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Episode 43
  Episode 43: Lebendig
Verzweifelt streckte Firey ihre verbrannten Finger aus, und endlich, endlich, bekam sie die Kante zu fassen. Ein leichtes Gefühl von Glück und Erleichterung breitete sich in ihr aus, doch es verschwand schnell, als sie sah, dass sich ein Schatten über ihr auftürmte.
Mit bangen Ahnungen blickte sie demjenigen ins Gesicht und mit noch bangeren Augen stellte sie fest, dass die Schuhe desjenigen sich gefährlich nah an ihren Fingern befanden.
Aber er würde sie doch nicht herunterstürzen, das würde er doch nicht … sie hatte sich doch nicht in ihm geirrt, nein, das hatte sie nicht … oder etwa doch?


Es war für Azuma kein Problem, dass sein Stab zerbrochen war, denn er konnte ihn beliebig oft wieder auferstehen lassen, solange dessen Kern nicht beschädigt war. Er hatte seine Strategie allerdings geändert und den Stab nicht sofort erneuert; er hielt das abgebrochene Ende in der Hand und schwang dieses nun als gefährliche Waffe über seinem Kopf, während er Karou hinterher hechtete, indem er von Fels zu Fels sprang, welche sich ihm fügten, so dass er keine Angst davor haben musste, durch einen falschen Sprung plötzlich hinab in die brodelnde Lava zu stürzen. Karou gelang es offensichtlich mit Leichtigkeit, seinen Angriffen auszuweichen, welche aus felsigen Speeren bestanden, die Azuma mit dem an die Felsen schlagenden Stab heraufbeschwor.
Der Erdwächter grinste breit angesichts der Feigheit, die Karou an den Tag legte, da er sich nur aufs Ausweichen begrenzte und nicht zum Gegenangriff ausholte; zwar hatte Azuma ihn noch kein einziges Mal erwischt, aber das war nur eine Frage der Zeit!
"Machen wir das Ganze mal spannender!"
Mit einem womöglich noch breiteren Grinsen bohrte Azuma daraufhin seinen Stab in die ihm am nächsten gelegene Felswand und als er seine Waffe nach nur wenigen Sekunden wieder herauszog, war der Stab mit einer spiralförmigen Spitze aus Stein versehen, mit welcher er umgehend auf Karou zu hechtete. Dieses Mal gelang es ihm nicht, komplett auszuweichen und triumphierend stellte Azuma fest, dass er sein Ziel zum ersten Mal getroffen hatte, als er merkte, wie Blut auf die Felsen hinabtropfte. Der Erdwächter wollte gerade weiter nachsetzen, da war es nun er, der erwischt wurde: Etwas Stechendes traf seinen Rücken, doch es gelang ihm nicht, zu sehen, was es war, da der Druck so stark war, dass er in die Luft gewirbelt wurde.
Lange hing er nicht in der Luft, ehe er mit dem Rücken gegen etwas prallte: etwas, was kein Felsen war, etwas, das außerhalb der Reichweite seines Elementes lag, etwas, das seinen Sturz nicht abfederte und was somit genau die Wirkung hatte, die Karou berechnet hatte.


