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Episode 34
  Episode 34: 31 Tage und 13 Nächte I
Karou war schon längst über seinen Zwilling erhaben und reagierte gar nicht darauf, als er Lerou prahlerisch grinsend durch den Saal schreiten sah. Er quittierte es mit den gleichen monotonen Augen, mit denen er alles besah, wandte sich jedoch nicht von dem Bildschirm ab, auf dem er mit ansehen konnte, wie Lerou mit Luzil im Schlepptau die große Tür des Saals öffnete und diese so siegreich durchschritt, als hätte er den kommenden Krieg bereits gewonnen, obwohl er ihn erst in den nächsten Minuten ankündigen würde.
Selbstverständlich war es Karou, der ihm gesagt hatte, was und wie er es zu tun hatte - und obwohl ihn Lerou mindestens zehnfach daran erinnert hatte, dass er gewiss nicht mit ihm an der Seite vor die Öffentlichkeit treten wollte, war Karou mittels Funkübertragung mit ihm verbunden, damit er ihn vor eventuellen Peinlichkeiten bewahren konnte. Die Rede war zwar überaus kurz und praktisch ausgelegt, doch Karou zweifelte nicht daran, dass Lerou sie dennoch vergeigen könnte und die Hilfe seines Zwillings benötigen würde.
Der erste der Fürsten, der Lerou samt Anhang folgte, war Ri-Il, wie Karou auf den vielen Bildschirmen um ihn herum gut beobachten konnte. Mekare ging gleich neben Ri-Il, da sie natürlich nicht einsah, irgendwie hinter ihm zu gehen - immerhin war sie ja der Blickfang und klappte daher auch sofort ihren Fächer zu, damit dieser nicht irgendeinen Bereich ihrer Schönheit verdecken konnte. Die beiden Halbdämonen gingen eher zögerlich hinter den beiden, doch ihnen schenkte Karou keine Beachtung - nach dem Ausführen ihres Auftrages und der dazugehörigen Folter waren sie für Karou absolut langweilig geworden.
Sobald sich Ri-Il in Bewegung gesetzt hatte, hatte Lycram es ihm nachgetan und sogar einen extra Zahn zugelegt, um auch ja vor Ri-Il den Saal zu verlassen, als wäre es ein Wettrennen. Sein Nachbar reagierte darauf mit einem Grinsen, rückte seinen Zylinder zurecht und machte höflich Platz für Lacrimosa und ihren Anhang, die nicht umhin kam, Ri-Ils Höflichkeit mit einen finsteren Blick zu erwidern, der Lycrams nicht unähnlich sah, als sie eben diesen anfauchte, dass es ja wohl "Lady's first" gäbe und er ihr gefälligst Platz machen solle - obwohl sie eben noch Ri-Ils Höflichkeit mit Füßen getreten hatte.
Karou verdrehte die Augen, während die anderen Fürsten jeder auf die eigene Art den Saal verließen und eine lange Treppe hinuntergingen und dachte nicht zum ersten Mal, dass die gesamte Führungsspitze nur aus einem Haufen kindlicher Idioten bestand.
Doch Karou kümmerte sich nun nicht weiter um die Fürsten und deren Art, die vielen Stufen hinter sich zu lassen, sondern widmete sich der Menge an Dämonen, die sich neugierig und ungeduldig in Lerenien-Sei versammelt hatte, um endlich Aufklärung zu erhalten. Die 214 Treppenstufen führten hinab zu einem geräumigen Balkon, damit auch alle Fürsten samt deren Begleitung sich am Rand von diesem aufhalten konnten, während der Dämonenherrscher sich auf das Podium stellen würde, um seinen Untertanen die gewünschte Mitteilung zu übermitteln. Selbige tummelten sich rund 30 Meter unter ihm, darum kämpfend, wer vorne stehen durfte - oder einfach aus Prinzip kämpfend, um ihrer Unzufriedenheit Luft zu machen.
Karou war der Menge gegenüber skeptisch und ließ seinen Computer einen Scan machen, ob sich irgendwelche nennenswerten Dämonen darin befanden. Der Großteil der rund 2000 anwesenden Dämonen waren die, die auch in Lerenien-Sei wohnhaft waren; nur 30% kamen von anderen Horden, doch Karou fand keine potentielle Gefahr - und auch nicht den, nach dem er gesucht hatte.
