Online: 1 Heute: 15 Gesamt: 173524
Episode 31
  Episode 31: Das verlorene Sonnenlicht
Es dröhnte.
Ihr Kopf schmerzte fürchterlich; ein pochendes Dröhnen breitete sich von der einen Seite zur anderen aus und weckte Greens Bewusstsein zusammen mit den Stimmen um sie herum - viele Stimmen, die sie überforderten, welche sie nicht einordnen konnte, denn etwas anderes drängte sich an die Oberfläche ihres Bewusstseins: ein brennender, lähmender Schmerz. Wo kam er her? Sie wusste es nicht. Wo war ihr Glöckchen? Es war in der Nähe, sie spürte es. Aber es lag nicht auf ihrer Brust; nicht dort, wo es hingehörte.
Sie versuchte ihre Hände zu bewegen, doch sie waren zu schwer. Erst da als letzten Ausweg öffnete sie ihre Augen und erblickte schummrige Gestalten um sich herum, die erst langsam feste Konturen annahmen. Ihre Mutter war dort, genau neben ihr und Grey ebenfalls. Auf der anderen Seite des Bettes standen Firey und Pink.
Das Gehirn Greens fühlte sich davon schnell überfordert und es dauerte eine Weile ehe das Dröhnen nachließ und sie verstand, dass sie mal wieder im Sanctuarian und darüber hinaus an irgendwelche Gerätschaften angeschlossen war, welche sie daran hinderten aufzustehen. Doch das hatte sie sowieso nicht vor: es war schon anstrengend, die Augen offen zu halten.
Und dort war auch das Glöckchen, neben ihr in einer Glassäule, gefüllt mit einer klaren, weißen Flüssigkeit. Es schwamm in der Mitte des Behälters, welcher wiederrum durch Kabel an mehreren Gerätschaften angeschlossen war. Was tat es darin? Was machte Green schon wieder im Krankenhaus?
Ach ja…der Kampf gegen Blue, erinnerte Green sich; die Verfolgung quer durch den Tempel und dann…Schmerzen, viele Schmerzen – oh, diese Pein!
Aber was war dann gewesen? Green erinnerte sich nicht. Sie wollte sich nicht erinnern; ihr Kopf tat weh, wenn sie es versuchte.
„Wie schön, dass du wieder bei uns bist, Green.“ Die Stimme ihrer Mutter war die erste, der es gelang, zu Green durchzudringen; Grey wollte wohl das gleiche sagen, doch er musste Pink davon abhalten, ihre Cousine stürmisch zu umarmen. Green konnte sich ein müdes Lächeln abringen und wollte sich gerade aufrichten, als ihre Mutter sanft die Hand auf ihre Schulter legte und sie zurück ins Bett drückte.
„Du brauchst jetzt Ruhe. Viel Ruhe“, ergänzte Grey die Tat seiner Mutter, die Firey und Pink darum bat, sie kurz alleine zu lassen; sie würden gleich wieder hereinkommen dürfen.
Als die beiden den Raum verlassen hatten, schwiegen Grey und White kurz, ehe ihre Mutter eine Frage stellte, die Green nicht erwartet hatte zu hören:
„Green, hast du etwas dagegen einzuwenden, wenn wir uns deinen Oberkörper genauer ansehen würden?“ Green wurde bei dieser Frage ein wenig rot, doch stimmte zu und Grey half ihr aus dem Oberteil, was sich als ein wenig schwer herausstellte, ihnen aber doch letztendlich gelang.
Mit einem Mal beantwortete sich die Frage von selbst, woher der leise brennende Schmerz stammte, den Green seit ihrem Erwachen gespürt hatte: etwas hatte sich auf Greens Haut eingebrannt, ein etwa fünfzehn Zentimeter breiter Kreis; ein Mal - ein Brandmal - zwischen ihren Brüsten. Es handelte sich um ein Zeichen, nein, genauer gesagt, zwei Zeichen: die erste Ebene war das Zeichen der Hikaris und darüber das Zeichen für „Aberkennung“ in der Sprache der Wächter.
Mit den ausgestreckten Fingern fuhr White vorsichtig über das Mal und obwohl sie es sanft und vorsichtig tat, schmerzte es mit jedem weiteren Millimeter, den sie berührte. Sowohl Mutter als auch Tochter waren zu sehr mit dem Mal an sich beschäftigt, als dass sie dabei bemerkten, wie schwer es Grey fiel, seine aufkommende Röte zu unterdrücken beim Anblick von Greens nacktem Oberkörper. Doch es gelang ihm; höchstwahrscheinlich, weil die Sorge um seine Schwester schnell die Oberhand gewann und es ihm so gelang, das Gefühl der Scham nach hinten zu schieben.
„Es wird wieder heilen“, sagte White erleichtert und half ihrer Tochter dabei, sich wieder anzuziehen.
„Was genau ist das?“, fragte Green, als sie die Knöpfe ihres Oberteils wieder schloss und sah ihre Familienmitglieder nun verwirrt an, die beide sichtlich beruhigt wirkten.
„Dies, Green“, erklärte White:
„Ist der beste Weg, einen Hikari zu foltern.“ Bevor Green nachfragen konnte, ergänzte Grey bereits die Worte seiner Mutter:
„Wie du es bereits am eigenen Leibe erfahren hast…bedeutet das Zerstören des Glöckchens der sofortige Tod für einen Hikari. Die langsame Schändung des Glöckchens überträgt die Schmerzen des Glöckchens auf den Träger aufgrund des intensiven Bandes zwischen dem Hikari und dessen Glöckchen. Warum dies jedoch die „ultimative Folter“ genannt wird, hat einen anderen Grund als den Grad der auszuhaltenden Schmerzen: der Hikari stirbt nicht, solange das Glöckchen nicht komplett zerstört wird. Mit anderen Worten kann das Opfer über einen langen Zeitraum gefoltert werden, ohne vom Tod erlöst zu werden. Deshalb ist es die meistgebrauchte Art, um einen Hikari zu foltern. Denn egal, wie stark der Wille eines Hikari ist, auf die Art ist er leicht zu brechen. Doch darüber hinaus…“ Grey seufzte tief und fügte hinzu:
„…hat es schwerwiegende Folgen.“
„Folgen?“, wiederholte Green und zeigte auf ihren Oberkörper, doch ehe sie fragen konnte, beantwortete White ihre nicht ausgesprochene Frage langsam:
„Dieses Mal, das Zeugnis der Folter, hat noch eine weitere Bedeutung: deine Lichtmagie ist nicht intakt; das Bündnis zu deinem Glöckchen gestört. Solltest du Lichtmagie anwenden wollen, wird es sofort wieder beginnen zu bluten.“ Das bittere Gefühl von Entsetzen zeichnete sich auf Greens Gesicht ab, wurde jedoch schnell zu einer frustrierten Wut. Sie öffnete den Mund, um zu widersprechen, als ihr klar wurde, dass sie schon wieder keine Lichtmagie anwenden konnte, doch White hob die Hand und gebot ihr, still zu sein.