Silver war natürlich nicht tot und auch bewusstlos war er nicht lange gewesen. Er hatte sich kampfunfähig gestellt, damit Azuma nicht sofort auf die Idee kam, den Felsen, auf dem Silver gelandet war, zu seinem Vorteil zu manipulieren. Seine Verletzung und sein Rücken schmerzten, waren jedoch nicht so unerträglich, dass er darunter zusammenbrach.
Die Frage, die Firey sich unweigerlich stellen musste, als sie Silver über sich stehen stand - ob er ihr helfen oder sie in die Lava hineinfallen lassen würde - blieb unbeantwortet. Nur zwei Sekunden lang hatte sie sich mit diesem quälenden Gedanken beschäftigen müssen, nur zwei Sekunden lang hatte sie sein Gesicht gesehen, welches sie zum ersten Mal mit den rotglühenden Augen eines Dämons gesehen hatte.
Ehe ihr Herz überhaupt auf diesen Anblick hätte reagieren können, waren die zwei Sekunden vorüber, denn der Fels, auf dem Silver stand und an den Firey sich festklammerte, war eben der Fels gewesen, in den Azuma seine Waffe hineingehauen hatte und welcher auseinanderbrach, als der Erdwächter diese wieder herausgezogen hatte.
Ohne nun Silver weitere Beachtung zu schenken, gelang es Firey, sich selbst zu retten, indem sie sich am nächstgelegensten Felsen festklammerte und sich so schnell es ging hinaufzog. Anstatt erst einmal ihre momentane Lage zu untersuchen oder sich nach Azuma umzusehen, wirbelte sie herum, um Silver zu finden. Doch vergebens. Zwar stand sie nun auf einen recht hohen Felsen, doch egal wie oft sie sich um ihre eigene Achse drehte, sie konnte keinen Rotschopf erblicken.
Sie hatte keine Angst um ihn, doch die Frage, ob er ihr nun geholfen hätte oder nicht, brannte beißend in ihr und sie wollte eine Antwort. Eine Antwort, ob sie sich geirrt hatte oder nicht …
Schnell jedoch schob sich diese Frage erst einmal in den Hintergrund, denn während sie sich in alle Himmelsrichtungen drehte, entdeckte sie, dass Azuma in der Klemme steckte, was auch der Grund dafür war, dass das Beben aufgehört hatte: Das, womit Azuma zusammengeprallt war, war der einzige, alte vermoderte Baum in innerhalb von mehreren Kilometern gewesen. Karou war wahrscheinlich klar gewesen, dass das Kontrollieren von Bäumen außerhalb Azumas Machtgebiet lag und dass er nichts dagegen würde tun können, wenn man ihn an eben diesen drückte und ihm die Luft zum Atmen nahm - und Karous Berechnungen entsprachen offenbar der Wirklichkeit, denn Azuma konnte sich offensichtlich nicht gegen Karous felsenfesten Griff wehren. Von ihrem Standpunkt aus konnte Firey Azumas schmerzverzerrten Blick erkennen und es war ihr, als könnte sie den Schmerz selbst fühlen, denn Karou gebrauchte seine schwarze Hand, um Azuma zu strangulieren; genau, wie er es bei Firey getan hatte.
Firey musste ihrem Kollegen helfen, aber wie?! Sie hatte keine Pfeile, sondern nur einen Bogen, mit dem sie nicht schießen konnte, da der Bogenstrang fehlte, weil die Waffe gar nicht dafür vorgesehen war, dass man sie mit einem benutzte … nicht nur, dass es Firey bis zum heutigen Tag nicht gelungen war, Feuer ohne Hilfe zu kontrollieren, der Bogen gehörte obendrein nicht ihr und würde sie brennend dafür bestrafen, wenn er sie nicht als Herrin anerkannte; und Firey könnte es dem Bogen nicht einmal verübeln. Was war sie für eine schlechte Feuerwächterin, wenn sie nicht einmal in der Lage war, ihr eigenes Element effektiv zu lenken?
Aber sie musste es versuchen; Karou war zwar ein Dämon, der seinen Gegner langsam tötete, aber dennoch hatte sie keine Zeit zu verlieren, ansonsten verlor das Wächtertum nicht nur eine ihrer stärksten Streitmächte, sondern sie auch einen ihrer besten Freunde.
Firey schob die Furcht um ihn in den Hinterkopf und mit geschlossenen Augen legte sie ihre Finger genau so hin, als wären Pfeil und Bogenstrang genau wie bei ihrem eigenen Bogen vorhanden. Sie positionierte ihre Füße so, dass sie sicheren Halt hatte und erinnerte sich daran, was Ignes zu ihr gesagt hatte: Firey musste sich selbst vertrauen, erst dann vertraute sie ihrem Element.

"Höre die Stimme, Hii-sama, höre die Stimme, die in deinem Inneren darauf wartet, zu dir sprechen zu können. Antworte ihrem Rufen, denn du bist die Einzige, die das Element noch zu hören vermag."

