht vor, im Single-Modus zu spielen, denn dieser ist lange nicht so effektiv wie der Two-Player-Modus.“ Diese Worte ließen den Angesprochenen verstummen, denn er wusste keine Antwort darauf, doch sein erleichtertes und erfreutes Grinsen war Antwort genug für den großen Bruder. Doch schnell lenkte Silver vom Thema ab, denn ihm war es offensichtlich ein wenig peinlich:
„Aber wenn du meinst, dass wir von Lycrams Dämonen beobachtet werden, warum reden wir dann nicht in der Menschenwelt? Da können sie uns immerhin nicht folgen.“
„Aus dem einfachen Grund, Silver, dass wir uns nicht verdächtig verhalten dürfen. Wenn wir Lycrams Verfolger abschütteln würden, würde es so aussehen, als ob wir etwas zu verheimlichen haben. Und das ist nicht der Fall.“ Sein kleiner Bruder nickte zustimmend und wiederholte die Worte in seinem Kopf: nichts zu verheimlichen. Nein, natürlich hatten sie das nicht: sie hegten beide weitaus mehr Sympathie für eine Hikari als es für einen Dämonen gut tat, versuchten aus einer anderen Welt heraus, ihr Leben zu retten und wenn man es genau nahm, intrigierten sie nicht nur gegen die Fürsten, sondern auch gegen ihren Lehrmeister – und es war alles andere als gesund, gegen Ri-Il zu intrigierten. Nein, sie hatten absolut nichts zu verbergen!
„Außerdem sollten wir es vermeiden, in die Menschenwelt zu gehen“, sagte Blue und erklärte, nachdem Silver ihn nach dem Grund dafür gefragt hatte:
„Wir sollten niemandem einen Grund zur Annahme geben, dass wir mehr Mensch als Dämon sind. Niemand sollte auf die Idee kommen, dass wir uns nach der Menschenwelt sehnen.“
„Das ist nicht gut“, stellte Silver fest und Blue war überrascht über seinen ernsten Tonfall, wurde jedoch sogleich enttäuscht:
„Wie soll ich an mein Shampoo rankommen…“ Im ersten Moment war Blue zu sprachlos, um darauf zu antworten und so übernahm der Rotschopf das Ruder des Gespräches:
„Ich könnte das natürlich Rui machen lassen, aber sie kauft immer das Falsche. Das lässt meine Haare so verfilzt aussehen!“ Die Antwort darauf war eine hoffnungslose Hand, die an seine Stirn wanderte.
„Hast du keine anderen Probleme als deine Haare?!“ Natürlich hatte er auch andere Probleme, meinte Silver, aber seine Haare waren von essentieller Grundlage und durften nicht vergessen werden. Er begann auszuführen, warum er gerade dieses Shampoo benötigte und nicht irgendein anderes, doch Blue hörte ihm nur mit halbem Ohr zu. Die Stimme seines Bruders ging unter in dem Krach, den die anderen Dämonen verursachten und wurde genauso wenig gehört. Obwohl er sich genervt zeigte und genau wie sonst auch bereits nach wenigen Minuten Silver darum bat, ihn nicht mit solchen trivialen Problemen zu belasten, hatte Blue das Gefühl, als würde sich ein Lächeln auf seinem Gesicht ausbreiten wollen. Er konnte sich nicht erklären, wo es her kam, denn von diesem Thema war er schon lange genervt – vielleicht war es, weil er sich freute, dass, obwohl alles andere um sie sich verändert hatte, wenigstens nichts zwischen ihnen geschehen war. Doch schnell verflog das kleine angenehme Gefühl, denn gerade als die beiden Brüder an einem Punkt angelangt waren, wo keiner der beiden auf die Argumente des jeweils anderen hören wollten, sagten sie gleichzeitig:
„Sag du doch was dazu, Green!“
Beide schwiegen sofort, als ihnen wieder schmerzlich klar wurde, dass der dritte Stuhl leer war. Niemand kommentierte deren Streitereien, niemand versuchte, sie zu schlichten.
Green war nicht da.
Der dritte Stuhl, der zwischen ihnen stand, war leer und würde leer bleiben, doch wahrscheinlich würden sie sich noch sehr oft an einen Dreiertisch setzen. Zu sehr war es in ihrem Verständnis einzementiert, dass sie nicht zwei Personen waren, sondern drei.
