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Episode 42
  Episode 42: Für die Wartenden II
Rui hatte vollkommen recht damit, dass sie niemandem die Wahrheit hinter der Befreiung Fireys sagen konnte, wenn sie ihren Stolz als Dämonin nicht verlieren wollte, denn die Wahrheit war wahrlich nicht etwas, dass sie als Dämonin gerade schmückte und sie war auch keineswegs sofort auf den Gedanken gekommen, sie retten zu wollen. Es war keine Impulsaktion gewesen.
Aber so gerne sie es auch wollte: Es war auch kein Auftrag.
Rui hatte sich selbst dazu entschieden, ihre selbst ernannte Rivalin zu retten.
Sie brauchte allerdings mehr als 16 Stunden, um auf diesen Gedanken zu kommen. Als sie zufällig gesehen hatte, wie Firey von Karou mitgenommen wurde, hatte sie sich nicht beherzt an ihre Rettung gemacht. Sie hatte sich über Fireys Dasein in der Dämonenwelt gewundert; hatte sich gefragt, was sie dorthin trieb, doch die Sache als abgehakt angesehen, denn sie würde Karou wohl kaum überleben können.
Ohne Gewissensbisse wählte Rui dieses Geschehnis zu ignorieren und kehrte pflichtbewusst zurück von ihrem Kurierauftrag. Wieder in ihrer Heimat angekommen, erstattete sie Darius, dem Hordenführer Ri-Ils, Bericht, wie sie es immer tat, woraufhin sie sich, wie immer, in das kleine Zimmer der beiden Brüder begab. Sie hatte nicht vor, ihnen irgendetwas von Firey zu erzählen; es war sogar so, dass sie das Ereignis bereits vergessen hatte und sich nun nur noch darauf freute, Silver um den Hals zu fallen - eine Tat, die ausblieb, wie sie enttäuscht bemerkte, als sie die Tür zum Zimmer freudestrahlend öffnete: Beide waren nicht da.
Unentschlossen blieb sie an der Tür stehen; sich nicht entscheiden könnend, was sie nun tun sollte. Sollte sie auf deren Rückkehr lauern und einfach hier bleiben? Doch sie war wegen des Auftrags sehr lange auf den Beinen gewesen, weshalb sie selbst müde und erschöpft war. Daher wählte sie, sich erst einmal schlafen zu legen; wenn sie aufwachen würde, war Silver sicherlich wieder da.
Als Rui jedoch nach 9 Stunden deren Zimmer ein weiteres Mal aufsuchte, wurde sie abermals enttäuscht.
Grummelnd und fluchend setzte sie sich auf eines der Sitzkissen, entschlossen zu warten, bis Silver wiederkam, denn es kümmerte sie natürlich herzlich wenig, ob Blue nun da war oder nicht. Es war ihr sogar lieber, wenn er nicht da war.
Wenn sie ehrlich war, hatte sie ihn noch nie sonderlich gemocht: aber jetzt fand sie ihn regelrecht unheimlich … Sein Dasein war ihr unbehaglich, aber sie konnte nicht genau sagen, warum; im vergangenen Jahr hatte er sich verändert und sein apathisches Schweigen gefiel ihr gar nicht. Vorher war er zwar auch nicht gerade der Geselligste gewesen, aber dieses Schweigen … war einfach unnatürlich.
Aber dennoch kam sie nicht drum herum sich zu fragen, wo sie sich aufhielten - soweit sie wusste, hatten sie keinen Auftrag, um den sie sich kümmern mussten. Natürlich sagten sie ihr nicht alles, eigentlich eher gar nichts, aber Rui war gut darin, sich ihre Informationen selbst zu besorgen. Sie musste nicht viel fragen.
Rui war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie fürchterlich erschrak, als die Schiebetür sich mit einem ätzenden Knarren öffnete.
"Silve-" Weiter kam sie nicht, denn der plötzlich aufgetauchte Rotschopf war nicht Silver, sondern Mekare. Als diese Rui erblickte, seufzte sie genervt und lehnte sich ebenso genervt an die Schiebetür, denn die beiden waren sich nie sonderlich grün gewesen und das zeigte Mekare auch öfter; was Rui nicht tat, denn wie alle anderen Mädchen Ri-Ils hatte auch sie einen natürlichen Respekt vor der vielverdienenden Prostituierten, auch wenn Rui nicht zum Ensemble gehörte, sondern ein normales Mitglied der Horde war.
"Wo sind meine beiden, Mädchen?" Rui hob zögernd die Schultern und schüttelte denn ihren Kopf:
"Das weiß ich nicht … vielleicht sind sie auf einem Auftrag?" Mekare verschränkte die Arme vor ihrer üppigen Brust und tippelte unruhig mit dem Absatz ihres linken Schuhs auf den Boden.
"Das kann nicht sein, ich soll sie nämlich zu Ri-Il holen. Er will wohl mit ihnen über die Aufstellung reden … Du bist dir sicher, dass du nicht weißt, wo sie sind?" Rui nickte eingeschüchtert, mit den Gedanken allerdings eher bei Silver. Wenn sie nicht auf einem Auftrag waren, wo waren sie dann?
Und warum ging Mekare nicht wieder? Sie blieb an der Tür stehen und beobachtete sie mit ihren schmalen Augen aufmerksam, als würde Rui ihr jeden Moment erzählen, wo sich die Brüder befanden. Aber Rui konnte ihr nun einmal nichts sagen; sie wüsste es ja auch gerne.
Zu ihrer Überraschung schloss Mekare die Tür wieder; hinter sich allerdings. Was wollte sie bloß? Konnte sie sie nicht einfach in Ruhe warten lassen?