„Ich will keine Widerrede hören, mein Mädchen. Es ist ein ausdrücklicher Befehl des Rates, dass du während deines Heilungsprozesses keinerlei Lichtmagie anwendest, in absolut keinem Fall. Egal was passiert.“ Natürlich wollte Green davon nichts hören und auch die aufkommende Wut beruhigte dies nicht. Doch der Respekt ihrer Mutter gegenüber brachte sie dazu, ihren Ton anzupassen und in einem angemessenen Tonfall erwiderte sie:
„Aber das ist doch unmöglich; wie stellt sich unsere Familie das nur vor? Wie soll ich denn einen Krieg führen, wenn ich nicht trainiere?“
„Die Fertigkeiten, die du in einem Krieg benötigst, hängen nicht nur von deinen Kampffertigkeiten ab. Es werden auch andere Tugenden benötigt, das solltest du nicht vergessen…und in zwei Monaten hast du Zeit, an eben diesen zu arbeiten.“
„…zwei Monate?! Was ist wenn der Krieg übermorgen ausbricht? Was dann? Wir können doch nicht davon ausgehen, dass es noch zwei Monate dauern wird…“
„Green, wenn du sofort anfangen würdest mit dem Verbessern deiner Kampffähigkeiten, dann würdest du verbluten ehe der übermorgige Tag die Sonne gesehen hätte.“ Kurz schwieg Green und man konnte förmlich sehen wie es in ihrem Kopf brodelte, weil sie nach neuen Argumenten suchte. Nun mischte sich auch Grey in das Gespräch der beiden ein:
„Green, hör auf unsere Mutter und auf den Rat. Es ist zu deinem Besten und zum Besten des Wächtertums. Außerdem wird es dir gut tun, dich nicht wie eine Besessene auf deine Lichtmagie zu fokussieren. Du hast noch viel zu lernen, was nicht mit dem Kampf zusammenhängt. Eine Kriegsrede halten ohne das Erzittern der Stimme, Totenmessen halten, an offenen Foren teilnehmen und und und. Es gibt so viel, was du noch lernen musst, um eine gute Lichterbin zu sein.“ Green seufzte, wahrscheinlich weil sie einsah, dass sie recht hatten und langsam ließ die Wut nach – doch die Frustration verblasste nicht, brodelte weiter und hinterließ ein bitteres Gefühl.
„Gut…aber warum zwei Monate? Wird die Reha wirklich so lange dauern?“ Beide sahen sie überrascht an, ehe sie sich selbst ansahen und Grey es dann übernahm, seine Schwester aufzuklären:
„Du kannst froh sein, dass es nur zwei Monate sind, Schwesterherz. Wie wir bereits erklärt haben ist diese Art der Folter überaus beliebt, weil sie so effektiv ist. Viele Hikaris, welche länger gefoltert wurden, mussten sich jahrelang schonen. Einige von ihnen waren gezwungen in solch einem Zustand Krieg zu führen. Da die Heilmagie eines Hikari nicht fähig ist die Wunde zu schließen, sind bereits viele unserer Vorfahren auf dem Schlachtfeld verblutet; ohne dass die Dämonen überhaupt nachhelfen mussten.“ Nach dieser ziemlich mulmigen Erklärung und den finsteren Aussichten für die Zukunft richtete sich Green vorsichtig an White:
„Musstest du diese Erfahrung auch machen, Mutter?“
„Oh nein, ich nicht. Was das anging, so hatte ich Glück“, antwortete White sichtlich erleichtert über diese Tatsache.
„Aber du kennst jemanden, dem nicht dieses Glück zuteilwurde.“ Die junge Hikari sah ihre Mutter fragend an und überlegte, ob sie sich vorstellen konnte, um welchen Hikari es sich wohl handeln könnte. Als White jedoch die Lösung auf ihre Überlegungen preisgab, war Green überrascht, denn dieser Name war alles andere als der, den sie erwartet hatte zu hören:
„Dein Großvater ist an eben dieser Ursache gestorben.“ Sichtlich überrascht schwieg die Angesprochene, obwohl sich schnell tausende von Fragen auf ihrer Zunge versammelt hatten, die ihr scheinbar ins Gesicht geschrieben standen, denn White führte aus, während sie sich auf ihrem Stuhl zurücklehnte:
„Die Tortur, die Vater durchlitten hat, wahrte so lange, dass das Zeichen mehr als fünf Jahre zu sehen war; bis zu seinem Tode. Er verschwieg die Tortur. Niemand wusste es außer meiner Mutter und seinem privaten Arzt. Vater verschwieg es vor dem Rat, da er wusste, dass man ihm verbieten würde, seine Lichtmagie anzuwenden und er wollte nicht in die Lage geraten, einen Befehl des Rates zu missachten. Du kannst dir sicherlich vorstellen, dass Vater gegen sämtliche Vernunft weiter gekämpft hat, was somit zu seinem Tod inmitten des Schlachtfeldes führte; nachdem er fünf Jahre lang mit dem Zeichen gelebt hatte, besiegelte es seinen Tod. Erst nach Vaters Tod fand man die Ursache heraus und die Tortur kam ans Tageslicht – die genaueren Hintergründe wie auch der Täter sind bis heute unbekannt. Dennoch, obwohl Vater diese Last lange auf seinen Schultern trug, ist er der Hikari, der am längsten gelebt hat und ins Jenseits gelangt ist; er hat es somit seinem starken Willen zu verdanken, dass er so lange durchgehalten hat.“ Nach dieser Erklärung war sowohl White als auch Grey klar, worüber Green sich den Kopf zerbrach und schnell fuhr Grey dazwischen, ehe sie sich allzu viele Pläne schmieden konnte:
„Schmink dir das ab, Green! Du wirst gewiss nicht das gleiche tun wie Großvater und gegen jegliche Vernunft weiter deine Lichtmagie anwenden! Das wird deine Heilung enorm verlangsamen beziehungsweise verhindern. Es ist viel ratsamer, dass du die Zeit ausnutzt und dich nach deiner Reha voll und ganz auf deine Lichtmagie konzentrieren kannst.“ White stand daraufhin auf mit den Worten, dass sie Grey nur zustimmen konnte, aber auch, dass sie sich langsam auf dem Weg zurück machen müsse.
„Demgemäß…ruh dich aus, Green. Sei nicht so töricht wie dein Großvater.“ White sah ihre Tochter mit ihrem blassen Gesicht und ihren weißen Perlenaugen durchdringend an und sagte genauso durchdringend:
„Versprich es mir.“ Green biss sich auf die Unterlippe, da sie sich bewusst war, wenn sie es ihrer Mutter versprechen würde, dann würde sie sich auch daran halten: ein Wort White gegenüber nicht zu halten war begleitet von dem schlechtesten Gewissen, was man sich vorstellen konnte und selbst Green traute ihrem Gewissen nicht zu, dass es Whites Einfluss standhalten konnte. Vor White hatte man weder Geheimnisse, noch log man und schon gar nicht brach man ein Wort. Ihre Ausstrahlung war einfach zu rein und selbst Green fühlte sich nicht imstande dieser zu wiederstehen, was Grey scheinbar bemerkt hatte, denn er grinste ein wenig, als er Greens Worte hörte:
„Ja…ich verspreche es dir“, ergab sich Whites Tochter dem Blick und der Ausstrahlung ihrer Mutter, welche dann erfreut lächelte wie ein kleines Kind, ehe sie ihre Tochter behutsam in die Arme schloss.
„Auf Wiedersehen, meine Kinder und pass auf Green auf, Grey.“ Dann verließ sie das Zimmer, nachdem sie das zuversichtliche Lächeln ihres Sohnes gesehen hatte. Green wollte sich gerade an Grey wenden, als die Tür bereits wieder aufging und die beiden Mädchen wieder hereinkamen, die man zuvor vor die Tür geschickt hatte. Pink war die erste, die sich zu Wort meldete, als Firey und sie vor Greens Bett standen:
„Green-chaaaaaaaaaaaaan! Was ist passiert, geht es dir gut?!“ Der Rest ihres Satzes wurde in einer Umarmung erstickt, als sie sich Green in die Arme warf, ungeachtet der Schmerzen, die jäh durch Greens Körper zuckten.
„Ja, Pink, mir geht es gut“, antwortete Green lächelnd über Pinks heftige Reaktion. Ihre Cousine sah hoch, nachdem sie diese Worte gehört hatte und musste erst ihre kleinen Tränen wegwischen, ehe sie normal sprechen konnte:
„Geht es dir auch wirklich gut? Oder tust du nur so, Green-chan?“
„Nein, ich tue nicht so. Warum sollte ich?“
„Du tust immer so, als würde es dir gut gehen, obwohl es dir schlecht geht! Glaubst du, wir merken das nicht? Wir haben dich doch lieb! Natürlich merken wir das!“ Verwundert sah Green ihre kleine Cousine an, obwohl diese sie sehr intensiv anstarrte mit ihren großen blauen Augen, als könnte sie sie damit hypnotisieren.
„Pink hat recht“, sagte Firey und schritt nun neben die beiden.
„Du hast doch uns, du musst doch nicht alles im Alleingang machen. Wir sind doch bei dir!“ Grey, der sich ein wenig zurückhielt, konnte nicht drum herum, ebenfalls zu nicken. Diese Worte und das Dasein ihrer Freunde brachten Green zu einem gerührten Lächeln.