Sie mussten nicht sagen, dass sie Green vermissten: und sie durften sich nicht die Frage stellen, ob Green just in diesem Moment im Tempel saß und sie ebenfalls vermisste. Wenn sie es wirklich tat, dann hatten sie ihre eigene Aufgabe nicht erfüllt.
„Glaubst du, Green-chan geht es gut?“, fragte Silver leise, doch Blue schüttelte sofort den Kopf und sagte ihm somit, dass er nicht über Green reden sollte. Der Rotschopf seufzte tief, doch sah es ein. Eigentlich wollte er das Thema wechseln, aber ihm fiel noch eine Sache von der Konferenz ein, die er mit seinem Bruder besprechen wollte.
„Sag mal, Aniki…“, sagte Silver und unterbrach Blues Gedankenstrom, der ihm sehr offensichtlich ins Gesicht geschrieben stand. Er sah ihn an und verdeutlichte ihm damit, dass er fortfahren konnte.
„Du kanntest den Wächter, der Green-chan aufgefangen hat, oder?“ Blue hatte gerade sein Glas gehoben, um etwas zu trinken, doch das Glas verharrte vor seinem Mund. Kurz sah er die Flüssigkeit an, ehe er „Ja“ sagte und einen Schluck trank.
„Wer war das und woher kennt ihr euch?“ Unweigerlich stellte Blue sich die Frage, warum er das wissen wollte, doch er antwortete widerwillig:
„Ein Offizier namens Saiyon. Ich bin ihm zusammen mit Green einmal in Tokio begegnet.“ Blue wich seinem Blick unabsichtlich aus, der merkwürdig anklagend aussah. So schwiegen sie sich eine Weile an, bis Silver die Stille zwischen ihnen brach:
„Magst du ihn nicht?“
„Silver, ich habe ihn nur einmal getroffen und von diesem einen Treffen kann ich nicht beurteilen, ob ich ihn mag oder nicht. Warum fragst du?“ Silver wollte gerade mit den Achseln zucken und damit sagen, dass es ihn rein aus Neugierde interessierte, als es plötzlich verdächtigt ruhig wurde in dem doch ziemlich lautem Lokal. Alle Augen lagen auf dem neuen Besucher, wie auch Silvers und Blues, als der wohlgekleidete Dämon vor deren Tisch stehen blieb, seine linke Hand in seine schmale Taille legte und grinsend sagte:
„Silver, du kannst bereits nach Hause gehen, ich habe etwas mit deinem großen Bruder zu besprechen.“


Green legte den glitzernden Schmuck in die passende Schatulle, wo ihr bereits andere wertvolle Edelsteine, welche zu prachtvolle Schmuckstücke umgearbeitet waren, entgegen funkelten. Im Schein der magischen Lampen glänzten all diese Kostbarkeiten, von denen Green mittlerweile so viele besaß, dass sie sich fast jeden Tag für eine neue Dekoration entscheiden konnte, um ihre Schönheit zu unterstreichen.
Gedankenverloren sah die Hikari in das bunte Glitzern, ehe sie die Finger an eine kleine Schublade der Schmuckschatulle legte und sie öffnete - jedoch nicht zu weit, nur so weit, dass sie durch einen Spalt hinein sehen konnte. Sie seufzte tief und schloss die Schublade wieder, zusammen mit der Schmuckschatulle, die sich automatisch verriegelte.
Während die Hikari ihre Haare aus dem Knoten befreite, der ihre Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen gehalten hatte, schritt sie über den Boden ihres großen Zimmers, denn sie konnte mal wieder nicht ruhig sitzen bleiben, nicht einmal während sie ihre Haare bürstete. Eine merkwürdige, unbegründete Melancholie hatte sich ihrer beschlichen und sie wusste, dass diese nichts mit den neuen Informationen zu tun hatte, die Silence ihr heute gebracht hatte. Es hatte etwas mit dem Schmuck zu tun; mit dem Schmuck, der einzeln und allein in der kleinen Schublade lag und nicht wie die anderen prachtvollen Exemplare im Licht glitzerte. Warum hatte sie die Ohrringe überhaupt noch? Sie hatte sie nie wieder getragen und hatte auch nicht vor, es in Zukunft irgendwann zu tun, warum also waren sie noch hier, in ihrem Zimmer, zwischen ihren Sachen, vergraben in einer Schmuckschatulle? Die meisten Sachen hatte Green Itzumi gegeben - zur Entsorgung; sie wusste nicht, ob dies bereits geschehen war oder nicht, aber die Ohrringe…sie hatte es nicht übers Herz gebracht.
