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Episode 47
  Episode 47: Höre die Hölle III
Ilang hatte Ryô darum gebeten, sie auf Min Intarsier alleine zu lassen. Sie würde schon nachkommen, hatte sie gesagt, hatte ihm mit einem Lächeln versichert, dass sie dies auch ganz sicher tun und am nächsten Morgen sofort beantragen würde, dass er ihr als Tempelwächter zugeteilt werden würde.
„Und dann frühstücken wir erst einmal zusammen, ja, Ryô?“ Sie wollte nur sein Einverständnis hören; wollte davon überzeugt werden, dass sie alle selbstmörderischen Gedanken aus ihm erfolgreich verbannt hatte, doch er hatte nicht geantwortet. Er hatte sie mit einer schweigsamen Verbeugung verlassen.
Dennoch, als er jetzt abseits im Kontrollraum des Tempels stand, dachte er plötzlich an diesen Moment. Das Kommunikationsgerät seines Vaters immer noch in der Hand haltend, war ihm, als würde er Ilangs Hand noch um seine spüren und das steife, gezwungene Lächeln auf ihrem leeren Gesicht sehen. Sie hatte auf eine Versicherung seinerseits gewartet und er hatte sie ihr nicht gegeben.
White und er hatten nur Kontakt zu Sanctu Ele’saces aufnehmen können. Die Nachricht eines kommenden Angriffes verbreitete sich wohl in diesem Moment dort wie ein brennendes Feuer, doch die Wächter auf Min Intarsier würden von dem Überraschungsangriff komplett überrollt werden und …
Ryô schüttelte den Kopf, denn er wollte nicht weiterdenken, wollte nicht daran denken, wie viele Opfer dieser Überraschungsangriff kosten würde und dass Ilang und das ungeborene Kind Greys unter ihnen sein könnten.
Er schluckte, doch es tat weh; seine Kehle war trocken. Warum war er nur nicht auf Min Intarsier geblieben, warum konnte er wieder nichts tun … warum …
Ein Gedanke schoss ihm plötzlich durch den Kopf; ein Gedanke, der ihn dazu brachte, sich in Bewegung zu setzen. Es war 23 Uhr und 15 Minuten, in wenigen Minuten würde das System heruntergefahren werden und Tinami würde den Kampf aufnehmen. In der Kommandozentrale würde Ryô Tinamis Konzentration nur stören, doch jemand anderes brauchte seine Hilfe, seinen Beistand, sein Dasein, wenn der achte Elementarkrieg ausbrach.
Das Walkytalkie noch in der Hand habend, rannte Ryô die Korridore entlang mit keinem bewussten Ziel vor Augen, denn er wusste nur eins: Itzumi war nicht in deren Zimmer, sie musste woanders sein. Er wusste weder, wo sie sich um diese Uhrzeit aufhielt, noch ob sie bereits durch ihre gesprächigen Kontakte etwas erfahren hatte; ob sie ahnte, was geschehen würde.
Es war gespenstisch leer in den Korridoren des Tempels, und obwohl die Erklärung dafür natürlich lediglich war, dass alle im Tempel anwesenden Wächter sich bei Ukario befanden, war ihm unwohl zumute. Ob seine Tempelwächter-Kollegen sich in die Schutzräume des Tempels zurückgezogen hatten, zusammen mit den Kindern der Wächter?
Plötzlich blieb Ryô stehen. Seine Beine trugen ihn auf einmal nicht mehr; verweigerten den Dienst, als die Erkenntnis, dass in wenigen Minuten der nächste Krieg anfangen würde, über ihm einbrach. Damals, als der siebte Elementarkrieg geherrscht hatte, war er noch ein Kind gewesen und hatte nicht viel vom hässlichen Gesicht des Krieges gesehen. Der Mann, den er seinen Vater nannte, war zwar aufgrund des Krieges gestorben, doch zu der Zeit hatten die beiden schon so gut wie keinen Kontakt mehr zueinander gehabt. Als der Tempel in dem finalen Kampf zwischen White und Nocturn aufgegeben wurde, hatte der kleine siebenjährige Tempelwächter nur die Hand seiner Schwester genommen und war den anderen Wächtern nach Sanctu Ele’saces gefolgt – mehr um Grey besorgt, als sich Gedanken darum machend, was eigentlich vor sich ging.
Aber begriff er jetzt, was vor sich ging? Er wusste es nicht. Er sah den Tempel leer und ausgestorben vor sich, hörte nichts, spürte keine Aura – und doch sollte das alles nur die Ruhe vor dem Sturm sein? Und während er sich umsah und sich auszumalen versuchte, wie die Schutzräume, von denen er nur wusste, wo sie sich befanden, sie aber noch nie betreten hatte, wieder in Gebrauch genommen wurden, wie die kleinen Kinder weinten und zu ihren Eltern wollten und die Tempelwächter sich glücklich schätzten, dass sie nicht hinaus mussten, um zu kämpfen und zu sterben – dachte er dennoch nur an Grey.
So viele Gedanken kreisten um ihn; dass sein Körper zum Glück nicht auf Min Intarsier war, dass Grey das hier nicht miterleben musste, dass er krank vor Sorge um Green gewesen wäre, um Ilang; dass er Ryô gezwungen hätte, sich ebenfalls in die Schutzräume zurückzuziehen, obwohl er ihm im Kampf hätte helfen wollen … und wie traurig Grey gewesen wäre, seinen geliebten Tempel, seine Heimat, zerstört zu sehen.
Es tat weh. Diese Gedanken taten schrecklich weh. Doch sie weckten ihn auch. Der Schmerz trieb ihn plötzlich voran, und ehe er sich versah, befand er sich in der Eingangshalle, von der festen Überzeugung geleitet, dass Itzumi dort zu finden war.
Anscheinend hatte sein Gespür sich nicht geirrt: Sie stand in dem leicht geöffneten Eingangsportal, als er die Stufen heruntergelaufen kam, und drehte sich herum, da sie die Aura ihres Zwillings spürte, mit einem verwunderten Ausdruck in den Augen.
„Ryô … ich dachte, du …“ Er deutete ein leichtes Kopfschütteln an, während er auf sie zusteuerte und erst kurz vor ihr stehen blieb.
„Wir sollten uns in die Schutzräume begeben.“ Doch anstatt darauf zu antworten, sah Itzumi wieder nervös hinaus in den schwarzen Himmel und daraufhin wieder zurück zu Ryô:
„Es stimmt also. Es ist keine Übung… Der Tempel wird angegriffen. Der Tempel wird angegriffen! Ich habe mich also nicht geirrt, als ich White-sama gesehen habe … und … und … Fail, er … er kam zu mir und sagte, wir sollten alle in die Schutzräume. In die Schutzräume! Ryô, das … das bedeutet doch … aber das kann es doch nicht? Der Tempel … der Tempel kann doch nicht angegriffen werden!“
„Ja, es stimmt, Fail hat recht. Aber White-sama wird uns beschützen, dessen bin ich mir sicher“, antwortete Ryô, doch bemerkte, dass dies Itzumi nicht beruhigte; anscheinend hatte sie es wieder nicht gehört, denn sie antwortete nicht auf seine Worte:
„Und ich weiß nicht … wo meine Hikari ist … Ich hab sie aus den Augen verloren! Sie ist nicht im Tempel, ich weiß nicht, wo …“ Itzumis Worte blieben ihr im Halse stecken, als Ryô plötzlich ihre Hand nahm und mit großen Augen erwiderte sie seinen Blick. Er sah ihr ihre Nervosität an, bemerkte sie auch jäh in sich selbst, doch wusste, dass er sie für seinen Zwilling unterdrücken musste, damit er ihr Sicherheit geben konnte: er war kein großartiger Wächter, besaß keine nennenswerten Fähigkeiten, doch wenigstens seiner Schwester wollte er ein wenig Sicherheit schenken können, wenn auch nur ein kleines bisschen. Mit einem Ruck schluckte er seine eigenen Gefühle hinunter und bemühte sich, seine Stimme möglichst sicher und beruhigend klingen zu lassen.
„Itzumi, ich bin mir sicher, dass es Hikari-sama gut geht und dass du dir keine Sorgen machen musst. Du weißt doch, dass sie sich von nichts und niemandem unterkriegen lässt. Also lass uns nach unten gehen und auf ihre Rückkehr warten.“ Itzumi nickte und konnte damit ihre glasigen Augen verbergen, die Ryô zwar dennoch bemerkte, aber nicht kommentierte. Den Kopf weiterhin gesenkt, drückte sie plötzlich die Hand ihres Zwillingsbruders fester und sagte leise:
„Und … du bleibst bei mir?“ Ryô versuchte zu lächeln, als er ihren Druck erwiderte, doch wusste nicht, ob es ihm gelang; ob es ein Lächeln war, welches zu dieser Situation passte, ob es angebracht war, ob es ehrlich genug aussah. Doch auch obwohl er es nicht wusste, setzte er sich in Bewegung, ihre Hand nicht loslassend und flüsterte dabei:
„Ja, ich bleibe bei dir.“ Ryô sah es nicht, da er voranging - aber Itzumi lächelte erleichtert, während sie die Hand ihres Zwillings fest gedrückt hielt, wie damals, als er für sie gekommen war, als der letzte Krieg einen Rückzug gefordert hatte.


