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Episode 45
  Episode 45: Höre die Hölle I
White ahnte nicht, dass ihr Albtraum präsenter war, als sie sich in diesem Moment ausmalen konnte; dass er wieder am Leben war, nur darauf wartend, ihr Leben selbst noch nach dem Tod zur Hölle zu machen. Bereits zu ihren Lebzeiten hatte er es getan … White war als Kind stets im Tempel eingeschlossen gewesen, hatte das Reich der Wächter nie verlassen und war immer eine Gefangene ihrer Pflichten gewesen. Nachdem Nocturn so gewalttätig in ihr Leben getreten war, war sie obendrein auch noch eine Gefangene seines Wahnsinns geworden – und dies hatte sie nicht nur auf dem Schlachtfeld zu spüren bekommen.
White erinnerte sich noch genau; ironischerweise erinnerte sie sich an alles, was in den letzten sieben Jahren ihres Lebens geschehen war, deutlicher und lebhafter als es ihr lieb war. Von Hikaris, die sich bereits eine lange Zeit im Jenseits aufgehalten hatten, hatte sie gehört, dass sich einige von ihnen nicht mehr an alle Einzelheiten ihres Lebens erinnern konnten, dass ihre Erinnerungen nach und nach verschwammen, was auch der Grund war, weshalb sie die Spieluhr angelegt hatte, um ihre Erinnerungen an Kanori für immer bewahren zu können; auf dass sie niemals verblassen mochten. Doch all ihre Erinnerungen waren noch klar und manchmal wünschte White sich, dass es anders war; wünschte sich, dass einige ihrer Erinnerungen doch endlich von dem Fluss der Zeit hinabgerissen wurden.
Dieser Wunsch blieb ihr verwehrt – und so erinnerte White sich noch deutlich an den ersten Abend, an welchem sie unerwarteten Besuch erhalten hatte. Es war knapp eine Woche nach Greys Geburt gewesen; einer harten Geburt, unter der Whites Gesundheit gelitten hatte und es war keine Lüge gewesen, als sie Greens Pflegemutter gesagt hatte, dass man ihr von einer zweiten Schwangerschaft abgeraten hatte – Azai hatte es tatsächlich getan, natürlich mit dem Wissen, dass seine Worte nichts außer Schall und Rauch waren, denn entgegen jeglicher Hoffnung war Grey nicht der Erbe des Lichtes geworden. Shaginai hatte seine Empörung darüber versteckt und diesen Umstand lediglich mit den Worten ausgedrückt, dass es wohl Hikari-kami-samas Wille war, White noch nicht ablösen zu wollen.
Der frischgebackenen Mutter ging es nicht gut und ihrem neugeborenen Grey ebenfalls nicht. Azai hatte versichert, dass es keinen Anlass zur Sorge gab und dass der Grund, weshalb er es für angebracht hielt, den kleinen Grey bis auf Weiteres auf der Intensivstation des Sanctuarians zu lassen, nichts außer einer reinen Vorsichtsmaßnahme war. White war dagegen gewesen; wollte nicht von ihrem Sohn getrennt sein, doch natürlich hatte ihr Vater sofort dafür gesorgt, dass sie zurück in den Tempel kehrte, sobald sie wieder auf den Beinen war. Eine Mutter war sie nun, in der Tat, aber als allererstes war sie eine Hikari! Und als solche stand die Pflicht an erster Stelle!
Diese Worte hallten in den Ohren der Hikari nach, als sie am Abend nach ihrer ersten Schlacht in ihrem Gemach ankam, mit einem dröhnenden Kopfschmerz und dem ersten Anflug von Fieber. Sie überlegte, ob sie eine Tablette nehmen sollte, während sie die Wendeltreppe hinaufstieg, mit der Hand aus Sicherheitsgründen beständig am Geländer. Dies erwies sich als ein guter Gedanke, denn auf den Anblick, der sie erwartete, als sie in der ersten Etage ihres Zimmers ankam, war sie nicht vorbereitet gewesen und er schockierte sie: Es war nicht die unumstößliche Tatsache, dass der kleine Tisch zum Tee angerichtet war, sondern die Person, die sie grinsend begrüßte, mit den Worten, dass White aber sehr spät dran wäre und er doch früher mit ihr gerechnet hatte.
Da es sich um Nocturn handelte, war Whites schockierte Frage, was er in ihrem Gemach trieb und wie er dorthin gelangt war, wohl legitim.
„Ich wollte mit dir eine Tasse Tee trinken – als Feier deiner Genesung sozusagen. Verlief die Entbindung gut? Keine Komplikationen?“ White blieb wie eine Statue an der Treppe stehen, mit einer krampfenden Hand am Treppengeländer.
„Wie bist du hier hereingelangt?“, fragte die Hikari noch einmal, ohne auf Nocturns Worte einzugehen. Er ließ sich von ihrer kühlen Art nicht beeindrucken und schenkte dampfenden Tee in zwei verzierte Tassen, wobei ihr erst jetzt auffiel, dass es sich um das Teeservice des Tempels handelte – wie war er daran gelangt?
„Das bleibt mein Geheimnis. Willst du dich nicht setzen? Im Stehen ist es doch nicht gemütlich.“
„Das sind meine vier Wände und ich fordere dich auf, sofort nach Henel zurückzukehren, oder …“
„Oder du wirst mich angreifen, ist es das, was du sagen willst? Tu es, Ma’chere, tu es, du weißt, ich habe nie etwas gegen einen nächtlichen Kampf einzuwenden, aber ich glaube, dein Tempelwächter hat etwas dagegen und würde es bevorzugen, wenn du dich zu mir setzen würdest, um mit mir einen Schluck Tee zu trinken.“ Sofort veränderte sich Whites Gesichtsausdruck: wurde leicht besorgt, als sie plötzlich an ihren treuen Tempelwächter dachte:
„Irizz?“
