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Episode 33
  Episode 33: Die Rebellin
Lerou hatte noch nie in seinem bisherigen Leben eine Kriegsrede gehalten. Eigentlich wusste er nicht einmal genau, was das überhaupt war. In seiner bisherigen Regierungsperiode hatte er noch zu keinem Krieg ausrufen müssen, da der siebte Elementarkrieg - der einzige, den Lerou miterlebt hatte - bereits in vollem Gange gewesen war, als er vor 43 Jahren den vorigen Herrscher von dessen Thron heruntergeworfen und die Krone mit übelster Gewalt an sich gerissen hatte.
Daher sah er Karou ziemlich verwirrt an, als dieser ihm mitteilte, dass er in wenigen Stunden eine solche Rede halten sollte.
„Eine…was für eine?“ Obwohl Luzil, die private Gespielin der momentanen dämonischen Majestät, ihren Besitzer dazu gebracht hatte, sich zu entkleiden und tatsächlich mal ein Bad zu nehmen, hatte dieser keinen weiteren Gedanken daran verschwendet, warum sie ihn dazu bringen wollte, sich zu waschen, sondern nur geglaubt, dass ihre Taten anderen Zwecken dienlich waren – und natürlich hatten sie nicht auf Karous Dasein Rücksicht genommen, der nicht einmal die Augenbrauen über deren Verhalten hob. Manchmal dachte Karou, dass Lerous Gehirn nur für zwei Dinge gut war: um den Drang des Tötens zu stillen und was die Fortpflanzung betraf. Zum Glück hatte Karou dafür gesorgt, dass er nicht vielfacher Onkel werden konnte – die Vorstellung alleine genügte, um ihm einen Schauer über den Rücken laufen zu lassen; zu viele von dieser Sorte!
„Eine Kriegserklärung. Sie dient der Aufklärung Eures Volkes, derer es dringend benötigt.“ Wenn es das sehen könnte, was Karou in diesem Moment sah, würden das Volk sich wohl schnell einig werden, dass es eher einen neuen Herrscher benötigte, denn dieser aaste just in diesem Moment dreist mit dem Wasser: während andere Dämonen elendig verdursteten, erklärte Lerou die Badewanne zu seinem neuen Spielraum.
Karou tolerierte dies noch einige Minuten, ehe er sich laut räusperte und sagte:
„Die Fürsten sind bereits eingeladen. Ihr wollt sie doch sicherlich nicht warten lassen.“ Weitere 10 Sekunden verstrichen, ehe Lerou ein Licht aufzugehen schien und er Luzil von sich herunter schob, welche sich auf den Rand der Badewanne setzte und ihre weinroten Haare auswringte.
„Wie, die Fürsten sind eingeladen? Und sowieso, was für ein Krieg? Ist da nicht ein Bannkreis?“ Karou musste zugeben, dass es ihn überraschte, dass Lerou dieses Detail beachtete.
„Der Bannkreis ist kein Problem mehr, erwähnt ihn am besten nicht in Euren Worten.“ Luzils Gehirn funktionierte schneller als Lerous und überrascht erwiderte sie:
„Er ist kein Problem mehr?! Wie ist das möglich?“ Karous gelbe Augen sahen sie nur einen Moment lang an, ehe er überraschenderweise das Wort an sie richtete:
„Zieh dir was an, anstatt über Dinge zu sprechen, für die du nicht qualifiziert bist; etwas, was dich wenigstens nicht nach dem aussehen lässt, was du bist.“ Luzil war zwar klüger als Lerou, aber auch nicht unbedingt eine Leuchte und so fiel ihr nicht auf, dass Karou sie einfach nur aus dem privaten Badezimmer werfen wollte – sie stürzte sich auf die Beleidigung, die sie sehr wohl entdeckt hatte und zog sofort beleidigt die Unterlippe hoch, während sie konterte und ihn genauso beleidigte wie umgekehrt; nur ausführlicher und weniger gewählt. Erst als sie gekleidet in ein Handtuch und mit erhobenem Kopf das Badezimmer verließ, richtete Karou wieder das Wort an seinen Zwilling, welcher ihn verwirrt ansah und ihm zuvorkam mit einer Frage, die Karou ein wenig überraschte:
„Aber wir haben doch in der letzten Versammlung gar nicht über einen Krieg gesprochen – oder haben wir?“ Karou war kurz davor die Augen abermals zu verdrehen, entschied sich aber dazu, es bleiben zu lassen, denn es sollte ihn wohl nicht wundern, dass Lerou deren letztes Gespräch vergessen hatte, in welchem Karou bereits angedeutet hatte, dass sie bald einen erneuten Krieg beginnen würden; wissend, dass Luzil ebenfalls anwesend war – und mit der Gewissheit, dass diese kurz nach dem Gespräch sofort zu einem gewissen Fürsten gerannt war.
„Nein, das haben wir nicht, aber das spielt auch keine Rolle. Du bist der Herrscher der Dämonen und die Fürsten müssen dir gehorchen. Wenn du den Krieg erklärst, dann herrscht auch Krieg.“
„Oh, das ist natürlich cool.“
„Das ist nicht ganz die richtige Bezeichnung…doch belassen wir es dabei.“ Während Lerou sich anzog, holte Karou ein kleines, zusammengerolltes Schriftstück aus seinem Ärmel und schritt auf einen Tisch zu, auf dem er das Papier ausrollte. Anstatt Lerou allerdings darauf aufmerksam zu machen, wartete er geduldig, bis sein Zwilling sich angezogen hatte, denn er wusste, dass Lerou keine zwei Sachen auf einmal machen konnte – und das Anziehen fiel ihm schon schwer genug. Vor allen Dingen vergaß er gerne mal Kleidungsstücke, wie zum Beispiel seinen rechten Stiefel oder Ähnliches. Dieses Mal vergaß er jedoch keines dieser Kleidungsstücke, sondern ein weitaus wichtigeres Objekt, worauf Karou ihn mit einem Fingerzeig aufmerksam machte, nachdem er sich an den Tisch gelehnt hatte:
„Deine Krone, Lerou, die willst du ja wohl nicht vergessen.“ Karou war sich sehr wohl bewusst, dass das goldene Objekt, auf welches er zeigte, keine Krone per Definition war; genau wie er wusste, dass die goldene Farbe des Objektes kein echtes Gold war, sondern nur vergoldet. Doch von allen Herrschern war es als Krone bezeichnet worden und Lerou tat es seinen Vorgängern gleich, obwohl es viel mehr ein Diadem war: ein hübsches, verschnörkeltes Diadem, mit einem roten Rubin in dessen Mitte, welcher das einzig echte an diesem Schmuckstück war. Das Diadem passte eigentlich so gar nicht in diese Welt, genauso wenig wie es zu dem Kopf eines Dämons passte und es war dafür auch nicht gemacht worden: es war vor vielen Jahrhunderten von den Wächtern geklaut worden und seitdem beklagten sich viele Dämonenherrscher über die Größe des Diadems, denn es war zu eng für sie. Doch Eitelkeit hinderte sie daran, die vermeintliche Krone nicht zu tragen, immerhin war dies der visuelle Beweis für deren Macht – die meisten wussten auch nicht, woher das Diadem stammte.
Auch für Lerou war das Diadem zu klein, denn der Umfang seines Kopfes war zu groß, auch wenn Karou sich fragte, mit was dieser gefüllt war. Dieses Mal beschwerte er sich ebenfalls darüber, dass er Kopfschmerzen bekam, doch Karou hörte ihm nicht zu, sondern zeigte auf das Dokument neben ihm.
„Unterschreib das.“ Mit einem verwirrten Ausdruck kam Lerou näher und beugte sich über das auf dem Tisch liegende Dokument. Das Dokument war nicht gerade gefüllt mit tausenden von Buchstaben, doch es schienen genug zu sein, um Lerou zu verwirren, denn genau dies war der Blick, als er sich wieder Karou zuwandte.
„Was steht denn da?“
„Etwas, was dir gefallen wird.“ Karou reichte dem Dämonenherrscher eine in rote Flüssigkeit getauchte Feder und sagte mit seiner monotonen Stimme:
„Es ist die Kriegserklärung an die Hikaris.“


Ein leichtes Seufzen entglitt Grey, ohne dass er bestimmen konnte, ob es ein positives oder ein negatives Seufzen war. Eigentlich sollte es ersteres sein, denn er konnte sich wohl kaum beklagen, immerhin breiteten sich just in diesem Moment Ilangs hellgrüne Haare auf seinem Oberkörper aus, da sie sich in seinem rechten Arm eingekuschelt hatte: sie schlief schon lange, während Grey noch einen Bericht über den aktuellen Stand des Baus von „Espiritou del Aire“ gelesen hatte, welchen er jetzt samt seiner Lesebrille beiseitelegte und die kleine Bettlampe mit einer beiläufigen Bewegung ausschaltete, womit das Zimmer sofort ins Dunkle hinab rutschte. Doch der nun 26-jährige Windwächter schloss nicht sofort die Augen, sondern sah gedankenverloren zur Decke des Himmelbettes, während er mit der anderen Hand sanft Ilangs Kopf streichelte, die sich als Antwort weiter bei ihm einkuschelte.
