Online: 1 Heute: 15 Gesamt: 173524
Episode 37
  Episode 37: Das Spiel von Katz und Maus
"Deine Rede war großartig!" Green sah auf, als Firey dies sagte. Einen Moment zuvor hatte sie noch ihren Gedanken nachgehangen, alleine im Versammlungszimmer des fünften Stocks, wo sie sich mit ihren Elementarwächtern treffen sollte, da Grey und Tinami ihre Ausrüstung fertiggestellt hatten und sie heute darin introduziert werden sollten. Green war zur Abwechslung zu früh da gewesen und dies hatte Firey scheinbar gewittert. Sie hatte vor, diese seltene Chance zu nutzen, um alleine mit Green zu reden, denn diese waren doch ziemlich rar bei dem strammen Programm, nach welchem sie ihre Leben führten.
Green grinste und richtete sich in ihrem Stuhl auf, als sie Firey antwortete:
"Danke, aber lass uns jetzt nicht darüber reden. Ich versuche gerade die Schmerzen zu verdrängen, die mich diese paar Worte gekostet haben." Firey setzte sich nicht auf ihren eigentlichen Stuhl, da dieser vier Plätze von Green entfernt war; stattdessen lehnte sie sich an den des Zeitwächters, um so ein Gespräch unter vier Augen mit ihrer Hikari führen zu können:
"Dein Großvater nimmt dich ziemlich hart dran, was?" Greens Gesicht verdunkelte sich, noch während sie antwortete:
"Wenn ich es nicht besser wüsste, dann würde ich behaupten, dass er ein Sadist ist. Ein fürchterlicher! Einer der ganz üblichen Sorte. Ich fühle mich wie eine ausgelutschte Glühbirne!" Mit diesen Worten verzog sie das Gesicht und ließ dieses sofort auf den Tisch sinken, auf dem sie ihre Arme von sich ausstreckte, um zu unterstreichen, wie energielos sie war.
"Ich sag dir: wenn der Krieg anfängt, bin ich nicht mal in der Lage, auch nur ein Fünkchen Licht aus mir herauszubekommen… geschweige denn die ganzen Techniken, die ich gelernt habe." Firey konnte ein Lachen nicht unterdrücken, was Green dazu brachte, sich wieder aufzurichten und ebenfalls zu lächeln, wenn auch mit einem müden Unterton.
"Sie waren alle ganz begeistert von dir, Green! Ignes-senpai hat den ganzen Morgen von nichts anderem mehr gesprochen als von dir und dem "frischen Wind", den du bringen würdest." Zu Greens Lächeln gesellte sich ein Hauch von beschämter Röte, doch sie schien sich sehr über das Kompliment zu freuen.
"Ich würde eigentlich schon gerne wissen, wer mit dem Klatschen angefangen hat", sagte die Hikari, um von sich selbst abzulenken:
"Es ist immerhin keine Tradition der Wächter, also können das eigentlich nur du oder Azuma gewesen sein."
"Ich war es nicht", entgegnete Firey sofort abwinkend und fuhr fort:
"Ich hätte es getan, aber ich wusste, dass es bei Wächtern nicht normal ist, also hielt ich es für angebrachter, es nicht zu tun und Azuma stand neben mir - er war es nicht."
"Aber wenn es keiner von euch beiden war, wer war es dann? Hast du vielleicht gesehen, wer angefangen hat?" Firey schüttelte den Kopf und das war das einzige, was sie dazu sagen konnte, denn dann war es auch schon vorbei mit der Zweisamkeit. Azuma und Yuuki hatten ihren Weg zum Konferenzraum gefunden; wenig später kam auch Kaira hinzu und nach und nach füllte sich der Raum und alle fanden ihre Plätze. Nur Grey und Tinami blieben dieses Mal aufrecht stehen, nachdem der Windwächter seinen Kameraden je zwei Pakete gereicht hatte; jedes einzelne zugebunden mit einem Band in der zu dem Element passenden Farbe. Grey war der Erste, der das Wort ergriff; er schien vor Freude ganz aus dem Häuschen zu sein:
"In diesen Paketen findet ihr eure individuelle Kriegsuniform und…"
"… auch die verbesserte Form euer Waffen ist fertig! Für den Krieg optimiert und gestärkt! Aber die sind natürlich nicht in den Paketen. Die könnt ihr später bei mir im Labor abholen!", ergänzte Tinami ebenso freudestrahlend, während Firey sich fragte, wie ihr neuer Bogen wohl aussehen würde und ob es ihr leichter fallen würde, mit ihm umzugehen.
"Der Stoff eurer jeweiligen Uniform ist reiß-, feuer-, frost- und wasserresistent und selbst wenn ihr sie beschädigen solltet, was ja nie ganz umgangen werden kann, ist es durch die in den Stoff eingewebte Magie ein Leichtes, eure Uniformen wieder in einen perfekten Zustand zu bringen. Nicht nur, dass sie jeweils euren individuellen Bedürfnissen nach Bewegungsfreiheit angepasst ist, sie ist auch euren Elementen angepasst. So kann Hinako-sans Uniform zum Beispiel nicht in Flammen aufgehen, wenn sie ihr Element einsetzt und Yuuki-sans Uniform löst sich mit ihm auf, sobald er sich unsichtbar macht."
"Und wenn sie uns nicht passen?", fragte Azuma unwirsch in Greys Erklärung hinein und war bereits dabei das Paket auseinanderzureißen, als wäre es Weihnachten. Grey ließ sich davon nicht beeinflussen und antwortete:
"Vollkommen ausgeschlossen; sie passen euch. Ich beherrsche mein Handwerk."
"Ach, die hast du gemacht? Ich hab gehört, nur Männer, die schwu…" Bevor er seinen Satz zu Ende bringen konnte, hatte Firey ihm bereits den Fuß ans Schienbein gejagt.
Grey schien nicht verstanden zu haben, was Azuma mit seinem abgebrochenen Satz gemeint hatte und sah daher ein wenig verwirrt in die Runde, ehe er sich räusperte und fortfuhr:
"Falls ihr etwas ändern lassen wollt, dann gebt mir Bescheid; ich werde sie dann ändern. Ich bitte euch daher darum, eure neuen Uniformen anzuprobieren, sobald ihr wieder in euren Zimmern seid, damit ich sie so schnell wie möglich ändern kann." Damit übergab er das Wort an Tinami, die sofort ihre neueste Erfindung vorstellte:
"Ich bitte euch meinerseits darum, den zweiten Karton zu öffnen, worin sich meine neueste Erfindung befindet." Die Wächter taten wie geheißen und nachdem sie den Deckel hochgehoben hatten, fanden sie…
"Schuhe? Seit wann ist das eine neue Erfindung?", fragte Yuuki mit verwundertem Blick in die Schachtel, wo ihm und den anderen wahrhaftig verschiedene Schuhe entgegenblickten. Alle waren verschieden designt, aber ganz ohne Zweifel Schuhe und sahen auch obendrein recht normal aus. Tinami schien es zu genießen, dass sie nicht auf den ersten Blick bemerkt hatten, was der Sinn und Zweck der Erfindung war und ihre Erklärung fiel sehr weitläufig aus:
"Einer unserer größten Nachteile den Dämonen gegenüber ist die Tatsache, dass nur die Wächter des Windes in der Lage sind, zu fliegen. Zwar konnte ich uns nicht die gleiche Fähigkeit verleihen, aber falls ihr in einen Kampf mit einem fliegenden Gegner verwickelt werden solltet, werden eure Schuhe euch nun vor einem tödlichen Sturz bewahren. Solange ihr noch ein Fünkchen Magie übrig habt, könnt ihr diesen in eure Schuhe leiten und eine schützende Magiesphäre wird entstehen, welche euch für Sekunden schweben lässt und euch so vor dem Tod retten wird - egal, aus welcher Höhe ihr stürzen solltet und wenn ihr Lust habt, vom Rand des Tempels zu springen, dann könnt ihr das jetzt auch ohne Weiteres, denn mit diesen Schuhen ist keine Höhe mehr tödlich!" Sie lachte erfreut und stolz über ihre Erfindung, während Pink ihre eigenen Stiefelchen untersuchend ansah und scheinbar sehr begeistert war von dem Gedanken, dass sie jetzt vom Tempelrand herunterspringen konnte.