„Ja, das ist wohl sein Name“, antwortete Nocturn gleichgültig, während er Zucker zu seinem Tee hinzufügte.
„Was ist mit ihm?!“
„Nichts ist mit ihm, mein Engel! Was denkst du von mir!? Jedenfalls ist zum gegebenen Zeitpunkt „nichts mit ihm“. Momentan steht er auf dem Nordturm und bewundert die Aussicht. Aber es könnte ja sein, dass ihm plötzlich seine läppische Existenz bewusst wird und der Freitod ihm gar nicht so unwillkommen erscheint.“ Die Augen Whites verhärteten sich und ähnelten weißem Stahl, als sie so ruhig wie möglich antwortete:
„Woher soll ich wissen, ob das keine Lüge ist?“ Der Flötenspieler ließ die Tasse stehen, ohne einen Schluck davon zu nehmen und lehnte sich zurück in dem verschnörkelten Sessel, als wäre er hier zu Hause. Er schloss die Augen und grinste, als er ihr antwortete, dass sie es ja darauf ankommen lassen könnte, wenn sie sich traute, und fügte hinzu:
„Wenn du mich kennen würdest, dann wüsstest du, dass ich in der Regel eigentlich kein Lügner bin.“ Heutzutage wusste White dies auch, doch damals, gerade mal knapp neun Monate nach Kanoris Tod, wo sie Nocturn bis jetzt nur auf dem Schlachtfeld getroffen hatte, konnte man nicht gerade behaupten, dass sie ihn kannte; was sich jedoch bald ändern würde.
„Ich habe nicht das Bedürfnis danach, dich kennenzulernen.“
„Wie unhöflich! Und das, obwohl ich sogar deinen Lieblingstee habe servieren lassen.“ Nocturn öffnete seine Augen wieder und sah sie nun direkt an, während sein Grinsen nach wie vor bestehen blieb, wenn auch mit einer Spur Hohn.
„Aber wir werden noch viele Gelegenheiten haben, uns näher zu kommen, Ma’chere. Sehr viele Gelegenheiten. Vielleicht sogar jede Nacht, wenn wir Glück haben!“
„Was soll das bedeuten?!“ White bemerkte, dass sie ihre Stimme nicht mehr unter Kontrolle hatte und dass die sonst so wohl erzogene Hikari sich im Ton vergriffen hatte, was Nocturns Grinsen dazu brachte, zu verebben und er stattdessen ein zufriedenes Lächeln hervorbrachte: Anscheinend nahm er es als eine Bestätigung auf, Gefühle in White zu wecken, die sie vorher nicht gekannt oder nicht zum Ausdruck gebracht hatte. Doch sie beherrschte sich schnell wieder, konnte jedoch nichts dagegen tun, dass ein beschämter, roter Schimmer ihre Wangen bedeckte, was Nocturn wieder zu einem kindischen Grinsen brachte. Er wechselte das Thema; scheinbar war er nicht gewillt, eine Diskussion darüber zu führen, sondern es als eine Tatsache abzustempeln, dass sie sich von nun an öfter sehen würden:
„Wie ich sehe, besitzt du eine Harfe. Ein wirklich hübsches Instrument, welch Schande, dass du nicht gerne auf ihr spielst – sieh mich nicht so überrascht an, mein Engel, die Gedanken deines Lakaien sind wie ein offenes Buch! – wollen wir nicht einmal ein Duett spielen? Musikinstrumente fühlen sich so leicht vernachlässigt …“
„Ich betone es noch einmal: Wir werden keinen einzigen Schluck Tee zusammen trinken und ich werde auch keine einzige Saite berühren, während du dabei bist.“ White hatte ihre Stimme nun wieder unter Kontrolle, wie sie erfreut auffasste: kalt, hart und monoton, wie sie es von Shaginai gelernt hatte. Es brachte auch Nocturns Lächeln dazu, zu verschwinden und auch seine Stimme gewann an Härte, als er antwortete:
„Ich hatte gehofft, dass uns das erspart bleibt. Ich hatte angenommen, dass dir bewusst ist, zu was ich fähig bin. Ich verlange doch nicht viel von dir, White, oder tue ich das? Ich will doch nur mit dir allein sein, nur mit dir reden – ist das zu viel verlangt?“ Die Hikari antwortete nicht; stattdessen sah sie ihn mit einer kalten Wut an und ließ das Schweigen für sie antworten.
„Gut, mein erbarmungsloser Engel, du willst es nicht anders. Du willst die Worte hören, die ich eigentlich nicht aussprechen wollte, aber so sei es.“ Nocturn legte eine kurze Pause ein, ehe er fortfuhr:
„Warum glaubst du habe ich neun Monate gewartet, ehe ich dich zum Teetrinken einlade? Glaubst du, das ist ein Zufall? Nein, ist es nicht, das kann ich dir versichern: Solltest du meiner Einladung nicht nachkommen, werde ich deinen Sohn umbringen.“
„Das werde ich niemals zulassen!“, schoss es sofort aus White heraus, was Nocturn mit einem tadelnden Zeigefinger quittierte:
„Du kannst nicht immer da sein, um ihn zu schützen, Ma’chere. Nicht einmal du vollbringst ein solches Wunder – und solltest du Wächter einsetzen, um den kleinen Bastard zu schützen, dann danke ich dir, denn ich habe eine Vorliebe für Herausforderungen, so klein sie auch sein mögen! Ich fühle mich nicht sonderlich durch Kindermorde inspiriert, doch du lässt mir dann keine andere Wahl.“
„Du würdest Grey …“
„… sowieso irgendwann töten? Ha, ja, wahrscheinlich würde ich das; anscheinend kennst du mich ja doch ein wenig? Aber du kannst es ja hinauszögern, vielleicht hat er irgendwann eine reelle Überlebenschance.“ Einen Moment lang wirkte es so, als würde er noch etwas sagen wollen, doch er schwieg. Erst nach einer Weile reichte Nocturn ihr eine Tasse mit den Worten, dass er doch kalt werden würde.
Es war tatsächlich ihr Lieblingstee, auch wenn er nun plötzlich einen bitteren Nachgeschmack hatte.
Genau wie viele darauffolgende Tassen.


