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Episode 29
  Episode 29: Engel und Dämon I: Unsere Trennung
Green starrte Blue an, ohne dabei ein Gefühl zu empfinden. Es war ihr eigener Wille, der sie dazu zwang, nichts zu fühlen; dennoch war sie überrascht, positiv überrascht, dass ihr Herz ihr gehorchte. Sie war stolz darüber, festzustellen, dass sie auf dem richtigen Weg war, dem Weg der Besserung. Vielleicht war die Hoffnung doch nicht umsonst, dass sie es irgendwann ganz verarbeiten würde…die Tatsache, dass sie einmal in den Dämonen vor ihr verliebt gewesen war. Aber der, der vor ihr stand, war nichts anderes als ein Fremder; sie kannte ihn nicht – was sich jedoch schnell ändern würde, als er die Stimme ein zweites Mal erhob:
„Wie siehst du denn aus?“
„Kampfbereit.“
„Meine Frage war auf das Kleid bezogen; das definiere ich jedenfalls nicht als „kampfbereit“.“
„Falls es dir nicht aufgefallen ist: es ist mitten in der Nacht.“
Es war ein kühles Gespräch und Green fiel es schwer zu glauben, dass sie dem Träger dieser Stimme einmal ihre tiefsten Geheimnisse anvertraut hatte. Im Prinzip waren sie die gleiche Person; das gleiche Aussehen, die gleiche Stimme…aber dennoch waren sie so unterschiedlich…er, den sie liebte und der, der vor ihr stand. Den Gary, den sie geliebt hatte und es wohl immer noch tat, war nicht so. Der entscheidende Unterschied waren nicht seine dunklen roten Augen, es war das, was in ihm war. Nie hätte Gary sie quer durch den Tempel verfolgt, eine spöttische Bemerkung über ihr Nachtkleid gemacht, nie hätte er so gefühllos mit ihr gesprochen...
Es war mehr als nur „von oben herab“; es war, als wäre Blue davon überzeugt, dass er sie voll und ganz in seinem Griff hatte; dass er tun und lassen konnte, was auch immer er wollte, ohne dass sie sich wehren konnte und würde.
Aber sie war nicht mehr wehrlos. Die Macht, von der er überzeugt war, dass sie die Seine war, war nichts anderes als ein Denkfehler – ein Denkfehler, den er schnell bereuen würde.
Und so verwandelte Green das harmlose Schmuckstück um ihren Hals in eine für Dämonen tödliche Waffe. Es fühlte sich gut an, den Stab in den Händen zu halten, denn mit der Umwandlung hatte sie ein Zeichen gesetzt: sie würde gegen ihn kämpfen.
Zwar hatte Green den Stab noch Richtung Boden gesenkt, doch ihr Griff um das blanke Material der Waffe war fest: ein falscher Schritt würde die Kampfhandlungen eröffnen.
„Was willst du hier, Blue? Willst du deinen Auftrag zu Ende bringen, mein Licht ein weiteres Mal versiegen lassen, um mich dann zu töten? Ich sage dir, dafür ist es zu spät. Ich werde es kein weiteres Mal zulassen! Ihr beide hättet mich töten sollen, als ich noch schwach war.“
„Was du jetzt natürlich nicht mehr bist“, antwortete Blue mit ironischem Hohn, was Green offensichtlich erzürnte, doch er war es, der das Reden übernommen hatte.
„Deine wahre Schwäche ist es, dass du so krampfhaft versuchst, dich gegen deine Schwächen zu wehren.“ Die Angesprochene biss die Zähne zusammen, doch kam wieder nicht zum Antworten:
„Und das wissen wir beide doch ganz genau, nicht wahr, Green?“ Das war zu viel – mit diesen simplen Worten hatte Blue die Kampfhandlungen eröffnet, ohne sich dabei einen Zentimeter zu bewegen:
schneller als er es wahrscheinlich selbst erwartet hatte, tauchte Green hinter ihm auf - mit gezücktem Stab und ihre Augen, die von blanker Unbeugsamkeit.
„Nenn mich nicht bei meinem Vornamen! Mich so zu nennen steht dir am allerwenigsten zu! SPIRIT OF LIGHT!“ Obwohl Green ihn im Visier hatte, als sie die Attacke beschwor, gelang es ihm auszuweichen, so dass der Lichtstrahl nur sein Gesicht streifte. Green landete auf beiden Füßen und diesmal ging sie sofort in Kampfstellung über; den Stab direkt auf Blue gerichtet. Sie war erfreut, Überraschung in seinem Blick zu sehen; anscheinend hatte er eine solche Reaktion Greens nicht erwartet.
„Du willst kämpfen, Green?“, fragte Blue, als würde ihn dies verwundern und er wählte dabei, nicht auf die Worte der Hikari einzugehen, sondern diese zu ignorieren, samt deren Sinn. Ebenso ignorierte er die Wunde, die an seiner linken Gesichtshälfte klaffte, wo er nur beiläufig das Blut wegwischte, während Green antwortete:
„Anscheinend hast du mich nicht verstanden, deswegen wiederhole ich es noch einmal: Du hast kein Recht, mich mit meinem Vornamen anzusprechen. Wenn du es wagen solltest…“ Greens Worte wurden unterbrochen, nämlich von Blues Auflachen; und ein weiteres Mal bemerkte Green, dass der Dämon vor ihr nichts mit Gary gemein hatte: so eine fiese Lache hatte sie noch nie von ihm gehört und hatte sich auch nie vorstellen können, dass er zu so einer fähig sei.
„Ach, wird Kurai Yogosu Hikari Green dann kommen, um mich zu richten?“ Er legte eine kurze Pause ein, in der er Green fixierte, ehe er fortfuhr:
„Ich werde dich so lange „Green“ nennen, bis du in der Lage bist, mich davon abzuhalten.“ Dies sah Green als eine Einladung an, um einen erneuten Angriff zu starten: Noch während sie auf ihn zu rannte, strahlte ihr Stab auf und eine schützende Aura legte sich um ihre Waffe, doch anstatt diese für einen weiteren Fernangriff zu benutzen, wechselte Green in den Nahkampf und wollte ihn frontal mit der leuchtenden Waffe attackieren, doch dieser Versuch wurde schnell abgefangen, indem er ihre Waffe, scheinbar ohne große Probleme, mit der Unterseite seines rechten Unterarmes parierte und sie aus dieser Pose heraus bösartig angrinste:
