Online: 1 Heute: 19 Gesamt: 170974
Episode 54
  Episode 54: Höre die Hölle X
Die ungewöhnliche Ruhe, die den Fürsten umgab und seinen spitzen Schnabelschuhen Widerhall verlieh, verwunderte ihn nicht, denn es war logisch, dass sich im Schloss Akais nichts außer Ruhe finden ließ - diese Annahme war allerdings nicht ganz richtig, denn gänzlich allein in diesem großen und vor allen Dingen hohen Gebäude war er nicht. Über sich spürte Ri-Il die Anwesenheit von Auren. Anscheinend waren nicht alle Dämonen Akais in den Krieg gezogen, auch wenn Ri-Ils Marsch über die Einöden dieses Gebietes überaus einsam gewesen war.
Ri-Il war sich bewusst, dass hier höchstwahrscheinlich nicht viel zu holen war: Das Gebiet hatte beträchtlich unter dem wachsenden Wassermangel gelitten, genau wie dessen Bewohner, bei denen wahrscheinlich auch jeder Hopfen und Malz verloren war, denn die Wahrscheinlichkeit, dass die Dämonen aus der anderen Welt zurückkehrten, war nicht besonders hoch - sie hatten wohl das Schicksal ihres Fürsten geteilt.
Bravo, dachte Ri-Il, bravo: Die Wächter hatten beinahe ein ganzes Gebiet samt dessen Horde ausgeschaltet und das am ersten Kriegstag - ihnen gebührte wahrlich Respekt. Oder aber es war nichts anderes als Glück, denn die Wächter hatten die Dummheit der Dämonen zu nutzen gewusst. Ri-Il sah es deutlich vor sich: Akai hatte wohl Azzazello ausgelacht, als dieser samt Horde die Flucht ergriffen hatte. Nun, wie sagte man so schön: Wer zuletzt lacht, lacht am besten.
Und nun würde sich herausstellen, ob er derjenige sein würde, dem diese Ehre zuteilwurde.
Nachdem Ri-Il die vielen Treppenstufen hinter sich gelassen hatte, öffnete er die große Tür, die ihn von dem großen kreisrunden Raum trennte, den er schon oft für Verhandlungen betreten hatte - und prompt wurde er auch schon mit der typischen Gastfreundlichkeit der Dämonen begrüßt: Er wurde angegriffen. Der übermutige Dämon, der für diesen Akt verantwortlich war, landete sofort auf dem harten Glasboden, ehe es ihm überhaupt gelungen war, Ri-Il zu berühren.
Ein erschöpftes Seufzen drang aus der Kehle des Fürsten, als Ri-Il seinen gestiefelten Fuß auf dessen Rücken platzierte, ehe er sich die Zeit nahm, um sich gelassen umzusehen.
Drei weitere Dämonen hielten sich im Saal auf, die alle nur einen feindseligen Blick für den ungebetenen Besucher übrig hatten. Nur der mittlere Dämon unterschied sich von seinen Kumpanen: Er war ein Jungspund, aber nicht dumm. Gewiss war er nicht derjenige gewesen, der auf die Idee gekommen war, Ri-Il dieses sich unter seinen Füßen befindende Empfangskomitee zu bereiten. Anders als die anderen zeugte seine Pose nicht von Angriff, sondern von Abwehr. Scheinbar hatte er einen Verdacht, was hinter Ri-Ils Besuch steckte.
"Was für eine überaus freundliche Begrüßung!", sagte Ri-Il mit seinem üblichen Grinsen, was den Jungspund allerdings nicht täuschen konnte, während die anderen vom Typ her Lycram ähnlicher waren, obwohl sie deutlich dümmer waren, denn von dem gelassenen Grinsen, für das Ri-Il bekannt war, ließen sie sich provozieren. Doch der Jungspund hob den Arm, um ihnen zu bedeuten, dass sie ihre Wut im Zaum halten sollten.
"Was haben Sie hier zu suchen, Nachbar?" An seiner Wortwahl musste wohl noch ein wenig gefeilt werden, aber wenigstens hatte er eine leichte Ahnung davon, was Höflichkeit bedeutete. Ri-Il musste sich eingestehen, dass er ihn sympathisch fand - sympathisch genug, um ihn nicht sofort umzubringen.
"Ich habe dir einen Vorschlag zu machen … wie war noch mal gleich der Name?"
"Uriel."
"Uriel-kun, also? Wusstest du, dass dein Name eine tragende Rolle in einer menschlichen Fabel namens "Bibel" spielt?" Die orangenen Augen Uriels verfinsterten sich; scheinbar hatte er nicht im Sinne, über Namensbedeutungen zu reden.
"Sie haben einen Vorschlag erwähnt. Was ist das für einer?" Ri-Il winkte lachend mit der Hand ab, als wäre sein Vorschlag von nicht allzu großer Bedeutung:
"Oh, nichts besonderes, Uriel-kun! Ich dachte nur, so als Nachbar ist es meine ehrbare Pflicht, meine Hilfe in diesen dunklen Stunden anzubieten." Ri-Il sah Uriel an, dass dieser sofort wusste, wovon er sprach - wahrlich, er war nicht auf den Kopf gefallen. Dies war auch der Grund, weshalb Ri-Il sich sehr sicher war, dass Uriel einwilligen würde.
Das Grinsen um die Lippen des Fürstens wurde eine Spur erfreuter, als er sich vorstellte, wie Lycram voller Zorn seine wunderschöne Karte anfunkeln würde, wenn er, nachdem er vom Schlachtfeld zurückgekehrt war, sehen würde, dass sich Ri-Ils Gebiet um ganze 78.566 km² erweitert hatte.