Ja, er sollte sich wohl nicht beschweren: sie würden im nächsten Frühjahr heiraten und obendrein ertappte er sich selbst immer wieder dabei, wie er plötzlich anfing Kinderkleidung zu entwerfen, wenn er dann mal an seinem Schreibtisch saß und sich seiner Kreativität hingab, statt sich mit Berichten und Dokumenten auseinanderzusetzen oder zu trainieren; denn auch Grey vernachlässigte sein Training genauso wenig wie die anderen Elementarwächter. Doch sein vollgestopfter Tagesablauf war leider auch der Grund dafür, dass es um seine Gesundheit wieder einmal nicht gut stand, weshalb ihn Ilang und Ryô öfter mit liebevoller Gewalt dazu brachten, mehr an sich selbst zu denken.
Doch Grey machte sich - wie immer - keine Gedanken um sich und daher war sein eigener Zustand auch nicht der Grund für sein eher negativ angehauchtes Seufzen. Zu sehr war er von Sorgen, die seine Schwester betrafen, geplagt…Tag und Nacht trainierte sie wie eine Wahnsinnige und Shaginai sah es gewiss nicht als Anlass zur Sorge, dass er Greens gesamten Tag in Beschlag nahm. Öfter hatte Grey bereits versucht, seine Position als Lieblingsenkel zu nutzen, doch er blieb natürlich hart wie Stein und argumentierte typisch damit, dass Green lange genug auf der faulen Haut gelegen hatte; besonders mit folgendem Satz brachte er Grey zum Schweigen:
„Du willst doch nicht, dass Yogosu schon am ersten Kriegstag stirbt, nicht wahr, Grey?“ Natürlich wollte Grey das nicht! Natürlich sah er schon die Notwendigkeit in diesem harten Training, aber dennoch…war es wirklich notwendig, Green so sehr unter Druck zu setzen? Sie konnte wirklich froh sein, dass sie solch ein gutes Immunsystem besaß, Grey hätte das gewiss nicht ausgehalten.
Während der Windwächter sich in die Gedanken um das Befinden seiner Schwester vertiefte, merkte er zunehmend, wie die Müdigkeit über ihn herfiel und ihn langsam in das Land der Träume hinab zog. Doch gerade als er eingeschlafen war und seine Hand auf Ilangs Kopf zum Stillstand gekommen war, klopfte es an deren Zimmertür und erschrocken fuhr er hoch, obwohl das Klopfen nicht laut gewesen war. Skeptisch und vielleicht auch ein wenig beunruhigt verließ Grey das Bett. Er spürte, dass es sich um Ryô handelte, aber genau das bereitete ihm Sorge, denn sie hatten sich vor knapp 30 Minuten bereits eine „Gute Nacht“ gewünscht und es war so gar nicht Ryôs Art, nach diesem noch einmal aufzutauchen.
Während Grey zur Tür ging, schmiss er sich seinen Morgenmantel über und bemerkte, dass Ilang es ebenfalls tat: offenbar hatte er sie geweckt und anscheinend hatte sie ein genau so ungutes Gefühl wie ihr zukünftiger Ehemann.
Als Grey jedoch die Tür öffnete, stellte sich heraus, dass es nicht Ryô gewesen war, der an die Tür seines Herren geklopft hatte, sondern Itzumi: Ryô stand hinter ihr, mit einem besorgten Gesichtsausdruck, während Itzumi eher gefühllos wirkte, als sie sich für die späte Störung entschuldigte.
„Ich bitte Euch darum, mir zu sagen, wo Hikari-sama sich befindet.“ Grey zögerte einen Moment, denn es gab gute Gründe dafür, dass der Inhalt von Greens Training vor Itzumi geheim gehalten wurde. Zwar war es allgemein bekannt, dass Shaginai ihr Lehrmeister geworden war, doch wünschte er nicht, dass Details über ihr Training an die Öffentlichkeit gelangten – und offenbar war die Geheimhaltung ihnen gut gelungen, ansonsten würde sie wohl kaum fragen. Die Frage warum und was Itzumi von Green wollte, stellte sich schnell in den Hintergrund, als Grey einen Brief in ihrer Hand entdeckte, welcher unzweifelhaft aus dem Jenseits stammte, denn das Siegel der Hikaris prägte den Umschlag. Das bedeutete, dass dieser Brief nicht einer von den üblichen „Ich vermisse dich so, Green!“-Briefen von Inceres war, sondern direkt vom Rat - denn Inceres nutzte nie das Siegel. Doch Green und Grey waren heute Mittag erst im Jenseits gewesen…es musste also etwas passiert sein.
„Ich nehme an, dass ich ihn nicht öffnen darf?“, fragte Grey. Sachte nickte Itzumi zustimmend, scheinbar über diese Tatsache betrübt. Nun mischte sich auch Ilang ein:
„Aber Grey, bedeutet das nicht, dass es sich…“ Grey unterbrach Ilangs Reden mit einem Nicken und ihre Augen erstarrten, als ihre Befürchtungen bewahrheitet wurden. Der Windwächter reagierte im Moment nicht auf Ilang, sondern sah sich sorgfältig im Korridor um, ehe er sich dazu entschied, die beiden Tempelwächter in sein Gemach zu lassen.
„Ist es also soweit…“, sagte Grey eher zu sich selbst, während er auf den weißen Brief starrte, als könnte er ihn damit zum Verschwinden bringen. Ehe einer der beiden Tempelwächter reagieren konnte, sprach Ilang dazwischen:
„Könnte es nicht auch eine andere Mitteilung von höchster Wichtigkeit sein, Grey?“ Der Angesprochene schüttelte den Kopf.
„Bis auf eine Kriegserklärung gibt es keine Mitteilungen, die einzig und alleine für Green bestimmt sind.“ Er sah über die Schulter hinweg zu seiner Verlobten und sagte mit einem milden Lächeln:
„Und das weißt du auch, Ilang.“ Diese ergab sich nun seinen Worten und setzte sich erschöpft auf einen Stuhl. Grey wusste was für Gedanken in ihrem Kopf herumschwirrten, doch im Moment musste er sich um den Brief kümmern, den Itzumi an sich drückte wie einen Schatz. Mit der einen Hand auf Ilangs Schulter und der anderen Richtung Itzumi ausgestreckt forderte er sie auf, ihm den Brief zu geben. Doch Itzumi schüttelte energisch den Kopf und sagte:
„Verzeiht mir, Grey-sama, aber es ist meine Aufgabe, diesen Brief zu Hikari-sama…“
„Itzumi.“ Grey war erleichtert, als er Ryôs ruhige Stimme hörte, beruhigt darüber, dass Ryô diese Aufgabe nun übernahm, indem er seine Hand auf die Schulter seines Zwillings gelegt hatte. Diese sah ihn ein wenig empört an: anscheinend war es ihr unheimlich wichtig, dass gerade sie es sein sollte, die diese Nachricht Green übermittelte. Wahrscheinlich lag es daran, dass es eines der wenigen Privilegien der Tempelwächter der Hikari war…oder einfach daran, dass sie ihre unbändige Neugierde befriedigen wollte, was Green anging.
Doch sie hielt Ryô nicht stand, obwohl er nicht viel tat außer sie ruhig anzusehen. In diesem Moment bemerkte man deutlich den stillen Kampf der beiden Zwillinge, den Ryô letztendlich für sich entschied. Seufzend, wahrscheinlich weil sie wusste, dass sie falsch gehandelt hatte, übergab sie Grey betrübt den Brief.
Der Windwächter schnürte seinen Morgenmantel enger und machte sich bereit, das Zimmer zu verlassen, jedoch nicht ohne Ilang noch ein aufmunterndes Lächeln zu schenken, bei dem sie nicht so recht wusste, ob sie es nun erwidern sollte oder nicht; in dieser Situation…
Als er jedoch an Ryô vorbeischritt, konnte er nicht drum herum auch noch sein Wort an ihn zu richten und mit einem leichten Knuff in die Seite, sagte er:
„Danke, mein Freund.“ Ryô zuckte ein leichtes Lächeln über die Lippen. Auch zwischen ihnen hatte sich in diesem einem Jahr nichts verändert.