Viele Legenden rankten sich um White und ihre enormen Fähigkeiten, die nach ihrem Tod nur noch fantastischer und ehrwürdiger geworden waren; daher war es nicht verwunderlich, dass sie für jeden Wächter das Bild einer perfekten Hikari darstellte - die Personifizierung aller Wächter- und Hikariwerte. Viele aus der jetzigen Generation von Wächtern hatten sie nicht einmal kämpfen gesehen und doch glaubten sie ohne den geringsten Zweifel an die Geschichten, die ihre Eltern ihnen erzählt hatten; damals, als sie noch klein waren, als sie während des siebten Elementarkrieges gelebt hatten, immer mit der Furcht, dass ihre Eltern vielleicht nicht wieder nach Hause zurückkehren würden. White war für alle ein strahlender Engel, der dafür sorgte, dass die Eltern der Kinder wieder zurückkamen, unverletzt, beschützt von ihrer heilenden Hand.
Auch Minare, der in diesem Moment, beim Auftakt des achten Elementarkrieges, an Whites Seite rannte, hatte von seinem Vater diese Geschichten gehört und auch er hatte sie immer geglaubt, obwohl sein Vater dem letzten Krieg zum Opfer gefallen war. Nun, da er die sagenumwobene White neben sich sehen konnte, verstand er den Ursprung der Geschichten endlich: Whites Aura war einfach unglaublich.

Es war nicht alleine ihre magische Aura, die er im Augenblick nicht spüren konnte, da sie einen Ingnix trug, sondern auch ihre Ausstrahlung: majestätisch und sicher; an das Gelingen von deren Vorhaben glaubend, vertrauend in ihre eigenen Fähigkeiten und in die ihrer Wächter. Sanftheit und Unbeugsamkeit vereinten sich in ihren weißen Augen; Augen, welche ihre Feinde erzittern lassen würden, ihren Wächtern aber Hoffnung und Zuversicht spendeten.
Auch Minare, der eigentlich eher ein Realist war und der eigentlich bereits einen großen Verlust auf ihrer Seite vor Augen gehabt hatte, konnte gar nicht anders, als sich in ihrer Gegenwart siegessicher zu fühlen – und das, obwohl sie nicht einmal miteinander sprachen.
White und Minare hatten den Haupteingang des Tempels hinter sich gelassen und rannten die vielen Stufen herunter, die von den verschnörkelten Laternen erleuchtet wurden, die die Nacht um sie herum erhellten. Es war kühl in dieser Nacht, doch weder von dem hübschen Bild der beleuchteten weißen Stufen noch der kalten Abendluft ließen sie sich beirren auf ihrem Weg, der an einem großen Platz endete, dem Minare bis zu diesem Abend eigentlich nie mehr Beachtung geschenkt hatte, als dessen Schönheit fast beiläufig zu bewundern.
Ein hübscher Platz, der Ort, an dem man ankam, wenn man sich von Sanctu Ele’saces aus in den Tempel teleportierte. Der Boden des Platzes war verziert von Allegorien, 13 an der Zahl, die alle jeweils eine Personifizierung eines Elementes darstellten. In der Mitte des Platzes war ein großer Springbrunnen angebracht mit einer darauf prangenden Engelsfigur, die mit beiden Händen eine blau leuchtende Kugel in der Hand hielt und diese glorreich in die Lüfte erhob.
Wegen dieser Statue waren sie hier - denn von dieser gab es drei weitere im Tempel; jede in eine der Himmelsrichtungen blickend. Sie bildeten zusammen die Barriere, die den Tempel beschützte und welche nun ausgeschaltet werden würde – um Punkt 23 Uhr und 33 Minuten. Minare sah auf seine Armbanduhr und stellte dabei fest, dass es 23 Uhr und 21 Minuten war: Sie lagen gut in der Zeit, um ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen.
In dem Moment, in welchem das System und somit die Barrieren ausgeschaltet werden würden, würde White - mithilfe von Minare - einen Bannkreis um den Tempel errichten, der alle feindlichen Individuen vom Tempel fernhalten würden. Die eigentliche Barriere des Tempels war das Resultat einer Verbindung zwischen der Magie des Lichtes und der des Schutzes, was der Grund dafür war, dass Minare White behilflich sein würde, da er der momentan stärkste Schutzwächter war – ohne dabei Pink beleidigen zu wollen, doch Minare besaß die Kampferfahrung, an der es Pink mangelte.
Minares Befehl lautete, White zu unterstützen, indem er die vier Barrierepunkte miteinander verband und White somit ihren Bannkreis an vier verschiedenen Orten gleichzeitig errichten konnte, welcher sich so mit Whites Lichtmagie schnell zu einem allumfassenden und beschützenden Bannkreis ausbreiten würde. Mit anderen Worten diente Minare White als eine Art Transmitter.
„Es sind mehr als ich annahm.“ Minare, der in Gedanken dabei gewesen war, die folgenden Schritte zu überdenken, hatte nicht wie White in den Himmel geblickt. Als sie diese Worte mit Gewissheit in der Stimme verlautbarte, tat er es ihr nach und erhob ebenfalls den Kopf.
Zuerst erkannte er nichts weiter als eine dichte, schwarze Wolkendecke, bis ihm plötzlich klar wurde, dass die vermeintliche Wolkendecke alles andere war als ein Naturphänomen: Es waren Dämonen - eine große Menge Dämonen, die nur darauf zu lauern schien, dass das Einzige, was sie von den Wächtern trennte, endlich zerbrach. Es war schwer abzuschätzen, wie viele Dämonen da vor den Toren des Tempels auf ihre Gelegenheit gierten, doch da Minare nirgends einen Stern ausmachen konnte, bedeutete dies, dass es eine unheimlich große Anzahl sein musste, die jede Färbung des Nachthimmels überdeckte ...
„In Lights Namen…“
„Zeigen Sie keine Furcht: „Furcht nährt Verzweiflung und lässt die Hoffnung ersticken. Wenn wir unsere Kräfte vereinen, wird die Hoffnung erstrahlen“.“ Ein für einen Offizier bekanntes Zitat, doch Minare hatte es noch nie so überzeugt ausgesprochen gehört. Und trotzdem konnte er nicht vermeiden, die Ironie zu bemerken, die diesen Worten innewohnte: Immerhin war „das Licht der Hoffnung“, alias ihre Tochter, nicht anwesend. Die Frage warum stellte sich Minare nicht, da sie im Moment zweitrangig war, immerhin würde das Erörtern dieser Frage keine Leben retten.
„Es ist 23Uhr und 30 Minuten. Machen Sie sich bereit, Minare-san.“


Es war Tinami unmöglich, ihren brennenden Blick von dem hinablaufenden Countdown abzuwenden; dem Countdown, der bedrohlich dem Moment entgegenlief, in welchem das System den Neustart ausführen würde und sie sich abermals gegen Akurice in den Kampf stürzen musste.
Eigentlich sollten sie sich glücklich schätzen, dass es überhaupt möglich war, noch auf irgendeine Art und Weise auf das System zugreifen zu können und somit den Neustart zu forcieren, welcher Tinami die Möglichkeit gab, in einer Art „Vormodus“ des Computers den Infiltraten in einem – hoffentlich - erfolgreichen Kampf zu besiegen. Dieser Not-Ausschalter war nach der letzten feindlichen Übernahme installiert worden – nach einem Angriff, der 40 Jahre zurücklag. Tinami wusste, dass es ihr eigener Vater gewesen war, welcher in jungen Jahren mitgeholfen hatte, die Akurice zu besiegen und welcher das System daraufhin umstrukturiert hatte, so dass man nun mit Hilfe eines Hikari-Glöckchens das System trotz feindlicher Übernahme zu einem Neustart bringen konnte.
Nur noch eine Minute.
Ihr Vater würde sich für sie schämen. Sie brachte Schande über ihre Familie, über ihre Elementarvorfahren. Denn es war nicht nur einem klugen Dämon zu verdanken, dass sie in diesem Albtraum gefangen waren. Es war auch einer sehr dummen Wächterin zu verdanken.
Und alle Wächter, die in einer Minute ihr Leben verloren, würden wegen eben dieser Wächterin sterben; denn es war einem Fehler ihrerseits zu verdanken, dass es den Dämonen möglich gewesen war, einzudringen und ihr Zuhause zu zerstören.
Doch daran durfte Tinami jetzt nicht denken; denn umso länger sie sich in Schuldgefühlen und Selbstmitleid suhlen würde, umso mehr Leichen würden auf ihr Konto gehen.


