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Episode 46
  Episode 46: Höre die Hölle II
„Was soll das heißen, Asuka?!“ Tinami hatte sich bereits von der schockierten White und Kaira abgewandt und blickte beinahe flehentlich den großen, schwarzen Bildschirm vor ihr an; sich natürlich bewusst, dass kein Flehen oder Bitten ihnen nun helfen würde. Doch für einen Moment konnte sie den Schock einfach nicht von sich abschütteln.
Das war ihr System. Sie hatte es erst vor ein paar Wochen neu konfiguriert … wie konnte das sein? Wie konnte das möglich sein?
„Das soll heißen …“, brachte Tinami heiser über die Lippen, den Bildschirm anstarrend:
„… dass wir keinen Zugriff auf unser System haben. Dadurch kann der Aufenthaltsort von Ee-chan nicht gefunden werden und noch schlimmer, wir können auch keinen Kontakt zu den anderen Inseln aufbauen und erfahren somit auch nicht, ob sie angegriffen werden; dasselbe gilt auch für die Menschenwelt. Wir sind komplett von der Außenwelt abgeschnitten!“
„Aber warum infiltrieren sie unser Computersystem jetzt? Was ist mit dem Bannkreis …“, warf Kaira ein, doch ihr Satz wurde von White zu Ende geführt:
„Der Bannkreis wurde gebrochen; er beschützt uns nicht länger.“ Die Münder beider Elementarwächter öffnete sich gleichzeitig, denn obwohl sie es nicht sagten, wurde ihnen im gleichen Moment bewusst, dass das Inbesitznehmen des Operationssystems der Wächter nicht einfach nur ein Streich eines Einzeltäters war, sondern wahrlich den Beginn eines erneuten Krieges bedeutete – der eigentlichen Frist ungeachtet. White ließ ihnen keine Zeit, ihr Entsetzen über diese Information preiszugeben, denn sofort, ganz als wären die vergangenen 18 Jahre niemals gewesen, tauchte die Hikari wieder in die Rolle einer Regimeführerin und Kriegsherrin hinein, indem sie ihr Wort an Kaira richtete:
„Kaira-san, ich bitte Sie darum, Ukario-sama zu wecken und ihn mittels Zeitmagie umgehend hierher zu bringen.“ Kaira stellte keine Fragen, und wie es sich für eine ausgezeichnete Kriegerin gehörte, salutierte sie umgehend und wollte gerade dem Befehl Folge leisten, doch ehe sie ihr Vorhaben umsetzen konnte, hielt White sie auf:
„Ferner habe ich noch ein weiteres Anliegen: Ich möchte, dass Sie Ryô-san zu mir bringen, ebenfalls mittels Ihrer Zeitmagie.“ Zwar konnte Kaira ihr nicht folgen, doch fragen tat sie nicht und verschwand postwendend, ohne von White unterbrochen zu werden.
Und wie es nicht anders zu erwarten war, trafen kaum einen Augenschlag später die gewünschten Wächter ein - denn Kaira hatte sich nicht teleportiert, sondern ihr Element eingesetzt und stand nun an dem Punkt, von dem sie gerade noch verschwunden war, begleitet von Ukario und Ryô: beide in Uniform gekleidet, als hätte sie darin geschlafen und zum Handeln bereit, auch wenn der Letztere ziemlich verwirrt darüber zu sein schien, was er als Tempelwächter in so einer brenzlichen Situation in der Kommandozentrale zu suchen hatte.
Nachdem beide sich im gleichen Moment verneigt hatten, richtete Ukario zuerst sein felsenfestes Wort an White:
„Es ist mir eine außerordentliche Ehre, Euch meine Dienste erneut anbieten zu können, White-sama!“ Kaum hatte er dies gesagt, gönnte er sich nicht einmal eine Atempause, bevor er entschlossen fortfuhr:
„Aktuell befinden sich 233 einsatzbereite Wächter - davon sechs Elementarwächter und fünf Offiziere - im Tempel, welche ich in elf Minuten mobilisieren kann!“ White nickte zustimmend, wandte sich jedoch Tinami zu:
„Ist es Ihnen möglich, den Virus zu analysieren und ihn zu bekämpfen, Asuka-san? Solange wir das Ausmaß der Bedrohung nicht einschätzen können, ist die Planung eines Gegenangriffes unmöglich.“ Kaum dass die Hikari das gesagt hatte, unterbrach Ukario sie höflich:
„Mit Verlaub, White-sama, aber selbst ohne handfeste Daten können wir davon ausgehen, dass die Bedrohung immens sein wird. Unsere Feinde haben 18 Jahre nur auf diesen Tag gewartet! Da sie unsere Stützpunkte nicht angreifen können, wird Terra ihr Ziel sein - und wenn wir uns nicht beeilen …“ Diesmal war es Tinami, die ihn unterbrach, obwohl ihre Augen auf dem Armband lagen, welches sie nun aus ihrer Hosentasche geholt hatte; mit einem ernsten und gespannten Blick, wie Kaira mit Besorgnis feststellte. Es war ein Blick, den sie weiß Gott nicht oft auf dem Gesicht ihrer Freundin gesehen hatte.
„Tut mir leid, dass ich Sie berichtigen muss, Ukario-san, doch unsere Feinde haben es nicht auf die Menschen abgesehen.“ Tinamis Hand um das Armband festigte sich und mit einem unbeugsamen Blick sah sie die vier Anwesenden an:
„Die Barrieren, die alle unsere Stützpunkte beschützen, werden vom Hauptrechner aus gesteuert, welcher nur von Hikaris aktiviert sowie deaktiviert werden kann - und genau das muss getan werden; um den Virus zu bekämpfen, brauche ich einen kompletten Systemneustart – was bedeutet, dass auch die Bannkreise deaktiviert werden müssen. Erst nachdem dies geschehen ist, kann ich den Kampf gegen den Infiltranten aufnehmen. Das wiederum bedeutet, dass wir angreifbar sein werden von dem Moment an, in welchem das System heruntergefahren wird, bis zu dem Moment, in dem ich den Virus ausgemerzt habe. Erst dann können die Barrieren wieder errichtet werden.“ Tinami warf einen kurzen Blick auf die Bildschirme, einen Augenblick, den Ukario nutzte, um einzuwerfen, dass er schleunigst die anderen Bataillone verständigen und diese sammeln würde, sobald das System deaktiviert worden war und sie dadurch wieder frei teleportieren könnten. White wollte gerade antworten, als ein hohles, ironisches Lachen im Raum zu erklang.

„Ja, das wäre wohl eine gute Idee … nur leider ist der Dämon, der hinter diesem Virus sitzt, nicht auf den Kopf gefallen. Sobald das System deaktiviert wird und ich den Kampf gegen ihn aufnehme, aktiviert sich ein Anti-Teleportations-Zauber, welcher uns weiterhin festhält …“ Tinami lächelte und fügte ironisch hinzu:
„Alles steht und fällt mit meinem Sieg über dieses schlaue Köpfchen.“
Einen kurzen Moment lang gestatteten sich die Anwesenden einen Augenblick des Schockes.
„Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um das Wächtertum zu beschützen, glaubt mir.“ Die Klimawächterin sah mit angespannten Augen auf das Armband hinab, über welches ihre Finger hin und her glitten. Das Kabel hatte sie noch nicht angeschlossen, zu groß war noch ihre Furcht und zu deutlich die Erinnerung daran, was das letzte Mal geschehen war. Sie war im Koma geendet … und das hier war ein weitaus größeres Kaliber.
