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Episode 57
  Episode 57: Die Stimme der Dämonen
Youma war sich sehr wohl bewusst, dass seine Bewegungsfreiheit ein Jahr lang überaus eingeschränkt sein und damit sein Vorhaben behindern würde: Er konnte sich nicht in der Dämonenwelt aufhalten, da Karous Augen so konstant seinen Schritten folgen würde und die Welt der Wächter war vollkommen ausgeschlossen. Damit blieb ihm nur noch die Menschenwelt; die Welt, die er einst vor so vielen Äonen sein Zuhause genannt hatte und welcher er nun tiefe Abscheu entgegenbrachte. Er mochte deren Bewohner nicht, verstand nicht, warum Wächter und Dämonen es zugelassen hatten, dass die Menschen ihnen den Lebensraum nahmen und schüttelte beständig den Kopf über die Bauwerke, das Aussehen dieser neuen Welt. Zugeben, auch die Dämonenwelt gefiel ihm nicht sonderlich, aber er fühlte sich dort wohler als in der Menschenwelt, Terra, wie die Wächter sie nannten.
Schnell fand Youma jedoch heraus, dass sein Aufenthalt in der Menschenwelt nicht nur sein Vorhaben erschwerte, sondern auch nicht die geeignete Umgebung für ihn war; jedenfalls wenn er nicht auffallen wollte. Das große Problem war nicht sein Aussehen, sondern dass er dazu gezwungen war, seine Sense konstant mit sich herumzutragen und da diese eine gewisse Größe hatte, stach sie förmlich ins Auge, auch wenn sie sauber war und kein Blut an dem langen Sensenblatt klebte. Menschen redeten hinter vorgehaltener Hand über ihn, wandten sich herum, um ihn skeptisch zu begutachten und obwohl sich Youma gewiss nicht um deren Meinung scherte, bemerkte er schnell, dass andere es taten. Nachdem er sich eine Woche lang in einer großen Stadt aufgehalten hatte, wurde er auf einmal von einem Wächter angegriffen, der entweder seine Aura gespürt oder den Worten der Menschen gelauscht hatte - oder beides. Für Youma war es kein Problem gewesen, seinen plötzlichen Angreifer auszuschalten, doch er war sich bewusst, dass er solche Auseinandersetzungen tunlichst vermeiden sollte genau wie das Umbringen wehrloser Menschen, denn das Informationsnetz der Wächter war überaus effektiv und drei Tage, nachdem er den ersten Wächter getötet hatte, lauerten ihm schon drei neue auf, obwohl er die Stadt bereits verlassen hatte. Zwar fanden auch diese durch Youmas Sense den Weg ins Totenreich, doch obwohl Youma die Leichen pingelig aus dem Weg schaffte, war es nur eine Frage der Zeit, ehe die Wächter nicht nur einen "starken Dämon" verfolgten, sondern ihn - und damit zog er die Aufmerksamkeit der Hikari auf sich mitsamt der von Silence.
Er vermisste sie. Wollte sie gerne wiedersehen, würde sich darüber freuen … doch nein! Nein, er durfte Silence nicht wiedersehen, sie lenkte ihn ab, weichte seinen einzementierten Weg auf, welchen er um jeden Preis bestreiten musste, um sein Ziel zu erreichen.
Doch erst einmal musste er vermeiden, gesehen zu werden. Die Sense an einem sicheren Ort zu verwahren war keine Option, also musste er menschlichen Kontakt meiden, was ihn dazu brachte, die Natur von Terra zu durchstreifen. Rastlos, ohne ein besonderes Ziel vor Augen, ohne bewusst zu wissen, wo er überhaupt war. Youma kannte die Länder Terras nicht, genauso wenig wie deren Kontinente und interessierte sich auch wenig dafür. Doch die Natur sagte ihm zu; ungestört von Menschen vergaß er, wie viele Jahre seit seiner Verbannung vergangen waren und genoss es, durch kühle Wälder zu streifen, goldene Felder in der untergehenden Sonne zu überqueren, mit den Füßen durch die Wellen des Meeres zu gehen und in der nächtlichen Abendluft Hügel zu erklimmen, sog den Anblick der unter ihm liegenden Welt ein, als Preis, wenn er mehrere hundert Meter erfolgreich unter sich gelassen hatte - selbstverständlich ohne zu fliegen.
Doch obwohl ihm diese Art des Reisens zusagte und Spaß bereitete, verlor er sein eigentliches Ziel nicht aus den Augen: Informationen.
Der große Vorteil Karous war sein enormer Umfang an Wissen. Youma stufte sich selbst gewiss nicht als dumm ein, doch sein Allgemeinwissen war verständlicherweise nicht auf dem aktuellsten Stand der Dinge. Da Youma bereits bei der ersten Begegnung mit Karou bemerkt hatte, dass er ihm nicht wohlgesonnen war und dass ihr Handel von beiden Seiten nur ein Mittel zum Zweck war, hatte er ihn sofort in die Kategorie seiner Feinde einsortiert und er war sich sehr sicher, dass es umgekehrt genauso war. Nur leider benötigten sie die Hilfe des jeweils anderen … und Youma hatte nicht im Sinne, ein Spielball zu werden. Nein, er würde der Spieler werden - aber mit seinem eingeschränkten Wissen war das nichts weiter als Wunschdenken. Deshalb und nur deshalb hatte er festgelegt, dass er noch ein Jahr damit warten würde, Nocturn wiederzubeleben, obwohl er es jeden Moment würde machen können, sobald die nötigen Voraussetzungen erfüllt waren. Voraussetzungen, für die er leider Karous Hilfe benötigte …
Doch erst einmal war er auf der Suche nach Informationsquellen, welche nicht besonders zahlreich gesäht waren. Menschen konnten ihm nicht helfen; erstens konnte er sich nicht mit ihnen verständigen und zweitens wussten sie sowieso nichts von irgendwelchen Elementarkriegen. Deshalb konzentrierte er sich beständig auf sein Gespür, um Auren von magischen Wesen aufzuspüren, wobei er Wächtern weiterhin aus dem Weg ging und nur den Kontakt zu Dämonen suchte, die sich zum Zeitpunkt des Bannkreises auf der "falschen" Seite befunden hatten. Viele waren es leider nicht und nach einem verstrichenen Monat stieg die Frustration in ihm hoch und er ertappte sich dabei, wie er mit dem Gedanken spielte, ob es nicht vielleicht doch besser sei, sich in der Dämonenwelt aufzuhalten: Informationen würde er so gewiss erhalten, doch der Gedanke, dass Karou ihn auf Schritt und Tritt beobachtete, verjagte diese Idee schnell wieder.