„Steh auf, Yogosu. Ich habe nicht gesagt, dass wir eine Pause halten!“ Shaginais kräftige Stimme halte durch den sonst stillen Raum, in dem nur noch eine weitere Person war, welche sich allerdings gerade wünschte, sie würde gänzlich woanders am Boden hocken. Ihr rasselnder Atem war das einzige, was neben Shaginais Stimme zu hören war.
„Ich brauche aber eine Pause…Ich…Ich kann nicht mehr“, gab Green offen zu und setzte sich nun in die Hocke, ohne auf Shaginais genervten Blick zu achten.
„Auf dem Schlachtfeld wird dich auch niemand fragen „ob du noch kannst““, entgegnete ihr Großvater, doch obwohl dieser nun ihr Lehrmeister war, nahm Green trotzdem nicht alles hin, was dieser ihr sagte und konterte auch dieses Mal, obwohl ihre Stimme absolut dagegen war:
„Du kannst leicht reden. Für dich ist dieses mörderische Training ja auch nicht anstrengend; du bist ja schon tot.“
„Mit dieser Einstellung wirst du es auch bald sein und ich für meinen Teil bezweifle, dass dir ein Platz im Jenseits zusteht.“ Beide starrten sich wütend an, jeder von ihnen bereit, den jeweils anderen mit bissigen Argumenten entgegenzutreten.
Doch gerade als Green kontern wollte, wurde plötzlich die Tür zum Trainingsraum geöffnet und Grey kam herein. Beide schienen sich über den ungebetenen Besucher zu wundern, zumal es absolut nicht Greys Art war, ohne Anzuklopfen hereinzukommen; besonders nicht im Morgenmantel. Kaum, dass er jedoch die Tür hinter sich geschlossen hatte, wusste Shaginai bereits den Grund für seinen Besuch, da er den Brief entdeckt hatte.
„So…hat das Warten also endlich ein Ende?“
„Worüber sprecht ihr?“, fragte Green verwundert. Shaginai richtete sein Wort nun daher an sie, ohne seine Enkelin jedoch anzusehen:
„Natürlich, du kannst es ja nicht wissen, Yogosu“, antwortete er mit einem ironischen Unterton, welcher ihr sagte, dass ihr klar sein müsste, weshalb Grey um halb zwei bei ihnen auftauchte. Doch zum Antworten kam Green nicht, da Shaginai bereits fortfuhr:
„Zieht euch beide um, wir brechen sofort ins Jenseits auf!“
„Aber sollte Green nicht vielleicht erst einmal…“, warf Grey ein, doch wurde sofort von Shaginai zurechtgewiesen:
„Zeitverschwendung! Wir alle wissen, dass es sich um eine Kriegserklärung handelt. Wir müssen daher keine Zeit damit verschwenden, es zu lesen!“
„K-Kriegserklärung?! Aber…“
„Yogosu! Welches Wort von „zieht euch um“ hast du nicht verstanden?!“ Es war das wahrscheinlich erste Mal, dass Green tatsächlich klein bei gab und eine Niederlage freiwillig entgegen nahm: wahrscheinlich, weil ihr gesamtes Sein eher damit beschäftigt war, diese Information zu verarbeiten und dabei nicht über ihre Füße zu fallen, als Grey sie an der Hand nahm, um das zu tun, was Shaginai ihnen befohlen hatte.



Im Prinzip war dieser 27igste August im Jahre 2007 ein vollkommen normaler Augusttag wie all die anderen davor. Die Frauen im Jenseits beschäftigten sich mit einem ihrer Lieblingsthemen, womit sie - zur Abwechslung mal - den Tempelwächtern nicht unähnlich waren, denn sie tauschten den neuesten Tratsch und Klatsch aus, der aus dem Diesseits über mehrere Ecken zu ihnen gelangt war: natürlich schon längt veraltet. Zugeben wollten sie ebenfalls nicht, dass sie ihre Zeit totschlugen mit solchen Beschäftigungen, daher galt es in deren Sprachgebrauch als „Informationsaustausch“. Lili war eine dieser Tratschtanten und gerade an diesem Tag war sie zusammen mit einer Gruppe anderer weiblicher Hikaris unterwegs im Jenseits, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben…wenn man es genau betrachtete, schlenderten sie ziellos umher in den nie endenden Korridoren des Jenseits. Dies wurde bei den toten Hikaris schnell zur unangenehmen Angewohnheit, wenn sie sich nicht um Kriegsbeschäftigungen kümmern mussten. Von dieser Gruppe, die circa aus fünf bis sieben Hikaris bestand, war Lili die einzige, die sich so glücklich schätzen konnte, ein Mitglied des Rates zu sein, was natürlich zu einem gewissen Grad von Respekt sorgte: auch wenn sie nur die Schriftführerin war und jeder wusste, dass Lili so gut wie nichts zu sagen hatte im Rat: es sorgte dennoch für Prestige.
An diesem 27igsten August hatten die Frauen noch nichts Neues aus dem Diesseits erfahren und waren daher damit beschäftigt, von den Anekdoten ihres früheren Lebens zu schwärmen: viele Hikaris hatten die Tendenz dazu, die schrecklichen Dinge aus ihrem einstigen Leben zu verdrängen und berichteten daher oftmals von einem strahlenden Leben, welches selbstverständlich nur mit Siegen geschmückt war: besonders, wenn sie mit Gleichgesinnten sprachen, wollte niemand so recht zu geben, welches Leid sie durchgestanden hatten und versuchten, sich gegenseitig mit strahlenden Geschichten zu übertrumpfen: auch wenn sie dies niemals zugeben würden.
„Ach, Seigi war immer so ein fleißiges Kind“, fing Lili stolz an, als das Thema zu ihren Kindern gelenkt wurde, wo sie natürlich nicht davon sprach, dass er, sobald er ein Schwert in die Hand bekommen hatte, bereits dämonische Tendenzen gezeigt hatte.
„Er wollte mich und seinen Vater immer stolz machen: obwohl sein Vater bereits so früh gestorben ist…Seigi hat wirklich viele Züge von ihm geerbt! Ihr müsst wissen, sein Vater war sehr schüchtern…“
„Aber Seigi ist doch wohl alles andere als schüchtern?“, fragte eine ihrer Zuhörerinnen, doch von diesem Einspruch ließ sich Lili nicht beirren und fuhr fort:
„Da mögt Ihr Recht haben, Seigi erscheint nicht gerade schüchtern, doch er hat einen weichen Kern. In seiner Kindheit zum Beispiel…“
Ihre Worte wurden jäh durch ihr eigenes spitzes Aufschreien unterbrochen, als etwas auf sie zuraste. Es gelang ihr gerade noch den Kopf zur Seite zu werfen, womit sich das „pfeilschnelle etwas“ nicht in ihren Kopf bohrte, sondern in ihren rechten Zopf und sie somit an die Wand heftete. Doch aufatmen konnte die panische Lili nicht, denn das Etwas, dass sich durch ihren rechten Zopf in die Wand gebohrt hatte, sorgte dafür, dass ihr Zopf dahin ätze. Anstatt wie eine professionelle Kriegerin zu handeln, begann sie nun unbändig zu kreischen, als ob sie das retten könnte. Es waren nicht die geschockten Hikaris um sie herum, die ihr halfen, denn schneller als dass die weißen Augen überhaupt blinzeln konnten, wurde der Zopf durchtrennt ehe “das Etwas“ dafür sorgen konnte, dass Lili sich vollkommen auflöste. Ihr Retter war niemand anders als ihr ach-so-schüchterner Sohn Seigi, der sein neues Schwert triumphierend schulterte. Während Lilis Zopf sich bereits wieder herstellte, brach sie nun in Tränen aus und warf sich ihren Sohn an die Brust. Dieser achtete jedoch herzlich wenig auf seine aufgelöste Mutter, sondern sah wie alle anderen auf die Ursache dieses Dramas: ein schwarzer Pfeil hatte sich durch Lilis ehemaligen Zopf gebohrt und hing nun senkrecht in den heiligen Wänden der Hikaris. Alle sahen den Brief, welcher an den Pfeil befestigt war und jeder wusste genau, was dies zu bedeuten hatte.
Seigi war der einzige Anwesende, der nicht vor Ernsthaftigkeit erstarrt war und fröhlich grinste, als er sagte:
„Na, das wird wohl kaum ein Liebesbrief an Mary sein!“
„Sehr amüsant, Seigi. Sehr amüsant.“, antwortete Mary schnippisch. Sie war zusammen mit Seigi gekommen und war kurz davor mit ihren Stöckelschuhen auf seine Füße zu treten, doch besann sich eines Besseren. Vor allen Dingen, da Seigi nicht einmal Unrecht hatte: Mary hatte bereits einmal auf diesen Weg einen „Liebesbrief“ aus der Welt der Dämonen erhalten – wenn man es denn so nennen wollte.