Sämtliche Kampfhandlungen wurden auf der Stelle eingestellt: Die drei Hikari waren wie Marionettenpuppen, die man der Fäden beraubt hatte, stehen geblieben. Nur einen kurzen Augenblick lang sahen sie alle drei dasselbe: Adirs Glöckchen in Youmas Faust.
Keinem gelang es, etwas zu sagen, zu tun, irgendwie zu reagieren, denn Youma gab ihnen dafür keine Gelegenheit: Ohne Worte wollte er seine Drohung wahr machen - als etwas Wirbelndes gegen seine Hand schmetterte und Youma dazu brachte, das Glöckchen loszulassen, welches in die Luft geworfen wurde, während der Sensenmann mit der linken Hand seine schmerzende rechte festhielt.
Voller Erleichterung fing Adir sein Glöckchen wieder auf, während Youma sich mit einem finsteren Ausdruck auf seinem fein geschnittenen Gesicht nach dem Ursprung umsah und Green einige Meter vor sich stehen sah. Nein, es war nicht Green, die mit Eleganz den wirbelnden Stab wieder auffing: es war Silence. Sie hatte den Körper ihres Mediums übernommen und nutzte dessen Gesicht nun, um ihn finster anzufunkeln.
"Interessante Waffe, Silenci."
"Der Zwillingsstern." Für einen Moment löste sich die Finsternis auf Youmas Gesicht auf, machte Platz für ein erfreutes Lächeln, als er diesen Namen hörte, dessen Bedeutung er selbstverständlich sofort verstand. Die Freude in seinem Gesicht verschwand jedoch schnell, als Silence fortfuhr:
"Eine Waffe, die Tao für mich geschmiedet hat. Für mich und mein Medium. Passend, nicht wahr?" Youmas Lächeln war sofort dahin, doch er antwortete nicht: Sein wütender Gesichtsausdruck war bereits Antwort genug.
"Sag, Youma, hast du auf diese Weise auch Light umgebracht?!" Wieder wählte Youma es, seinem Zwilling keine Antwort zu geben, doch eine Regung zuckte über sein Gesicht, als Silence diese Frage stellte, doch ehe sie diese genauer ergründen konnte, wandte Youma sich von ihr ab und richtete sein Wort an Nocturn, welcher fast 20 Meter von ihm entfernt stand:
"Wir ziehen uns zurück!"
"Was?! Aber ich …"
"Hast du etwa immer noch nicht genug?!" Feullé, welche sich nun wieder hinter Nocturn geschlichen hatte, schien der gleichen Meinung zu sein, doch sagte nichts: Sie hatte zu Weinen angefangen, und als Nocturn dies sah, ergab er sich reuevoll, doch er würde sich gewiss nicht zurückziehen, ohne sich standesgemäß von White zu verabschieden, dabei natürlich keine Rücksicht auf Shaginais Dasein nehmend:
"Das war ein grandioser Auftakt für unser neues Stück, mein Engel - ich fiebere dem zweiten bereits entgegen!" Ein eiskalter Blick war die einzige Antwort, die sie für ihn übrig hatte, doch Nocturn grinste erfreut über diesen Blick, ehe er sich zusammen mit Feullé und Youma in Luft auflöste.
White bemerkte den Blick Shaginais; welcher gefüllt war von zehntausend bitteren Fragen und vor allen Dingen mit Vorwürfen, doch wandte sie sich sofort an ihre Tochter, die nun wieder im Besitz ihres eigenen Körpers war und zu ihnen rannte.
"Green, wie geht es dir?", fragte sie und betonte willentlich den Namen ihrer Tochter, denn es wäre nicht besonders wünschenswert, wenn Shaginai von der Partnerschaft zwischen Green und Silence erfuhr; immerhin war White sich sehr wohl bewusst, dass Silence Greens Trumpfkarte war. Sowieso: Wie würde Shaginai reagieren, wenn er erfuhr, dass Green auf die Hilfe einer Yami angewiesen war? Nein, im Moment war ihr Vater wütend genug, auch wenn White wusste, dass diese Wut sich zur Abwechslung nicht gegen Green richtete, sondern gegen White. Doch Shaginai schwieg und sprach die Fragen nicht aus. Er würde sie noch darauf ansprechen; dessen war White sich sicher, doch wusste sie noch nicht, was sie antworten sollte.
"Mir geht es gut. So … einigermaßen jedenfalls", antwortete Green.
"Wunderbar", erwiderte Shaginai unberührt, ehe White ihrer Tochter hätte antworten können:
"Dann fühlst du dich sicher imstande dazu, auf das Schlachtfeld in Henel zu ziehen, nicht wahr, Yogosu? Es tut deinen Wächter sicherlich gut, ihre Hikari auch mal zu sehen."
"S-Schlachtfeld!?" Offensichtlich war diese Frage eher eine Aufforderung, bei der er keine Widerworte gelten lassen würde, denn er wandte sich sogleich von Green ab und zu Adir, der, wie Green auffiel, erheblich blasser war als üblich und nach wie vor hatte er das Glöckchen noch nicht wieder umgelegt, sondern klammerte es noch fest in seiner Hand.
Green, die schon genug Erfahrungen mit diesem Band gemacht hatte, konnte Adir gut verstehen - Shaginai scheinbar ebenfalls, denn die Worte, die er eben noch an Adir richten wollte, verwarf er und legte stattdessen freundschaftlich seine Hand auf Adirs Schulter:
"Wir sind gleich wieder im Jenseits, Adir." Diese Worte schienen den Angesprochenen aus seinen Gedanken zu wecken, doch er ging nicht darauf ein und es kam Green so vor, als wäre es ihm peinlich, dass man Rücksicht auf ihn nahm.
"Wir sollten mit Hizashi-san Kontakt aufnehmen … uns über die Lage in Henel und … und Min Intarsier informieren lassen." Adirs noch sehr unsicher klingende Worte zwangen Green nun dazu, auf sich und ihre Verwirrung aufmerksam zu machen:
"Henel? Was zur Hölle geht hier eigentlich vor?"
"Tja, Yogosu, während du dich mit Nocturn vergnügt hast - ungläubig wiederholte Green dieses Wort - hat der achte Elementarkrieg begonnen."
"Aber sollte der nicht erst in 20 Tagen beginnen?!"
"Offensichtlich haben sich die Dämonen verzählt." Green schluckte und der Gedanke, nun auf ein Schlachtfeld geschickt zu werden, war ihr nicht gerade angenehm: Es war eine Information, die sie nun zwar verstanden hatte, aber die nicht ganz ihr Bewusstsein erreichte. Obwohl sie Nocturn mit einem Haar entkommen war, hatte sie sein plötzliches Dasein, seine Wiedergeburt, nicht mit dem Krieg verbunden - wie dumm von ihr, wurde ihr plötzlich klar, denn seine Wiedergeburt passte ganz famos in die Kriegsstrategie der Dämonen. Warum hatte Silence ihr das nicht erzählt? Ihr hätte es doch genauso klar sein müssen wie Green nun, der es plötzlich wie Schuppen von den Augen gefallen war. Nocturn war also der, den Youma wiederbelebt hatte … Green wusste nicht, wie es ihm gelungen war, aber scheinbar hatte Youma das Unmögliche möglich gemacht. Das dringende Bedürfnis mit Silence zu sprechen machte sich in ihr breit, doch Silence war bereits "vorgegangen", wie sie es gesagt hatte, immerhin konnten die drei Hikari sie sehen und dies war nicht gerade ein Treffen, welches sie heiß ersehnte. Nun war Green natürlich klar, was Silence gemeint hatte und wo sie auf sie wartete: in der Dämonenwelt.
"Green, du musst nicht in den Kampf ziehen, wenn dein Zustand es nicht zulässt", sagte White und die warme Hand auf der Schulter ihrer Tochter weckte diese aus ihren Gedanken; wenn sie es nicht getan hätte, dann auf jeden Fall Shaginais erboste Antwort:
"Schone sie nicht! Yogosu ist eine Hikari wie wir und wir wurden auch nicht gefragt, ob unser Zustand einen Kampf zuließ!" White antwortete ruhig; eine Antwort, die Green nicht hörte, die für sie plötzlich auch absolut unwichtig war, denn die Worte Shaginais brachten ein ungläubiges Lächeln auf ihr Gesicht: eine Hikari… wie alle anderen? Obwohl er sie Yogosu genannt hatte … hatte er sie einen Teil seiner Familie genannt!
"Natürlich gehe ich!", rief Green von erneutem Mut beflügelt: eine Gefühlsregung, die niemand sich erklären konnte; nicht einmal Shaginai war aufgefallen, was er gesagt hatte, aber das war Green egal. Sie strahlte auf einmal richtig.
"Bringt ihr nur bitte Firey ins Sanctuarian, dann ziehe ich in den Krieg! Ha, ich ziehe überall hin!"