"Er ist also immer noch da oben…"
"Eh, Karou?" Der Angesprochene schüttelte den Kopf und widmete seine Aufmerksamkeit wieder den aktuellen Gegebenheiten, womit er sofort Lerous Problem herausfand, als er ihn auf seinem Bildschirm sah: sein Idiot von Bruder stand nicht am Rednerpult, sondern rund 30 Meter zu weit rechts.
"Warum glaubst du heißt dieser Vorsprung "Rednerpult", Lerou? Damit du dich da hinstellst und dort redest."
"Oh! Ja, danke, das wollte ich nur wissen." Offensichtlich war es zu viel verlangt gewesen, davon auszugehen, dass Lerou wusste, wo er sich hinzustellen hatte. Gut, dachte Karou, dann hatten die Fürsten eben wieder etwas, worüber sie sich amüsieren konnten.
Der Großteil der 24 Fürsten musste wirklich ein Lachen unterdrücken, als sie sahen, wie Lerou sich stolz wie eh und je dreißig Meter nach links bewegte. Auch Silver begrinste ein solch dummes Verhalten, während sein Bruder hoffnungslos mit den Augen himmelte. Er war gespannt auf die Rede: sie würde garantiert…unterhaltsam werden.
Kaum, dass Lerou den Mund öffnete, verbreitete sich plötzlich die Stille wie ein Lauffeuer und mehr als 4000 Ohren hingen an Lerous Lippen, welche sich zu einem selbstbewussten Lächeln verformt hatten, während er zum ersten Mal eine Kriegserklärung hielt:
"Geschätzte Untertanen…" Einige hochgezogene Augenbrauen wurden ausgetauscht und Ri-Il war nicht der Einzige, dem jetzt schon klar war, dass die kommende Rede nicht von Lerou stammte. Doch der Dämonenherrscher bemerkte nichts und fuhr selbstbewusst fort:
"…das lange Warten hat endlich ein Ende! Bald wird der Bannkreis zerstört werden und uns nicht mehr daran hindern, tun und lassen zu wollen, was wir wollen! Wir werden das Wasserproblem aus der Welt schaffen - aber noch viel besser: wir werden endlich wieder die Wächter bekriegen können! Sie sollen mit aller Härte zu spüren bekommen, was wir davon halten, eingesperrt zu werden!" Die Menge tobte begeistert, als sie dies hörte, dennoch wurde der Ruf deutlich, dass sie nach einem Zeitpunkt verlangte - noch ein Jahr wollten und würden die Dämonen nicht warten.
Karou hielt angespannt den Atem an, ohne es zu bemerken. Er sagte nichts, wählte Lerou nicht noch einmal daran zu erinnern, was er auf eine solche Frage antworten sollte, denn bis jetzt hatte er noch alles brav aufgesagt. Auch dieses Mal öffnete Lerou von sich selbst überzeugt den Mund und antwortete auf das Drängen seiner Untertanen hin:
"In 31 Tagen und 13 Nächten!"


Das Imperium der Wächter - Im Jenseits

Obwohl die Geschwister sich beeilt hatten und eigentlich schon nach kurzer Zeit wieder bei Shaginai angekommen waren, mussten sie sich natürlich anhören, dass sie sich doch ziemlich viel Zeit gelassen hätten und dass er es nicht schätzte, warten gelassen zu werden. Bei diesen barschen Worten hatte er unnachgiebig Green angesehen, als wäre sie ganz allein die Schuldige. Doch Green war dies bereits gewohnt und reagierte daher nicht besonders empört darauf, dass Shaginai ihr mal wieder die Schuld in die Schuhe schob. Auch auf das neue Kleid, welches Grey ihr erst gerade geschenkt hatte, reagierte er mit hochgezogenen Augenbrauen, kommentierte es jedoch nicht, sondern widmete sich der Beschwörungsformel für das Jenseits.