"Sobald ihr mir nach aktivem Gebrauch der Schuhe mitgeteilt habt, dass ihr mit ihnen zufrieden seid, werde ich diese wunderbare Erfindung den Hikaris vorlegen, damit sie in Massen produziert werden können." Deutlich war Azuma anzusehen, dass ihm zu diesen Worten ein schnippischer Kommentar auf der Zunge lag, doch er erhielt nicht die Gelegenheit dazu, diesen der versammelten Gruppe mitzuteilen, denn Tinami hatte ihre Erklärung noch nicht abgeschlossen:
"Ihr müsst allerdings daran denken, dass ihr die Füße Richtung Boden haltet. Die Magiesphäre kann sich nur dann aktivieren, wenn ihr senkrecht über dem Boden seid." Nun gelang es Azuma endlich, sich in die Erklärung Tinamis einzumischen, indem er skeptisch feststellte, dass die Schuhe dann ja absolut keine Hilfe darstellten, wenn der Träger bewusstlos war. Doch es war nicht die Klimawächterin, die auf diese Kritik antwortete; das übernahm Kaira für ihre Freundin - allerdings nicht, um sie und ihre Erfindung liebenswürdigerweise zu verteidigen, sondern um Azuma zu beleidigen:
"Wie - du gehst bereits davon aus, dass du auf dem Schlachtfeld bewusstlos werden wirst? Ich hoffe, du kannst deine Fähigkeiten nicht besonders gut einschätzen - ansonsten wäre das ganz schön beschämend für einen Erdwächter." Überrascht auch mal selbst beleidigt zu werden, öffnete Azuma den Mund, doch schloss ihn sofort wieder; eine Chance, die Kaira nutzte, um fortzufahren:
"Aber um deine Frage zu beantworten, Azuma… Natürlich aktivieren die Schuhe sich nicht, wenn du nicht bei Bewusstsein bist. Wenn du bewusstlos bist, kannst du ja auch keine Magie anwenden!"
"Aber wenn wir mit den Füßen zuerst landen, riskieren wir dann nicht, dass wir uns was brechen?", mischte sich nun auch Yuuki in das Gespräch ein und wieder war es Kaira, die ihrem kleinen Halbbruder antwortete; auch in seinem Fall nicht besonders freundlich:
"Da musst du dir keine Gedanken machen", begann sie mit einem spöttischen Tonfall:
"Das einzige, was zu spüren ist, ist ein leichtes Beben; ich habe die Schuhe bereits getestet. Du wirst dir also nichts brechen - falls du dich denn dazu entscheidest, am Krieg teilzunehmen." Es war unschwer zu erkennen, in welche Richtung diese Sitzung ging und daher entschied Tinami, schnell wieder die Führung zu übernehmen, ehe Kaira noch mehr Beleidigungen austeilen konnte, obwohl sie an Yuuki abgeprallt waren, als hätte er diese nicht gehört.
Während Tinami noch ein paar Worte zur Technik hinter den Schuhen und ihrer beschützenden Sphäre sagte, resignierte Grey ein wenig, damit beschäftigt, dieses Elementarteam mit dem seiner Mutter zu vergleichen - was für ein Unterschied!
"Ich empfehle euch allen, die Schuhe in einer geringen Höhe auszuprobieren, damit ihr euch sicher sein könnt, wie ihr mit den Schuhen umzugehen habt. Sollten Probleme auftauchen, dann kommt einfach zu mir!" Und mit diesem Satz und Greys beipflichtenden Worten, dass dasselbe auch für die Uniformen gälte, war die Sitzung abgeschlossen, ehe sie zu einem Streit werden konnte.


In demselben Moment wie Grey die Sitzung der ungleichen Elementarwächter abgeschlossen hatte, begann eine andere in einer entfernten Welt; auch wenn diese Sitzung nur aus zwei Personen bestand. Eine kleine, aus zwei Personen bestehende Sitzung, wie es schon lange nicht mehr der Fall gewesen war, denn Azzazello pflegte seine Frau überall mit hin zu nehmen; auch wenn der Besuch bei Lycram stattfand, wie es auch nun der Fall war.
Azzazello und sie waren zwar nicht verheiratet, denn so etwas wie den Bund der Ehe gab es in der Welt der Dämonen nicht, aber Azzazello mochte es, ja, genoss es regelrecht, sagen zu können, dass sie seine Frau war - und das schon seit über 50 Jahren. Obwohl man sich manchmal fragen musste, wer von ihnen wen besaß… Manche Dämonen, an der Spitze Lycram, hielten seinen Geschmack für eintönig, da er in diesen 50 Jahren nie mit einer anderen Frau verkehrt hatte, geschweige denn daran gedacht hatte und es doch tatsächlich schon so viele Jahre mit ein und derselben aushielt!
Wobei "aushielt" wahrlich das richtige Wort war, denn seine Frau war ein wenig speziell. Jedenfalls wenn man Lycram oder andere Dämonen fragte; aus der Sicht Azzazellos war sie einfach das perfekte Bildnis einer Frau. Und wozu brauchte man andere, wenn man bereits die Perfekte gefunden hatte? Alle anderen Dämonen waren doch nur eifersüchtig auf ihn.
Rime war der Name dieser perfekten Frau; mit diesem Namen war sie jedenfalls geboren worden, denn Rime hatte diesen Namen abgelegt, als sie mit Azzazello zusammengekommen war. Als Frau eines Fürsten musste sie ja wohl einen schönen, besonders langen und klangvollen Namen haben, der auch zu ihrem Mann passte und da Rime nicht gerade einfallsreich war, hatte sie sich einen menschlichen Namen ausgesucht: Anastasia - auch wenn sie ihn selbst nicht schreiben konnte. Außerhalb der Grenzen ihres Gebietes bestand Rime lautstark darauf, mit diesem Namen angesprochen zu werden; nur Azzazello und deren fünf Kindern erlaubte sie ihren eigentlichen Namen zu benutzen, weil sie nach eigenen Worten "gnädig" war.
Auch für Lycram war es ein seltener Anblick, Azzazello ohne die Begleitung Rimes zu sehen, weshalb er doch recht verwundert aussah, als er in seinen Audienzsaal eintrat und Azzazello alleine wartend vorfand.
"Was, du darfst ohne Leine dein Gebiet verlassen? Ihr beide erstaunt mich ja immer wieder!" Azzazello ignorierte diese Beleidigung gekonnt, denn vielleicht war diese gar nicht so irrtümlich. Es war wirklich ein merkwürdiges Gefühl, ohne Rime unterwegs zu sein und er war sich sicher, dass sie ihn mit kochender Wut begrüßen würde, sobald er wieder zu Hause war: Rime war keine Person, welche man einfach so zurückließ; besonders ohne etwas zu sagen.