Mit entschlossenen Schritten ging Mekare auf Rui zu und blieb genau vor ihr stehen; nach wie vor mit den Armen über Kreuz blickte sie auf sie herab, was Rui automatisch dazu brachte, zurückzuweichen; besonders, als Mekare sich zu ihr herunterbeugte, indem sie sich auf dem niedrigen Tisch abstützte.
"So penetrant aufdringlich, wie du bist, wird es dir ja wohl aufgefallen sein."
"Was wird mir aufgefallen sein?", antwortete Rui mit nervöser Stimme, denn sie hatte plötzlich das Gefühl, dass sie sich in einem Verhör befand.
"Es geht ihnen nicht gut."
"Blue war doch schon immer merkwürdig…"
"Ich rede nicht nur von Blue. Ich rede auch von Silver." Mekare löste sich nun endlich vom Tisch, jedoch nicht, um sie zu verlassen, sondern, um sich ihr gegenüberzusetzen, wo sie fortfuhr, ohne Rui die Gelegenheit zu geben, etwas zu erwidern:
"Ich verlange, dass du mir alles erzählst, was du weißt. Ich will alles wissen, was in deren Zeit in der Menschenwelt passiert ist. Ri-Il hat mich die Berichte nie lesen lassen; meinte, ich solle meinen Kopf nicht mit politischen Dingen zerbrechen. Aber …" Wütend schlug sie eine zusammengeballte Faust auf den Tisch und funkelte Rui dabei energisch an:
"Ich bin ihre Mutter!", verkündete sie feierlich:
"Und eine Mutter macht sich Sorgen um ihre Kinder! Deshalb will ich alles wissen; alles. Und du wirst es mir erzählen, haben wir uns verstanden, Mädchen?!" Rui hatte sich eigentlich nie sonderlich viele Gedanken um den Auftrag gemacht; sie hatte viele Dinge merkwürdig gefunden, hatte Silver aber stets vertraut. Er wüsste schon, was er tue.
Doch in diesem Moment, als Mekare von ihr verlangte, dass sie alles erzählen sollte, wurde ihr schlagartig bewusst, dass sie viele Dinge gesehen hatte, die sie einfach nicht erzählen durfte. Dinge, die sicherlich nicht in den Berichten standen, obwohl auch sie diese nicht gelesen hatte…
Der letzte Abend, den sie mit Silver in der Menschenwelt verbracht hatte, war auch sein letzter Abend gewesen; sie hatte es beim Geschlechtsverkehr nicht kommentiert, hatte sich selbst verboten, sich darüber Gedanken zu machen, aber sie hatte es dennoch bemerkt. Seine Traurigkeit. Ohne, dass er es ihr irgendwie gezeigt oder gesagt hatte, hatte sie diesen fürchterlichen Schmerz in ihm gespürt.
Und sie wollte diesen Schmerz nicht spüren.
Sie wollte die leeren Augen nicht sehen, wenn er glaubte, er sei unbeobachtet.
"Rede mit mir." Die Stimme Mekares war nicht mehr als ein bedrohliches Zischen, doch es weckte Rui aus ihren Gedanken und langsam hob sie den Kopf. Sie wusste, mit den folgenden Worten würde sie Partei ergreifen und sie würde sich damit auf eine Seite stellen, die für sie gefährlich enden konnte. Aber sie tat es trotzdem:
"Ich war nicht oft in der Menschenwelt und die Berichte habe ich auch nicht gelesen. Alles, was ich dazu sagen kann, ist, dass sie ihre Arbeit gemacht haben, wie die Hohen und unser Meister es wollten."


Doch der Mut, den sie in diesem Moment bewies, hielt nur so lange, bis Mekare wütend das Zimmer verließ. Dann verrauchte er ebenso schnell, wie er gekommen war, und erschöpft ließ sie sich auf den Boden des Zimmers fallen, sich mit ihren Händen im Gesicht fragend, was sie da nur getan hatte.
Warum konnte nicht einfach alles so sein wie vor dem Auftrag? Warum musste er so viel verändern; warum nur hatte er Silver so verändert? Und warum nur war es ihr nicht möglich, das Loch, dass der Auftrag in ihm hinterlassen hatte, zu stopfen?
War … sie denn nicht gut genug? Macht sie etwas falsch?
Rui bemerkte, wie ihre Augen anfingen zu brennen, doch verbot sich vehement, den aufkeimenden Gefühlen nachzugeben. Sie war eine Dämonin! Und Dämonen heulten nicht. Auch nicht wegen so etwas.
Da sie nicht wollte, dass einer der beiden oder irgendjemand sie in so einer peinlicher Situation vorfand, richtete sie sich schnell wieder auf und schob die Schiebetür beiseite, um sich in ihr Zimmer zu begeben.
Weit kam sie allerdings nicht, bevor ihr Weg unterbrochen wurde; sie war gerade vor die Tür getreten, da versteckte sie sich schon im Schatten der Wendeltreppe, denn sie hörte Schritte von oben und ihr Gespür sagte ihr, dass es sich bei der plötzlich aufgetauchten Person um Silver handelte - und von ihm wollte sie jetzt am allerwenigsten gesehen werden, weshalb sie sich glücklich schätze, dass sie den auraraubenden Anhänger wegen des Auftrages nach wie vor bei sich trug.
Schnell kam sie sich dennoch recht dumm vor, dass sie sich vor ihrem Angebeteten versteckte, welcher sich merkwürdig langsam die Treppen herunter bewegte, was sofort ihre Sorge weckte. Wo auch immer er gewesen war; hatte er sich dabei etwa verletzt?
Kaum, dass er unten angekommen war, wollte sie sich aus ihrem Versteck entfernen, doch sie verweilte dort, als würde etwas sie magnetisch dort festketten. Silver hatte gerade mit hängendem Kopf sinnlos die Tür geöffnet und die Enttäuschung, dass sein Bruder nicht dort war, brachte ihn dazu, auf der Schwelle stehen zu bleiben.