Nach einem Monat wurde Youmas verzweifelte Suche jedoch endlich mit Erfolg gekrönt.
An einem eisigen, weißen Winterabend stieß Youma mit einer Dämonin zusammen, die ihre acht Kinder im Schlepptau hatte; allesamt Halbdämonen und ganz offensichtlich von verschiedenen menschlichen Vätern, wie Youma schnell bemerkte anhand des unterschiedlichen Aussehens.
Wie es bei Dämonen so üblich war, attackierte sie ihn sofort, doch Youma gelang es, sie niederzuringen. Doch anstatt ihn alarmiert anzusehen und zu versuchen, ihn zu bekämpfen, hellte sich ihr Gesicht auf.
"Oh, du bist ja gar kein Wächter!" , entgegnete sie auf Youmas Feindseligkeit, welche allerdings schnell in sich zusammenfiel, als die Dämonin die Hand Youmas packte, die nicht die Sense hielt und sie übereifrig schüttelte, während ihre Horde von Kindern sich hinter ihr versammelte und Youma mit großen Glubschaugen ansah; keins von ihnen war älter als zehn Jahre.
"Wow! Es ist selten, dass ich mal einen Dämon treffe! Was treibt dich denn in diese öde Schneelandschaft?" Die offensichtliche Freundlichkeit erregte Youmas Skepsis und argwöhnisch zog er seine Hand zu sich, nachdem sie durchgeschüttelt worden war. Anstatt darüber verärgert zu sein, stemmte die Dämonin die Hände in die Hüfte und antwortete grinsend:
"Sorry, dass ich dich angegriffen habe. Hab' gedacht, du wärst n' Wächter!" Der Angesprochene entschied sich dafür, nicht anzumerken, dass sie mit diesem Verdacht gar nicht so danebenlag, immerhin war das vielleicht die Gelegenheit für ihn, an Informationen zu gelangen. Doch bevor er die Gelegenheit am Schopfe packen konnte, fuhr sie bereits fort:
"Aber lass uns doch erstmal reingehen - hier draußen friert man sich ja noch was ab!"
Und obwohl das Verhalten der Dämonin Youma nicht behagte, folgte er ihr und ihren acht Kindern durch das Schneetreiben und fand sich schnell in einer warmen, kleinen, etwas heruntergekommenen Holzhütte wieder, die dringend einen Anstrich - oder gleich ein komplett neues Dach - benötigte. Während sie die Kinder allesamt in ein anderes Zimmer beorderte, das wohl einzige andere Zimmer, bot sie Youma einen wackeligen Stuhl an und obwohl er lieber stehengeblieben wäre, die Hand angriffsbereit um den Griff seiner Sense gelegt, verbot ihm seine gute Erziehung, die Gastfreundlichkeit abzulehnen - auch wenn sie von einem Dämon stammte.
"Willst' was essen? Hab' noch ein bisschen Suppe von gestern Abend."
"Nein, dan-", wollte Youma antworten, nachdem er seine Sense gegen den Stuhl gelehnt hatte, doch wurde unterbrochen:
"Sie wird dir guttun! Warte, ich setz' sie schnell auf." Ohne auf Youmas Proteste zu achten, wandte sie sich herum und entfachte das Feuer des Herdes, ehe sie sich ihm wieder zuwandte und mit einem Grinsen fragte:
"Da lad' ich dich zum Abendessen ein, vergess' aber, mich vorzustellen: mein Name ist Neferteri, aber nenn mich Teri. Und du, mein Hübscher?"
"Youma ist mein Name und …"
"Youma! Was für ein hübscher Name! Willst du nicht der Vater meines neunten Kindes werden?" Bereits als sie ihn "Hübscher" genannt hatte, hatten sich seine Augenbrauen verwundert aber auch argwöhnisch erhoben, doch als sie ihn dies fragte, weiteten sich seine Augen überrascht und als ihm klar wurde, was sie gerade gesagt hatte, wich er auf seinem Stuhl zurück und erwiderte räuspernd:
"Ich bitte um Verzeihung, aber ich bin verlobt", und erhob dabei seine rechte Hand, um ihr den Verlobungsring zu demonstrieren und seine Verlobung mit Silence zu untermauern. Verblüfft sah Teri den silbernen Ring an, ehe sie grinste und sagte:
"Ach, was bist du süß. Dass es sowas noch gibt. Aber naja, deine Sense ist ja genauso Altbatsch." Eigentlich wollte Youma sofort widersprechen, besonders als er eine leichte Röte auf seinem Gesicht spürte, doch ihm war bewusst, dass er diese Chance nicht verspielen sollte. Auch wenn ihm diese Dämonin merkwürdig vorkam, war das vielleicht endlich die Gelegenheit, an Informationen zu gelangen, denn obwohl sie verwunderlich war … irgendetwas musste sie ja wissen und es war nicht schwer, mehr über die jetzige Welt zu wissen als Youma.
"Was macht eine Dämonin mit ihren Kindern hier in den Bergen der Menschenwelt?", fragte Youma, als wüsste er nicht, weshalb sie sich dort aufhielt; als ob ihm nicht klar war, dass ihr keine andere Wahl blieb, als sich mit einem Leben in der Menschenwelt abzufinden, da sie genau wie viele andere Dämonen wohl auf der falschen Seite gewesen war, als das Siegel sich aktiviert hatte. Die vielen verschiedenen Kinder konnte zwei Gründe haben; entweder war sie keine Einzelgängerin und benötigte sozialen Kontakt oder aber sie brauchte sie, weil sie selbst zu schwach war und Kinder benötigte, die sie im schlimmsten Falle beschützen konnten - immerhin schienen die Wächter fleißig zu sein, was das Ausrotten der Dämonen anging, die Pech bei der Entstehung des Siegels gehabt hatten.