Und dort befand die junge Hikari sich nun auch, sich neben Shitaya platzierend, auf das Schlachtfeld heruntersehend, wo sie ein Anblick traf, auf den kein Buch sie hätte vorbereiten können. Sie hatte in den Erinnerungen ihrer Mutter ein Schlachtfeld gesehen, doch es mit eigenen Augen zu sehen, die Gefahr zu spüren, den Tod nicht nur zu riechen, sondern auch zu hören, war ein gänzlich anderes Erlebnis. Unter dem blutroten Himmel war eine entsetzenerregende Schlacht entbrannt, welche sich bis zum Horizont ausgedehnt hatte; eine sich bekämpfende Masse, in der sich entstellte Gesichter der beiden Parteien versammelt hatten, vereint in einem Wirbel an Gefühlen, die diese Grimassen widerspiegelten und das Bedürfnis, zu töten: eine Lust, die sie beide teilten, wenn auch aus verschiedenen Gründen.
Hier auf dem Kap der letzten Hoffnung gab es schon lange nichts mehr, was ihrer Zerstörungswut zum Opfer hätte fallen können; nichts als Sand und tote Erde, welche schnell zu einem Blutbad wurde. Dämonen lösten sich auf, Wächter fielen regungslos zu Boden, wo sie liegen blieben und zur Unkenntlichkeit zertrampelt wurden, um sich mit der blutigen Erde zu vermischen.

Der Krieg war hässlich. Der Krieg war abstoßend. Der Krieg war verabscheuungswürdig.

Die Worte, die Shaginai White damals entgegengeschmettert hatte, als sie nur elf Jahre alt gewesen war, klangen nun auch in ihren Ohren, vereinten sich mit Gebrüll des Krieges:
"Wenn du nicht lernst, damit umzugehen, wenn du nicht lernst, keine Gefühle wie Angst und Verzweiflung zu zeigen, werden sie alle wegen DIR sterben! Dann ist es ganz alleine deine Schuld, wenn wir alle ausgerottet werden! Denn das ist deine Welt! Es wird dein Weg sein, deine Aufgabe und dein alleiniges Schicksal! Als Hikari trägst du die Verantwortung für unsere gesamte Rasse!"
Green war 18, würde bald 19 werden und war als Wächter damit schon erwachsen und doch wusste sie nicht, ob sie wie die so junge White dazu bereit war, eine solche Verantwortung zu tragen. Der Schock, auf Nocturn getroffen zu sein und ihm wie ein zu schlachtendes Schaf schutzlos ausgeliefert gewesen zu sein, steckte noch in ihren Knochen und das Blut Fireys, dass ihre Unfähigkeit bezeugte, klebte auf der Uniform, die Grey für sie gemacht hatte … er war stolz gewesen, sie in dieser Uniform zu sehen … doch bis jetzt hatte sie nichts getan, was diesen Stolz verdient hatte. Sie hatte noch nichts getan, was zu dieser Uniform passte. Als Hikari wie alle anderen war jetzt der Moment gekommen, in welchem sie beweisen konnte, dass Grey nicht umsonst stolz auf sie gewesen war.
Und gerade weil sie eine Hikari war, galt ihr natürlich sofort die Aufmerksamkeit. Green war nur einen kurzen Moment in Gedanken gewesen, ehe Shitaya sie bereits zur Seite riss, seine Hand erhob, um den Dämon zu vollstrecken, der die Hikari aus der Luft hatte angreifen wollen:
"SUMMAN FULMIAT!" Für einen kurzen Moment hatte Green die Augen zusammengekniffen, und als sie diese wieder öffnete, sah sie, wie glitzernde Punkte auf sie herniederprasselten: das einzige, was von dem luftigen Angreifer übrig geblieben war.
"Ihr solltet achtgeben, Hikari-sama", sagte Shitaya, als er sie aus seiner Umarmung befreite und ihr dabei half, aufzustehen.
"Unser Schlachtfeld befindet sich auf dem Boden, doch ihres ist auch in der Luft - und sie lieben es wahrhaftig, uns diesen Nachteil unter die Nase zu reiben." Green hatte tatsächlich nur auf das Schlachtfeld unter ihr gesehen, ohne darauf zu achten, dass über ihr auch eines war, welches allerdings nicht so dicht besiedelt war wie das untere, denn die einzige Wächterrasse, die es mit fliegenden Dämonen aufnehmen konnte, waren die Windwächter. Grey war sicherlich auch da oben - Green brach sich selbst mitten in ihren Gedanken ab, denn natürlich wusste sie, dass er nicht dort oben war und kämpfte …
"Hikari-sama, ich überlasse Euch das Kommando über Elyssion, wenn Ihr es mir erlauben würdet." Umgehend riss Green ihren Kopf zu Shitaya und wiederholte ungläubig das Wort "Kommando".
"Nun, da Ihr hier seid, liegt das Kommando natürlich bei Euch, Ihr seid unsere ehrbare Regime-Führerin. Ich hatte den Befehl bekommen, unser Bataillon in zwei Hälften zu teilen und daher werde ich - wenn Ihr es erlaubt - nach Min Intarsier zurückkehren, um die andere Hälfte unseres Bataillons zu unterstützen und zu leiten. Eure Lichtmagie wird auf diesem Schlachtfeld gebraucht, denn unsere Mitwächter sehnen sich nach Eurem Licht." Green konnte gar nicht anders, als zu nicken; ihr blieb keine andere Wahl übrig und schon verschwand Shitaya und kaum eine Sekunde später hörte sie auch schon Shaginais Stimme in ihrem Ohr:
"Yogosu, dein sinnloses Herumgestehe tötet keine Dämonen!"