„Asuka wird es gelingen.“ Überrascht darüber, Kairas Stimme zu hören, sah die Klimawächterin auf und zu den anderen vier Anwesenden, wo die Zeitwächterin sich an White gewendet hatte und entschlossen beschwor:
„Es gibt keinen Grund zur Sorge. Auf Asuka ist Verlass.“
In diesem Moment wollte Tinami am liebsten in Tränen ausbrechen und sich ihr gerührt um den Hals werfen, doch sie unterließ es. Allerdings konnte sie nicht verhindern, dass ihre Augen glasig wurden, was sie jedoch schnell abschüttelte, denn sie wusste, dass ihr das nicht gerade Pluspunkte bei Kaira bringen würde. Nein, jetzt war nicht die Zeit für Gefühlsduseleien, jetzt war die Zeit des Handelns gekommen. Die Zeit des Krieges!
Auch White war dies klar und die momentane Situation war alles andere als eine gute Ausgangsposition: Alle Wächter waren bis zu dem Zeitpunkt von Tinamis Sieg auf ihren Inseln eingesperrt und mussten dem Angriff der Dämonen allein entgegenstehen – und von ihren Mithikari war noch niemand hier, was White wunderte. Da das Computersystem nicht funktionsbereit war, konnten sie keinen Kontakt mit dem Jenseits aufnehmen, aber Inceres war gleich nach deren Gespräch ins Jenseits zurückgekehrt … ob sie sich noch berieten?
White wusste nicht warum, doch irgendein unterbewusstes Gefühl sagte ihr, dass sie sich nicht berieten; im Gegenteil sogar. Eben dieses Gefühl nährte die Befürchtung, dass Inceres die Hikari womöglich gar nicht gewarnt hatte.
White hatte ihm nicht gesagt, dass er es tun sollte. Sie war davon ausgegangen, dass es auf der Hand lag, eine Selbstverständlichkeit war, dass er es tun würde.
Aber die Tatsache, dass bis jetzt außer ihr noch kein anderer Hikari anwesend war, sagte ihr, dass Inceres das wohl nicht so selbstverständlich gefunden hatte.
Ob Shaginais Skepsis Inceres gegenüber … nein. Nicht in diesem Moment. Jetzt war nicht die Zeit, über Verschwörungen nachzudenken. Das weitaus größere Problem war der anrollende Krieg und die Tatsache, dass das Teleportation nicht möglich war und die anderen drei Stützpunkte nicht informiert werden konnten; sie würden somit völlig von den Angriffen der Dämonen überrannt werden. Doch White hatte eine Idee, um solch ein Szenario zu verhindern … die Frage war nur, ob dies auch gelingen würde.
Und was war mit Green? Inceres hatte White nur erzählt, dass sie sich irgendwo in der Menschenwelt befand, um Firey zu suchen und dass sie nun mit Nocturn alleine war. White zwang sich, diese Vorstellung beiseitezuschieben: Sie kannte Nocturn gut genug, um zu wissen, dass er Green als Lockvogel benutzen und ihre Tochter vor ihren Augen umbringen wollen würde. Green war keineswegs sicher – aber sterben würde sie nicht.
White musste ihrer Tochter vertrauen: diese Worte schwor sie sich selbst und versuchte, Ruhe zu bewahren. Ihr Körper jedoch zeigte, dass sie nicht so ruhig war, wie sie es sich selbst einredete: Ihre rechte Hand zitterte und ohne es zu bemerken, ballte sie diese zur Faust, um das Zittern zurückzuhalten. Die Hikari beeilte sich, sich selbst abzulenken, indem sie Tinami fixierte und sich ihrer Aufgabe besann:
„Asuka-san, ich bitte Sie darum, den Kampf gegen den Infiltranten aufzunehmen und ihn auszumerzen. Ich vertraue Ihnen und Ihren Fertigkeiten. Können Sie einschätzen, auf was für eine Zeitspanne wir uns einstellen müssen?“ Traurig schüttelte Tinami den Kopf:
„Nein, das kann ich leider nicht. Acht Minuten, acht Stunden …“ Das kurze Schweigen, in welches Tinami sich hüllte, war Antwort genug; es könnte auch noch länger dauern. Doch sie brach das unbehagliche Schweigen:
„Bitte sorgt dafür, dass schnellstens ein weiterer Kikou hier antrifft. Sollte ich nicht gewinnen und sterben, muss ein anderer Klimawächter sofort übernehmen.“ Es war diesmal nicht White, die zustimmte, sondern Ukario, der sofort versicherte, dass er seinen besten verfügbaren Mann schicken würde. An Ukario richtete White sich nun auch:
„Ukario-san, bereiten Sie unsere Mitwächter auf einen Kampf vor, bei dem sie auf alles gefasst sein sollen; doch warten Sie auf mein Zeichen und greifen Sie vorher nicht an. Sammeln Sie sich im Innenhof. Sobald ich das Computersystem deaktiviert habe, werde ich zu Ihnen stoßen. Kaira-san, Sie bitte ich darum, schnellstens den Offizier des Schutzes hierher zu bringen, da ich seine Hilfe benötigen werde.“ Ukario verließ samt Kaira den Raum, welche auf ihre Zeitmagie verzichtete, da sie sich bewusst war, dass sie all ihre Ressourcen im kommenden Kampf gebrauchen müsste. Doch ehe Kaira an Ryô vorbeiging, um zur Tür zu gelangen, drehte sie sich noch einmal zu Tinami um. Die Klimawächterin schien dies zu bemerken, denn sie sah auf, um Kairas Blick zu treffen. Einen Moment lang sahen sich die beiden Freundinnen an, in dem Chaos von aufgewirbelten Gefühlen angesichts des nahenden Krieges. Tinami wusste genau, welche Nachricht in Kairas Mahagoniaugen verborgen lag: Stirb nicht.
Die Klimawächterin schluckte, zwang sich zu einem Grinsen und hob den Daumen, bevor sie sich von Kaira abwandte und mit ernstem Blick den großen Bildschirm vor ihr anstarrte, in Gedanken bereits dabei zu planen, wie sie vorgehen würde.
Doch anstatt sich sofort an Tinami zu richten, wandte White sich dem verwirrten Ryô zu, der die gesamte Zeit schweigend das Geschehen beobachtet hatte und man sah ihm eine kleine Spur Nervosität an, als White ihn ansprach:
„Wie du sicherlich bereits in Erfahrung gebracht hast, ist unser System und damit auch unsere Möglichkeit, mit unseren Mitwächtern Kontakt aufzunehmen, unterbrochen.“ Ryô deutete ein leichtes Nicken an, ihr scheinbar noch nicht ganz folgen könnend.
„Ryô-san, ich bin mir bewusst, dass diese Frage in deine Privatsphäre eindringen wird, doch angesichts der Umstände bin ich gezwungen, sie zu stellen: Hast du die Habseligkeiten deines Vaters aufbewahrt?“ Die Augen des Tempelwächters weiteten sich überrascht, als er diese Frage hörte, denn er konnte sich keinen Reim daraus machen, wozu die kleine Kiste, welche er unter seinem Bett aufbewahrte, gut sein sollte; sie war von emotionalem Wert, aber wozu sollte sie in diesem Moment gut sein?