Doch obwohl ihm dies alles klar war, stellte er diese offensichtliche Frage aus taktischen Gründen, denn Youma bezweifelte, dass er viele Informationen erlangen würde, wenn er sie in ein regelrechtes Kreuzverhör nehmen würde. Er würde Schritt für Schritt ein Gespräch vorantreiben, um an seine gewünschten Informationen zu gelangen.
"Tja, ich hab für Lacrimosa Nagellack besorgt, als der verfluchte Bannkreis sich aktivierte." Sie hatte ihm den Rücken zugekehrt, so dass sie nicht seinen verdutzten Blick bemerkte, denn dies war gewiss keine Antwort, die er erwartet hatte.
"Aber ich bin ganz froh drüber. Hab von meinem Bruder - ist ein Halbdämon, weißte - gehört, dass in unserer Welt regelrecht die Hölle los war. Naja, kein Wunder. Krieg verloren - obwohl ich ja immer noch behaupte, dass wir ihn gewonnen hätten! - und Bannkreis. Das ist schon ziemlich scheiße." Youma musste ein wenig über sein Glück schmunzeln: die Richtung des Gespräches gefiel ihm und er hatte nicht einmal viel dazu beigetragen!
"Ja, mir ist zu Ohren gekommen, dass es zu Zeiten des siebten Elementarkrieges neun Fürsten gab … und jetzt regieren 24 Fürsten. Eine wirklich verwunderliche Entwicklung …"
"Naja. Neeeeee, genauso schnell wie die sich dezimiert haben, haben sie sich eben auch vermehrt. In den letzten dreißig Jahren ist bei den Hohen viel passiert. Bevor White geboren wurde - verflucht sie ihr Name! - gab es 19 Fürsten! Ach, das waren gute Zeiten. Die einzigen, die von damals noch übrig sind, sind Lacrimosa, Ri-Il, Azzazello - obwohl mich das wundert - und natürlich …" Ihre Stimme verdunkelte sich schlagartig und wütend zischte sie:
"Lycram. Lycram, dieses Arschloch …!"
Aus dem Kessel stieg Dampf empor und brachte sie dazu, nicht weiter in Hasstiraden über Lycram auszubrechen. Youma vernahm einen wohlriechenden Geruch, weshalb ihn sein Magen daran erinnerte, wie lange es her war, dass er etwas Warmes zu sich genommen hatte. Es war… eine Weile her. Zwar verdankte er seinem dämonischen Blut, dass er nicht allzu viel Nahrung benötigte, aber er hatte früher nie auf gutes Essen verzichten müssen. Er war zu verwöhnt, dessen war er sich bewusst.
"Das muss ja wiederum bedeuten, dass es ziemlich viele Schlachten innerhalb der Dämonenwelt gegeben haben muss…", antwortete Youma nachdenklich in der Hoffnung, dass sie fortfahren würde, doch das tat sie leider nicht, denn für sie schien das Thema nicht so interessant zu sein wie für ihn:
"Ja, die haben sich ziemlich die Köpfe eingeschlagen." Ob er weiter fragen sollte? Teri schien nicht daran interessiert zu sein, weiter über dieses Thema zu reden - sollte er sie dazu zwingen? Nein, das konnte er zwar, aber wollte es nicht. Obwohl sie ein Dämon war, zeigte sie ihm Gastfreundlichkeit; lud ihn in ihr bescheidenes Heim und gab ihm Essen - was wäre er für ein ungehobelter Flegel, würde er sie mit seiner Sense bedrohen, sämtliche Informationen aus ihr herausquetschen, während die acht Kinder in der Ecke saßen und weinten? Nein, diese Vorstellung sagte Youma nicht zu.
Außerdem wäre es rein praktisch auch nicht zum Vorteil, denn so würde er nur an Informationen gelangen, nach denen er direkt fragte; Zusatzinformationen blieben im Verborgenen.
Teri unterbrach seine Gedanken, indem sie die Suppe vor ihm abstellte und mit einem Grinsen meinte, dass er es sich schmecken lassen solle. Ob es schmecken würde, war ungewiss, denn die Suppe bestand aus nicht viel mehr als heißem Wasser; darin ein wenig Fleisch schwimmend, gepaart mit mageren Pilzen und Erbsen. Der Blick Youmas, als er dieses Mahl sah, schien eine andere Sprache zu sprechen, als die, die Teri erwartet hatte und ein wenig ruppig sagte sie:
"Es ist nicht vergiftet, falls du das glauben sollest!" Beschämt blickte Youma auf und nahm sofort den Löffel, versucht, dabei zu lächeln.
"Ah, ich bin mir sicher, dass es ganz vorzüglich schmecken wird…"
"Natürlich wird es das nicht! Das ist nur Wasser und ein bisschen Fleisch, was soll denn daran gut schmecken!? Aber es ist was zu essen, also sei dankbar dafür!" Der nun ziemlich ruppige Tonfall Teris erschrak den Halbdämon und ohne weitere Worte machte er sich sofort an Essen, während sie ihm ein Glas auf den Tisch stellte und es mit einer kristallklaren Flüssigkeit füllte, ehe sie sich ihm gegenüber setzte und ihm beim Essen zusah. Das Gericht war wirklich kein Meisterwerk der Kochkunst, aber reichte aus, um ein warmes, wohltuendes Gefühl in Youmas Körper zu verbreiten. Ein warmes Essen konnte nun einmal nicht mit ein paar Beeren und Wurzeln ausgeglichen werden.
"Du hast Lacrimosas Namen erwähnt - liege ich richtig mit der Annahme, dass du zu ihrer Horde gehörst?", fragte Youma, um das Gespräch am Laufen zu halten und auch, um ein wenig Interesse an Teri selbst zu zeigen, damit sie von sich aus das Gespräch fortsetzte.
"Naja, ich gehörte zu ihrer Horde."
"Warum "gehörte"? Hast du nicht vor, dich ihrer wieder anzuschließen, sobald das Siegel bricht?"