Als sie in der Empfangshalle des Jenseits angekommen waren, übernahm deren Großvater kurzerhand die Führung. Green machte sich bereit, den torbewachenden Tempelwächtern ihren Namen und Rang aufzusagen, als sich dies als unnütz herausstellte. Die Tempelwächter wollten gerade mit der üblichen Prozedur beginnen, als Shaginai sie wütend unterbrach:
"Ruhe! Dafür haben wir keine Zeit. Öffnet das Tor: sofort!" Die beiden Tempelwächter zuckten zusammen bei seinem schroffen Tonfall und eingeschüchtert wie sie waren öffneten sie das Tor, ohne einen Mucks von sich zu geben. Kaum war das Tor auch nur einen Spalt breit geöffnet, ging Shaginai hindurch, mit erhobenem Haupt und festen Schrittes. Grey und Green warfen sich einen kurzen, nervösen Blick zu, ehe sie ihrem Großvater hinterhergingen, seine Entschlossenheit nicht ganz teilend.
Keiner der beiden wagte es etwas zu sagen während sie Shaginai hinterher hasteten, darum bemüht, sein Tempo einzuhalten; ein Unterfangen, welches sich als schwierig herausstellte, denn Shaginai machte unheimlich große Schritte. Green wunderte sich darüber, dass ihr Großvater es plötzlich so eilig hatte, obwohl es ihm vor ein paar Minuten noch wichtiger gewesen war, dass sie ordentlich gekleidet waren.
Als die drei Hikaris schlussendlich beim Ratssaal angekommen waren, klopfte Shaginai nur kurz an, ehe er das verzierte Tor öffnete, ohne auf eine Antwort zu warten.
Die Tür, durch die sie gegangen waren, hatte Green bereits mehrere Male durchschritten: als ahnungslose Hikari, als Angeklagte und als Regime-Führerin, doch als sie sie dieses Mal durchschritt, dachte sie, sie hätte sich in der Tür geirrt, denn die eigentlich rundgeformte Halle war plötzlich rechteckig - und ein Saal, mindestens dreimal so groß wie früher, erstreckte sich vor ihr. Die Wände waren gepflastert mit Tribünen, auf denen sich bereits der Großteil der Hikari eingefunden hatte und angespannt mit den jeweiligen Nachbarn redete oder stillschweigend darauf wartete, dass die erste Kriegssitzung beginnen würde. In der Mitte des Saales befand sich ein enorm großer Globus, der von allen Plätzen gut gesehen werden konnte und eine Detailfreude aufwies, die der Version im Tempel in nichts nachstand.
Grey schlug den linken Weg ein, während Shaginai Green einen Stoß in die rechte Richtung gab und auch prompt die Stufen hinaufstieg, ohne auf seine Enkelin zu warten. Diese fand auch selbst ihren Platz, welcher genau wie bei ihrem ersten Mal auf der obersten Tribüne lag und bereits ehe sie sich setzte, bemerkte sie, dass der einzige ihr bekannte Hikari in ihrer Nähe Hizashi war: er saß nur fünf Stühle von ihr entfernt und grüßte sie sogar mit einem strahlenden Sonnenscheinlächeln, welches Green aus ihr unbekannten Gründen einen Schauer über den Rücken laufen ließ.
Die unreine Hikari ließ sich auf den schweren, goldenen Stuhl nieder, jedoch nicht ohne ihren Großvater aus den Augenwinkeln heraus dabei zu beobachten, wie dieser auf die mittlere Tribüne zusteuerte und in der Mitte dieser Platz nahm - neben Adir und White, die erst Shaginai begrüßten, ehe beide Green von weitem zunickten.
Kaum dass alle Hikaris sich gesetzt hatten und damit alle Plätze besetzt waren, sah Green wie White sich erhob, da es, wie Grey Green erzählt hatte, Tradition war, dass die letzte ins Jenseits gekommene Hikari, die erste Kriegskonferenz nach ihrem Tod einleitete. Mit ihrem üblichen Lächeln senkte sie kurz den Kopf und sagte:
"Ich begrüße Sie, meine ehrenwerten Mithikaris, bei dieser bedeutsamen Ratsversammlung: der ersten Kriegssitzung des achten Elementarkrieges." Es gab keine Antwort der anwesenden Hikaris, niemanden, der den Gruß erwiderte oder ebenfalls den Kopf senkte, da es nicht nötig war. Der tiefe Respekt und die Ehrfurcht vor Whites reinem Schein war deutlich zu spüren und zum ersten Mal wurde Green bewusst, welchen Einfluss ihre Mutter auf ihre Familienmitglieder ausübte; und ihre Tochter konnte es nachempfinden: es war erstaunlich, wie entschlossen und ruhig White wirkte.