Fernab von Erleichterung war Pink einige Stockwerke von Schutzräumen oder den versammelten Wächtern entfernt. Zwar verschluckte die Barriere die Auren der vielen anwesenden Dämonen, doch Pinks empfindlicher Sinn für Auren bemerkte sie nichtsdestotrotz. Sie hatte sie schon lange bemerkt. Vielleicht sogar, bevor Tinami bemerkt hatte, dass sie nicht länger Herr über das Computersystem war … doch das wusste Pink alles nicht. Sie wusste nicht, was vor der verschlossenen Tür ihres Zimmers von sich ging. Das Einzige, was sie wusste, war, dass sie sich nicht bewegen wollte, dass sie nicht aus ihrem Versteck hervorkommen würde, solange sie diese Auren spürte … diese vielen Auren … diese Boshaftigkeit … sie war so greifbar … würde sie greifen …
Pink japste auf und drückte ihr HelloKitty-Kuscheltier fester an sich, während sie sich an die Wand presste, in ihrem kleinen Versteck unter dem Bett, wie das kleine, hilflose Kind, das sie war.
Keinen Augenblick lang dachte sie an die einst so gepredigte „heilige Aufgabe“ und dass es eigentlich nun an ihr lag, diese auszuführen; dass sie eigentlich unter dem Bett hervorkommen musste, um ihren Freunden zu helfen.
Nein, sie wusste, dass sie nichts und niemand dazu bringen konnte, unter dem Bett hervorzukommen. Hier war sie sicher …
Plötzlich spürte Pink jedoch etwas; etwas, was sie dazu brachte, die zusammengepressten Augen zu öffnen, womit sie nun auch sah, was sie gespürt hatte: Ihr Zimmer war in gleißendes Licht getaucht, in ein warmes, beschützendes Licht, das die Boshaftigkeit verdrängte …
„Green …?“


Die vier Kugeln hörten im selben Moment auf zu leuchten, Punkt 23 Uhr und 33 Minuten - und zum ersten Mal seit mehr als hundert Jahren brachen die Barrieren an vier Stützpunkten gleichzeitig, ohne einen Laut zu verursachen. Die Barriere begann damit, sich vom unteren Rand an aufzulösen und würde den Schutzmechanismus bald vollständig vernichtet haben.
Doch kaum, dass die Kugeln des Tempels ihr blaues Leuchten verloren, wurde das blaue Leuchten durch ein weißes ersetzt.
Mit geschlossenen Augen hielt Minare seine Hände um die Kugel des Ostens, während er auf dem Boden kniete, damit die doch recht kleine White ihre Hände auf seine Schultern legen konnte. Ihre dünnen Hände waren warm, obwohl sie tot war und er spürte deutlich, wie das Licht durch ihn flutete, durch seinen Rücken, seinen Kopf, durch sein Herz und durch seine Arme in seine Hände, die die Kugel vor seiner Brust hielten und sie zum Leuchten brachten. Mithilfe seiner eigenen Magie nahm er suchend Kontakt mit den anderen drei Kugeln auf und spürte deutlich, dass sie seinem Ruf antworteten: dass sie die beruhigende Lichtmagie Whites genauso erfreut in Empfang nahmen wie er selbst.
Gleich nachdem sie die Kugel von der Statue gelöst hatten, hatte White begonnen, ihre Beschwörungsformel konzentriert vor sich hin zu flüstern, um nun, da die eigentliche Barriere gebrochen war, die Stimme zu erheben:
„Gepriesen sei das Leben, die Elemente, die das Leben hüten und das pochende Herz; das Zeichen des Lebens! Unterstütze die Elemente in ihrem Ersuch; ich, Eure treue Dienerin, erbitte Euren Beistand, oh Hikari-kami-sama, Ihr ewiges Licht! Erstrahle und reinige die, die das Leben gefährden und setze ihrem traurigen Dasein ein Ende! ILLUXE VITASIEM!“
Ein erschauernder Stoß ging durch Minare, doch er hielt die Konzentration aufrecht und spürte somit durch das magische Kräuseln an seinen Händen, wie sich die vier Kugeln verbanden, wie das Band zwischen ihnen erstrahlte, wie das Licht emporstieg und sich wie eine Seifenblase um den gesamten Tempelkomplex legte, noch ehe ein feindliches Individuum eindringen konnte.
Minare war so auf seine Aufgabe fixiert, dass er es beinahe nicht bemerkte, das klirrende Geräusch von etwas, das zerbrach - doch das Resultat blieb ihm nicht unbemerkt: Das Ingnix hielt der Lichtmagie Whites nicht stand und zerbrach, womit ihre Aura plötzlich wieder freigegeben war; eine überwältigend starke Aura, stärker, als er es jemals für möglich gehalten hatte.
Auch die 233 Wächter blieben von diesem Phänomen nicht unberührt; einen kurzen Augenblick lang wurde der gesamte Tempel von gleißendem Licht umhüllt, fraß sämtliche Schatten und staunend, verblüfft und überrascht sahen sie alle in den Himmel, wo die Nacht kurz zum Tage geworden war.
„Wie ich gesagt habe … White-sama benötigt keine Hilfe, um ein Wunder zu vollbringen“, wisperte der erfreut lächelnde Ukario, doch Azuma hörte ihn nicht. Er war zu sprachlos.
Auf der anderen Seite des neuerrichteten Lichtbannkreises waren die Dämonen weniger erfreut als Ukario und die anderen Wächter. Sobald sie bemerkt hatten, dass die Barriere auseinandergebrochen war und sie endlich angreifen wollten, mussten sie kurz vor ihrem Ziel einhalten, als sich das Licht ihnen plötzlich in den Weg gestellt hatte und automatisch nahmen sie mehrere Meter Sicherheitsabstand zu der stark leuchtenden Magiewand.
„Was zur Hölle!?“
„Ist das … ist das nicht die Aura von White?“ Kaum dass diese angstvolle Frage gestellt wurde, bahnte sich der Fürst, dem diese Horde gehörte, seinen Weg durch seine Dämonen, die er hatte vorgehen lassen, und stellte sich vor seine verwirrten Hordenmitgliedern, die angesichts der mächtigen Lichtaura auch ein wenig verängstigt wirkten. Der Name des Hordenbesitzers war Chernobog; welcher von den anderen Hohenmitgliedern auch gerne als Jungspund betitelt wurde, obwohl er schon mehr als 90 Jahre sein Gebiet regierte und auch die Aufstände aufgrund des Wassermangels intelligent unterdrückt hatte; eigentlich hatte er sich nie etwas zu schaden kommen gelassen und auch sein Aussehen war nicht das eines Jungen. Chernobog war vielleicht nicht so stämmig wie die anderen Fürsten, aber definitiv genau so hoch und auch sein von kurzen, schwarzen Stoppelhaaren umrundetes Gesicht war längst der Pubertät entwichen – und dennoch kreisten böse Gerüchte um den Fürsten, dass ihm ein kindischer Zorn innewohnte, dass er dazu neigte, mit den Füßen aufzustampfen, wenn ihm etwas nicht passte und dass er einen stolzen Sturkopf besaß, der ihm auch so manches Mal den Blick versperrte; aber das weitaus schlimmste Gerücht war das, weshalb Chernobog schon so manches Mal schadenfrohe Blicke erhalten hatte; angeblich war er überaus schüchtern und hatte deshalb ein großes Problem mit Frauen. Man hatte wohl gesehen, wie er sogar bei einer bekleideten Frau rot angelaufen war – aber das waren ja alles nur Gerüchte. Doch sie genügten, um ihn und Lioris in die gleiche Kategorie zu stecken.
„Man sollte meinen, ihr Vollidioten hättet nur Brei im Hirn! White ist tot - aus, Ende! Und jetzt setzt ihr gefälligst euren Angriff fort!“, begann Chernobog fauchend, sobald er sich vor seinen Dämonen positioniert hatte. Der Dämon, der eben noch die Aura von White gespürt zu haben meinte, zeigte seinem Fürsten den Vogel und antwortete:
„Seid Ihr bescheuert?! Nichts bringt mich in die Nähe von diesem Di-“
„Oh wirklich. Wie überaus schade.“ Sein Fürst schien es nicht so witzig zu finden, dass man ihm den Vogel gezeigt hatte; genauso wenig, dass man seinen Befehle nicht folgte und er entschied sich dazu, ein wenig Überzeugungsarbeit zu leisten, indem er den Dämon am Kopf packte und diesen gegen die Lichtbarriere schleuderte.
Das Resultat dieser Tat sprach eine eindeutige Sprache: Sobald der geworfene Dämon die Barriere berührt hatte, hatte er sich von Kopf bis Fuß aufgelöst. Ein furchtsames Raunen ging durch die Dämonenschar und auch Chernobog beschloss grummelnd, dass das kein guter Anfang war – und das, wo er doch unbedingt den Tempel angreifen wollte, um seinen Ruf loszuwerden. Mit einem unflätigen Seufzen wandte er sich wieder seiner Horde zu.
„Okay, dann greifen wir eben nicht den Tempel an.“
„Aber, Chernobog-sama, was sollen wir denn jetzt machen? Einfach zurück? Ohne Wächter umgebracht zu haben?“ Natürlich war das nicht das, was Chernobog vorhatte und so antwortete er hastig:
„Wir suchen uns einen anderen Stützpunkt und den ersten, den wir finden, greifen wir an.“
„Und wenn die auch so eine Barriere haben?“
„Dann haben wir allesamt einen Grund, uns bei unserer ach so tollen Hoheit zu beschweren – und jetzt will ich keine Fragen mehr hören! Bewegt eure lahmen Ärsche!“