"Sobald das Siegel bricht …" Teri seufzte und nahm selbst einen Schluck von dem Getränk, ehe sie fortfuhr:
"Ich glaub' nicht dran. Ich glaub', das Ding steht felsenfest wie ne Mauer. Aber um ehrlich zu sein, hab ich auch nichts dagegen. Ich bin nicht so der Typ für die ewigen Kriege: natürlich war ich nicht gerade begeistert, als ich nicht wieder nach Hause konnte, aber hier muss man wenigstens nicht um jeden einzelnen Tropfen Wasser kämpfen - gut, das musste ich bei Lacrimosa sowieso nicht, aber du verstehst schon, was ich meine, ne?" Der Angesprochene nickte und antwortete:
"Wasser scheint ein wahres Problem darzustellen, nicht wahr?" Eine falsche Frage, wie sich schnell herausstellte, denn Teri hob die Augenbrauen und antwortete:
"Bei welcher Horde bist du denn bitteschön, dass du solch eine dumme Frage stellst?"
"Ich… bin keiner Horde zugehörig." Eine Aussage, die ihre Augenbrauen nicht dazu brachten, sich zu beruhigen und schnell erschuf Youma eine Notlüge:
"Ich bin noch jung und habe den siebten Elementarkrieg nicht miterlebt. Ich lebte mit meiner Verlobten an einem abgelegenen Ort hier in der Menschenwelt, doch da ich ein Halbdämon bin, habe ich vor, wieder in die Dämonenwelt zurückzukehren und mich dort einer Horde anzuschließen. Ich habe mich noch nicht entschlossen, welcher ich mich anschließen will, deshalb plage ich dich mit meiner Neugierde …"
"Wenn du ein Halbdämon bist, schließ dich bloß nicht Lycrams Horde an, denn der sortiert alle Halbdämonen aus seinem Gebiet aus."
"Aussortieren?"
"Ja, im Sinne von töten, killen, ausradieren, vernichten, auslöschen oder wie auch immer du es nennen willst."
"Aaaaah, ich verstehe." Die Zeiten hatten sich wahrlich geändert, dachte Youma und spürte einen Hauch von Wehmut in sich aufkommen. Um diesem nicht zu verfallen, ergriff er sein Glas und nahm einen großen Schluck - eine Tat, die er sofort bereute, denn bei dem Getränk handelte es sich nicht um Wasser, so wie er geglaubt hatte. Hustend und prustend verschluckte Youma sich an der brennenden Flüssigkeit, die dennoch ihren Weg seine Kehle herunterfand und es schien ihm, als würde sie alles auf ihrem Weg wegbrennen wollen - w-war das Gift?!
"W-Was ist das?!" Teri lachte herzhaft über Youmas heftige Reaktion:
"Wodka ist das natürlich! Hast du etwa noch nie Wodka getrunken?" Der Halbdämon sah sie nur verwirrt und immer noch bestürzt über den eigenartigen Geschmack an, was Teri nur zu einem weiteren Lachen brachte:
"Und ich wundere mich schon, warum du gleich die Hälfte des Glases getrunken hast und hielt dich für einen hartgesottenen Trinker!" Dass er alles andere als das war, bemerkte Teri schnell, denn die Hälfte des gefüllten Glases reichte aus, um Youma, der noch nie Alkohol getrunken hatte, schwindelig werden zu lassen. Er protestierte hilflos, als Teri ihn mit sanfter Gewalt dazu bringen wollte, sich hinzulegen - seine Proteste waren jedoch sinnlos. Alles um ihn herum hatte zu surren begonnen und er hörte Teris Worte, dass sie wohl heute Nacht bei ihren Kindern schlafen würde, nicht mehr, denn er war förmlich in den Schlaf gekippt.


Drei Monate später hatte Youma nicht nur herausgefunden, dass er keinen Alkohol vertrug, sondern auch so ziemlich jede Information, die sich in Teris Kopf befand, herausgeholt und drei Mal mit ihr diskutiert, kannte die Namen ihrer Kinder, wusste ihre Lieblingsspiele und hatte sicherlich zwei Mal pro Tag auf subtile und manchmal sehr direkte Art erfahren, dass er doch gerne für ein zehntes oder elftes Kind sorgen dürfe, was er natürlich immer vehement ablehnte und obwohl sie es akzeptierte, mochte sie es offensichtlich, ihn damit zu necken.
Nach drei Monaten kam allerdings die Zeit des Abschieds. Teri und ihr jüngstes Kind begleiteten Youma bei Nacht in die nächste kleine Menschenstadt, während die anderen Kinder unter der Obhut des ältesten Kindes, das bei Youmas Abschied ordentlich geweint hatte, zurückblieben, um auf die Rückkehr ihrer Mutter zu warten.
Diese war im Schutze der Dunkelheit dabei, Youma über die leeren Bürgersteige zu führen, welcher das jüngste Kind auf seinen Schulten sitzen hatte und seiner Begleiterin dicht auf den Fersen war, bis sie zu einem komischen, in der Hauswand eines Gebäudes eingefügten Apparats gelangten, mit welchem Youma nichts anfangen konnte, da er noch nie in seinem Leben einen Geldautomaten gesehen hatte; Teri hatte ihm allerdings erklärt, welchen Nutzen er hatte. "So, Youma, du hörst mir jetzt gut zu", begann Teri zu erklären, während sie ein zerlumptes Portemonnaie aus der Tasche ihres langen Mantels herauszog und begann, etwas darin zu suchen:
"Ich habe dir ja schon gesagt, dass Geld das wichtigste in der Welt der Menschen ist und das bekommst du von so einem Automaten hier."
"Ich weiß", erwiderte Youma, sich aber dennoch neugierig vorbeugend, womit sie nun beide auf den leuchtenden Bildschirm stierten.
"Die gibt es in jeder Stadt, auch in so genannten "Banken", und wenn ich Geld benötige... muss ich einen vierstelligen Pincode eingeben und..." Teri fiel Youma ins Wort:
"Du hast das mit der Karte vergessen. Wenn du die nicht reinsteckst, bekommst du kein Geld. Das Geld ist auf der Karte." Wie kompliziert und umständlich - der Meinung war Youma nach wie vor. Dennoch war er Teri dankbar, als sie ihm genau zeigte, wie er den Geldautomaten bediente - und noch dankbarer war er ihr, als sie ihm zwei Kreditkarten - so nannte man diese komischen Karten, wie Youma gelernt hatte - samt Code überreichte.