Viele hundert Meter von Green entfernt, auf der entgegengesetzten Seite des Schlachtfeldes, hatten sich drei Dämonen eingefunden, die nun von einer Klippe herunter sahen und ähnlich wie Green das Schlachtfeld überblickten. Obwohl dies nicht ganz richtig war, denn wenn man es genau nahm, tat nur einer dies: Feullés Augen waren zu verweint, als dass sie dem Schlachtfeld Beachtung schenkte und Nocturn war seit deren Rückkehr in die Dämonenwelt schweigsam geworden.
"Was für Barbaren", sagte Youma seufzend:
"Doch nichtsdestotrotz sollten wir uns diesem hässlichen Tumult anschließen. Unsere Präsenz zu zeigen ist von wesentlicher Wichtigkeit."
"Keine Lust." Der Yami befahl sich selbst, dass er sich nicht reizen lassen würde und versuchte, den Flötenspieler neben sich mit Gelassenheit entgegenzublicken, obwohl ihm dies schwerfiel.
"Ich habe dir einen Gefallen erwiesen. Findest du nicht, dass es für dich an der Zeit ist, mir einen zu tun?"
"Ich bin dir gar nichts schuldig", antwortete Nocturn ohne ihn anzusehen und so bemerkte er auch nicht, dass die Wut kurz Youmas Gesicht entstellte, worauf er auch keine Rücksicht genommen hätte, wenn er sie bemerkt hätte, denn er wandte sich an Feullé und die Worte, die er sagte, blieben Youma verwehrt, denn er sprach auf Französisch, was beträchtlich zu der Wut des Yami beitrug. Doch das Fass lief erst über, als Feullé und sein ach so toller Partner ohne ihn einfach verschwanden.
Die Fäuste des Sensenmanns knackten gefährlich, doch er sagte sich selbst, dass es nichts brachte, dass er sich beruhigen solle - aber es zeigte leider nicht besonders viel Wirkung und er fürchtete, dass er sich nicht zurückhalten können würde, wenn er sich dorthin teleportierte, wo die beiden sich nun aufhielten, denn natürlich wusste er, wo sie waren.
In Paris.


Seigi war seinem Ziel nicht mehr fern, das spürte er, denn endlich war die Aura, nach der seine Sinne verzweifelt Ausschau gehalten hatten, zwischen den vielen anderen aufgetaucht. Ob er sein Ziel jedoch erreichen würde, war eine gänzlich andere Frage: Denn während er sich durch die Menge von Dämonen kämpfte und diese dabei erheblich dezimierte, war er nicht drum herum gekommen, zu bemerken, dass sein Eciencé-Körper ihn bereits alarmierend darüber informierte, dass seine Zeit abgelaufen war. Seine Form begann, undeutlich zu werden und einige Male musste er bereits zwei Mal mit seinem Schwert zustechen, weil es das erste Mal zusammen mit Seigis Körper seine Form verloren hatte.
Aber er musste es schaffen. Er musste seinem Feind zeigen, dass es noch nicht vorbei war. Er musste ihm zeigen, dass er sich nicht in Sicherheit wiegen durfte - dass Seigi nicht vergessen hatte, es nie tun würde und dass er seinen Erzfeind bis zu dessen Tod verfolgen würde.
"Seiji, wir schaffen es nicht." Seigi ignorierte die gut gemeinten Worte Elisabeths und wählte die Dämonen, die in seinen Weg kamen, ebenfalls zu ignorieren und sich nur geschickt durch sie hindurchzuwinden, obwohl er nun beinahe wie ein Geist direkt durch sie hindurch laufen konnte.
Er hatte nicht mehr viel Zeit; vielleicht nur noch Sekunden, ehe er sofort, sang- und klanglos automatisch ins Jenseits zurückkehren würde.
Doch Seigi war verbissen. Er war entschlossen; er war nicht umsonst das Licht der Entschlossenheit und mit dieser Entschlossenheit gelang es ihm, seinen Ecience-Körper dazu zu zwingen, noch ein wenig auszuhalten - er brach aus der Menge heraus, denn er hatte das nördliche Ende des Schlachtfeldes erreicht und sein Gefühl hatte sich nicht geirrt: Einige Meter links von ihm zusammen mit dessen treuen Schoßhund Darius stand der Dämon, der seinem Schwert seit 400 Jahren entkommen war:
"Long time no see, Ri-Il." Obwohl Seigi nur noch ein flackernder Geist war, hatte Ri-Il ihn bereits bemerkt, ehe er sein gebrochenes Englisch an ihn gerichtet hatte und Seigi war wohl der Einzige, bei dem Ri-Il sofort die Augen öffnete. Es war keine Ungläubigkeit, die sich in seinen gelben Augen zeigte, es war auch keine Überraschung: Nur einen kurzen Augenblick war es erstaunte Verwunderung gewesen, bis sich seine entsetzlichen Augen verengten.
Elisabeth mochte seine Augen wie immer nicht sehen, doch Seigi sah ihn direkt an: Er wich seinem Blick nicht aus, trotzte ihm mit einem entschlossenen Ausdruck in seinen mintgrünen Augen.
Ri-Il war kein Gegner, dem er freudig entgegenfieberte; Ri-Il war auch kein Gegner, den er aus Spaß verfolgte - nein, er verfolgte ihn, weil es um seine Ehre ging: seine Ehre als Schwertkämpfer.
"Or should I say… greetings, my murderer?"
"Das ist der Tausendtöter! Ri-Il-sama, wir sollten …", sagte Darius überrascht, der neben Ri-Il stand, doch wurde von ihm unterbrochen, indem Ri-Il ruhig seine Hand hob. Ohne ihn anzusehen, richtete er sein Wort an seinen ersten Mann:
"Sei still, Darius-kun. Kümmere dich um die Horde und misch dich nicht ein." Natürlich gehorchte Darius sofort, obwohl er die Situation nicht ganz verstand.
"Sei gegrüßt, Tausendtöter. Oder sollte ich sagen "Auf Wiedersehen"? Du siehst ziemlich blass aus." Ri-Il sprach in seiner eigenen Sprache, sich bewusst, dass das Gerät an Seigis Kopf sicherlich fabelhaft funktionierte.
"I'm not here to fight."
"Oh, das sehe ich, es wäre ein kurzer Kampf geworden."
"I'm just here to give you a reminder."
"Natürlich. Wie immer."
"Maybe that's the last time."
"Ich bezweifle es." Ri-Il wollte diese Worte mit einem gelassenen Grinsen untermauern, doch es gelang ihm nicht; denn er war nicht gelassen. Er war auch nicht gelassen, als Seigi sich nach seinen letzten Worten endgültig aufgelöst hatte:
"Oh no, you hope. But farewell, we'll see us again. For sure."
Darauf antwortete Ri-Il nicht. Darius, der seine Neugierde nicht hatte zurückhalten können, hatte aus den Augenwinkeln zu ihnen herübergelugt, doch er war der englischen Sprache nicht mächtig und hatte nur die Antworten Ri-Ils gehört, allerdings waren sie für ihn kein komplettes Mysterium. Zwar war Darius lange nicht so alt wie Ri-Il und hatte zu dieser Zeit gewiss nicht gelebt, doch wenn er einmal eine Geschichte gehört hatte, dann vergaß er sie nicht: besonders, wenn sie von seinem geachteten Fürsten handelte.
Die Geschichte, dass Ri-Il in seinen jungen Jahren Seigi in einem Zweikampf getötet hatte und dass Seigi ihm seitdem wie ein Rachegeist auf den Fersen war.
Nun wusste er, dass dies nicht nur eine Geschichte war.