Aber es war nicht gut, wenn sie sie immer wieder ansah, und sei es noch so ein kleiner Spalt, es war nicht gut und sie wusste das.
Green schüttelte den Kopf und sagte sich selbst, dass sie auf dem richtigen Weg war. Sie konnte und wollte den Schmerz nicht verdrängen, aber sie durfte sich davon nicht unterkriegen lassen. Es gab nur einen Weg - und der ging geradeaus.
Das Seufzen, das in ihrer Kehle schlummerte, drängte sie beiseite und entledigte sich der Trainingsuniform, um ihr Nachtgewand anzuziehen. Es war ein neues Nachtgewand, welches sie gerade erst von Grey bekommen hatte: das Kleid bestand aus weißem dünnen Stoff, welcher sich sanft um ihrem Körper schmiegte und dennoch alles verhüllte, da der Stoff bis zu ihren Füßen reichte und absolut nicht aufreizend wirkte, sondern eher fromm, da sie absolut verschnürt war. Aber der Schein trog: die blauen Bänder, die das ganze Gewand zusammenhielten, waren unheimlich leicht zu öffnen und Green rechnete schon damit, dass sie am nächsten Tag sicherlich halbnackt aufwachen würde, wenn sie sich auch nur einmal zu viel umdrehte…und da ihr Schlaf mehr aus herumwälzen bestand, war das vorprogrammiert. Green sah sich mit einem Seufzen in dem großen, goldenen Spiegel an und stellte fest, dass sie wenigstens einigermaßen hübsch darin aussah; was wohl auch der Grund war, weshalb sie es bekommen hatte und warum sie so unzufrieden damit war, denn die Absichten dieses Kleides waren sehr offensichtlich.
Die Hikari löschte die Lichter und legte sich ins Bett. Langsam, als fürchtete sie sich vor dem Schlaf, zog sie ihre Decke bis zu ihrem Kinn hoch, holte tief Luft und drehte sich dann zur Wand um, wo sie dann ihre Augen schloss.
Obwohl Green nicht tief schlief, sondern sich nur gerade im Übergang zwischen Traum und Wirklichkeit befand, bemerkte sie nicht, wie jemand über den blanken Marmorboden schritt, um zu ihr zu gelangen. Vielleicht bemerkte sie es nicht, weil die Füße sehr klein waren, oder weil die Person darauf achtete, kaum den Boden zu berühren und auch nicht atmete. Selbst als die Person ihre Hände auf Greens Matratze abstützte und somit das Gewicht verlagerte, bemerkte die schlummernde Hikari es nicht. Erst als die Person auf das große Bett krabbelte und sich über Green beugte, wurde sie endlich bemerkt. Zuerst realisierte Green nur, dass sich ein Schatten über ihr befand, ehe sie erschrocken auffuhr und sich herumdrehte, womit sie den Eindringling ansah, ehe sie ihre Waffe gezückt hatte.
Erleichtert atmete sie auf, als sie ihn sah und ihre Glieder entspannten sich sofort; ein schwaches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, als sie den Namen der Person sagte:
„Inceres, du bist das nur. Erschreck mich doch nicht so!“ Der kleine Hikari sah sie besorgt an, was deutlich zu sehen war, obwohl er seine Augen nicht geöffnet hatte. Green fiel ein, dass sie sich lange nicht mehr gesehen hatten. Sie hatte ihn das letzte Mal getroffen, als er sie nach Henel gebracht hatte, seitdem war Green nicht mehr im Jenseits gewesen, da er sie nicht zu sich beordert hatte. Jetzt hielt er es scheinbar nicht mehr länger aus und auch Green musste zugeben, dass sie sich darüber freute, ihn zu sehen; auch wenn es mitten in der Nacht war.
„Was verschafft mir die Ehre um…“ Green sah zu ihrer Uhr.
„01:14?“ Inceres drehte den Kopf ein wenig weg, als er sich auf das Bett setzte und erst da bemerkte Green, dass er alleine gekommen war; Ecui und Acui waren nicht zu sehen.