"Wo bist du bloß, Aniki…" Hatte er ihn die ganze Zeit gesucht? Aber warum? Die beiden unternahmen doch selten etwas im Alleingang? Und warum hatte Blue Silver offensichtlich nicht gesagt, wo er hinging? Selbst seitdem er merkwürdig geworden war, war das noch nicht vorgekommen … eher das Gegenteil. Es schien Rui, als wären die beiden noch enger zusammengeschweißt, seitdem sie den Auftrag beendet hatten. Wenn Blue mit Silver sprach, war er auch gar nicht mehr so unheimlich.
Von ihrer Position aus konnte sie nur die Hälfte seines Gesichtes sehen, aber diese eine Hälfte genügte, um einen Entschluss zu fassen.
Sie wollte ihn nicht noch trauriger sehen.
Wenn Rui sich über ihre Gefühle Gedanken machen würde und wenn sie die Worte der Menschen brauchen würde, um eben diese zu beschreiben, dann hätte sie gewusst, dass sie aus Liebe handelte. Aus aufrichtiger, naiver Liebe heraus.
Aber sie war eine Dämonin und machte sich deshalb keine Gedanken darüber.


Noch hatte Firey keine Ahnung, dass ihre Glückssträhne just in diesem Augenblick gerissen war. Im Moment war sie zu erleichtert, nicht nur aus dem Schloss Lerenien-Seis raus zu sein, sondern auch aus der Hauptstadt der Dämonenwelt. Kaum hatten sie die Stadtmauern weit hinter sich gelassen, drückte Rui ihr endlich den Bogen in die Hände, welchen sie bis jetzt bei sich getragen hatte.
"Hier hast du deinen Scheißbogen! Aber was nützt er dir, er ist sowieso kaputt." Ohne Rui zu antworten, glitten Fireys Finger beeindruckt über das rote Material, aus dem der Bogen angefertigt war. Die Mitte des Bogens war vergoldet wie auch dessen Enden, wo goldene Flammen den Bogen zierten. Als sie über das Gold strich, bemerkte sie sofort, wie abgenutzt der Bogen war; wie viele dieser Bogen getötet hatte. Kein Wunder, denn es war …
"Es ist nicht mein Bogen. Es ist Hireys." Anscheinend war Rui nicht so enthusiastisch über deren Fund, wie Firey es war, denn sie sagte ihr sofort, dass sie gefälligst weiter gehen sollten, doch die Feuerwächterin war im wahrsten Sinne des Wortes Feuer und Flamme:
"Hier, guck! Das kann man deutlich daran erkennen, dass unter der rechten Flamme die Initialen White-sans zu sehen sind. Wäre es mein Bogen, würde dort K.Y.H.G. stehen, aber auf diesem steht H.A.T.S.W! Wir Elementarwächter haben alle auf unseren Waffen die Initialen unserer Hikari stehen, damit-"
"Und du glaubst wirklich, das interessiert mich?" Wütend und ungeduldig packte Rui das Handgelenk ihrer Begleiterin und zerrte sie wieder hinter sich her.
"Der Bogen ist kaputt! Du kannst ihn sowieso nicht mehr benutzen." Obwohl es Firey schwer fiel, mit den schnellen Schritten Ruis mitzuhalten, sah sie sich weiterhin den Bogen an, denn anders als Rui wusste sie, dass der Bogen nicht kaputt war, nur weil er keinen Bogenstrang besaß. Doch das änderte nichts daran, dass sie ihn wirklich nicht benutzen konnte, denn um den Bogenstrang erstehen lassen zu können, musste man sein Element perfekt beherrschen können … und davon war sie immer noch weit entfernt.
Aber auch wenn sie den Bogen nicht einsetzen konnte, so würde sie den Bogen nicht in dieser Welt zurücklassen, denn genau wie alle anderen Waffen gehörte auch diese Waffe an das Grab seines Besitzers. Firey kannte Hirey nicht und doch spürte sie zum ersten Mal eine Bindung zu ihren Vorfahren, mit denen sie nur durch ein Element verbunden war. Was auch immer der Grund war, weshalb er in Karous Hände gefallen war, dort gehörte er nicht hin - und sie war sich sicher, dass die Stimmen, die sie vorher noch gehört hatte, ihr dasselbe sagen würden.
"Du kannst diesen ach so tollen Bogen bestaunen, wenn du wieder in deiner Welt bist! Du kannst dich mittlerweile selbst teleportieren, oder?" Dies weckte Firey aus ihren Gedanken und plötzlich erinnerte sie sich wieder daran, warum sie eigentlich in die Dämonenwelt gekommen war und dass sie auch noch etwas anderes zu tun hatte außer ihre Elementarvorfahren zu ehren.
Um Rui zu stoppen, stemmte Firey die Füße in den Sand und riss sich aus ihrem Griff frei. Die Dämonin drehte sich sofort um, um ihr Gelenk wieder ergreifen zu können, doch Firey nahm einige Meter Abstand von ihr.
"Was ist denn jetzt schon wieder?", versuchte Rui es nun mit Worten, nachdem ihre Handgreiflichkeit zu nichts geführt hatte.
"Man sollte meinen, du willst hier sterben! Karou wird sicherlich schon bemerkt haben, dass du nicht mehr da bist…"
"Es ist egal, wo ich bin. Er wird mich sowieso jagen."
"Und deswegen willst du gleich hier stehen bleiben? Was für eine tolle Idee."
"Ich kann noch nicht zurück." Firey holte tief Luft, während sie Rui entschlossen ansah:
"Bring mich zu Siberu."