"Ich weiß nicht genau, wie viel auf der grünen Karte drauf ist, aber auf der weißen ist noch genug. Die habe ich erst letzte Woche einem Menschen abgenommen. Zum Glück tragen die sie meistens bei sich und noch mehr zum Glück können sie sich nicht gegen verbotene Techniken schützen, hehe!" Dazu gab sie ihm noch ein Handy samt Aufladekabel - für Notfälle oder wenn er sich wegen dem Kind umentschieden hatte, wie sie mit einem heiteren Zwinkern hinzufügte - und einen gefälschten Ausweis.
"Amerikanisch", fügte sie hinzu:
"Damit kommst du überall durch. Mit freundlichen Grüßen von meinem Bruder." Komischer Kauz; auch den hatte Youma in der Zeit kennengelernt, womit er zum ersten Mal einen Dämon mit blauer Hautfarbe getroffen hatte, der aber trotz seiner absolut nicht menschlich aussehenden Hautfarbe sein Leben am liebsten auf den tropischen Inseln der Menschenwelt verbringen wollte. Den Großteil der Zeit, die er bei ihnen gewesen war, hatte er damit verbracht, Youma Fotos von einer Insel namens "Hawaii" zu zeigen, die für ihn das absolute Paradies sei. Er hätte so viel in der Dämonenwelt zu arbeiten gehabt, aber nun endlich hatte er die Möglichkeit, dieses Paradies zu besuchen und genießen.
"Und vergiss nicht, Youma - du bist stumm. Ansonsten weckt es viel zu viel Aufsehen, dass du keine einzige Sprache der Menschen kannst. Besonders wenn dein Ausweis was anderes behauptet und denk daran, dass sie ihn in Hotels immer sehen wollen..." Youma konnte nicht drum herum zu lächeln, als Teri ihm das jetzt schon zum vierten Mal erklärte.
"Ich werde dann aufbrechen, Teri-san. Bitte achten Sie gut auf sich und Ihre Kinder." Eben dieses wollte Youma und seine Haare gar nicht mehr gehen lassen, als der Halbdämon das jammernde Kind von seinen Schultern hob und es seiner Mutter reichte - jedoch nicht, ohne dem Kleinen vorher noch zu erlauben, seinen Daumen fest mit seinen kleinen Fingern zu umschließen, ehe er sich von ihnen löste und ein paar Schritte rückwärts ging.
"Vielen Dank für Ihre Hilfe. Ich werde mich dafür erkenntlich zeigen, das verspreche ich Ihnen." Teri nickte nur und wandte sich mit dem kleinen nun langsam zu weinen anfangenden Kind herum, noch ehe Youma sich davon teleportiert hatte.
Sie ging einige Schritte, mit ihrer Hand ihrem Sohn beruhigend über den Kopf streichend, bis sie zur nächsten Straßenlaterne gekommen war. In deren Lichtkegel wandte sie sich herum und sah die Straße hinab. Sie war leer; ein Auto zischte an ihr vorbei, doch Youma war bereits verschwunden.
"Ich bin gespannt, wo du uns hinführen wirst, Youma. Viel Glück." Seufzend hob sie den Kopf, blickte in den dunklen Himmel hinauf und war für einen kurzen Moment gänzlich in ihren Gedanken versunken. Als sie den Kopf dann wieder senkte, grinste sie, hob ihren Sohn hoch und stupste lachend mit ihrer Nase gegen die Nase des Kindes, was es ebenfalls sofort zum Lachen brachte.
"Was hältst du davon, wenn wir mal wieder Lacrimosa anrufen?"


Schneller als Youma lieb war, war das eine Jahr bereits Vergangenheit und abermals befand er sich unter dem roten Himmel in Begleitung Karous. Genau wie Karou ihm gegenüber misstrauisch war, war auch Youma es und daher war ihm das Zusammensein mit diesem Dämon überaus unerwünscht - aber ihm blieb keine andere Wahl, wenn er seinen wohldurchdachten Plan realisieren wollte.
Lerenien-Sei war ihm schon beim ersten Besuch zuwider gewesen; die chaotische Stimmung, die Armut und das Verzagen und Jammern der obdachlosen Kinder drängten sich ihm auf und weckten Unbehagen in ihm. Er ließ es sich jedoch nicht anmerken, denn er wollte sich keine Blöße geben, da Karou all das Leiden nicht zu sehen schien. Er zuckte nicht einmal mit der Wimper, wenn eines der Kinder sich aufdringlich zeigte - fast automatisiert trat er nach ihnen, sobald sie sich ihm näherten und brachte sie somit zum Schweigen, ohne seinen starren Blick von seinem Weg abzuwenden. Youma wusste schon, warum er ihn nicht ausstehen konnte.
Zum Glück währte die Tour durch Lerenien-Sei nicht lange, ehe sie zu dessen Zentrum gelangten: dem Turm.
"Es bleiben keine anderen Möglichkeiten?", fragte Youma, als er die schwarze Kapuze seines Mantels vom Kopf schob, damit er den Kopf nach oben heben konnte, um die enorme Höhe des Turms zu betrachten.
"Ohne Zweifel. Der Gegenpart des Bannkreises der Wächter muss sich im Radius des Turmes befinden, da dies der einzige Punkt dieser Welt ist, welcher nicht von meinen Computern erfasst werden kann. Ich informiere Sie aber darüber, dass es noch niemandem gelungen ist, die Spitze des Turmes zu erreichen." Karou senkte seinen Kopf wieder und richtete seine gelben Augen auf den sandigen Boden, dort, wo der Turm sich in den Boden Lerenien-Seis bohrte.
"Auch der Untergrund des Turmes ist nicht analysierbar. Der Bannkreis könnte sich demnach auch unter dem Turm befinden…"
"Nein", sagte Youma mit Nachdruck, seinen Blick nicht von der unbekannten Spitze des Turmes abwendend:
"Der Erbauer des Turmes zielte immer in die Höhe." Einen kurzen Augenblick weiteten sich Karous Augen überrascht, was Youma zufrieden feststellte, als er an ihm vorbeischritt. Er wusste, dass er sparsam und schlau mit den Informationen über seine Herkunft und seine Vergangenheit umgehen musste, aber es war ein triumphierender Genuss, Karou Überraschung zu entlocken.