Grey hatte bereits eine Woche nach seiner Geburt den Tod über sich schweben gehabt; zu ihren Lebzeiten hatte White es verhindern können, dass Nocturn ihm etwas antat und nun … nun hatte sie nichts tun können, um ihn zu retten. Sie hatte Nocturn umgebracht, und obwohl alle glaubten, dass sie den Bannkreis zum Wohle des Wächtertums geschaffen hatte, hatte sie ihn rein aus egoistischen Zwecken erschaffen; um ihre Kinder zu beschützen.
Es war ihr nicht geglückt.
Als sie den geheimen Schalter in der Bibliothek betätigt hatte, die Stufen ins Dunkle hinabstieg, um schlussendlich durch das eiskalte Wasser schwimmen zu müssen, rasten ihre Gedanken darum, wie Nocturn es geschafft hatte, Grey zu töten, töten zu lassen, obwohl sie ihn vor 19 Jahren umgebracht hatte. Nicht im Traum dachte sie daran, dass er aus dem Reich der Toten zurückgekehrt war. Nein, an diese Möglichkeit dachte sie nicht: Wie sollte dies auch möglich sein? Die Logik sprach dagegen.
Ja, es musste unmöglich sein, redete White sich ein, als sie ihr Glöckchen von ihrem Hals trennte und es auf das leuchtende Pult vor ihr legte, woraufhin die steinerne Tür auseinander fuhr und sie in das Heiligste aller Heiligtümer des Tempels hineintreten ließ.
Wie sollte es auch möglich sein? Silence hatte ihr erzählt, dass Light keine Wesen aus dem Nichts wiederbeleben konnte … und von Nocturn war nicht mehr als „Nichts“ übrig geblieben und die Dämonen besaßen kein anderes Mittel zur Wiederauferstehung. Aber wie hatte Nocturn es geschafft, seinen Schwur, dass er ihr alles nehmen würde, was ihr wichtig war, selbst nach seinem Tod einzuhalten?
White erinnerte sich daran, dass Nocturn ihr erzählt hatte, dass er seinem treuesten Untergebenen die Aufgabe gegeben hatte, sich um Violet zu „kümmern“. Es stand außer Frage, dass ihm dies auch gelungen war … war es der gleiche Untergebene, der auch Grey aus dem Leben gerissen hatte? Und was hatte Blue mit dem Ganzen zu tun?
Es war mitten in der Nacht, die dunkel um sie herum lag und wovon sich das türkisfarbene Wasser deutlich abhob, welches funkelnde Lichtreflexe an die hohen Säulen warf. White mochte es nicht, hier zu sein. Hier an dem Ort wo sie gestorben war, wo Nocturn verendet war und wo der siebte Elementarkrieg beendet worden war, in der Hoffnung, es wäre der Letzte gewesen.
White schloss für einen Moment die Augen und schritt mit entschlossenen Schritten durch den Gang, bis sie an den kleinen Treppenstufen ankam, um kurz innezuhalten. Sie öffnete ihre Augen, sah die Stufen unter ihren Sandalen und war sich bewusst, wenn sie den Kopf heben würde, dass sie den Bannkreis vorfinden würde, wo das verronnene Blut von deren gemeinsamem Tod zeugte. Was tat sie hier eigentlich, fragte sie sich plötzlich: Sie wollte sichergehen, dass Nocturns Macht noch genau da war, wo sie versiegelt sein sollte, aber wie sollte es anders sein? Nur Hikari konnten … zu diesem Heiligtum gelangen … es mit ihrem Glöckchen öffnen …
Als sie die Augen hob, stockte ihr der Atem.
Die Hände Yami-kami-sama, welche 19 Jahre lang die schwarze Kugel von Nocturns Macht gehalten hatte, waren zerbrochen.
Die Kugel war nicht mehr da.
Vor Schreck, Entsetzen und plötzlicher Angst, schlug White die Hand vor den Mund, doch kam nicht dazu, etwas anderes zu tun, als die am Boden liegenden, abgebrochenen Finger von Yami-kami-samas Händen anzustarren, denn eine Stimme tauchte hinter ihr auf:
„Nocturn lebt.“
Vollkommen schockiert wirbelte White herum und erblickte Inceres, flankiert von Ecui und Acui, welcher ihr mit erbarmungslosen Augen mitteilte, dass sie die Einzige war, die Green noch retten konnte.