Seigi wollte gerade mit bloßen Händen den Brief vom Pfeil trennen, als er jedoch aufgehalten wurde:
„Seigi-kun, du solltest dich diesem dämonischen Subjekt nicht ohne Schutz nähern.“ Diese ruhige Stimme gehörte unzweifelhaft White, die zusammen mit Adir zum Ort des Geschehens gekommen war und angesichts der Lage ein erstaunlich entspanntes Lächeln auf dem Gesicht hatte, welches jedoch ernst wurde, als sie ihre behandschuhten Hände aufleuchten ließ. Sie streckte ihre rechte Hand aus und packte den Griff des Pfeils. Mit einem entschlossenen Ruck zog sie ihn aus der Wand heraus und besah ihn sich erst einmal skeptisch, ehe sie den Brief von dem Geschoss löste. Adir, wie auch die anderen anwesenden Hikaris, versammelten sich um sie, als White das Siegel vom Brief löste und ihn aufrollte. Die Hikaris würden die Luft anhalten, wenn sie noch atmen könnten; außer Seigi, denn dieser grinste bereits vor Erwartung.
„Wir müssen den Rat zusammenrufen.“


In freudiger Erwartung hatten sich in innerhalb von nur wenigen Stunden alle Fürsten mitsamt ihren Begleiterinnen herausgeputzt und in Lerenien-Sei eingefunden. Alle mit einem mehr oder weniger deutlichen Fragezeichen, denn alle mussten sich die Frage stellen, wie Lerou auf diese plötzliche Idee gekommen war; denn obwohl sie nicht mehr Informationen erhalten hatten als die bloße persönliche Einladung, waren sie alle zu dem gleichen Schluss gekommen wie Blue: es musste sich um eine Kriegsrede handeln. Aber genau dies warf all die Fragen auf, denn die letzte Konferenz lag kaum eine Woche zurück, in der Lerou nicht sonderlich zum Gespräch beigetragen hatte, außer ab und zu herzhaft zu gähnen – wie also kam er plötzlich auf die Idee, einen Krieg auszurufen? Was sollte das für ein Krieg sein? Wollte er etwa einen nur mit Halbdämonen führen, so wie ein paar wenige Fürsten es immer wieder vorgeschlagen hatten oder kündigte er etwa die lang ersehnte Erlösung an?
Alle waren gespannt; sowohl die Fürsten als auch die Bürger von Lerenien-Sei, die den Auflauf an mächtigen Auren natürlich bemerkt hatten und nun gespannt zum Schloss strömten. Die wenigsten vermochten es, sich ein Bild von dem auszumalen, was in den nächsten Stunden passieren würde; nur einer hatte einen leichten Verdacht, einen Verdacht, der sich bestätigte, als Ri-Il den Verdächtigen nirgends ausmachen konnte. Doch auch Lerou war noch nicht zugegen, er sollte also keine voreiligen Schlüsse ziehen und erst einmal abwarten.
Die Fürsten hatten sich in einem langen rechteckigen Saal versammelt, der zu Lerous Zeiten kaum benutzt worden war: der geflieste Boden, in dem man sich sonst spiegeln konnte, war bedeckt von einer zentimeterdicken Staubschicht; die gleiche Staubschicht, die auch die schwarzen Kerzenleuchter bedeckte, die an den großen, roten Fenster standen. Wenn er gepflegt wurde, war dieser Saal, der zu einem großen Balkon hinausführte, sogar einigermaßen ansehnlich, wie Ri-Il fand und erinnerte sich noch daran, wie der vorige König diesen Saal hatte erbauen lassen; denn anders als Lerou und viele andere Dämonen war dieser in Architektur verliebt gewesen und hatte viel Mühe und viele Morddrohungen in das Schloss gesteckt, um es, wenn man seinen Worten Glauben schenken sollte, „einem König würdig zu machen“. Lerou zollte dem keinem Respekt; bemerkte wahrscheinlich nicht einmal, dass die sieben großen Glasfenster des Saales Bilder der sieben ehemaligen Teufel darstellten oder dass alle Kerzenleuchter genau sieben Kerzen fassten. Doch Ri-Il bemerkte es; genau wie er bemerkte, dass auch Blue sich der offensichtlichen Symbolik des Saales bewusst war, da er sich aufmerksam umsah, doch trotz seiner Neugierde waren seine Gesichtszüge von einer apathischen Bitterkeit geprägt; die gleiche, die Ri-Il seit einem Jahr in dessen Gesicht deutlich ablesen konnte.
Die anderen Fürsten schenkten dem Saal genauso wenig Aufmerksamkeit wie Lerou; Lycram schenkte dem ebenfalls keine Beachtung, sondern interessierte sich mehr dafür, dass sein Zwilling Azzazello ohne Partnerin aufgetaucht war; obwohl Halbzwilling wahrscheinlich die bessere Bezeichnung für die biologische Bindung zwischen Lycram und Azzazello war. Denn obwohl sie beide unterschiedliche Mütter hatten, so hatten sie ein und denselben Vater, von dem sie beide ihre kleinen Hörner geerbt hatten, und aus einer Laune des Schicksals heraus waren sie mit nur 11 Minuten Unterschied auf die Welt gekommen. Doch außer den Hörnern und dem Farbton ihrer Haare, waren sie sich eher gegensätzlich als ähnlich. Lycram, der jüngere von ihnen, aufbrausend und temperamentvoll – Azzazello eher ruhig und überlegend, bei seinen Untertanen galt er als freundlich. Doch Freundlichkeit war kein Argument für einen Dämon, um die Horde zu wechseln: es war die Stärke, die Macht und der Einfluss des Fürsten, welche für so gut wie jeden Dämon das entscheidende Argument waren und so gehörte Azzazellos Horde zu den kleinsten im Reich der Dämonen.
„Ich hielt es schlichtweg für keine gute Idee, Rime mitzunehmen.“ Azzazello besaß zwei unterschiedliche Augenfarben; das rechte Auge war gelb, während das andere ungewöhnlich blau war; genau dieses war es, welches sich auf die offene Balkontür richtete, wo man deutlich viele, wahrscheinlich tausende, Stimmen hörte.
„Bei den momentanen Unruhen in unserem Reich…und meine kleine Rime aast gerne mit Wasser und man weiß ja nie, ob sich das herumgesprochen hat.“ Lycram verdrehte genervt die Augen, als er die Sorge eines verliebten Mannes hörte und wieder einmal fragte er sich, was für einen merkwürdigen Geschmack sein Halbzwilling hatte, dass er sich gerade Rime ausgesucht hatte – und es vor allem fünfzig Jahre lang mit ein und derselben Frau ausgehalten hatte. Lycram hatte Rime selbst lange nicht mehr gesehen, doch er würde einiges darauf verwetten, dass sie noch genauso schlimm aussah wie das letzte Mal, als er sie gesehen hatte; ein kleines, aufbrausendes Gör, mit einem widerlichen Modegeschmack und einem schier unweiblichen Körperbau. Sie war laut und mischte sich überall ein, wo sie sich nicht einzumischen hatte; doch irgendwo war sie doch unterhaltsam, auch wenn sie genauso viel nervte.
„Scheinbar ist Gaoussou der gleichen Meinung“, antwortete Lycram und ließ seinen Blick über die Anwesenden schweifen.
„Dieser paranoide Feigling ist nicht da, der versteckt sich wohl mal wieder in seiner Burg.“ Azzazello wusste nicht, ob er das zu diesen Zeiten feige nennen würde; vielleicht war es eher angebracht, dies klug zu nennen. Auch er hatte sein Auftauchen zwei Mal überlegt, doch wenn er der Versammlung ferngeblieben wäre, hätte er seinen ohnehin schon schlechten Ruf ruiniert und hätte weder seinem Bruder unter die Augen treten können noch seinen Söhnen. Außerdem war es eine politische Begebenheit von überaus großer Wichtigkeit und dessen war sich Azzazello wohl bewusst.
Doch bevor er sein Gespräch mit seinem Halbzwilling fortführen konnte, stand zwischen ihnen plötzlich eine dritte Person und sofort verfinsterte sich Lycrams Miene und rauschte wortwörtlich in den Keller. Azzazello hatte das Gefühl, dass Lycram seit einem Jahr noch schlechter auf Ri-Il zu sprechen war als sowieso schon. Dies hinderte Ri-Il jedoch nicht daran erfreut zu grinsen, als er sich zu ihnen gesellte. Mit seinem Gespür fürs Geschäftliche bemerkte Ri-Il sofort das Mädchen an Lycrams Seite, welches gewiss nicht aus seinem Ensemble stammte; ein Blick, der Lycram nicht entging und sofort sagte er:
„Tja, Ri-Il, du bist eben nicht der einzige, der Weiber anbietet!“ Der Angesprochene lachte und Azzazello kam nicht umhin nervös zu werden, wenn er das Lachen des Fürsten hörte.