Ich habe sie heute gehört, tief in meinem Inneren; den Ruf meines Elementes, die Stimme des Feuers, das Feuer, das tief in mir liegt. Bitte, Feuer, lass mich deine Stimme noch einmal hören! Ich weiß, ich erfülle deine Ansprüche nicht, aber bitte, lass mich deine Stimme hören, damit ich denen zur Seite stehen kann, die mir wichtig sind!

Ein Feuerwächter fleht nicht. Ein Feuerwächter befiehlt!

Umgehend riss Firey geschockt die Augen auf und sah sich verwirrt um: Woher war diese Stimme gekommen? Sie hatte sie so deutlich gehört, als stünde jemand direkt hinter ihr!
Doch dort stand niemand; der Einzige, der bei ihr war, war Azuma und dieser …
Erst in diesem Moment bemerkte Firey mit überraschtem Blick, dass ihre Hand glühte. Einen kurzen Augenblick fiel ihre Haltung in sich zusammen und sie hob ihre rotglühende Hand vor ihr Gesicht, wo sie auf ihrer Handfläche das Wappen ihres Elementes brennen sah: das Wappen ihrer Elementarfamilie, das Wappen der Feuerwächter.
Auf einmal, als hätte etwas in ihr nur auf diesen einen Moment gewartet, um endlich auszubrechen, wusste sie plötzlich genau, was sie zu tun hatte. Um die zu beschützen, die ihr wichtig waren, durfte sie nicht mehr zweifeln, sie musste auf sich selbst vertrauen; auf sich selbst und auf ihr Element.
Wieder stellte sie sich in dieselbe Position wie vor wenigen Sekunden, legte die glühende Hand dort an, wo man den Pfeil normalerweise anlegte und von diesem Punkt aus loderte zuerst ein dünner Strich auf, welcher sich von der einen goldenen Flamme zur anderen verband.
Firey holte tief Luft, ehe sie zum ersten Mal ihre Beschwörung mit den Lippen formte, leise und unbemerkt, während sie auf Karous rechte Schulter zielte:
"Find your way, find your way through the heavens, burn the hell, illuminate the skies, pierce the target! BURNING HEAVEN!"
Und die Feuerwächterin ließ los.
Sie sah das rasende Feuer, welches die Form eines Pfeiles annahm, sah, wie es sich durch sämtliche Hindernisse hindurchbrannte, auf dessen Ziel zu, um Karou auch noch den letzten Arm zu nehmen -
"Glaubst du wirklich, dass der Trick zwei Mal wirkt?!"
Karou hatte den Pfeil aufgefangen.
Noch viel schlimmer: mit vor Hass und Wut verzerrtem Gesicht tauchte er vor ihr auf.
Firey spürte nur einen kurzen Moment Schmerz.
Dann … nichts mehr.


Karou ärgerte sich darüber, dass seine Gefühle mit ihm durchgebrannt waren und über sich selbst zornig wandte er sich von der Stelle ab, wo Firey eben noch gestanden hatte und wollte sich wieder Azuma zuwenden, der nach wie vor am Baum lag und durch den Sauerstoffverlust offensichtlich das Bewusstsein verloren hatte.
Doch gerade als Karou vom Felsen herunterspringen wollte, verharrte er mitten in dieser Bewegung und seine Augen weiteten sich überrascht. Noch ehe sein Minicomputer ein zufriedenstellendes Piepen von sich gegeben hatte, wusste Karou bereits, dass es ihm gelungen war; dass die Arbeit, an der er schon mehrere Monate saß, endlich von Erfolg gekrönt worden war.
Er war drinnen.
Seine Lippen kräuselten sich; er wollte es nicht, doch konnte ein überaus triumphierendes Grinsen nicht zurückhalten, welches sich in ein boshaftes Lachen verwandelte, ehe er seinen nun bereiten Computer dazu benutzte, mit seinem verhassten Bruder Kontakt aufzunehmen, der zum ersten Mal seit sehr langer Zeit einen gutgelaunten Karou zu hören bekam:
"Komm runter von Luzil, Lerou, und walte deines Amtes! Es ist Krieg!"