"Wie bereits der Großteil der Anwesenden wissen mag, so ist diese Ratsversammlung die erste in einer neuen Ära des Krieges." Green schluckte und es kam ihr so vor, als würde der Boden unter ihren Füßen verschwinden und unbewusst krallte sie sich an ihrem Stuhl fest. Es war also wirklich eine Kriegserklärung…ein Krieg würde kommen - mit ihr an der Spitze.
"Denn es entspricht der Wahrheit", fuhr White fort, ohne auf irgendwelche Reaktionen zu achten.
"Die Dämonen haben uns den Krieg erklärt. Der achte Elementarkrieg steht bevor." Niemand unterbrach White, obwohl Green schon einige fragende Gesichter sah, die ihre Mutter offensichtlich selbst bemerkte, denn sie sagte:
"Ich sehe Ihre Verwunderung und daher erlauben Sie mir, es Ihnen zu zeigen." Mit diesen Worten streckte White ihren weißen Arm aus und führte eine Handbewegung durch, die Green von weitem nicht genau sehen konnte. Auf ihre Bewegung hin löste sich der Globus auf und stattdessen erschien eine große durchscheinende Kugel, in deren Mitte scheinbar ein Stück Papier schwebte. Das Papier war schwarz und die Schrift war von weitem unmöglich zu erkennen, geschweige denn zu lesen. Daher führte White eine weitere Handbewegung aus, die vor allen Anwesenden auf dem Tisch vor ihnen einen Bildschirm erscheinen ließ, auf welchem zuerst nur das Wappen der Wächter zu sehen war - mit einem freundlichen "Willkommen, Kurai Yogosu Hikari Green."
"Dies ist die Kriegserklärung, die wir vor einer Stunde erhalten haben. Wie gewöhnlich haben sich unsere Kontrahenten kurz gefasst, aber sich ungewöhnlicherweise in einer Sprache der Menschen ausgedrückt, nämlich in der englischen Sprache. Auf den Bildschirmen sehen Sie nun die Übersetzung ihrer Kriegserklärung." Tatsächlich. Kaum hatte White ihre Worte beendet, löste sich das Wappen samt der Begrüßung auf und der Text erschien auf dem Bildschirm in seiner übersetzten Form - und zum ersten Mal las Green eine Kriegserklärung:

"In 31 Tagen und 13 Nächten wird das Gemetzel eingeleitet werden.
Mit Freude und Sehnsucht werden wir die Nacht erwarten, in der wir euch abschlachten werden.

Mit freundlichen Grüßen,
Lerou, Machthaber der Dämonen"


"Wie immer", hörte Green Hizashi einige Plätze neben sich leise ironisch sagen:
"Ein literarisches Meisterwerk."


Die Reaktion der Dämonen war zweigeteilt. Die eine Hälfte nahm Lerous vage Formulierung ohne weiteres Nachdenken hin, während die andere Hälfte sichtlich verwirrt war über diese Angabe, wozu auch Blue gehörte. Die Formulierung konnte auf zwei verschiedene Arten verstanden werden, weil das Wort "Tag" der Knackpunkt war - und beide Arten ergaben ein vollkommen anderes Datum.
Die erste Frage war: wie definierte man das Wort "Tag" in diesem Zusammenhang? "Tag" wie in "ein Tag mit 24 Stunden", worin die "Nacht" also inbegriffen war oder wie in "Tag" und "Nacht" - zwei Gegensätze, losgerissen von den 24 Stunden? Die erste Variante würde bedeuten, dass die "13 Nächte" komplett nicht beachtet werden müssten und der Krieg somit am 2. September - in 31 Tagen - beginnen würde. Die zweite Variante allerdings würde bedeuten, dass man zu den 31 Tagen die 13 Nächten addieren müsste und somit auf die Zahl 44 kommen würde und damit auf den 15. September - ein entscheidender Unterschied.