Sie hatte es gesagt. Seit über einem Jahr hatte sie den Namen "Siberu" nicht mehr auf der Zunge gehabt; es war immer nur von "Silver" die Rede gewesen … doch es war nicht Silver, mit dem sie reden wollte. Es war auch nicht Silver, den sie jeden Tag auf dem Foto ansah und den sie heimlich so sehr vermisste.

Rui begann zu lachen; ein spöttisches Lachen, welches sich über Firey ergoss, als sie diesen Namen gesagt hatte und breit grinste sie die Feuerwächterin an, als sie ihr antwortete:
"Das ist leider nicht möglich! Denn "Siberu" ist tot!"
Der Blick Fireys wackelte nicht, als Rui dies hämisch grinsend sagte, genauso wenig wie ihre Entschlossenheit dies tat.
"Wir wissen beide, dass das nicht wahr ist. Denn wäre Siberu wirklich gänzlich verschwunden, dann hätte dich niemand geschickt, um mich zu retten." Firey wusste nicht, was damals vor mehr als einem Jahr Wahrheit oder Lüge war. Aber sie wusste, dass Siberu irgendwo noch da war, ansonsten wäre Rui nicht gekommen, um sie zu retten. Rui, die Firey doch hasste, wäre ihrer selbsternannten Rivalin niemals zu Hilfe geeilt, hätte ein gewisser Rotschopf es ihr nicht befohlen. Nur für ihn würde sie über ihren Schatten springen. Und die Tatsache, dass er ihr diesen Befehl gegeben hatte, dass er überhaupt bemerkt hatte, dass Firey sich in der Dämonenwelt aufhielt, bewies, dass in dieser Welt irgendwo noch ein "Siberu" zu finden war. Vielleicht war es naiv, aber vielleicht gab es noch Hoffnung.
Dass dieser Gedankengang sich als ein großer Irrtum herausstellen würde, bemerkte Firey schnell. Ruis Gesichtszüge ließen sie etwas anderes spüren als Hoffnung; irgendwie wirkte sie auf einmal traurig; ein Gefühl welches Firey schnell ebenfalls verspüren würde, denn auf das, was Rui leise sagte, war sie absolut nicht vorbereitet:
"Es war nicht Silver-sama, der mich geschickt hat. Silver-sama weiß gar nicht, dass ich hier bin… oder dass du hier bist." Schockiert, aber bereits mit einem Anflug von plötzlicher Traurigkeit erwiderte Firey Ruis gesenkten Blick.
Doch sie hatten plötzlich andere Probleme.
Ehe Firey überhaupt ihren Kopf herumgedreht hatte, um sich zu vergewissern, dass ihr plötzlicher Angstschweiß nicht unbegründet war, hatte Rui sie barsch am Kopf gepackt und sie hinter eine Felsgruppe gezerrt.
Firey, die sofort wusste, dass ihre Vermutung wahr war, richtete sich panisch an Rui:
"Was machst du denn?! Wir müssen uns teleportieren und nicht verstecken!"
"Merkst du es denn nicht?!", sagte Rui und Firey fiel auf, dass ihre Stimme heiser geworden war; anscheinend hatte auch sie Angst. Aus anderen Gründen als Firey: Rui hatte nicht direkt Angst vor Karou. Sie hatte Angst vor Ri-Il.
"Er hat einen Anti-Teleportationszauber gelegt! Das Teleportieren ist nicht mehr möglich!"
"Das heißt, er weiß, wo wir sind?!"
"Er weiß, dass wir uns in einem bestimmten Umkreis befinden … aber hier sind keine anderen Dämonen, meine Aura wird leicht zu spür…" Es gelang ihr nicht ihren Satz fortzusetzen, denn Firey schlug ihr die Hand vor dem Mund, genau wie sie es bei sich selbst tat. Sie wagte es kaum zu atmen, denn Rui hatte Recht: Karou hatte sie schon gefunden. Und Firey spürte nicht nur seine näherkommende Aura, sondern auch ihr Körper spürte seine Gegenwart regelrecht. Die Brandwunden, die sie vorher noch so tapfer verdrängt hatte, begannen jäh wieder aufzuflammen, als würde ihr Körper sie vor der kommenden Gefahr warnen wollen.
Angstvoll, mit pochendem Herzen, sah Firey hinab zu dem Bogen Hireys. Der Bogen hatte Karou bereits einmal verletzt; wenn Firey es gelingen würde, nun den linken Arm abzuschießen … Das Risiko, dass sie sich selbst damit in Flammen setzte war hoch, besonders, da es nicht ihre eigene Waffe war, aber das war besser, als kampflos zu sterben …
Langsam und mit angehaltenem Atem löste Firey ihre behandschuhte Hand von ihrem Mund und bewegte diese Hand zögerlich in die Richtung des Bogens. Rui schien zu bemerken, was sie vorhatte, denn Firey bemerkte, wie sie manisch den Kopf schüttelte. Die Feuerwächterin war sich bewusst, dass sie nur einen Versuch hatte und dass dieser eine Versuch mehr einem Selbstmordkommando glich, aber sie musste es versuchen.
Die Schritte Karous hielten inne, im gleichen Moment, in dem Firey das goldene Material des Griffes mit ihren Fingerspitzen berührte und frühzeitig damit begonnen hatte, ihr Element um Hilfe anzuflehen, indem ihr Mund tonlos Beschwörungen vor sich hin murmelte.
Doch es war nicht ihr Element, welches ihr stummes Flehen beantwortete.
Fireys Finger fielen herunter, Ruis entsetztes Gesicht erhellte sich sofort, doch dies alles war nichts, absolut nichts, gegen die Tatsache, dass das Herz der Feuerwächterin von einem Moment auf den anderen sich so schnell beschleunigte, als hätte es seit einem Jahr nicht mehr die Gelegenheit gehabt, zu schlagen.
Eine vierte Person war hinzugekommen. Eine vierte Person, deren Aura sie ganz genau erkannte.