„Du lässt dich ganz schön leicht provozieren, Green.“
„Und du solltest dich lieber schnell an die Ansprache „Hikari“ gewöhnen!“ Mit diesen Worten nahm Green ihren zweiten Arm in Gebrauch, denn sie hatte ihren Stab nur mit einer Hand festgehalten, was ihr nun zum Vorteil wurde. Mit ihrer freien Hand und der passenden Beschwörungsformel beschwor sie „Hotaru Atarashii“ hervor. Das Licht bündelte sich in wenigen Sekunden zu einer strahlenden Kugel, welche sie ihrem Gegner entgegenwarf. Statt zu kontern wich Blue diesmal aus, was ihm auch erfolgreich gelang. Doch kaum, dass sich das Licht gelegt hatte, war er gezwungen, ein weiteres Mal auszuweichen, denn obwohl sein Sichtfeld durch das entstandene hell strahlende Licht beeinträchtigt war, bemerkte er, dass Green ihren Stab in den kleinsten Modus verwandelte und die Attacke, die sie mit diesem Modus auszuführen pflegte, kannte Blue nur allzu gut:
„FULGERE ASTERA ASTAIYOU!“ Da Blue den Effekt dieser Attacke noch gut in Erinnerung hatte, war er gezwungen weiträumig auszuweichen, denn was den Verbrauch an Lichtmagie anging, so war dies Greens enormste Attacke; sie hüllte alles in einem Umkreis von 20 Metern in gleißendes Licht; jedenfalls waren es damals, vor fast einem Jahr, noch 20 Meter gewesen und da Blue nicht testen wollte, ob sich dies verändert hatte, wählte er den Fluchtweg aus einem der großen Fenster.
Kaum, dass er sich in der Luft befand, wurde die Nacht um ihn herum für einen kurzen Moment zum Tag und er konnte spüren, wie die Lichtmagie seine Haut erreichte und die Wunde in seinem Gesicht zum Brennen brachte: doch das Schlimmste hatte er vermeiden können, dank seines schnellen Handelns.
Kaum, dass Blue ein Stockwerk tiefer eingedrungen war, folgte Green ihm bereits, ausgerüstet mit einer Waffe, die nun wieder im normalen Modus war. Sie befanden sich nun in einem der vielen geräumigen Speisesäle; im großen Kamin glühte noch das Holz und der Geruch der letzten Mahlzeit hing in der Luft. Doch schnell war der von Tempelwächterhand feinsäuberlich aufgeräumte Raum ins Chaos gestürzt, als Green zum wiederholten Angriff ausholte, dieses Mal mit dem längsten Modus ihres Stabes, den sie nur selten in Gebrauch nahm. Offensichtlich hatte sie jedoch geübt, denn der darauffolgende Schlagabtausch zeugte von Handhabung. Dennoch gelang es Green nicht, die Oberhand zu gewinnen; zu gewöhnt war Blue ans Kämpfen, obwohl man seine Aktionen wohl kaum als ‚kämpfen‘ bezeichnen konnte – er tat nichts anderes, als ihren Angriffen auszuweichen oder sie zu blocken; von selbst angreifen tat er nicht. Die Hikari reizte dies, denn sie verstand es nicht, fasste es als eine provozierende Beleidung auf und labte sich daher im Triumph, als sie ihn nach wenigen Minuten an einen der umgeworfenen Tische presste.
Der Triumph stellte sich jedoch schnell als eine Fehleinschätzung ihrerseits heraus, als sie bemerkte, dass Blue ihren Stab mit seiner linken Hand festhielt und von sich fernhielt, obwohl Green ihren Stab mit beiden Händen fest umklammerte.
Green sammelte all ihre Stärke in ihren Armen, um ihn nach unten zu drücken, mit der Absicht, ihn mit der Lichtmagie, die den Stab nach wie vor umgab, zu zersetzen; doch dies schien für Blue keine Gefahr darzustellen. Zum einen war Greens Lichtmagie noch beeinträchtigt von ihrer letzten großen Attacke und zum anderen hatte sie nicht die Stärke, um gegen ihn anzukommen. Ein Hikari war ohne Lichtmagie keine besonders große Gefahr; sie besaßen in der Regel keine immense Körperstärke – ganz anders als Dämonen. Daher benötigte Blue gerade mal eine Hand, um Greens Waffe zurückzudrängen, denn die geschwächte Lichtmagie ihrerseits war nicht einmal mehr stark genug, um durch seine schwarzen Handschuhe zu dringen; er spürte nur ein leichtes Kribbeln auf seiner Haut. Obwohl Green über ihm war, war er so im absoluten Vorteil und das schien auch die Hikari zu bemerken. Dennoch hatte sie nicht im Sinn aufzugeben, was ihn scheinbar erheiterte.
„Was wird das, Green?“, fragte der Halbdämon grinsend.
„Das sollte ich dich fragen! Warum verteidigst du dich nur, warum greifst du mich nicht an?!“, antwortete Green zähneknirschend.
„Weil ich dich nicht töten will. Eine simple Schlussfolgerung, nicht wahr?“
„Du kotzt mich an.“
„Na, was für eine Sprache für jemanden, der mit „Hikari“ angesprochen werden will. Aber lass mich dich etwas fragen: warum willst du mich töten?“ Green tat so, als wäre sie überrascht über diese Frage und weitete die Augen gespielt:
„Was? Findest du etwa, ich habe nicht genug Gründe? Was hältst du von dem Grund, dass du ein Dämon bist, ich eine Hikari und dass ich nichts anderes tue, außer dem simplen Naturgesetz zu folgen?“ Kurz bedeckten Blues Augenlider seine roten Augen, denn er schlug sie nieder und schüttelte den Kopf, was Green unheimlich reizte, denn es schien ihn überhaupt nicht zu stören, dass sie ihn gerade mit ihrer Waffe bedrohte.