Doch dieses Gespräch wollte Azzazello alleine führen. Bereits einmal waren er und Lycram unterbrochen worden und er wollte nicht riskieren, dass es noch einmal geschah, weshalb er auch sofort mit dem eigentlichen Thema begann:
"Du kannst dir sicherlich denken, warum ich hier bin, Lycram. Ich möchte das Gespräch fortsetzen, welches wir in Lerenien-Sei angefangen haben." Azzazello sah Lycram an, dass er sofort wusste, wovon er sprach; anscheinend konnte er sich besonders gut an jedes Gespräch erinnern, in welchem Ri-Il das Thema gewesen war. Doch anstatt dieses sofort fortzusetzen, wandte er sich an das erstbeste Mädchen und befahl ihm, für ihn das Übliche zu holen - Absinth - und für seinem Halbzwilling Whisky. Azzazello kam nicht darum herum, sich darüber zu freuen, dass Lycram ihm etwas zu trinken anbot; nicht nur, weil man sich sogar als Halbzwilling geehrt fühlen musste, von Lycram mit Freundlichkeit begrüßt zu werden, sondern auch, weil Azzazello letzte Woche einen großen Teil seines eigenes Vorrates gegen menschliche Währung eingetauscht hatte, um sich Wasser kaufen zu können.
"Da sieht man mal wieder, wer uns beiden der bessere Fürst ist! Ich musste mir noch gar keine Sorgen wegen Wasservorräten machen", erwiderte Lycram lachend darauf, als Azzazello ihm von seinem Leid berichtete.
"Ich bezweifle, dass es etwas mit unseren unterschiedlichen Regierungsarten zu tun hat. Du hast nur einfach keine Frau, die auf ihr tägliches Bad besteht." Diese Antwort brachte Lycrams Lachen zum Schweigen, denn dies schien er nun wirklich nicht witzig zu finden. Skeptisch hob er die Augenbrauen und fragte ebenso kritisch:
"Du hast deinen Alkoholbestand eingetauscht, damit diese Schlampe täglich baden kann? Bist du denn noch bei Trost?" Azzazello musste zugeben, dass diese Tatsache aus Lycrams Munde wirklich ziemlich abstrus klang; ganz anders als aus dem Munde seiner Frau, als sie ihn vor vollendete Tatsachen gestellt hatte. Nun wurde er tatsächlich ein wenig rot und erwiderte verteidigend:
"Wenigstens habe ich sie dazu überredet bekommen, mit den Kindern zusammen zu baden." Darauf, dass Lycram seine Frau als eine "Schlampe" bezeichnet hatte, ging er nicht ein; er war es bereits zu sehr gewohnt, dass sein Halbzwilling solcherlei Worte benutzte, um seine Mitdämonen zu beschreiben und obwohl Azzazello es genauso störte, wie es ein Elternteil gestört hätte, wenn ihr Kind schmutzige Wörter gebrauchte, hatte er sich schon lange damit abfinden müssen, dass dies nun einmal das Vokabular war, welches sein Halbzwilling bevorzugte.
"Ach du Scheiße! Lass uns schnell mit dem eigentlichen Thema beginnen; meine Ohren fangen ja an zu bluten, wenn ich mir diese Scheiße anhöre! Azza-aniki, wie hältst du das nur aus?!" Und schon war Azzazello im siebten Himmel und sämtliche Schimpfwörter und nicht vorhandener Alkohol waren vergessen, wenn Lycram zu seinen, zugebeben, niedlichen Wurzeln zurückkehrte, zu der Zeit, wo sie beide noch kleine Dämonen gewesen waren und Lycram nicht in der Lage gewesen war, den Namen seines älteren Zwillings richtig auszusprechen.
Lycram schien nicht zu bemerken, was für eine Freude er Azzazello mit dieser Wortwahl bereitetet hatte und blickte ihn eher so an, als zweifle er an seinem Verstand, denn er verstand absolut nicht, was an der Lage Azzazellos so erfreulich sein sollte - er sollte eher Mitleid mit sich selbst haben.
"Aber gut, aber gut", meinte Azzazello, nachdem er sich erfolgreich in seiner kleinen, privaten Freude gelabt hatte:
"Du hattest bei der Kriegserklärung angedeutet, dass es eine Veränderung im Gebiet Ri-Ils gegeben hat." Sofort als der Name seines Widersachers genannt wurde, war Lycram wieder Feuer und Flamme: mit schnellen Schritten stolzierte er zu seiner enorm großen, elektronischen Karte der Dämonenwelt, eine Tat, die Azzazello ihm gleichtat, wenn auch mit weniger pompösen Schritten.
"Ich denke, ich habe genau das, was du hören willst: Ri-Ils Horde hat sich gesammelt und es sieht sogar ganz danach aus, dass sie für den nächsten Krieg schon bereit ist - und das war bereits so, bevor dieser Schwachmat von einem König diese verdammte Kriegserklärung vorgelesen hat!" Lycram zeigte auf einen rotmarkierten Punkt auf der Karte, welcher wohl aus menschlicher Sicht die Hauptstadt eines Gebietes kennzeichnen würde, bei den Dämonen aber schlichtweg der Hinweis dafür war, wo der jeweilige Fürst zu leben pflegte:
"Als ich mir das letzte Mal ein neues Weib von ihm angeschafft habe, habe ich bemerkt, dass sich ziemlich viele Dämonen um Ri-Il geschart haben." Nun war es Azzazello, der die Augenbrauen hob; halb belustigt, halb skeptisch - Lycram musste Ri-Il ziemlich oft besuchen, wenn er bemerkte, sobald sich die Anzahl der um ihn herum lebenden Dämonen veränderte. Aber diesen Gedanken sprach er nicht aus; es kam ihm immerhin nur zugute, dass Lycram seinen Nachbar mit paranoiden Augen beobachtete.
"Wann war das?", fragte er daher stattdessen. Lycram senkte seine Hand wieder und antwortete:
"Vor drei Tagen." Vor drei Tagen hatte er sich ein Mädchen von Ri-Il gekauft und kam zur Kriegsrede dennoch mit einem anderen Mädchen? Was war Azzazello froh, ein Mann zu sein! Als Mädchen von Lycram gekauft zu werden, war beinahe, als wäre man an den Tod persönlich verkauft worden.
"Lycram, meinst du nicht, dass dein… "Verbrauch" an Mädchen ein wenig…" Weiter kam Azzazello nicht, ehe Lycram ihn bereits mit seinen orangenen Augen anklagend durchbohrte:
"Du bist ja wohl der Letzte, der mich im Umgang mit Weibern belehren sollte!" Der Angesprochene wollte etwas erwidern, doch für Lycram war das Thema beendet und er wandte sich wieder der Karte zu:
"Ich muss sagen, dass ich nicht darauf gekommen bin, dass Ri-Il sich für den nächsten Krieg vorbereitet. Ich habe geglaubt, dass er seinen östlichen Nachbar angreifen würde."
"Er hätte genauso gut dich angreifen können, Lycram." Abermals wurde Azzazello von den Augen Lycrams durchbohrt, doch nur für einen kurzen Moment, ehe er diesen Kommentar mit der Hand von sich wegschob:
"Tzzz, ich bin viel zu stark für ihn!"
"Ich glaube eher, du bist ein zu guter Kunde." Diese Worte wählte Lycram zu überhören und fuhr fort, als hätte er nichts gehört:
"Aber jetzt ist es natürlich absolut klar, warum seine Horde vorbereitet ist und warum die Kriegserklärung so bescheuert klingt!"
"Hast du etwa schon einen Verdacht, wer hinter der fragwürdigen Kriegserklärung stecken könnte?" Verächtliches Schnauben kam als Antwort, ehe Worte folgten:
"Verdacht!? Findest du nicht, dass da bereits Beweise zu finden sind?!"
"Beweise?", fragte Azzazello verwundert und weitete seine Frage aus:
"Meinst du etwa die fragwürdigen Zufälle was Ri-Il angeht? Nennst du das Beweise?" Es war nicht schwer zu erkennen, dass Azzazello ins Schwarze getroffen hatte: Lycrams von Wut und Widerwille verzerrtes Gesicht war eindeutig und benötigte keine besonders große Gabe im Bereich der Interpretation.