„Ja, White-sama, das habe ich. Aber wozu braucht Ihr diese?“
„Könnte ich dich darum bitten, sie schnellstens zu holen? Dann erkläre ich es dir.“ Nach wie vor konnte Ryô den Worten der Hikari nicht folgen, doch er zögerte nicht und drehte sich auf den Hacken herum, um eben diese Schachtel zu holen.
Das kleine Zimmer, welches sich Ryô und Itzumi teilten, war zum Glück nicht weit weg und so stand der Tempelwächter schnell wieder vor White, ein wenig aus der Puste, da er den gesamten Weg so schnell wie möglich gerannt war. Dankend nahm die Hikari die kleine Kiste in die Hand und öffnete diese, nachdem sie den Tempelwächter aus Höflichkeit um Erlaubnis gebeten hatte.
In der Kiste befand sich nicht viel, denn Tempelwächter besaßen nicht besonders viele private Gegenstände: ein in rotes Leder eingebundenes Notizbuch, welches gefüllt war mit verschiedenen Zetteln, eine Sammlung von leeren Füllern, ein Bild seiner Frau Celine, der Mutter Ryôs und Itzumis, und ein Objekt, mit welchem Ryô bis jetzt nichts hatte anfangen können, lagen darin. Der Tempelwächter wusste zu wenig von seinem Vater, um erahnen zu können, welchem Zweck das ungewöhnliche Memento diente; es war ein schwarzer, viereckiger Kasten, mit verschiedenen Knöpfen und einer Antenne.
Da Irizz, der Vater Ryôs, der Tempelwächter Whites gewesen war, war es sehr natürlich, dass White wusste, um was es sich handelte, denn wenn man es genau nahm, kannte sie ihn besser als sein eigener Sohn. Es war auch genau dieses Objekt, welches White herausnahm und während sie es untersuchte, erklärte sie:
„Du musst wissen, Irizz war kein Experte mit dem Computersystem, weshalb er Schwierigkeiten hatte, schnellstmöglich mit anderen Tempelwächtern Kontakt aufzunehmen. Da ihm aber seine eigene Effektivität immer sehr wichtig war und auch alles bei ihm immer schnell gehen musste, gab er den Tempelwächtern, auf deren Kontakt er am meisten angewiesen war, dieses Kommunikationsgerät, welches unabhängig von unserem Computersystem funktioniert.“ Zweifelnd sah Ryô den kleinen schwarzen Kasten an und konnte sich nicht vorstellen, dass dieses altmodische Teil irgendwohin Kontakt aufnehmen konnte. Doch da er ihrem Gedankengang folgen konnte, antwortete er:
„Mit Verlaub, White-sama, aber die meisten Tempelwächter aus der Generation meines Vaters sind bereits verstorben und dieses Kommunikationsgerät ist mehr als 20 Jahre nicht mehr benutzt worden.“
„Dass es lange nicht mehr benutzt worden ist, ist in der Tat wahr - doch ein Tempelwächter ist noch am Leben: Der Chefkoch Sanctu Ele’saces‘ wurde seit mehr als 30 Jahren nicht mehr ausgetauscht und meines Wissens nach waren die beiden eng miteinander befreundet.“ Ryô wünschte, er könnte dem zustimmen, doch er konnte es nicht beurteilen; für ihn waren das alles neue Informationen über seinen Vater.
Ein klein wenig fragend sah White das Gerät an, weil sie wahrscheinlich genauso wenig eine Ahnung hatte, wie es funktionierte, wie Ryô.
„Das ist ein Walkie-Talkie, White-sama. Ein Gerät aus der Menschenwelt, häufig benutzt in den Achtzigern.“ Beide Wächter wandten sich zu Tinami herum, welche dem Gespräch der beiden gefolgt war, da sie immerhin nichts tun konnte, ehe White das System deaktiviert hatte. Tinami nahm das Gerät in die Hand und untersuchte es schnell aber gründlich, woraufhin sie sagte, dass es wohl noch funktionieren würde, es aber auf die Lautstärke des Gegenparts ankommen würde, ob der besagte Chefkoch das Gerät überhaupt hören würde, immerhin war Irizz seit mehr als 20 Jahren tot und der besagte Freund bewahrte es wohl kaum an seinem Gürtel auf.
„Aber einen Versuch ist es wert“, meinte Tinami und drückte den Knopf, woraufhin ein penetrantes Rauschen zu hören war. Alle drei starrten das Gerät an, lauschten angespannt dem Rauschen; Sekunde um Sekunde, was schnell zu einer Minute wurde.
„Vielleicht ist das Empfangssignal nicht ausreichend … es scheint zwar magisch verstärkt zu sein, aber …“, fragte sich Tinami laut und legte überlegend die Stirn in Falten.
Doch plötzlich brach das Rauschen ab.
Verblüfft starrten die drei Wächter das Gerät an, obwohl kein Ton mehr zu hören war, bis …
„Ah! Ich hab auf den Knopf gedrückt! Guck, Mitsui, ich hab dir doch gesagt, dass das nervige Geräusch aufhört, wenn man auf den Knopf drückt.“ … eine Stimme aus dem Gerät ertönte, zwar keine Stimme eines alten Chefkochs, sondern die eines Kindes, doch vielleicht dennoch brauchbar. Tinami reichte White das Gerät und diese übernahm sofort das Gespräch:
„Mit wem spreche ich?“, fragte die Hikari und bekam auch sofort die überraschte Antwort:
„Huch! Kann ich damit etwa telefonieren?“
„Könntest du das Ding bitte weglegen? Man spielt nicht mit den Sachen anderer …“, hörte White eine weitere Stimme und beeilte sich mit ihrer Antwort, bevor die Verbindung wirklich noch gekappt wurde:
„Hier spricht Hikari Akarui Tenshi Shinsetsu White! Wir befinden uns in einer dringenden Notsituation und ich erbitte Kooperation!“ Kurzes Schweigen und White fürchtete bereits, dass es zu spät war, doch dann kam eine Reaktion:
„… die White?“
„In Lights Namen!“ White hörte ein Rascheln, das Umfallen von Behältern und dann vernahm sie wieder die zweite Stimme:
„Bitte verzeiht das ungehobelte Verhalten meiner kleinen Schwester, White-sama!“
„Mit wem spreche ich?“
„Sie sprechen mit Mitsui, White-sama, der Tempelwächterin des Hauses Opale, White-sama!“
„Wo befinden Sie sich?“
„Auf Sanctu Ele’saces, White-sama.“ White atmete erleichtert auf und sofort festigte ihre Stimme sich:
„Bitte wecken Sie umgehend Ihren Meister und lassen Sie mich mit ihm sprechen!“


Die Dämonenwelt war in heller Aufregung; Euphorie hatte sich vom einen Moment auf den anderen ausgebreitet, sobald die Einwohner Lerenien-Seis erfahren hatten, dass es nun keinen Bannkreis mehr gäbe, der sie einsperrte. Die Euphorie hatte ihren Höhepunkt erreicht, als Lerou vor wenigen Stunden glorreich verkündet hatte, dass sie an den Wächtern ein Exempel statuieren würden, was die Dämonen davon hielten, wenn man sie in ihrer eigenen Welt einsperrte. Dazu noch die üblichen Floskeln, die sowieso niemand mehr in den begeisterten Rufen und dem Grölen hören konnte und natürlich scherte sich niemand darum, dass dieser Tag nicht der war, den Lerou angekündigt hatte: Wenn es einem auffiel, dann dachte dieser sich wahrscheinlich nichts dabei, sondern freute sich nur darüber, dass er früher als erwartet die Gelegenheit bekam, wieder gegen Wächterscharen zu kämpfen. Es würde bei all der Aufregung sicherlich nicht lange dauern, bis diese frohe Kunde auch in die entlegensten Winkel der Dämonenwelt vorgedrungen war.