Einige der Fürsten kamen zum gleichen Schluss und man schien Lerou auch gerade fragen zu wollen, als plötzlich eine Stimme durch das laute Stimmengewirr schnitt; eine Stimme, die aus der Anhäufung an Dämonen stammte und sich deutlich an Lerou richtete:
"LÜGEN! Alles nur Lügen! Seid nicht so dumm und fallt darauf rein!"
Die gesamte Lage kippte von einem Moment auf den anderen: das aufgebrachte Geraune verstummte und sämtliche Freude über den herbeigesehnten Kriegsbeginn war plötzlich vergessen. Karou schnellte sofort hervor in seinem Drehstuhl, genau wie die Fürsten, die ebenfalls den plötzlichen Wandel bemerkten, doch sie alle handelten zu spät - denn kaum, dass die Stimme das letzte Wort über die Lippen gebracht hatte, passierte etwas völlig Unerwartetes: ein Knall ertönte und Lerous Diadem wurde vom Kopf gerissen, im gleichen Moment, in dem der momentane Herrscher der Dämonen unter den schockierten Augen der Fürsten zu Boden stürzte.


Green wusste nicht, über was sie schockierter sein sollte: über die Nachricht an sich oder darüber, wie nüchtern Hizashi und auch die anderen Hikari die Kriegserklärung aufnahmen. Obwohl niemand etwas sagte, wirkte keiner von ihnen irgendwie verunsichert oder beunruhigt im Angesicht eines neuen Krieges; sie dachten einfach nur über die Bedeutung der Kriegserklärung nach. Green hingegen spürte, wie sie ihre Augen nicht von den schwarzen Worten abwenden konnte und ein leichtes Zittern befiel ihren Körper. Daher bemerkte sie auch nicht, dass White sich hingesetzt hatte und Shaginai sich im Gegenzug erhoben hatte. Dies realisierte sie erst, als seine starke Stimme durch den Raum hallte:
"Wie deutlich zu erkennen ist, haben wir eine Frist erhalten und diese ungewöhnliche Tatsache sollten wir zu unseren Gunsten zu nutzen wissen! Daher schlage ich vor, dass diese Sitzung so lange fortgeführt wird, bis wir unsere momentane Kriegsplanung diesen Gegebenheiten angepasst haben!" Gerade als Shaginai mit einem weiteren Satz ausführen konnte, erhob sich nun Mary mit einem Räuspern und es gelang ihr, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
"Ich schließe mich Shaginais Haltung an, jedoch ist es zuallererst wichtig, dass wir die fundamentalen Fragen beantwortet haben. Was ist zum Beispiel mit dieser fragwürdigen Ankündigung? Ist es wohlmöglich eine List unserer Feinde? Wir müssen immerhin im Hinterkopf behalten, dass sie uns noch nie eine Galgenfrist gegeben haben und ich denke nicht, dass sie plötzlich so etwas wie "Fairness" entwickelt haben." Green sah zur Seite, als Hizashi sich aufrichtete, um Mary zu antworten:
"Ich muss dir leider widersprechen, Mary, denn ich denke nicht, dass es eine List ist. Ich denke, es hat rein praktische Gründe. Immerhin haben sie immer noch einen Bannkreis zu überwinden - falls wir die Annahme beibehalten, dass sie keinen Krieg nur mit Halbdämonen führen wollen. Daher denke ich, dass sie in 44 Tagen den Bannkreis brechen werden."
Ein weiterer Hikari, den Green nicht kannte, erhob sich und wandte sich an Hizashi:
"44 Tage? Es könnten genauso gut 31 Tage sein, mit anderen Worten der 2. September."