""Zufälle"? In Verbindung mit Ri-Il gibt es keine "Zufälle"! Es liegt doch verdammt klar auf der Hand, wer hinter alledem steckt! Wer sonst sollte es sein, wenn nicht er?! Immerhin ist es seine Horde, die vorbereitet ist und es ist seine Schlampe, die sich von Lerou durchnehmen lässt! Dann kommt diese absolut hirnverbrannte Ankündigung, die nur von Ri-Il stammen KANN! Obendrein ist Ri-Il der Einzige, dem ich es zutraue, irgendetwas über das verdammte Siegel zu wissen - und das nennst du "Zufälle"?!" Wohlbewusst wählte Azzazello das Schweigen, denn er wusste, dass Lycram schwer auf Ri-Il zu sprechen war; genauer gesagt war er das Thema, welches ihn am leichtesten zum Kochen brachte - wenn man vom Halbdämonen-Thema absah. Doch natürlich hatte auch Azzazello über diesen Gedanken nachgedacht, ansonsten hätte er Lycram ja auch nicht gefragt; doch dieser Gedanke behagte ihm nicht, gab ihm nicht das Gefühl, dass er auf der richtigen Spur war. Ri-Il war undurchsichtig, selbst für Fürsten, die schon lange mit ihm zu tun gehabt hatten. Doch irgendetwas passte nicht ins Bild: Ri-Il war zu gerissen für diese Farce - wenn es wirklich er wäre, der dahinter steckte, so gäbe es diesen offensichtlichen Verdacht nicht. Aber wenn er es nicht war, wer war es dann? Und warum ließ Ri-Il zu, dass er verdächtig wurde, nicht nur von Lycram, sondern sicherlich auch von den anderen Fürsten? Und warum war seine Horde offensichtlich als einzige vorbereitet? Hatte Lycram mit seinem ersten Verdacht vielleicht recht gehabt und Ri-Il hatte sich und seine Untertanen darauf vorbereitet, einen seiner Nachbarn anzugreifen und das war alles nichts als ein dummer Zufall?
Doch Azzazello beschloss, dass er diese Gedanken wohl kaum mit Lycram würde teilen können; dafür war Lycram zu sehr von dem Gedanken besessen, Ri-Il Schuld in die Schuhe zu schieben oder einen Skandal auszulösen, der Ri-Il und dessen Ruf und Territorium Schaden zufügen konnte. Daher wählte Azzazello einen anderen Weg, um zu seinem Ziel zu gelangen:
"Ich denke, Lacrimosa könnte etwas wissen und wenn nicht, dann kann sie es leicht herausfinden." Lycram fragte gar nicht erst, welcher Gedanke hinter dem plötzlichen Einfall seines Bruders steckte; er ging sofort in Abwehrposition:
"Ich rede nicht mit dieser Fotze, das kannst du gleich vergessen!"
"Sie redet auch nicht mit dir oder mit mir. Sie redet mit keinem Mann; jedenfalls nicht so, dass man es eine Konversation nennen könnte…", erwiderte Azzazello und konnte nicht darum herum kommen, einen kurzen Schauer auf seinem Rücken zu verspüren.
"Meine Meinung! Der einzige, mit dem sie spricht, ist Lioris - und den kann man wohl kaum einen Mann nennen!" Es war offensichtlich, dass Lycram ins Schwarze getroffen hatte, denn ein trickreiches Lächeln breitete sich auf Azzazellos Gesicht aus; ein Lächeln, dessen Bedeutung Lycram sofort verstand. Begeistert war er zwar nicht unbedingt von der Idee, doch obwohl er dies nicht war, sah er sein, dass sie nicht unbedingt schlecht war - und so rief er nach dem Mädchen, welches er gerade noch losgeschickt hatte, um Alkohol zu besorgen.
Panisch kam sie auch umgehend wieder angestolpert, bepackt mit den gewünschten Getränken.
"Warum zur Hölle hat das denn so lange gedauert?! Bist du auf dem Weg eingeschlafen oder was?!" Azzazello konnte nicht klar beurteilen, ob sie freiwillig sofort in die Knie ging, oder ob Lycram nachgeholfen hatte, doch mit den Flaschen an ihre Brust gedrückt ließ sie sich auf die Knie fallen. Sie fing an, verzweifelt um Vergebung zu betteln, etwas was Lycram eindeutig zu gefallen schien, denn die Hand, die eben noch in Angriffsposition war, stemmte er befriedigt wieder in seine Hüfte und ein selbstgefälliges Lächeln tauchte auf seinem Gesicht auf - welches allerdings sofort in sich zusammenfiel, als die beiden Fürsten eine weitere Aura spürten, welche sich näherte und schon in der Tür stand, nachdem sie diese gewaltsam aufgeschlagen hatte.
Im großen Türrahmen war ein eher schmächtig aussehendes Mädchen aufgetaucht; ein Mädchen, welches vom Gesichtsausdruck her zu urteilen lieber sterben würde, als sich Lycram vor die Füße zu werfen. Eigentlich war die Bezeichnung "Mädchen" auch eher unkorrekt, denn sie war mehr als hundert Jahre alt, doch ihre geringe Größe, was sowohl Höhe als auch Vorbau anging, ließ sie kindlich wirken - besonders gepaart mit ihren bonbonrosafarbenen Haaren, welche sich wie immer zu einem unordentlichen Nest auf ihrem Kopf zusammengefunden hatten. Auffallend war sie nicht aufgrund ihrer nicht vorhandenen Schönheit, sondern eher durch ihre übertriebene Kleidung, mit welcher sie gleichzeitig ihre unweibliche Statur verbergen und gleichzeitig unterstreichen wollte, dass sie nicht zum gewöhnlichen Fußvolk gehörte; was sie auch nicht tat. Sie war immerhin Azzazellos Frau - Rime, alias Anastasia.
"Rime!" Die Stimme Azzazellos entsprach genau dem Gegenteil von Lycrams Gesicht, als er seine Frau sah. Vom einen Moment auf den anderen hatte der eher in sich gekehrte, verschlossene Dämon die Tür zu seiner Verschlossenheit gefunden und diese ruckartig aufgestoßen. Er war auf der Stelle herumgewirbelt und schien Rime mit offenen Armen entgegenlaufen zu wollen, doch ein vor Gift triefender Blick Rimes ließ ihn erstarren. Doch er war noch nicht an der Reihe:
"Es hat sich wirklich gar nichts verändert, seitdem wir uns das letzte Mal getroffen haben!", ertönte Rimes Stimme durch den Audienzsaal, im Einklang mit dem Geräusch ihrer viel zu spitzen Hacken, auf denen sie sich schon öfter blamiert hatte, während sie auf Lycram und ihrem Mann zusteuerte, der eine genauso giftig dreinschauend wie sie selbst, der andere mit bösen Vorahnungen und daher eher mit Sorge im Gesicht.
"Wie erbärmlich! Immer noch versuchst du verzweifelt, deine nicht vorhandene Männlichkeit dadurch zu ersetzen, wehrlose Frauen zu quälen. Siehst du selbst nicht, wie erbärmlich das ist? Hast du keinen Spiegel in deinem viel zu großen Schloss? Du solltest dir endlich ein Beispiel an Azza nehmen!" Man sollte meinen, dass Lycram sofort explodierte und ihr den Hals umdrehen wollte, doch er blieb für seine Verhältnisse recht ruhig:
"Lieber erbärmlich als so auszusehen wie du!" Um diese Worte zu unterstreichen, streckte er seinen linken Zeigefinger aus und berührte ihre rechte Brust, die unter den vielen Stofflagen kaum zu spüren war. Doch anscheinend spürte Rime noch genug, um sie auffahren zu lassen und mehrere Meter zurückzuweichen; das Gesicht hochrot vor Scham, denn natürlich hatte sie diese Anspielung verstanden. Lycram beachtete ihre Reaktion nur aus den Augenwinkeln, denn er wandte sich an seinen Halbzwilling und sagte mit einem fast schon bemitleidenden Grinsen:
"Du tust mir fast Leid, dass du nicht im Stande bist, dir eine anständige Frau anzuschaffen, welche man wenigstens als Frau erkennt. Wenn du mich lieb bittest, dann leg ich vielleicht ein gutes Wort bei Ri-Il ein; vielleicht gibt er dir ja einen Sonderpreis!?"