Whites Plan hatte Erfolg gehabt und genau wie von ihr erhofft wurden auf Sanctu Ele’saces eilig die Alarmglocken geläutet, die den Angriff der Dämonen verkündeten. Diese wurden nur dann geläutet, wenn ein Angriff auf die Insel unmittelbar bevorstand, weshalb alle Wächter, die nun von diesen Glocken aus dem Schlaf gerissen wurden, wussten, was für eine Stunde geschlagen hatte.
Auch im Hause von Fireys Lehrmeister machte man sich nun für den Angriff der Dämonen bereit. Ignes hatte nicht geschlafen, sondern über die Werte und Daten seiner drei Schüler gebrütet, weshalb er sich auch nur umziehen brauchte, sobald er die Glocken hörte.
Kaum dass sie ihn aus dem Denken herausgerissen hatten, hatte er sich von seinem Sekretär aufgerichtet und sämtliche Gedanken an irgendwelche Daten verloren. Über seinem Kopf hörte er auch, wie Pelagius aus seinem Bett gesprungen war, doch es war deren Tempelwächterin, die zuerst zu ihrem Meister gelaufen kam und nun in seinem Büro stand, vollkommen schockiert, wie es Ignes schien.
„S-Sind das die Alarmglocken?“ In diesem Moment kam bereits seine Ehefrau die Treppe heruntergerannt; diese war es auch, welche sich an ihre Tempelwächterin richtete und sobald diese ihre Herrin erblickt hatte, schien sie auch sofort ruhiger zu werden:
„Zieh dich bitte in die Schutzkammern zurück, Stella. Bitte. Beeil dich und pass gut auf dich auf!“
„Aber … ich war doch gerade dabei, Croissants für das Frühstück zu machen. Der Teig. Ich habe den Teig noch nicht fertig.“ Esmelia legte ihre Hände auf die bebenden Schultern ihrer Tempelwächterin und sah sie nun eindringlich an:
„Ich bin mir sicher, dass die Croissants wunderbar schmecken werden und ich freue mich darauf, sie zu probieren, sobald wir diese Schlacht geschlagen haben. Aber jetzt bring dich in Sicherheit, ansonsten werden wir sie nicht probieren können.“ Einige Sekunden lang starrte Stella ihre Herrin an, der Klang der Alarmglocken in den Ohren dröhnend. Doch dann nickte sie; es war kein sicheres Nicken, aber es bewegte sie dazu, sich von ihrer Herrin zu lösen und sich aufzumachen - das zu tun, worum Esmelia sie gebeten hatte. Doch sie setzte nicht sofort zur Flucht an, ohne ihrer Familie nicht noch alles Gute zu wünschen, auch Pelagius, welcher gerade als Stella sich verabschiedete die Treppen heruntergerannt kam. Auch er wünschte ihr viel Glück, richtete sich dann aber sofort an seinen Vater, sobald Stella den Raum verlassen hatte:
„Ich habe soeben versucht, Kontakt mit der Kommandozentrale aufzunehmen, aber es ist mir nicht gelungen; es scheint, als wäre die gesamte Kommunikation zusammengebrochen.“ Ignes nickte nur, denn er hatte sich ein solches Szenario bereits gedacht, sobald er bemerkt hatte, dass er sich nicht teleportieren konnte. Sie waren also auf sich allein gestellt bei einem direkten Angriff auf Sanctu Ele’saces.
„Vater, wir sollten uns in der Zentrale sammeln und …“ Schlagartig verstummte Pelagius und auch seine Eltern erstarrten.
Die Uhr schlug 23:33. Die Barriere, die auch Sanctu Ele’saces umgab, brach.
Die vielen boshaften Auren der Dämonen strömten auf einen Schlag auf ihre Sinne herein und keiner von ihnen konnte festlegen, wie viele Auren sie plötzlich vernahmen, aber die Anzahl war so enorm, dass selbst ihnen kurz die Angst ins Gesicht geschrieben stand.


Dasselbe vernahmen auch die vielen anderen Wächter auf Sanctu Ele’saces, doch niemand konnte es sich erlauben, lange von diesem Schock gelähmt zu sein. Anders als im Tempel hatte die Zeit es für die Wächter auf Sanctu Ele’saces nicht zugelassen, sich zu sammeln und irgendwelche Befehle zu erhalten. Die Zeit hatte gerade mal ausgereicht, um alle Wächter aus dem Bett zu werfen und das Bewusstsein in ihnen zu wecken, dass sie sich im Krieg befanden – obendrein in einer Situation, in welcher ihre Heimatinsel angegriffen wurde.
Genau wie Esmelia hatten auch andere ihre Tempelwächter eilig losgeschickt; einige mit den kleinen Kindern ihrer Herren im Arm oder hinter sich her zerrend – doch den wenigsten war es gelungen, sich auch wirklich in die Schutzkammern Sanctu Ele‘saces zu begeben und entsetzt, mit den schreienden Kindern in den Armen, sahen auch sie, wie die Dämonen, sobald die Barriere gebrochen war, zur Landung ansetzten.
Doch die entsetzte Starre hielt nicht lange, denn einige Dämonen waren nicht gelandet. Statt sich sofort in einen Nahkampf zu werfen, entschied sich die Horde Lycrams erst einmal dazu, die Wächter aus der Luft anzugreifen: Geschosse fielen vom Himmel herunter wie Hagelstürme, trafen Häuser, schlugen auf den Straßen ein und die ersten abgerissenen Körperteile klatschten bedeutungslos zu Boden, als die Wächter, die ungünstig standen, von den Explosionen getroffen und deren Körper in Fetzen zerschlagen wurden.

Die ersten Leichen lagen bereits als bemitleidenswerte Überbleibsel auf den sorgsam mit Farbe verzierten Straßen.
Die ersten Kinder wurden von den Trümmern ihrer Familienhäuser totgeschlagen.
Das erste Gegenfeuer wurde eröffnet, um das zu beschützen, was sie liebten.

Der achte Elementarkrieg hatte begonnen.