Um die sechshundert Meter links von dem Punkt, wo Seigi aus der Menge gebrochen war, war es nun auch Azuma gelungen; allerdings weniger stilvoll, da er öfter mal auf den Boden gestürzt war und es nur seinem Element zu verdanken hatte, dass niemand ihn zertrampelt hatte.
"Reicht dir das jetzt endlich?!", fragte Azuma genervt und außer Atem in sein Mikrofon, mit einer ausgestreckten Hand die Dämonen zurückdrängend, die ihm natürlich gefolgt waren und nun an Azumas erschaffenen Steinwänden abprallten.
"Antrag genehmigt", lauteten Tinamis ebenfalls genervte Worte und somit brach sie wieder die Verbindung ab; aber das war Azuma in diesem Moment egal. Nun war der Moment gekommen, auf den er und seine Waffe so lange gewartet hatten:
"Hvis dit åsyn, hvis din styrke og ødelæg dine fjender! FALKENSTJERNE! " Genau wie im Kampf gegen Karou und Silver verlängerte sich Azumas dünner, goldener Stab und zusammen mit seinem Gebieter schoss er in den blutroten Himmel empor, wo Azuma sich sowohl mit einer Hand und einem Fuß an seiner treuen Waffe abstütze und obwohl er sich nun dreißig Meter in der Luft befand und der Stab nicht einmal einen Durchmesser von fünf Zentimeter besaß, hielt er die perfekte Balance, die ihm allerdings entraubt zu werden drohte, denn einer der fliegenden Dämonen wollte den Erdwächter gerade zurück auf den Boden der Tatsachen befördern, als Azuma dies scheinbar selbst tat.
Mit einem Hang für das Dramatische wartete Azuma den allerletzten Moment ab und nur wenige Zentimeter, bevor die Klauen des Dämons sein Gesicht zu zerfetzen drohten, beschwor er die Technik, auf die er schon die ganze Zeit gewartet hatte:
"JORDENS SØJLER! " Die Klauen des Dämons trafen ins Nichts, denn die ersten 20 Meter des Stabes lösten sich in Luft auf und rissen Azuma somit in die Tiefe, der dies grinsend begrüßte: Nur fünf Meter fiel er, ehe er den beinahe schon mickrigen Rest des Stabes über seinem Kopf im Kreis wirbelte, ehe der Erdwächter seinen Stab Richtung Boden richtete, dieser wieder an Länge gewann und mit einem ohrenbetäubenden Knall auf den Boden geschmettert wurde: mitten in die kämpfende Menge.
Von dem Punkt aus, wo der Stab eingeschlagen war, brach der Boden auseinander, doch anders als wenige Stunden zuvor stürzte dieser nicht unkontrollierbar zusammen, sondern es sah aus, als würde der erzürnte Boden sich zu zwei riesigen Händen emporheben, die alles und jeden in ihrem enormen Radius zerstörerisch packten und in den Abgrund hinabrissen.
Triumphierend lachend begrüßte Azuma den wahren Sturm an glitzernden Punkten, doch das Lachen blieb ihm schnell im Halse stecken, als er plötzlich wie aus dem Nichts einen schmerzenden Fußtritt in seiner Magengegend spürte und zu Boden geschleudert wurde, wo er zum Glück sanft von seinem Element aufgefangen wurde.
"Hvad fanden… Was zur Hölle", fluchend blickte Azuma in den roten Himmel empor, wo er nur einen Moment lang Ri-Ils bizarre Gestalt erkannte, ehe dieser so schnell verschwand, wie er aufgetaucht war.
Wütend darüber, dass man ihn heruntergerissen hatte, stemmte sich Azuma auf, nur um dank einer Mitteilung Tinamis noch wütender zu werden:
"Azuma, ich habe von den ehrbaren Hikari die Aufgabe erhalten, dich darüber zu informieren, dass du dich in vier Tagen beim Kriegsgericht einzufinden hast, um 13 Uhr 15."
"Hah?!"
"Deine Attacke war 3% stärker als beim Test. Du hast einen Wächter umgebracht und vier verletzt. Du bist angeklagt für den Verstoß gegen Regel 2B und 6A." Und schon kappte Tinami die Verbindung und hinterließ einen Erdwächter, der seinen Ohren nicht trauen wollte.