"DAS REICHT! VERGLEICH MICH NICHT MIT EINER BILLIGEN NUTTE, DU ARSCHLOCH!", kam es nicht von Azzazello, sondern von Rime, welche bereits im Begriff war, Lycram angreifen zu wollen, doch von ihren Mann aufgehalten wurde, welcher die beiden gut genug kannte, um bereits seit einigen Minuten darauf vorbereitet gewesen zu sein, eingreifen zu können.
Im gleichen Moment, in dem Rime zum Sprung ansetzen wollte, schien sie die Balance zu verlieren und ehe sie reagieren konnte, stolperte sie und fiel der Nase lang hin. Lycram, der sich bewusst war, dass dies nichts mit Tollpatschigkeit zu tun hatte, sondern mit Azzazellos Kampffähigkeiten, die seinen nicht unähnlich waren, schien dieses Szenario unheimlich gut zu gefallen, denn kaum, dass Rime auf dem Boden gelandet war, fing er boshaft an, sie auszulachen.
Wenn Blicke töten könnten, so wäre nicht nur Lycram in diesem Moment gestorben, sondern besonders Azzazello, denn auch Rime wusste, dass das nichts mit ihren Schuhen zu tun hatte. Dazu ihren Mann zur Schnecke zu machen kam sie allerdings erst, als sie wieder in ihrem eigenen Palast waren:
"Was in drei Teufels Namen sollte diese verdammt erbärmliche Vorstellung?!" Azzazello reichte ihr etwas zu trinken, doch schnell beförderte Rime das Glas samt dessen Inhalt gegen die nächste Wand, nur um ihre Arme vor ihrer Brust zu verschränken und in unruhigem Takt auf den Boden zu stampfen. Der Versuch Azzazellos, sie beruhigen zu wollen, war kläglich gescheitert, doch aufgeben tat er nicht; seine Stimme klammerte sich weiterhin an die Hoffnung, sie könne seine Frau beruhigen:
"Du musst verstehen, Rime, es war notwendig. Es ist viel leichter mit Lycram zu verhandeln, wenn er in guter Stimmung ist und diese Vorstellung war genau das Richtige für sein Gemüt." Sie hob die Augenbraue als Antwort, hielt ihre Worte einen Augenblick zurück und sagte dann:
"Du hast mich also dafür ausgenutzt?" Azzazellos Lächeln wurde ein wenig steif, als sie dies so kalt erwiderte und schnell beeilte er sich, zu sagen:
"Also, so würde ich das jetzt nicht formulieren… Siehst du, Rime, es war wirklich sehr wichtig für unsere Politik, dass ich Lycram von dieser Sache überzeuge. Es ist sehr entscheidend für die zukünftige Kriegsführu-" Anscheinend lag es nicht im Bereich von Rimes Interesse ihm zuzuhören, denn sie jagte ihm ihr Knie in seine Magengegend und wie es sich für einen mehr oder weniger höflichen Fürsten und Ehemann gehörte, tat er so, als würde es ihn schmerzen, obwohl er den Tritt kaum gespürt hatte. Es hatte Rime allerdings genügt, sein Zusammenzucken zu sehen, denn daraufhin wandte sie sich auf den Hacken herum und war im Begriff, den Raum zu verlassen. Während ihre Schritte im Raum wiederhallten, untermalte sie diesen Rhythmus mit folgenden Worten:
"Ich werde die nächsten vier Wochen nicht mit dir schlafen und wenn ich herausfinde, dass du dir einen runtergeholt hast, dann entmanne ich dich höchstpersönlich!" Azzazello wusste, dass dies eine leere Drohung war: zum einem daher, dass Rimes Zeitgefühl genauso katastrophal war wie ihre Haare und zum anderen hatte sie ihm schon öfter damit gedroht, ihn seiner Männlichkeit zu berauben und ihr Vorhaben nie in die Tat umgesetzt: dennoch kam er nicht darum herum, bei dieser Vorstellung ein wenig blass zu werden.


Es gab allerdings andere Frauen, die solcherlei Drohungen sehr wohl in die Tat umsetzten - und in dieserlei Aktivitäten bereits eine gewisse Routine erreicht hatten. Eine von diesen Frauen war besonders berüchtigt dafür - doch dies war nicht das Einzige, wofür die einzige weibliche Fürstin der Hohen bekannt war. Entweder es interessierte sie nicht, welche Gerüchte über sie und ihr Reich kursierten oder sie genoss es regelrecht. Egal wie viele von diesen Gerüchten der Wahrheit entsprachen, eines hatten sie alle gemeinsam: sie richteten sich immer gegen das männliche Geschlecht und das nicht ohne Grund.
Lacrimosa hasste Männer.
Dabei war es ihr vollkommen egal, ob das Mensch, Wächter oder Dämon war. Ihrer Meinung nach war es ein Unding, dass sie als das "stärkere Geschlecht" angesehen wurden und sie tat alles in ihrer Macht Stehende, um diese Meinung zu verbreiten - mit einer brutalen Leidenschaft, die der männlichen Gewalt in Nichts nachstand. Nicht ohne Grund war sie die mächtigste Frau der Dämonenwelt.
Ihre Horde gehörte zu den größten und bestand zu 100% aus Frauen; Frauen, vor denen man sich in Acht nehmen sollte, denn nicht ohne Grund wurden sie von den Männern als wildgewordene Amazonen beschrieben, die alles, aber auch alles, für Lacrimosa tun würden, die wohl die Einzige unter den Hohen war, die ihre Untertanen nicht wie solche behandelte, sondern wie Schwestern - außer natürlich Azzazello, der ebenfalls für ein "freundliches" Regime bekannt war. Ihr Territorium war ein Zufluchtsort für alle Frauen - ein Ort, an dem sie nicht in Angst und Schrecken leben mussten, solange sie sich an die Regeln des Territoriums hielten. Ein Territorium, welches nicht nur wegen seiner Einwohner einzigartig in der Dämonenwelt war, sondern auch aufgrund des Klimas, welches man nirgendwo anders fand als in diesem Gebiet: Minusgrade. Die normale Temperatur lag bei 10 Grad unter dem Gefrierpunkt und somit war das gesamte Territorium Lacrimosas von Eis und Schnee bedeckt und daher war die Betitlung "Schneekönigin" nicht weit daneben gefehlt. Das Klima war auch ein weiterer Grund dafür, dass die Horde Lacrimoas sich von den anderen unterschied: die Frauen waren kälteresistent; etwas, was viele andere Dämonen nicht waren, da die Temperatur im Rest der Dämonenwelt weitaus höher lag. Dank des Eises war Lacrimosa nicht nur vor Eindringligen geschützt, sondern auch noch unabhängig von den anderen Fürsten: sie war nicht darauf angewiesen mit den anderen zu verhandeln, da sie selbstversorgend war: wo es so viel Eis und Schnee gab, da gab es auch Wasser. Man konnte also mit ruhigem Gewissen behaupten, dass Lacrimosa nicht nur das außergewöhnlichste Mitglied der Hohen war, sondern auch ihr Territorium.