Nocturn hatte den Kopf ein wenig schief gelegt, mit einem abwartenden Ausdruck in den Augen, während er Green musterte, welche nicht in der Lage war, sich von ihm abzuwenden. Sie war förmlich vor Furcht erstarrt.
Wenn das kein Albtraum war, dann sollte sie etwas anderes tun, als ihn geschockt anzustarren; dann sollte sie ihre Waffe zücken und auf alles gefasst sein. Irgendetwas sagte ihr, dass dies die Realität war; zwar wusste sie nicht, wie es möglich war, dass es tatsächlich Nocturn sein konnte, welcher vor ihr stand, aber er war es ganz ohne Zweifel. Doch trotzdem kam es ihr vor, als wäre sie nur in einem Albtraum gefangen. In einen Albtraum, den sie nur allzu gut kannte, obwohl das Szenario ein anderes war, als damals, als sie ihm im Traum gegenübergestanden hatte. Er spielte nicht auf seiner Hengdi; sie war fest auf seinem Rücken platziert und Green fühlte auch absolut kein unerklärliches Verlangen danach, ihren Klang zu hören.
„Wie überaus schade. Du siehst deiner Mutter wahrlich nicht ähnlich.“ Nocturn sprach diese Worte in der Sprache der Wächter und Green reagierte ähnlich wie White damals im Wald: Es klang tatsächlich befremdlich, wenn ein Dämon ihre Sprache sprach. Obendrein wunderte sich Green über diese Feststellung seinerseits: Er war der Erste, der nicht sagte, dass White und sie sich außerordentlich ähnlich sahen.
Plötzlich lachte der Flötenspieler spöttisch in sich hinein und jagte Green einen Schauer über den Rücken. Er hatte die Hände zu einer enttäuschenden Pose erhoben und sein Seufzen unterstrich diese Gefühle, als er sagte:
„Nein, du bist wahrlich nicht wie deine Mutter.“ Seine Niedergeschlagenheit darüber wurde zu einem herablassenden Lächeln, ehe er ausführte:
„Nein, denn wer mich so bereitwillig in seiner Gedankenwelt willkommen heißt, ist wahrlich nicht wie meine White.“ Greens geschocktes Gesicht wurde zu schierem Entsetzen, als er ihr dies sagte, denn das bedeutete auch, dass er sie nach seinem Belieben kontrollieren konnte, dass sie ihm genauso wehrlos ausgesetzt war und dass der Albtraum …
„Aber dann muss ich mich ja auch nicht vorstellen; offensichtlich weißt du ja, wer ich bin. Aber was ist mit dir? Willst du dich nicht vorstellen? Immerhin stehen wir uns heute zum ersten Mal gegenüber.“ Green schluckte, doch obwohl ihre Knie schlotterten und sie tiefe Angst in sich spürte, hatte sie nicht vor, wie eine Maus unterzugehen:
„Da du meine Gedanken liest, muss ich mich ja auch nicht vorstellen.“ Wieder legte er seinen Kopf ein wenig schief und sah sie verwundert an, während er antwortete:
„Die Karten scheinen damals nicht gelogen zu haben; du bist anders. Aber ich wusste nicht, dass Unhöflichkeit zu Unreinheit gehört.“
„Warum sollte ich zu jemandem höflich sein, der das Leben meiner Mutter ruiniert hat?!“ Wenn sie untergehen sollte, dann verdammt nochmal mit erhobenem Haupt!
Das Lächeln auf Nocturns Gesicht war verschwunden, wie Green mit einem leichten Anflug von Stolz bemerkte. Wieder musterte er sie eindringlich, bis das schelmische Lächeln nach ein paar Sekunden Schweigen zurückkehrte, diesmal allerdings mit einer Spur Boshaftigkeit:
„Du hast Mut, Fille, doch Mut ist nicht immer angebracht. Besonders dann nicht, wenn die eigenen Fähigkeiten nicht ausreichen, um diesen zu untermauern.“ Und dies bewies er auch recht schnell, denn kaum, als er auf sie zu schritt und Green eigentlich zurückweichen wollte, spürte sie zum ersten Mal das Gefühl, dass ihr Körper ihr nicht gehorchte. Ein entmachtendes Gefühl: Sie wollte ihre Beine bewegen, befahl ihnen, sich zu bewegen, doch es geschah nichts. Ihr Körper gehorchte nicht ihr. Er gehorchte Nocturn.
„Du bist nicht stark genug, um dich mir zu widersetzen. Du kannst nicht mal deinen kleinen Finger krümmen, wenn ich es dir nicht erlaube.“ Ohne, dass Green etwas dagegen tun konnte, bewegten sich ihre Beine und langsam richtete sie sich auf, nicht darauf achtend, dass sie bebten wie bei einem Erdbeben.
„Du bist nicht einmal stark genug, um mich aus deinen Gedanken auszuschließen. Ich könnte so viel mit dir machen; alles, was ich will ... Ich könnte dich sein Glöckchen selbst zerstören lassen, wenn es mir beliebte. Oder dich die kleine Feuerwächterin töten lassen – es ist immer so amüsant, wenn sich Wächter gegenseitig umbringen; besonders, wenn ein Band zwischen ihnen besteht.“ Green stand aufrecht, mit dem Kopf gesenkt und dem festen Widerwillen, ihn anzuheben, denn sie wusste, dass Nocturn vor ihr stand und von oben auf sie herabsah. Doch wie schon ihre Beine gehorchte auch ihr Kopf dem stummen Ruf Nocturns und wie von Marionettenfäden geführt erhob sich ihr widerwilliger Kopf und sie sah das boshafte Grinsen Nocturns, während er langsam sagte:
„Also … Green. Wie lange glaubst du muss dein Klageleid erklingen, ehe ich deine Mutter endlich wiedersehe?“