Das Grinsen Youmas verschwand jedoch schnell, verwandelte sich zu Entschlossenheit, als dieser sich abermals dem Turm zuwandte. Karou wollte gerade das Wort ergreifen, doch Youma agierte schneller: Unverfroren streckte er seine Hand aus und im gleichen Moment, als seine Augen jäh in Röte getaucht wurden, berührte er die raue Oberfläche des Turms.
Karou erwartete, dass Youma schmerzend seine Hand zurückziehen würde, so wie es mit jedem geschah, welcher sich dem Turm näherte, doch... Nichts dergleichen geschah: Youma hatte sich direkt vor seinen Augen in Luft aufgelöst.


Sofort, als Youma die Augen öffnete, war ihm klar, dass er eine Zeit lang bewusstlos gewesen war; doch wie lange, das konnte er nicht mit Gewissheit sagen. Es konnten Minuten, aber auch Tage gewesen sein, die er ohnmächtig verbracht hatte. Lange beschäftigte er sich nicht mit dieser Frage; viel zu interessant war seine Umgebung. Er hatte flach auf dem Bauch auf einem rauen Untergrund gelegen, von welchem er sich nun mit den Ellenbogen abstützte, um sich langsam aufzurichten. Während er dies tat, überließ er das Untersuchen seinen Sinnen: sein Gehör vernahm nichts außer einem fernen Rauschen, welches nach ungestümen Wind klang und seine Sinne vernahmen auch keine Aura. Er war alleine, weitab von allen.
Ob er nun auf der Spitze des Turms war oder an einem völlig anderen Ort, wusste er nicht, denn er konnte den Himmel der Dämonenwelt nicht sehen: um ihn herum befand sich nichts außer ein Wirrwarr an dunklen Nebelfeldern, welche schnell über ihn hinweg zogen. Obwohl er nach wie vor im Dämonenmodus war, konnte er nicht besonders weit sehen; auch sein Element der Dunkelheit half ihm nicht weiter: diese dunklen Nebelfelder waren ihm fremd und nicht zugänglich. Aber wo war der Bannkreis? Und viel wichtiger: Wo war die Kugel, die Nocturns Macht beherbergte?
Youma wollte sich gerade bewegen und hatte auch bereits einen Schritt getan, als ihm beim Aufsetzen des Stiefels etwas auffiel: Furchen. Verwundert blickte er auf den Boden und bemerkte etwas, was ihm liegend nicht aufgefallen war: der gesuchte Bannkreis befand sich direkt unter ihm.
"Du hast mich aber ganz schön warten lassen, Youma-kun."
Jäh fuhr Youma zusammen, als hätte ein fremder Feind ihm eine tödliche Klinge in den Rücken gejagt - diese tiefe Stimme, dieser schalkhafte Tonfall; lange hatte er sie nicht mehr gehört und er dürfte sie auch gar nicht hören, denn sie gehörte in eine längst nicht mehr existierende Zeit.
Aber als Youma sich herumwandte, sah er genau das, was seine Ohren ihm sagten: vor ihm, aus dem Nebel getreten, stand der einstige Dämonenherrscher.
Youma konnte für einen Moment lang seinen Augen nicht trauen, denn der in schwarz und braun gekleidete Mann, der plötzlich hinter ihm aufgetaucht war, konnte unmöglich der sein, für den er ihn hielt. Seine Augen mussten ihm einen Streich spielen, eine andere Erklärung gab es nicht dafür, dass der namenlose, einstige Dämonenherrscher aus dem Nichts vor ihm aufgetaucht war - der gleiche schwarzhaarige Mann, welcher ihm vor vielen Äonen die Wahrheit über Lights Schandtat erzählt hatte; ihn im gleichen Atemzug darüber aufklärend, dass er Youma zu seinem Nachfolger ernannt hatte und ihn auf dem Thron wünschte.
Ein genauer Blick sagte Youma jedoch, dass sein erster, überraschter Eindruck ihn getäuscht hatte. Der ehemalige Dämonenherscher stand nicht leibhaftig vor ihm: seine Konturen waren unscharf und beim genauen Hinsehen bemerkte man, dass seine Erscheinung flackerte. Doch seine Gesichtszüge waren genauso lebendig, als würde er bester Gesundheit vor ihm stehen.
"So sieht man sich wieder!" Auch seine Stimme war außerordentlich echt und verschlug Youma kurzzeitig den Atem:
"Wie ist das möglich? Träume ich?" Diese Frage entlockte seinem Gesprächspartner ein grinsendes Lachen und sofort fühlte Youma sich einige Jahre jünger, wie ein Kind, das ausgelacht wurde, weil es etwas Dummes gefragt hatte.
"Obwohl so viele Jahre vergangen sind, hast du dich gar nicht verändert, mein lieber Youma-kun; nach wie vor brauchst du immer noch für alles eine plausible Erklärung." Youma gefiel die Kinderrolle nicht, in die er plötzlich gesteckt wurde und versuchte deshalb, sich aus dieser zu befreien, indem er mit einem überlegenen Grinsen erwiderte:
"Da Sie das Vergehen der Zeit bemerkt haben, bedeutet dies, dass Sie keine bloße Illusion sind."
"Bravo, Youma-kun, bravo! Und was ist deine Erklärung für mein Dasein?" Eigentlich wollte Youma es nicht allzu genau wissen, doch seine Theorien hatte er dennoch bereits gesponnen, welche er nun auch preisgab:
"Mir war von Anfang an klar, dass Sie der Erbauer dieses... wahrlich unkreativen Gebildes wa-"
"Was habt ihr nur alle gegen meinen Turm!? Dein Vater war auch dagegen! Ihr hab doch alle gar keinen Geschmack…" Youma ignorierte ihn:
"Ich konnte es förmlich spüren, als ich das erste Mal in die Nähe des Turms kam. Ich kenne keinerlei Erklärung dafür, doch Ihre Aura umgibt dieses Gebilde, als wäre ein Teil von Ihnen mit ihm verschmolzen. Zusammen mit den Erinnerung an Sie, welche sich in meinem Gehirn befinden, muss eine magische Verbindung entstanden sein, die es möglich macht, dass Ihre Aura Form annimmt und mit mir spricht, als wären Sie wirklich anwesend." Der Namenlose sah ihn einen Moment schweigend an, ehe er begeistert in die Hände klatschte:
"Du bist wirklich nicht dumm: aber etwas Anderes habe ich von Luzifer-kuns Sohn auch nicht erwartet. Ganz richtig liegst du zwar nicht, aaaaber ich lasse es durchgehen."