„Verzeih mir, mein Schmetterling, dass ich dich so spät störe und dich deiner Nachtruhe beraube, aber…ich musste dich einfach sehen.“
„Ist schon in Ordnung, Inceres. Ich hab noch nicht geschlafen.“ Sie grinste ihn ein wenig an, doch das schien ihn nicht aufzumuntern; er sah wirklich nicht gut aus, was Green beunruhigte. Es war offensichtlich, dass es einen anderen Grund für sein Kommen gab, als das reine Vermissen Greens.
Die unreine Hikari setzte sich nun völlig im Bett auf und machte das Licht auf ihrem Nachtschränkchen an. Gerade als sie sich wieder Inceres zuwenden wollte, um ihn zu fragen, weshalb er sie besuchte, sah sie, dass bittere Tränen an seinem Kindergesicht herunterliefen. Dieser Anblick überraschte sie sehr; nein, sie war fast schon geschockt. Green hätte nie gedacht, dass sie einen Hikari einmal weinen sehen würde – schon gar nicht Inceres.
„Was ist los, Inceres?“, fragte Green zögernd, aber überaus besorgt, welches sich steigerte, als der kleine Hikari ihr gegenüber nicht antwortete, sondern wieder nur den Kopf wegdrehte. Als Green bereits dazu tendierte, ihn in die Arme zu nehmen, sprach er doch von selbst:
„Es…es tut mir so leid…“
„Was… tut dir leid?“ Zögernd sah er sie dann doch an, nur um sich gleich wieder abzuwenden und es war unschwer zu erkennen, wie sehr ihn sein Gewissen plagte.
„Ich…hab dich alleine gelassen…“ Green sah ihn weiterhin besorgt, aber auch verwirrt an. Aber es war nicht notwendig für sie zu fragen, da er bereits ausführte:
„Ich hab dich alleine gelassen in deiner vielleicht härtesten Zeit…glaub mir, Green, ich hab das nicht getan, weil ich dir nicht beistehen wollte! Ich habe es getan, weil…“ Inceres‘ verzweifelte Worte wurden unterbrochen, denn Green legte plötzlich ihre Hand auf seinen weißen Haarschopf und unterbrach ihn damit. Überrascht sah er sie an, soweit es möglich war, wenn man die Augen geschlossen hielt.
„Ist schon gut, Inceres. Du hast genau das gleiche getan, was andere gemacht haben…und ihr habt alle das Richtige getan. Ich musste da alleine durch.“ Eine Weile sahen sich die beiden stumm an und Green wünschte sich, sie könnte seine dunkelblauen Augen sehen, die ihren Augen doch so sehr ähnelten.
Inceres senkte plötzlich den Kopf und sagte leise; so leise, dass sie es zuerst gar nicht richtig verstand:
„Aber ich…bin nicht wie andere.“ Da sie es beim ersten Hören nicht vollends verstanden hatte, brauchte es seine Zeit, ehe sie es verinnerlichte und ihre Hand, welche nach wie vor auf Inceres‘ Kopf lag, verkrampfte sich und sie sah wie Inceres reuevoll auf die Decke starrte.
„Du wusstest es.“
Ihre Stimme war hart wie Stahl und genauso kalt, als sie dies sagte und einen Moment lang dachte Inceres, sie würde ihn an den Haaren ziehen wollen, doch sie schien sich zurückzuhalten, denn als sie ihn zwang, nach oben zu sehen, war ihr Griff zwar ruppig, aber nicht verletzend. Einen Moment starrten sie sich wieder an und Inceres sah zum ersten Mal tiefe Abneigung in Greens Augen, ehe sie sich von ihm abwandte und aus dem Bett aufstand. Nicht, um irgendwo hinzugehen; sie ging einfach ohne Ziel in ihrem großen Zimmer herum. Inceres wagte es nicht, etwas zu sagen. Er ertrug den Anblick in ihren Augen nicht…
Doch auch Green sagte nichts. Mit zusammengeballten Händen schritt sie in ihrem Zimmer auf und ab, wie eine tickende Zeitbombe, bis sie ihn schlussendlich fragte:
„Warum hast du mir nichts gesagt?! Warum hast du mich nicht gewarnt?! Du hast mich ja sogar noch hingebracht! Du hast mich ins Messer laufen lassen!“
„Green…du weißt genau, dass ich so gesehen gar nichts Konkretes wusste…nur deren Auswahlmöglichkeiten… “ Umgehend wandte sie sich zu ihm herum und funkelte ihn wieder so wütend an wie zuvor:
„Eine Spekulation hätte auch gereicht!“
„Aber, Green…viele haben dich gewarnt.“ Einen Moment sah sie ihn schweigend an und Inceres konnte sehen, wie die Gefühle sich in ihr veränderten. Sie wurde ruhiger und die Wut verschwand; machte der Reue Platz.