„Ihr habt ja recht…ich bin nicht alleine.“ Doch dann verwandelte sich ihr Lächeln in ein Grinsen und mit diesem sagte sie:
„Aber sehe ich etwa so aus, als würde ich so tun, als würde es mir gut gehen? Ich bin im Krankenhaus, bin ans Bett gekettet…aber ich lache. Also geht es mir den Umständen entsprechend gut.“ Dem gaben sich die beiden Mädchen geschlagen und Firey fuhr mit dem fort was ihr auf dem Herzen lag:
„Was ist eigentlich passiert? Warum bist du schon wieder hier?“ Greens Lächeln schwand und ihr Gesicht wurde ernster, doch sie antwortete nicht, was Firey dazu brachte ihre Frage weiter auszuführen:
„Keiner von uns Elementarwächtern hat wirklich erfahren, was passiert ist, außer, dass du ins Krankenhaus eingeliefert worden bist.“ Grey sah seiner Schwester an, dass sie nicht wusste, was sie antworten sollte; ob sie die Wahrheit sagen sollte oder doch lieber schweigen sollte. Von dem her übernahm Grey das Wort statt Green:
„Wir hatten einen unglücklichen Zwischenfall, der leider nicht zu unseren Gunsten ausgefallen ist: Green wollte unbedingt ihre neugewonnenen Fähigkeiten ausprobieren und ist auf Terra einem Dämon in die Arme gelaufen. Zum Glück konnten wir Green retten, ehe noch Schlimmeres passieren konnte.“ Dankbar für diese Ausrede blickte Green ihren Bruder an, doch Firey unterbrach deren Blickaustausch schnell:
„Bist du wahnsinnig, Green!? Warum bist du denn alleine gegangen!“ Grey verschränkte die Arme und setzte seinen „Großer Bruder“-Blick auf, als er Fireys Worte ergänzte:
„In der Tat, Green: es war sehr unüberlegt von dir. Sehr unüberlegt. Aber das wird sicherlich nicht noch einmal passieren, nicht wahr?“ Das dankbare Lächeln erstarrte unter dem Blick ihres großen Bruders und dessen vorwurfsvoller Betonung – einen Vorwurf, den sie gut verstand, denn sie hatte wahrlich unüberlegt gehandelt.
„Das kann man wohl laut sagen.“ Überrascht wandte sich Green nach rechts, wo Silence neben ihr auftauchte, was zum Glück von Pink und Firey nicht bemerkt wurde, denn Firey war nun damit beschäftigt, Grey zu fragen, was das denn für ein Dämon war, der Green ins Krankenhaus befördert hatte.
„Silence! Wo kommst du denn her?“, fragte Green, jedoch nicht indem sie ihre Stimme in Gebrauch nahm, sondern mittels Gedanken, damit die anderen nicht mitbekamen, dass sie ein Gespräch mit einem für sie unsichtbaren Geist führte. Grey hatte es wahrscheinlich bemerkt, doch er reagierte nicht darauf, sondern unterhielt sich weiterhin mit Firey.
„Ich war schon die ganze Zeit hier. Ich hab mir nur gedacht, ich misch mich nicht ein.“ Außerdem wollte sie nicht vor White in Erscheinung treten, denn das eine Gespräch mit ihr hatte Silence gereicht und dieses wollte sie auch nicht fortführen.
„Ich muss dir nicht sagen, wie dumm du warst und dass du das Zeichen vollauf verdient hast, oder?“
„Nein, musst du nicht. Das weiß ich auch so.“
„Gut. Aber ich sage es gerne nochmal: das war eine deiner dümmsten Aktionen, dicht gefolgt von deinem unüberlegten Ausflug nach Südkanada. Wenn du so weiter machst, bist du bald nicht nur die unreinste Hikari, sondern auch die…“
„Ja, danke, Silence, ich habe es gehört.“
„Hoffentlich auch verinnerlicht.“ Green entschied sich dazu, das Thema schnellstmöglich zu ändern und fragte sie daher:
„Warst du es, die Grey und…war Saiyon nicht auch da?“ Silence schien zu verstehen, was Green fragen wollte und antwortete:
„Doch, der kam auch angerannt, um dir zu Hilfe zu eilen und ja, ich habe Hilfe geholt, nachdem mir schnell klar wurde, wie hoch deine Chancen standen. Ich hab allerdings nicht gesehen, wie sie dich gerettet haben, denn ich war damit beschäftigt, dafür zu sorgen, dass Tempelwächter woanders das Frühstück servierten.“
„Kannst du auch was Positives sagen?“
„Du hast überlebt; ist doch positiv“, antwortete die Yami mit einem neckischen Grinsen und machte mit einer eleganten Handbewegung Green darauf aufmerksam, dass Green und sie das Gespräch lieber beenden sollten, denn Firey und Grey hatten ihres ebenfalls beendet, so dass es auffallen würde, wenn Green teilnahmslos ins Nichts sehen würde.
„Wir sehen uns nachher, dann komme ich noch mal vorbei.“ Mit diesen Worten verschwand Silence und die Hikari wandte sich mit einem Lächeln an Grey:
„Was ist eigentlich mit Saiyon? Er wurde doch auch darin verwickelt, was ist mit ihm geschehen?“ Skeptisch fragte Grey seit wann es denn „Saiyon“ wäre und nicht mehr „Saiyon-san“, worauf Green nicht einging, sondern einfach eine Antwort verlangte.
„Er wollte dir hinterher springen, als du vom Balkon gesprungen bist, doch er ist leider unglücklich gestolpert“, antwortete Grey mit einer Unschuldsmiene und hatte absolut keine Gewissensbisse wegen dieser kleinen Notlüge und der Tatsache, dass er sich die für Saiyon peinlichere Variante ausgesucht hatte.
„Ja, das klingt nach Saiyon…“, antwortete Green ohne zu merken, dass Firey sie geschockt ansah und plötzlich zeigte sich auch das Gesicht der Hikari überrascht.
„Warte mal: von was bin ich gesprungen?!“ Verwundert sah Grey die beiden Mädchen an; bei Pink war diese Nachricht noch nicht ganz durchgesickert; oder sie war sich nicht bewusst, dass Grey sich gerade verplappert hatte. Dieser bemerkte es jedoch schnell und korrigierte sich:
„Ich meinte natürlich eine…Bergklippe. Wir befanden uns in einer hügeligen Landschaft und dort gibt es natürlich keine Balkone. Verzeiht mein Missgeschick.“
„Eine „Bergklippe“?“, fragten Firey und Green überrascht, wie aus einem Munde und Grey antwortete verwundert:
„Ja, Green. Erinnerst du dich nicht mehr daran, dass du gesprungen bist?“
„…nein? Warum zur Hölle, sollte ich vom Bal- ich meine von einer Bergklippe springen?“ Plötzlich wurde der Blick Greys skeptisch. Mit verengten Augen sah er seine Schwester prüfend an und fragte:
„Erinnerst du dich an gar nichts mehr?“ Green schien zu überlegen, denn sie legte ihre Stirn in Falten.