White schüttelte den Kopf, der nach wie vor auf die blinde Kopie Inceres‘ gerichtet war. Sie bewegte ihren Kopf langsam von der einen Seite zur anderen, als könnte sie so die schreckliche Tatsache, dass ihr größter Albtraum wahr geworden war, aus ihrem Kopf verbannen.
Obwohl sie und ihre Kinder in den letzten 19 Jahren vor Nocturn in Sicherheit gewesen waren, hatte sie im Stillen immer Angst vor der Möglichkeit gehabt, dass sie die verfluchte Nocturne ein weiteres Mal würde hören müssen, dass sie ein weiteres Mal um die würde bangen müssen, die ihr lieb und teuer waren. Sie hatte gedacht, mit seinem Tod hätte alles sein Ende gefunden … und dass die Nocturne endlich für immer schweigen würde.

Die unzähligen Kämpfe, all das Blut, was in diesen Nächten vergossen worden war.
Die Abende, an denen sie stumm leidend seinen Worten lauschen musste, um ihren Freunden Sicherheit zu gewähren.
Die Abende, an welchen sie Grey ins Bett brachte, doch vor lauter Furcht und Sorge um ihn die ganze Nacht an seinem Bett sitzen blieb, weil sie Angst hatte, ihn zu verlieren.
Die immer da währenden Alpträume, sobald sie die Augen schloss: die Melodie, welche fortan ewig in ihren Ohren hallte. Diese traurige, schrecklich quälende Musik, wunderschön und abstoßend zugleich … ein wahres Meisterwerk.
Ein Meisterwerk direkt aus der Hölle.

Nein, sie wollte sie nicht noch einmal hören!

Sie wollte nicht noch einmal inmitten von Leichen stehen, wissend, dass das alles nicht passiert wäre, hätte sie diesem verdammten Kind damals nicht geholfen!

Nein, sie wollte es nicht!

Hireys innerer Tod, als er seinen besten Freund hatte umbringen müssen; der Tod all ihrer Elementarwächter; entehrt, mit deren eigenen Waffen getötet – und das alles nur, weil White ihren Tod als Kind besiegelt hatte.

Und Violet! Auch sie wurde nach seinem Tod noch von ihm heimgesucht, für ewig in einen Albtraum gesperrt und das alles nur … und das alles nur, weil …

Nein, nein!

Kanori … Kanori!
White brach förmlich in sich zusammen, als sie nur an Kanori und seinen Tod dachte; verzweifelt schnappte sie nach Luft, als wäre sie am Leben und würde diese benötigen; ihre Hände zitterten und ihre Ohren rauschten und dennoch konnte sie sich nicht dagegen wehren, dass sie wieder Kanoris Leiche vor sich sah …

Und jetzt Grey: tot, genau wie sein Vater – demselben zum Opfer gefallen. Ohne, dass White etwas dagegen hätte tun können …

Nein, sie konnte nicht noch einmal ihre Waffe erheben. Den Kampf, der ihre Freunde, ihren Geliebten, ihr Leben und ihr Herz gekostet hatte, konnte sie nicht noch einmal auskämpfen.
Nein, sie wollte Nocturn nie wieder sehen, wollte nicht noch einmal sein Verlangen spüren, wollte nicht noch einmal erfahren, dass das alles nicht passiert wäre, hätte sie nur nicht … hätte sie nur nicht …
Doch am allerwenigsten wollte sie hören.

Nein. Nein. NEIN!

„Nein, ich kann das nicht … nicht noch einmal … ich kann das nicht noch einmal ertragen …“ White hatte es selbst nicht bemerkt, aber sie hatte ihre Hände in ihren Haare vergraben und die Augen fest geschlossen, welche sie jedoch öffnete, als Inceres Folgendes ohne jedes Mitgefühl sagte:
„Dann wird auch Green sterben.“ Langsam hob White den Kopf, als er dies sagte, doch Inceres war noch nicht fertig:
„Du musst dich entscheiden. Entscheide dich für einen Weg. Entweder du steigst wieder in die Hölle hinab, um deine Tochter zu retten, oder Green wird sterben, wie Grey es tat.“ Während er dies sagte, hatten sich die bebenden Hände zögernd von Whites Kopf gelöst und nach wie vor mit Furcht und tiefster Abscheu in den Adern wandte White sich zaudernd von Inceres ab, um zurück auf die Überreste von Yami-kami-samas moosbewachsenen Fingern zu starren.

Wieder sah sie qualvoll die Opfer Nocturns vor ihrem geistigen Auge. Alle Personen, die ihr in ihrem Leben wichtig gewesen waren. Ihre Elementarwächter, die sie immer unterstützt und immer hinter ihr gestanden hatten, als Krieger und als Freunde … alle entehrt und auf grausamste Weise getötet, als wären sie nur nichtsnutzige Spielzeuge … ihre große Schwester, die kleine immer strahlende Sonne ihrer Kindheit und später auch im Krieg, als immer daseiende Optimistin, welche einem die Hand auf die Schulter legte und einen anstrahlte; jetzt nur noch ein Schatten ihrer selbst, dazu verdammt, niemals wieder zu strahlen … und Kanori, ihr Himmel, ihr Lebensatem, ihr Glück, ihre Liebe, ihr Herz, gepeinigt aus dem Leben gerissen, weil er es gewagt hatte, sie zu lieben; weil sie es gewagt hatte, diese unschuldige Liebe zu erwidern und sie ewig in sich lebend zu spüren …

White wollte nicht wissen, wie genau Nocturn Grey umgebracht hatte, doch Grey hatte Kanori zu ähnlich gesehen, als dass es ein schmerzloser Tod gewesen sein konnte.

Und in diese Reihe sollte sich nun auch Green einreihen?
Das letzte Opfer?
Die letzte Strophe der Nocturne?