Stumm, mit einem fast schon seligen Lächeln, formten ihre Lippen den Namen dieser Person: Siberu.
Genau wie Rui wagte Firey es nicht, sich herum zu drehen, auf die Gefahr hin, dass Karou sie sehen würde, doch als sie seine Stimme hörte, traten ihr Tränen in die Augen und das Verlangen sich umzudrehen, und ihn anzusehen, ihn endlich wieder zu sehen, war beinahe unerträglich.
Doch es blieb ihr nichts anderes übrig, als sich an seiner Stimme zu erfreuen, welche reifer geworden war … obwohl sie die Worte nicht verstehen konnte, da er mit Karou auf dämonisch sprach, konnte sie ein Grinsen deutlich heraushören.
Sie wusste, es war dumm. Sie wusste, sie sollte sich lieber panisch ihrem Angstschweiß widmen; stattdessen breitete sich ein angenehmes Glücksgefühl in ihr aus. Ein Gefühl, welches sie wahrlich vermisst hatte.
Karou sagte nichts, als er Silver gelassen auf sich zugehen sah und seine Augen verrieten auch seine Skepsis nicht, als er natürlich sofort feststellte, dass es sich bei dem plötzlichen Besuch um Ri-Ils Schüler hielt. Nathiel hatte ihm nicht erzählt, wer der Retter der Feuerwächterin war, sondern nur, dass es sich bei der Person um eines von Ri-Ils Hordenmitgliedern handelte. Hinzugefügt hatte sie scheinheilig, dass, wenn er nicht selbst herausfand, um welche Person es sich handelte, sie es ihm gerne sagen würde - für einen guten Preis selbstverständlich. Wenn sein Computer einsatzbereit wäre, könnte er die Aura scannen, welche er spürte, aber das war leider im Moment nicht möglich. Arbeit kam vor dem Vergnügen.
Doch Karou war nicht der einzige, der sich die Skepsis nicht auffallen ließ: auch Silvers Grinsen verriet nichts davon, dass Karous Dasein ihn argwöhnisch stimmte. Er hatte Rui gesucht; in der Hoffnung, sie wisse vielleicht, wo Blue sich befand und hatte sich in die Nähe ihrer Aura teleportiert - und sofort gespürt, dass er sich unfreiwillig in eine Sackgasse teleportiert hatte. Ruis Aura war in der Nähe; offensichtlich versteckte sie sich vor jemandem und da Karou der einzige in der Nähe war, musste Silver davon ausgehen, dass er die Person war, vor der Rui sich versteckte - und Karou machte sich die Mühe, für sie einen Anti-Teleportationszauber zu legen? Was hatte er überhaupt mit ihr schaffen und sie mit ihm? Silver wusste nicht viel über Karou; einmal, als er noch kleiner gewesen war, hatte Ri-Il ihn, nachdem er arg verletzt gewesen war, zu ihm gebracht, um ihn wieder zusammenzuflicken. Danach war Karous Name nicht noch einmal gefallen und da Silver damals noch ziemlich jung gewesen war, hatte er eigentlich überhaupt keine Ahnung, mit wem er es zu tun hatte. Für ihn war er ein Arzt, der offensichtlich besser war als alle, die zu Ri-Il gehörten… aber was hatte Rui mit einem Arzt zu tun? Und warum versteckte sie sich vor ihm?
"Sie fragen sich sicherlich, was ich hier mache, denn offensichtlich störe ich Sie ja", begann Silver, die Hände gelassen in den Hosentaschen vergraben, denn er hatte natürlich keine Angst vor einem Arzt. Karou reagierte nicht in irgendeiner Form auf seine Worte, doch auch ohne Aufforderung fuhr der Rotschopf fort:
"Ich suche meine Untergebene. Sie haben sie nicht zufällig gesehen?" Weiterhin war keinerlei Regung auf Karous fahlem Gesicht zu erkennen, doch er antwortete nun wenigstens:
"Deine Untergebene? Dann hast du sie in mein Labor geschickt, um mich zu bestehlen?" Wenn Silver Karou ein wenig besser kennen würde, würde er sich beleidigt fühlen, denn der Dämon vor ihm duzte nur andere Dämonen, die er nicht als eine potenzielle Gefahr ansah. Doch der Rotschopf sah sich weiterhin als der Überlegene an und antwortete daher herausfordernd:
"Glauben Sie mir: Wenn ich etwas von Ihnen haben wollen würde, würde ich es selbst stehlen. Sie als reinrassiger Dämon müssen sich ja ein Bild davon machen können, wie langweilig es hier ist und sagen wir es so: Mein Lehrmeister hat mich auch nicht gerade mit Aufträgen verwöhnt."
"Dann solltest du deine Untergebene besser erziehen."
"Was hat sie denn eigentlich gestohlen?" Zum ersten Mal, seitdem Silver auf der Bildfläche erschienen war, bewegten sich die gelben Augäpfel Karous, welche langsam zur Seite glitten und den Rotschopf auf eine Felsgruppe aufmerksam machten.
"Das solltest du sie selbst fragen."
Rui hatte dem Gespräch aufmerksam gelauscht, doch nicht im Sinn gehabt, irgendwie für Firey übersetzen zu wollen, weshalb die Feuerwächterin sich ganz auf die Stimmlage konzentrierte, um den Inhalt des Gespräches erahnen zu können, was ihr jedoch nicht leicht fiel, da die Tonlagen der beiden Dämonen sich während des Gespräches nicht sonderlich verändert hatten. Als sie sich jedoch zu Rui umwandte, um ein weiteres Mal um eine Übersetzung zu bitten, bemerkte sie, dass Rui abermals nervös zu werden schien.