Kaum einer der Wächter Min Intarsier bemerkte den Einbruch der schützenden Barriere, da ein Großteil von ihnen um diese Uhrzeit schlief. Ein paar einzelne Tempelwächter waren noch auf den Beinen, kümmerten sich um den Haushalt, bereiteten das Essen für den morgigen Tag vor, machten Wäsche. Die andere Kategorie waren Nachteulen und die Wachen, die an verschiedenen Punkten von Min Intarsier ihre nächtliche Route absolvierten. Diese waren es auch, die um 23:33 Uhr stehen blieben und verwirrt in den Himmel hinaufsahen, nachdem ihre Sinne plötzlich von vielen verschiedenen Auren überrascht wurden. Doch schnell verwandelte deren Verwirrung sich in Schrecken, doch anstelle diese herauszulassen, wandte sich ein Schutzwächter zu seinem Partner herum und rief:
„Läute die Alarmglocken! Schnell!“ Der andere Wächter gehorchte sofort, drehte sich auf dem Absatz herum und wollte gerade losrennen, als sein Kollege entsetzt sah, wie ein dünner Streifen, einem Faden nicht unähnlich, um den Hals seines Partners aufleuchtete. Schnell streckte der Schutzwächter seine leuchtende Hand nach ihm aus, wollte ihn mittels seiner Schutzmagie beschützen, doch ehe er etwas tun konnte, tauchte der gleiche Faden um eben dieser Hand auf und trennte sie sang- und klanglos von seinem Körper.
Erstickt schrie der Wächter vor Schmerzen auf, während das Blut wie Wasser aus seinem Arm herauslief, doch lange war der Schrei nicht zu hören, ehe er im gleichen Moment wie sein Partner seinen Kopf verlor, genauso simpel, wie er seine Hand verloren hatte.
Wie ein Stein fielen beide Körper kopflos in das saftige, grüne Gras, worin sich das Blut schnell ausbreitete und deren toten Augäpfel entsetzt und leer in den Himmel starrten.
„Es überrascht mich immer wieder, wie einfach es ist, die Glieder von den Wächtern zu trennen. Fast wie Butter …“ Azzazello achtete nicht auf die Leichen, während er an ihnen vorbeischritt, sich dabei aufmerksam auf der hübschen Inselgruppierung umschauend, dabei feststellend, was für eine friedliche Idylle dieser Ort doch war.
Einer seiner Dämonen unterbrach ihn jedoch bei seinem Versuch, sich einen Überblick zu schaffen, denn anscheinend konnte dieser es gar nicht erwarten, es seinem Fürsten gleichzutun. Azzazello war nicht angetan von dieser Idee und hob den Arm, was den Dämon zum Stillstand brachte. Ehe der Fürst fortfuhr, wandte er sich zu seiner Horde herum und sagte:
„Noch ist der Überraschungseffekt auf unserer Seite und wir sollten ihn nicht verspielen. Also seid leise und tötet so viele wie möglich, ehe sie Alarm schlagen. Denkt daran-“ Azzazello wurde in seiner kleinen Rede unterbrochen: nicht von seinen Dämonen, die seinen Worten aufmerksam gefolgt waren, sondern von einem lauten Grollen und Toben einige hundert Meter von ihnen entfernt. Alle Dämonen wandten sich nach dessen Ursprung herum und sahen, wie eine andere Horde den Überraschungseffekt ganz offensichtlich nicht nutzen wollte, denn diese überrannten Min Intarsier förmlich mit Tosen und Geschrei.
„Ade, Überraschungsangriff, ade!“, seufzte Azzazello sich mit der Hand an die Stirn schlagend.
„Das ist die Horde von Akai“, meinte einer der Dämonen, die ein wenig eifersüchtig schienen.
„Und ich sag noch, wir Fürsten sollten eine gemeinsame Strategie haben! Aber wer hört auf mich!? Niemand. Wahrscheinlich greifen wir jetzt auch alle die gleichen Stützpunkte an und lassen andere dabei außer Acht!“ Azzazello seufzte tief, doch die anderen Dämonen hörten ihm nicht zu, sondern sahen missvergnügt in die Richtung der angreifenden Horde. Erst als Azzazello verkündete, dass sie dann ebenfalls angreifen könnten, horchten sie auf. Doch Azzazello wäre nicht Azzazello, wenn er nicht noch eine Bedingung stellen würde:
„Ihr könnt jeden umbringen, den ihr wollt, aber lasst die Wasserwächter am Leben! Nehmt sie gefangen, lebend.“ Zweifelnd sahen sich die Hordenmitglieder an und schienen sich alle schweigend einig zu sein, dass sie keine Lust auf Richtlinien hatten und wenn sie im Kampf waren, hatten sie keine Lust darauf zu achten, ob sie gegen einen Wasserwächter kämpften - und diesen obendrein am Leben zu lassen, war eine Einschränkung, die ihnen nicht gefiel. Aber die, die schon länger im achten Gebiet der Dämonenwelt wohnen, hatten es sowieso nicht anders erwartet. Die neueren Hordenmitglieder sahen die Sache jedoch etwas anders.
„Ich habs dir doch gesagt“, raunte einer der hinteren Dämonen dem neben ihm zu:
„Ich hab dir gesagt, dass wir lieber zu Lycram gehen sollten, aber du wolltest ja nicht hören! Erstens ist der stärker als Azzazello und zweitens muss man an nichts anderes denken als das Töten.“
„Und ich hab dir gesagt, dass du das gerne machen kannst, aber ohne mich. Ich bin ein Viertel Mensch und ich will nicht riskieren, „aussortiert“ zu werden.“ Die beiden Dämonen beschlossen, die Diskussion erst einmal beiseitezuschieben, um zu versuchen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und so viel Spaß wie möglich dabei zu haben – beim Töten.


Mit einem Schrecken erwachte Ilang aus ihrem Schlaf, in welchen sie sich an Ort und Stelle geweint hatte, kurz nachdem Ryô sie verlassen hatte. Sie wusste nicht, was genau sie geweckt hatte, doch als sie ihre Augen aufschlug, bemerkte sie sofort, dass etwas passiert war: Sie spürte viele Auren - fremdartige Auren, feindliche.
Sie lehnte am Fenster des großen, nun verlassenen Saals, der ins Dunkle getaucht war, nachdem die Tempelwächter ihn aufgeräumt hatten. Erschrocken über die vielen Auren wandte sie sich herum und sah aus dem Fenster in die dunkle Nacht hinaus. Doch nur einen kurzen Augenblick wahrte dieser Anblick, denn entrüstet weiteten sich ihre Augen, als ihr Blick von leuchtenden, gelben Augen begrüßt wurde.
Keinem Schrei gelang es, ihrer Kehle zu entfliehen, ehe das Glas in tausend Scherben zerbrach und Ilang mit aller Wucht auf den Boden gepresst wurde, wo sich die Glasscherben in ihre Wange bohrten.
Die Worte, die gesagt wurden, verstand die Elementarwächterin nicht, hörte nur das böse Auflachen des anderen Dämons, während der Druck auf ihrem Kopf zunehmend stärker wurde und das Blut sich in ihrem Mund verteilte. Sie zwang sich dazu, ihre Angst beiseitezuschieben und sich trotz ihrer Schmerzen zu konzentrieren: Ilang wusste nicht, wieso und wie es möglich war, dass sie so viele feindliche Auren spürte, doch sie wusste, dass sie sich befreien musste, ansonsten würde der Dämon ihren Kopf auf dem Parkett zerquetschen.
Zwei Dämonen befanden sich in ihrer nahen Umgebung, doch sie kam nicht dazu, sich entscheiden zu müssen, welchen sie angreifen und wie sie es tun würde - denn schon ertönte die Beschwörung eines ihr unbekannten Klimawächters; umgehend löst sich der Druck auf Ilangs Kopf, als der Dämon von der Blitzkugel des Wächters erfasst wurde und durch das Fenster geworfen wurde.
Ohne sich erst einmal zu bedanken, beeilte sich Ilang, wieder aufzustehen und den zweiten Dämon anzugreifen, welcher ihr den Rücken zugekehrt hatte. Dieser wandte sich gerade noch im letzten Moment herum, um zu sehen, wie Ilang ihre blutende Hand ausstreckte und rief:
„SHÉNGKAI DE SUÌ GÛ!“1 Seine Schnelligkeit hatte ihm nichts gebracht, denn anstatt ihn mit einer Fernattacke anzugreifen, zerbrach das polierte Laminat unter seinen Füßen und blühende Ranken schlangen sich empor, welche sich um das dämonische Wesen wickelten und ein wahres Feuerwerk von knackenden Knochen zum Erklingen brachten; unter anderem das Zerbrechen seiner Wirbelsäule – erst als Ilang lohnend lauter kleine Fünkchen sah, atmete sie erleichtert auf, sackte in sich zusammen und flüsterte mit gesenktem Kopf:
„Danke für Ihre Hilfe … was ist hier nur los? Sind wir … im Krieg?“ Die Antwort auf diese Frage erlangte sie nicht durch Worte, sondern durch Schweigen. Die Halle, welche nur wenige Stunden zuvor gefüllt gewesen war mit Wächtern, war ruhig; nur von fern drangen Geräusche an ihre Ohren; Schreie, Beschwörungen, fremdartiges Getöse: die zerstörerische Melodie des Krieges.
Langsam hob Ilang den Kopf, doch schloss die Augen schnell wieder und legte sogar die Hände vor ihr Gesicht, um dem Anblick zu entgehen und ein ersticktes Keuchen zu unterdrücken. Sie spürte, dass ihre Hände zitterten, spürte ihr eigenes warmes Blut auf ihrem Gesicht und empfand das dringende Bedürfnis, einfach in dieser Dunkelheit zu bleiben und nicht wieder zur schrecklichen Realität zurückkehren zu müssen.
Der Boden unter Ilangs Füßen bebte, das Tosen eines einstürzenden Hauses; die Trümmer eines zerstörten Traumes von einem friedlichen Dasein.
Sie waren im Krieg. Sie waren im … Krieg.
Und zusammen mit dieser Erkenntnis lösten sich ihre Hände von ihrem blutenden Gesicht und wieder sah sie die Übelkeit erregende Leiche einige Meter von ihr entfernt: der entstellte Körper ihres Retters. Er atmete nicht mehr; das hatte sie bereits beim ersten Anblick bemerkt – die erstarrten blauen Augen, die nach oben, Richtung Himmel gerichtet waren, und beinahe hinter seinen Augenlidern verloren gingen, waren Beweis genug gewesen.
Langsam näherte sie sich seiner blutüberströmten Leiche; das Blut, was sich beständig ausbreitete, nicht vom Laminat aufgesogen wurde. Die Wunde war groß – er war von unten senkrecht nach oben in zwei gerissen, doch die Klauen des Dämons hatten sein Gesicht verschont, wahrscheinlich, weil Ilang ihn in diesem Moment unterbrochen hatte.
Ilang wusste nicht, wie lang sie dort stand und ihn ansah, ohne zu blinzeln, genauso starr wie er. Sie kannte ihn nicht, wusste seinen Namen nicht und doch rührte sich etwas in ihr, das ihre Augen zum Brennen brachte. Vielleicht war es die Erkenntnis, dass sie noch viele namenlose Leichen sehen würde.
Ihr wurde schlecht, doch sie schluckte die Übelkeit zitternd herunter, zwang sich dazu, ruhig zu bleiben.
Tief durchatmend bückte sie sich, streckte die Hände nach seinem Kopf aus und nahm ihm mit bebenden Händen das Headset ab, welches er getragen hatte. Zögerlich legte sie es sich an den Kopf und sofort passte es sich ihrer Kopfgröße an, doch obwohl es offensichtlich unbeschadet war, vernahm sie nichts als Rauschen. Sie konnte also nicht mit dem Tempel Kontakt aufnehmen … offensichtlich funktionierte nur die Übersetzungsfunktion des Headsets, welches die Sprache der Dämonen in ihre übersetzte.
Ein weiteres Mal beugte sie sich herunter zu dem toten Wächter und nahm ihm die gerissene Kette von der blutgetränkten Brust: Die Kette hatte den Klauen des Dämons nicht standgehalten, doch der rote Anhänger schon, welchen Ilang als Ingnix erkannte und ihn in ihre Tasche steckte, womit ihre Aura gelöscht wurde.
Während sie den armen Wächter seiner Sachen entledigte, kam sie sich ein wenig schlecht vor, obwohl die heiligen Regeln vorschrieben, dass man davor keine Hemmungen haben sollte; sollte man einen gefallenen Wächter finden, so sollte man ihm mit allem Respekt seine Ausrüstung abnehmen, um den Kampf optimal fortsetzen zu können.
Ein toter Wächter benötigte keine Ausrüstung, hieß es.
Doch die Regeln besagten noch etwas anderes. Etwas, was Ilang noch nie zuvor getan hatte und wovor sie sich insgeheim immer gefürchtet hatte:
“Solltest du einem gefallenen Mitwächter begegnen, so entnehme ihm respektsvoll seine Ausrüstung, um deinen Kampf vollends fortsetzen zu können. Von der Dunkelheit ungestört, schließe seine Augen, auf dass dein Mitwächter auf ewig friedlich ruhen möge.““ Während Ilang die Regel leise vor sich hin zitierte, hob sie abermals widerstrebend ihren Arm, streckte die Finger aus und berührte zögerlich und voller Angst die Augenlider des Toten. Selbst schloss sie ihre Augen, atmete tief durch und schloss die Augenlieder ihres Mitwächters, auf dass er, wie die Regeln es besagten, ewig ruhen könne.
Ihre eigenen Augen weiterhin geschlossen, flüsterte Ilang ein „Danke“, drehte sich herum und ergriff die Flucht.


