Online: 2 Heute: 15 Gesamt: 172373
Episode 41
  Episode 41: Für die Wartenden I
"Offensichtlich bildet sich jemand zu viel auf seine vermeintliche Intelligenz ein."
Firey versuchte die Angst herunter zu schlucken, doch ihr Hals war zu trocken und es gelang ihr nicht, ihre aufkeimenden Gefühle unter Kontrolle zu halten. Der kalte Zorn in Karous Gesicht schürte ihre Furcht und noch schlimmer war das Bewusstsein, dass sie nichts, absolut nichts, dagegen tun konnte, dass er ihn an ihr auslebte.
"Oder aber du unterschätzt die Intelligenz eines Dämons. Eine Denkweise, die ich dir nicht einmal verübeln kann, wenn ich mir ansehe, mit was für einem gehirnamputierten Herrscher wir bestraft sind." Karou wandte seine kleinen, gereizten Augen von ihr ab und sah in Richtung der weit entfernten Decke, mit den Armen auf dem Rücken verschränkt, Fireys Panik nicht kommentierend.
"Du hieltest dich für schlau, kleine Feuerwächterin, doch glaubst du wirklich, ich wäre nicht in der Lage, eure Sprache zu übersetzen? Glaubst du wirklich, ich würde ein solches Loch in meinen Berechnungen zulassen? Eure Sprache mag heilig und für unsere Zungen nicht erlernbar sein, aber mein Computer ist jeder Heiligkeit erhaben. Ein also überaus naiver Gedanke, genau wie das Vorhaben, Lerou verbrennen zu wollen. Du bist wahrlich eine einfältige Wächterin, wenn du deine eigenen Fähigkeiten nicht einschätzen kannst."
Firey versuchte nicht zu denken, als er seine gelben Augen wieder senkte, doch es war unmöglich, ihren rasenden Gedanken voller Furcht irgendwie Einhalt zu gebieten. Ihr tropfte der Schweiß von der Stirn, sie spürte, dass ihre Augen wässrig wurden und dass ihr Hals aus Sand zu bestehen schien.
"Wäre Lerou nicht aufgetaucht, so hätte ich dich länger am Leben gelassen. Vielleicht hätte ich dich sogar gehen gelassen, einfach, um das Spiel ein wenig zu verlängern … jetzt kann ich das nicht mehr garantieren. Lerou weckt tatsächlich Sinnesempfindungen in mir, die schwer zu kontrollieren sind, weißt du, Feuerwächterin?" Mit einer vorgetäuschten Ruhe schloss Karou seine Augen für einen kurzen Augenblick, doch seine Stimme gab das Gegenteil preis: auf ihrer Oberfläche kräuselte eine eiskalte Wut.
"Meine eigentliche Ablenkung ist leider mit ihrem eigenen Spielzeug beschäftigt, sie kann mir also nicht helfen, mich abzureagieren … daher fühle ich mich gezwungen, meine Pläne aufzugeben." Fast in dem gleichen Moment, in dem er diese Worte sagte, spürte Firey, wie die Magieschellen von ihr abließen und überrascht - da sie die Freiheit für ihren Körper am wenigsten erwartet hatte - stürzte die Feuerwächterin auf den erhitzten Boden.
Etwas in ihr wusste sofort, dass dies kein Akt der Gnade war, obwohl Karou nichts tat oder sagte. Sie war jetzt kein Versuchsobjekt mehr, sondern etwas weitaus Schlimmeres. Ein Spielball.
Dieser Gedanke sagte ihr auch sofort, dass sie sich aufrichten musste, wenn sie diesem Schicksal entgehen wollte, doch ihr zitternder Körper gehorchte ihr nicht; war vor Furcht komplett gelähmt und mit diesem Ausdruck im Gesicht starrte sie ihn an; unfähig, ihren Blick abzuwenden.
"Keine versuchte Gegenwehr? Keine in Panik aufflammende Glut, wie ich sie schon so oft bei euch gesehen habe?"
Die Worte des Dämons schienen ihr weit entfernt; die Panik entzog ihr die gefahrenvolle Realität. Ihr Blick verschwamm, ihr Sein war kurz davor, der Ohnmacht zu verfallen, doch diese Gnade wurde ihr nicht zuteil.

Firey war der erbarmungslosen Realität bereits so fern, dass sie nur einen kleinen Picks in ihrem Handgelenk spürte - doch das eingespritzte Serum wirkte sofort. Mit einer unbarmherzigen Schnelligkeit erhielt die Realität die Feuerwächterin zurück.