„Ja, ich hätte auf sie hören sollen…aber auf dich hätte ich gehört! Du weißt doch alles!“ Inceres schüttelte den Kopf.
„Ich habe es dir bereits einmal gesagt, Green. Ich sehe nur die Wege, nicht die darauf folgende Entscheidung.“ Wieder schwieg Green kurz. Sie wandte ihren Blick zuerst zum dunklen Nachthimmel und dann plötzlich sah sie zur Schmuckschatulle. Inceres wusste nicht, was sich darin befand und konnte sich daher keinen Reim daraus machen.
„Was…war sein Weg?“
Inceres antwortete nicht. Selbst nach verstrichenen Minuten nicht, was Green dazu verleitete, sich zu ihm zurück zu drehen und wieder sah sie, wie er anfing zu weinen. Diesmal tat sie jedoch nichts, um ihn zu trösten, sagte auch nichts. Sie wartete einfach ab, bis er selbst anfing zu reden, was ihm schwer fiel, denn er wurde ständig von seinem eigenen Weinen unterbrochen:
„Ich…ich kann es dir nicht sagen…ich würde es dir gerne sagen…aber ich kann nicht! Das ist der Grund für mein schlechtes Gewissen…“ Green seufzte erschöpft, ihre Wut war verflogen angesichts des vor ihr kauernden Kindes, welches so bitterlich weinte. Obwohl sie genau wusste, dass er alles andere als ein harmloses Kind war, war er in diesem Moment nichts anderes als das, wonach er aussah und Green konnte ihre Wut, die sich gegen ihn richtete, nicht lange aufrecht erhalten, ehe sie einfach nur Mitleid mit ihm hatte. Dennoch konnte sie sich noch nicht dazu durchringen, das weinende Kind in die Arme zu schließen. Wütend und verbittert und vielleicht auch ein wenig zu stolz war sie nach wie vor.
„Warum kannst du es mir nicht sagen?“ Inceres schüttelte den Kopf.
„Es ist meine Bürde…meine alleine. Nur ich alleine kann die Wege ertragen. Es ist nicht gut, wenn du es wissen würdest. Es ist für niemanden gut, seine Wege oder die eines anderen zu kennen.“
„Aber, Inceres…es ist doch sowieso zu spät. Es würde nichts mehr ändern.“ Der Angesprochene sah wieder auf.
„Bitte, versuch nicht, mich zu überreden…quäle mein Gewissen nicht weiter. Ich habe dir gegenüber ein enorm schlechtes Gewissen, aber wenn ich es dir erzählen würde, würde dies die Rahmen meines Gewissens sprengen. Nicht wegen dir, sondern wegen dem Gewissen, welches ich meiner Pflicht gegenüber empfinde…ich existiere nur, weil ich die Wege sehen kann. Was wäre meine Existenz denn noch wert, wenn ich nicht einmal diese Pflicht erfüllen kann?“ Kaum hatte Inceres diese Worte ausgesprochen, hob er die Arme, streckte sie nach Green aus, ohne sich auch nur einen Zentimeter vom Fleck zu bewegen. Verzweifelt sah er sie an und Green konnte sich unheimlich gut vorstellen, wie glasig und dunkel das Blau seiner Augen im Jenseits aussehen musste. Genauso wie ihre Augen immer aussahen, wenn sie zu viel geweint hatte.
„Bitte, Green, ich flehe dich an…hasse mich nicht.“
Und ohne zu zögern nahm Green Inceres in die Arme.


Es war Green danach natürlich unmöglich, wieder einzuschlafen. Es war eben nach zwei Uhr morgens gewesen, als Inceres wieder ins Jenseits gegangen war; nicht mehr weinend, nachdem sie ihm versichert hatte, dass sie ihn nicht hasste. Wie könnte sie auch? Es war ihr schlichtweg nicht möglich, ihn zu hassen.
Denn eines wurde ihr klar, als sie nun durch die verlassenen Korridore des Tempels schritt, ohne ein wirkliches Ziel vor Augen zu haben:
sie liebte ihn.