Lycram war nicht der einzige Fürst, der sich Sanctu Ele’saces als Ziel ausgesucht hatte; unter anderem befand sich auch Lacrimosa dort. Nach eigener Aussage, um den Männern zu zeigen, dass sie ihnen auch im Erobern in Nichts nachstand. Sie hatte allerdings mit dem Angriffsbefehl gewartet, bis Lycram mit seinem Luftangriff fertig war, damit ihre Schwestern nicht ebenfalls von seinen Angriffen getroffen wurden – es war immerhin keine Seltenheit, dass die Fürsten sich untereinander ebenfalls bekriegten, egal ob sie sich mitten auf dem Schlachtfeld befanden oder nicht. Denn war es nur gut für sie, wenn der Nachbar Hordenmitglieder verlor. In dieser Nacht schienen sie sich allerdings in Freude einig zu sein, dass die Wächter ihr Ziel waren und schenkten den anderen anwesenden Fürsten und deren jeweiliger Horde kaum Beachtung; außer sie standen sich im Weg.
Während Lycram und der endlich angekommene Chernobog sich bereits euphorisch in das Kampfgetümmel geworfen hatten, hatte Lacrimosa sich einen hohen Turm ausgesucht, auf welchem sie nun ihre wohlgeformten Beine übereinanderschlug und das Ganze von weiter weg beobachtete – wie ein Zuschauer einer Oper hatte sie ihren Logenplatz eingenommen. Ein Eindruck, der durch ihr Opernglas-ähnliches Fernglas nur noch verstärkt wurde. Sie würde sich selbst gerne ebenfalls hineinstürzen und genau wie ihre Schwestern nicht nur die Wächter töten, sondern diese auch bestehlen – denn die Wächter besaßen ja so wunderschönen Schmuck! Edelsteine und Diamanten, Goldketten und Perlenohrringe … kein Wunder also, dass Lacrimosa und ihre Schwestern sich sehr einig gewesen waren, dass sie sich daran gütig tun würden.
Doch Lacrimosa hatte versprochen, ihren Schwestern den Vortritt zu lassen; und ihre beiden Kommandeurinnen wollten sich ihr auch so gerne beweisen.
Also ließ sie ihnen den Spaß. Jetzt noch.