Die vielen plötzlichen Eindrücke hämmerten ungnädig auf Firey ein, die ihren Kopf mit beiden Händen festhalten musste, um diese plötzliche Flut verarbeiten zu können. Es war, als würde ihr gesamter Körper plötzlich um einiges schneller arbeiten als normal; viel zu schnell für einen Menschen oder einen Wächter. Ihre Gedanken überschlugen sich förmlich; ihr Körper schien verwirrt über die vielen Empfindungen, Gedanken und die damit verbundenen Befehle zu sein. Ihr wurde schlecht, doch gleichzeitig fiel ihrem Körper plötzlich auch wieder ein, wie lange es her war, dass sie etwas zu sich genommen hatte. Sie hatte Hunger, hatte Durst, sie war müde, doch ihr Körper war unter Strom; sie atmete so schnell, als würde sie rennen, doch sie hockte fieberhaft zitternd auf dem Boden und bekam gleichzeitig keine Luft.
Ihr Körper spielte absolut verrückt.
"Die Dosis war offensichtlich zu hoch. Ihr menschlichen Wächter seid nicht sonderlich widerstandsfähig." Als wäre die monotone Stimme Karous ein Signal gewesen, fixierten sich die Geistesgüter Fireys wieder, wie eine alte Kamera, die sich langsam scharf stellte. Die Empfindungen ihres Körpers waren nach wie vor für sie unkontrollierbar, doch alle Gedanken waren nun wieder auf Karou gerichtet, auch wenn sie sich überschlugen in einem endlosen Marathon der Angst.
Es war schwer zu beurteilen, was er dachte, als Firey sich mühsam aufrappelte und auch keiner ihrer rasenden Gedanken galt seinem Eindruck. Doch obwohl seine harten Gesichtszüge es nicht verrieten, war er doch überrascht, dass sie sich auf die Beine gehievt bekommen hatte, obwohl er ihr eine Überdosis verabreicht hatte. Abspeichern.
Er ging nun langsam auf das vollkommen verwirrte Mädchen zu, das bei jedem Schritt taumelnd vor ihm zurückwich. Keiner ihrer wirren Gedanken schien auf die Idee zu kommen, dass sie versuchen könnte, ihn anzugreifen, wie sie es schon bei Lerou versucht hatte. Dem Serum zum Trotz war ihr dominierender Gedanke die Todesangst - und sie würde schnell herausfinden, dass diese Angst nicht unberechtigt war.
Doch zuerst würde sie stolpern, genau, wie Karou es vorausgesehen hatte. Ein plötzlich am Boden auftauchendes Kabel entraubte ihr die Balance; es war allerdings nicht der Grund, weshalb sie plötzlich auf dem Boden lag - in dem Augenblick, wo Firey nach hinten gestolpert war, war Karous Hand hervorgeschnellt, um sie zu Boden zu drücken.
Ein pochender Schmerz breitete sich in ihrem Hinterkopf aus, doch ihr übereiliger Körper entfachte bereits die Panik in ihr, noch ehe der hochgewachsene Dämon sich bedrohlich über sie beugte, mit beiden Händen ihre Schultern auf den Boden pressend.
"Vor 38 Minuten wolltest du mich noch provozieren, Feuerwächterin; hast mich unklugerweise auf Hirey angesprochen." Mit einer hastigen Bewegung brachte Karou seinen Kopf in eine schiefe Lage, wodurch seine Zöpfe in Bewegung gerieten und hin und her schwankten; eine Bewegung, die Fireys überreizte Sinne vollkommen überforderten. Ihre rasenden Augäpfel wussten gar nicht, wo sie hingucken sollten.
"Du wirst es wahrscheinlich als Kompliment auffassen, aber es ist keines, wenn ich dir sage, dass du mich an ihn erinnerst. Wahrscheinlich hast du Großes von ihm gehört; ein glorreicher Feuerwächter, dessen Pfeile immer ins Ziel trafen." Er schwieg kurz; analysierte das Wechselbad der Gefühle in Fireys schockierten Gesichtszügen, während er beide Hände von ihren Schultern löste und sich abwartend auftürmte. Diesen Augenblick hätte die Feuerwächterin nutzen können, um sich zu wehren, da sie nun wieder ihre Arme bewegen konnte, doch als er den Handschuh seiner linken Hand auszog, war sie wie gelähmt: unter dem Kleidungsstück kam keine normale Hand zum Vorschein, sondern eine schwarze, pulsierende Substanz, die nur die Form einer Hand besaß.
Firey wusste nicht warum, aber diese Hand bereitete ihr enorme Angst; größer als die Furcht, die sie bis jetzt gespürt hatte - und zu dem enormen Chaos in ihrem Körper und ihrem Sein war nun eine erneute Wahrnehmung hinzugekommen: Ihr Element warnte sie.
"Nun. Ich bin der lebende Beweis dafür, dass er nicht immer ins Ziel traf. Sein Pfeil war weit von meinem Herzen entfernt; es war alles andere als ein meisterhafter Schuss."
Firey hörte seine Worte kaum: Sämtliche Sinne waren auf die schwarze Hand gerichtet, die sich nun langsam ihrem Körper näherte. Sie versuchte verzweifelt, sich ihm zu entziehen, doch ohne Erfolg: ohne, dass er sich sonderlich anstrengen musste, sorgte Karous Körpergewicht dafür, dass sie auf den Boden genagelt wurde.
Ihr Körper zog sich zusammen, versuchte kleiner zu werden, doch nur noch wenige Zentimeter trennten seine falsche Hand von ihrem Bauch: ein Abstand, den Firey panisch sich verringern sah und dabei nicht auf Karou achtete, dessen gelbe vor Wahnsinn geprägte Augen kleiner wurden.

Es waren nur drei Fingerkuppen, die ihren Bauch berührten.
Dennoch stand ihr Körper in Flammen.

Es war wohl ihrem Element zu verdanken, doch Firey hatte noch nie Angst vor Hitze gehabt. In heißem Wetter fühlte sie sich wohl; sie duschte wärmer als alle ihre Geschwister und sie hatte sich noch nie an einer Herdplatte verbrannt, auch wenn sie diese direkt berührt hatte.
Eigentlich wusste sie nicht, wie gefährlich Feuer war; sie wusste nicht, wie sehr es schmerzte, verbrannt zu werden.

Jetzt wusste sie es.

Karous Hand war wie glühendes Eisen und ein schmerzerfüllter Schrei hallte an den entfernten Wänden des Labors wieder; sie konnte den Schmerz nicht zurückhalten, der in ihrem Körper entfesselt wurde und sich einen Weg durch ihre Kehle bahnte.
"Ja, jetzt verfluchst du deinen hochmütigen Elementarvorfahren dafür, dass er dieses eine Mal daneben geschossen hat, nicht wahr?! Hätte er doch nur getroffen; dann würdest du hier nicht liegen und müsstest nicht die Erfahrung machen, wie es ist, wenn der eigene Körper in Flammen steht!"
Seinen fieberhaften Worten schenkte Firey keinerlei Beachtung; der sengende Schmerz seiner emporwandernden Finger raubte ihr den Verstand. Sie versuchte sich zu wehren, um der Pein zu entfliehen, doch sobald ihre zuckenden Finger die schwarze Hand berührten, verzweifelt versuchend, sie wegzudrücken, begannen auch diese zu brennen.
Ihr beherzter Versuch wurde auch umgehend von Karou bestraft, obgleich ihm ihr kläglicher Widerstandsversuch überaus gefallen hatte und sogar ein kurzes, doch breites Grinsen auf seinem langen Gesicht hervorgebracht hatte und grinsend presste er den glühenden Zeigefinger auf ihre Haut, als würde er sie durchstoßen wollen.
Zuckend vor Schmerzen türmte sich Fireys Körper schreiend auf: Nie hätte sie es für möglich gehalten, dass sie einmal solche Furcht vor der Hitze haben würde; dass sie sich einmal so unwahrscheinlich schrecklich fühlen würde - sogar ihre verzweifelten Schmerzenstränen schienen auf ihren Wangen zu kochen.
Doch die Schmerzen verebbten und für einen kurzen Moment erhielt Firey Erlösung, denn er entfernte seine Hand wieder von ihr. Es war als würde ihr gesamter Körper aufatmen, als sie jedoch zögernd ihre tränenden Augen öffnete, war sie kurz davor, ein weiteres Mal zu schreien, denn sein nun wieder leblos dreinblickendes Gesicht war direkt über ihr.
"In 3 Minuten und 20 Sekunden wird sich zeigen, ob das Glück entweder auf deiner Seite ist oder auf der deiner Rasse." Die Feuerwächterin wünschte sich, sie könnte ihre Augen wieder zusammenkneifen, denn sie wollte keinen Blickkontakt mit ihm - aber sein stechender Blick schien die schwächelnde Firey zu hypnotisieren.
"Sollte der Fall eintreten, dass das Glück sich auf deiner Seite befindet, werde ich dir die Chance zur Flucht geben. Doch irgendwann wirst du wieder in meine Hand laufen und dann werde ich mein Vorhaben beenden, indem ich sehr viel Spaß mit dir haben werde. Da du die Letzte deiner Art bist, werde ich mir etwas Besonderes einfallen lassen …" Er schwieg für einen Moment, um Firey seine Worte interpretieren zu lassen und die Gedanken, die er deutlich im Gesicht der jungen Feuerwächterin lesen konnte, schienen ihm sehr zu gefallen, denn ein triumphierendes, breites Lächeln verzog sein Gesicht.
"Flieh, kleine Feuerwächterin, flieh: Irgendwann und sei es erst in ein paar Jahren, werde ich dafür sorgen, dass wir uns wiedersehen werden. Also hüte dich … und versuche wenigstens, mir die Jagd ein wenig amüsanter zu gestalten, ansonsten ist der schönste Teil des Prozesses es nicht wert, ihm entgegen zu fiebern." Das Entsetzen war deutlich in den Gesichtszügen der Feuerwächterin zu sehen und genauso deutlich war auch, wie sehr Karou sich in diesen angstvollen Gefühlen seines Opfers labte.
"Eine Minute."