Die Fürsten verschwendeten ebenfalls kaum einen Gedanken an die Terminänderung; Lerou hatte sich wahrscheinlich einfach nur verrechnet und somit waren sie eher damit beschäftigt, sich und ihre Horden vorzubereiten, als einen Gedanken zu viel daran zu verschwenden. Zu froh waren auch sie, endlich wieder in den Krieg schreiten zu können.
Nur einer war noch in Gedanken versunken, anstatt vor seine Horde zu treten und ihre Mordlust ordentlich einzuheizen, wie es sich vor jeder großen Schlacht für einen Fürsten gehörte. Ri-Il saß nach wie vor noch in seinem großen Büro, den Kopf nachdenklich in den Nacken gelegt.
Es gab zu viele Dinge, die nicht zusammenpassten. Es war nicht nur das Datum, welches ihm absolut nicht gefiel, sondern vor allen Dingen der Bannkreis.
In seiner einfallslosen Rede hatte Lerou mit keinem Wort erwähnt, wie sie ihn gebrochen hatten; nicht weiter verwunderlich, denn eigentlich interessierte sich auch niemand dafür, wie es vonstattengegangen war. Doch auch bei der letzten Konferenz war kein Wort darüber gefallen – und dass Lerou selbst auf diese Idee gekommen war, plötzlich herumzuposaunen, dass der Bannkreis sie nicht länger einsperrte, war wohl überaus unwahrscheinlich. Genauso, dass er selbst irgendeinen Finger für das Brechen des Bannkreises gekrümmt hatte. Irgendjemand hatte seine eigenen Marionettenfäden an Lerous Glieder gehängt und zur Abwechslung waren es nicht die Hohen.
Ri-Il hatte einen Verdacht, wer dieser Marionettenspieler war, nein, einen Verdacht konnte man das schon nicht mehr nennen; er war sich sehr sicher und er wusste, dass sein Gegenspieler sich ebenfalls darüber im Klaren war, dass Ri-Il dessen Identität kannte und deshalb vertraute er weder auf die offiziellen Informationen, noch auf die, die ihm Luzil brachte. Es war offensichtlich, dass Karou ihr falsche Informationen zusteckte, im Wissen, dass sie an Ri-Il weitergingen.
Einst hatten sie zusammengearbeitet, um den Bannkreis zu erforschen … sie hatten ihre Forschungen abgebrochen, waren getrennte Wege gegangen … und damals hatte es nicht so ausgesehen, dass ihre Forschung würde Früchte tragen. Wie war es Karou also nun plötzlich gelungen, ihn zu brechen?
Doch das Wissen, dass Karou hinter all dem stand, brachte ihm nichts. Denn es änderte nichts an der Tatsache, dass Ri-Il Karou nicht durchschaute und dass er viel zu wenig Informationen besaß, was ihm den Spaß verdarb am neuen Krieg. Das Einzige, was er wusste, war, dass Lerou - beziehungsweise Karou - sehr erpicht darauf war, sämtliche Horden angreifen zu lassen. Sehr deutlich hatte er verlauten lassen, dass auch die Fürsten sich nicht zurückhalten sollten. Er hatte zu oft betont, dass alle Fürsten aktiv werden sollten …
Sein Gespürt sagte ihm, dass etwas faul war; ganz gehörig faul.
„Ri-Il-sama!“ Eine Spur genervt senkte Ri-Il den Kopf wieder und erblickte den hochgewachsenen, stämmigen Darius, welcher just in diesem Moment in seinem Büro erschienen war. In den gelben Augen seines ersten Mannes lag verbunden mit der Vorfreude wegen des kommenden Krieges auch ein leichtes Flehen: offensichtlich, weil sein Meister sich immer noch nicht dazu entschieden hatte, seine eigene Horde für den Krieg vorzubereiten.
Darius wollte ihn auch wahrscheinlich gerade darum bitten, die Rede zu halten, als er bereits verstummte, denn Ri-Il öffnete seine Augen und sah zur Tür – mehr musste er nicht sagen. Darius war sofort verschwunden, ohne auch nur einen Ton zu sagen, weshalb Ri-Il seine Augen wieder schloss.
Einen Augenblick lang verweilte er in dieser Haltung, bis ihm plötzlich eine Idee zu kommen schien: Mit einem gezielten Knopfdruck aktivierte er eine Videoübertragung in Form eines Hologramms. Im ersten Moment bestand das Hologramm nur aus einem Flimmern; dennoch richtete Ri-Il sein Wort an es:
„Lyciiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii!“ Keine Antwort, das Flimmern blieb beständig.
„Lycilein, Lyci, Lyci, Lyciiiiii, Lyciiiiilein, Lyci-darling!“
„WAS?!“ Prompt nahm das Hologramm Gestalt an und das wütende Gesicht Lycrams kam zum Vorschein.
„Was zur Hölle willst du?! Ich bin beschäftigt!“ Dies war auch deutlich zu sehen, denn Lycram war gerade dabei, seine Haare zu dem üblichen spitzen Zopf zu binden, doch im Moment fielen sie ihm noch über seine Schulter, denn Ri-Il hatte ihn wohl in seiner Haararbeit unterbrochen. Anscheinend bemerkte Lycram jedoch in diesem Moment etwas, was ihn von der Arbeit an seinen Haaren abzulenken schien:
„Warum sitzt du da noch so bequem? Hast du vor, die Wächter von weitem aus zu töten oder wirst du etwa alt?“
„Ach nein, ich fühle mich noch ganz fit.“
„Dann musst du durchgeknallt sein. Nicht mitbekommen? Der Bannkreis ist gebrochen! Du solltest in Hochstimmung sein!“
„Wie nett, dass du dir um meine Stimmung Sorgen machst, das freut mich sehr, Lyci!“ Lycrams spöttisches Grinsen löste sich sofort auf und wütend verfärbte sich sein Gesicht.
„Ach, leck mich doch! Es ist mir vollkommen egal, ob du mitkommst oder nicht, wenn du es nicht tust, bleiben mehr Wächter für mich! Und das ist alles, was zählt. Also wenn du mich ent-“
„Wen nimmst du alles mit?“ Lycram, der gerade den Knopf drücken wollte, um die Übertragung zu unterbrechen, verharrte in der Bewegung und sah Ri-Il skeptisch an.
„Meine Besten natürlich. Was für eine dumme Frage!“ Einen Moment schwieg Ri-Il: einen Moment, in dem er zufrieden feststellte, dass Lycram seine Augen kurz abgewandt hatte und damit Ri-Ils Vermutung bestätigte, dass er noch jemand anderen in der Leitung hatte und der einzige, mit dem er in so einer Situation noch reden würde, wäre Azzazello. Genau den, den Ri-Il mit seinen Worten erreichen wollte.
„Vielleicht ist es keine so gute Idee, deine besten Hordenmitglieder mitzunehmen … und vielleicht solltest du selbst auch nicht sofort an der ersten Schlacht teilnehmen“, antwortete Ri-Il mit der Gewissheit, dass dies den Halbzwilling Lycrams zum Denken anregen würde.