Es war warm, herrlich warm. Warm und irgendwie fühlte sie sich geborgen; es war unmöglich, sich nicht wohlzufühlen. Es war ein Ort, den man nicht verlassen wollte, ein Moment, der niemals vergehen mochte - doch leider vergingen gerade die schönen Momente viel zu schnell.
Die Wärme verpuffte, wurde von Kälte abgelöst, welche sich in Firey Gesicht ausbreitete und wie Wasser heruntertropfte. Fluchend, weil sie so gerne in dieser Wärme geblieben wäre, schlug sie die Augen auf und wollte demjenigen am liebsten an die Gurgel springen, der sie aus diesem wunderschönen Moment gerissen hatte, als sie von einem Moment auf den anderen plötzlich ruhig wurde.
Sie war in der Menschenwelt, sie hörte das Rauschen eines Flusses, es war Nacht und Silver saß vor ihr, mit einem Blick, den sie nicht zu definieren vermochte, denn seine Dämonenaugen waren ihr fremd und es fiel ihr schwer, in ihnen zu lesen. Sie sahen sich einen Moment lang an, bis Firey versuchte, sich aufzurichten, doch nicht nur Schmerz verhinderte dies, sondern auch Silver:
"Du solltest liegen bleiben; ich glaube, ein paar deiner Rippen sind gebrochen." Das war also das erste, was er zu ihr sagte, nachdem sie sich mehr als 18 Monate nicht mehr gesehen hatten. Ja, fast zwei Jahre waren seit dem Tag auf dem Schuldach vergangen. Firey freute sich jedoch über diese Worte, freute sich darüber, dass sie an sie gerichtet waren, freute sich darüber, dass sie und alleine seine Anwesenheit ihr die Antwort auf die quälende Frage gegeben hatten.
"… Ich wusste es. Ich wusste es von Anfang an." Ein seliges Lächeln breitete sich auf ihrem blutigen, schmutzigen Gesicht aus und ihre Augen füllten sich mit Tränen, die sie jedoch tapfer zurückhielt.
"Was? Dass deine Rippen gebrochen sind?" Firey lachte über diese irrsinnige Frage. Ihre Brust tat weh, aber es tat zur gleichen Zeit auch gut. Ihr gesamter Körper schmerzte, aber sie fühlte sich so erleichtert und glücklich, dass sie die Schmerzen beinahe nicht spürte. Lächelnd sah sie ihn an und sagte:
"…Dass du lebst. Egal, was andere behaupteten… ich wusste, dass du lebst, Siberu."
Einen Moment lang sah es aus, als würde Silver wiedersprechen wollen; er hatte bereits den Mund geöffnet, um etwas zu sagen, doch schien es sich doch anders zu überlegen. Er seufzte tief und dann sah Firey etwas, was ihr doch eine Träne entlockte: Ein kleines Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus; genau das Grinsen, was sie vermisst hatte, dieses liebenswürdige Grinsen, welches sie oft nur von Weitem gesehen hatte.
"Du bist und bleibst ein dummes Flachbrett. Deshalb kommst du in unsere Welt, um mir so einen Schwachsinn zu sagen?" Ja, das musste er natürlich sagen, er hatte die Träne zum Glück nicht bemerkt, zu schmutzig war ihr Gesicht, um dies zu erkennen. Doch obwohl Firey in diesem Moment an etwas vollkommen anderes denken wollte, über etwas vollkommen anderes reden wollte, erinnerte Silvers Satz sie daran, weshalb sie eigentlich in die Dämonenwelt gekommen war.
"Hör mir zu, ich muss dir etwas sagen, damit du es deinem Bruder sagen kannst, es ist wirklich wichtig." Ein wenig verblüfft sah er sie an und fragte:
"Du willst mir etwas sagen? Ich hätte jetzt tausend Fragen erwartet, aber nicht, dass du mir etwas sagen willst." Wieder lächelte Firey und mit eben diesem Lächeln antwortete sie:
"Ich habe endlich keine Fragen mehr." Doch das Lächeln wahrte nicht lange, bis es verblasste und sie ihn entschlossen ansah:
"Es handelt sich um Green." Nicht das, was Silver erwartet hatte zu hören und auch nicht gerade sein Lieblingsthema, wie sie deutlich an seinem Blick sehen konnte, der sich sofort von ihr abwandte. Ein kleiner Hauch von Sorge war jedoch in seinen roten Augen aufgetaucht, denn ihm war wohl klar, dass etwas Ernstes passiert sein musste, wenn Firey deswegen extra in die Dämonenwelt gekommen war. Mit ihrer gesamten letzten Kraft packte Firey den Arm Silvers und zwang ihn so, sie wieder anzusehen:
"Du musst mir jetzt zuhören und es seinem Bruder sagen…" Sie verstummte plötzlich, denn sie bemerkte, dass sein Blick sich verändert hatte. Irgendetwas sah er hinter Firey, was ihn zuerst überraschte, dann jedoch skeptisch machte. Firey drehte sich in genau dem Moment um, wo Silvers Gesicht sich vor Entsetzen und Furcht verzerrte.
Eine Furcht, die Firey schnell nachvollziehen sollte.