Noch während er dies sagte, schnellte seine schwarze Hand hervor, packte ihre Kehle und die wahrlich grausamste Minute ihres Lebens begann.

Die Luft blieb ihr in der Kehle stecken, kein erstickter Schrei vermochte emporzudringen, während ihre Haut klagend den Widerstand gegen seine Hand aufgab und verbrannt wurde. Panisches Adrenalin durchströmte ihren vor Todesangst schreienden Körper und nun war die unvermeidliche Gefahr, ihre Hände zu verbrennen, gleichgültig: Obwohl es keinen Sinn hatte, packten ihre Hände mutig seine schwarze Hand, versuchten, sie verzweifelt von sich zu drücken, doch ohne sichtlichen Erfolg. Da Firey ihre Augen fest zusammengepresst hatte, bemerkte sie nicht, wie nah Karous Gesicht dem ihren war und wie ihre offensichtlichen Schmerzen und ihre Todesangst seine Wut nicht nur beruhigten, sondern ihn auch entzückten.

So sah sie auch nicht das, was sie nun erlöste. Die Bildschirme flimmerten plötzlich in einem hellen Licht auf, welches das Labor für einen kurzen Augenblick vollkommen ausfüllte. Nur einen kurzen Augenblick lang öffnete Firey ihre Augen, nachdem Karou sie losgelassen hatte. Nach Luft japsend wanderten ihre Augen automatisch schwach in die Richtung des plötzlichen Lichtes und … sie musste sich irren.
Das, was sie auf den Bildschirmen sah, konnte nicht möglich sein, dachte sie, während die Ohnmacht sie langsam hinabzog. Sie hatte dieses Bild schon einmal gesehen. Irgendwo … ja … wenn man die Computer der Wächter anschaltete … erschien doch dieses Bild … das drehende Wappen der Wächter … darunter die Aufforderung, das Passwort einzugeben …?
"… offensichtlich ist das Glück in dieser Nacht nicht auf der Seite der Wächter", urteilte Karou, als er sich aufrichtete und sich seinen Handschuh wieder anzog. Er warf einen letzten Blick zurück auf Firey, doch dieser Blick wurde nicht mehr erwidert, denn die Feuerwächterin hatte das Bewusstsein verloren und lag nun ohnmächtig, mit verbranntem Hals und Magen und ausgebreitetem rotem Haar auf den schwarzen Fliesen. Sein vorher noch erfreutes Lächeln schwand; sein Gesicht verwandelte sich wieder in die emotionslose Maske, ehe er sich ärgerlich seufzend abwandte und sein Labor verließ.


Firey hätte Siberu gerne noch einmal getroffen.
Sie hatte ihm nichts Bestimmtes zu sagen, nichts, was ihr auf dem Herzen lag und was er unbedingt hätte hören sollen.
Nur einmal sehen; das hätte ihr schon gereicht. Vielleicht mit seinem üblichen Grinsen, dann hätte sie ihm vielleicht zum ersten Mal gesagt, dass sie eben dieses Grinsen eigentlich sehr süß fand und dass er ja nicht damit aufhören sollte. Sie würde ihm dann sagen, dass ihm dieses Grinsen gut stand, viel besser als dieses traurige Gesicht, dieses letzte Gesicht von ihm, damals auf dem Schuldach.
Doch wahrscheinlich hätte sie sich nicht getraut, es zu sagen. Wahrscheinlich hätten sie sich gestritten, so wie immer.
Es wäre so schön gewesen, sich noch einmal mit ihm zu streiten … doch jetzt wusste sie nicht einmal, wie er nach all dieser Zeit aussah.
Hatte er sich verändert? Hatte er sich sehr verändert?
War das Grinsen noch da? War es noch genauso liebenswert?
Wenn sie ihn noch einmal sehen würde … dann würde sie ihm vielleicht sogar sagen …

"Jammer nicht!"

Firey wusste nicht, wo sie war oder wem diese Stimme gehörte - als sie die Augen öffnete, war sie verwirrt. War sie tot? Oder weshalb war sie nicht mehr in dem schrecklichen Labor Karous? Mühelos, da ihre Schmerzen verpufft zu sein schien, richtete sie sich auf: zutiefst verwirrt über diesen wahrlich eigenartigen Ort. Ein endlos erscheinender Raum erstreckte sich vor ihr, in dem sich absolut nichts befand; nichts, außer einem matten roten Leuchten, das den gesamten Raum aushüllte. Sie konnte den Boden unter ihren Füßen nicht spüren, als sie sich aufrichtete, doch Kreise zogen sich über diesen, als läge Wasser, rotes Wasser, auf ihm. Sie trug ein ihr fremdes Kleid, welches schien, als wäre es direkt mit ihrem Körper verbunden.
"H-Hallo?", fragte Firey unsicher ins Nichts, denn immerhin hatte sie eben noch eine Stimme vernommen … und diese musste doch irgendwo sein, obwohl sie sich nicht so sicher war, ob sie überhaupt herausfinden wollte, wem sie gehörte.
"Seht euch an, wie angreifbar das Mädchen ist." Firey hörte die Stimme, doch konnte nicht ausmachen, wo sie herkam und … die Stimme klang merkwürdig; als würden viele verschiedene Stimmen diese Worte auf einmal sprechen. Doch auch, als sie sich herumdrehte, konnte sie niemanden sehen.
"Ah, eine niedliche Hii ist sie."
"Eine Hii soll gefälligst nicht niedlich sein!"