„WIE BITTE?! Sag mal, bist du noch bei Trost?!“
„Ach, vertrau mir einfach, Lyci“, entgegnete Ri-Il und konnte dabei ein Grinsen nicht unterdrücken, denn die wütende Antwort kam sofort:
„Als ob ich einem Fürsten vertrauen würde, der selbst keine Wächter schlachten will! Verarschen kann ich mich selbst!“ Es folgten noch einige Schimpfwörter aus dem Munde Lycrams, die Ri-Il freudig begrinste, ehe das Hologramm Lycrams verschwand, ohne an Ri-Il gerichtete Abschiedsworte. Das Grinsen blieb bestehen, als er sich dann doch entschied, Darius‘ Bitten nachzugehen und sich langsam aufrichtete.
Denn ihm war bewusst, dass Azzazello in diesem Moment Lycram dazu überreden würde, andere Dämonen auszuwählen und vielleicht sogar zu warten. Wenn sowohl Azzazello als auch Lycram nicht ihre stärksten Dämonen wählen würden, dann würden andere Fürsten vielleicht deren Beispiel folgen; was Ri-Ils Laune erheblich steigerte. Noch durchschaute er den Plan Karous nicht, aber er war sich bewusst, dass er ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte – und das sorgte für ein angenehmes Glücksgefühl. Oder vielleicht war es auch einfach nur Lycram, der ihn immer wieder zum Grinsen brachte.


Während White dank Ryôs Hilfe Kontakt mit den Wächtern auf Sanctu Ele’saces aufnehmen konnte, gelang es Ukario tatsächlich, alle 233 Wächter des Tempels zu mobilisieren und stand nun vor ihnen, die Brust vor Stolz geschwellt, der Kopf erhoben und die Arme hinter dem Rücken verschränkt; angesichts der bedrängenden Situation wirkte er alles andere als nervös. Dies bemerkte Azuma allerdings bei den meisten Wächtern; zwar sahen einige von ihnen so aus, als hätte man sie eben aus dem Bett geworfen (inklusive er selbst), doch der Großteil von ihnen wirkte genauso unbeirrt wie Ukario. Außer Yuuki, der links neben Azuma stand: er sah aus, als würde er sich jeden Moment übergeben wollen; ganz im Gegensatz zu Kaira, die Ukario in nichts nachstand. Doch wo war eigentlich das jüngste Mitglied der Elementarwächter? Pink müsste eigentlich, genau wie ihre Mitstreiter, vorne in der ersten Reihe stehen und sich in diesem Moment Ukarios Rede anhören – hatte sie zu viel Angst, um am Krieg teilzunehmen? Und Azura und Ilang und natürlich auch Firey fehlten ebenfalls. Meine Güte, das Elementarwächter-Team sah aus wie ein Schweizer Käse!
Azuma wusste nicht, ob er selbst nervös war. Er wusste nicht, wie er sein momentanes Gemüt beschreiben sollte. War er unruhig? Gespannt auf das, was kommen würde? Hatte er Angst vor dem Tod? Wenn er sich Yuuki so ansah, dann war er sich sicher, dass dieser große Angst hatte; seine Augen vibrierten in dessen Augenhöhlen und der Schweiß rannte ihm von der Stirn.
„… wir werden auf das Signal White-samas warten, welches uns sagen wird, dass unser Operationssystem wieder bereinigt ist und wir somit unseren Mitwächtern auf Sanctu Ele’saces und Min Intarsier zu Hilfe eilen können. Hören Sie mir nun aufmerksam zu, denn ich werde diese Befehle nur ein einziges Mal wiedergeben:
Kaira Toki Kitayima und Daichi Shizen Ling, ihr werdet zusammen mit den anderen hier anwesenden Wächtern des Bataillons Perassions nach Sanctu Ele’saces aufbrechen und dort mit den restlichen Mitgliedern des Bataillons zusammentreffen. Toki-sama wird dabei das Kommando über Perassion übertragen!“
„Jawohl!“, lautete die felsenfeste Antwort Kairas, die über den gesamten Platz zu hören war, im Gegensatz zu Daichis, die Azuma kaum hörte, was sicherlich nicht daran lag, dass die Offiziere und damit auch Daichi hinter ihnen standen, mit einigen Metern Abstand. So bemerkte Azuma auch nicht, dass Daichi mit etwas vollkommen anderem beschäftigt war, als Kairas Enthusiasmus zu teilen: die Sorge um seine große Schwester stand ihm ins Gesicht gemeißelt.
„Mizu Karas Pelagius, Ihnen übertrage ich das Kommando über das hier anwesende Bataillon Tetratron, welches ebenfalls nach Sanctu Ele’saces aufbrechen wird. Haltet euch jedoch bereit für weitere Befehle, denn sobald das System wieder aktiv ist und sich herausstellt, dass Terra ebenfalls unter Beschuss steht, werdet ihr dort gebraucht.“ Die Antwort des Offiziers stand Kairas in nichts nach, doch Azuma dachte in diesem Moment an etwas anderes: war Tetratron nicht das Bataillon Fireys? Warum war sie eigentlich noch nicht zurück, wenn Green sie doch hatte holen wollen? Azuma hatte mitbekommen, dass sie sich nicht mehr teleportieren konnten, und nahm daher an, dass dies der Grund war, weshalb die beiden noch nicht zurückgekehrt waren: Wahrscheinlich waren sie, dort wo sie momentan waren, sogar sicherer als hier im Tempel.
„Das Bataillon Zeranion wird sich nach Min Intarsier aufmachen und von Minare Hogo Asim geleitet werden, sobald dieser zurückkehrt-“
„Warte mal, warte mal!“ Azuma war so in Gedanken gewesen, dass er erst nach wenigen Sekunden bemerkt hatte, dass Ukario bei dem Bataillon angekommen war, bei welchem er selbst tätig war. Doch die Tatsache, dass nicht ihm die Führung zugesprochen wurde, sondern einem Offizier, der mit anderen Worten rangmäßig gesehen unter ihm platziert war, konnte er nicht überhören.
„Haben Sie etwas einzuwenden, Tsuchi-sama?“, antwortete Ukario mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Und wie ich das habe! Warum habe ich nicht das Kommando? Ich bin ein Elementarwächter und-“ Der Angesprochene unterbrach ihn mit einem gezwungenen Lächeln:
„Wenn Ihr so erpicht darauf seid, das Kommando Zeranions zu übernehmen, empfehle ich Ihnen, dass Sie sich in dieser Schlacht behaupten und daraufhin einen Antrag auf diesen ehrbaren Posten stellen.“ Unzufrieden öffnete Azuma den Mund, doch Ukario schien nicht im Sinne zu haben, diese Diskussion fortzuführen, was auch Azuma dazu brachte, zu schweigen und weiterhin der Rede zu folgen, obwohl sein Stolz verletzt war.
Er würde es ihnen schon zeigen – und wie er es ihnen zeigen würde!