Die öffentliche Diskussion war vorbei, und während Yuuki zunehmend nervöser wurde, weil er nach wie vor nichts von Azuma gehört hatte, zeigte Green sich erleichtert, dass sie den Termin mehr oder weniger erfolgreich hinter sich gelassen hatte. Sie hatte sich darauf begrenzt, die Einwürfe ihrer Wächter anzuhören und die Kommentare zu diesen eher eingeschränkt zuzulassen; mit der Begründung, dass sie diese ihrer Familie vorlegen würde. Wenn sie sich den enormen Stapel ansah, den Itzumi gerade alphabetisch ordnete, wurde ihr jetzt schon schlecht, denn es war ihre Aufgabe, zu beurteilen, welche Einwürfe ihrer Familie vorgetragen wurden und welche nicht. Zum Glück hatte Grey ihr versprochen, ihr dabei behilflich zu sein, sobald es ihm wieder besser ging, ansonsten wäre es für Green schwer geworden, die Wichtigkeit der einzelnen Einwürfe einzuschätzen.
Es war 21 Uhr und somit gab es jetzt nur noch einen gemeinsamen abendlichen Tee; danach konnte sie endlich in den Tempel zurückkehren. Sie freute sich darauf, Grey erzählen zu können, wie es für sie gelaufen war und dass sie tatsächlich einige Wächter von ihrer Meinung überzeugen konnte, was Shaginai sicherlich nicht passen würde. Doch als ihr bewusst wurde, wie spät es war, fiel ihr auch wieder ein, dass sie Grey versprochen hatte, ihm mitzuteilen, wie ihre Entscheidung, was Saiyon anging, aussah. Als er sich von ihr verabschiedet hatte, hatte er gesagt, dass sie somit wohl ein paar Stunden extra Bedenkzeit erhalten hatte und dass sie darüber reden würden, sobald er sich wieder einigermaßen fit fühlte.
Das … war gar nicht so schlecht, denn Green hatte die Überlegung immer weiter zurückgeschoben und es war nicht ohne Grund, dass sie Saiyons neugierigen Blicken auswich. Warum war ihr vorher nicht aufgefallen, wie er sie ansah? Wie oft er eigentlich verstohlen zu ihr herüber sah? Sie war wirklich blind durch die Welt gelaufen … doch, obwohl sie Grey zustimmen musste, dass Saiyon ganz offensichtlich wirklich irgendwelche Gefühle für Green hegte, reichte das nicht für eine Verlobung. Sie wollte ihn nicht heiraten. Sie wollte niemanden heiraten.
Andererseits würde sie wahrscheinlich nicht darum herumkommen …
Dankend nahm Green den Tee entgegen, der sie aus den unwillkommenen Gedanken geweckt hatte und ihr Hals erfreute sich an der wärmenden Flüssigkeit. Während sie ihren Tee trank, bemerkte sie aus den Augenwinkeln, dass Ilang sich neben sie setzte, nachdem sie vor mehreren Minuten den Tisch verlassen hatte. Die Hikari stellte die Teetasse ab und wandte sich an ihre Naturwächterin:
"Wo warst du, Ilang?", fragte Green aus Neugierde und um ein Gespräch anzufangen. Ilang war offensichtlich in Gedanken gewesen, denn sie erschreckte sich, als sie Greens Stimme hörte und wandte sich überrascht an ihre Hikari, doch die Überraschung wurde schnell zu einem ruhigen Lächeln, als sie antwortete:
"Ich war draußen; ein wenig frische Luft einatmen, denn mir bekommt die große Menge an Wächtern nicht."
"Ach, du magst keine Gruppen?", fragte Green überrascht, aber auch ein wenig erfreut darüber, dass sie etwas Neues über ihre Naturwächterin und zugleich Schwägerin erfahren hatte, immerhin war es selten genug vorgekommen, dass sie alleine miteinander sprachen. Ilang schüttelte den Kopf und sagte:
"Nein, nicht besonders." Kurz schwiegen sie sich an, bis Green sie fragte, wo Ryô eigentlich hin sei; sie hätte ihn schon eine ganze Weile nicht gesehen.
"Oh, Ryô ist bereits im Tempel… "
Plötzlich hoben Green und Ilang ruckartig die Köpfe, wie so viele andere, als die große Flügeltür des Saales plötzlich aufgeschlagen wurde und ein Wächter, offensichtlich ein Wasserwächter, völlig außer Atem in den Türangeln stand und die Aufmerksamkeit von rund 50 Wächtern auf sich ruhen hatte. Green wusste nicht, wer er war, aber wenn sie nicht alles täuschte, war er ein Wächter des Wachpersonals, welcher sie begrüßt hatte, als sie auf Min Intarsier angekommen war.
Er gönnte sich keine Atempause, sondern steuerte sofort zielgenau auf Green zu, welche aufstand, als sie bemerkte, dass er zu ihr wollte. Das Gesicht des Wächters war überaus ernst, doch die Hikari sah auch noch etwas anderes in den blauen Augen des Wächters: Furcht. Eine Furcht, die sich unbewusst auf Green übertrug, welche sich verstärkte, als er vor ihr ankam und er sogar auf die normale Verbeugung verzichtete. Er schluckte kurz, ehe er tief durchatmete und leise sagte:
"Es tut mir Leid, Hikari-sama, dass ich Euch diese schreckliche Nachricht überbringen muss…" Während er diese Worte zögerlich über die Lippen brachte, bemerkte Green kaum, dass ihre Elementarwächter nun ebenfalls aufgestanden waren und sich mit bangen Vorahnungen hinter ihrer Hikari versammelten; sogar Itzumi hatte ihre Arbeit unterbrochen und sah empor, wie eigentlich alle Wächter - als wären sie alle ein Wesen, die dieselbe Unruhe spürten und gebannt darauf lauerten, dass der Wasserwächter fortfuhr:
"Aber… aber Euer Bruder…" Greens Augen weiteten sich entsetzt und weniger leise antwortete sie:
"Grey?! Was ist mit Grey?!" Green war plötzlich so aufgebracht, dass sie nicht bemerkte, wie Ilang, welche sich zusammen mit Green aufgerichtet hatte, sich plötzlich wieder in den Stuhl fallen ließ - sie bemerkte auch nicht, wie andere es bereits begriffen hatten und schweigende Bestürzung sich ausbreitete.
Der Wächter schien von Greens Antwort ein wenig überrumpelt und antwortete nicht sofort, doch die Hikari war nicht in der Lage, auf eine Antwort zu warten. Sie packte die Schultern des Wasserwächters, hatte bereits den Mund geöffnet, um etwas zu sagen, als sie die Antwort bereits in seinen Augen lesen konnte: Mitleid.
Warum Mitleid?! Wozu brauchte sie Mitleid?!