„Nein, in der Tat, das bin ich nicht. Aber ich wusste gar nicht, dass du gegen Syphilis immun bist, Lycilein?“ Das spöttische Lächeln auf Lycrams Gesicht wurde steif und ungläubig fragte er:
„Syphilis?“
„Ja, Syphilis“, fügte Azzazello mit erhobenem Zeigefinger hinzu und fuhr aus:
„Das eine Geschlechtskrankheit.“
„Das weiß ich auch!“ Ri-Il grinste weiterhin freudig:
„Ich sah es nur als meine Pflicht an, dich über die Nebeneffekte deines Mädchens aufzuklären. Aber keine Sorge, Lycilein, Syphilis taucht erst nach dem Sexualakt auf, du solltest also nach wie vor deinen Spaß haben können.“ Mit diesen Worten und nach wie vor mit einem heiteren Grinsen, wandte Ri-Il sich wieder herum und verließ die beiden Brüder mit einem eleganten Winken. Mit üblen Vorahnungen hörte Azzazello wie Lycram seine Finger knacken ließ; ein Hinweis, den das Mädchen scheinbar nicht ganz verstand. Anscheinend war Lycrams Ruf bei diesem Ensemble nicht so weit verbreitet wie bei Ri-Ils Mädchen, ansonsten wüsste diese, dass sie so gut wie tot war. Doch bevor Lycram dazu ansetzen konnte, dem Mädchen ein Ende zu bereiten, ehe es die Krankheit tat, unterbrach Azzazello ihn:
„Lycram, dein Reich grenzt an das seine. Ist dir eine Veränderung in den letzten Tagen aufgefallen?“ Azzazello sah nach wie vor Ri-Il hinterher, der sich nun wieder zu seiner kleinen Familie gesellte, womit ihm Lycrams finsterer Blick nicht auffiel.
„Mir fällt jede noch so kleine verdammte Veränderung auf. Jede. Und ich kann mir denken, wovon du sprichst…“ Doch weiter kam Lycram nicht, was Azzazello sehr bedauerte, denn er hatte schon die ganze Zeit vorgehabt, dieses Thema ansprechen zu können; in diesem Moment jedoch öffnete sich die große Tür und die einzige und schönste Fürstin kam hereingeschneit - mit entschlossenen, aber eleganten Schritten, gefolgt von drei Mädchen, die alle die gleiche feminine, violette Uniform trugen, darüber einen schwarzen Mantel mit wolligen Pelz; dem gleichen, der auch den graziösen Körper ihrer Herrin Lacrimosa einhüllte: immerhin kamen diese Frauen aus dem kältesten Gebiet der Dämonenwelt. Lacrimosas violette Haare waren wie immer zu zwei spitzen Hörnern zusammengebunden, die man auf den ersten Blick leicht mit echten verwechseln konnte; große, aufwendig dekorierte Ohrringe hingen von ihren spitzen Ohren herab und unter ihrem Umhang verbarg sich ein langes Kleid, welches ihren perfekt gebauten Körper betonte, ohne viel zu enthüllen. Ihre gelben Augen musterten jeden, an dem sie vorbei kam, mit einem kritischen Blick und als sie an Lycram vorbei stolzierte, erhob sie demonstrativ ihre spitze Nase Richtung Decke. Azzazello sah ihr ein wenig unsicher hinterher, während Lycram grinsend beschloss, seine Laune ein wenig auf Kosten der Mädchen anzuheben. Zwei der drei Mädchen waren ihrer Herrin entschlossen hinterher geschritten, doch die dritte folgte ihnen weniger beherzt und war auch deutlich kleiner. Gerade als das Mädchen unsicher an Lycram vorbei schlich, streckte er blitzschnell das linke Bein aus und wie ein Stein ging das Mädchen zu Boden; eine Aktion, mit der er sich nun die gesamte Aufmerksamkeit an sich gerissen hatte – nicht zuletzt die von Lacrimosa. Die hohen Absätze ihrer Schuhe donnerten förmlich über den staubigen Fußboden, ehe sie bei Lycram ankam und sofort seinen Stehkragen packte, um ihn so abgrundtief hasserfüllt anfunkeln, dass ihre wütende Stimme dagegen fast freundlich erschien:
„Wage es auch noch einmal meine Mädchen auch nur anzugucken, und ich poliere dir deine hässliche Visage – nachdem ich dich entmannt habe!“ Lycram wusste, dass sie ihre Drohung wahr machen konnte, doch anstatt sich bedroht zu fühlen, breitete sich ein schelmisches Grinsen auf seinem Gesicht aus und herausfordernd sagte er:
„Versuch’s doch, Schlampe!“ Sie hätte es getan; ohne jeden Zweifel hätte sie es getan, ohne auf ihre Umgebung Rücksicht zu nehmen – doch genau in dem Moment, wo sie hätte antworten wollen, öffnete sich erneut die Tür und dieses Mal war es der momentane Herrscher der Dämonenwelt, der ohne sein bewusstes Zutun Lacrimosa und Lycram dazu brachte, auseinander zu gehen: beide waren zu neugierig zu hören, was Lerou zu sagen hatte, als sich, mal wieder, umbringen zu wollen. Sie gingen auseinander, funkelten sich jedoch nach wie vor böse an. Lerou bemerkte davon nichts, sondern schritt mit glänzendem Diadem durch die anwesenden Fürsten, die alle mehr oder weniger so taten, als würden sie dem dümmsten Dämonenherrscher der Geschichte Respekt zollen.
Doch heute war niemand darauf aus, Lerou irgendwie bloßzustellen; heute waren sie alle zu neugierig darauf, was dieser zu sagen hatte und mit Spannung warteten sie darauf, was ihr König ihnen und den Untertanen zu sagen hatte.


„Grey, handelt es sich wirklich um…“
„Es sieht so aus Green.“ Nur einen kurzen Moment lang sah Grey ihren verunsicherten und leicht angstvollen Blick, ehe sie sich abwand. Sie befanden sich beide in dem Gemach, welches Grey zusammen mit Ilang bewohnte, in welchem sie nun allerdings alleine waren, um sich in aller Eile umzuziehen. Grey hatte in innerhalb von nur ein paar Sekunden das passende Outfit für sich gefunden und dieses auch schnell angezogen, während Green noch in ihrem engen Trainingsoutfit dastand und dem Kleidungswechsel nicht so recht Beachtung schenkte, sondern ein wenig unsicher aus dem Fenster sah.
Nur manchmal bemerkte er ihre Unsicherheit, ihr Zögern, manchmal auch ihre Trauer und Angst. Grey war sich sicher, dass andere es nicht bemerkten; zu erfahren wie sie in dem letzten Jahr darin geworden, ihre Gefühle zu verbergen; nur ihrem Bruder offenbarte sie sich so manches Mal.
„Ich sollte darauf vorbereitet sein, nicht wahr?“, fragte sie plötzlich und Grey drehte sich wieder zu ihr um, sagte jedoch nichts, denn sie fuhr von selbst fort:
„Die ganze Zeit predige ich den Wächtern etwas von „vorbereitet sein“ und selbst bin ich schockiert darüber. Irgendwie passt da was nicht, oder, Onii-chan?“ Grey, der gerade noch dabei war, ein Kleid für Green aus seinem überaus großen Wandschrank zu nehmen, seufzte nun erschöpft, ehe er den Arm von hinten um Greens Schulter legte.
„Du machst deine Arbeit großartig, Green…und niemand kann dir verübeln, dass du Angst hast. Wir alle haben das.“ Green lehnte sich an ihn, legte ihre Hände auf dem Arm, der um ihre Schulter lag und sah mit einem leicht unsicheren Blick auf, doch sobald sie das aufmunternde Lächeln ihres Bruders sah, musste sie ebenfalls lächeln. Dieses Lächeln genügte Grey und beruhigt schritt er wieder zur offenen Tür seines Wandschrankes und holte ein Kleid auf einem Bügel heraus, welches er seiner Schwester reichte. Green, die gerade noch hätte antworten wollen, verschlug es bei diesem Anblick glatt die Sprache; nicht weil das Kleid besonders pompös oder majestätisch war, sondern, weil es eigentlich überhaupt nicht zu dem passte, was er ihr normalerweise schneiderte: denn es war nicht weiß, sondern dunkelblau.
„Onii-chan, bist du dir sicher, dass du das richtige rausgeholt hast?“ Ihr Bruder lächelte, als hätte er diese Reaktion bereits erwartet, doch anstatt seiner Schwester Aufklärung zu geben, reichte er ihr auch noch ein Paar nussbrauner, langer Stiefel, die perfekt zu den nussbraunen Verzierungen des blauen Kleides passten.