„Seit wann scherst du dich um Naturgesetze? Warst es nicht immer du, die sagte, dass dich der Unterschied zwischen unseren Rasse nicht interessiert?“
„Tu nicht so, als würdest du mich kennen, Blue“, zischte sie, welches ein weiteres Mal ein Grinsen seinerseits entlockte, welches sich zu einem schelmischen Lächeln verwandelte, als er plötzlich Greens Stab losließ und sie somit an Halt verlor, da sie nach wie vor zu viel Druck auf den Stab gelegt hatte; doch anstatt ihm direkt in die Arme zu fallen, hielt Blue ihr Gesicht mit beiden Händen fest und drückte sie so zu sich herunter.
Zuerst zeigte sich Überraschung in Greens Blick, doch dann wurde sie widerwillig und versuchte, sich zu befreien, doch es war genauso aussichtslos wie zuvor. Es fiel Blue nicht schwer, sie festzuhalten und als würde er ihre Proteste nicht bemerken, sprach er ungehindert weiter:
„Nein, Green. Ich kenne dich…ich bin der Einzige, der dich kennt.“ Green antwortete nur mit einem erstickten „Das ist nicht wahr!“, da sie weiterhin versuchte, sich zu befreien - doch Blue änderte die Pose, wodurch ihr dieses Vorhaben nur noch weiter erschwert wurde: Er hatte ihr Gesicht losgelassen, jedoch nur um schnell den Arm um Green zu schlingen und ihre Hand von hinten festzuhalten, wodurch sie sich nicht von ihm entfernen konnte, ohne dass sie riskierte, ihren Arm zu brechen. Weiterhin zeigte sich ihr Gesicht widerwillig, sie versuchte die Unsicherheit und vielleicht auch die Angst in ihren Augen zu verstecken, obwohl ihr in diesem Moment auffiel, dass sich durch deren Kampf bereits einige der Schleifen gelöst hatten, die ihr Nachtgewand zusammen hielten und das Kleid somit bereits von ihren Schultern herab rutschte und ihre ihre Brust nicht mehr komplett bedeckte. Doch Blue nahm davon keine Notiz, als er seine Hand unter ihr Kinn legte und somit ihr Gesicht ein wenig anhob, so dass sie ihn unweigerlich ansehen musste.
„Wie immer rennst du vor der Wahrheit davon, wenn diese nicht in deine kleine Traumwelt passt.“ Ein weiteres Mal antwortete Green nicht, obwohl ihr scheinbar etwas auf der Zunge lag, denn sie biss sich auf die Unterlippe, um ihre Worte zurückzuhalten.
„Aber dir ist es gelungen, dein Glöckchen wiederherzustellen, was wahrlich beachtlich ist. Wahrscheinlich hast du dir dafür sogar ein Lob verdient – ja, man sollte dir wohl zu deinem Erfolg gratulieren…“ Er hob ihr Gesicht noch ein kleines bisschen mehr an, so dass sich ihre Nasenspitzen berührten und sie seinen Atem auf ihren Lippen spürte, welche sie nach wie vor schmerzhaft zusammenbiss. Doch er tat nichts, er fuhr eher sachlich fort, als wäre das, was er ihr zu sagen hatte, nur ein Haufen von unwiderruflichen Fakten:
„…immerhin ist es dir gelungen, dein Licht wiederzufinden, nachdem wir es dir auf ach-so-schändliche Weise geraubt haben. Dir ging es sicherlich nicht gut danach, oder, Green?“ Während er dies sagte, hatte er ihre Augen fixiert und ja, etwas regte sich in ihnen: Trauer, Verzweiflung und Reue spiegelten sich in Greens dunklen blauen Augen und versteckten sich hinter ihrer sturen Widerspenstigkeit; ihre wahren Gefühle verschloss sie tief in sich und dennoch entdeckte er diese.
„Sag mir, Green, an was hast du gedacht, als du dein Glöckchen wiederhergestellt hast? Was hat dich dazu bewegt, es wiederherzustellen?“ Erst als er diese Worte sagte, wurde die Widerspenstigkeit in Greens Augen von ihrer Unsicherheit besiegt, als sie, durch seine Worte dazu angeregt, an eben diesen Moment dachte. Offensichtlich schien es ihn zu erfreuen, dass sich in Greens Augen endlich andere Gefühle zeigten, und dass diese ihm bewiesen, dass er mit seiner Annahme richtig lag.
„Siehst du, Green. Niemand kennt dich so gut wie ich, niemand.“ Er öffnete abermals den Mund, doch kam nicht weiter: in einem Blitzmoment und wahrscheinlich durch Adrenalin ausgelöst gelang es Green, ihre Lichtmagie auf einem Punkt zu konzentrieren, nämlich an dem Punkt, an dem Blue sie festhielt; ihrem Arm. Offensichtlich war das Licht stark genug, um ihn dazu zu bewegen sie loszulassen und umgehend sprang Green einige Meter von ihm weg, allerdings nicht ohne vorher ihren Stab ergriffen zu haben und diesen hielt sie nun ausgestreckt vor sich, auf Blue gerichtet.
„Ja, es ist wahr, dass ich Sibi und Gary vor meinen Augen gesehen habe, als ich zu meinem Licht zurückgefunden habe. Aber ich habe mich von ihnen abgewandt! Das Wiedererlangen meines Lichtes habe ich niemand anderem außer mir selbst zu verdanken!“ Blue schien es mit dem Aufrichten nicht so eilig zu haben, denn er richtete sich eher langsam wieder auf und klopfte sich sogar den Staub von seiner schwarzen Hose ab. Doch das minderte nicht die Entschlossenheit in Greens Augen, was er bemerkte, als er sie wieder ansah.
„Ich stehe! Ich stehe auf meinen eigenen zwei Beinen und ich brauche niemanden, der mich stützt!“ Langsam ging Blue auf sie zu, doch Green wich nicht rückwärts, sondern hielt den Stab tapfer aufrecht, bis er nur noch zwei Meter vor dessen Spitze stehen blieb, wo er die Augen niederschlug und eine fast schon bemitleidende Pose ausführte.
„Gut, Green, dann sollten wir wohl mal testen, ob du wirklich so stark bist, wie du glaubst.“