Was war mit Grey!?


Ohne auf eine Antwort zu warten, löste Green sich ruppig von dem Wächter und begann zu rennen. Die anwesenden Wächter machten ihrer Hikari sofort Platz und sahen ihr beunruhigt hinterher, wie sie rennend den Saal verließ und ihre Elementarwächter es ihr schnell nachmachten: alle außer Ilang, welche sitzen blieb.

Sie wusste es.
Denn sie spürte es; sie spürte die grausame Tatsache, welche ihr die Kehle zuschnürte und ihr den Atem nahm.


Mit dem Blick stur geradeaus rannte Green durch den Hauptsitz von Min Intarsier, um zum Saal zu gelangen, von welchem man sich in den Tempel teleportieren konnte, demselben Weg folgend, den auch Grey vor wenigen Stunden genommen hatte.
Vielleicht war er krank … so krank, dass er sie bei sich haben wollte. Es ging ihm doch schon die ganze Zeit nicht gut … aber das war sicherlich heilbar, er brauchte sie, um gesund zu werden …
Er brauchte seine Schwester jetzt - und sie brauchte ihren Bruder.
Sie wollte ihn umarmen, seine Hand halten; sie würde ihn die ganze Nacht halten, wenn es sein musste, bis er wieder gesund war! Sie würde nicht von seiner Seite weichen.
Green kam in dem Saal an und ohne auf ihre Elementarwächter zu achten, welche kaum 20 Meter hinter ihr waren, teleportierte sie sich in den Tempel, wo sie sofort weiterlief, in die Richtung von Greys Gemach.
Die Gänge des Tempels lagen verlassen vor ihr, niemand kreuzte ihren Weg; weder Tempelwächter noch Wachpersonal. Wären Greens Gedanken nicht durch die Sorge um Grey vernebelt, so würde sie sich wahrscheinlich darüber wundern; wären ihre Gedanken frei, so würde sie auch Tinamis Stimme hören, die nach ihr rief und sie um Anhalten bat.
Doch Green hörte es nicht.
Sie hatte nicht bemerkt, dass sie verfolgt wurde und genauso wenig bemerkte sie, dass Kaira Tinami, Azura, Yuuki und Pink, die einzigen Elementarwächter, die ihr gefolgt waren, aufhielt, indem sie selbst stehen blieb und den Arm vor die anderen hielt. Mit dem Blick auf Green gerichtet, welche am Ende des Ganges um eine Ecke bog, sprach Kaira:
"Lassen wir sie alleine."
Kaum, dass Green um die Ecke gebogen war, blieb sie auch schon für einen kurzen Moment stehen. Nicht, weil sie vor der Tür zu Greys Gemach stand oder jemand sie aufhielt, sondern, weil sie etwas fühlte.
Sie befand sich bereits auf dem richtigen Stockwerk, auf einem von Säulen eingerahmten Verbindungsgang, der zum Hauptgebäude führte. Wenn sie weiter geradeaus rennen würde, würde sie in den Gang kommen, wo sie zum ersten Mal das enorm große Portrait ihrer Mutter gesehen hatte; in den Gang, der auch zum Gemach ihres Bruders führte.
Die Teleportations-Halle, welche sie hinter sich gelassen hatte, war der Ort gewesen, an welchem sie Grey das erste Mal gesehen hatte: Er hatte sie ohne Umschweife sofort in die Arme geschlossen. Deutlich erinnerte sie sich noch an sein Lächeln, an seine himmelblauen Augen, welche glasig gewesen waren, als er sie angesehen hatte; als er zum ersten Mal nach so langer Zeit seine Schwester gesehen hatte.
Green hatte ihn nur skeptisch angeguckt, hatte keine Freude in sich gespürt, als sie zum ersten Mal ihren Bruder gesehen hatte und als er sie an sich gedrückt hatte, hatte sie sich gefühlt, als wäre sie im falschen Film.