„Naja…ich weiß noch, dass Saiyon mit dir und Ryô gekommen ist, um mir zu helfen und danach…muss ich wohl das Bewusstsein verloren haben, denn ich erinnere mich nicht mehr.“ Nun mischte Firey sich wieder ein:
„Aber Green, wenn du bewusstlos bist, kannst du nicht von einer Bergklippe springen.“ Die Angesprochene wollte gerade antworten, als Grey es tat:
„Firey hat recht, du hast nicht das Bewusstsein verloren. Ich denke eher es ist Gedächtnisschwund; das ist nicht unnormal bei dem, was dir widerfahren ist und…“ Grey unterbrach sich selbst, da ihm scheinbar etwas eingefallen war, was ihn dazu brachte einzuhalten und in Gedanken zu versinken. Die drei Anwesenden sahen ihm dabei zu, bis Pink nachfragte, doch der Windwächter winkte lächelnd mit der Hand ab:
„Nein, nein, schon gut, mir ist nur etwas eingefallen, was allerdings nichts mit dem Thema zu tun hat.“ Immer noch sahen sie ihn fragend an und besonders Green glaubte ihm kein Wort, doch sie sagte nichts - und selbst wenn sie es gewollt hätte, hätte sie es nicht gekonnt, denn in diesem Augenblick ging die Tür zu Greens Privatzimmer im Sanctuarian lautlos auf und Cecilie, die Tempelwächterin Aores‘, kam hinein. Nachdem sie sich verbeugt hatte, sagte sie:
„Ich muss euch nun bitten, das Zimmer der ehrwürdigen Hikari-sama zu verlassen, denn sie benötigt Ruhe.“ Offensichtlich schien die „ehrwürdige Hikari-sama“ dies nicht so gut zu finden, denn sie öffnete bereits den Mund, um zu protestieren, als Grey sagte, dass sie tun würden, was sie sagte, denn Aores wisse schon, was er mache. Doch ehe er sich zum Gehen wandte, sagte er:
„Morgen hole ich dich ab, Green und bis dahin ruhst du dich aus. Bitte.“
„Genau, Grey-chan hat vollkommen Recht!“, pflichtete Pink ihm bei und auch sie verabschiedete sich von Green, wie auch Firey. Green sah ihnen lächelnd hinterher, mit den Gedanken schon ganz woanders, als ihr plötzlich noch etwas einfiel.
„Firey?“ Die Angesprochene drehte sich noch einmal in der Tür um, als die anderen den Raum bereits verlassen hatten.
„Ja?“
„Ich soll dich grüßen und dir sagen, dass du ein Flachbrett bist“, sagte Green ohne zu wissen, warum sie das tat.


„Warte, Silver.“ Wie immer, wenn sie sich in ihr Heimatgebiet teleportierten, trafen sie sich auch nun an der Rückseite von Ri-Ils recht ansehnlichem Anwesen wieder, von wo aus sie immer den langen Weg drum herum wählten. Wahrscheinlich weil die Rückseite kaum Fenster besaß, was ihnen ein Gefühl von Sicherheit gab, was selbstverständlich reiner Selbstbetrug war, denn man war nirgends vor Ri-Il sicher. Sicherlich hatte er bereits bemerkt, dass sie wieder „Zuhause“ waren, dennoch sagte Blue, dass er noch keinen Bericht ablegen wolle, denn ihm war schlecht. Silver, der vorgegangen war, wandte sich herum und konnte dies nur bestätigen, denn sein Bruder sah tatsächlich ziemlich bleich aus.
„Das ist sicherlich das Lichtintus.“
„Nein, ist es nicht“, antwortete Blue und seine Mundwinkel zuckten zu einem ironischen Lächeln, als er sich an die Außenwand lehnte.
„Dann sag einfach, dass es das ist.“
„Silver, ich kann da jetzt nicht rein.“ Ein wenig ratlos blickte Silver sich um, als könnte der rote Himmel oder die kahle Wand ihm irgendeinen Ratschlag geben, was er nun unternehmen sollte. Zuletzt blickte er wieder Blue an, der mit geschlossenen Augen den Kopf gesenkt hatte.
„Und was soll ich jetzt machen? Soll ich zu Sensei gehen und ihm sagen, dass es dir nicht gut geht und du später kommst?“
„Nein…nein, natürlich nicht“, antwortete Blue mit einer schwachen Stimme, die Silver erschrak. Blue hätte am liebsten gesagt, dass er genau dies tun sollte, doch natürlich war ihm klar, dass er das nicht tun konnte – natürlich war ihm klar, dass jede weitere Minute, die er vergeudete, verdächtigt wirken würde. Doch er konnte jetzt nicht zu Ri-Il gehen, eine kühle Miene auflegen und das gleiche Spiel spielen, welches er Green vorgespielt hatte. Diese Maske war kaputt, musste erst repariert werden, ehe er sie wieder auflegen konnte. Es fiel ihm schwer dies zu tun, denn obwohl er Silvers Stimme klar und deutlich neben sich vernommen hatte, so waren Greens qualvolle Schreie immer noch zu hören: sie hatten sich in seinen Kopf eingebrannt, genau wie das Gefühl, den Stab zu halten, ihn zu zerstören…das Blut, all das Blut, ihr Blick, Greens Augen…
„Blue!“ Der Angesprochene erschrak plötzlich, als er die Stimme seines Bruders hörte, und hob den Kopf, um ihn anzusehen.
„Ich rede mit dir, also hör mir zu!“ Merklich nickte Blue und versicherte ihm, dass er zuhörte.
„Gut, Blue, ich sag dir jetzt was wir machen. Ich war die ganze Zeit in Lerenien-Sei, in Ordnung? Ich komme direkt von dort. Ich war nicht im Tempel, denn ich wusste ja von dem ganzen nichts. Ich hab mit Rui was getrunken, die gibt mir sicherlich ein Alibi. Ich werde gleich reingehen und Sensei sagen, dass ich dich hier getroffen habe und du ganz und gar nicht gut aussiehst, wobei ich natürlich verwirrt tun werde. Ich werde ihm sagen, dass du Lichtintus hast und dass du deshalb lieber draußen geblieben bist, wegen Ansteckung oder was weiß ich…“
„Silver, Lichtintus ist nicht ansteckend.“
„Ja, gut okay, dann eben was anderes: Du hast so viel abbekommen, dass du dich nicht bewegen kannst.“
„Nein, erwähne kein Lichtintus. Dann wird er mir nämlich Antilicht geben und das würde alles noch schlimmer machen.“ Wie immer musste Blue beinahe die Augen verdrehen als er dieses Wort sagte: Antilicht! Welcher verdammte Dämon war mit solch einer Unkreativität gesteinigt, dass er seine Erfindung Antilicht nannte? Aber wenn man den Namen nicht beachtete, war die Erfindung alles andere als unnütz und überaus notwendig für eine effektive Kriegsführung: das Antilicht war ein Serum, welches man Dämonen injizieren konnte und welches Lichtintus neutralisierte. Das Problem war nur: es war überaus wertvoll, da die Herstellung kompliziert war. Kein normaler Dämon war in der Lage, an dieses Serum zu gelangen und selbst in Kriegszeiten war das Mittel nicht zugänglich für das normale Fußvolk, denn es war ein Privileg der Hohen und sie teilten es ungern.
Das Problem an diesem Wunderserum war allerdings, dass es Nebenwirkungen hatte und genau aus diesem Grund konnte Blue dankend darauf verzichten es einzunehmen, wenn es nicht wirklich notwendig war. Er wusste nicht genau, was es für Nebenwirkungen waren, doch er wollte es auch nicht herausfinden. Vor allen wusste er nicht, wie das Antilicht auf seinen Körper reagieren würde, wenn es kein Licht zum Neutralisieren gab. Ri-Il würde es sicherlich bemerken und nein, das war keine gute Idee.
„Aber ansonsten ist deine Idee gut, lass es uns so machen.“
„Und was ist mit dir? Was soll ich Sensei sagen, Aniki? Er wird fragen, er hat dich sicherlich schon gespürt.“
„Ich lass mir was einfallen. Geh schon, Silver.“
„Aber ich kann dich doch hier nicht…“
„Geh.“ Die ernste Stimme Blues sagte Silver, dass ihm keine Wahl blieb, dass er es tun musste, so sehr sich auch alles in ihm dagegen sträubte. Doch ehe er ging, zog er eine kleine flache Flasche aus seiner Hosentasche und trank dessen Inhalt mit einem Schluck aus, ehe er die Flasche zurückgleiten ließ. Er bemerkte den verwunderten Blick seines Bruders und erklärte:
„Glaubst du nicht, dass es Sensei auffällt, wenn ich nicht nach Alkohol rieche?“
„Hast du immer so eine Flasche bei dir?“, fragte Blue mit der skeptischen Stimme eines älteren Bruders. Silver grinste ein wenig und antwortete:
„Natürlich nicht. Ich hab sie vorhin mitgehen lassen, zufrieden?“ Mit diesen Worten wollte er sich abwenden, doch er entschied sich anders:
„Wir sehen uns nachher.“ Obwohl er diese Worte aussprach, als wären sie eine Feststellung kam es Blue so vor, als würde ein kleines Fragezeichen sich bemerkbar machen. Blue tat so, als würde er dies nicht bemerken und nickte, woraufhin Silver ihn alleine ließ.