„Kaze Docere Saiyon, Ihr werdet Euch mit den hier versammelten Mitgliedern des Bataillons Rallasion nach Min Intarsier aufmachen, wo ihr die restlichen Mitgliedern Eures Bataillons antreffen werdet. Nach unseren Informationen hält sich Ilang Shizen Ling ebenfalls dort auf, mit welcher Ihr Euch zusammentun werdet. Die hier anwesenden Mitglieder des Bataillons Kassaion werden nach Sanctu Ele‘saces aufbrechen unter dem Kommando von Toki Cebir Kitayima.“ Die beiden Offiziere stimmten dem entschlossen zu, womit Ukario sich nun den Illusionswächtern zuwandte und Azuma bemerkte, dass Yuuki die Luft anhielt, als Ukario den Mund öffnete:
„Das Kommando über Lezallion übernimmt Gensou Magnus Christopferson, wobei ihn Yuuki Gensou Yoshikawa tatkräftigt unterstützen wird bei der Aufgabe, Sanctu Ele’saces zu beschützen.“ Das Einverständnis Magnus‘ war deutlich zu vernehmen, so deutlich, dass Yuukis Antwort darin unterging, obwohl Azuma sich nicht unbedingt sicher war, dass er überhaupt geantwortet hatte.

„Die übriggebliebenen 27 Mitglieder des Bataillons Elyssion verbleiben in Einsatzbereitschaft und warten auf weitere Befehle. Kikou Docere Shitaya, Ihr werdet Kikou Tinami Asuka in der Kommandozentrale hier im Tempel unterstützen und daher bitte ich Euch darum, uns nun zu verlassen.“ Shitaya musste sich eingestehen, dass er ein wenig verwundert über diesen Befehl war, denn er hatte damit gerechnet, dass er das Kommando über Elyssion erhalten würde, da Grey und Green dies immerhin nicht tun konnten. Doch anders als Azuma stellte er keine Fragen, sondern löste sich umgehend von den anderen Wächtern des Bataillons Elyssion und lief zurück in den Tempel: jedoch nicht, ohne Saiyon und seiner Frau Säil noch einen aufmunternden Blick gesendet zu haben.
„Allen Wächtern ist große Vorsicht geboten“, begann Ukario wieder und seine feste Stimme hallte über den Platz, während er auf und ab schritt:
„Unsere Feinde haben 18 Jahre nur auf diesen Tag gewartet und haben ihm höchstwahrscheinlich entzückt entgegengefiebert. Ich warne euch, meine Mitwächter: begeht nicht den Fehler und unterschätzt sie! Sie werden uns zahlreich attackieren und ihre Mordlust wird groß sein; fallt ihnen nicht zum Opfer. Zwar ist das Wunder geschehen, dass wir White-sama auf unserer Seite haben, doch vertraut nicht nur auf das Licht, vertraut auch in euch selbst und euer Element! Seid euch bewusst, für was ihr kämpft und schöpft Kraft aus diesem Bewusstsein!“ Ukario blieb stehen und schien sie alle auf einmal anzusehen, während er fort fuhr:
„Besonders den Wächtern, die nach Min Intarsier aufbrechen, lege ich diese Worte ans Herz. Seid auf ein Gemetzel vorbereitet, denn die Wächter sind dort nicht gewarnt worden. Seid daher bereit, schnell und effektiv zu handeln. Sobald wir wieder teleportieren können, werde ich ebenfalls dorthin aufbrechen. Bis dahin … bleibt uns nichts anderes übrig, als unseren Mitwächtern mit unseren Herzen beizustehen.“ Eine Nachricht, die Unbehagen unter den Anwesenden hervorrief: besonders bei denen, die Angehörige auf der Insel besaßen. Min Intarsier war von niedriger politischer Bedeutung, denn es war der Stützpunkt, der hauptsächlich als Lebensraum für Wächter benutzt wurde. Viele junge Wächter – Kinder - lebten dort; viele Kinder, die nun nicht in Sicherheit gebracht werden konnten, da kein Wächter dort die Gefahr witterte, die eben hinter der beschützenden Barriere verborgen lag. Die Barriere würde ebenfalls dafür sorgen, dass sie die Gefahr nicht von selbst bemerkten, denn die Barrieren waren ein so kräftiges Kraftfeld, das die Auren außerhalb nicht hindurchließ. Sie würden die Bedrohung erst bemerken, wenn es bereits zu spät war …
Genau dies dachte auch Daichi in diesem Moment und sofort überwältigte ihn die Sorge um seine Schwester ihn: Sie war dort! Und sie war nicht in der Verfassung zu kämpfen, alles andere als das … er war vor zwei Stunden noch dort gewesen, um sie abzuholen, doch sie hatte ihm gesagt, dass sie nun alleine sein wollte – er hätte nicht auf sie hören dürfen …
„Vergesst niemals: die Dämonen mögen viele in der Anzahl sein, doch sie sind alleine. Wir dagegen sind niemals alleine!“
Mit diesen Worten beendete Ukario seine kleine Rede, und obwohl nun alles geklärt war und alle 233 Wächter wussten, wohin sie sollten, sobald das Teleportatieren wieder möglich war, konnte Azuma wieder einmal seine Meinung nicht für sich behalten. Doch die Frage, die er stellte, brachte Ukario nicht dazu, genervt zu antworten, sondern zu einem sicheren Lächeln.
„Eine Frage habe ich noch: Ich hab das doch nicht richtig verstanden … wir können momentan nicht teleportieren, wir sind hier eingesperrt und vor der Barriere, die jeden Moment deaktiviert wird, lauern ein paar Hundert Dämonen, die uns umbringen wollen – und wir sollen hier warten, bis das Teleportieren wieder funktioniert?“
„In der Tat, Tsuchi-sama, Ihr habt gut zugehört.“
„Ist das nicht ziemlich bescheuert? Warum sollen wir warten? Sollten wir nicht lieber die Dämonen angreifen, die hier gleich auftauchen werden?“ Nun erschien das sichere Lächeln Ukarios, für welches er bekannt war.
„Wie ich bereits sagte, Tsuchi-sama … so wird sich White-sama dieser annehmen.“
„Ja, aber das ist nur eine Wächterin gegen … wie viele?“
„Ihr habt wohl noch nie White-samas Bannkreise gesehen. Wenn sie sagt, dass sie unsere Hilfe nicht benötigt, dann tut sie es auch nicht. Also wartet einfach, Tsuchi-sama, wartet und werdet Zeuge eines Wunders.“


„Sie sind wirklich ein verdammter Egoist – und das in allen Bereichen.“ Zum ersten Mal gefiel es Karou nicht, dass Nathiel ihm Gesellschaft leistete; zu sehr war er von den flimmernden Bildschirmen um ihn herum eingenommen, als dass er jetzt von Nathiel abgelenkt werden wollte. Daher ging er auch nicht auf ihren Kommentar ein, sondern versuchte, Nathiel voll und ganz aus seinen Gedanken auszuklammern; was sie selbstverständlich bemerkte.
„Keine Sorge, ich habe nicht vor, Sie von Ihrer Arbeit abzuhalten, Karou-san. Ich wollte lediglich einen Logenplatz, nun wo der nächste Krieg beginnt … und es gibt keinen besseren als bei Ihnen.“ Karou antwortete nicht und so war das einzige, was zu hören war, sein rasendes Tippen, von dessen Anblick Nathiel schnell gelangweilt wurde. Stattdessen schweifte ihr Blick über die vielen Bildschirme, wo nicht nur Ziffern und Zeichen auf und ab liefen, sondern auch verschiedene Videoaufnahmen zu sehen waren; keine aktuellen, wie Nathiel schnell bemerkte, als sie sie genauer ansah. Es waren die gesammelten Videoaufnahmen des vergangenen Jahres; allerdings nicht aus der Dämonenwelt stammend, denn es handelte sich bei den Aufnahmen um kopierte Aufnahmen der Wächter. Offensichtlich war Karou gerade dabei, den gesamten Speicher des Computersystems der Wächter zu kopieren – langweilig für Nathiel, aber es wunderte sie natürlich nicht, dass Karou die Chance nutzte, um Wissen anzuhäufen. Schnell bemerkte Nathiel allerdings etwas, was für sie nicht langweilig war.