Sie liebte ihn nicht wie eine Frau einen Mann lieben würde, aber auch nicht wie eine Tochter ihren Vater liebte…es war etwas ganz Anderes, etwas ganz Spezielles, Eigenes. Green fühlte sich schrecklich zu ihm hingezogen, als könnte nur er sie komplettieren. Aber warum? Im Prinzip kannte sie ihn noch nicht lange, aber dennoch hatte sie das Gefühl, als hätte sie etwas gefunden, was sie schon immer in ihrem Leben vermisst hatte. Aber sie glaubte nicht, dass es etwas damit zu tun hatte, dass sie nie einen Vater gehabt hatte. Denn langsam wurde ihr klar, dass es keine väterlichen Gefühle waren und das sie ihn auch nicht als ihren Vater ansah, obwohl sie sich so wohl bei ihm fühlte.
Nein, sie glaubte eher, dass es mit ihren Augen in Verbindung stand; die gleiche Augenfarbe, das gleiche unnormale Blau, gänzlich anders als ihre Familienmitglieder. Green wusste nicht, warum sie das dachte; sie hatte es einfach im Gefühl. So konnte sie weder die Gefühle noch den Grund dafür wirklich in Worte fassen. Sie waren einfach da.
Noch völlig in Gedanken versunken blieb die Hikari stehen, nachdem sie die große Halle umrundet hatte, die wohl die größte Halle im gesamten Tempelkomplex war. Die Halle war von einem enormen Ausmaß; sowohl dessen Höhe und dessen Breite war schwer einzuschätzen. Die Halle wurde von einer steinernen Engelsstatue gefüllt, die mit ihrer imposanten Größe jedoch eher einem Riesen glich. Der Nutzen des Engels war nicht von dekorativer Natur, denn er hielt ein riesengroßes Hologramm der Erde zwischen den zierlichen Steinfingern. Green hatte nie wirklich auf dieses Hologramm geachtet; Sie war nur von den Details der Kugel beeindruckt gewesen, da die Kugel so groß war, dass man jedes noch so kleine Land oder Inselchen erkennen konnte. Der wahre Nutzen des Hologramms wurde ihr erst bewusst, als Grey es ihr eines Nachmittages erklärt hatte: auf diesem Abbild der Menschenwelt konnte man sehen, wo just in diesem Moment Kampfhandlungen durchgeführt wurden. Würde irgendwo auf der Welt gekämpft werden, würde das Hologramm es rot kennzeichnen. Da diese Halle einen Großteil der Korridore des Tempels miteinander verband und somit als Knotenpunkt diente, kreuzten viele Wächter täglich diese Halle. Der Weg, der durch die kreisrunde Halle führte, lag auf der gleichen Ebene wie die Hände der Statue und somit war das Hologramm für jeden gut zu erkennen.
Als Green in dieser Nacht den Saal durchquerte, zeigte sich auf dem Hologramm keinerlei Aktivität, Es herrschte Ruhe und Frieden.
Nach weiteren Schritten war Green bei dem Korridor angekommen, der zu den vielen Terrassen führte. Die Terrassentüren waren um diese Uhrzeit selbstverständlich verschlossen, doch durch das Glas der Türen sah Green, dass es angefangen hatte zu schneien. Völlig in ihren Gedanken verloren, sah sie zu, wie der Schnee vom dunklen Nachthimmel herunter rieselte und sich mit dem weißen Boden vereinte, ohne einen Laut zu verursachen…
„Guten Abend, Hikari-sama.“ Umgehend wirbelte Green herum, von der sachten Stimme eines Wächters aufgeschreckt. Die Wächterin schien zum Wachpersonal zu gehören, denn Green erkannte die junge Wächterin nicht, als sie sich aus ihrer Verbeugung löste, doch weiterhin den Kopf gesenkt hielt.
„Ja…guten Abend“, sagte die Hikari leicht unsicher, da ihr Herz ihr immer noch bis zum Hals schlug, weil sie absolut nicht bemerkt hatte, dass jemand in der Nähe war. Sie war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie auf keine Auren geachtet hatte auf ihrem Weg durch den nächtlichen Tempel. Erst als die Wächterin sie wieder verließ, um ihren Rundgang zu machen, konnte Green ihre Aura vernehmen.