Einige Minuten vorher, genauer gesagt einen Moment bevor die beiden Kontrahenten in den Speisesaal eingedrungen waren, hatte die Attacke Greens jemanden dazu gebracht, seinen Kopf hochzuheben; jemanden, der mehr als tausend Meter von der Hikari entfernt in der nächtlichen Bibliothek saß, um die ungestörte Ruhe der Nacht zu genießen und sich mit etwas anderem zu beschäftigen als mit dem ewige Trainieren, nämlich mit den Worten der bekannten Philosophen der Wächter.
Doch die Attacke Greens brachte Saiyon dazu, das Buch zusammenzuklappen und seinen Kopf in Richtung Westen zu wenden, wo er eben das helle Aufleuchten eines Lichtes gesehen hatte, fernab von der Bibliothek, auf der anderen Seite des Tempels. Da er sich nicht bestens im Tempel auskannte, konnte er nicht sagen, welcher Raum es gewesen war, von dem aus diese Attacke entfesselt worden war, aber da er keine feindliche Aura spürte, musste es wohl die Turnhalle sein, in der Green wahrscheinlich trainierte. Um diese Uhrzeit? Ein Blick auf die große Uhr verriet ihm, dass es bereits nach halb vier war; eine ungewöhnliche Zeit, um zu trainieren. Obwohl er sich wahrscheinlich nicht beschweren sollte, denn er selbst hatte immerhin ebenfalls noch nicht den Weg ins Bett gefunden. Er schüttelte seinen ultramarinen Haarschopf und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf das Buch, doch sobald sich Green nur irgendwie in seine Gedanken eingeschlichen hatte, bekam er sie nur schwer wieder heraus.
„Saiyon! Nun reiß dich mal zusammen…“, sagte er zu sich selbst und wollte gerade mit erneuter Verbissenheit an den Inhalt des Buches rangehen, als ihm plötzlich etwas einfiel. Das letzte Mal, als er in der Bibliothek gewesen war, hatte er Green auf den Hinweg getroffen und sie daraufhin in der Turnhalle wiedergefunden, was bedeutete, dass diese höchstens ein paar Gänge von seinem momentanen Standpunkt entfernt lag. Es gab nur eine Turnhalle im Tempel, im Gegensatz zu Sanctu Ele’saces; wo trainierte Green dann? Wohl kaum in den Gängen.
Mit einem Windhauch löschte Saiyon die flackernde Kerze vor ihm und stand auf. Er konnte sich nicht erklären, was Green dazu gebracht hatte, mitten in der Nacht eine solch starke Technik anzuwenden, doch die Ungewissheit ließ ihn nicht los und so schritt er schnellen Schrittes auf den Eingang der Bibliothek zu, den Umstand im Stillen verfluchend, dass er sich nicht einfach auf die andere Seite des Tempels teleportieren konnte. Doch dies war im gesamten Tempel und auch auf den anderen Inseln nicht möglich - der Ordnung willen. Er verstand das System und war auch vollends mit diesem einverstanden, doch er würde nun eine Weile benötigen, um den Tempel zu durchqueren.
Die große Tür knatschte, als er sie öffnete und hinter sich schloss. Saiyon wollte gerade weitergehen, doch brachte sein Gewissen ihn dazu stillzustehen, denn er hatte die Pflicht, den Eingang der Bibliothek zu verschließen, nachdem er diese benutzt hatte, da er, als Offizier, einer der wenigen war, die einen Schlüssel zu dem Raum des Wissen besaßen und daher nicht in Ungnade fallen wollte. Nachdem er seine Pflicht erfüllt hatte, setzte er seinen Weg fort, kam jedoch dieses Mal nicht weit, ehe er eine Stimme hörte, die ihn zum Stillstand brachte. Saiyon erkannte die Aura, ehe er die Stimme erkannte: es war Grey.
„… ich weiß, dass du recht hast, Silence; Green muss diesen Kampf alleine bestreiten, es ist wichtig für sie, das sehe ich ein…“ Silence? Saiyon meinte nicht, dass Greys Tempelwächter, dessen Aura er ebenfalls spüren konnte, einen solch merkwürdigen Namen besaß…
„… es behagt mir einfach nicht, hier rumzustehen, während Green in Gefahr geraten könnte… Ich soll mir keine Sorgen machen, sagst du? Ich habe die gesamten Wachen aus dem Westflügel entfernt, sie ist ganz alleine dort drüben, mit einem Dämon, der sie höchstwahrscheinlich umbringen will und du sagst mir, ich solle mir keine Sorgen machen!?“
„Kaze-sama?“ Obwohl Saiyons Neugierde gerne noch mehr gehört hätte, ging er um die Ecke, wo er nun Grey und dessen Tempelwächter sah, die ihn beide überrascht ansahen: scheinbar war Grey so sehr in sein Gespräch vertieft gewesen, dass er Saiyons Aura nicht bemerkt hatte. Dieser wunderte sich ebenfalls über das was er sah, denn Grey stand mit dem Rücken zu seinem Tempelwächter und da der Windwächter für das freundschaftliche Verhältnis zwischen ihm und seinem Tempelwächter bekannt war, wunderte er sich darüber, dass Grey mit ihm gesprochen hatte, während er ihm den Rücken zugekehrt hatte – es sah eher danach aus, als hätte er mit einer dritten Person gesprochen, doch es war niemand dort und Grey hatte wohl kaum mit der Wand gesprochen.
Doch Saiyon stellte dazu keine Fragen; seine Aufmerksamkeit kreiste um Green.
„Ich bitte um Verzeihung, doch ich habe unbewusst einen Teil Eures Gespräches mit anhören können…ist Hikari-sama in Gefahr?“ Grey wechselte einen Blick mit seinem Tempelwächter und wieder sah es danach aus, als wäre eine dritte Person unter ihnen. Doch der Elementarwächter des Windes antwortete nicht auf seine Frage, sondern mit einer Gegenfrage:
„Was machen Sie so spät noch im Tempel? Meinen Informationen nach leben Sie bei Ihrem großen Bruder auf Sanctu Ele’saces.“ Der Angesprochene war nicht dumm und damit entging ihm nicht, dass Grey ihn ganz offensichtlich nicht einweihen wollte.
„Kaze-sama, ich bitte Euch: wenn unsere Hikari-sama in Gefahr schwebt, ist es meine Aufgabe als Offizier, ihr zur Seite zu stehen. Darum erbitte ich Kooperation.“ Der dringende, aufrichtige und vor allem ernsthafte Tonfall Saiyons brachte das Eis Greys zum Schmelzen und widerwillig antwortete er nach kurzem Zögern:
„Einverstanden. Folgen Sie mir.“