Obwohl die Tastatur Karous volle Aufmerksamkeit für sich beanspruchen konnte, bemerkte er, wie Nathiels Stimmung sich veränderte, als ob sie zwischen den Aufnahmen eine bestimmte suchen würde.
„Sie suchen umsonst.“ Nathiel schreckte auf, als hätte er sie aus dem Schlaf gerissen, doch anstatt auf seinen Kommentar einzugehen, wechselte Nathiel hastig das Thema:
„Wollen Sie mir nicht erzählen, was Sie vorhaben?“ Ein spöttisches Schnaufen war die Antwort, doch Nathiel gab nicht auf:
„Sie haben mir erklärt, wie der Bannkreis funktioniert und da ich selbst nicht auf den Kopf gefallen bin …“ Nathiel lachte über diesen Kommentar ihrerseits und fuhr mit einem vielsagenden Lächeln fort:
„… ist mir klar, was Sie vorhaben. Lassen Sie mich versuchen, Ihren Gedankengang nachvollziehen: Sie haben mir erklärt, dass das Wiederbeleben meines kleinen Jungen nur eine Seite des Bannkreises zerbrochen hat, womit alle vollblütigen Dämonen zwar unsere Heimat verlassen, aber nicht zurückkehren können.“ Er antwortete nicht, was Nathiel zu einem breiten Grinsen brachte.
„Ich liege also richtig! Also wirklich, Karou-san, Sie und Ihre drastischen Maßnahmen; glauben Sie denn wirklich, Dezimierung wäre die Lösung? Oder nein. Warten Sie. Sie mögen die Fürsten einfach nicht, habe ich nicht recht?“ Nun wandte Karou sich endlich für einen kurzen Augenblick an sie und sagte mit dem gleichen monotonen Gesichtsausdruck, wie er auch die Bildschirme angesehen hatte:
„Genauso wenig wie Sie es tun.“ Das Grinsen Nathiels wurde zu einem schelmischen Lächeln, ehe sie die Arme um seinen Hals legte, um Karou zu küssen, doch er schob sie nach wenigen Sekunden von sich weg, mit den Worten, dass er ihr gesagt hatte, dass sie ihn nicht ablenken sollte. Über diesen Kommentar grinsend, entfernte Nathiel sich wieder von Karou und raunte mit eben diesem schalkhaften Grinsen:
„Wenn Sie mir schon keine aktuellen Aufnahmen geben können, dann schalten Sie Aufnahme 289 ein und ich verspreche Ihnen, dass ich mich selbst … ablenken kann.“


Green rannte. Sie rannte, obwohl ihre Beine schmerzten, obwohl der Atem in ihrem Hals ihr Qualen bereitete. Sie rannte so schnell, wie sie konnte, schneller, als sie es jemals getan hatte; schneller, als sie es jemals für möglich gehalten hatte. Es war nicht allein das pochende Adrenalin, hervorgerufen durch die enorme Angst, die sie in sich spürte und sie vorantrieb: es war Nocturn selbst. Er hatte ihrem Körper befohlen, zu fliehen und dieser hatte willig gehorcht; war auf der Stelle herumgedreht und hatte sich in Bewegung gesetzt, war davon gerannt, begleitet von Nocturns hohlem, boshaften Lachen.
Ihre Beine bewegten sich von alleine, Green wollte es nicht, wollte umdrehen, doch sie konnte nicht. Ihr Körper nahm keinerlei Rücksicht auf Greens Drängen und Bitten, er möge sich doch herumdrehen, möge doch an Firey denken, die mit diesem Monstrum alleine war und dringend Hilfe benötigte. Doch ihr Körper hörte nicht auf sie, dachte nur daran zu entkommen, traute sich nicht einmal, sich herumzuwenden, um zu sehen, ob Nocturn sie verfolgte oder um zu sehen, wie weit sie bereits gekommen war in ihrer heillosen Flucht.
Wenn der Wille stark genug ist … hörte sie ihre Mutter sagen, damals, vor mehr als einem Jahr: Dann konnte man Nocturn aus seinen Gedanken fernhalten, konnte verhindern, dass er die Gewalt über den Körper übernahm.
Ja, ihr Wille war nicht stark, nicht stark genug … Firey! Sie musste zu ihr zurück, sie musste!
Plötzlich stürzte Green; ihr rechter Fuß war in den Rillen des geackerten Feldes hängen geblieben und brachte sie zu Fall. Vorneherüber stürzte sie in die feuchte Erde, doch wollte sofort wieder aufstehen; ihre Beine gaben ihr den Befehl dazu, Nocturn gab den Befehl dazu …
„Ich habe dir gar nichts befohlen.“ Panisch wandte Green ihren Kopf herum, und obwohl ihre Augen glasig geworden waren, sah sie deutlich, wie Nocturns Kontur sich vor dem Mond abhob.
„Deine Beine haben dir ganz alleine befohlen, zu rennen. Ich habe dich lediglich auf den Weg geschickt … nach den ersten zehn Metern hast du das wunderbar alleine übernommen.“ Die Hikari schüttelte manisch den Kopf hin und her; eine Verzweiflungstat, die die gleiche Gefühlslage zeigte wie ihre Stimme:
„D-Das stimmt nicht! Ich wäre niemals davon gerannt! I-Ich hätte Firey niemals … niemals zurückgelassen!“ Abermals legte er den Kopf schief, begleitet von einem herablassenden Grinsen und antwortete ruhig und gelassen:
„Das nennt man Panik, Fille. Panik ist von egoistischer Natur, wovon selbst Hikaris nicht befreit sind; besonders keine Hikaris wie du …“ Ohne dass es Green gelang, zu agieren, verschwand Nocturn plötzlich aus ihrem Sichtfeld und tauchte genau vor dem Gesicht der Hikari auf, indem er sich zu ihr herunter kniete. Sein Grinsen wurde eine Spur breiter, als er das blanke Entsetzen in den blauen Augen und ihren Gedanken lesen konnte und zufrieden fuhr er fort:
„… aber du solltest dich nicht dafür schämen. Vor wenigen Stunden hast du deinen Bruder tot aufgefunden, hast herausgefunden, dass der Mörder die Person ist, der du lange so sehr vertraut hast und verfallen gewesen bist und nun stehst du einer deiner tiefsten Ängste gegenüber – ohne eingebildet klingen zu wollen! Ich zitiere nur deine Gedanken! – wer kann dich dafür verantwortlich machen? Wer kann dir ein Vorwurf machen?“ Das Grinsen Nocturns verformte sich zu einem freundlichen, fast schon bemitleidenden Lächeln, was Green auf irgendeine Art noch furchtsamer machte als sein boshaftes Grinsen. Zusammen mit dem unheimlichen Lächeln hob er ruhig die Hand und Green zuckte zusammen, als er seine dürren Finger an ihre Wange legte, doch konnte nichts tun, um sich seinem Handeln zu entziehen.