Fernab von diesen Geschehnissen schnappte Azura nach Luft; nicht, weil sie jemand gewaltsam dieser beraubte, sondern weil sie gerade aus der Wasseroberfläche emporbrach – so wie sie es jede Nacht auf Sanctu Ele’saces tat. Die Winterkälte konnte die Wasserwächterin nicht davon abhalten, jeden Abend mehrere Stunden im großen und vor allen Dingen tiefen See der Insel zu schwimmen. Zwar konnte sie auch im Tempel schwimmen gehen, denn dieser besaß ein großes Schwimmbad, doch bevorzugte sie den natürlichen See Sanctu Ele’saces; nicht nur, weil er groß war, sondern auch, weil sie ungestört ihrem Hobby nachgehen konnte und sie das Alleinsein bevorzugte; besonders in dieser Nacht, nach dem Fund von Greys Leiche, hatte sie es gebraucht.
Noch hatte sie nicht bemerkt, dass diese nächtliche Tour anders war als die vielen anderen vor ihr. Wasserwächter konnten sich über eine sehr lange Zeit unter Wasser aufhalten und so hatte Azura nicht mitbekommen, was 300 Meter von ihr entfernt auf dem Festland geschehen war.
Erst als Azura nach gut einer halben Stunde an die Wasseroberfläche zurückkehrte, bemerkte sie, dass etwas sich verändert hatte: Sie spürte viele – Unmengen! - feindliche Auren und überrascht, aber bereits mit bösen Vorahnungen, wandte sie ihren Kopf Richtung Osten, wo sie die breiten und einladenden Alleen Sanctu Ele’saces sehen konnte, die um diese Uhrzeit eigentlich dunkel und verlassen sein sollten, jedoch ein anderes Bild zeigten als nächtliche Ruhe. Schon von Weitem konnte sie es erahnen; das Bild eines zerstörerischen Kampfszenarios.
Nur kurz stockte Azura der Atem, als sie dies sah; als ihr klar wurde, was dieses Bild bedeutete und sofort vernebelten abertausende Fragen ihren Kopf, genau wie bei so vielen anderen Wächtern, die es nicht fassen konnten. Schnell schob sie diese jedoch beiseite, nahm tief Luft und tauchte hinab in das dunkle Wasser; nicht, um zu fliehen und sich in der Sicherheit des Wassers zu verstecken, sondern um flink wie ein Fisch durch das Wasser zu schießen, die Sicherheit des Sees verlassend, weiter durch das dunkle Wasser eines Flusses, der sie in das Zentrum von Sanctu Ele’saces bringen würde - dort, wo sie den Knotenpunkt des Kampfes vermutete.
Während sie sich geschwind fortbewegte, hielt sie sich nah am Boden des Flusses, wobei ihr leider schnell auffiel, dass ihr Plan nicht aufging, denn sobald sie in der eigentlichen Stadt angekommen war, war der Kanal mit Fliesen ausgelegt, in welchen sich kleine Lichter befanden, die das reine Wasser zu jeder Zeit des Tages erleuchteten und erheblich zur Schönheit von Sanctu Ele’saces beitrugen; einer Schönheit, die Azuras Plan nun zerstörte.
Doch anstatt aufzutauchen, verbarg sie sich erst einmal unter der ersten großen Brücke und tauchte in dessen Schatten auf, um nach Luft zu schnappen und sofort prallten zig Auren auf ihre Sinne, Geräusche; fremde Geräusche. Azura presste sich an die steinerne Wand der Brücke, während sie über sich die Füße und das Stampfen vieler verschiedener Wesen hörte; Staub und kleine Steinchen rieselten herunter, das Wasser wurde immer wieder von verschiedenen Attacken erleuchtet und –
Ein Körper fiel von der Brücke herunter; Azura den Rücken zugekehrt blieb er mit einem Fuß am Geländer über ihr hängen, bis der Fuß ihn nicht mehr halten konnte und er ins Wasser fiel. Das Blut verfärbte das klare Wasser und Azura erkannte, dass es sich um eine Frau handelte, obwohl sie verkehrt herum ins Wasser gefallen war. Sie trieb langsam und regungslos an Azura vorbei, doch anstatt sich geschockt an die Wand zu pressen, streckte Azura die Hand nach ihr aus und bekam die Hand der anderen Wächterin zu fassen, doch stellte schnell fest, dass ihr Versuch umsonst war, denn sie vernahm keinen Puls.
Doch etwas anderes vernahm sie: das Schreien eines Kindes, genau über ihr auf der Brücke. Nur einen kurzen Moment dachte Azura darüber nach, ob es vielleicht das Kind der Frau war, welche leise vor sie hintrieb, ehe sie diesen Gedanken beiseiteschob: Denn es war vollkommen egal, um wessen Kind es sich handelte. Wichtig war, dass es Hilfe benötigte.
Still bat sie ihr Element um Hilfe, welches ihrem Ruf sogleich Folge leistete. Am schnellsten und effektivsten wäre es, wenn sie ihrem Element befohlen hätte, sich zu erheben; eine mächtige Flut entstehen zu lassen – doch das Risiko war zu groß, dass sie mit der Flut, obwohl sie diese kontrollieren konnte, auch das kleine, heulende Kind ertränken würde. Eine einzelne Fontäne würde vollkommen ausreichend sein, damit sie an das Geländer etwa sieben Meter über ihr herankommen würde. Nur einen kurzen Moment lang spürte sie, wie das Wasser sich um sie herum magisch konzentrierte, ehe die gewünschte Wasserfontäne die Wasserwächterin hoch in die Luft warf.
Kaum dass Azura aus dem Wasser herausbrach und das Geländer mit beiden Händen zu packen bekam, schwang sie sich mit einem agilen Salto über eben dieses und stand schon mit beiden nackten Füßen auf dem Boden der Brücke. Erst da bemerkte die Dämonin sie, welche das Kind am Kopf gepackt hatte, während sie eine Tempelwächterin mit ihren spitzen Schuhen zu Boden presste, indem sie ihren Fuß auf ihrem Kopf platziert hatte, dabei herabwürdigend kichernd, bis sie Azura sah.
Ganz offensichtlich nahm die Dämonin Azura nicht ernst, denn das zuerst eingefrorene, schelmische Lächeln kehrte schnell zurück, zusammen mit hochgezogenen Augenbrauen; beinahe bemitleidend. Sie sagte irgendetwas, was Azura nicht verstand, da sie keine Ausrüstung bei sich hatte und daher machte sie sich auch nicht die Mühe, darauf einzugehen; statt diese sinnlose und einseitige Konversation fortzufahren, entschied die Dämonin sich dazu, Azura mit ihrer freien Hand anzugreifen. Anstatt dieser Attacke auszuweichen, blieb die Wasserwächterin tatenlos stehen, denn die ausgestreckte, geballte Faust der Dämonin wurde von einer Wasserwand abgefangen und nur ein paar Spritzer gelangten auf Azuras Gesicht. Die Dämonin fluchte offensichtlich, doch dies beachtete Azura nicht, als sie geschwind ihre Hand ausstreckte und plötzlich eben die Faust packte, die ursprünglich gegen sie gerichtet gewesen war:
„EVAPORZIO IDRANERTE!“2 Einen Augenblick lang sah die Dämonin sie mit hochgezogenen Augenbrauen an und schien gerade etwas sagen zu wollen, angesichts der Tatsache, dass offensichtlich nichts geschah – doch der Schein trog, wie sie selbst schnell herausfand und auch nur sie konnte den plötzlichen Schmerz verspüren, der sich in Windeseile in ihrem Körper ausbreitete wie ein Lauffeuer. Die brennende Pein verwandelte sich in schieres Entsetzen, als ihr gesamter Körper anfing zu dampfen, ihre Haut glühend wegätzte und ihre Augäpfel in sich zusammenfielen, ehe sich der Körper der Dämonin auflöste.
Azura hatte diesem Schauspiel unbeirrt zugesehen; zu oft hatte sie diese Technik bereits angewandt, um über deren aggressive Wirkung überrascht zu sein. Jeder Körper, egal ob Mensch, Wächter oder Dämon bestand zu 80% aus Wasser und auch dieses Wasser entzog sich nicht Azuras Domäne – Mittels Körperkontakt war sie in der Lage, das sich im Körper befindende Wasser zum Kochen zu bringen, solange der Dämon nicht zu mächtig war und sich ihrem Einfluss entzog.
„Mizu-sama, ich danke Euch vielmals …“ Azura wandte sich zum Ursprung der Stimme um, zu einer Tempelwächterin, die das kleine weinende Kind nun im Arm hielt und arg mitgenommen aussah: Ihre rechte Gesichtshälfte war komplett in Blut getaucht. Dem Kind allerdings schien es gut zu gehen, bis auf seine Todesangst. Doch der Wasserwächterin gelang es nicht, irgendetwas zu erwidern, denn ein Beben unterbrach sie; ein Beben, das die Brücke zum Einsturz brachte.
Spitz schrie die Tempelwächterin auf, wollte sich genau wie Azura irgendwo festhalten, doch beiden gelang es nicht, irgendwo Halt zu finden, denn die schöne, verzierte Brücke stürzte völlig in sich zusammen. Azura wollte Kontakt mit ihrem Element aufnehmen, um dem Sturz entgegenzuwirken und vor allen Dingen die Tempelwächterin und das Kind davor bewahren, zerquetscht zu werden, doch dieses Unterfangen stellte sich schnell als sinnlos heraus, denn Azura wie auch die Tempelwächterin wurden aufgefangen, ehe sie mit dem Wasser und den steinigen Überresten der Brücke Bekanntschaft machten. Azura spürte, wie ihre Haare von einem plötzlichen, starken Wind auseinandergewirbelt wurden und hörte die Beschwörungsformel eines Windwächters, ehe sie wieder festen Boden unter den Füßen vernahm – und erst da öffnete sie die Augen, denn wenn es eines gab, was sie absolut nicht mochte, dann war es, sich in der Luft zu befinden. Azura brauchte Kontakt zur Erde, denn sie war nicht schwindelfrei.
Die Tempelwächterin, die mit den Nerven nun völlig am Ende war, und Azura waren von zwei weiblichen Windwächter-Zwillingen gerettet worden; die Wasserwächterin kannte sie nicht, bedankte sich aber dennoch höflich für die Rettung.
„Nichts zu danken, Mizu-sama. Ihr solltet Euch zum Sanctuarian begeben und das arme Ding mitnehmen.“ Sie machte einen Wink zur Tempelwächterin, die auf die Knie gegangen war und das bewusstlose Kind an sich drückte, als wäre es ihr letzter Halt in dieser Welt.
„Weshalb?“, fragte Azura und fügte ernst hinzu:
„Sind die Dämonen etwa schon so weit vorgedrungen?“ Die Wasserwächterin wollte sich das heillose Chaos nicht vorstellen, was herrschen würde, wenn die Dämonen das Sanctuarian angreifen würden. Soweit sie wusste, war das noch nie zuvor vorgekommen – das Sanctuarian galt als uneinnehmbare Festung, als das Bollwerk der Sicherheit für die Verletzten. Aber auch die Inseln hatten als sicher gegolten …
„Nein, das sind sie nicht. Momentan sind die Dämonen bis zur Straße des Klimas gelangt.“ Azura legte ihre Stirn in Falten: Die Straße des Klimas war eine der drei Hauptstraßen Sanctu Ele’saces, deren Alleen alle nach den Elementen benannt waren, und kaum einen Kilometer von ihrem jetzigen Standpunkt entfernt – sie führte direkt zur Kommandozentrale Sanctu Ele’saces, jedoch weg vom Sanctuarian …
„Dennoch solltet Ihr Euch zurückziehen“, fügte nun der andere Zwilling hinzu, der sich zuvor nicht ins Gespräch eingemischt hatte, denn sie war darauf konzentriert, sie mittels einer Windbarriere von den um sie herum Kämpfenden abzuschirmen.
„Nein, das werde ich nicht“, begann Azura, während sie der Tempelwächterin auf die Füße half, dabei jedoch die beiden Windwächter ansehend:
„Ich bin nicht verletzt und daher noch in der Lage, zu kämpfen. Ich werde mich zur Straße des Klimas aufmachen.“
„Aber Ihr …“ Azura wusste, worauf sie hinaus wollte, obwohl sie es nicht aussprach: Die Wasserwächterin trug natürlich nicht mehr als ihren blauen Badeanzug, immerhin war sie nicht zurück ans Ufer geschwommen, um sich umzuziehen und sie fror, das musste sie sich selbst eingestehen.
„Die Kleidung ist nicht entscheidend für die Effektivität meiner Fähigkeiten“, antwortete sie errötend und hoffte, dass das die beiden Windwächter dazu bringen würde, nicht weiter zu fragen. Natürlich wäre es besser, wenn sie ihre Uniform tragen würde, aber wenn sie sich vorstellte, was Kaira sagen würde, wenn sie ihr erzählen würde, dass sie nicht am Eröffnungskampf teilgenommen hatte, ihre Pflicht nicht erfüllt hatte, nur weil sie einen Badeanzug trug … nein, das war weitaus beängstigender als sämtliche anwesenden Dämonen.
„Gut, dann sollten wir uns zusammen durchkämpfen“, antwortete die Windwächterin, die sich erst später in das Gespräch eingemischt hatte. Doch ehe sie aufbrachen, wandte sich Azura noch einmal an die Tempelwächterin, welche versuchte, beruhigend auf das Kind einzureden, doch eigentlich eher selbst beruhigende Worte benötigte. Als sie bemerkte, dass Azura sie ansah, unterbrach sie jedoch ihren hoffnungslosen Versuch und sah auf:
„Begebe dich zum Sanctuarian, so schnell du kannst.“
„A-Aber meine H-Herrin …Ich kann doch nicht …“ Ihre verweinten Augen wanderten zu der zerstörten Brücke, knapp 20 Meter von ihnen entfernt und suchten eindeutig nach der Leiche ihrer Herrin, doch die Trümmer der Brücke blockierten den Fluss des Wassers und es war nicht unwahrscheinlich, dass der leblose Körper unter den Trümmern vergraben worden war. Daher wählte Azura, nicht darauf einzugehen und sagte:
„Benutze nicht die Hauptwege und verstecke dich auf keinen Fall irgendwo anders – nur im Sanctuarian bist du sicher.“ Die goldenen Augen der Tempelwächterin sahen zurück zu Azura, die nun ihren Arm ausgestreckt hielt und in eine Seitengasse zeigte, die dunkel und verlassen vor ihnen lag.
„Lauf! Lauf und schau nicht zurück!“ Nur einen kurzen Augenblick lang sah die Tempelwächterin sie stumm an, ehe sie sich dann auf einmal herumwandte und ohne sich noch einmal umzusehen mit dem Kind davonrannte, in einem Tempo, das Azura ihr gar nicht zugetraut hatte.
Verblüfft wandte die Wasserwächterin sich wieder an die beiden Windwächter, die geduldig gewartet und die Umgebung im Auge behalten hatten. Wieder bebte die Erde unter ihren Füßen, doch anstatt dass eine der beiden Frauen ihr sagte, dass sie sich beeilen mussten, drückte die kleinere von ihnen Azura ihre graue Jacke in die Arme. Verwundert sah Azura auf und in das grinsende Gesicht der Windwächterin.
„Wahrscheinlich ist sie dir zu groß, aber besser als nichts, nicht wahr?“
Azura war wahrlich froh darüber, dass sie zu der Seite der Wächter gehörte – denn auf dieser Seite hatte man nie das Gefühl, alleine zu sein.