„Probiere es erst einmal an; ich möchte sehen, ob es dir steht.“ Green, die sich immer noch den dunkelblauen Stoff ansah, nickte hastig und verschwand um die Ecke, während Grey sich an seinen Schreibtisch setzte: mit Wissen und Wollen in eine komplett andere Richtung schauend. Green benötigte nie besonders lange, um sich umzuziehen und war auch schnell wieder zurück; eingekleidet in die neuesten Kreation Greys, welche ihn zum Strahlen brachte, als er seine Schwester in dieser sah. Erfreut schlug er die Hände zusammen und sagte:
„Ich wusste, dass es dir stehen würde! Du siehst wunderbar aus, Green.“
„Danke, Grey…aber die Farbwahl musst du mir dennoch erklären“, antwortete Green mit erröteten Wangen, während sie sich in dem großen, goldenen Wandspiegel begutachtete und genau wie Grey feststellte, dass es ihr gut stand – natürlich tat es das, immerhin beherrschte er sein Handwerk überaus gut und wusste genau, was ihr stand und was nicht; wahrscheinlich sogar besser als sie selbst. Dennoch war diese Kreation wahrlich ungewohnt, auch wenn sie eindeutig bequem zu tragen war: der Rock war kürzer als normal und ging ihr kaum bis zu den Knien, was ihr Bewegungsfreiheit gab; die nussbraunen Stiefel waren lang und gaben gerade mal um die zehn Zentimeter ihrer Haut frei, ehe der Rock diese wieder verbarg - auch die braunen Handschuhe schlossen direkt an ihrem Kleid an. Zusammen mit dem dunkelblauen Hut und den langen blauen Schleifen an ihrer Hüfte, sah sie zwar vornehm aus, aber dennoch nicht eingeengt – genau, wie sie es mochte.
„Ich verstehe gar nicht, warum du so verwirrt bist über die Farbwahl. Königsblau steht dir sehr gut; es passt zu deinen Augen.“
„Grey, wir beide wissen ganz genau, was ich meine, immerhin gehe ich zu den Hikaris und ich trage kein Weiß – nicht, dass ich was dagegen hätte.“ Grey huschte kurz ein Grinsen über sein Gesicht, ehe er auf sie zu schritt. Verwundert sah Green ihren Bruder an, während dieser seine Hände erhob und ihren Hut richtete. Erst als er dies getan hatte, lehnte er sich zurück, legte seine Arme hinter seinem Rücken über Kreuz und besah sich seine Schwester für einen kurzen Moment – was ihm dabei durch den Kopf ging, blieb ihr verwehrt, doch sie fühlte sich, als wäre jemand stolz auf sie, denn das Lächeln auf Greys Gesicht strahlte genau dies aus.
„Ach, Green…“ Er seufzte und schloss für einen kurzen Moment die Augen, ehe er fort fuhr:
„Immer, wenn ich dir etwas geschneidert habe, habe ich versucht, dich in Kleider zu kleiden, die dir zwar stehen, die deinem Geschmack aber nicht entsprachen. Als ich mich allerdings diesem Kleid zuwandte; dem Outfit, welches du zu politischen Gegebenheiten tragen wirst – wenn du einverstanden bist natürlich – da fragte ich mich plötzlich, warum ich dich immer so gerne in Weiß sehen wollte.“ Grey deutete ein leichtes Schulterzucken an:
„Die Antwort liegt auf der Hand. Doch bei diesem Outfit sollte es anders sein. Es sollte nicht deine Rolle als Hikari unterstreichen, sondern das, was du bist.“ Langsam löste er seine Hände von seinem Rücken und legte diese ein wenig zögernd an ihre rechte Wange, wo Green bemerkte, dass sie warm wurde.
„…du bist eine Rebellin – und als solche will ich dich unterstützen; ganz gleich, wohin das auch führen mag.“ Sie wurde rot, als sie das warme Lächeln ihres Bruders sah; doch auch ihre Augen reagierten auf seine Worte, auf seine warme Geste und füllten sich mit Wasser, welches Green allerdings schnell zurückdrängte. Green schloss die Augen, um die Tränen zurückzuhalten und legte ihre rechte Hand, auf seine – doch nur einen kurzen Augenblick, ehe sie sich dazu entschied, dass seine Arme besser waren, als nur seine Hand.
Für einen Moment vergaß sie die Welt um sich, als Grey die Arme um seine Schwester legte und sie an sich drückte. Für einen Moment war alles vergessen, sogar der Brief, der auf der Kommode lag und sämtliche Idylle zerstören würde. Umso schöner, umso wichtiger war diese warme Umarmung ihres Bruders; der einzige, der ihre Tränen sehen durfte – der einzige, bei dem sie keine Angst hatte, auch mal Schwäche zeigen zu dürfen.
Doch auch Grey war ein wenig nervös; auch, wenn er in diesem Moment alles daran setzte, dass sie es nicht bemerkte. Grey machte sich Gedanken um seine Schwester; noch waren es nicht die Sorgen, die ein Kriegsgeschehen mit sich brachte, die ihn plagten, sondern eher die Frage, ob Green sich in ihrer ersten Kriegssitzung behaupten konnte. Eine solche war von einem anderen Kaliber als eine Ratsversammlung: Ratsversammlungen waren im kleineren Rahmen, während Kriegssitzungen aus 50 Hikaris bestanden: aus den 50 besten und erfahrensten Hikaris; Hikaris, die Green nicht kannte und denen sie leicht auf den Fuß treten konnte - mit ihrem eigensinnigen Temperament.
Aber er sollte nicht nervös sein. Denn Green hatte bereits einmal bewiesen, dass sie sich nicht zurückschrecken ließ. Die erste Ratsversammlung, bei der sie nicht als Opfer dabei gewesen war, sondern als Mitglied, hatte sie überraschend gut gemeistert und es war ihren Argumenten zu verdanken, dass die Wächter seit einem Jahr kriegsbereit waren. Die Erinnerung daran stand Grey noch deutlich vor Augen; immerhin war es für ihn ein reines Nerventheater gewesen…


Es hatte keinen besonderen Anlass gegeben, warum Shaginai eines Septembermorgens gesagt hatte, dass er Green mit zur abendlichen Ratsversammlung nehmen sollte; jedenfalls keinen offiziellen. Den Geschwistern war jedoch klar, dass Shaginai Green ganz offensichtlich testen wollte; auch dies gehörte zu ihrem Training. Fast schon hilfesuchend hatte Green Grey angesehen, doch es nützte nichts: gekleidet in Weiß fand sich die junge Hikari am Abend inmitten ihrer ersten Ratsversammlung.
Die Hikaris, die neben ihr saßen, kannte Green nicht, doch beide begrüßten sie mit einem neutralen Hikari-Lächeln, sicherlich nicht erfreut darüber, dass Yogosu neben ihnen saß. Green war versucht, sie ebenso neutral zu begrüßen wie andersherum, doch da der Erfolg eines Gespräches ungewiss war, konzentrierte Green sich lieber auf ihre Umgebung, da sie einen recht guten Überblick hatte: sie saß nämlich auf der obersten Tribüne. Die meisten Stühle waren bereits besetzt und die leeren Plätze füllten sich langsam mit weisen Gestalten, die alle hereinkamen ohne einen Laut zu verursachen. Allgemein war es im Saal sehr ruhig, nur ein paar Sitznachbarn sprachen miteinander mit gedämpften Stimmen. Ob das immer so war?
Green konnte diese Frage natürlich nicht selbst beantworten, dafür hatte sie zu wenig Erfahrung mit Ratsversammlungen. Genauer gesagt war dies immerhin ihre erste, da man ihre Hinrichtung wohl kaum gelten lassen konnte…da hatte sie inmitten des Saales gestanden, von allen Hikaris angestarrt und nicht wie jetzt auf einem goldenen Stuhl sitzend, auf der gleichen Ebene wie alle anderen. Fraglich war jedoch, ob sich nur ihre Sitzposition geändert hatte…
In Gedanken bat sie innerlich darum, Inceres möge doch auftauchen, um ihr beizustehen. Doch Inceres ließ sich nicht blicken und vielleicht war es auch besser so, dachte sie, immerhin gehörten diese Ratsversammlungen bald zu ihrem täglichen Brot und auch dies sollte sie trainieren; mit oder ohne Inceres Zutun.