Firey würde allerdings nicht herausfinden, was der Grund für Ruis erneute Nervosität war, da eine neue Stimme sie von diesem Vorhaben ablenkte. Eine Stimme, die ihr nur allzu bekannt war, da sie sie in dem vergangen Jahr beinahe täglich gehört und um sich gehabt hatte.
Es war Azuma - und Azuma wäre nicht Azuma, wenn er sich nicht ohne zu zögern und ohne darüber nachzudenken zu den beiden Dämonen gesellt hätte mit vor Tatendrang leuchtenden Augen und einer gezückten Waffe, die eben diesen Tatendrang unterstrich. Er war überaus erfreut darüber, nach so vielen Stunden des sinnlosen Suchens endlich seinen ersten Anhaltspunkt gefunden zu haben. Da Azuma im theoretischen Unterricht nicht immer gleich gut aufgepasst hatte, wäre er wohl ohne Yuukis Hilfe nicht auf die Idee gekommen, nach Karou zu suchen, da die Chance laut seinem Freund recht groß war, dass Firey sich in seiner Gefangenschaft befand. Die Warnungen, die Yuuki ihm im gleichen Atemzug überbracht hatte, hatte Azuma natürlich in den Wind geschossen. Er brauchte keine Warnungen vor irgendeinem Dämon. Er hatte seine Erdmagie.
"Du bist Karou, nicht wahr? Ich glaube, du hast etwas, was mir gehört!" Karou verzog keine Miene, als Azuma dies verkündete; anders als Silver, der den Erdwächter ansah, als wäre er eine optische Täuschung.
"Was bist du denn für einer?", fragte Silver, der mit dem plötzlich aufgetauchten Azuma nicht sonderlich viel anfangen konnte. Azuma, der die auf dämonisch gesprochenen Worte dank der Übersetzfunktion des Kommunikationsgerätes verstehen konnte, antwortete, als hätte er nur auf diese Frage gewartet. Mit einer übertriebenen, selbstzufriedenen Körperhaltung antwortete er:
"Merk dir meinen Namen, Dämon, denn es wird der letzte Name sein, den du hören wirst! Mein Name lautet Az-"
"Azuma Tsuchi, Elementarwächter der Erde, erster Rang. 20 Jahre alt, knappe 163 Zentimeter hoch, vor einem Jahr den Wächtern beigetreten, vorher wohnhaft in Dänemark unter dem Namen Kristian Hansen, Gamle Kongegade 3, Nykøbing. Relevant für den Kampf: Stärke und Verteidigung nicht zu unterschätzen, Geschwindigkeit gering, Umgang mit dem Element: ausreichend, um eine Gefahr auszumachen." Auf der einen Seite unzufrieden darüber, dass man seine glorreiche auf Englisch angefangene Rede zerstört hatte und auf der anderen Seite doch ziemlich überrascht, sah Azuma Karou mürrisch an, der diese Daten gerade wie ein Computer heruntergerappelt hatte: mit seinem Computer stand er zwar nicht in Verbindung, aber er hatte sämtliche Daten der Elementarwächter im Vorfeld eingespeichert.
Silver, der sich nur die Hälfte der Informationen gemerkt hatte, wurde erst plötzlich hellhörig, als Azuma seine Drohung fortsetzte:
"Und ich bin hier, um meine Fireyskat aus euren Klauen zu befreien!" Offensichtlich hatte Azuma nicht registriert, dass die beiden Dämonen nicht gerade Partner waren, doch es war ihm auch vollkommen egal: Er war ein Wächter und als Wächter tötete er Dämonen. Das war ihm im letzten Jahr beigebracht worden, weshalb es vollkommen egal war, ob einer der beiden unschuldig war, denn es gab keine unschuldigen Dämonen. Sie waren schuldig, Dämonen zu sein - eine Logik, die Azuma schnell verstanden hatte.
Zwar konnte Firey nur die Worte Azumas verstehen, doch diese genügten ihr, um zu verstehen, dass sie sich nun nicht länger verstecken konnte - sie musste Azuma von seinem Vorhaben abbringen, denn mit seiner doch sehr auffälligen Magie würde er…
Doch zu spät.
Azumas Waffe sah im normalen Modus aus wie ein gänzlich ungefährlicher, goldener Stab, daher wirkte es auch nicht sonderlich bedrohlich, als Azuma ihn auf die beiden Dämonen gerichtet hielt. Schnell stellte sich jedoch heraus, dass diese Unterschätzung ein Fehler darstellte. Der Erdwächter wirbelte den etwa einen Meter und fünfzig Zentimeter langen Stab um seine rechte Hand herum, ehe er seinen Griff entschlossen festigte und die dazu gehörige Beschwörung rief:
"Hvis dit åsyn, bevis din styrke og ødelæg dine fjender! FALKENSTJERNE!"1

Einen Moment, bevor Azuma diese dänische Beschwörungsformel gerufen hatte, war Silver mit seinen Gedanken noch gänzlich woanders gewesen, nämlich bei der Frage, ob sein Gehör sich getäuscht hatte - hatte dieser mickrige Wächter gerade Firey gesagt?

Doch Silver fand schnell heraus, dass er sich es nicht erlauben konnte, sich darüber Gedanken zu machen, ob Azuma nun von Firey gesprochen hatte oder nicht, denn er verlor den Boden unter seinen Füßen.
Noch während Azuma seine Beschwörungsformel in Richtung des sandigen Boden gerufen hatte, hatte sich sein Stab um mehrere Meter verlängert und es war Silver ein Rätsel, wie es Azuma möglich war, diesen plötzlich endlos lang gewordenen Stab zu schwingen und dessen Spitze auf den Erdboden der Dämonenwelt aufschlagen zu lassen, während der Erdwächter selbst am anderen Ende des Stabes mehrere Meter in der Luft hing.