„Wie ich sehe, hast du dich für einen Weg entschieden.“
White wandte sich schweren Herzens von den zerbrochenen Fingern ab und sah Inceres an, wie eine Hikari, eine Mutter, ihn in diesem Moment ansehen würde: entschlossen, entschlossen alles zu tun, um ihre Tochter zu beschützen und dafür abermals in den Kampf zu ziehen. Koste es, was es wolle – und wenn es nun auch noch ihre Seele kosten würde.
Inceres lächelte zufrieden, als er eben diese Gefühle auf ihrem Gesicht ablesen konnte, ehe er an ihr vorbei schritt, während seine beiden Tempelwächter stehen blieben, wo er sie zurückgelassen hatte. Doch nur einen kurzen Moment sah White in ihre goldenen, doch ausdruckslosen Augen, ehe ihr Blick sich wieder Inceres zuwandte, welcher trotz geschlossener Augen zielsicher die Stufen empor geschritten war.
„Wie dir sicherlich bereits bewusst sein wird …“, fing Inceres an, während er einen Schritt vor den anderen Schritt setzte, über den verzierten Bannkreis hinweg, den weißen Stoff seines Kleides über den steinigen Boden schleifend, mit seinen zur Abwechslung offenen Haaren, die in der kühlen Abendluft wehten.
„… ist mit dem Wiederbeleben Nocturns der Bannkreis beschädigt. Es ist den Dämonen nun möglich, uns anzugreifen und einen Krieg zu entfachen.“ White, welche Inceres die Stufen hinauf gefolgt war, verharrte, als er dies sagte, im gleichen Moment, in welchem auch er stehen geblieben war.
„Aber …“, begann White und nach kurzem Zögern führte sie aus:
„Wie ist es ihnen gelungen, den Bannkreis unbemerkt zu brechen? Ich hätte es doch bemerkt …“ Inceres unterbrach White, nachdem er die Arme auf seinem Rücken verschränkt hatte.
„Der Bannkreis ist nicht gebrochen, sondern nur beschädigt. Unseren Feinden ist es möglich ihre Welt zu verlassen, doch sie können nicht zurückkehren. Um deine Frage zu beantworten … der einzige Moment, in dem kein Wächter und kein Hikari die Beschädigung eines so mächtigen Bannkreises bemerkt haben würde, nicht einmal du, welche diesen Bannkreis aktiviert hat und selbst ein Teil von diesem ist … ist der Moment, in welchem das Läuten der Glocken unsere Herzen eingenommen hat.“ Dies traf White wie ein Schlag:
„Aber das würde bedeuten, dass das Siegel bereits seit 23 Tagen beschädigt ist! Warum haben sie uns dann noch nicht angegriffen und was hat es dann mit der Galgenfrist auf sich?“
„Das kann ich nicht beurteilen.“ White wunderte sich über diese Antwort: Inceres wusste es nicht? Oder wollte er es ihr nicht sagen? Doch sie entschied sich, dass dies nicht der richtige Moment war, um darüber nachzudenken oder sich mit diesem Thema zu beschäftigen.
Nocturn war zurückgekehrt. Das Siegel gebrochen. Ein Krieg stand bevor.
Und White kannte ihre Tochter gut genug, um zu wissen, dass die Chance, dass sie sicher im Jenseits war, überaus minimal war.
„Inceres-no-danna, bitte sagt mir, was ich tun kann, um das Leben meiner Tochter zu bewahren.“ Kurz bevor Inceres die Statuen der beiden Göttinnen erreicht hatte, blieb er stehen und sah über seine Schulter hinweg, obwohl er sie mit seinen geschlossenen Augen nicht ansehen konnte:
„Wie kann ich dir sagen, was du tun kannst, wo ich doch nie in ein Kampfgeschehen verwickelt gewesen bin? Du bist die Einzige, die diesen Dämon zu bekämpfen weiß.“ White wurde zunehmend verwirrter; ein Umstand, der ihr in diesem Moment absolut missfiel, da doch so viel auf dem Spiel stand und nicht nur Nocturn eine Gefahr ausmachte, sondern auch die Möglichkeit, dass die Dämonen jeden Moment angreifen konnten. Denn jetzt, wo das Siegel gebrochen war, konnte White sich nicht vorstellen, dass die Dämonen sich an ihre eigene Frist halten würden. Sie wusste nicht, was genau dahinter steckte, aber sie wusste, dass die Wächter nun schleunigst handeln mussten; und sie selbst musste Green finden, sie in Sicherheit bringen und dann schnellstens mit ihrer Familie beraten, wie sie mit dieser Situation umgehen sollten. Aus diesen Gründen war sie nun absolut nicht in der Stimmung, um auf Inceres‘ Zweideutigkeiten einzugehen und daher war ihre Stimme auch leicht drängend, als sie die Hand auf ihre Brust legte und sagte:
„Ich kann nicht mehr kämpfen, denn dieser Ersatzkörper ist nichts weiter als eine leere Hülle ohne einen Funken Licht! Ich bin nicht in der Lage, Lichtmagie anzuwenden und ohne meine Lichtmagie kann ich Green unmöglich vor Nocturn beschützen!“
„Was hältst du dann von der Idee, dass ich dein Glöckchen wieder zum Erstrahlen bringe?“ White schwieg sofort, als sie diese Worte hörte und die Hand, die auf ihrer Brust geruht hatte, fiel wie ein Stein herunter.
„Deutet Ihr damit an, dass Ihr mich …“ Inceres, welcher ihr den Rücken zugekehrt hatte, antwortete mit einem leichten, kindischen Lachen:
„Nein, ich kann keine Toten wieder ins Leben zurückholen. Dieses Recht steht nur einem zu.“ Wieder war White verwirrt: Wieso behauptete Inceres so etwas? Sie war dabei gewesen, als er Green wiederlebt hatte … Doch White konnte nicht länger darüber nachdenken, denn Inceres hatte sich nun herumgedreht, in den Händen eine weißglühende Kugel haltend, welche White nur allzu gut kannte, denn es war ihre eigene Lichtmagie, welche den Durchgang zur Dämonenwelt versiegelte.
„Ich kann dir allerdings deine Lichtmagie zurückgeben. Ich kann dein Glöckchen wieder zu einer Waffe machen: zu einer Waffe, die reinigen, beschützen und töten wird.“ Ohne dass White antwortete, schritt Inceres wieder quer über den Bannkreis und blieb vor ihr stehen. Da White auf den untersten Stufen verharrt war, waren sie so auf der gleichen Höhe trotz Inceres‘ geringer Körpergröße.
„Doch achte darauf, dass der Ecience-Körper nur so lange aufrechterhalten wird, wie du noch Lichtmagie hast. Solltest du deine Lichtmagie im Kampfe erschöpfen, wird der Ecience-Körper sich auflösen und dich dazu zwingen, den Kampf zu beenden.“ Inceres hob die große, weiße Kugel an und hielt sie White vor die Brust, als würde er ihr diese überreichen wollen, doch die Hikari hob ihre Hände nicht, um die Kugel entgegenzunehmen. Kurz sah sie stumm in das Kindergesicht, ehe sie ihm eine Frage stellte:
„Doch bedeutet dies nicht, dass der Bannkreis zerstört wird und somit ein völlig uneingeschränkter Krieg riskiert wird?“ Ein Lächeln tauchte auf Inceres Gesicht auf; ein Lächeln, welches sie nicht deuten konnte und welches ihr sogar einen leichten Schauer über den Rücken jagte:
„Ich habe wahrlich den richtigen Namen für dich ausgesucht, Hikari Akarui Tenshi Shinsetsu White … oder eher … Licht der Reinheit.“
Und mit diesen Worten badete er sie im Licht.