Green entschloss sich dazu, sich erst einmal zurückzuhalten und einfach nur zu lauschen; etwas, was Grey schnell bemerkte und was ihn auch erleichterte: seine Schwester war immerhin bekannt dafür, in jedes Fettnäpfchen hineinzutreten - auch, wenn es noch so klein war. Die Versammlung und die dazugehörige Diskussion verlief ohne besondere Vorkommnisse, nachdem Mary diese dieses Mal eröffnet hatte, bis sie zu einem Thema kamen, welches für Grey auf jeden Fall ein wichtiges Thema war: die Frage wann sie mit den Kriegsvorbereitungen beginnen sollten.
Green konnte es nicht wissen, doch dieses Thema war eigentlich schon bei der letzten Ratsversammlung abgesegnet worden, nämlich damit, dass sie warten würden, bis mehr Hinweise auf einen Krieg hindeuteten, als die aktuellen bloßen Vermutungen. Doch Mary, die eine starke Befürworterin dafür war, dass sie die Wächter so schnell wie möglich in Alarmbereitschaft versetzen sollten, gab sich damit immer noch nicht zufrieden – und heute hatte sie Glück, dass Green ebenfalls anwesend war.
„Meine geachteten Mithikaris“, fing Mary an, nachdem sie aufgestanden war:
„Mir ist bewusst, dass wir das Thema bereits verabschiedet haben, doch ich halte es für unklug, dem keine weitere Beachtung zu schenken; wir sollten es noch ein weiteres Mal überdenken.“ Hizashi seufzte, als er dies hörte und stand nicht einmal auf, als er antwortete:
„Aber, Mary…nun, da Green-san wieder im Besitz ihres Lichtes ist, gibt es für uns keinen Grund anzunehmen, dass die Dämonen uns in nächster Zeit angreifen sollten. Zum einen ist ihr Plan offensichtlich fehlgeschlagen und zum anderen ist der Bannkreis im besten Zustand und es gibt nach wie vor keine Möglichkeiten, ihn zu brechen“ Er sah zu White, wie viele andere es ebenfalls taten, damit er Bestätigung erhalten konnte. White stand ebenfalls nicht auf, sondern schüttelte nur nachdenklich den Kopf:
„Es gibt keine Möglichkeit…jedenfalls nicht nach unseren Untersuchungen.“ Das letzte wurde offensichtlich überhört, oder man achtete einfach nicht darauf: anscheinend nahm man nicht an, dass die Dämonen etwas vor den Wächtern herausfinden würden: besonders auf diesem Gebiet, welchem sie eigentlich gar nicht mächtig waren.
Während die Debatte weiterging, überlegte Green, ob sie nicht vielleicht die sein sollte, die ihre Mithikaris darauf aufmerksam machen sollte, dass sie aus eigenen Erfahrungen heraus wusste, dass es doch tatsächlich - man glaube es kaum - Dämonen gab, die in der Lage waren nachzudenken und dass es vielleicht naiv war, sich auf die allgemeine Dummheit der Dämonen zu verlassen. Aber sollte sie einfach so aufstehen? Durfte sie das überhaupt, so als Hikari, die überhaupt keine Kriegserfahrung hatte? Im Prinzip war sie ganz alleine auf weiter Flur: alleine mit ihrer Meinung, ihrer unwichtigen Meinung, gegen die von 23 kriegserfahrenen Hikaris, die sie in Grund und Boden stampfen konnten: Shaginai vorneweg.
Kaum hatte Green dies gedacht, erschrak sie plötzlich über eben diesen Gedanken. Hatte sie das wirklich gedacht? Sie, die unreine Hikari, die sich noch nie um die Meinung anderer, am allerwenigsten ihrer Familie, geschert hatte? Nur weil sie jetzt nicht mehr ihre verbotene Liebe zu verteidigen hatte, hieß das noch lange nicht, dass sie sich den Mund verschließen lassen würde!
Dazu kam, dass sie dies als geeigneten Zeitpunkt ansah, um ihre Trumpfkarte auszuspielen; eine Trumpfkarte, die sie Silence zu verdanken hatte; wenn nicht jetzt, wann denn dann?
Von diesen Gedanken beschwingt, räusperte sich die junge Hikari, genauso wie sie es bei den anderen Hikaris gesehen hatte, doch niemand reagierte auf sie, so dass sie sich ein wenig lauter räusperte, denn das konnte ihrem Mut nicht stoppen. Shaginai, welcher schon beim ersten Räuspern Green bemerkt hatte, sagte:
„Ja, Yogosu (scheinbar genoss er es, sie vor versammelter Verwandtschaft so nennen zu können), hast du etwas zu sagen?“ Dies nahm Green als Aufforderung, um aufzustehen und tat das auch sofort mit klopfendem Herzen, wobei sie versuchte, nicht auf Grey zu achten, der alarmierend mit dem Kopf schüttelte.
„Ja, ich denke, das habe ich.“ Green atmete tief durch und fuhr erstaunlich ernst fort:
„Ich denke, wir können nicht annehmen, dass die Dämonen nicht doch eine Möglichkeit gefunden haben, um den Bannkreis zu brechen.“ Diese Worte wurden von Gemurmel, hier und da von leisem Gelächter, doch im Allgemeinen eher mit hochgezogenen Augenbrauen begrüßt, doch Green setzte sich nicht hin; sie blieb standhaft. Sie hatte deren Mordversuch überlebt, dann überlebte sie auch deren Geringschätzung.
„Green-san, man bemerkt, wie unerfahren du bist.“ Langsam drehte Green sich zu Hizashi herum, der ebenfalls aufgestanden war und mit den Schultern zuckte, ehe er sie mit einem engelsgleichen Lächeln anstrahlte und anfing zu erklären, als würde er mit einem seiner Schüler sprechen:
„Aber das kann dir ja auch niemand verübeln, daher erlaube mir, dich aufzuklären…
Dämonen sind nicht in der Lage, Bannkreise anzuwenden, daher ist die Annahme, dass sie wohl kaum eine Möglichkeit gefunden haben, diese zu neutralisieren, recht naheliegend. Also, Green-san, beantworte mir bitte folgende Frage: Wie will man etwas untersuchen, wenn man es nicht einmal selbst anwenden kann?“ Weder von seinem belehrenden Tonfall noch von seinen Worten ließ Green sich reizen:
„Dann erlaube mir zuerst eine Gegenfrage, Hizashi-san: ein Wächter könnte es also?“ Hizashi hob fragend seine Augenbraue und schob sein Monokel zurecht, ehe er wieder sein strahlendes Lächeln aufsetzte und antwortete:
„Aber natürlich, du hast es begriffen. Wie erfreulich.“
„Dann sehe ich nicht, wo das Problem liegt: denn die Dämonen haben immerhin Youma auf ihrer Seite…und nach meinen Wissen ist er nach wie vor ein Wächter.“ Schweigen: wahrscheinlich nicht nur aufgrund der Aussage, sondern daher, weil es Green war, die dies ankreidete und diese war so richtig in Fahrt gekommen, als sie bemerkte, dass sie einen Volltreffer gelandet hatte:
„Es ist sogar recht wahrscheinlich, dass man es auf Youmas Konto verbuchen kann, denn Youma ist offensichtlich gegen uns und das Wächtertum, aber auch in der Lage, Edoú zu lesen und nach meinem Wissen ist der Bannkreis mit diesen Zeichen geschrieben.“ Green sah kurz zu ihrer Mutter, die sie offensichtlich verblüfft aber auch irgendwo stolz ansah und ihre Aussage bestätigte, ehe Green mit entschlossener Stimme fortfuhr:
„Außerdem passt Youmas Auftauchen mit den Kriegsvorbereitungen der Dämonen überein. Kaum, dass er wieder auf der Bildfläche erschien, verringerten sich die Angriffe auf die Menschen und auch der Auftrag wurde kurz danach beendet. Ich glaube kaum, dass das ein Zufall ist!“ Nun wurde Greens Höhenflug allerdings unterbrochen und zu ihrer Überraschung war es nicht Shaginai der sie unterbrach, sondern Adir:
„Für diese Vermutung gibt es keine Beweise. Zwar sind wir nicht vor Gericht, dennoch formen wir keine Vermutungen, ohne diese mit stichhaltigen Beweisen untermauern zu können, Green-san.“ Obwohl Adir im Prinzip nichts anderes tat als Hizashi, war seine Art Green zu belehren um einiges freundlicher und weit weniger überheblich als die Worte seines Mithikaris. Einen Moment lang lächelte er Green sogar lobend an, ehe er ernst fortfuhr:
„Jedoch halte auch ich es für unklug, Youma nicht in unsere Berechnungen mit einzubeziehen, immerhin…“ Zu aller Überraschung unterbrach Green Adir:
„Tut mir leid, dich unterbrechen zu müssen, Adir-san, aber ich habe Beweise.“ Ja, sie hatte Beweise; Beweise, von denen sie sich sehr sicher war, dass es den gesamten Rat umhauen würde. Sie schwieg einen Moment lang und erinnerte sich an den Moment zurück, in dem Silence ihr zu diesem Beweis verholfen hatte. Es war im gleichen Gespräch zustande gekommen, in dem sie auch über Youma und dessen Ziele gesprochen hatten; dem Gespräch, mit welchem Silence sie darauf hingewiesen hatte, nicht mit allen Informationen zu ihrer Mutter zu rennen, sondern diese als Trumpfkarte im Rat zu benutzen.