Blue hatte das Bedürfnis sich auf den Boden niederzulassen, genau wie er es im Tempel getan hatte, doch verdrängte dieses Verlangen, genau wie alle anderen Verlangen, die sich in ihm zu einem großen Knoten zusammenbanden. Er wollte weinen, gleichzeitig schreien, ohnmächtig werden, schlafen, oder doch lieber weg, einfach nur weg. Doch er konnte seine Haut nicht zurücklassen, wäre ewig in dem Körper gefangen, der ihr das angetan hatte. Ewig würde er mit diesem Bewusstsein bestraft sein. Es war in ihm gebrandmarkt, genau wie auf Greens Körper, nur in einer anderen Form: unsichtbar, für niemanden zu sehen.
Blue hob den Kopf und wünschte sich plötzlich, dass es regnen würde. Doch es würde nicht regnen. Der rote Himmel war ungnädig, die Luft trocken und heiß.
Die Glieder des Halbdämons versteiften sich, als er plötzlich eine mächtige Aura vernahm, die auf ihn zusteuerte und kaum, dass er den Kopf herum gewandt hatte, kam Ri-Il bereits seelenruhig um die Ecke geschlendert. Sein Lächeln wurde breiter als er Blue erblickte und erfreut sagte er:
„Wie schön, dich unversehrt wieder Zuhause willkommen zu heißen, Blue! Als ich deinem Bruder über den Weg gelaufen bin, habe ich mir schon Sorgen um dich gemacht, bei dem was er zu mir sagte.“ Als ob, schoss Blue sofort durch den Kopf, doch natürlich antwortete er etwas anderes:
„Mir geht es gut. Ich habe den Auftrag erfolgreich abgeschlossen.“ Die Stimme Blues war leider nicht so fest wie er es sich erhofft hatte, was Ri-Il natürlich auffiel.
„So? Und was machst du dann hier?“ Er blickte Richtung Westen, hinab in eine hügelige Landschaft, die mehr einem Krater ähnelte.
„Du bestaunst wohl kaum meinen Vorgarten. Obwohl es dazu eine lustige Geschichte gibt, denn dieser Krater ist Lycileins Werk und alle Geschichten mit ihm sind sehr unterhaltsam.“ Er legte nachdenklich einen Finger an sein Kinn und schien zu überlegen.
„Wie lange ist das eigentlich schon her…ich glaube mehr als 70 Jahre bestimmt.“ Blue antwortete nicht, obwohl es vielleicht besser wäre, über irgendwelche Anekdoten zu sprechen, doch er wollte das Gespräch so schnell wie möglich hinter sich haben.
„Aber egal! Darüber können wir ein anderes Mal reden. Aber Silver hatte recht; du siehst wirklich nicht gut aus, Blue. Hast du Lichtintus?“ Wie auf Kommando schüttelte Blue mit dem Kopf und verneinte sofort:
„Nein, die Hikari traf nur meine Magengegend, seitdem verspüre ich eine leichte Übelkeit.“
„Oh und deswegen wolltest du nicht herein kommen? Wie überaus vorsorglich von dir! Aber schade eigentlich, denn das wäre die perfekte Gelegenheit gewesen, mir einen neuen Teppich anzuschaffen.“ Eine leichte Wut tauchte zwischen dem Chaos von Gefühlen in Blue auf, denn er wusste, dass Ri-Il ihn an der Nase herumführte und für diese Art von Späßen war er im Moment nicht aufgelegt. Eigentlich absolut nicht, doch das konnte er nicht durchsickern lassen. Stattdessen versuchte er das Thema zum eigentlichen zurückzuführen:
„Wie ich bereits sagte, habe ich den Auftrag erfolgreich ausgeführt und ich hoffe, dass Ihr und natürlich die Hohen, mit meiner Arbeit zufrieden sein werdet.“
„Du hast das Mal gesehen? Es ist ein bisschen schwer zu erkennen bei all dem Blut.“ Ri-Il öffnete die Augen und grinste, als würde ihm diese Vorstellung ganz plötzlich gefallen und sofort schoss Blue die Frage durch den Kopf, ob oder eher wie oft Ri-Il diese Folter bereits durchgeführt hatte.
„Ja, es war schwer zu erkennen…“ Seine Stimme war kurz davor abzuknicken, doch Blue gelang es, sie wieder zu festigen:
„Doch ich habe zweifelsohne das Mal gesehen.“ Ri-Il schloss seine Augen wieder, als er erfreut die Hände zusammen schlug.
„Welch wunderbare Neuigkeiten! Das bedeutet also, dass ich den anderen Fürsten mitteilen kann, dass die kleine Lichtprinzessin erst einmal auf keinem weiteren Schlachtfeld auftauchen wird.“ Eine Weile schwieg Blue, doch dann schüttelte er den Kopf und antwortete:
„Das kann ich leider nicht garantieren.“ Verwundert öffnete Ri-Il seine Augen einen Spalt breit und fragte ihn, wie er auf darauf kam, wenn er ihm doch gerade eben erst versichert hatte, dass er das Mal auf jeden Fall gesehen hatte.
„Die Hikari ist ein Sturkopf, daher bin ich mir nicht sicher, ob sie sich von dem Mal abhalten lassen wird.“
„Nun, ihre Familie wird sicherlich in der Lage sein, ihr Temperament im Zaum zu halten, meinst du nicht?“ Blue wollte nicht darüber nachdenken. Er wollte im Allgemeinen nicht über Green nachdenken, denn es gab der schon ohnehin schon zerbrechlichen Maske weitere Risse und Ri-Il durfte um Himmels Willen nicht sehen, was sich darunter verbarg.
„Das wage ich nicht zu beurteilen.“ Eine vage Antwort, doch scheinbar schien sie Ri-Il zu genügen, denn er winkte Blue zu sich, mit einer nonchalanten Handbewegung, der Blue ein wenig zögerlich Folge leistete. Sein Zögern war berechtigt, denn kaum, dass er bei ihm ankam, legte Ri-Il ihm plötzlich den Arm beinahe freundschaftlich um die Schulter und sagte lachend:
„Das hast du gut gemacht, Blue! Und ich glaube, ich weiß genau, was dein empfindlicher Magen jetzt braucht: ein richtiges Essen - ich lad dich ein. Und Silver ebenfalls.“ Ri-Il löste sich wieder von dem zu Eis erstarrten Blue und machte sich dazu auf zu gehen, was der verwirrte Halbdämon ihm nach kurzem Zögern gleich tat. Als er bei seinem Lehrmeister angekommen war, dieser seine Arme auf dem Rücken verschränkt hatte, wandte Ri-Il sich beim Gehen noch einmal an ihn und mit einem leichten Schauer auf dem Rücken bemerkte Blue, dass er sein breites Grinsen mit der Offenheit seiner Augen unterstrich, in dem ein boshaftes Schimmern lag. Eine Boshaftigkeit, die auch in seiner Stimme lag, als er seinem Schüler folgende Frage stellte:
„Und? Hattest du Spaß?“ Nur einen kurzen Augenblick sah Blue ihn an, als wüsste er nicht, wovon er sprach, bis er spürte, wie sich die Maske zu einem Lächeln formte und er ruhig antwortete:
„Unheimlich viel Spaß.“
Ihm war noch übler als zuvor.


Als Grey später in seinem Zimmer ankam, wurde er bereits von Ryô erwartet, welcher am Fenster auf die Rückkehr seines Meisters gewartet hatte. Ohne etwas zu sagen, schloss Grey die Tür zu seinem Zimmer leise und verriegelte diese. Erst nachdem er sicher sein konnte, dass die Tür auch wirklich verriegelt war, richtete er sein Wort an seinen Tempelwächter, während er auf ihn zu ging:
„Hast du getan, worum ich dich gebeten habe?“, fragte der Windwächter leise, als fürchtete er, jemand würde ihn hören, obwohl das unmöglich war, denn die dicken Marmorwände ließen keinen Laut durch.