Mit einem grimmigen Gesichtsausdruck starrte Aores durch die große gläserne Wand seines Büros im höchsten Stockwerk des Krankenhauses hinaus über die kleinen weißen Häuser Sanctu Ele’saces. Dessen verschnörkeltes Straßensystem lag jetzt im Dunkeln, denn vor nur wenigen Sekunden war das Licht Sanctu Ele’saces ausgefallen – wahrscheinlich war eine der Hauptmagieadern beschädigt worden. Dennoch wurde der Westen der Stadt von einem wilden Feuer erleuchtet und an anderen Stellen blitzten immer wieder Magieentladungen auf. Immer wenn diese in verschiedenen Farben leuchtende Magie die Nacht erhellte, war für einen kurzen Augenblick das hässliche Gesicht des Krieges zu sehen – überall herrschten der Tod und die Verzweiflung, aber auch der Wille der Wächter, das zu beschützen, was sie ihre Heimat nannten.
Auch der Computerbildschirm neben ihm spiegelte das Gesicht des Krieges wider; denn er informierte seinen Chef darüber, wie viele Verletzte sowie Tote ins Sanctuarian gebracht wurden, wie viele Ärzte momentan im Einsatz waren, wo operiert wurde … und natürlich, wie lange das Notstromaggregat noch seinen Dienst aufrechterhalten konnte. Noch mehr als 72 Stunden bei dem momentanen Verbrauch, wie ein schneller Blick enthüllte. Dennoch hatte Aores veranlasst, dass die Beleuchtung auf den Gängen auf ein Minimum heruntergedrosselt werden sollte, die Beleuchtung in der Nexresabteilung war sogar vollständig ausgeschaltet und auch sein Büro war in Dunkelheit gehüllt.
Aores fühlte sich nicht gestresst, er war auch nicht nervös. Den Großteil seines langen Lebens hatte er im Krieg verbracht, hatte in seiner Jugend selbst daran teilgenommen, um später den höchsten Posten im Sanctuarian einzunehmen – angesehen von der Elementarwächterin des Klimas natürlich. Er kannte die Kapazitäten seines Krankenhauses gut, war sich der Fähigkeiten der Ärzte bewusst und wusste daher, dass es keinen Grund gab, um beunruhigt zu sein – die Grenzen des Sanctuarians waren noch lange nicht erreicht. Für ihn und sein Krankenhaus gab es keine Grenzen.
Azura hatte es passend ausgedrückt: Es war seit jeher ein Bollwerk der Sicherheit gewesen. Es hatte seinen eigenen Magiespeicher und war daher unabhängig. Sanctu Ele’saces war in den fast tausend Jahren seines Bestehens nur vier Mal direkt angegriffen worden: ein einziges Mal von diesen vier hatte Aores miterlebt und wie damals fragte er sich auch jetzt, fast mehr als 40 Jahre später welcher Dämon eine so enorme Intelligenz aufwies, dass er das Computersystem einer Asuka überlisten konnte. Seine Akurice mussten ganz schön effektiv sein … ein leichter Anflug von Mitleid überkam Aores, als er daran dachte, dass Tinami dafür unweigerlich die Verantwortung übernehmen müsste und dass sie ihr eigenes Versagen vor den Hikaris verteidigen müssen würde.
Doch bei allen vier Malen war das Sanctuarian nicht angegriffen worden – warum sollten sich die Dämonen auch die Mühe machen, seine Schutzbarrieren zu durchbrechen, nur um Kranke, Verletzte und Nexrespatienten - mit anderen Worten Kampfunfähige - anzugreifen?
„Aores?“ Aores schreckte aus seinen Gedanken hoch, als er die sanfte Stimme seiner Frau hörte, die soeben ins Zimmer gekommen war und nun die Tür hinter sich schloss.
„Wie ist die Lage?“, fragte Aores, als er sich zu ihr umwandte und sich mit verschränkten Armen an die große Fensterscheibe lehnte. Cecillie schritt zu seinem Schreibtisch und legte einen Haufen Unterlagen auf die blanke Mahagonitischplatte.
„Wir bekommen immer wieder dieselbe Frage gestellt: wie es möglich sein kann, dass wir angegriffen werden – was mit dem Bannkreis wäre.“ Kaum merklich nickte Aores und fragte dann:
„Weiterhin keinen Kontakt zum Tempel?“
„Weiterhin keinen Kontakt, nein.“
„Das scheint ein ganz schön hartnäckiger Brocken zu sein …“, sagte Aores eher zu sich als zu seiner Frau. Er sah auf seine Armbanduhr: Bereits 30 Minuten waren vergangen, seitdem die Barriere eingestürzt war und die Dämonen freudig auf Sanctu Ele’saces eingefallen waren – und es wurden weiß Gott nicht weniger. Aores erinnerte sich noch deutlich an das letzte Mal, wo die Barriere gefallen war – damals war sie für mehr als zehn Stunden deaktiviert gewesen. Doch damals war das Teleportieren möglich gewesen; deutlich erinnerte er sich noch daran, wie freudig Seigi an erster Front gekämpft hatte und jeden Dämon, der es gewagt hatte, sich an ihm vorbeischleichen zu wollen, schneller getötet hatte, als er hätte gucken können. Auf seine Art und Weise war er eine sehr effektive Barriere gewesen … von den Hikari fehlte nun jede Spur.
Doch er machte sich mehr Sorgen um Min Intarsier als um Sanctu Ele’saces, welches immerhin gewarnt worden war. Außerdem besaß Min Intarsier ein kleines Lazarett mit nur einer Handvoll Ärzte. Sie konnten sich nicht teleportieren und waren auf der kleinen Gruppierung von Inseln dem Angriff der Dämonen wehrlos ausgesetzt. Ganz zu schweigen von ihrer Ausrüstung, welche gar nicht für solch einen Anschlag vorgesehen war.
Hoffentlich gelang es Tinami, so schnell wie möglich das System wieder zu aktivieren. Ansonsten hatten sie im schlimmsten Falle ein Ebenbild von Espiritou del Aire …


Doch während Tinami ihrem Limit immer näher kam, amüsierte sich Karou nur.






1„Blühender Knochenfresser!“ (chinesisch)
2„Verdampfende Hydra!“ (italienisch)