„Und du glaubst wirklich, Silence, dass ich meine Familie davon überzeugen kann, die Kriegsvorbereitungen aufzunehmen, wenn ich ihnen von deinem Gespräch mit Youma erzähle? Ich meine…es sind ja nun einmal nicht mehr als Theorien, die wir hier aufstellen. Dazu kommt auch noch, dass ich keinen Beweis dafür habe, dass dieses Gespräch überhaupt jemals stattgefunden hat und ich bezweifle, dass die Hikaris meinen unreinen Worten Glauben schenken werden.“ Silence hatte nicht sofort geantwortet. Bewusst ließ sie einige Momente verstreichen, in denen sie Green aufmerksam ansah, ehe sich ihr typisches schelmisches Lächeln auf ihrem Gesicht ausbreitete:
„Genau deine Unreinheit ist es, die nun zum Vorteil wird.“ Deutlich sah man in dem Gesicht der Angesprochenen, dass sie ihr nicht folgen konnte. Verwirrt sah sie Silence an, deren Lächeln breiter wurde, als sie fortfuhr:
„Du hast doch Erfahrung mit dem Lügen, Green.“ Auch über Greens Gesicht zuckte ein leichtes Lächeln, als sie entgegnete:
„Ja, schon, aber ohne eindeutige Beweise kann ich wohl kaum die Ratsmitglieder von irgendetwas überzeugen.“
„Das heißt also alles, was du benötigst, sind Beweise?“ Nachdenkend legte Green ihre Stirn in Falten und überlegte, ehe sie nach kurzem Grübeln dem zustimmte, was das Lächeln von Silence wohlmöglich noch breiter machte:
„Dann…sollten wir einen beschaffen.“ Green konnte ein fahles Lachen nicht unterdrücken und mit der gleichen Betonung fragte sie:
„Und wie? Willst du Youma bitten eine Aussage zu machen, die wir auf Band aufnehmen können?“
„Ich finde, das ist gar keine so schlechte Idee.“ Der Gesichtsausdruck auf Greens Gesicht fiel in sich zusammen, als sie Silence zuerst überrascht, dann aber überaus argwöhnisch ansah.
„Ich glaube, da ist er nicht so ganz einverstanden mit.“ Nun war es Silence, die lachte.
„Du missverstehst, Green. Wir fragen Youma nicht.“ Der Hikari ging ein Licht auf:
„Ich verstehe! Du willst einen Beweis fälschen! Aber wie willst du das machen? Gibt es etwa eine Technik, mit der man Stimmen imitieren kann?“ Gar keine so schlechte Idee, fand Green plötzlich: die Hikaris hatten Youmas Stimme immerhin noch nie gehört und hatten so keinen Vergleich. Wenn sie es richtig anstellte und überzeugend auf die Ratsmitglieder wirkte, mit anderen Worten es vollbrachte, ihnen gekonnt ins Gesicht zu lügen, könnte das tatsächlich klappen.
„Nein, Green. Ganz ohne Techniken, ganz einfach, ganz simpel. Kannst du dich an Youmas Stimme erinnern?“ Wieder überlegte Green und musste weit in ihrer Erinnerung zurückgehen; zu weit, denn die Erinnerung, die sie mit Youma verband, war eine, die sie sehr weit nach hinten verdrängt hatte, zusammen mit dem Bild der toten Kari…
„Nein, eigentlich nicht.“
„Er hat keine tiefe Stimme; es ist eine sanfte, melodische Stimme – genau wie meine.“ Green musste ein spöttisches Lachen unterdrücken, denn sie fand gewiss nicht, dass die Stimme von Silence zu dieser Beschreibung passte – einen Gedanken, den die Yami sofort vernahm und ihr einen finsteren Blick zusandte, der Greens Grinsen vertrieb. Nachdem die beiden sich einige Minuten noch darüber unterhielten, dass die Stimme Silence‘ gewiss alles andere als sanft war, erzählt die Yami ihr, dass sie und Youma früher oft die Stimme des jeweils anderen imitiert hatten, um andere noch mehr als sowieso schon zu verwirren. Der einzige, der sie stets auseinander halten und sie auch immer entlarven konnte, wenn sie sich mal wieder als der jeweils andere ausgaben, war Light gewesen.
„Aber es gibt keinen Hikari mehr wie Light.“
Sie und Silence hatten großartige Arbeit mit diesem gefälschten Beweis, einem Tonbandgerät, welches sie nun auf dem Tisch vor sich gelegt hatte, geleistet: perfekt hatte Silence die Stimme Youmas imitiert und Green hatte ihre Schauspielkünste herausgeholt, um die passenden Antworten zu liefern: wenn die Hikari genauer darüber nachdachte, hatten sie und ihr zweites Ich sogar ziemlich viel Spaß dabei gehabt; Spaß, den die Hikaris nun gewiss nicht hatten, denn das Tonband hatte die gewünschte Wirkung. Sie glaubten ihr, beziehungsweise dem Tonband, tatsächlich. Sogar Shaginai starrte es fassungslos an und Green klopfte sich selbst in Gedanken auf die Schulter, dass es ihr gelang, ernst deren Blick zu erwidern, anstatt sie mit einem triumphierenden Lächeln anzugrinsen. Sie hatte keine Skrupel: Unreinheit hatte eben auch seine Vorteile.
Der einzige Hikari, dem sofort klar war, dass es sich um eine Fälschung handelte, war nicht im Saal, sondern lehnte an einem Bücherstapel und hatte nicht im Sinn, seine Mithikaris aufzuklären. Nein, stattdessen grinste auch er und lachte sogar in sich hinein: womit er sich verwirrte Blicke von Ecui und Acui erntete.
Mit diesen neuen Input hatte die junge Hikari dafür gesorgt, dass die zukünftigen Pläne der Hikari umgeworfen wurden und noch einmal überdacht worden wurden. Nach einer weiteren Ratsversammlung beschloss man, mehr oder weniger einstimmig, dass es an der Zeit war, die Streitmächte wieder zu mobilisieren. Das Planen der Kriegsvorbereitungen hatte Green den erfahrenen Hikari überlassen und selbst nur gelauscht; auch die Rede, die ihre Wächter aufklären sollte, nahm sie protestlos entgegen. Sie war sogar froh darüber, dass nicht von ihr verlangt wurde, dass sie diese Reden selbst schreiben musste, denn sie hatte noch gut im Gedächtnis, was das letzte Mal geschehen war, als sie selbst eine Rede halten musste…zum Glück für sie und das Wächtertum musste sie dies nicht wiederholen. Denn als jetzige Hikari war sie mehr als nur Regimeführerin; sie war auch die Botschafterin der Hikari. Das Verbindungsglied zwischen den Hikaris und den Wächtern; diejenige, die das Wort der Hikaris den Wächtern überbrachte.
Ihre erste große Rede, die Kriegsankündigung, hatte sie mit wenig Stottern hinter sich gebracht, gestützt und gestärkt durch ihren Bruder, welcher während der gesamten Rede neben ihr gestanden hatte und unbemerkt seine Hand auf ihrem Rücken platziert hatte.
Im vergangen Jahr war er ihr eine große Stütze gewesen. Er war der einzige, der Greens versteckte Tränen bemerkte und bei dem sie sich nicht sofort umwandte, um sich diese wegzuwischen. Manchmal kam es sogar vor, dass sie ihr Gesicht in seinem Oberteil verbarg, nur um stumm und schweigend von ihm umarmt zu werden.
Die Wunden, von denen niemand außer Grey wusste, dass sie noch existierten, waren noch nicht verheilt.
Aber es war länger her, dass sie Schutz bei ihm gesucht hatte und das gab ihm Hoffnung.
Als hätte Green seine Gedanken gehört, sagte sie:
„Ich bekomm das schon hin.“ Sie richtete ihren Kopf auf und grinste ihrem Bruder entgegen, der sich nun von ihr löste.
„Daran zweifele ich nicht.“
Nein, das tat er nicht; ein wenig nervös war er vielleicht, doch er zweifelte nicht an Green. Er wusste, egal was kommen würde, sie würde es „hinbekommen“; irgendwie würde sie sich immer durchkämpfen. Denn sie war eine Rebellin; eine Rebellin, die nicht alleine war.