"Bedeutet das, dass Sie mir auch etwaige Fragen beantworten können?", antwortete Youma ohne auf den provozierenden Einwand seines Gegenübers zu achten.
"Dass ich es kann, bedeutet nicht, dass ich es auch tun werde, aber du kannst es ja auf einen Versuch ankommen lassen? Du weißt doch, Youma-kun, so einem hübschen, jungen Mann wie dir kann ich einfach nichts abschlagen!" Das war vielleicht die Gelegenheit an Informationen zu gelangen, an die sonst niemand gelangen konnte. Doch Youma musste seine Fragen intelligent wählen, ansonsten würde er sicherlich keinerlei Antworten erhalten - und noch viel wichtiger, sich nicht provozieren lassen.
"Wozu haben Sie den Turm gebaut? Was ist sein Sinn und Zweck?" Obwohl Youma diese Frage überaus ernst meinte, begann sein Gegenüber herzhaft zu lachen, was Youma ziemlich verwirrte und ihn einen Augenblick lang auch so aussehen ließ, ehe er sich zusammenriss. Doch gerade als er fragen wollte, was an seiner Frage denn so überaus amüsant war, erklärte der ehemalige Dämonenherscher sich selbst:
"Ach, Youma-kun, es ist herrlich, wie ähnlich du deinem Vater bist. Ist dir das eigentlich bewusst? Dein Aussehen magst du von deiner überaus hübschen Mutter - aber mein Luzifer-kun war auch sehr schön, ganz ohne Zweifel! - geerbt haben, doch du und Luzifer-kun seid euch vom Charakter her schrecklich ähnlich. Es tut richtig weh, dich zu sehen. Er hat mir genau die gleiche Frage gestellt - als ob die Antwort nicht auf der Hand liegen würde!" Youma nahm diese Worte nicht als Kompliment auf. Er hatte seinen Vater nicht oft zu Gesicht bekommen; wenn man es genau nahm, kannte er Luzifer eigentlich kaum. Es gefiel ihm nicht, mit jemandem verglichen zu werden, der seine Familie so kümmerlich im Stich gelassen hatte. Das war für ihn kein Vorbild. Doch sein Gegenüber schien es als Kompliment gemeint zu haben, denn er lächelte ihn stolz an, als wäre er sein Vater oder als müsse er es anstelle seines Vaters tun.
"Ist sein Sinn denn wahrlich so offensichtlich?", fragte Youma und umging dabei taktisch den Rest seiner Worte umgehend, was der Namenslose natürlich bemerkte:
"Keine Lust, in Erinnerungen zu schwelgen?" Youma antwortete nicht, weshalb der einstige Dämonenherrscher das Reden übernahm:
"Dafür habe ich vollstes Verständnis, Youma-kun. Immerhin musst du ja deine Pläne ausführen." Ohne dass es Youma gelang, darauf einzugehen, gab sein Gegenüber ihm endlich eine Antwort auf seine Fragen; ob es die gewünschte Antwort war, war eine gänzlich andere Frage:
"Vielleicht ist es dir bereits aufgefallen, mein ambitionöser Schönling... aber es gibt in meiner Welt keine florierende Botanik. Hast du dich noch nie gefragt, wie es da sein kann, dass ihr dennoch normal atmen könnt?" Youma antwortete mit Schweigen, da er es offensichtlich fand, dass er sich natürlich bereits darüber gewundert hatte. Der Namenlose interpretierte seine stille Botschaft und fuhr daher mit einer dramatisch ausgestreckten Hand fort:
"Und dir mag vielleicht auch bekannt sein, dass die Wunden und Verletzungen unsereins in meiner Welt schneller heilen als in Terra?" Dieses Mal deutete Youma nur ein Nicken an, denn er war noch nicht verletzt gewesen und hatte dieses Phänomen daher nicht an sich selbst beobachten können - aber es war ihm zu Ohren gekommen.
"Wächter wie Menschen benötigen Sauerstoff, welchen sie durch die Atemwege einnehmen, um so zu überleben."
"Ist es bei uns nicht ebenso?", fragte Youma skeptisch, was der Namenslose jedoch nicht als Kritik auffasste, sondern gelassen seine Erklärung fortsetzte:
"Du liegst mit deiner Annahme richtig: auch wir nehmen Sauerstoff auf die gleiche Weise auf. Obwohl dies nicht ganz die richtige Formulierung ist... Wir können auf diese Art überleben."
"Was wollen Sie damit andeuten?", entgegnete Youma, die Luft unbemerkt anhaltend.
"Siehst du, Youma-kun... Der Turm, welchen ich geschaffen habe und den du und dein Vater beleidigt haben, ist absolut unabdingbar für diese Welt - und weißt du warum? Weil diese Welt nichts anderes ist als eine Parallelwelt zu Terra. Allerdings..." Er vollführte eine theatralische Geste, als würde er etwas bedauern:
"Bin ich leider nicht allmächtig. Mir war es nicht möglich, eine Eins-zu-eins-Kopie von Terra zu schaffen. Ich musste mich daher mit einer etwas kleineren Ausgabe begnügen…"
"Das leuchtet ein. Aber was hat der Turm damit zu tun?"
"Du bist ja gar nicht überrascht, dass ich eure Heimat geschaffen habe!" Heimat. Heimat. Das Wort stach Youma so unerwartet, dass er gar nicht auf den enttäuschten Tonfall des Dämonenherrschers achtete. Diese verfluchte, vor sich hin vegetierende Welt… war nicht seine Heimat. Seine Heimat… seine Heimat war woanders. An einem Ort, der nicht mehr existierte.
Wie sehr vermisste er doch das goldene Gras… die untergehende Abendsonne.
Diese Illusion, die von Lachen erfüllt war.