„Niemand macht dir einen Vorwurf, Fille, niemand. Ich mache dir auch keinen. Auch nicht dafür, dass du meiner begehrten White in keinster Weise ähnlich siehst. Ich mache dir auch keinen Vorwurf, dass du so schwach bist, nicht erhaben bist wie deine Mutter … obwohl ich es sollte. Ja … wahrscheinlich sollte ich es.“ Die linke Hand Nocturns, welche gerade noch Greens rechte, zu Eis gewordene Wange gestreichelt hatte, verharrte, im gleichen Moment, wie das Lächeln ebenfalls verschwand und leise fuhr Nocturn fort:
„Ich sollte es wahrscheinlich, denn ich finde dich in keinster Weise sympathisch.“
Und während er jede Silbe des letzten Wortes langsam und deutlich aussprach, verlängerte er seine Fingernägel - mit seiner rechten Hand Greens Gesicht festhaltend - womit die spitzen Fingernägel sich ungehindert in Greens rechte Wange hineinbohrten und ihr beinahe einen schmerzhaften Schrei entlockten, welchen sie gerade noch zurückhalten konnte.
„Ich glaube, es liegt an deinem Gesicht. Ja, ich glaube, ich mag dein Gesicht nicht. Dein Gesicht ähnelt Whites … und ich habe es immer verabscheut, Schwäche in ihrem herrlichen Antlitz zu sehen.“ Einen Fingernagel nach dem anderen verlängerte er und Green schmeckte Blut in ihrem Mund, wobei sie nicht zu beurteilen vermochte, ob es daher kam, dass sie sich auf ihre Unterlippe biss, um den Schrei zu unterdrücken, oder ob es daher kam, dass seine Fingernägel sich durch ihre Wange in ihren Mund bohrten.
„Ah, wie ich vernehme, versuchst du einen Schrei zu unterdrücken. Wie lobenswert! White hat das auch immer versucht. Aber glaub mir, jeder hat seinen Knackpunkt … also, Green, lass mich deine Musik hören. Lass mich hören, wie du schreien kannst – ich denke, das kannst du ganz vorzüglich!“
Schneller als jemals zuvor verwandelte Green überhastig ihr Glöckchen, zielte voreilig mit ihrer Waffe auf den Dämon und rief verzagt:
„SPIRIT-“
Was? Mit so einer billigen Technik willst du mich ernsthaft angreifen?“
„-OF LIGHT!“ Das Versagen dieses verzweifelten Vorhabens war vorprogrammiert und ihre Aktion zum Scheitern verurteilt: Nocturn stemmte den Arm gegen ihren ausgestreckten Stab, womit der Lichtstrahl an seinem Kopf vorbeischoss. Seine Mundwinkel verzogen sich enttäuscht und ebenfalls ernüchtert klang auch seine Stimme:
„Du versuchst mich allen Ernstes mit einer Standardtechnik zu verletzen? Also wirklich, Fille. Ich habe nicht viel von dir erwartet, aber doch wenigstens, dass du eigene Technik-“
„HOTARU ATARASHII!“ Mit dieser Beschwörung und einer Nicht-Standardtechnik unterbrach Green Nocturns überhebliche Worte, indem ihre rechte Hand im Licht erstrahlte und sie ihm eben diese Lichtkugel entgegenstreckte, wobei sie auf sein Gesicht zielte. Doch ein weiteres Mal scheiterte ihr wagemutiges Vorhaben, diesmal allerdings nicht dadurch, dass ihre Attacke danebenging, sondern durch Nocturns Hand, die, noch bevor Green ihr Licht entfesselt hatte, eben diese leuchtende Hand ergriff und seine knochigen Finger umschlossen ihre - der Attacke zum Trotz. Das Licht entfesselte sich in ihrer Handfläche, doch das brachte den Dämon nicht dazu, den Griff aufzulösen: stattdessen verlängerte er unheilvoll grinsend stoßartig seine Fingernägel und jagte diese durch Greens Handkuppel, womit er ihre rechte Hand durchbohrte und sie daraufhin einen erstickten Schrei nicht zurückhalten konnte. Nocturn ließ sie los, ging einige Schritte rückwärts, während er Green dabei beobachtete, wie sie vor Schmerzen ihre Augen zusammenkniff, das Glöckchen sich zurückverwandelt hatte, damit sie mit ihrer gesunden Hand die rechte, blutende Hand halten konnte.
Während er ihr schmerzvolles Stöhnen genoss, besah der Dämon sich seine eben benutzte Hand, welche von der Attacke Greens mit blutigen Schürfwunden versehen worden war. Der leicht ätzende Schmerz brachte kein Stöhnen seinerseits hervor; Nocturn belächelte es, ehe er sich genüsslich das feuchte Blut von der Handfläche leckte.
„Das war doch schon einmal gar nicht so schlecht, Fille. Doch du musst noch viel lernen, aber Potential ist vorhanden – am besten, ich statuiere an dir mal ein Exempel und zeige dir, wie das richtig geht!“ Und ehe Green geschockt die Augen aufreißen konnte, spürte sie seine Hand auf ihrem Kopf und hörte die unheilvollen Worte:
Ich rufe die 8te der Verbotenen Künste: Entfachtes Höllenfeuer Stufe eins!
Auf Geheiß Nocturns bildete sich auf dem Boden ein schwarzleuchtender Ring um Green herum, aus dessen Mitte tänzelnde Flammen emporschossen und sich hastig ihren Weg an Greens sich vor Schmerzen windendem Körper emporarbeiten, um sich durch ihre Haut in ihren Körper hineinzufressen. Es schmerzte, brannte, peinigte – aber obwohl sie wusste, dass es die beliebteste Foltermethode war, war es nicht so unaushaltbar, wie sie geglaubt hatte.

Sie war bereits schlimmeren Schmerzen ausgesetzt gewesen.
Nichts konnte mit der Pein verglichen werden, die Blue ihr und ihrem Glöckchen zugefügt hatte.

„Oh, wie ich sehe, hast du bereits ausgiebig Erfahrungen mit Schmerzen gesammelt. Kein Wunder, dass du diese aushältst, wenn man dich mit dem Glöckchen gefoltert hat – siehst du? Alles Schlechte hat auch seine positiven Seiten! Dank Blacks Sohn bist du abgehärtet – aber wie sieht es aus, wenn ich die zweite Stufe überspringe und direkt zur dritten übergehe? Glaubst du, dass du mir deine Pein dann immer noch vorenthalten kannst, Fille? Man sagt, niemand überlebe diese Technik - aber keine Sorge, ich töte dich nicht; ich will sie dir nur zeigen!“ Die Schmerzen der ersten Höllenstufe ertrug Green, schwer, doch sie ertrug sie – aber wie es mit der dritten aussah, wusste sie nicht, wollte es nicht herausfinden, doch sie konnte nichts tun, um Nocturn von seinem Vorhaben abzuhalten. Er wusste dies, hörte ihre brennenden Gedanken, und obwohl Green ihre Augen zusammenpresste, war sie sich sicher, dass er sie boshaft angrinste, als er freudig sagte:
Ich rufe die 24stigste der Verbotenen Künste: Entfachtes Höllenfeuer Stufe-
Er brachte die Worte nicht zu Ende, doch Green wusste nicht weshalb: genauso wenig wie sie den Grund dafür wusste, warum er sie fallen ließ, womit sie in den feuchten Acker fiel. Ihr Bewusstsein trübte sich und obwohl sie die Augen öffnete, war ihr Sichtfeld entrückt und sie erkannte nichts weiter als verschwommene dunkle Farben – doch was war das, was sie spürte, vernahm – war es eine Aura? Nein, es war nicht nur eine Aura, sie spürte Wärme; Wärme eines … Feuers?
„F … Firey?“