Als die Spitze des Stabes den Boden berührte, ertönte ein ohrenbetäubendes Donnergrollen, ähnlich einer Abfolge von gigantischen Trommelschlägen. Nur eine Millisekunde verblieb es ruhig, bis die Erde zu beben begann und es sie auseinanderriss.
Schreiend, revoltierend unter der Herrschaft Azumas, erhob sich der Boden unter den Füßen der Anwesenden, brach auseinander, löste sich in große Bruchstücke auf oder zerfiel in sich. Die drei Dämonen hatten den unschlagbaren Vorteil, dass sie fliegen konnten und sie somit nicht in die Tiefe stürzten, so wie Firey es tat, als der Boden unter ihren Füßen einbrach.
Rui, die sich in dieser brenzligen Situation natürlich selbst am nahesten war, begab sich sofort in Sicherheit, während Firey mit einem unbändigen Schrei in die Tiefe stürzte, der im tosenden Gebrüll der Steine unterging. Nur durch Zufall und mit Müh und Not, gelang es ihr, an einem auftürmenden Felsen mit einer Hand Halt zu finden.
Dies war jedoch nicht das einzige, was Azuma nicht beachtet hatte; sondern auch, dass die Erdoberfläche der Dämonenwelt anderen Bedingungen ausgesetzt war als der dicke Erdmantel der Erde. Als Erdwächter hatte er natürlich gespürt, dass die Erde der Dämonenwelt anders war, doch hatte sich nicht um die Konsequenzen geschert. Schnell fiel ihm jedoch auf, dass dies ein Fehler sein sollte, denn kaum, dass die ersten tiefen Risse die Erde gespalten hatten, verwandelte sich die Umgebung wahrlich in eine Hölle.
Denn der Grund, warum es in der Dämonenwelt so fürchterlich heiß war, war nicht, weil das Klima es nicht anders zuließ, sondern dass der Erdmantel nicht dick genug war, um die Hitze der darunter fließenden Lava zurückzuhalten.
Hitzefontänen befreiten sich aus ihrer langen Gefangenschaft und verwandelten die sowieso schon ziemlich heiße Gegend in einen wahren Kohlenofen. Mit bangen Augen traute Firey sich nach unten zu schauen, wo sie eine glühend rote Substanz ausmachen konnte. Obwohl sie eine Feuerwächterin war, so war ihr absolut nicht wohl dabei, dass sich unter ihr Lava befand und sie vertraute ihrem Element nicht so weit, dass sie glaubte, dass sie einen Sturz in die Lava überleben würde.
Doch Fireys recht ungünstige Position war im Moment absolut nicht wichtig für Azuma, denn dieser hatte es nicht einmal bemerkt. Während Rui sich in Sicherheit gebracht hatte, waren Karou und Silver damit beschäftigt, den Erdwächter zu töten - genau wie umgekehrt.
Eine Aufgabe, die sich auf beiden Seiten als schwierig herausstellte. Doch sowohl Azuma als auch Silver schienen auf einem Nenner zu sein, was den Gefallen an diesem Kampf anging, denn beide grinsten vor freudiger Erregung, endlich einen spannenden Kampf bestreiten zu können; die Gedanken an Firey hatten beide vergessen. Azuma vergeudete keine Sekunde und ging sofort in die Initiative über und sein Stab schoss wie zuvor urplötzlich in die Höhe mit ihm selbst an dessen Spitze. Aus für Silver unverständlichen Gründen gelang es dem energiegeladenen Erdwächter dabei, sich mit nur einer Hand an seinem langen Stab festzuhalten und sich zeitgleich mit einem Bein daran abzustützen. Ein schneller Blick zum Stabende verriet, dass es beinahe mit dem Erdreich verbunden zu sein schien - und dass der Stab das Auge des aufbrausenden Sturms war, denn der Boden außerhalb dieses minimalen Radius um ihn herum geriet absolut außer Rand und Band. Die großen Felsen, die sich wie Bäume in die Höhe erhoben hatten, brachen in sich zusammen, drohten, die beiden Dämonen unter sich zu begraben, welche beide in verschiedene Richtungen flogen, um diesen auszuweichen.
Anders als Karou hatte Silver sich natürlich nicht sonderlich lange mit Strategien beschäftigt, sondern handelte rein aus Instinkt. Dieser hatte ihm gesagt, dass er erst einmal Abstand zum Epizentrum des Erdbebens nehmen musste, doch es war beinahe unmöglich, eine Gerade zu fliegen, da die krachenden Felsen kontant einstürzten und ihn zu verschlingen drohten: doch damit nicht genug - aus den herabfallenden Felsen bildeten sich auf Azumas Willen hin kleine Steinspeere, die es alle auf Silvers Leib abgesehen hatten.
Silvers Schnelligkeit ignorierend sammelten sich diese kleinen Plagegeister hinter ihm und machten sich zu einem gesammelten Angriff auf ihn bereit, welchem er zu entgehen versuchte, indem er sich an einem senkrechten Felsen emporschwingen wollte. Doch sein Instinkt sagte ihm schnell, dass dies keine sonderlich gute Idee war, da die gesamte Felswand, kaum, dass er sie berührt hatte, zusammenstürzte und ihn in die Tiefe stürzen wollte - wäre es ihm nicht schnell genug gelungen, schwarze Magie zu beschwören, diese hinter sich zu entfesseln und somit genug Schwung zu haben, um nicht von den Felsen in die Tiefe gezogen zu werden, welche die kleinen Steinspeere verschlungen hatte.
Gerade als er endlich zum Gegenangriff ausholen wollte, schien es sich die herunterfallende Erde jedoch anders zu entscheiden und anstatt sich mit der Lava zu vereinigen, sammelte sie sich mitten im Fall in Sekundenschnelle zu einem gigantischen spitzen Speer und schoss diagonal empor, genau auf den Punkt, wo Silver in der Luft hing und gerade zum Gegenangriff ausgeholt hatte. Doch Silver war nicht umsonst nach Ri-Il einer der schnellsten Dämonen und so gelang es ihm, einen Salto rückwärts durchzuführen, ehe der Speer ihn durchbohrte.