Ryô nickte während er antwortete:
„Selbstverständlich. Wie Ihr es gewünscht habt.“ Er machte einen Wink zu dem Stuhl, welcher an Greys Arbeitstisch stand, auf dessen verziertem Polster ein schwarzer Pullover lag, der in Greys hellen Zimmer überaus fehlplatziert aussah.
„Und?“, fing der Windwächter an:
„Sind meine Vermutungen richtig?“ Wieder nickte Ryô und erklärte:
„Ja, das sind sie. Wie Ihr es gewünscht habt, habe ich das Kleidungsstück untersuchen lassen und wie Ihr bereits vermutet habt, befinden sich sowohl Rückstände von Blut wie auch Haare auf eben diesem, die beide der gleichen Person beziehungsweise dem gleichen Dämonen gehören.“ Grey nickte, dem Bericht Ryôs aufmerksam lauschend, welcher noch nicht zu Ende war, denn er fügte noch hinzu:
„Darüber hinaus habe ich mir erlaubt, den Pullover zu waschen. Er war fürchterlich dreckig.“ Daraufhin weiteten sich Greys Augen überrascht und er sagte:
„Aber, Ryô! Damit hast du ein Beweisstück wertlos gemacht!“ Ryô, der diese Reaktion bereits vorhergesehen hatte, fischte etwas aus seiner Hosentasche heraus und zeigte seinem Meister einen kleinen Flakon, wo Grey von weitem nicht viel mehr erkannte als ein paar schwarze Punkte. Als er jedoch näher heran ging, erkannte er, dass es sich um ein langes, dunkelbraunes Haar handelte, zusammen mit ein paar Stofffasern. Noch ehe er etwas sagen konnte, erklärte Ryô:
„Ich habe mir die Freiheit erlaubt ihn zu waschen, nicht nur, weil es überaus dreckig war, sondern für den Fall, dass ihn jemand findet. Ein schwarzer Pullover, beschmiert mit dem Blut eines Dämons, ist doch ein wenig auffällig, besonders wenn er sich im Zimmer eines Elementarwächters befindet.“ Grey atmete erleichtert auf, wieder einmal dankbar dafür, dass er nicht nur so einen guten Freund hatte, sondern auch einen loyalen und mitdenkenden Tempelwächter besaß. Doch kaum hatte er dies gedacht, beschlich ihn auch sofort das schlechte Gewissen, dass er Ryô mit in diese fragwürdigen Untersuchungen hineinzog.
„Es tut mir Leid, mein Freund, dass ich dich da mit hineinziehe…“ Doch kaum, dass er seinen Satz beendet hatte, unterbrach Ryô ihn schon, indem er mit der Hand abwinkte:
„Macht Euch deswegen keine Gedanken. Es ist meine Aufgabe, Euch zu unterstützen. Als Tempelwächter…“
„Aber, Ryô du…“
„Und als Freund – verzeiht, wenn ich Euch unterbrochen habe.“ Einen kurzen Moment lang sah Grey ihn an, ehe er kurz in sich hinein lachte, um dann doch nachzugeben. Als ihm ein kurzes Lächeln über das Gesicht huschte, spürte auch Ryô kurz den Drang, ebenfalls zu lächeln, doch dies hielt er zurück. Stattdessen setzten sich die beiden an den kleinen runden Tisch, wo Grey in Gedanken verloren ging. Ryô schwieg währenddessen und wartete geduldig darauf, dass sein Freund seine Überlegungen preisgab. Nach einer Weile sagte er:
„Das ergibt alles keinen Sinn; es passt einfach nicht zusammen, egal wie oft ich es drehe und wende.“ Fragend sah sein Tempelwächter ihn an, doch anstatt ihn zu fragen, wartete er, bis Grey von selbst fortfuhr:
„Die Art, wie die beiden Halbdämonen ihren Auftrag zu Ende brachten, wirkte überaus überzeugend auf mich. Es wirkte, als würden sie nichts für Green empfinden; als hätten sie es nie getan. Aber springt man jemandem hinterher, für den man nichts empfindet? Rettet man diese Person und kleidet sie obendrein auch noch in seinen eigenen Pullover, damit sie nicht friert?“ Er schüttelte den Kopf und beantwortete seine Fragen selbst:
„Nein, das passt einfach nicht zusammen. Obendrein gibt es noch etwas, was mich sehr wundert und was ich dir noch nicht erzählte habe, mein Freund: es scheint so, als wären Greens Erinnerungen gelöscht worden - sie kann sich nicht daran erinnern, dass Blue ihr hinterher gesprungen ist; sie war selbst der festen Überzeugung, dass sie bewusstlos war, nachdem sie die Tortur überstanden hatte.“ Wieder schwieg Grey; einen Augenblick, den Ryô nutzte, um aus dem Monolog einen Dialog zu machen:
„Ich muss zu meiner Schmach eingestehen, dass es mir doch recht schwer fällt für jemanden Partei zu ergreifen, der dazu beigetragen hat, dass meine Hände mir geraubt worden sind.“ Bei diesen Worten lächelte Grey ein wenig verlegen, als würde er sich dafür schämen, dass er überhaupt einen Gedanken daran verschwendete, ob und was hinter dem Verhalten Blues versteckt lag. Doch Ryô war noch nicht fertig:
„Und daher fühle ich mich leider dazu gezwungen anzumerken, dass ich nicht finde, dass Tortur ein Zeichen von Liebe ist. Wenn jemand die Person, die er eigentlich lieben sollte, foltert, dann finde ich seine Gefühle doch recht zweifelhaft.“ Ryô sah Grey sofort an, dass dies nicht die Antwort war, die er sich erhofft hatte, doch er entgegnete nichts, so dass der Tempelwächter noch etwas zu seiner Meinung hinzufügte:
„Doch ich kann Eure Gedanken sehr wohl nachempfinden, denn Ihr habt Recht: es passt nicht zusammen. Doch für Optimismus ist es zu früh, würde ich meinen.“
„Ja, natürlich weiß ich, dass du recht hast. Das ist ja auch der Grund, weshalb ich Green nichts erzählt habe; auch dich bitte ich darum, Schweigen zu bewahren.“ Ryô nickte und Grey fuhr fort:
„Ich möchte ihr nicht unnötig Hoffnung machen, nur damit diese ein weiteres Mal sterben kann. Der einzige Weg, wie ich Klarheit in diese Sache bringen kann, ist die Gelegenheit mit Blue selbst reden zu können.“ Nun war es Ryô, der mit dieser Antwort alles andere als zufrieden war, denn diese Vorstellung gefiel ihm nicht; sie löste Sorge in ihm aus.
„Ihr…wollt mit Blue reden? Wie wollt Ihr das machen?“ Scheinbar bemerkte Grey die Sorge die Ryô plagte, obwohl seine Stimme noch recht monoton klang, denn er antwortete:
„Keine Sorge, ich habe nicht vor, Henel ein weiteres Mal zu besuchen, außer wir sind im Krieg. Nein, ich werde auf eine Gelegenheit warten, welche sicherlich irgendwann kommen wird, sobald der 8te Elementarkrieg beginnt.“ Ehe Ryô antworten konnte, hatte sich Grey bereits dazu entschieden, das Thema zu wechseln:
„Kannst du mir noch einen weiteren Gefallen tun?“
„Selbstverständlich. Was wünscht Ihr?“ Grey stand auf und hob den Pullover vom Stuhl hoch, um diesen Ryô zu geben, welcher das Kleidungsstück ein wenig verwirrt entgegen nahm. Lange ließ Grey ihn jedoch nicht im Unklaren:
„Kannst du den Pullover bitte bei dir im Zimmer aufbewahren? Bei mir fällt er ein wenig mehr auf und ich will nicht, dass Ilang sich später wundert, wenn sie einen Blick zu viel in meinen Kleiderschrank wirft. Ich möchte vermeiden, dass sie sich Gedanken macht.“ Ohne weiter nachzufragen nickte Ryô sofort und drückte den Pullover an sich, als wäre er ein Schatz, den er mit seinem Leben beschützen würde.