Eine andere Hikari erwiderte stehend:
"Ich halte diese Ankündigung wahrlich für fragwürdig. Sie gleicht beinahe einem Rätsel und wenn man das Originaldokument betrachtet, so sieht man deutlich, dass der momentane Dämonenherrscher nicht einmal in der Lage ist, seinen Namen korrekt zu buchstabieren." Hizashi richtete sich wieder auf und erklärte:
"Wir sollten es nicht zu einem Rätsel machen, ansonsten werden wir uns nur selbst verwirren und im Kreise wandeln. Nein, es ist kein Rätsel: es ist wörtlich zu nehmen und somit sind es 44 Tage und damit der 15. September. Lassen Sie uns weiterhin von der Tatsache ausgehen, dass die Gehirnaktivität der Dämonen durchschnittlich gesehen gering ist und ein "Rätsel" daher nicht in ihrem Bestreben liegt." Einen Moment herrschte nachdenkliches Schweigen, bis es Adir war, der sich aufrichtete und sein Wort an die Anwesenden richtete:
"Ich bezweifle, dass es Lerou war, der hinter dieser Kriegserklärung steht. Ja, ich bin mir bewusst, dass bereits getestet worden ist, ob die Unterschrift mit seinen früheren übereinstimmt, doch glaube ich nicht, dass der momentane Herrscher der Dämonen sich dem Inhalt dieses Dokumentes bewusst ist." Diese Überlegung Adirs brachte einige dazu, ihre Stirn in Falten zu legen und auch Green dachte darüber nach, wer dann hinter der Kriegserklärung stand - doch weit kamen ihre Gedankengänge nicht, ehe ihr Großvater nicht nur ihre unterbrach, sondern die aller: indem er sich stolz und imposant aufrichtete und seine Stimme erhob, wurde ihm die komplette Aufmerksamkeit zuteil:
"In diesem Augenblick ist es absolut zweitrangig, ob es sich nun um den 2. September oder den 15. September handelt! Wichtig ist, dass wir und das Wächtertum bereit sind! Bereit zurückzuschlagen, ganz gleich an welchem Tag sie uns attackieren! Und zu diesem Zweck bin ich der Meinung, dass wir diese unnütze Diskussion auf einen anderen Zeitpunkt verschieben und sofort mit unseren Strategien beginnen!" Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte Shaginai sich nach rechts, wo Lili saß und fuhr mit gleicher Entschlossenheit fort:
"Lili-san! Ich bitte Sie darum, uns die aktuellen Daten mitzuteilen!" Die Angesprochene zuckte zusammen, als hätte Shaginai sie nicht nur angesprochen, sondern auch geschlagen. Dennoch erhob sie sich zögerlich, führte eine Handbewegung durch und kaum hatte sie das getan, löste sich die Kriegserklärung vor Greens Augen in Luft auf und machte Platz für Zahlen und Diagramme. Green seufzte ungehört: es war wohl Zeit für das, was sie am wenigsten mochte: den mathematischen Teil! Natürlich hatte sie Statistiken im letzten Jahr ebenfalls geübt, aber sie konnte nicht behaupten, dass es zu ihren Lieblingsthemen gehörte.
"Die Kriegsvorbereitung des letzten Jahres hat folgende Ergebnisse erzielt: Unsere Waffenproduktion ist um 26% gestiegen im Vergleich zum vorigen Jahr und laut den neuesten Berichten der Kikou konnte auch die Effektivität um 12% gesteigert werden, aufgrund von neuer Materialgewinnung. Die Bannkreise, die Den Tempel, Sanctu Ele'saces und Min Intarsier beschützen, wurden in der vergangenen Woche erneuert und mit einem neuen System versehen. Bei dem Anlass wurde auch ein Bannkreis mit dem gleichen System um Espiritou del Aire errichtet. Unsere 14 Stützpunkte auf Terra sind ebenfalls von einem solchen Bannkreis geschützt und laut unseren Berichten sind diese Stationspunkte in guter Verfassung und bereit für den nächsten Krieg.
Unsere Bevölkerung umfasst 27.759 Wächter, davon 10.643 Tempelwächter. 10.459 Wächter gehören zu unseren Streitmächten und das macht ein Bevölkerungswachstum von 4,7% in den vergangenen 18 Jahren, welches weiterhin steigend ist, doch aus den Erfahrungen der letzten Elementarkriege wissen wir, dass dies schnell stagnieren wird.
