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Intermezzo
  Intermezzo: Die Boshaftigkeit eines Lachens
„Weißt du, Sibi … Ich beneide dich …Du hast einen Bruder, mit dem du dich gut verstehst … ich kann das nicht gerade behaupten.“


„Was bist du für ein Bruder, der so etwas Gravierendes nicht über seine Schwester weiß? Sollte ein älterer Bruder nicht alles über seine kleine Schwester wissen?“


„Wer bist du, dass du mir Vorschriften machst, wie sich ein großer Bruder zu verhalten hat?!“




„Ich … hätte gerne ein besseres Verhältnis zu meinem Bruder. Ich würde ihn wirklich gerne verstehen können.“
„Gary“ sah über den Rand seines Buches hinweg, als Green dieses Gespräch anfing. Sie waren beim Frühstück gewesen … Er, „Siberu“ und Green. Er wusste nicht mehr, wo Pink zu diesem Zeitpunkt gewesen war. Wann war das eigentlich?
… ja … es war kurz nachdem Green ihre Erinnerungen wiedererhalten hatte. Kurz nach deren ersten Kampf. Gegeneinander. Deswegen war „Siberu“ auch so blass; es ging ihm noch nicht wieder gut. Sie würden an diesem Abend beschließen, in die Dämonenwelt zurückzukehren, um Anti-Licht zu erhalten. Ri-Il hatte sie für ihren Einsatz gelobt, als sie „heim“ kamen; sie seien ja mit Herz und Seele dabei; wie erfreulich.
Mekare war auch dabei gewesen.
„Findest du nicht, dass es langsam zu weit geht, Ri-Il?“
Sie hatte wohl deren Lichtintus gemeint.
Aber das ging nicht „zu weit“.

Alles andere ging „zu weit“.
Aber es gab kein Ende von „zu weit“.

Green hatte beim Frühstückstisch gerade verkündet, dass sie besorgt war um Grey; immerhin war er zusammengebrochen. „Siberu“ hatte sich darüber beschwert; warum mache sie sich denn Sorgen um so einen Idioten?
„Er ist zwar ein Idiot, aber er ist immer noch mein Bruder.“
„Pah! Große Brüder tun so etwas nicht. Sowas wie Geschwister entführen und ihre Erinnerungen stehlen und sie gegen ihre besten Freunde aufzuhetzen! Meinst du nicht auch, Aniki?“
„Ich hätte dasselbe getan wie Grey-san.“ „Siberu“ wollte offensichtlich etwas sagen: Er hatte bereits den Mund geöffnet, da schloss er ihn wieder und wenn „Gary“ sich nicht irrte, sah er kurz einen roten Schimmer auf den Wangen seines kleinen Bruders.
„Wir älteren Geschwister müssen doch auf unsere kleineren aufpassen“, ergänzte „Gary“ mit einem leichten Grinsen, was einen Schmollmund bei „Siberu“ hervorrief, doch Green reagierte anders auf seine Worte:
„Du scheinst meinen Bruder ja besser zu verstehen als ich.“ Einen Augenblick lang, ehe „Gary“ seinen Blick wieder an Green wandte, hatte er geglaubt, dass es sie traurig gemacht hatte, doch als er sie ansah, sah er ihre strahlenden blauen Augen und es war gar nicht notwendig zu sehen, dass sie lächelte. Das Strahlen ihrer Augen sagte alles, was notwendig war.

Ja … er verstand Grey gut.

Was war das?

Vielleicht wären sie ja sogar Freunde geworden.

Auf einmal vernahm Blue von irgendwoher ein Lachen und plötzlich wurden Greens Augen schwarz, genau, wie ihre Kleidung sich schwarz färbte, als hätte sie sich bereit gemacht, um an einer Beerdigung teilzunehmen. Die Küche war verschwunden; „Gary“ und „Siberu“ ebenfalls. Green stand alleine, ganz alleine, auf einem endlosen Feld … auf einem Feld über und über besät mit weißen Grabsteinen: alle unbeschrieben, als hätte man sie in weiser Voraussicht bereits aufgestellt.

Sie hätten sicherlich über vieles reden können.

Aber woher kam das Lachen? Es kam näher… Blue bekam Angst vor dem Lachen, aber Green schien es nicht zu hören. Sie hielt einen schwarzen Regenschirm in der Hand, welcher ihr Gesicht bedeckte … ihr Kopf war gesenkt und absolut starr stand sie da und starrte den Grabstein genau vor sich an, während Blues Furcht vor diesem Lachen anwuchs.

Wenn es den Auftrag nicht gäbe.

Er wollte nicht, dass es näher heran kam. Es machte ihm Angst. So große Angst. Er wollte zu Green gehen, in der Hoffnung, dass das Lachen dort verstummen würde, doch als er näher heran ging, bemerkte er, dass es lauter wurde. Intensiver. Aber es war nicht Greens Stimme … das Lachen drang aus einer männlichen Kehle. Es war böse. Es war verzweifelt. Es war wahnsinnig. Es klang wie das Lachen eines wahnsinnigen Kindes.

Aber jetzt war es zu spät.

Blue wusste, dass er es nicht tun durfte, doch die Angst übermannte ihn. Er griff nach Greens Hand, umschlang seine Finger mit den ihren, um Halt zu erbitten, doch sie reagierte nicht. Ihre Finger legten sich nicht auf seine Hand, sie sah nicht auf, als er seine Verzweiflung zeigte. Ungestört starrte sie den Schriftzug des Grabsteines an, welchen er nun auch las … und Greys Namen sah.

Denn jetzt war Grey tot.


„Du Monstrum! Meine Schwester wird nie, niemals darauf hereinfallen! Ihr Herz ist stark! Ich glaube an sie! …
            Ich glaube an sie …
Glaube an …

Was?                      




An Hoffnung?
Glaubst du denn wirklich, dass du Hoffnung verdient hast? 

Ich … habe Grey umgebracht …
Ja. Na und? 

Deswegen ist Green hier …
Sicherlich. Und? 

Ich will nicht, dass sie traurig ist.
Echt nicht? Das glaube ich dir nicht. 

Woher stammt dieses Lachen?
Vielleicht aus dir selbst? 

Mir ist nicht nach Lachen zumute.
Und woher kommt es dann? 


Ja, das kannst du mir nämlich nicht beantworten, nicht wahr, Blue? 




Blue wusste, dass dies nur ein Traum war. Er wusste, dass er nur aufwachen brauchte, dann würde er das Lachen nicht mehr hören müssen.
Aber er wollte nicht aufwachen.
Solange er Greens kalte, kleine Hand noch hielt, war er sicher …
Sicher … vor …



Nicht aufwachen.
Mit dem Aufwachen kommt die Erkenntnis.

















Ich kann nicht mehr