Auf der anderen Seite des Tempels zeigte sich Blue plötzlich unheimlich schnell und es gelang Green nur knapp seiner Hand auszuweichen, mit der er scheinbar vorgehabt hatte, ihren Hals zu fassen zu bekommen, was sie schnell herausfand, als es ihr kein zweites Mal gelang auszuweichen und er sie tatsächlich zu packen bekam. Sie spürte seinen harten und festen Griff um ihren schlanken Hals, doch stellte sich schnell heraus, dass es nicht seine Absicht war, ihr die Luft zu rauben und sie damit zu töten. Doch seine wahre Absicht endete dennoch nicht schmerzfrei: Blue schmetterte sie gegen das große bunte Fenster, welches unter ihrem Gewicht nachgab und zerbrach. Nur einem kurzen Augenblick gelang es Green die Augen zu öffnen, während sie in der Luft hang und sie entdeckte etwas, was sie auch schnell zu spüren bekam:
es schneite immer noch.
Sie hatten sich im ersten Stockwerk befunden, womit der Aufprall zwar hart war, aber nicht kritisch endete wegen des Schnees, der Greens Sturz abfederte – doch sie war darin versunken und die Kälte bemächtigte sich ihrer schnell; immerhin trug sie nichts als ein Stück Stoff. Ohne auf ihren schmerzenden Rücken zu achten, wollte sie sich wieder aufrichten, um schnell aus dem Schnee zu verschwinden, doch dieses Vorhaben wurde vereitelt, denn Blue drückte sie mit seiner Stärke in den Schnee zurück. Umgehend tasteten Greens Hände nach ihrem Stab, den sie bei ihrem Fall verloren hatte, wobei sich herausstellte, dass sie nur sinnlos im Schnee herum ruderte, denn der Stab war scheinbar zu weit entfernt gelandet.
„Na, Green – wollen wir doch mal testen, wie stark du wirklich bist!“ Green schüttelte verzweifelt den Kopf hin und her, die Augen fest zusammengekniffen.
Nein, nein, nein! Sie hatte keine Angst vor dem Schnee – hatte sie nicht, hatte sie nicht!
Aber das war gelogen. In Wirklichkeit würde sie ihn am liebsten mit Tränen darum anflehen, sie doch loszulassen, sie doch aus dieser eiskalten Hölle zu befreien.
„Siehst du, Green? Ich kenne dich am besten. Ich kenne alle deine Schwächen, all deine Alpträume. Warst du es nicht, die mir damals immer alles anvertraut hat? War ich nicht der Einzige, dem du vertrauen konntest, bei dem du schwach sein durftest? Tja…dieses Vertrauen ist dir letzten Endes zum Verhängnis geworden.“ Green hörte seine Worte klar und deutlich, doch sämtliche ihrer Sinne waren auf etwas anderes gerichtet: auf die Kälte, auf den Schnee um sie herum. Ihr Sein vernebelte sich zunehmend und nur mit aller Mühe konnte sie ihre Augen zusammengepresst halten, um Blue nicht auch noch durch Augenkontakt zu zeigen, wie verzweifelt sie in diesem Moment war.
Doch sie spürte bereits wie ihr Körper aufgab, den Kampf gegen die Kälte verlor und Blues nächste Worte gingen in einem Meer aus Eis und Schnee verloren; ein Meer tief und weiß, überall weiß, es blendete, brannte vor Eiseskälte und irgendwo in diesem eiskalten Niemandsland ging das arme, einsame Kind, das nicht einmal bemerkte, wie der Schnee auf es hinab rieselte, weil es bereits zu sehr abgekühlt war – und wie immer fiel das bezopfte Mädchen nach einer Weile in den Schnee, wo es regungslos liegen blieb.