"Wer seid ihr? Zeigt euch doch bitte!" Umgehend verstummte die Stimme, die nach so vielen auf einmal klang; nur von fern konnte Firey ein Lachen hören. Keines, welches sie direkt auszulachen schien: eher ein erfreutes Lachen.
"Du wirst uns erst sehen können, wenn deine Hikari die Weihe vollzieht."
"Die … Weihe?"
"Aber dass du unsere Stimme hören kannst, zeugt von Talent."
"Von Talent!? Das zeugt davon, dass sie nicht auf ihren eigenen Beinen stehen kann!"
Ein wenig ratlos ins Nichts starrend, schwieg Firey, denn sie wusste nichts mit den unsichtbaren Stimmen anzufangen; sie wusste ja nicht einmal, wer sie waren.
"Oh doch, das weißt du. Du hörst uns zwar noch nicht gut… aber die Flamme brennt bereits in dir."
"Aber sie wird erlöschen, wenn du dein Zögern beibehältst."
"Sie wird ein weiteres Mal flackern."
"Und ersticken."
Bevor diese Worte gesagt worden waren, hatte Firey diesen vielen Stimmen aufmerksam gelauscht, doch als diese Worte ausgesprochen wurden, erschütterte es sie und entsetzt antwortete die junge Feuerwächterin:
"Was kann ich tun, um das zu verhindern?" Wieder ertönte von fern ein freudiges Lachen, welches fast so klang, als würde es aus verschiedenen Richtungen kommen.
"Hihi, ist das nicht offensichtlich?"
"Du darfst nicht sterben."
Dies erinnerte sie daran, was eigentlich geschehen war: Sie war in Karous Labor gewesen und er … hatte ihr grausam die schmerzlichen Seiten ihres Elementes gezeigt; Seiten, die sie früher nie gefürchtet hatte und kaum, dass sie daran zurückdachte, verwandelte sich die angenehme Wärme um sie herum für einen kurzen Augenblick in sengende Hitze. Doch nur kurz währte dies, bis die Stimmen sie davor bewahrten:
"Feuer schadet nur denjenigen, die es fürchten."
"Fürchte dich niemals vor deinem Element."