Zur gleichen Zeit erreichten Tinami und Kaira gerade wieder den gesegneten Boden des Tempels; sie waren auf dem Rückweg von Sanctu Ele’Saces, wo die Klimawächterin den finalen Obduktionsbericht in Empfang genommen hatte. Sie hätte ihn natürlich auch elektronisch erhalten können, doch sie hatte die persönliche Meinung Aores‘ hören wollen, welche natürlich nicht durch den Bericht hindurchsickerte. Tinamis Skepsis gegenüber Greys Tod hatte keine weitere Nahrung erhalten - sondern eher das Gegenteil. Aores hatte keinen Grund dafür gesehen, skeptisch zu sein, weder was die Ursache noch den Mörder anging: Die Sachlage sei eindeutig und Greys Leiche bereits zur Bestattung freigegeben, wobei die Hikaris den Zeitpunkt der Bestattung entscheiden würden. Ein sehr bedauerlicher Verlust für das Wächtertum – das war alles, was sie „Persönliches“ aus Aores herausbekommen hatte.
Ja, die Daten und Fakten waren eindeutig, das war ohne jeden Zweifel richtig. Dennoch sagte ihr sechster Sinn, dass etwas ganz entscheidend faul war … und sie mochte ein solches Gefühl nicht. Aber vielleicht wollte sie auch einfach nicht glauben, was in dem Obduktionsbericht nun schwarz auf weiß geschrieben stand; dass Blue Grey zwischen 20 uhr 21 Uhr ermordet hatte.
„Man kann beinahe Mitleid mit Najotake haben. Ihre verbotene und überaus naive Liebe hat sie nicht nur ihr Glöckchen gekostet, sondern auch das Leben ihres Bruders.“ Kaira seufzte tief; ein Seufzen, welches jedoch nicht klar zu deuten war. Es konnte wohl als eine Mischung aus Ärgernis und Sorge eingestuft werden; eine Mischung, welche ihr selbst nicht ganz gefiel, doch scheinbar wurde sie nicht bemerkt. Tinami war weiterhin in ihren eigenen Gedanken versunken, wie Kaira aus den Augenwinkeln heraus bemerkte. Statt jedoch zu schweigen, fuhr sie fort, als erwartete sie gar keine Antwort:
„Wenn das an die Öffentlichkeit gerät, wird es sehr schwer für sie werden, ihren ohnehin schon wackeligen Ruf wiederherzustellen. Wahrscheinlich nur, wenn sie den Kopf Blues … Asuka?“ Tinami war stehen geblieben, was Kaira ihr schnell gleichtat. Sie befanden sich auf dem Verbindungsgang, welcher den Ost- mit dem Südflügel verband und durch dessen große, glaslose Fensteröffnungen lehnte Tinami sich plötzlich weit heraus, wofür sie einen überraschten, aber auch genervten Blick ihrer Freundin erntete.
„Was machst du denn da für ein Theater?!“ Tinamis Blick war Richtung Himmel geheftet, dessen dunkles Blau von schwarzen Wolken verschluckt wurde und es daher keinem einzigen Stern gelang, hindurchzuschimmern.
„Diese Nacht hätte eigentlich sternenklar sein sollen. Woher kommen diese Wolken?“ Die meisten hätten wohl verwirrt den Kopf über diese Aussage geschüttelt und die Klimawächterin zweifelnd angesehen, doch Kaira kannte ihre Freundin gut genug, um zu wissen, dass, wenn sie sich über das Wetter wunderte, es niemals unbegründet war.
Dieser Meinung schien Tinami ebenfalls zu sein, denn sie löste ihre Hände von der steinernen Fensterbank und machte kehrt, zurück in den Südflügel, Kaira dicht auf den Fersen.
„Du musst nicht mitkommen, Ai-chan“, sagte Tinami mit einem leichten Grinsen an ihre Freundin gewandt, doch diese sah stur geradeaus, als sie antwortete:
„Wenn dich etwas skeptisch macht, dann hat das meistens einen berechtigten Grund.“
Die beiden Elementarwächter durchquerten den Südflügel schnellen Schrittes, auf dem Weg zur Hauptkommandozentrale des Tempels, welche sich im südlichsten Turm befand. Da es kurz nach 23 Uhr war, waren die Gänge verlassen; die einzigen Wächter, die ihren Weg kreuzten, waren Tempelwächter und das aufgestockte Wachpersonal, welches nach dem Attentat auf Grey recht angespannt wirkte – immerhin war es auf heiligem Boden verübt worden.
Doch obwohl Tinami den Obduktionsbericht fest an ihre Brust drückte, dachte sie just in diesem Moment nicht an Grey oder die Umstände seines Todes. Es war das unerklärliche, ungute Gefühl, welches sie beschäftigte. Irgendetwas war faul; sie roch es förmlich. Diese Wolken … es sollten keine Wolken am Himmel sein!
Und scheinbar war ihr Gefühl nicht unbegründet, denn die beiden Elementarwächter blieben im gleichen Moment stehen, da sie simultan eine Aura gespürt hatten. Einen Moment standen sie schweigend mitten im Gang, bis sie sich verblüfft ansahen.