Oh, wie Green es hasste, oh, wie Green sich selbst hasste!
Sie hasste den Schnee dafür, dass er immer wieder dafür sorgte, dass sie sich selbst in ihm liegen sah, dass er ihr immer wieder zeigte, wie schwach sie wirklich war, wie alleine sie war…

Doch der Alptraum veränderte sich, nahm neue Form an; eine, die Green nicht kannte. Überrascht sah Green zu, wie ihr jüngeres Ego sich plötzlich wie eine Schlange auftürmte und der Schnee von ihren Schultern, von ihren Haaren hinab fiel, ehe das kleine Mädchen mechanisch den Kopf zu ihr herum wandte und Green erstarrt in ihre eigenen tiefblauen Augen sah, die kein Licht mehr beinhalteten.
„Du rennst immer nur weg, weg, weg, weg. Nie zurück. Du bist immer nur weggerannt!“
Die Szene veränderte sich, doch die kleine Green blieb, wo sie war, starrte die ältere Version von ihr mit leeren Augen an und warum schneite es immer noch? Warum hörte es nicht auf? Warum hörte es nicht auf?!
„Schnee ist Einsamkeit. Kälte ist Einsamkeit. Du bist schwach, weil du nicht alleine sein kannst. Deswegen rennst du. Rennst weg, weg, weg.“
Das Wirrwarr um sie herum nahm Gestalt an, veränderte sich und die Zeit blieb abermals stehen, genau wie Greens Herz es ebenfalls tat, als sie zusah was das Wirrwarr aus Bildern gebildet hatte.