Es gab allerdings auch andere Mitglieder der Hohen, die als "außergewöhnlich" eingestuft werden konnten und eines eben dieser Mitglieder kam just in diesem Moment durch die Tür zu Lacrimosas Schlafzimmer förmlich hineingeschneit; begleitet von vier Frauen, die allerdings mehr einer Eskorte ähnelten und er, der eigentlich nur ein unschuldiger Besucher war, wurde wie ein Schwerverbrecher behandelt.
"Lacrimosa, wir haben einen Knilch an unserer Grenze entdeckt, der dort herumlungerte und ganz offensichtlich vorhatte, uns Schaden zuzufügen!" Lacrimosa drehte sich nicht von dem großen Spiegel weg, in dem sie sich gerade begutachtete, während eines ihrer Mädchen dabei war, ihre doch recht eigenwillige Frisur zu bändigen.
"Ich bin kein "Knilch"! Ich bin ein Mann! Lasst mich los!" Als diese Stimme ertönte, wandte Lacrimosa sich endlich von ihrem Spiegelbild ab, welches sie zuvor so sehr in Anspruch genommen hatte, dass sie dem Eindringling keine Beachtung geschenkt hatte, obwohl sie ihn im Spiegelbild hatte sehen können.
"Lio-kun!", entfuhr es ihr erfreut und sie schlug euphorisch die Hände zusammen, als sie den Kleinsten unter den Fürsten in ihrem Schlafzimmer vorfand.
"Lioris. Mein Name ist Lioris!" Der kleine Dämon, der mehr einem Kind ähnelte, hob schmollend die Unterlippe hoch, während er weiter versucht war, sich aus den Griffen der Frauen zu befreien, was sich jedoch als unnützes Unterfangen herausstellte: zu fest war ihre Umklammerung. Erst als Lacrimosa den Befehl dazu gab und mit einem süßen Lächeln unterstrich, dass von Lioris keine Gefahr ausging, ließen sie ihn los, doch verschwanden nicht aus dem Zimmer.
"Keine Sorge, Lio-kun! Meine Schwestern werden dir schon nicht weh tun; ich werde sehr gut auf dich aufpassen." Jeder andere männliche Dämon hätte wohl Freudensprünge gemacht bei solch einem zweideutigen Satz von Lacrimosas wohlgeformten Lippen, denn obwohl sie berüchtigt war, war sie dennoch - oder gerade deswegen - heiß begehrt.
An sich war Lacrimosa eine Frau, wie sie im Buche stand: überaus gefühlsbetont, impulsiv, launisch, oftmals zickig und eine Frau, die es verstand, ihre überaus reizende Schönheit für ihre Zwecke zu missbrauchen. Obwohl sie für diese Taktik bekannt war, fielen erstaunlich viele darauf rein und sie freute sich jedes Mal wie ein kleines Kind darüber.
Lioris jedoch lief es nur kalt den Rücken herunter.
Lacrimosa setzte sich auf einen kleinen, zierlich wirkenden Thron und anstatt Lioris ebenfalls einen Sitzplatz vorzuschlagen, bot sie ihm einen Platz auf ihrem Schoß an. Von diesem Gedanken fast schon angewidert zuckte Lioris Augenbraue verdächtigt und ein wenig zögernd sagte er:
"Ich weiß, ich bin recht klein, aber ich bin… fast genauso alt wie Sie." Die Antwort darauf war ein zurückgehaltenes Kichern, was ihm nur noch weniger gefiel; vor allen Dingen, da es ihm peinlich war und dies auch in seinem erröteten Gesicht zu erkennen war.
"Och, du bist ja sou süß!" Okay, dachte Lioris, das war definitiv eines der meistverhassten Adjektive der Dämonenwelt, besonders wenn man zu der männlichen Gemeinschaft gehörte. Doch Lioris fühlte sich natürlich nicht beleidigt - okay, doch, tat er, aber er wusste, dass sein Aussehen in diesem Fall sein Vorteil war. Denn egal wie dämonisch er in seinem Inneren war, von außen war er mit seinen großen schwarzen Augen, dem orangenen Struppelhaar und seiner geringen Körpergröße von unter eins fünfundsechzig alles andere als angsteinflößend und er war sich sicher, dass kein anderer Dämon so oft wie er gehört hatte, dass er süß war.
Doch obwohl er sich jedes Mal aufs Neue beleidigt fühlte und am liebsten wiedersprechen würde, so war Lioris nicht auf den Kopf gefallen: er wusste, er hatte diesen Befehl nur erhalten, weil er so aussah, wie er nun einmal eben aussah (verflucht seien seine Gene) und dass es ihm Vorteile bringen würde, würde er nicht widersprechen, sondern mitspielen. Immerhin war sein kindliches Äußeres und seine piepsige Stimme, welche irgendwie vergessen hatte, in den Übergang zu gehen, der Grund dafür, warum Lacrimosa ihn nicht sofort aufspießte oder… Schlimmeres.
"Aber sag, Lio-kun, warum bist du hier?", weckte Lacrimosa Lioris aus seinen furchteinflößenden Gedanken und er wusste, dass es nun darauf ankam, wie er seine Antwort verpackte, ansonsten war sein Vorteil sofort verspielt. Daher legte er eine dramatische Redepause ein und tat so, als würde er beschämt zur Seite gucken.
"Ich… Lycram-sama hat mich gezwungen…" Er bereute seine Worte sofort, denn kaum hatte er Lycrams Namen gesagt, fand er sich auch schon in einer erdrückenden Umarmung wieder, wo der kleine Dämon in dem weichen, wohlgeformten Körper der Fürstin verloren ging.
"Oouuu, armer Lio-kun, hat der böse Lycram dich wieder gezwungen? Aaaarmeeer Liooooo-kun!" Lioris wusste, dass er in diesem Moment froh über sein Aussehen sein musste, doch er war es gewiss nicht. Dennoch beeilte er sich das bemitleidenswertestes Gesicht aufzusetzen, das ihm möglich war - in Gedanken sich daran erinnernd, dass Lycram ihm versprochen hatte, dass er - wenn er Lacrimosa zu einem Einverständnis bringen konnte - 10 Meter bekommen würde - zugegeben, das war nicht so besonders viel, aber einige Dämonen waren gezwungen, kleine Brötchen zu backen. Darüber hinaus hatte ihm Lycram versprochen, dass er die Kontrolle über seine Horde haben durfte; wohl bemerkt seine eigene Horde, welche Lioris eigenhändig aufgestellt hatte und die ihm genauso schnell genommen worden war. Denn das kleine Gebiet Lioris' lag in Lycrams und seine Horde und auch er selbst waren weitaus stärker als Lioris und so... war es beinahe weit hergeholt zu behaupten, dass Lioris eigenständig war. Er galt zwar als Fürst mit einem eigenen Gebiet, doch eigentlich war es viel mehr Lycrams Reservegebiet, von dem er sich ein paar Meter nahm, sobald er an einem anderen Ende welche verloren hatte.
Lioris war nicht schwach, nein, absolut nicht, auch wenn viele von seinem ach so niedlichen Aussehen geblendet waren. Seine Macht lag allerdings etwas ungünstig verteilt...
Doch diese würde jetzt sowieso nichts bringen. Jetzt war Psychologie gefragt und so setzte er seinen niedlichsten Ausdruck auf und konzentrierte sich darauf, Tränen in seinen Augen hervorzurufen, damit seine großen Augen glasig erschienen:
"Lycram-sama…"
"Oh, Lio-kun, er kann dich nicht hören; hier nicht! Sprich frei, mein kleiner Lio-kun!" Lioris lachte sich ins Fäustchen: das klappte ja besser als erwartet!