"Aber … ich … ich bin nicht so wie die anderen Feuerwächter!" Diese Worte waren beinahe aus ihr herausgepurzelt gekommen und einen Moment lang schämte sie sich für sie, doch sie hatte die Wahrheit gesprochen und dieses Mal ertönte kein Lachen. Die Stimmen schwiegen und Firey fürchtete bereits, dass sie sie vergrault hatte, doch nach einer kurzen Weile waren sie wieder zu hören:
"Wir haben viele Gesichter."
"So viele Gesichter, wie das Feuer Formen hat."
"Unendlich.
Firey wusste nicht, was sie darauf antworten sollte, denn sie wollte sich nicht noch einmal für ihre Worte schämen, denn die Stimmen hatten ihre Zweifel nicht ausradieren können. Sie kam allerdings auch nicht zum Antworten:
"Du musst wieder zurück. Du musst aufwachen. Du darfst nicht fliehen…" Da bemerkte auch Firey es: die merkwürdige Umgebung begann zu flackern und die Stimmen wurden unscharf - aber sie wollte an diesem Ort bleiben, wollte nicht zurück…
"Bring das zu Ende … zu Ende … was ich … was ich … nicht … vollbrachte … brachte … Wachst du jetzt gefälligst mal auf?!"
Ein plötzlicher Schmerz riss Firey aus ihren Traumvorstellungen und die qualvolle Realität holte sie wieder ungesäumt zurück. Noch ehe sie die Augen öffnete, spürte sie bereits, dass sie nach wie vor am Boden lag - doch es musste einige Zeit vergangen sein, denn ihr Körper war ein wenig zur Ruhe gekommen. Er pochte und deutlich spürte sie ein enormes Brennen an ihrer Kehle, doch sie lebte.
Sie war am Leben.
Als Firey langsam die Augen öffnete, bemerkte sie, dass sie sich noch immer in dem Labor Karous befand, doch es war nicht Karou, dem die Stiefel vor ihren Augen gehörten. Überrascht, ja fast schon erfreut, schnellte Firey empor, auf ihre Schmerzen nicht achtend und auch darauf nicht, dass sie sich abstützen musste, um nicht sofort wieder hinzustürzen.
"Rui!?"
Das dämonische Mädchen hatte sich überhaupt nicht verändert; das Jahr war komplett spurlos an ihr vorbeigezogen. Sie trug das gleiche hautbetonte Outfit, welches ihr genauso wenig stand, als wenn Firey es tragen würde und ihre grellgrünen Haare stachen wie eine Ampel aus der Dunkelheit heraus. Sie hielt ein schwarzes Bündel in der Hand und trippelte ungeduldig mit dem Absatz ihres linken Stiefels auf dem Boden. Rui schien nicht im Sinne zu haben, ihre alte Rivalin irgendwie zu begrüßen und sie freute sich auch nicht gerade darüber; sie zu sehen. Ganz im Gegensatz zu Firey, die Rui zum ersten Mal in ihrem Leben am liebsten freudestrahlend um den Hals gefallen wäre.
"Was machst du denn hier und ist Si-"
"Ich werde dir keine Antworten geben!" Ohne eine weitere Erklärung abzugeben; hob Rui den Zeigefinger vor ihre Lippen mit einem vielsagenden Blick zu den Bildschirmen. Auch Firey wandte sich den nun wieder schwarzen Bildschirmen zu. Es sah aus, als wäre der Computer nicht eingeschaltet… hatte sie sich geirrt? Nein, das konnte nicht sein, denn irgendetwas, was dem Computer geglückt war, hatte ihr das Leben fürs Erste gerettet. Aber was bedeutete dies für die Wächter?
"Zieh dich an. Beeil dich." Die Stimme Ruis unterbrach ihre Gedanken, welche ihr nun das schwarze Bündel in die Hand drückte, wobei sie nicht auf die vielen Brandwunden auf Fireys Hand achtete, die die Feuerwächterin zusammenfahren ließen. Rui hob zweifelnd die Augenbraue, als sie die Schmerzen ihrer Rivalin bemerkte, doch anstatt über diese für sie unbekannten Schmerzen zu jammern, biss Firey die Zähne zusammen und machte sich ans Anziehen.
Doch Rui wäre nicht Rui, würde sie nicht die Chance nutzen, um den Körper ihrer Rivalin zu überprüfen und sie genauso zu necken, wie sie geneckt wurde.
"Du bist wirklich ziemlich flach." Diesen Witz hatte Firey an diesem Tag oft genug gehört und hatte daher nicht im Sinn, es einfach zu überhören:
"Als ob du mehr hättest…"
"Und deine Beine sind verdammt unwei- …" Rui unterbrach sich selbst, was Firey nicht mitbekam, denn sie war dabei, sich unter Schmerzen anzuziehen. Während die kleine Dämonin etwas an Firey auffiel, was ihr so überhaupt nicht gefiel, war die Feuerwächterin damit beschäftigt, behutsam ihren Hals abzutasten. Obwohl ihre Berührung vorsichtig war, brannte sie und sie hieß den doch recht engen Kragen des schwarzen Oberteils nicht gerade willkommen. Doch sie sollte froh sein, dass sie überhaupt die Chance hatte, von diesem Ort zu verschwinden … aber Karou hatte damit gerechnet und ihr schien weitaus Schlimmeres bevorzustehen, wenn er sie ein weiteres Mal erwischte.
"Woher hast du diese Beine?" Verwundert sah Firey nun auf, nachdem sie sich die dazugehörigen Stiefel angezogen hatte und kaum, dass sie Ruis Blick sah, der auf ihre Beine geheftet war, wurde sie skeptisch:
"Wie bitte?"
"Die sind ganz schön … lang." Die Angesprochene sah an ihren Beinen herunter und konnte absolut nichts an ihnen entdecken, was irgendwie aufsehenerregend war. Sie hatte eine Brandwunde von ihrem Bauch bis zu ihrem Hals - und Rui kümmerte sich um ihre Beine?!
Rui jedoch schluckte und schien fast schon Angst vor den Beinen der Feuerwächterin zu haben. Firey konnte ihren Gedanken nicht folgen, natürlich nicht - sie hatte auch gänzlich andere Sorgen. Natürlich kam sie da nicht auf den Gedanken, dass die langen Beine einer Frau als sehr weiblich und attraktiv galten und genauso wenig konnte sie wissen, dass Silver eben solche Beine mochte - Ruis momentan größte Sorge. Warum war ihr nicht schon früher aufgefallen, dass Firey doch einen Vorteil ihr gegenüber besaß?
Rui schüttelte hastig den Kopf, um diese angstvollen Gedanken zu vertreiben und wechselte schnell das Thema, indem sie meinte, dass sie sich gefälligst beeilen sollten. Man konnte ja nicht wissen, wann Karou wieder zurückkam und dann wollte Rui gewiss nicht hier sein.
"Ah, eine Sache aber noch", kam es Rui plötzlich in den Sinn, bevor sie fliehen konnten: Sie zog sich eine Kette mit einem blauen Prisma über den Kopf und drückte ihn Firey in die Hand. Gerade als sie fragen wollte, was das sollte, wurde es ihr selbst klar, denn von einem Moment auf den anderen konnte sie plötzlich Ruis Aura spüren. Gerade als Firey Rui fragen wollte, wie zur Hölle Rui an einen Ingnix herangekommen war, unterbrach die Dämonin ihr Vorhaben:
"Später, lass uns endlich hier weg! Wir haben schon viel zu viel gelabert!" Firey nickte einverstanden, doch als die Dämonin die Feuerwächterin gerade am Arm packen wollte, schüttelte Firey die Hand plötzlich ab, indem sie sich in die andere Richtung drehte, weg von der Tür, dorthin, wo die Bildschirme das Labor nicht mehr erhellen konnten.
"Was zur Hölle ist bloß los mit dir?!"
Firey hörte Ruis Stimme nicht mehr, denn sie hörte eine andere.
Die Stimme ihres Elementes war wieder da und egal wie sehr Firey sich nach den schützenden Wänden des Tempels sehnte, sie konnte unmöglich gehen, ohne der Stimme nachgegangen zu sein: Zum allerersten Mal hatte ihr Element wirklich Kontakt mit ihr aufgenommen … und obwohl sie die Besitzer der vielen Stimmen nicht erkannt hatte, so war sie sich sicher, dass sie ihren Elementvorfahren gehört hatten. Sie hatten sich ihr offenbart … und Firey würde ihnen vertrauen, auch wenn sie am liebsten fortrennen wollte.
Rui wollte Firey aufhalten, doch diese rannte bereits blindlings drauflos, froh, dass ihre Beine nicht verbrannt waren, rein in die tiefe, ungewisse Dunkelheit des Labors.
Kaum, dass sie sich aus dem erleuchteten Bereich entfernt hatte, wurde ihr Sichtfeld in Schwärze gehüllt und auch nach mehreren konzentrierten Blicken in diese Dunkelheit, gelang es ihren Augen nicht, sich an diese zu gewöhnen. Doch schnellen Schrittes ging sie unbeirrt weiter, der immer deutlich werdenden Stimme hinterher, einigen Stufen herunter, über die Firey beinahe gestolpert wäre, da sie sie in der Dunkelheit nicht erahnen konnte.