„… Sibi… Gary!“

Lauter Bilder wirbelten um sie herum, wie in einem Film, der zu schnell abgespielt wurde, sah sie alles in einem Schnelldurchlauf vor sich.

Alles, was sie erlebt hatten…

„Überwinde den Schmerz! Überwinde die Einsamkeit! Erst dann wird der Schnee nicht mehr kalt sein und die Kälte wird dich dann nicht mehr erreichen können!“

Alles, was sie durchgestanden hatten…

„Du darfst nicht mehr erzittern! Du darfst nicht mehr zögern! Du hast einen Weg, gehe ihn!“

Alle Momente, in denen sie ihr beigestanden hatten…

„Du hast Fehler gemacht, zu denen du stehen musst, um deinen Weg zu beschreiten! Also stehe zu deinen Fehlern; stehe zu dem, was dich schwach macht und du wirst stark werden!“

Alles, was sie zusammengebunden hatte…

„Behalte deine Erinnerungen in deinem Herzen, stehe zu ihnen, schöpfe Kraft aus ihnen und kämpfe! Kämpfe, lösche deine Feinde aus! Geh deinen Weg!“

… und alles, was sie zertrümmert hatten.

Green öffnete ihre Augen, als Blue gerade gedacht hatte, sie hätte das Bewusstsein verloren. Doch sie zeigten etwas anderes als zuvor: absolut keine Verzweiflung war mehr in ihren Augen zu erkennen, sondern pure Entschlossenheit und…der Wille zu töten.
Und schneller als Blue reagieren konnte, hatte Green ihre Hände zu seinem Hals erhoben und ihre zierlichen Finger krallten sich in sein Fleisch. Mit eiskalten Augen starrte sie ihn an, ihr Atem schnell und erregt und als sie folgende Worte sagte, wurde Blue zum ersten Mal bewusst, wie tödlich Green sein konnte:
„Lass mich sofort los, oder ich werde deine Atemwege mit meiner Lichtmagie wegätzen!“ Nur einen kurzen Augenblick starrte er sie fassungslos zurück an und Green sah, dass er über ihre Worte ziemlich geschockt war – und dass sie offensichtlich Wirkung zeigten, denn er folgte ihrer Aufforderung und sprang von ihr weg, sobald sie ihren Griff ebenfalls lockerte. Green nutzte diesen Moment, um aufzuspringen und ihren Stab aus dem Schnee zu fischen, der tatsächlich einige Meter von ihr entfernt im Schnee gelandet war.
Der Schnee fiel weiterhin beharrlich vom Himmel hernieder, berührte ihre Haut, doch die Hikari spürte es nicht, als sie abermals frontal auf ihn zustürzte. Beinahe hätte Blue erschöpft mit den Augen gerollt, doch beschäftigte sich lieber damit auszuweichen, unterschätzte sie allerdings: kaum, dass er ausgewichen war, verlängerte Green den Stab, so dass Blue diesen nun direkt vor seinen Augen hatte. Einen „Spirit of Light“ und damit eine Strahlentechnik vermutend, wich der Halbdämon seitlich aus, doch auch diesmal lag er falsch:
„FULGERE-“
„Was?!“
„ASTERA ASTAIYOU!“ Zwar von einem kleineren Ausmaß als das erste Mal, doch dennoch gleißend hell erhellte sich das Umfeld, eine Chance, die Green nutzte, um den Kampfschauplatz zu ändern und mit flinken Fingern schloss sie die Tür zur ihrer nächsten auf und schloss diese auch sofort wieder hinter sich.
Ohne sich umdrehen, oder auf ihre Umgebung zu achten stürzte Green die nächstbeste Treppe nach oben; zwar war sie nach wie vor im Westflügel des Tempels, wo die wenigsten der Schlafkammern waren, doch bald würde die Sonne aufgehen und dann waren auf jeden Fall die ersten Tempelwächter unterwegs, welche sie nicht in den Kampf verwickeln wollte. Die Speisesäle befanden sich im ersten und zweiten Stockwerk und im dritten Stockwerk waren vereinzelt ein paar Schlafkammern - in dem Stockwerk darüber lag das Heiligtum der Hikaris; der Raum, in dem Inceres die Karten bei der Geburt der Hikarikinder legte und wenn Green auf die Idee kommen würde dort irgendwie einen Kampf anzuzetteln, würden die Hikaris sie hinrichten…und obendrein glaubte Green nicht einmal, dass sie in der Lage war, den gigantischen Saal alleine zu öffnen. Doch gleich dahinter führte ein Verbindungsgang in den nördlichen Flügel, in welchem sich viele Räume mit politischen Zwecken befanden und dort war um diese Uhrzeit sicherlich niemand vorzufinden.
Green lief eine Treppe nach der anderen hinauf, überquerte den Verbindungsgang und ließ Korridore hinter sich, bemüht Wege zu benutzen, die man normal nicht gewählt hätte und verließ sich ebenfalls auf ihr Wissen was Geheimgänge anging. So kam sie schnell im siebten Stockwerk des Nordflügels an, dem letzten des Tempels. Sie ahnte, dass sie Blue mit ihrer Attacke nicht außer Gefecht gesetzt hatte und dass dieser ihr dicht auf den Fersen war, daher war sie auf dem Weg zum größten und höchstgelegenen Balkon des Tempels, dem Nordbalkon, von wo aus sie einen Geheimgang benutzen würde, der sie wieder zum vierten Stockwerk bringen würde, wo sie ihn freundlich begrüßen würde, sobald er sie dort gefunden hatte.
Als sie den Balkon erreicht hatte und die Glastür öffnete, umfing sie wieder die kühle Nachtluft und der rieselnde Schnee…doch keine Reaktion. Ein Gefühl von Stolz kam ihr auf, als sie sich dem Geländer näherte, wo sich hinter der linken Engelstatue der Mechanismus befand, um den Geheimgang zu enttarnen – was sich als voreilig herausstellte:
„Das Spiel ist aus, Green.“
Die Hikari wirbelte herum, doch noch bevor sie Blue erblickte, war sie bereits dazu gezwungen mit ihrem Stab seine schwarze Magie abzuwehren, die zu ihrem Glück restlos von ihrer Waffe absorbiert wurde, damit die Leiste auffüllte und Green keinen Kratzer abbekam.
Doch vor ihr war niemand und schnell wirbelte Green herum, wo sich die ungleichen Augen der beiden einst so vertrauten Personen trafen. Doch keine Wärme war in ihnen zu finden, keine Freundlichkeit aus Blues Worten zu vernehmen, als er kalt sagte:
„Dein Orientierungssinn nützt dir nichts, wenn du rennst. Du hast deinen Vorteil verspielt, weil du Geräusche verursacht hast. Vergessen, Green? Wir Dämonen haben ein sehr feines Gehör.“ Noch während er dies sagte, strahlte seine behandschuhte Hand dunkel auf, er holte aus, schien sie packen zu wollen, doch Green wandte sich herum, konnte dem Vorhaben Blues entgehen – wenn dies sein Vorhaben gewesen wäre.
„Tut mir Leid, Green. Ich führe nur einen Befehl aus.“
Er packte mit der behandschuhten Hand Greens Stab, ohne den geringsten Schaden davon zu nehmen und die Zeitlupe setzte ein.
Green verstärkte ihren Griff um ihre Waffe, doch Blue trat sie in die Magengegend, wodurch die Hikari zu Boden stürzte und sie den Stab losließ.
Umgehend übernahm ihr Instinkt und sie richtete sich auf, wollte eine Beschwörungsformel rufen…
… doch zu spät.