Um nun zu unseren Streitmächten zu kommen…von den 10.459 Wächtern sind 8.426 Wächter auf dem ersten Rang, weitere 1.245 auf dem zweiten und 533 auf dem dritten und die restlichen 255 sind Unterwächter. Zu den größten Familien gehören die Mizu, gefolgt von Toki und auch die Kaze-Familie konnte sich nach dem letzten Elementarkrieg sehr gut erholen und besitzt im Vergleich zu den anderen Familien die größte Populationsrate." Der kleine Bildschirm vor Greens Augen, welcher Lilis Worten beständig mit bildlichem Material untermauert hatte, wurde wieder weiß, als die junge Hikari sich wieder in Schweigen hüllte, jedoch nicht ohne ihren Vortrag mit den Worten abzurunden, dass sie keine Daten über die Dämonen besaß und dass Hizashi daher übernehmen würde. Dieser erhob sich auch sofort und übernahm den Vortrag:
"Mit Bedauern muss ich leider den Umstand beklagen, dass die Daten über den momentanen Zustand in Henel mangelhaft sind und keine vollständige Klarheit geben können, da es kaum möglich war, an Informationen aus Henel zu gelangen. Der Großteil der Mischlinge, die in den vergangen 18 Jahren Terra terrorisiert haben, war aus gutem Grund nicht in der Lage zu sprechen und die Mischlinge, die es waren und die wir auch vernehmen konnten, waren entweder nicht gewillt uns Informationen zuteilwerden zu lassen oder es mangelte ihnen an Wissen - sobald der Krieg erneut beginnt, erhoffe ich mir, Daten sammeln zu können, um eine Skizze zeichnen zu können." Mit diesen Worten verneigte Hizashi sich elegant und mit einer ebenso galanten Handbewegung lösten sich die Daten des Bildschirmes auf und er setzte sich wieder. White bedankte sich bei den beiden Hikaris, die sich noch einmal respektvoll verneigten, während im Saal vereinzelt Gespräche zu hören waren, denn die Hikari fingen an, mit ihren Sitznachbarn über die eben gehörten Daten zu diskutieren. Scheinbar war dies normal, denn niemand unternahm den Versuch das gedämpfte Gemurmel zu unterbinden oder selbst etwas vortragen zu wollen. Natürlich diskutierte niemand mit Green; ihre beiden Sitznachbarn hatten sich von ihr abgewandt, um mit anderen darüber zu sprechen. Green musste sich also ihre eigenen Gedanken machen, doch dafür hatte sie noch zu wenig Erfahrung, denn anders als die anderen machte es sie nervös zu wissen, dass sie keine Zahlen besaßen, immerhin hieß es, dass die Dämonen in der Überzahl waren. Wenn die Dämonen wirklich so viele waren, fiel es ihr ein wenig schwer zu sehen, wie sie da überhaupt eine reelle Chance haben sollten…
Green schüttelte den Kopf und versuchte sich einzureden, dass gerade sie, die doch das Licht der Hoffnung sein sollte, nicht mit dem Schwarzmalen anfangen sollte. Die Hikaris hatten alle Kriegserfahrung und ein Großteil der Wächter ebenfalls und so wie Green es durch ihr aufgezwungenes Lernen der Kriegsstrategien erfahren hatte, waren die Wächter zahlenmäßig schon immer im Nachteil gewesen - und dennoch hatten sie viele siegreiche Schlachten auf ihrem Konto.
Während sie sich dies einredete, hatte sie sich im Saal umgesehen, hatte den anderen beim Diskutieren zugesehen, wobei ihr Blick zuletzt bei den erhabenen Drei ankam, die zu dritt debattierten. Adir und White offensichtlich gegen Shaginai. Adir hatte die Arme über seiner Brust verschränkt und wirkte sehr missgestimmt, während er Shaginai antwortete. White sah zwar nicht so missgestimmt aus, doch auch sie blockte Shaginais Worte mit einem Kopfschütteln ab. Worüber sprachen sie?