Doch kaum, dass die Feuerwächterin bemerkte, dass sie ihrem Ziel näher kam, packte Rui Firey am Kragen und löste so einen enormen Schmerz an Fireys Kehle aus, der sie zu einem erstickten Schrei brachte.
"Also, wenn du gerne als Versuchskaninchen enden willst - bitte! Aber ich nicht!" Firey achtete nicht auf Ruis genervte Worte, als sie versuchte, ihren Kragen ein wenig zu lockern, um ihre Kehle zu schonen. Auf die Worte der Dämonin ging sie nicht ein; ihre Neugierde war zu groß, um jetzt so kurz vor dem Ziel aufgehalten zu werden.
Sie spürte, dass dieses Objekt, was sie von Anfang an gespürt hatte, ganz in der Nähe sein musste und wenn sie mit ihrer Hand die Wand abtastete, bemerkte sie auch, dass sie ganz nah sein musste.
"Rui, du kannst doch im Dunklen sehen, oder?"
"Ja, kann ich - ab-"
"Sind das Schubladen oder so was Ähnliches?"
"Ja, in der Wand eingelassene Schubladen. Scheinen nicht verschlossen zu sein. Könnte-"
"Ich muss weiter nach oben …", sagte Firey, als sie den Kopf hob und konzentriert die Augen schloss, ehe sie sie wieder an Rui richtete oder wenigstens dorthin, wo sie sie vermutete:
"Kannst du mich nach oben bringen?"
"Sehe ich aus wie ein Fahrstuhl?!" Ein ziemlich überzeugender Blick musste ihr ins Gesicht gemeißelt stehen, denn nach kurzem Zögern gab Rui seufzend nach und stieg samt Firey langsam in die Höhe, welche ihre freie Hand über die vielen Schubladen gleiten ließ.
"Stopp!", sagte Firey plötzlich und ihre Hand klammerte sich sofort an der Öffnung einer Schublade fest, ohne auf ihre schmerzenden Finger Rücksicht zu nehmen.
"Danke, du fängst auch an, schwer zu werden." Wieder achtete Firey nicht auf Rui, sondern zog die etwa 50 Zentimeter breite Schublade heraus. Anders als Rui konnte die Feuerwächterin den Gegenstand in der Dunkelheit nicht erkennen, doch sie hatte eine leise Vorahnung, was es sein konnte, was ihr Element so fürchterlich anziehend fand, dass es sogar ihre Flucht hinauszögerte. Langsam ließ sie ihre Hände darüber hinweggleiten und sofort wusste sie, was es war: ein Bogen.
Doch Rui ließ ihr keine Zeit, sich weiter mit dem im Dunkel liegenden Gegenstand zu beschäftigen: Ihr war der Geduldsfaden gerissen und so, die Proteste Fireys nicht beachtend, landete sie wieder. Sobald sie beide wieder festen Boden unter den Füßen hatten, zerrte Rui die protestierende Wächterin durch das Labor, zurück zu dem Teil des Raumes, wo Firey wieder etwas sehen konnte. Lange hielten sie sich dort allerdings nicht auf; doch lange genug, damit Firey erleichtert feststellen konnte, dass Rui den Bogen mitgenommen hatte.
Die Erleichterung verschwand allerdings schnell und nun, da die Stimme ihres Elements zufrieden schwieg, drang etwas anderes an die Oberfläche; etwas das herausbrach, als Rui sie an dem Computer vorbei zerrte.
"Warte!", rief Firey und versuchte sich aus dem harten Griff der Dämonin zu befreien:
"Ich muss an den Computer! Das ist wichtig!"
"Sag mal, bist du noch bei Trost?!" Verzweifelt streckte Firey die Hand nach dem großen Kontrollpult des Computers aus, kämpfte darum, ihr Handgelenk zu befreien, doch vergebens. Rui war zu stark und Fireys Körper zu sehr von den Schmerzen ihrer Brandwunden geschwächt; der Computer entfernte sich von ihr, während Rui Firey ruppig durch den dunklen Raum zog, bis sie an einer Tür ankamen - das vermutete Firey jedenfalls, denn sie konnte nach wie vor nichts sehen, doch sie hörte das gleiche zischende Geräusch wie in dem Augenblick, als Lerou eingetreten war - und schon wurden ihre Augen beinahe geblendet, als sie in einen einigermaßen erleuchteten Gang hinaus traten. Ein Gang, der Firey verwirrte, denn er endete in einer Sackgasse. Der Korridor war gerade mal acht Meter lang und endete an einer Steinmauer.
Hatte Rui sie in die verkehrte Richtung geführt?
"So", begann Rui und steuerte entschlossen auf eben diese zu:
"Jetzt wird nicht mehr getrödelt! Ich will hier weg, bevor dieser Verrückte wiederkommt!"
"Aber …" Da Firey keine Anstalten machte, auf eine nichtssagende Wand zuzugehen, packte Rui sie wieder, um sie zu eben dieser zu führen und kaum waren sie angelangt, bemerkte Firey auch, was der Sinn der Steinwand war: in einer Welt, wo alle fliegen konnten, brauchte man natürlich keine Treppen und so befanden sie sich nicht in einer Sackgasse, sondern am Ende eines enorm langen in die Höhe gehenden Schachtes, dessen Ende Firey nur erspähen konnte. Doch weit von ihr entfernt konnte sie den roten Himmel der Dämonenwelt erkennen.
"Fliegen wir nun ganz da hoch?", fragte Firey beeindruckt, den Kopf weit in den Nacken gelegt.
"Ich bin doch nicht lebensmüde." Und ohne weitere Erklärung packte Rui Firey wieder und stieg schon mit ihr in die Höhe. Die Feuerwächterin konnte nicht gerade behaupten, dass sie diese Art der Fortbewegung mochte und sie sah Rui deutlich an, dass sie genauso wenig Gefallen daran hatte wie umgekehrt.
"Warum teleportieren wir uns nicht einfach weg?", fragte Firey auf den Armen Ruis.
"Weil nur die Hohen und unsere Majestät selbst sich in sein Schloss hinein teleportieren können; das gilt auch für den Rückweg. Wir müssen also den normalen Weg raus nehmen, genau so, wie ich hineingekommen bin." Zwar wusste Firey nicht genau, was Rui mit "lebensmüde" gemeint hatte, doch als sie höher kamen, wurde ihr schnell klar, dass es wahrlich keine so gut Idee wäre, weiter nach oben zu fliegen, denn nun, da sie weiter aufgestiegen waren, sah Firey, dass sie nicht die Einzigen waren, die diesen Weg nahmen.
Weiter oben flogen auch andere Dämonen herum; einige unterhielten sich sogar schwebend mit anderen. Es wäre sicherlich nicht gut, wenn jemand sie sah, immerhin wirkte es nicht besonders dämonisch, sich tragen zu lassen, wenn man doch eigentlich selbst fliegen konnte.
Daher wählte Rui den ersten Gang, der vom Schacht abging und ließ sie dort auch sofort runter.
"Wir müssen in den dritten Zirkel", erklärte Rui und fuhr fort:
"Der Haupteingang befindet sich dort."
"Zirkel?"
"Ja", begann Rui und hob anschaulich den Zeigefinger, was sie zu mögen schien:
"Das Schloss Lerenien-Seis ist in sieben Zirkel unterteilt; jede Etage macht einen Zirkel aus, und alle sind jeweils einer der sieben Mächte gewidmet. Karous Labor liegt im ersten Zirkel, dem Zirkel des Zornes. Die drei obersten Zirkel, Wollust, Völlerei und Trägheit gehören einzig und alleine der Majestät. Es ist niemandem erlaubt, auch nur einen Fuß dorthin zu setzen! Es ohne Einladung zu tun, ist, als würde man den König selbst herausfordern." Bei diesen Worten klingelte etwas in Firey - so eine Beschreibung hatte sie schon einmal gehört, allerdings nicht aus den Unterrichtsstunden mit Ignes, sondern aus der Menschenwelt; als sie noch in England zur Schule ging, hatten sie "Die göttliche Komödie" eines italienischen Dichters durchgenommen… Dante Alighieri? In diesem Werk wurde die Hölle in ähnliche Zirkel eingeteilt; allerdings in neun, und wenn sie sich recht erinnerte, war auch die Reihenfolge eine andere gewesen. Irgendwie war es Ironie, dass der Herrscher der Hölle, also in diesem Fall Lerou, nicht wie in dem alten Werk im untersten Zirkel hauste, sondern im obersten, während Karou den untersten Zirkel hütete. Firey war froh, dass sie weder in den Obersten reisen würde noch in den Untersten zurückkehren musste.
"Aber wir müssen ja nur zum dritten Zirkel, richtig?"