Mit einem ausdruckslosen Gesicht machte Blue ihre Befürchtungen zur Wahrheit und die Hand, die Green nach ihrem Stab, nach ihrem Glöckchen ausgestreckt hatte, fiel herunter, genau wie dessen Besitzerin, als der Dämon das Material des Stabes zum Bersten brachte.

Green fiel auf die Knie ohne es zu bemerken, sie wusste nicht, was sie tat, realisierte nicht, dass sie ihre Hände in ihren Haare vergruben; sie hatte überhaupt keine Kontrolle mehr über ihren Körper.
Er bestand nur aus Schmerzen.
In diesem Moment war ihr gesamtes Denken verstummt; es war nicht mehr vorhanden. Ihr gesamtes Sein ertrank in Schmerzen.

Wenn Green später an diesen Augenblick zurückdachte, dann erinnerte sie sich an nichts anderes außer an diesen schrecklichen Schmerz; diese Qualen! Als würde man sie von innen heraus zerreißen und das Einzige, was es außerhalb dieser Schmerzen gab, war der Wunsch, es möge doch aufhören…man möge doch Erbarmen zeigen, man möge ihr doch das Glöckchen geben…

In diesem Moment war ihr nicht bewusst, dass sie sich nach dem Glöckchen sehnte, in diesem Moment war ihr nichts bewusst. Ihr war schwarz vor Augen, obwohl sie späterhin wusste, dass ihr Bewusstsein irgendwo noch vorhanden gewesen war, nur vergraben unter dem Schmerz, der sie auffraß, sie zerriss, sie in Flammen aufgehen ließ.
Der Schmerz kettete sie zu Boden, raubte ihr den Atem, ließ sie vergessen wer sie war, was sie war.

Nur auf eins war ihr Bewusstsein fokussiert:
Sie musste das Glöckchen zurückhaben, koste es, was es wolle!