"Ja.. .also… er hat mich dazu gezwungen, Euch um einen Gefallen zu bitten… Solltet ihr ihn ausschlagen, so werde ich…" Lioris wollte gerade mit einer Reihe von dramatischen Torturbeschreibungen fortfahren, welche nicht einmal alle erlogen waren, doch Lacrimosa unterbrach ihn, ehe er seine Kreativität ausleben konnte. Stürmisch umarmte sie ihn und abermals fand der kleine Dämon sich in einer weichen Umarmung wieder.
"Sprich nicht weiter, Lio-kun! Ich werde nicht zulassen, dass der böse Lycram dir auch nur ein Haar krümmt! Also sag mir, was das für ein Gefallen ist, wofür der ach so tolle Lycram meine Hilfe benötigt." Verhindern, dass Lycram ihm auch nur ein Haar krümmen würde? , dachte Lioris ironisch; Lacrimosa müsste täglich bei ihm sein, um das verhindern zu können.
"Er möchte gerne, dass Ihr Euch mit unserer Hoheit trefft." Sämtliche weibliche Augenbrauen hoben sich in diesem Moment skeptisch und Lioris bemerkte sofort, dass die Frauen davon alles andere als begeistert waren. Lioris befürchtete bereits, dass die Operation fehlschlagen würde, doch plötzlich schlug der Gesichtsausdruck Lacrimosas um; er wurde zu einem triumphierenden Lächeln:
"Verstehe! Es handelt sich also um eine Aufgabe, die nur eine Frau erledigen kann: eine Frau wie ich!" Lioris witterte bereits den süßen Duft des Erfolges, doch eine der Anwesenden war nicht so davon überzeugt wie Lacrimosa es war und gab dies auch zum Ausdruck:
"Ich finde das klingt nicht gut, Lacrimosa. Du musst dich nicht für so einen Typen schmutzig machen: schon gar nicht für jemanden wie Lycram!" Die Angesprochene winkte diesen Vorwurf mit der Hand ab und erwiderte:
"Keine Sorge - was auch immer ich aus ihm heraus kitzeln muss, bekomm ich schon heraus, ohne mich dabei schmutzig zu machen!" Damit wandte sie sich wieder an Lioris, obwohl die Schwester Lacrimosas eindeutig noch etwas dazu zu sagen hatte:
"Also Lioris, was springt für uns dabei raus?" Okay, dachte Lioris; so weit ging ihre Liebe für niedliche Dinge also doch nicht. Auch gut, war ja nicht sein Problem: es waren Lycrams Ressourcen, die für dieses Vorhaben geopfert wurden und scheinbar würde es in Zukunft nicht mehr so gut um sie stehen, denn Lacrimosa änderte plötzlich ihre Meinung:
"Obwohl… er will etwas von mir. Also ist es doch nur fair, wenn ich die Bedingungen stelle, nicht wahr?" Lioris war nicht so dumm, dem zu widersprechen, denn Lycram hatte ihm nicht gesagt, unter welchen Bedingungen er dafür sorgen sollte, dass dieser Handel abgeschlossen werden sollte.
"Gut, das höre ich gerne! Aber um den richtigen Preis auszuhandeln, möchte ich erst einmal wissen, was für Informationen ich eigentlich unserer geschätzten Majestät entlocken soll?" Das war wohl der positivste Aspekt für Lioris: die Tatsache, dass er notgedrungen in diese noch kleine, politische Intrige eingeweiht worden war. Deutlich gegen den Willen Lycrams, doch Lioris musste natürlich wissen, was er Lacrimosa überliefern sollte:
"Ihr sollt herausfinden, wie unsere Hoheit plötzlich und allein auf die Idee kam, einen erneuten Krieg auszurufen." Nach kurzem Schweigen breitete sich ein schelmisches Lächeln auf den verführerischen Lippen Lacrimosas aus, mit welchen sie auch antwortete:
"Das passt mir gut. Genau diese Frage habe ich mir nämlich auch schon gestellt."


"Sind Sie gar nicht nervös?"
Er musste zugeben, dass er sich über diese Frage wunderte. Er wunderte sich sogar so sehr darüber, dass seine Finger kurz über den eingelassenen Tasten der Tastatur verharrten und die unendlichen Ziffern, Zeichen und Gebilde erstarrten im selben Moment auf den vielen großen Bildschirmen. Einen Moment lang dachte er über diese Worte nach, runzelte die Stirn und warf einen verstohlenen Blick auf das Spiegelbild der Frau, welches er in einem der Bildschirme ausmachen konnte. Durch das Spiegelbild sah sie ihn aufmerksam an, aber in ihrem Blick lag keine Neugierde, vielleicht sogar eher Desinteresse, so wie so dort auf dem Drehstuhl hockte; splitterfasernackt, die zierlichen Beine an sich gezogen und den Kopf darauf ruhend. Ihre Augen glühten immer noch vor Erregung, doch sie wirkte unberührt: ihr Zopf war feinsäuberlich zusammengebunden und auch ihre Schminke war wie frisch aufgetragen.
Karou wandte sich von dem Bild Nathiels ab und widmete sich wieder seiner Arbeit, während er antwortete:
"Nein, das bin ich nicht."
"Sie haben aber allen Grund dazu. Früher oder später werden die mehr oder weniger intelligenten Fürsten nicht mehr Ri-Il verdächtigen, sondern denjenigen, der Lerou am Nahesten ist - und das sind Sie. Zwar leugnet Lerou die Blutsverwandtschaft mit Ihnen, aber alle Fürsten sind sich im Klaren, wer Sie sind und daher haben Sie genug Motive, auch wenn vielleicht nicht alle offensichtlich sind…" Ohne von seiner Arbeit aufzusehen, erwiderte Karou:
"Ich schwebe nicht in Gefahr." Ein leises, hohes Lachen drang aus Nathiels Kehle und wieder kam Karou in den Sinn, dass ihr Lachen klang wie das Schlagen auf einen Triangel.
"Woher nehmen Sie bloß ihr Selbstvertrauen?"
"Mein Selbstvertrauen? Nun, das habe ich meinem einfältigen Zwilling zu verdanken." Zufrieden bemerkte Karou, dass Nathiel nun doch verwundert aussah, als sie den Namen der Majestät fragend wiederholte und Karou dies bejahte:
"Er ist ein optimaler Schutzschild: um an mich heran zu gelangen, muss man erst einmal an Lerou vorbei kommen… und die Fürsten wären allesamt verblödet, würden sie Lerou aus dem Weg räumen. Erst wenn ich ihn zu sehr beeinflusse und er mehr eine Gefahr als ein Nutzen ist, dann erst muss ich mit dem Gedanken spielen, dass die Fürsten versuchen würden, Lerou zu töten; was wiederum einen Kraftakt benötigt, denn genauso dumm wie er ist, genauso stark ist er auch. Die Fürsten müssten sich schon zusammentun und das ist seit mehr als fünfhundert Jahren nicht mehr geschehen." Kaum dass er ihr dies erklärt hatte, färbten sich die Bildschirme von türkis zu schwarz und der Raum, der nur von den Bildschirmen erhellt wurde, verfiel dem Dunkeln: nur die rote Schrift der Bildschirme war noch lesbar und das Tippen Karous hallte im Raum wider. Dieses Geräusch verstummte jedoch kurz, denn Karou wurde plötzlich von Nathiels Nähe unterbrochen. Sie war hinter ihm aufgetaucht und lehnte sich nun an die Stuhllehne des Stuhls, auf dem Karou saß.
"Warum haben Sie mir eigentlich nichts davon erzählt?" Karou zuckte ein kurzes zufriedenes Lächeln über das Gesicht, ehe er über die Schulter hinüber sah und antwortete:
"Wieso, Sie haben mir auch nie alles erzählt und das werden Sie auch in Zukunft nicht tun. Warum sollte ich es also?" Sie sahen sich an, blickten in die dunklen Augen des jeweils Anderen und sie wurden sich schnell einig, dass sie wieder einmal Gegenspieler waren.