Damals, vor mehr als zwei Jahren, hatte sie es nicht gesehen, doch nun war sie sich plötzlich sicher, dass Grey geweint haben musste, als er sie das erste Mal in den Armen hielt.

Hatte sie ihm eigentlich jemals gesagt, wie froh sie darüber war, dass sie sich getroffen hatten?

Warum dachte sie plötzlich daran?
Warum ging sie nicht weiter?

Grey ging es gut.
Sie würde ihm noch tausendmal sagen können, wie froh sie darüber war, dass er ein Teil ihres Lebens war.

Ja, tausendmal.

Green rannte nun nicht mehr und fern hallten ihre Schritte in den alten Gemäuern des Tempels wider; die weißen Gesichter der vielen Gemälde der einstigen Hikari beobachteten ihre zaghaften Schritte, welche nur langsam gesetzt wurden, als ginge sie auf einer Eisschicht.
Es war so still.
Nicht einmal der Wind bewegte sich oder ersuchte Eingang durch die großen Fenster, deren blanke Zerstörung Green nicht realisierte. Die vielen Scherben auf dem Boden sah sie ebenfalls nicht, reagierte nicht darauf, wie sie auf jene trat und sie durch ihre Schuhsohle spürbar waren; der körperliche Schmerz erreichte sie nicht.

Erst als sie die große Tür am Ende des Ganges erreicht hatte, gelang es etwas, zu ihrem Sein durchzubrechen.

Sie spürte eine Aura.

Eine Aura, die ihr bekannt vorkam; nein, eine Aura, welche sie nur allzu gut kannte, eine Aura, welche sie nie vergessen würde.
Aber das ... das war doch nicht möglich …

Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie mit zitternden Händen die große, bronzene Türklinke herunterdrückte und die Tür sich langsam öffnete - dann schon war die Aura wieder verschwunden. So schnell, wie sie aufgetaucht war.

Der nun etwas schmalere Korridor lag ausgestorben vor ihr.
Sie ging einen Schritt herein und die Tür schlug mit einem Donnergrollen hinter ihr zu; so kam es ihr jedenfalls vor, denn es schien noch Sekunden später in Greens Ohren nachzuhallen. Nur noch ein paar hundert Meter bis zu seinem Gemach, nur noch ein paar hundert Meter, dann würde sie seine Hand halten können …

Green wollte rennen, wollte so schnell es ging bei ihm sein, doch ihre Füße versagten ihr den Dienst. Nur langsam setzten sie einen Schritt vor den anderen, den Blick geradeaus gerichtet, als würde dort etwas aus dem Nichts erscheinen. Wenn sie sich am Ende des Ganges nach links drehen würde, würde dort das große Bildnis ihrer Mutter hängen; das wunderschöne Bild, das Einzige, was ihre heilige Reinheit einzufangen vermochte.
Dann, nur noch ein paar Schritte dahinter, dort war Greys Gemach.

Green ging vorbei an den anderen Kunstwerken, vorbei an den anderen Türen - und Schritt für Schritt bahnte sich eine Erkenntnis in ihr empor.

Etwas, das ihr sagte, dass sie … nicht mehr in sein Gemach würde gehen müssen.
Etwas, das ihr die Tränen in die Augen trieb.

Ein Bewusstsein, welches ihr sagte, dass sie keine tausendmal mehr hatte.

Green kam an der Ecke an. Blieb dort stehen.
Sie wollte nicht weiter gehen; sie wollte sich diesem Bewusstsein nicht stellen.
Sie wollte aufwachen aus diesem Alptraum, wollte dieser Illusion entfliehen! Die Zeit sollte anhalten, sie wollte nicht um die Ecke biegen, sie wollte nicht, dass ihre Füße sich bewegten--- doch sie taten es.

Als sie um die Ecke bog, sah sie, dass das Himmelblau ein weiteres Mal untergegangen war.

Mit seinem Katanakaze hing der Körper ihres Bruders senkrecht aufgespießt an der Wand.