"Ja, dem Zirkel der Habgier. Also - lass uns. Und nicht übermäßig beeilen, wir wollen ja nicht verdächtig erscheinen! Wir Dämonen haben es nie eilig." Sie wollten gerade losgehen, als sie beide plötzlich erstarrten. Denn ohne, dass sie es bemerkt hatten, hatte während des gesamten Gespräches jemand zugehört und als sie sich umwandten, um den langen und vor allen Dingen enorm hohen Korridor entlang zu gehen, sahen sie diese Person, welche nun elegant einige Meter vor ihnen landete.
Bei dieser Person handelte es sich um eine augenscheinlich junge Frau, mit langen, schwarzen, zu einem Zopf zusammengebundenen Haaren, welche rechts an ihrem Kopf herunterfielen. Ihre roten Augen beäugten sie beide, doch Firey konnte nicht klar sagen, was hinter diesen schmalen, mit blauer Schminke umrandeten Augen lag, denn sie kannte diese Person nicht: Sie konnte nicht wissen, dass es sich bei dieser Frau um Nathiel handelte. In diesem Moment hoffte sie nur, dass sie kein Japanisch konnte, denn deren eben geführtes Gespräch würde nicht gerade zu ihrer vorgespielten Dämonenhaftigkeit passen.
Obwohl Rui überrascht war, wurde sie nicht nervös, als sie Nathiel sah; sie ärgerte sich nur darüber, dass sie Nathiels Aura nicht vorher bemerkt hatte. Eigentlich wollte sie auch einfach an ihr vorbei gehen, doch Nathiel schien andere Dinge vorzuhaben.
"Guten Abend, Rui-san. Wen haben Sie denn dabei? Etwa eine Neue für Ihren Meister?" Firey konnte kein Wort verstehen, doch auch ohne etwas verstehen zu können, jagte die Stimme ihr einen Schauer über den Rücken: was für eine schreckliche Stimme sie hatte! Sie war so entsetzlich klar, als würde jemand mit den Fingerspitzen über Glas kratzen. Ihr falsches Lächeln sorgte auch nicht gerade dafür, dass Firey sie sympathischer fand. Irgendwie… war diese Frau unheimlich. Ihre Aura war nicht überdurchschnittlich mächtig, aber beunruhigend.
Rui hatte allerdings recht: Dämonen hatten es nur selten eilig. Sie ließen sich nicht von Gesetzen einschränken: und auch nicht von der Zeit. Aber das hieß nicht, dass sie sich deswegen auf jeden Smalltalk einließen und Höflichkeit war auch nur etwas Einschränkendes.
"Ich wüsste nicht, was dich das angeht." Und schon schritt Rui entschlossen an ihr vorbei. Obwohl Firey von diesem Verhalten offensichtlich verwirrt war, beeilte sie sich ihr zu folgen, denn sie hatte nicht vor, länger als nötig mit dieser falschen Frau zusammen zu sein, die ihr sogar schmal lächelnd nachsah.
Kaum waren sie um die nächste Ecke gebogen, richtete Firey sich im Flüsterton an ihre Begleiterin:
"War das nicht ziemlich… auffällig?"
"Ne. Auffällig wäre, wenn ich ein Gespräch mit der geführt hätte. Jeder weiß, dass man sich von der Schwarzen Witwe fernhalten sollte." Neugierig wollte die Feuerwächterin gerade nachfragen, als sie jedoch lieber das Schweigen wählte, denn sie waren nicht alleine auf dem großen Korridor; auch andere Dämonen hielten sich hier auf und da Firey deren Sprache natürlich nicht sprechen konnte, schwieg sie lieber, anstatt mit einer anderen Sprache aufzufallen.
Wie verschieden die Dämonen doch aussahen: einige waren so hoch, dass Firey den Kopf weit nach hinten legen müsste, wenn sie mit ihnen würde sprechen wollen, während andere sogar kleiner waren als sie selbst und das galt sowohl für weibliche Dämonen als auch für männliche. Die meisten wirkten bis auf ihre Augen und ihre Größe menschlich, doch auch merkwürdige, fast monströse Wesen kreuzten ihren Weg und Firey musste sich zurückhalten, ihnen nicht ungläubig hinterher zu sehen, wenn Dämonen mit zwei Köpfen oder einem kolossalen Arm, der so überhaupt nicht zum Rest des Körpers passen wollte, an ihr vorbei gingen - und wieder andere besaßen eine schwarze Hautfarbe und tatsächlich auch blaue, wie Firey ungläubig feststellte. Einige der hier lebenden Frauen waren so maskulin, dass sie ohne Zweifel als Mann durchgehen konnten; andere waren so zierlich, dass sie zusammenzubrechen drohten. Viele gingen wie sie auf dem dunkelroten Teppich, andere flogen über ihr und plötzlich ergab die enorme Höhe des Korridors Sinn.
Die Architektur verwunderte Firey ebenfalls: von den Erzählungen der Wächter hatte sie eigentlich erwartet, dass auch das Schloss des Königs ein Trümmerhaufen war oder jedenfalls nicht sonderlich geschmackvoll gebaut worden war. Die Korridore hatte zwar nichts Einladendes an sich wie die hellen und freundlichen Gänge des Tempels, doch sie waren ohne jeden Zweifel beeindruckend ausgeschmückt. Nicht alleine die Höhe der Gänge war bemerkenswert, sondern auch die gotisch angehauchten Wölbungen, die sich auch um die vereinzelten großen mit rotem Glas ausgestatteten Fenster schlängelten, welche alles in ein rötliches Dämmerlicht tauchten. Die Wand an sich bestand aus einem schwarzen Material, welches Firey nicht einordnen konnte; sie besaß keinerlei Kunstwerke, doch in ihr waren Wandfresken eingraviert und ohne jeden Zweifel befanden sie sich im Zirkel des Neides, denn die Fresken illustrierten diese Sünde überaus detailreich und waren nicht besonders hübsch anzusehen, weshalb Firey sich von ihnen abwandte.
Die wenigsten Dämonen interagierten miteinander, und wenn sie es taten, stritten sie sich und schienen einander im Anschreien zu konkurrieren und andere wiederrum taten das Gegenteil, was Firey dazu brachte, errötet den Blick abzuwenden. Wie konnte man so etwas … in einem öffentlichen Gebäude tun!?
"Rede mit mir: Wir sind auffällig, wenn wir nebeneinander gehen und nicht reden." Die Angesprochene fuhr beinahe erschrocken zusammen, als Rui dies sagte. Verwundert wandte sie sich an sie und antwortete zischend:
"Ich kann aber nun einmal eure Sprache nicht …"
"Dann rede japanisch. Sich abzugrenzen ist immer noch unauffälliger, als sich anzuschweigen." Es fiel Firey nicht sonderlich schwer, ein Thema zu finden, worüber sie reden wollte, immerhin brannten Tausende von Fragen auf ihrer Zunge; die Frage war nur, welche sie zuerst stellen sollte.
"Warum rettest du mich?" Natürlich hatte Rui dies als erste Frage erwartet, doch leider war ihr die ganze Zeit schon auf diese Frage keine Antwort eingefallen, egal wie sehr sie sich darüber den Kopf zerbrochen hatte. Aber sie hatte nicht vor, es zu sagen; ganz bestimmt nicht.
Doch sie konnte nicht drum herum, ein wenig rot zu werden, was Firey überrascht bemerkte.
"Ich werde auf diese Frage nicht antworten", antwortete sie im Versuch, ihren Stolz zu bewahren, den sie gerade schwinden sah.
"Aber du…"
"Ich habe doch gesagt, ich gebe dir keine Antwort!", schrie Rui sie wütend an, was die Dämonen um sie herum überhaupt nicht kümmerte oder irgendwie verwunderte. Anders als Firey, die sie verblüfft ansah, aber beschloss, dass sie vielleicht wirklich erst einmal eine andere Frage wählen sollte:
"Woher wusstest du, wo ich war?" Offensichtlich eine Frage, die Rui beantworten konnte, ohne ihren Stolz allzu sehr in Mitleidenschaft zu ziehen und mit etwas ruhigerer Stimme erwiderte sie:
"Ich hatte einen Kurierauftrag in der Menschenwelt und auf dem Rückweg habe ich deine Aura gespürt. Ich habe natürlich zuerst geglaubt, dass meine Sinne mir einen Streich spielen, aber ich wollte mich vergewissern und bin noch einmal umgedreht. Ich kam genau in dem Moment an, als Karou euch beide davon teleportierte. Zum Glück hat er mich nicht bemerkt." Firey konnte dem nur zustimmen; sie hatte an diesem Tag wahrlich schon oft genug unverschämtes Glück gehabt. Doch wenn sie sich hier so umsah, konnte sie sich kaum vorstellen, dass sich ihre Glückssträhne fortsetzen würde …