Seine Füße fanden Halt an einer Felswand und zu seiner Überraschung stellte diese sich dieses Mal nicht gegen ihn, denn Azuma war just in diesem Moment von Karou angegriffen worden, der, anders als Silver, nie instinktiv handelte, sondern jede noch so kleine Sekunde ausnutzte, um über seine Aktionen nachzudenken.
So hatte er keinen Abstand zwischen ihm und Azuma aufgebaut, sondern war direkt auf ihn zu geflogen. Da er sich allerdings nicht mit Silvers Schnelligkeit messen konnte, wäre er so beinahe von der Erde heruntergezogen worden, doch kaum, dass wütende Erde sein Bein gepackt hatte, hatte Karou bereits mit einem gezielten, simplen, aber effektiven schwarzen Strahl auf den Stab Azumas geschossen, welcher in der Mitte auseinanderbrach und somit den Wächter von seiner hohen Position herunterholte.
Der Erdwächter wollte sich vor dem tödlichen Sturz retten, indem er eine Sandfontäne unter sich bilden wollte, welche seinen Sturz abfedern sollte, doch Silver hinderte ihn an diesem Vorhaben. Mit einem gezielten Fußtritt in die Magengegend schleuderte er den perplexen Erdwächter mehrere Meter, ehe Karou ihn hätte angreifen können.
Jeder andere Dämon hätte sich wohl darüber geärgert, dass Silver sich eingemischt hatte, doch Karou verzog keine Miene, als er ihm zuvor gekommen war. Der erfreut grinsende Rotschopf setzte zu einem weiteren Angriff an, als er Azuma nun wie ein Wurfgeschoss in Richtung des Bodens hinterhersauste; seine Hand leuchtete bereits drohend in einem schwarzen Licht auf und seine Finger spreizte Silver weit auseinander, um die anvisierte Kehle des Erdwächters packen zu können, doch kaum, dass er ihm zu nahe gekommen war, schlug Azuma plötzlich die Augen auf und rief Silver, nur noch wenige Meter vom Boden entfernt, grinsend zu:
"Hast du dem Kerl nicht zugehört?! Meine Verteidigung ist nicht - zu - unterschätzen!" Im Takt mit dem Aussprechen der letzten drei Wörter raste sie umgebender Sand und Geröll auf die ausgestreckte Hand Azumas zu, als wäre seine Hand ein anziehender Magnet, welche auch eine beschützende und abfedernde Sandfontäne unter ihm entstehen ließ.
"GARGOYLENS HÅND!"2 Kaum rief er dies grinsend Silver entgegen, hatte sich das gesammelte Geröll zu einem Steinspeer aufgetan, welcher nun auf den Rotschopf zuraste und ehe es dem überraschten Dämon gelang auszuweichen, seine Magengegend rammte.
Azuma landete talentiert auf einem ruhigen Felsen, anders als Silver, dessen Flug unbarmherzig an einer von Azuma heraufbeschworenen Steinwand endete.
Silver blutete stark, doch es war der Schmerz seiner schreienden Rückenknochen, welcher ihn lähmte. Einen Augenblick lang flimmerte die Sicht vor seinen Augen und triumphierend stellte Azuma fest, dass sein Kontrahent wohl das Bewusstsein verloren hatte, denn er bewegte sich nicht mehr.
Er war noch nicht abgehakt, doch Karou ließ ihm keine Zeit, sich weiter um ihn zu kümmern, da dieser gewiss nicht gewartet hatte, um Azuma die Gelegenheit zu geben, seinen Triumph lachend auszukosten.
Von all dem bekam Firey nichts mit. Sie hatte ihre Müh und Not, sich ihren Weg an der Felswand zu erkämpfen. Da sie es nicht zulassen konnte, dass der Bogen Hireys der Lava zum Opfer fiel, hatte sie sich diesen nun zwischen die Zähne geklemmt und hievte sich mühsam nach oben, während sie Azuma verfluchte; ihn und sein verdammtes Element und alles, was dazugehörte!
Ihre Fingernägel waren abgebrochen, ihre brennenden Fingerkuppeln blutverschmiert und jeder Knochen ihrer Finger schrie vor Erschöpfung. Doch sie konnte unmöglich loslassen, das konnte sie nicht - es waren doch nur noch ein paar Meter, ein paar Meter … doch unter dem ständigen Beben war es schwer, den Halt zu bewahren und immer wieder rutschte sie unter erstickten Schreien in die Tiefe herab und das Ziel entfernte sich weiter von ihr. Wenn sie den Bogen würde fallen lassen … nein! Das war keine Option, das konnte sie nicht zulassen.
Verzweifelt streckte sie ihre verbrannten Finger aus, und endlich, endlich, bekam sie die Kante zu fassen. Ein leichtes Gefühl von Glück und Erleichterung breitete sich in ihr aus, doch es verschwand schnell, als sie sah, dass sich ein Schatten über ihr auftürmte.
Mit bangen Ahnungen blickte sie demjenigen ins Gesicht und mit noch bangeren Augen stellte sie fest, dass die Schuhe desjenigen sich gefährlich nah an ihren Fingern befanden.
Aber er würde sie doch nicht herunterstürzen, das würde er doch nicht … sie hatte sich doch nicht in ihm geirrt, nein, das hatte sie nicht … oder etwa doch?



1 Übersetzung: "Zeige dein Angesicht, beweise deine Stärke und vernichte deine Feinde! FALKENSTERN!"
2 Übersetzung: "Die Hand des Gargoyls!"