Doch genau das zog sie an dem Anderen an.


Der Wind peitschte an den Klippen empor und vereinte sich mit dem Tosen der zerstörerischen Wellen, als sie gegen die Felsen krachten. Der Himmel zeigte sich im trüben Grau und untermalte die Stimmung eines schlechten Wetters: für die Einheimischen Schottlands ein typisches Wetter - für die Touristen, welche die berühmten Klippen des schottischen Hochlandes sehen wollten, ein ärgerliches Hindernis für ein schönes Urlaubsfoto. Aufgrund des Wetter lag die Klippe einsam und verlassen da, bis auf eine Frau, die zwar keine Einheimische war, das Wetter aber dennoch nicht als störend empfand: sie genoss es, besonders den Wind in ihrem Gesicht und wenn er auffrischte, an Kraft gewann und ihre Haare aufwirbelte. Verträumt, mit einem fast schon seligen Lächeln, schloss sie die Augen, während sie den Kopf hob, als würde sie darauf hoffen, dass der Wind sie empor tragen würde.
"White-san, wie ich sehe, sind Sie mir zuvorgekommen." Die Angesprochene drehte sich um, als sie die bekannte Stimme Adirs hörte und sah ihn auf der kleinen Holzbank sitzen, das eine Bein über das andere geschlagen, als würde er schon die ganze Zeit dort sitzen. Doch sein Anblick wirkte ungewohnt und White kam in den Sinn, dass es wohl daher kam, dass sie ihn noch nie in menschlicher Kleidung gesehen hatte. Doch der graue Mantel kleidete ihn sehr gut. Mit einem Lächeln sagte er:
"Ich hatte gedacht, ich sei zu früh!"
"Nein, ihr seid beide genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen", unterbrach die Stimme ihres Vaters das Gespräch, welcher wie aus dem Nichts zwischen ihnen aufgetaucht war; ebenfalls in menschlicher Kleidung und scheinbar war er einfallslos gewesen, denn er trug einen Mantel, der dem von Adir recht ähnlich sah, außer dass er von weißer Farbe war.
"Ich denke, bevor wir fortfahren, wären Adir-san und ich dankbar, wenn du uns erst einmal erklären würdest, was der Grund für dieses Treffen ist und warum wir uns ausgerechnet an diesem Ort treffen." Adir deutete ein leichtes Nicken an, während er sich von der Bank erhob und sich dann neben Shaginai platzierte, welcher sich in Bewegung setzte, während er sagte:
"Ich will mit euch über Inceres-no-danna und sein… Verhalten sprechen." Beide Hikaris sahen sich fragend an, ja fast schon ein wenig nervös - kein besonders angenehmes Thema.
"Und deswegen treffen wir uns hier, auf Terra. Hier gibt es keine Wände, die Ohren haben." Adir sah aus, als würde er darauf am liebsten entgegnen wollen "Wenn du dich da mal nicht irrst", doch er sagte nichts und White ebenfalls nicht, so dass Shaginai ausführte:
"Es ist offensichtlich, dass er Yogosu stets in Schutz nimmt." White hielt sich bedeckt und ließ Adir antworten:
"Augenscheinlich liegt ihm viel an Green." Shaginai, welcher mit seinen großen Schritten fast einen Meter vor ihnen gegangen war, hatte sich nun herumgedreht, als Adir dies sagte, fast so, als hätte er nur auf eben diesen Einwand gewartet.
"Und genau dies ist der Grund meiner Skepsis! Warum hegt er eine solche Sympathie für sie? Bevor Inceres-no-danna sie wiederbelebte, hatten sie kein einziges Treffen miteinander und doch zeigte er offensichtliche Zeichen der Verbundenheit! Er behandelt sie wie sein eigenes Kind und nimmt sie auch verblendet in Schutz als wäre sie es." Nachdenklich legte Adir seinen Zeigefinger an sein Kinn und antwortete nach einer kurzen Weile:
"Auch ich habe mich darüber gewundert. Doch ich denke es liegt auf der Hand, dass ihre identische Augenfarbe der Grund für sein Verhalten ist. Wir haben keinerlei Kenntnisse über die Vergangenheit Inceres-no-dannas, doch vielleicht sorgten seine Augen für eine ähnliche Ausgrenzung wie die Greens - und daher rührt vielleicht das außergewöhnlich hohe Maß an Empathie?" Shaginais Augen verengten sich einen Augenblick, ehe er sich mit wehenden Haaren umdrehte und zielstrebig seinen Weg fortsetzte, die Arme über der Brust verschränkt. Eine kurze Weile war der starke Wind ihr einziger Begleiter, bis Adir den Faden wieder aufnahm:
"Es ist ohnehin fraglich, weshalb Green keine weißen Augen besitzt. Ich muss gestehen, dass ich mich nicht an die Augen ihres Vaters erinnern kann; immerhin habe ich ihn nur ein einziges Mal getroffen."
"Er hatte blaue Augen", warf White leise hinein, obwohl ihr das Thema über alle Maße unangenehm war. Natürlich bemerkte Shaginai es nicht und selbst wenn, dann würde er darauf keine Rücksicht nehmen:
"Das spielt keinerlei Rolle. Yogosu hätte keine blauen Augen erben dürfen, denn die DNA eines Hikaris ist stets dominant. Es sei denn…" Shaginai war stehen geblieben und seine beiden Begleiter taten es ihm gleich. Er hatte sich nicht umgewandt, so dass Adir und White nun seinen breiten Schultern entgegenblickten, während White zögernd seine letzten drei Worte wiederholte, in der Hoffnung, dass Shaginai seine Gedanken doch aussprechen möge, denn White war plötzlich etwas aufgefallen, als sie sich das Bild von Greens Vater widerwillig vor Augen gerufen hatte:
Wenn sie genauer darüber nachdachte, dann besaßen Greens Augen mehr Ähnlichkeit mit denen von Inceres…
"Alles was ich sage ist, dass wir Acht geben sollten." Shaginais Worte weckten White aus ihren Gedanken, doch es war nicht sie, die antwortete, sondern Adir:
"Was deutest du mit diesen Worten an, Shaginai?" Abermals blieb der stolze Hikari stehen; nah beim Rand der Klippe, an welcher sich die hohen Wellen brachen und ihr Tosen zu den drei Hikaris mit dem starken Wind emporbrachten. Einen Moment schien es so, als wollte Shaginai die Frage Adirs ignorieren, während er in den stürmischen Abgrund hinab sah, doch er entschied sich anders:
"Inceres-no-danna hat niemals ein offensichtliches Interesse an uns oder dem Wächtertum gezeigt; erst nachdem Yogosu auf der Bildfläche erschienen ist, tat er es - doch auch nur, wenn es sich um sie handelt. Ich finde dieses Verhalten überaus fragwürdig: vielleicht mag ich zu unsensibel sein, doch ich bezweifle, dass seine Beweggründe mit Sympathie zu begründen sind." Shaginai sagte nichts mehr und kurz darauf kehrten die drei Hikaris wieder ins Jenseits zurück. Doch es gab eine Sache, die Shaginai nicht ausgesprochen hatte; einen Gedanke hatte er vor seinen Mithikaris und Familienmitgliedern verschwiegen:
ein ungutes Gefühl. Das gleiche ungute Gefühl, dass er seinerzeit auf dem Schlachtfeld einem Feind gegenüber empfunden hatte, von dem er genau wusste, dass dieser eine Gefahr darstellte.
Aber das konnte doch nicht sein.
Ein Hikari konnte doch unmöglich ihr Feind sein…?