Nur für einen kurzen Moment war Karou überrascht, als er Nathiel kurz vor dem Schacht stehen sah; bis seine Verwunderung rasch verflog, denn wenn sich jemand in den Zirkel der Wollust wagte, ohne eine Einladung vorweisen zu können, dann war es definitiv die unverfrorene Nathiel. Aber wenigstens hatte sie den Anstand, direkt am Schacht stehen zu bleiben, anstatt die sieben Stufen zu nehmen, die zu dem langen Korridor führten, den Lerou sein Eigen nennen konnte.
"Kompliment an Sie", begann Nathiel mit klimpernden Armringen, die jedoch nicht ihre Stimme übertönen konnten:
"Sie haben sich ja im letzten Moment noch zusammenreißen können. Ich muss eingestehen, dass mich das schon ein wenig überrascht … Wenn Sie wütend sind, sind Sie doch so …", grinsend errötete sie unter ihrer Schminke, ehe sie ihren Satz abschloss:
"…unkontrollierbar." Ohne mit der Wimper zu zucken schritt Karou die Treppenstufen herunter und antwortete monoton:
"Im Gegensatz zu Ihnen bin ich in der Lage, Prioritäten zu setzen."
"Wie Sie sehen können, kann ich das auch. Ansonsten wäre ich ja nicht hier."
"Sie wissen sehr wohl, dass Sie sich hier gar nicht aufhalten dürfen, oder?"
"Wer sagt Ihnen, dass ich keine Einladung habe?" Begeistert von sich selbst bemerkte Nathiel, dass dieses Kommentar Karou zum verblüfften Schweigen brachte. Doch lange verweilte er nicht so, denn er holte bereits zum Gegenschlag aus:
"Nein, Sie setzen Ihre Prioritäten stets falsch und Sie sind auch nur hier in Lerenien-Sei, weil es Ihnen nicht möglich war, ihn zu finden." Ebenfalls mit Schadenfreude beobachtete Karou, wie das schelmische Lächeln Nathiels in sich zusammenfiel, doch er war noch nicht fertig:
"Sie haben mich aufgesucht in der Hoffnung, ich wüsste, wo er sei und dass ich Ihnen bei der Suche behilflich sein könnte. Doch ich muss Sie enttäuschen -" Weiter kam er nicht:
"Ich brauche deine Hilfe nicht! Ich bin die Einzige, die ihn finden kann! Ich! ICH!" Zornig funkelte sie den wahrlich zufriedenen Karou an, der sich seinen Triumpf allerdings nicht anmerken ließ.
Und so schnell waren sie wieder quitt.
So plötzlich Nathiels Ausbrüche kamen, so schnell verschwanden sie auch wieder, als müsste sie einfach nur zwischen zwei Masken wechseln. Nun trug sie wieder ihre breit lächelnde Maske und als wäre nichts geschehen sagte sie gelassen:
"Mir ist das süße Ding übrigens gerade über den Weg gelaufen."
""Das süße Ding"?", fragte Karou desinteressiert, den Blick wieder von ihr abgewandt; offensichtlich war der kleine Computer an seinem Arm plötzlich interessanter als sie.
"Die kleine Feuerwächterin. Ich habe sie und ihren Retter auf dem zweiten Zirkel getroffen. Aber das interessiert sie wahrscheinlich nicht, denn Sie wissen ja bereits alles über ihren Retter." Karou sah nicht von seinem Computer auf, als er ihr antwortete:
"Der CPU des Computers ist vollkommen ausgelastet." Überrascht weiteten sich Nathiels Augen, als er dies sagte.
"Der gesamte CPU ist ausgelastet?! Was zur Hölle treiben Sie und Ihre Computer da unten, dass Sie sogar das Überwachungssystem des Labors ausschalten mussten?!" Eine überflüssige Frage, denn Nathiel wusste sehr wohl, dass Karou ihr keine Antwort geben würde; immerhin verfolgten sie beide ihre eigenen Ziele. Zwar interessierte es sie brennend, was die Kapazitäten eines so enormen Computers vollkommen beanspruchte, doch sie wählte, nicht auf eine Antwort zu bestehen. Stattdessen filterte sie eine Information heraus, die für sie äußerst vorteilhaft war:
"Dann wissen Sie ja nicht, wer die Feuerwächterin gerettet hat … wollen Sie es wissen? Ich denke, Sie werden es sehr interessant finden." Erst da sah Karou von seinem kleinen Computer auf und seine gelben Augen fixierten die ihren, ehe er antwortete:
"Ich habe noch 86 Minuten Zeit. Beeilen Sie sich."