Nachdem ihr Großvater Green überaus freundlich darauf hingewiesen hatte, dass sie nicht herumstehen, sondern Handlungen an den Tag legen sollte, hatte sie sich an der Seite von Silence in das Kampfgetümmel geworfen.
"Sei nicht nervös, ich bin bei dir."
"Ich bin nicht nervös." Silence spürte deutlich, dass dies natürlich gelogen war: Green wusste nicht einmal, wo sie ihre Füße hinsetzen sollte. Wenn sie nicht wie die anderen auf den Überresten ihrer Mitwächter herumtrampeln wollte, dann musste sie nach unten sehen, um diesen auszuweichen; sah sie jedoch nach unten, traf sie ein Anblick, der Übelkeit in ihr weckte - und sie bot eine Angriffsfläche.
"So, Green. Die Dämonen haben dich bemerkt, sie haben dich erkannt. Hoch mit dem Kopf, schluck deinen Kloß runter und zeig ihnen, dass auch in ihrer verdammten Welt die Sonne aufgeht!" Die Worte Silence' entsprachen die Wahrheit; denn während Green auf ihre Füße geachtet hatte, war sie nun an den Rand des Schlachtfeldes gelangt, wo sie nun gänzlich alleine - abgesehen vom Dasein ihrer treuen Geistergefährtin - im blutigen Sand stand und ohne Waffe den ersten Dämonen entgegenblickte, die ihr Kommen bemerkt hatten und sie obendrein auch erkannt hatten.
Ihre Feinde sahen sie an, sie sah sie an - die meisten von ihnen besaßen ein menschliches Äußeres; gänzlich anders als die, die sie damals in Tokyo bekämpft hatte. Doch obwohl sie der Form nach Menschen ähnelten, so sah Green keine Menschlichkeit in ihren Gesichtszügen, in ihren roten, gelben oder schwarzen Augen.
Sie schluckte, genau wie Silence es gesagt hatte, ihren Kloß herunter, was die Dämonen nicht bemerkten, denn ihre Aufmerksamkeit galt dem sich verwandelnden Glöckchen, dessen wahre Gestalt sich drohend gegen sie richtete.
Den Worten Silence' weiterhin folgend, führte sie auch ihren letzten Ratschlag aus, der alles andere als metaphorisch gemeint war: Sie ließ die Sonne aufgehen.
"SOLARI INKANTATE!"
Noch im gleichen Atemzug hatte Green ihren Stab in die Luft gehoben und ihn schwungvoll über ihrem Kopf wirbeln lassen; einen leuchtenden Kreis bildend, der mit seinem goldenen Licht tatsächlich einer Sonne ähnlich war - einer Sonne, deren gezackte Strahlen über Greens Kopf entflammten.
Es war eine weitere Standardattacke der Hikari, genau wie "Spirit of Light" und genau wie diese hing die Effektivität dieser Attacke von dem Können und der Macht des Anwenders ab: Greens erschaffene Sonne besaß nach vielen erbitterten Stunden des Trainings 13 Strahlen; Shaginais dagegen hatte 39 besessen, und als Green ihn gefragt hatte, wie viele ihre Mutters gehabt hatte, hatte er sie überlegen angegrinst und gesagt, das wolle sie lieber nicht wissen, ansonsten würde sie sich schämen, ihre Tochter zu sein.
Diese 13 Strahlen jagten in einem blitzschnellen Tempo auf die Dämonen zu; einigen gelang es, die Strahlen abzublocken, was den Strahl nicht zum Erlöschen brachte, sondern ihn wie ein Pingpong weiter schickte, bis ein anderer Dämon diesen nicht abblocken konnte und ihn zum Erlöschen brachte oder ihn verletzte, womit ein anderer Wächter ihm den Garaus machen konnte.
Einem der 13 Geschosse gelang es sogar, bis in die Mitte des großen Schlachtfeldes vorzudringen, wo es nicht abgeblockt wurde, sondern von einer Faust beinahe willkommen geheißen wurde; eine Faust, die Lycram gehörte und die Greens Lichtstrahl ohne große Mühe verpuffen ließ; auf das schmerzhafte Zucken seines Armes nicht achtend.
Einen Augenblick lang besah sich Lycram seine Faust, während blau leuchtende Fäden hinter ihm dafür Sorge trugen, dass er in seinen Gedanken nicht unterbrochen wurde. Ohne dass er den auseinandergeschnittenen Wächtern besondere Beachtung schenkte, welche von seinen Fäden außerordentlich detailverliebt in kleine Stückchen verarbeitet wurden, wandte er sich herum und sah grinsend in die Richtung, aus der der Lichtstrahl stammte. Um ihn herum wurden die Rufe seiner Artgenossen lauter, die sich mittels ihres Sprachorgans gegenseitig darüber informierten, dass die Hikari auf dem Schlachtfeld war.
Azzazello tauchte samt Sohnemann Rasputin neben ihm auf, die kämpfende Umgebung wachsam im Auge behaltend, während er sein Wort an seinen Halbzwilling richtete:
"Ich weiß, was du vorhast, Lycram, und ich halte es für keine gute Idee. Die Spritze, die ich dir gegeben habe, damit du die Schmerzen in deinem Arm nicht spürst, hält nicht mehr lange."
"Ich weiß gar nicht, von was du redest, Azzazello! Als Fürst ist es meine Pflicht, die Hikari willkommen zu heißen - außerdem ist ihre Fähigkeit doch genau das richtige für meinen Arm!" Azzazello hob zweifelnd seine Augenbrauen, von seinem Vorhaben nicht überzeugt, denn solange er keine Beweise dafür sah, dass Green tatsächlich Dämonen heilen konnte, glaubte er die Geschichte nicht. Doch er hielt ihn auch nicht auf, als Lycram sich, nachdem er noch eine weitere Wächterin zu kleinen Stückchen verarbeitet hatte, aufmachte, dem Ursprung des Lichtes nachzugehen.
Seufzend blickte Azzazello ihm nach; ein Blick, den Rasputin gewiss nicht teilte: In seinem Blick lag Bewunderung, die Azzazello gewiss nicht gefiel. Dieser Bewunderung war es zu verdanken, dass dem Jungen nicht auffiel, dass er von der rechten Seite angegriffen wurde - im Gegensatz zu Azzazello, dessen blaue Fäden sich um den Angreifer kümmerten. Doch anders als Lycram begnügte Azzazello sich damit, dem Wächter den Kopf abzuschneiden, was Rasputin nicht gerade dankbar auffasste, sondern gänzlich anders:
"Ich kann mich selbst verteidigen und ich werde mich jetzt von dir trennen. Das ist meine erste Schlacht und ich benötige keinen Aufpasser!"
"Aber Rasp-" Azzazellos Mühe war vergebens, denn sein Sohn wandte sich genauso von ihm ab wie Lycram: nur in die andere Richtung verschwindend, wo er sich schnell in der Schlacht verlor und Azzazello beinahe verloren zurückließ.


Kaum dass Green ihre neue Attacke eingesetzt und sich über deren Erfolg gefreut hatte, hatte sie sich in den Nahkampf gestürzt. Dank der Hilfe von Silence, die sie zwar nicht sehen, aber hören konnte, gelang es ihr sogar ganz passabel, den Angriffen auszuweichen, indem Silence sie vor den Angriffen warnte. Doch vor einer Attacke hätte auch Silence sie nicht vorwarnen können: einer Attacke, die nicht von einem Dämon stammte, sondern von einem ihrer Mitwächter, denn just in diesem Moment schlug Azumas Attacke auf dem Boden ein und obwohl Green mehrere hundert Meter von dem Einschlag entfernt war, brachte das Beben sie zu Fall und sie landete im blutigen Sand.
"Hoch mit dir, Green!", hörte sie Silence in ihrem Kopf sagen und war natürlich nicht so dumm, auch nur eine Sekunde zu lange liegen bleiben zu wollen. Doch gerade, als sie sich aufrichten wollte, spürte sie einen harten Griff um ihr rechtes Fußgelenk und schon wurde sie in die Höhe gerissen, ohne, dass sie etwas dagegen hätte tun können.
Innerhalb von einer Sekunde stand die Welt für Green Kopf, dennoch war es ihr ein leichtes, das unheilvoll freudige Grinsen des blauhaarigen Dämons zu erkennen, der sie weit hochhielt. Den Dämon an sich erkannte sie nicht aus dem Stehgriff; aber sie erkannte schnell genug, dass es sich um einen mächtigen Dämon handelte, denn die Aura ließ keinen Zweifel offen.
"Na, wen haben wir denn da! Eine kleine Hikari, die sich verlaufen hat!", übersetzte das sich auf dem Kopf befindende Kommunikationsgerät die Worte des Dämons. Doch Green hatte nicht im Sinne, sich auch nur eine Sekunde länger als nötig in dieser Position zu befinden und mit einem Funken ihres Geistes ließ sie nicht nur ihr Fußgelenk erstrahlen, sondern auch ihr gesamtes rechtes Bein, was Shaginai im Tempel wegen Magieverschwendung dazu brachte, genervt mit den Augen zu himmeln, doch den Dämon dennoch dazu brachte, sie loszulassen, womit sie unsanft auf dem Boden aufschlug.
Green, die nach wie vor nicht wusste, mit wem sie es zu tun hatte, wollte ihn, der sich die hinterlassenen blutigen Schrammen auf seiner stark ramponierten Hand ansah, gerade mit ihrem Stab attackieren, als ihr Kommunikationsgerät einen Satz übersetzte, der sie zum Stillstand brachte:
"Was für eine … Furie! Findest du nicht, dass du das als Entschädigung auch gleich heilen solltest?" Green erstarrte, als er dies sagte, doch lange konnte sie es sich nicht erlauben, geschockt zu sein, ehe sie Shaginais Stimme in ihrem Ohr hörte:
"Yogosu! Rückzug, auf der Stelle!" Auch Silence blieb nicht still:
"Green, hör auf deinen Großvater oder ich übernehme deinen Körper! Das ist Lycram, ein Fürst, und er weiß von deiner Heilfähigkeit!" Doch das war nicht das, was Green schockierte; es war nicht das, was sie dazu gebracht hatte, geschockt zu erstarren.