„Dann wünsche ich Euch eine Gute Nacht, Grey-sama.“ Erfreut lächelte der Angesprochene, als er Ryô dasselbe wünschte und der Tempelwächter musste sich selbst eingestehen, dass etwas in ihm sich über sein Lächeln freute – obwohl da noch etwas anderes in ihm war, ein fremdes, unbehagliches Gefühl, dem er keinen Namen geben konnte.
War es eine Vorahnung?


Grey hatte angenommen, dass er seine Schwester bereits am nächsten Tag würde abholen können, doch Green war gezwungen, sich noch fast eine Woche lang im Sanctuarian aufzuhalten, mit nichts anderem als Büchern, die ihr als Beschäftigung dienten. Natürlich wurde sie öfter besucht, doch nur von Silence und ihren Elementarwächtern, da andere Wächter nichts von Greens Zustand erfahren sollten: es würde nur unnötig Besorgnis verbreiten. Daher war der einzige Arzt, den sie regelmäßig zu Gesicht bekam auch Aores und der einzige Tempelwächter, der ihr Zimmer betreten durfte, war Cecilie: beide hatten vorher noch einen Eid schwören müssen, dass sie nichts darüber an die Öffentlichkeit weitergeben würden.
Daher war es wohl verständlich, dass Green mehr als glücklich war, als sie wieder zuhause war: im Tempel. Alleine schon, dass sie aufstehen durfte, war für sie ein reiner Segen, da ihr dies absolut untersagt gewesen war: jegliche Belastung sollte vermieden werden; vom Kämpfen ganz zu schweigen.
Green hatte auch nicht vor, das Verbot zu brechen, dass sie keine Lichtmagie anwenden durfte, obwohl ihr gesamtes Sein dagegen ankämpfte. Doch zu groß waren der Respekt und auch die Furcht vor den Konsequenzen, wenn sie sich dem Befehl der Hikaris widersetzen würde. Dennoch hatte sie nicht vor, die zwei Monate ihrer Reha damit zu verbringen, Regeln zu pauken und die Etikette zu würdigen.
Sie sah ein, dass sie dies benötigte, um eine gute Hikari zu werden, doch zu was war eine Hikari gut, wenn sie zwar von außen hin eine perfekte Hikari war, die von ihrem Volk geliebt und geachtet wurde, aber auf dem Schlachtfeld sofort getötet werden würde? Daran würde noch so viel Respekt nichts ändern…außerdem hatte man ihr ja nur verboten, Lichtmagie anzuwenden.
Und so stahl sich Green in der ersten Nacht, die sie wieder im Tempel verbrachte, davon, gekleidet in ihren Trainingsanzug, um sich wieder der virtuellen Welt des Trainings hinzugeben. Während sie auf dem Kontrollpult das Passwort eingab, löste sie bereits die Riemen des Helmes, um ihn sich überzuziehen, sobald der Computer sein ‚okay‘ gab, welches kurz nach der Eingabe des Codes folgte mit einem zufriedenen Piepen.
Dank der wundersamen Technik der Kikous verschwamm die Welt um sie herum und ein Meer aus tausend Farben verschluckte den kahlen Raum. Die Farben nahmen nach kurzem Zögern Gestalt an und von einem Moment auf den anderen stand Green in voller Uniform mitten auf einem Schlachtfeld irgendwo in der Menschenwelt. Nicht nur die Umgebung war eine exakte Kopie der Wirklichkeit, sondern auch der Geruch und die Geräusche. Es gab Momente, da vergaß Green, dass dies nicht die Wirklichkeit war und sie ertappte sich selbst dabei, wie sie angesichts einer bedrohlichen Lage Todesangst in sich spürte.
„Guten Abend, Hikari-sama. Welche Schwierigkeitsstufe wünscht Ihr, Hikari-sama?“, ertönte die mechanische Stimme in Greens Kopfhörern, die sie ach-so-sehr liebte. Aus diesem Grund klang die Stimme der Hikari auch eher genervt, als sie antwortete:
„Nummer fünf.“ Eigentlich müsste sie nun mit Stufe 15 anfangen, doch sie wollte es lieber langsam angehen - immerhin hatte sie lange im Bett gelegen.
„Wie viele Gegner wünscht Ihr zu bekämpfen, Hikari-sama?“ Wenn diese verdammte Stimme wenigstens aufhören könnte, sie nach jedem noch so kleinen Satz „Hikari-sama“ zu nennen: das würde sie wenigstens ein bisschen erträglicher machen!
„Vier.“
„Eingabe registriert, Hikari-sama. Trainingsprozess beginnt in 3…2…1…“
Da Green diese Stufe bereits einmal hinter sich gelassen hatte, wusste sie, wo der erste Dämon auftauchen würde und setzte bereits zum Angriff an ehe der Countdown abgelaufen war, um ihren Gegner zu eliminieren.
Es tat gut, sich zu bewegen.
Es war ein wunderbar befriedigendes Gefühl, ihre Waffe in der Hand zu halten.
Das Kämpfen befreite sie von ihren düsteren Gedanken, lenkte sie ab, machte sie frei. Wenn sie ihre Rolle als Hikari spielte und einnahm vergaß sie ihre Schmerzen. Dieses Vergessen nahm sie nun dankend entgegen und bemerkte damit kaum, dass sie in kürzester Zeit mehrere Stufen hinter sich ließ. Es war so viel einfacher die Waffe zu schwingen, als ans Bett gefesselt zu sein; das Opfer seiner eigenen Gedanken zu sein. Erst jetzt kamen all diese Gedanken endlich zum Stillstand; versiegten irgendwo in den verschlossenen Teilen ihrer Seele.
In den Teilen, die noch zu „Green Najotake“ gehörten.
Doch wenn sie jetzt zurück sah, jetzt in dem Moment wo sie ihre Waffe schwang, war der letzte Kampf nichts anderes gewesen als ein Kampf. Ein ganz normaler Kampf wie jeder andere auch, mit dem einzigen Unterschied, dass Green kläglich versagt hatte.
Es war ihm noch einmal gelungen ihre Lichtmagie lahm zu legen – noch einmal! Es war so schrecklich frustrierend sich diesem Bewusstsein zu stellen, als hätte sie überhaupt nichts aus dem ersten Mal gelernt, absolut gar nichts.
Doch es würde nicht noch einmal vorkommen.
Sie musste lernen ihre Schwachstelle besser zu schützen, ansonsten würde sich das immer und immer wiederholen können: und dabei handelte es sich nicht nur um das Glöckchen. Es waren diese…speziellen Schwächen, die sie unter Kontrolle bringen musste. Die Schwächen, die nur Blue hervorrufen konnte – und das durfte nicht sein!
Auf der anderen Seite sollte sie vielleicht nicht so streng mit sich selbst sein, denn sie hatte Fortschritte gemacht.
Sie hatte gegen Blue gekämpft. Genauso wie sie jetzt gegen diese namenlosen Dämonen kämpfte.
Doch würde sie ihn töten, wenn sie die Gelegenheit dazu hatte?

Würde sie nicht zögern?
Würde sie nicht…Gary sehen?
Würde sie sich nicht an das Versprechen erinnern, welches sie sich selbst einst gegeben hatte, dass sie weder Gary noch Siberu…

Nein! Sie musste damit aufhören, endgültig. Siberu und Gary waren tot. Sie würden nicht wieder zurückkehren und nichts würde dies ungeschehen machen. Nichts würde etwas an der Tatsache ändern, dass Blue und Silver in die gleiche Sparte gehörten wie alle anderen Dämonen. Wesen, die Green bekämpfen musste, weil es ihre Pflicht und ihre Aufgabe war.
Ihr Lebenszweck und Sinn.
Doch warum nur tat ihre Brust so furchtbar weh, wenn sie daran dachte, was Blue ihr angetan hatte?

Warum nur, tat es immer noch weh…
Warum nur… kam ihr Herz nicht endlich zu der Erkenntnis, dass sie die glücklichste Zeit niemals wieder zurückerhalten würde, da niemand mehr da war, der noch ein Teil dieser Zeit war?