„Du bist ganz schön unvorsichtig.“ Über die Stimme von Silence‘ erschreckte Green sich merkwürdigerweise nicht. Wahrscheinlich weil sie es gewohnt war, diese plötzlich und aus dem Nichts zu hören.
„Silence, wo kommst du denn auf einmal her?“, fragte Green, während sie ihren Weg fortsetzte. Ihre tote Freundin tauchte neben ihr auf. Es sah bequem aus, wie sie ihre Beine übereinandergeschlagen hatte und sich einfach treiben ließ.
„Stell dir vor, auch ich habe bessere Dinge zu tun, als mit dir zu trainieren“, antwortete Silence mit ihrem typischen schnippischen Tonfall und fügte hinzu, dass sie ohnehin nicht vorhatte, lange zu bleiben.
„Warst du in Henel?“ Silence wollte gerade antworten, als ihr Medium plötzlich stehen blieb. Silence tat das gleiche, denn auch sie bemerkte es.
„Ist das nicht…“, fragte Silence in die Luft hinein, denn Green hörte sie schon nicht mehr. Da Silence keine Antwort erhielt, sah sie umgehend zu ihr, die wie versteinert ins Nichts sah und keine Reaktion zeigte. Erst nach wenigen Sekunden, als die Aura, die sie beide spürten, sich bereits entfernt hatte, veränderten sich Greens Augen und von einem Moment zum anderen zeigten sie plötzlich Entschlossenheit. Beschwingt von dieser Entschlossenheit drehte sie sich zu Silence herum.
„Silence, sorg bitte dafür, dass kein Wächter sich einmischt!“
„Sag mal, spinnst du?!“, brach es aus Silence heraus, doch sie sah schon an Greens Haltung, dass jeglicher Widerspruch umsonst war.
„Ich verlass mich auf dich“, und schon rannte die Hikari davon, als wäre sie von einer Hummel gestochen.
„Green!?“ … und Silence‘ Worte wurden nicht mehr gehört.


Kaum hatte Green abermals die Halle mit dem Engel hinter sich gelassen, verlangsamte sie ihre Schritte und ging nun eher langsam, doch wachsam, vorwärts. Denn sie hatte es schnell bemerkt: nicht sie verfolgte die Aura, sondern die Aura verfolgte sie. Aber warum kam sie nicht heraus? Sie hatte Tausende von Gelegenheiten, um Green anzugreifen. Unterschätzte derjenige sie etwa und dachte, dass Green dessen Dasein nicht bemerken würde?
Ohne irgendwelche Zwischenfälle setzte die Hikari einen Schritt vor den anderen, die Aura weiterhin im Rücken habend. Sie wusste, dass sie nur anhalten müsste, um dem Ganzen ein Ende zu setzen, dennoch tat sie es nicht. Hatte sie etwa Angst davor? War sie doch noch nicht so weit, wie sie es selbst annahm?
Nein, solche Gedanken durfte sie nicht denken; solche Gedanken würden sie nur an ihr selbst zweifeln lassen und das war das Wesentlichste von allem, was sie nicht durfte. Es war von Nöten, dass sie an sich selbst glaubte. Denn wer nicht an sich selbst glaubte, war nicht stark.
Und das war sie. Sie musste es sein.
Green blieb stehen. An einem absolut zufälligen Ort; einer Weggabelung. Green hatte nicht darauf geachtet, ob sie dort im Vorteil sein würde oder ob dieser Ort wirklich für einen Kampf geeignet war. Das Einzige, was sie in Anbetracht genommen hatte, war, dass sich keine anderen Auren in nächster Nähe aufhielten. Sie hatte ihren Verfolger weit weg von den Schlafsälen gelockt, damit keiner der Wächter aufwachen würde.
Erst zögerlich verlangsamte Green ihre Schritte, bis sie völlig zum Stillstand kam. Doch nur einen Moment stand sie still, einen Moment, in dem sie tief einatmete. Noch während sie aufatmete, bekam die Aura plötzlich eine Stimme.
„Warum ist die Alarmanlage immer noch nicht umgestellt worden?“
Green reagierte nicht auf den Klang seiner Stimme.
Und sie war froh darüber.
Es tat nur ein kleines bisschen weh…nur noch ein kleines bisschen.
„Weil ich wusste, dass du irgendwann kommen würdest…“ Green drehte sich zu ihrem Verfolger herum und gab ihm nun auch einen Namen:
„Blue.“