Sie konnte es sich selbst nicht erklären.
Sie sollte davon nicht überrascht sein.
Und dennoch konnte sie nichts dagegen tun, dass der allererste Gedanke, der ihr durch den Kopf geschossen war, eine Frage war, eine Frage, die wehtat:

Sogar das hatten sie verraten?!

"Green!"
"Yogosu!"

Viele Dinge geschahen gleichzeitig: Die Hikari erwachte wieder aus ihrem Trancezustand, um zu sehen, dass Lycram mit dem gleichen unheilvollen Triumph die blaue leuchtende Hand nach ihr ausgestreckt hatte; Silence streckte ebenfalls die Hand nach Greens Herzen aus, wollte ihren Körper übernehmen, Wächter um sie herum wollten ihrer Hikari zur Hilfe eilen, doch es waren nicht sie, die ihr halfen; auch nicht Silence oder der weit entfernte Shaginai, der ihr ins Ohr schrie, dass sie aufstehen sollte: Es war eine schwarze Kugel, die aus dem Nichts kam und mit Lycrams verbrannter Hand kollidierte und ihn aufschreien ließ.
Der aufwirbelnde Staub versperrte Green die Sicht, eine Chance, die der erste Wächter, der sie erreichte, nutzte, um sie wegzuteleportieren, genau, wie Shaginai es ihm befohlen hatte.
Silence jedoch blieb dort und sah genau wie der fluchende Lycram in die gleiche Richtung, wo die schwarze Kugel hergekommen war. Der Blick beider war argwöhnisch, denn sie waren sich beide bewusst, dass diese Attacke von einem Dämon gestammt hatte. Von einem Dämon, der offensichtlich nicht wollte, dass Green Lycram in die Hände fiel. Doch in der sich bekämpfenden Menge erblickte man niemanden, der Partei für den Angriff ergriff.
Sie hatten beide einen Verdacht, wer der Unterbrecher gewesen sein könnte.
Silence lag falsch.


Sowohl Lycram als auch Silence hätten niemanden erblicken können, da der Unterbrecher zusammen mit seinem Bruder sofort die Beine in die Hand genommen und kehrt gemacht hatte. Silver war offensichtlich von einer leichten Panik befallen, während er sich zusammen mit dem um einiges ruhigeren Blue durch das Schlachtfeld schlängelte.
"Warum musstest du das tun, Aniki?!", fragte der Rotschopf, ohne seine Schritte zu verlangsamen. Er lief jedoch nicht so schnell, dass Blue nicht mithalten konnte; anscheinend wollte er ihn nicht aus den Augen verlieren.
"Du hast doch gesehen, dass ihre Wächter Green-chan schon beschützt hätten! Ihr wäre gar nichts geschehen! Im Gegensatz zu uns!" Silver war so außer sich, dass er nicht einmal bemerkte, dass er in aller Öffentlichkeit von Green sprach, doch niemand schenkte den beiden laufenden Halbdämonen Beachtung; niemand bemerkte ihr verräterisches Gespräch. Doch auch wenn Blue dies wusste, war seine Antwort um einiges ruhiger:
"Ich lasse mir etwas einfallen." Anstatt weiter zu rennen, blieb Blue plötzlich stehen, was Silver bemerkte und es ebenfalls tat, obwohl alles in ihm sich dagegen sträubte.
"Ich musste es tun. Verstehst du, Silver? Ich musste es einfach tun. Mir blieb keine Wahl." Der Angesprochene antwortete nicht; er folgte dem Blick seines Bruders, welcher in die Richtung sah, wo sie Green zum ersten Mal seit einem Jahr gesehen hatten.
"Ich bin mir bewusst, dass es dumm war."
"Du tust viel Dummes in letzter Zeit." Darauf antwortete Blue nicht. Silver sagte ebenfalls nichts; zu viele Gedanken kreisten in seinem Kopf, zu viel war geschehen: zuerst das mit Firey, dann der Mord an Grey, der Krieg und nun das. Langsam wusste er nicht mehr, wo er dies alles hinordnen sollte, wo noch Platz in ihm war.
Ohne etwas zu sagen, setzten sie ihren Weg fort, bis sie auf der nördlichen Seite bei Ri-Il ankamen. Darius sah sie verwundert an, doch ihr Lehrmeister wirkte so, als hätte er sie erwartet.
"Wie erfreulich, dass ihr meinen Auftrag schon so schnell erfüllt habt!", begann Ri-Il und sowohl Silver als auch Blue überraschte Ri-Ils Aussage, doch sie unterdrückten den Drang, sich einen verwunderten Blick zuzuwerfen. Stattdessen ließen sie Ri-Il fortfahren:
"Na, Darius-kun, du sitzt schon die ganze Zeit auf glühenden Kohlen, was den Auftrag der beiden angeht, nicht wahr?" Er warf Darius ein wissendes Grinsen zu und richtete sich dann wieder an Blue:
"Also, Blue, erzähl uns, was dein Geheimauftrag war, immerhin hast du ihn wirklich erfolgreich ausgeführt." Blue hatte allerdings nach wie vor keine Ahnung, wovon Ri-Il sprach und sein brummender Kopf war momentan auch nicht imstande, sich Ri-Ils Verhalten zu erklären, weshalb eine Antwort ausblieb.
"Ah, ich sehe schon - Blue ist bescheiden! Na, dann werde ich es sagen: Meinem Schüler ist es nämlich im Alleingang gelungen, einen Elementarwächter zu töten! Und zwar nicht irgendeinen Elementarwächter, sondern die rechte Hand der Lichtprinzessin, ihren Bruder, Grey - der Elementarwächter des Windes ist tot!"