Erbarmungslos fing ihre Brust wieder an zu schmerzen, doch das war nichts gegen die Qual, die ihr die Tränen in ihren Augenwinkeln bescherten.
Umgehend wurde diese Schwäche gesühnt, denn ihre Konzentration bröckelte und es gelang einem ihrer Feinde ihren Stab aus der Hand zu schlagen, obwohl die drei Dämonen, die sie auf dieser Stufe bekämpfen musste, sich vor ihr befanden. Green wollte gerade dementsprechend handeln, als ihr die Stimme des Computers mitteilte, dass das Training beendet war. Aber Green hatte doch gar nicht den Befehl dafür gegeben?
Ohne, dass die Hikari es verhindern konnte, verfiel die Welt um sie herum in einzelne Pixel und empört über den plötzlichen Abbruch, zog sie sich den Helm vom Kopf. Doch ihre Widersprüche fielen in sich zusammen als sie die Person sah, die das Training unterbrochen hatte.
„G-Großvater?“
Shaginai war wohl die Person, die sie am wenigsten erwartet hatte zu sehen und doch stand er nun vor ihr, in voller Montur und vor allem mit umgewandeltem Glöckchen, was Green doch einen leichten Schauer über den Rücken laufen ließ in Gedenken daran, dass es genau diese Waffe gewesen war, die sie bereits einmal getötet hatte. Ein nicht gerade angenehmes Wissen. Shaginai wirkte jedoch nicht so, als wolle er dieses Vorhaben ein weiteres Mal durchführen, dennoch hatte Green sich sofort versteift.
„Irre ich mich, oder erkenne ich da Tränen in deinen Augen, Yogosu?“, war das erste, was sie von ihrem Großvater zu hören bekam und wie immer sprach er nicht nur von oben herab, sondern sah sie auch dementsprechend an, die rechte Hand auf dem Schwert ruhend, die Spitze auf den Boden abstützend.
„Tränen?“, wiederholte Green leicht errötend, weil sie sich darüber ärgerte, dass es ausgerechnet Shaginai sofort aufgefallen war.
„Ja, ich hab was ins Auge bekommen“, antwortete Green, da sie natürlich nicht die Wahrheit preisgeben wollte.
„Natürlich, das hätte ich wissen müssen. In einen Raum, der hermetisch abgeriegelt ist.“ Kurz schwiegen sich die beiden an, in den Sekunden wo Green überrascht war, dass ausgerechnet ihr Großvater eine ironische Ader besaß. Noch überraschter war sie, als er sie plötzlich leicht triumphierend ansah und sagte:
„Das war ein Regelverstoß, Yogosu. Du hast gelogen.“
„Bist du nur hier, um mir weitere Verstöße für mein Endloskonto einzuheimsen?“, entgegnete Green ihrem Großvater leicht säuerlich.
„Bilde dir nicht zu viel auf dich selbst ein. Als ob ich für solch ein Vergnügen meine kostbare Zeit verschwenden würde.“
„Du hast die Ewigkeit auf deiner Seite; ich glaube daher kaum, dass deine Zeit kostbar ist.“
„Da siehst du mal, wie unbedeutend du bist, Yogosu.“ Die Angesprochene legte den Helm beiseite und war kurz davor, beleidigt die Unterlippe hoch zu ziehen. Doch solch ein kindisches Verhalten würde sie bestimmt nicht an den Tag legen; dass er ihre Tränen entdeckt hatte, war schon schlimm genug.
„Hat man dir nicht verboten zu trainieren?“, fragte Shaginai plötzlich.
„Genauer gesagt, hat man mir verboten, Lichtmagie anzuwenden. Das ist ein entscheidender Unterschied.“ Wieder sahen sich die beiden Kontrahenten wenige Sekunden schweigend an, ehe der erhabene Hikari den Kopf schüttelte; aber scheinbar nicht aus Wut.
„Offensichtlich gehörst du doch zu unserer Familie.“ Diese Aussage überraschte Green und sie war sich sicher, dass sie ein wenig rot geworden war. Bezog er das auf sich, da er selbst gegen die Befehle der Hikari gehandelt hatte, um weiter trainieren zu können? Sollte sie das als…Kompliment auffassen?
Doch schnell dachte sie über etwas anderes nach, denn ohne, dass sie die dazu gehörige Bewegung gesehen hatte, war die glänzende Klinge seines Schwertes plötzlich vor ihren Augen.
„Zieh deine Waffe, Yogosu“, sagte Shaginai mit kühler, sachlicher Stimme.
„Ich werde in Zukunft dein Lehrmeister sein.“


Fernab von diesen Begebenheiten wurde auch an einem anderen Ort just in diesem Moment eine Abmachung gemacht. Eine Abmachung, die der einen der zwei Personen wahrscheinlich noch weniger zusagte, als Green die Aussicht mit Shaginai trainieren zu müssen.
Karou und Youma hatten sich außerhalb Lerenien-Seis verabredet; an einem Ort, den Karou bestimmt hatte, doch die Verabredung an sich war auf Youmas Wunsch hin entstanden. Alleine dies missfiel Karou, denn er wollte nicht öfter als notwendig mit Youma eine Konversation führen, doch es war besser, ihn so zu treffen, als das Gespräch per Kommunikationsgerät zu führen: außerdem hatte Karou den Verdacht, dass Youma damit außerordentlich schlecht umgehen konnte. Daher war er sich sicher, dass das Anliegen des Halbwächters ziemlich wichtig sein musste, denn ansonsten hätte er sich wohl kaum mit dem Gerät auseinandergesetzt.
Als Karou bei dem verabredeten Treffpunkt ankam, fand er Youma bereits wartend zwischen den Felsformationen vor; lässig lehnte er an einem der hohen Felsen, allerdings trug der Schein, denn entspannt war er nicht, was Karou der Griff um seine Sense verriet und nicht zuletzt die aufmerksamen roten Augen des Halbdämons, die auf Karou lagen und jede Bewegung prüften.
„Sie kommen alleine, Karou-san?“, fragte Youma mit seinem gebrochenen Dämonisch, was Karou wählte zu überhören; er hatte weiß Gott schon Schlimmeres gehört.
„Ja“, antwortete Karou kurz und knapp, eine Antwort, die nicht ausreichend war für Youma, so dass er nachfragte:
„Wo ist Ihre Begleiterin?“
„Das wage ich nicht zu beurteilen.“ Karou, der nicht über Nathiel sprechen wollte, denn deshalb war er nicht gekommen, wechselte das Thema, indem er Youma fragte, warum dieser ihn gerufen hatte.
„Ich wollte Ihnen mitteilen, dass ich einwillige, diesen Dämon wiederzubeleben.“
„Oh, das freut mich“, antwortete Karou monoton und es sah nicht so aus, als ob er sich sonderlich über diese Nachricht freuen würde.
„Doch deshalb habe ich dieses Gespräch nicht ersucht.“ Sofort verengten sich Karous Augen skeptisch und Youma fuhr fort:
„Ich werde es erst in einem Jahr tun.“ Es war schwer zu beurteilen, ob Karou diese Aussage entsetzte, denn seine Augen weiteten sich nur einen kurzen Augenblick, ehe die Vernunft wieder die Oberhand gewann:
„Ein Jahr? Das ist eine sehr lange Zeit…ich nehme nicht an, dass das möglich ist, Youma-san.“ Youma zuckte gleichgültig mit den Schultern:
„Nun, dann sollten Sie es möglich machen, denn meine Entscheidung ist gefällt.“
„Diese Welt wird unter unseren Füßen wegrotten, wenn wir nicht sofort handeln!“ Anscheinend kannte Youma Karou bereits gut genug, um über den plötzlichen Gefühlsausbruch überrascht zu sein, doch einschüchtern tat er ihn nicht, denn er war sich, genau wie umgekehrt, bewusst, dass Karou ihm mit nichts drohen konnte – er wollte etwas von ihm, nicht umgekehrt. Daher konnte Youma sich ein selbstsicheres Lächeln erlauben, als er Karou antwortete:
„Dann ist diese Welt es nicht wert als meine Plattform zu dienen.“
Und mit diesen Worten schritt Youma mit erhobenem Haupt davon.