"In Lights Namen!" Mit diesem Ausruf schreckte Shaginai so einige Hikaris auf, die anders als Green nicht die drei im Blick gehabt hatten, sondern in ihren eigenen Gesprächen vertieft gewesen waren. So richtig verärgert schien jedoch niemand zu sein; wahrscheinlich war dies normal und genauso normal war es auch, als Shaginai sich erhob und zu einer Ansprache ansetzte, die jegliches Getuschel im Keim erstickte:
"Jetzt ist die Zeit des Handelns gekommen! Jetzt ist die Zeit gekommen, uns zusammenzutun, um die Führungsqualität der Hikaris erneut unter Beweis zu stellen, um einen vernichtenden Schlag gegen unsere Feinde auszuführen! Ich schließe mich Adirs Meinung an, dass wir damit rechnen müssen, dass die Dämonen uns mit geballter Stärke angreifen werden, sobald sie den Bannkreis gebrochen haben - doch für diesen Fall sind wir seit einem Jahr vorbereitet! Ausgezeichnet ausgebildete und qualifizierte Wächter befinden sich in unseren Reihen, die ihren Elementen die Treue geschworen haben und die ihre Pflicht zu erfüllen wissen! Es liegt nun an uns, sie zu führen - sie zu einem Sieg zu führen!" Vor einem Jahr wäre Green wahrscheinlich erstaunt und verwundert gewesen über den enormen Einfluss, welchen er im Rat genoss; doch nun, nachdem sie ein Jahr lang mit ihm trainiert hatte, wunderte es sie nicht mehr, wie einfach es ihm fiel, den gesamten Rat in innerhalb von nur ein paar Sätzen auf seine Seite zu bekommen - und plötzlich fragte sie sich auch nicht mehr, wie es Shaginai gelungen war, deren gesamte Familie dazu zu bringen, Green so weit zu hassen, dass sie bereit gewesen waren, sie hinrichten zu lassen. Seine autoritäre Ausstrahlung war genauso mitreißend wie Whites Reinheit…kein Wunder, dass zwischen den beiden eine immerwährende Rivalität herrschte.
Doch diesmal schien White die gleiche Meinung zu haben, denn sie sagte nichts. Shaginais Worte waren offensichtlich nicht der Grund für die Diskussion zwischen den erhabenen Drei gewesen…
Ohne Unterbrechungen fuhr Shaginai fort:
"Daher lasset uns zu eben diesen Strategien kommen. Ich möchte dafür auf Seigis Vorschlag zurückkommen, der aus einer älteren Ratsversammlung stammt." Seigi schien sehr überrascht darüber zu sein, dass Shaginai seinen Namen nannte, denn Green konnte von weitem sehen, wie ihm die Hand vom Kinn herunterrutschte und nun schien auch das Thema zu kommen, gegen das White und Adir gewesen waren, denn Adir probierte ein weiteres Mal Shaginai davon abzubringen, doch die Entschlossenheit Shaginais konnte von nichts erstickt werden:
"Des Verstehens willen werde ich Seigis Vorschlag referieren: Unser Mithikari hatte damals vorgeschlagen, dass wir den Bannkreis von unserer Seite aus neutralisieren, so dass wir Streitmächte nach Henel entsenden können, um den ersten vernichtenden Schlag auszuführen. Das Ergebnis dieses Vorschlages war kompletter Nonsens, denn was bringt eine Streitmacht, die nicht zurückkehren kann? Es wäre nichts anderes als ein Selbstmordkommando ohne Sinn und Verstand! Doch man kann an dieser Idee weiterarbeiten: denn es gibt eine Möglichkeit, unsere Wächter nach Henel auszusenden und obendrein auch noch ihre Heimkehr zu sichern." Unter den verblüfften Augen Greens streckte ihr Großvater in einer glorreichen Pose die zusammengeballte Faust aus und fuhr entschlossen fort:
"Meine Mithikaris! Es gibt eine Möglichkeit, die wir außer Acht gelassen haben! Untersuchungen haben ergeben, dass es Wesen, die aus zwei Rassen entstanden sind - mit anderen Worten Halbdämonen - ein leichtes ist, den Bannkreis zu überwinden. Weitere Untersuchungen haben ergeben, dass es Halbwächtern und menschlichen Wächtern ebenfalls möglich ist!"
Green, die Shaginais Worten eben noch gespannt gelauscht hatte, wurde auf einmal genauso blass wie sie es als Hikari eigentlich sein sollte und das Herz rutschte tief: menschliche Wächter!? Menschliche Wächter so wie Firey?!
"7% unserer kampffähigen Wächter gehören dieser Gruppe an - was eine Streitmacht von um die 500 Wächter ausmacht! Genug, um einen vernichtenden Überraschungsangriff gegen die Dämonen auszuführen! Obendrein gibt es in den jetzigen Generation von Elementarwächtern zwei…"
"NEIN!"