Nachdem White sich ebenfalls auf Min Intarsier eingefunden hatte, um die Lichtmagie, die sich noch in ihr befand, zum Wohle des Wächtertums zu nutzen, hatte sich die Lage auf der Inselgruppierung nach und nach stabilisiert. Effektiv kommandierte Shitaya die Hälfte Elyssions, um die restlichen Dämonen auszulöschen, ohne dabei eine besonders hohe Opferzahl beklagen zu müssen; von seinem Bataillon war auf dem Boden Min Intarsiers niemand gefallen, daher wunderte es Säil auch, dass sie ihren Mann besorgt und überlegend in der Nähe der ehemaligen Zentrale vorfand. Um sie herum wurden Verletzte und Leichen abgetragen, um diese nach Sanctu Ele'saces zu bringen, es qualmte und rauchte um sie herum und zum Himmel hinaufsteigende Rauchsäulen waren das einzige, was von der ehemals schönen Zentrale übrig geblieben war. Von hier oben konnte man gut auf Min Intarsier hinab sehen, welches ein komplett neues Bild zeigte: die Insel war gepriesen worden als die natürlichste und schönste der Hauptzentralen, als das Herz der Ruhe und des Friedens und nun, während langsam die ersten Sonnenstrahlen die Insel vom Osten her erhellten, war deutlich zu erkennen, dass von dieser Idylle nicht mehr viel übrig war.
Gebäude waren eingestürzt, Blumenwiesen zertrampelt, Felder zerstört und die Flut an Wächtern, die ihre gefallenen Mitstreiter die Treppenstufen hinauftrugen, schien kein Ende zu nehmen.
Obwohl Säil zu jung war, um das Massaker von Espiritou del Aire miterlebt zu haben, konnte sie sich vorstellen, dass es so ähnlich ausgesehen haben musste.
Es war ruhig, mit Ausnahme von dem leisen Weinen, dem Flehen, dem Schluchzen oder den aufmunternden Worte anderer, während unter ihnen in den Ruinen einer einst schönen Stadt noch vereinzelnd gekämpft wurde und das Licht Whites immer wieder aufleuchtete.
Doch Säil wusste, dass es was anderes war als die gefallenen Mitwächter oder die Verfassung Min Intarsiers, was Shitayas Gedanken einnahm, denn so sah er nur aus, wenn er sich um seinen kleinen Bruder Gedanken machte.
"Saiyon wurde auf diesem Schlachtfeld zuletzt gesehen", sagte Shitaya nachdenklich, die Arme über Kreuz legend.
"Doch während ich hier gekämpft habe, habe ich ihn kein einziges Mal gesehen; genauso wenig wie Ilang-sama und Daichi-kun. Er muss bei ihnen sein - doch wo?" Ohne etwas zu sagen, legte Säil ihre Hand auf die Schulter ihres Mannes, welche er ebenso schweigend ergriff und ihre Finger verbanden sich zu einer geschlossenen Einheit, während Säil ihren Kopf an seinen Rücken lehnte: eine Berührung, welche er kaum spürte, denn Shitaya hatte die Augen geschlossen, ignorierte den pochenden Schmerz seiner gebrochenen linken Hand und konzentrierte sich darauf, die Aura seines kleinen Bruders auszumachen, denn Shitaya wusste, dass er nicht tot war. Er spürte es einfach; er spürte, dass Saiyon irgendwo war und auf ihn geduldig wartete, mit der festen Überzeugung, dass Shitaya ihn schon finden würde. Irgendwo …
Plötzlich schlug Shitaya die Augen auf; es war nur ein kurzer Funken gewesen, doch er hatte ihn gespürt. Ohne etwas zu sagen, löste er sich von seiner Frau, entfernte sich jedoch nicht von ihr, ohne ihr einen Kuss auf die Stirn zu geben und schon rannte er in entgegengesetzter Richtung des Leichenzuges. Die Treppen herunterrennend schlug er sobald die Richtung ein, die ihn zu der ehemaligen Zentrale Min Intarsiers brachte; froh darüber, dass es nicht sein Fuß war, welcher gebrochen war.
Der gesamte linke Gebäudekomplex der ehemaligen Zentrale lag in Schutt und Asche, wie Shitaya sah, als er näher herankam, wie auch die ehemals schöne Eingangshalle, welche komplett aus buntem Glas bestanden hatte und nun unter seinen Stiefeln knirschte. Darauf nicht achtend kletterte er über die zerstörte Kuppel der ehemaligen Eingangshalle und gelangte in einen zerstörten Korridor, wo nur noch eine Außenmauer stand, während die andere komplett zerstört worden war.
Es war dunkel; die Sonnenstrahlen des Morgens hatten diesen Schütterhaufen noch nicht erreicht und die magischen Lampen lagen genau wie alles andere zerstört auf dem Boden. Statuen, Teppiche, Gemälde, Leichen, abgerissene Körperteile. Alles vermischte sich hier zu einem ekelerregenden und gleichzeitig traurigen Sud des Todes.
"Saiyon?" Selbstverständlich erhielt er keine Antwort; nicht von seinem Bruder und auch nicht von den stummen Zeugen um ihn herum. Weiter durch die zerstörten Korridore und Räume der ausgemerzten Zentrale streifend und nicht einmal daran denkend aufzugeben, bemerkte Shitaya nach fast einer Stunde etwas. Zuerst schritt er daran vorbei, ohne es zu realisieren. Doch beim zweiten Blick sprang ihm etwas ins Auge, was an diesem beklemmenden Ort nicht hinpasste: weiße Blumen.
Shitaya war nicht gerade Experte für Blumen und wusste nicht, wie man die nannte, die sich vor ihm befanden, doch war ihm klar, dass weiße, kleine Blumen, die sich in einer Reihe aus den zerstörten Fliesen emporkämpften, wohl kaum natürlichen Ursprungs waren. Die kleine Blumenparade führte geradewegs zu einem enormen Trümmerhaufen, der daher rührte, dass die Decke eingestürzt war und wenn Shitayas Vermutung stimmte, dass Saiyon sich zusammen mit den beiden Naturwächtern aufhielt, dann …
Schnell näherte Shitaya sich dem großen Schutthaufen, bestehend aus den Überresten der Decke und umgestürzten Säulen, legte seine Hand auf eben diese und sagte:
"Saiyon? Bist du da drin?" Die sanften, weißen Blütenblätter bewegten sich in dem leichten Wind, während Shitaya aufmerksam lauschte.
"Saiyon? Daichi-kun, Ilang-sama?" Und nach kurzem Schweigen wurde dieses endlich gebrochen durch ein dumpfes Pochen auf der Innerseite des Schuttes.
Sofort beorderte Shitaya Hilfe und knapp eine halbe Stunde später konnte er seinen kleinen Bruder in die Arme schließen.
Ein gebrochener Arm, eine gebrochene Hand, Schrammen im Gesicht und Erschöpfung in den Augen - und viele Erfahrungen reicher, aber glücklich, dass sie zu denen gehörten, denen nichts passiert war.
Der Morgen graute und zeigte deutlich, wie viel die Wächter verloren hatten; wie groß die Zerstörungswut der Dämonen gewesen war, weil die Wächter sie 18 Jahre lang eingesperrt hatten. Auf den Gesichtern vieler Wächter zeigte sich das, was die Spirale des Hasses immer weiter drehen ließ: das Verlangen nach Rache, nach Vergeltung. Gefühle, die bereits viele auf dem Schlachtfeld in der Dämonenwelt ausließen; einige kehrten am späten Nachmittag siegreich zu ihren Familien zurück, andere kehren zu nichts zurück, andere wurden von ihren Kumpanen in die Leichenhalle getragen, begleitet von dem Weinen ihrer Liebenden.


Das war Krieg.




1 Dänisch: "Die Säulen der Erde"