„Das ist doch unmöglich Najotakes Aura!“, entfuhr es Kaira überrascht und Tinami ergänzte, während sie sich herumdrehte:
„Nein, das ist ganz sicher nicht Ee-chans Aura …“ Kaum hatte sie dies gesagt, stand die Antwort wortwörtlich vor ihnen, als sie sich herumgedreht hatten, um White zu erblicken, die schnellen Schrittes auf sie zuging. Ihr Gesicht war überaus ernst, doch offensichtlich rührte dies nicht daher, dass ihr Sohn vor wenigen Stunden gestorben war, denn wie es sich für eine legendäre Hikari gehörte, war in ihrem Gesicht keine Spur von Trauer zu erkennen. Doch dies oder ihre bloße Anwesenheit war nicht der Grund, weshalb Tinami und Kaira so geschockt waren, dass sie sogar die Etikette vergaßen und sich somit nicht vor der Hikari verbeugten: Es lag an ihrer Aura. Nein, nicht nur an der: Ihr gesamtes Erscheinungsbild strahlte förmlich, und obwohl es gegen jegliche Logik verstieß, war ihnen auf den ersten Blick klar, dass White im Besitz ihrer außergewöhnlich gesegneten Macht sein musste.
Von diesem Anblick verstummt, starrten die Elementarwächterinnen White ungläubig an, bis sie vor ihnen haltmachte. Erst da schienen die beiden Elementarwächter sich aus ihrer Starre zu befreien, denn hastig verneigten sie sich, beide feststellend, dass die Legenden um White ganz offensichtlich wahr waren: Ihre Aura war fast greifbar.
„Tinami-san, ich bin auf der Suche nach meiner Tochter; könnte ich Sie bitten, sie mithilfe des Computers zu suchen?“ Als White Tinamis Namen nannte, schnellte ihr Kopf nach oben, nur um kurz wieder gesenkt zu werden, als die Klimawächterin versicherte, dass sie dies unverzüglich in die Tat umsetzen würde. Nach dem Aussprechen dieser Versicherung drehte sie sich auch postwendend um und schritt auf die nur fünf Meter entfernte Tür zu, welche sie hastig mittels eines Passwortes öffnete. Die automatische Tür glitt zur Seite und dicht gefolgt von Kaira und White gelangte sie in die dunkle Kommandozentrale. Kaum, dass sie jedoch einen Schritt in den Raum gesetzt hatten, leuchteten im Boden installierte Lämpchen auf, die den Raum in mattes, blaues Licht tauchten und in diesem Licht war deutlich zu erkennen, dass die hohen Wände des Raumes von Computerbildschirmen und Tastaturen gepflastert waren, welche zwar kein Bild anzeigten, doch anscheinend aktiviert waren, denn kaum, dass Tinami ihre Stimme erhoben hatte, reagierte der größte der vielen Bildschirme auf ihre Stimme und verlangte das Passwort. Während Tinami auf die unter dem Bildschirm platzierte Tastatur zusteuerte und sich auf den Drehstuhl vor dieser setzte, wandte White ihre Aufmerksamkeit Kaira zu:
„Wie viele Elementarwächter halten sich momentan im Tempel auf?“ Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen und ohne den geringsten Zweifel in den Augen, welche sich nicht davor scheuten, White direkt anzusehen, antwortete Kaira:
„Zu diesem Zeitpunkt halten sich sechs Elementarwächter im Tempel auf, White-sama! Tinami Kikou Asuka, Azura Mizu Asuka, Yuuki Gensou Yoshikawa, Azuma Tsuchi, Pink Hogo Hirishima und ich, Kaira Toki Kitayima stehen Ihnen zur Verfügung!“ White nickte und wollte gerade ihre nächste Frage stellen, als Tinami sie unterbrach:
„Ai-chan, wie spät ist es?“ Die Angesprochene schien ein wenig genervt über diese plötzliche Unterbrechung zu sein, doch gab ihr dennoch widerwillig ihre Antwort:
„Es ist 23 Uhr, zwei Minuten und 30 Sekunden. Warum?“ Diese Frage lag wohl auch auf Whites Zunge, denn auch sie wandte sich zu Tinami, welche plötzlich panisch aussah und erst einmal schlucken musste, ehe sie sich mit völlig entgeistertem Blick an die beiden anderen Wächterinnen wandte:
„Die Uhr unseres Operationssystems ist vor 18 Minuten stehen geblieben, was wiederrum darauf schließen lässt, dass unser System infiltriert worden ist!“


Inceres hatte tatsächlich recht gehabt. Er hatte mit allem Recht behalten.
Green war nicht im Jenseits; sie war auch nicht im Tempel, sondern irgendwo in Lebensgefahr, genau, wie er es gesagt hatte. Und genau, wie er es gesagt hatte, hatte der achte Elementarkrieg bereits begonnen.