"Der Turm, mein ungeduldiger Youma-kun…", fuhr der Dämonenherrscher fort, dabei mit zufriedener Genugtuung genauestens beobachtend, wie Youma sich selbst dazu brachte, sich zusammenzureißen:
"…ist der Pfeiler dieser Welt. Er schafft eine kuppelähnliche Barriere um das Areal herum, das ich einst schuf. Innerhalb dieser Barriere ist es uns magischen Wesen möglich zu atmen, denn der Turm produziert und sondert ein Element aus, das als Ersatz für Sauerstoff ebenfalls durch die Atemwege einnehmbar ist. Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, diesem Element einen Namen zu geben; aber frag mal deinen klugen Begleiter am Fuße des Turmes. Er hat sicherlich einen Namen dafür." Ungläubig starrte Youma sein Gegenüber an und es stand ihm förmlich ins Gesicht geschrieben, dass er ihm kein Wort glaubte.
"Du kannst mir glauben, Youma-kun. Aber natürlich tust du das nicht, denn du bist genauso skeptisch wie dein Vater. Daher wirst du meine Worte überprüfen wollen und ich sag dir auch, wie du das tun kannst. Auf deinem strebsamen Weg wirst du sicherlich auch in den Süden meines Reiches gelangen."
"Das Gebiet Lacrimosas?"
"Ja, in der Tat. Richte dort deine Augen Richtung Horizont und du wirst sehen, dass ich die Wahrheit spreche." Natürlich verweilte der skeptische Ausdruck weiterhin auf dem Gesicht Youmas, doch er schwieg, sich fest vornehmend, dass er dies unbedingt tun würde, wenn sich die Gelegenheit bot.
"Warum erzählen Sie mir das alles?" Schweigend sah der angebliche Erschaffer dieser Welt den misstrauischen Halbdämon an, der wohl nicht mit einer so ausführlichen Erklärung gerechnet hatte, bis der Dämonenherrscher kaum merklich mit den Schultern zuckte und antwortete:
"Vor wenigen Minuten erklärtest du mir noch, dass ich nichts außer einer Aura sei, die durch deine Erinnerungen Form erhielt. Glaubst du nicht, dass es für mich einfach nur eine angenehme Abwechslung ist, mal mit jemandem reden zu können?" Deutlich war in Youmas Gesicht zu sehen, dass er das nicht so ganz glauben konnte, daher fuhr der Namenslose noch ein wenig aus:
"Oder vielleicht... Liegt es auch daran, dass ich deinem hübschen Gesicht verfallen bin?" Diese Antwort gefiel Youma noch weniger und genervt erwiderte er das schäkernde Lachen des Dämonenherrschers mit einer Frage, die ihn sofort zum Schweigen brachte:
"Und was ist mit dem Wasser?" Der Angesprochene wusste sofort, worauf Youma anspielen wollte - und doch brachte es sein Grinsen nicht dazu, zu verschwinden.
"Was meinst du damit, Youma-kun?"
"Sie wissen genau, was ich meine. Ich meine den chronischen Wassermangel dieser Welt. Ich spreche von dem Grund, weshalb diese Kinder in Lerenien-Sei leiden und sterben müssen!" Das Grinsen wurde zu einem Lächeln und dann schief, da er den Kopf neigte. Seine roten Augen, schwimmend in einem Meer aus schwarz, fixierten Youma und seine Stimme war ruhig, als er mit einer Frage erwiderte, die Augen kurz aufglühend:
"Ist das etwa… Mitleid?" Youmas Augen verengten sich eine Spur, doch die Entschlossenheit wich nicht:
"Wenn Sie der Erschaffer dieser Welt sind, dann frage ich mich, warum Sie so einen Zustand dulden. Sehen Sie denn nicht, dass die Welt, die Sie angeblich geschaffen haben, zugrunde geht, mit jedem Lebewesen, das darin lebt?!"
"Dann tut sie es eben." Von dieser gleichgültigen Antwort vollkommen aus dem Kontext geworfen schwieg Youma schockiert. Doch sein Gegenüber lächelte weiterhin, als würde es ihm gefallen, Youma zu schockieren:
"Es gab nie viel Wasser in meiner Welt - und das ist mir zuzuschreiben, das ist wahr. Aber das Grundwasser habe nicht ich verseucht. Das waren sie selbst."
"Aber wenn es in Ihrer Macht liegt, das zu ändern… warum tun Sie es denn nicht?! Warum lassen Sie sie sterben?!"
"Aber, aber, Youma-kun, du stellst die falschen Fragen… denn eine Frage hast du vergessen zu fragen. Nein, warte, das ist nicht das richtige Wort, denn vergessen hast du es nicht; du bist galant um die Frage herumgeschlichen und willst sie eigentlich gar nicht stellen. Aber ich werde sie beantworten, die dramatische Frage "Warum". Warum ich diese Welt geschaffen habe, warum ich dich damals über Light-kun aufgeklärt habe, dich auf den Weg geschickt habe und natürlich auch, warum ich diese Welt und ihre Bewohner krepieren lasse. Und die Antwort auf all diese Fragen ist ganz einfach und erklärt sich mit einem einzigen Wort: Langeweile."
"Was?! Das… das kann unmöglich Ihr Ernst sein!?"
"Was ist denn dein Hintergrund, Youma-kun?"
"Warum stellen Sie so eine sinnlose Frage? Sie wissen es von allen am besten." Der Dämonenherrscher antwortete nicht, sondern unterstrich mit einer einladenden Geste seiner Hand, dass Youma doch bitte fortfahren möge, was er dann auch tat, um einiges ruhiger als zuvor:
"Aus Rache." Er schien noch mehr sagen zu wollen, doch er schwieg und wählte damit, die Worte für sich zu behalten. Doch der namenlose Dämonenherrscher wusste natürlich genau, was Youma hätte sagen wollen und lächelte zufrieden darüber. Natürlich tat er es.
"Und was macht deinen Hintergrund besser als meinen? Was macht Rache erstrebenswerter als das Entziehen der Langeweile?" Youma antwortete nicht, sondern sah schweigend in eine andere Richtung, was den Namenslosen zu einem Grinsen brachte, denn es gefiel ihm ungemein, dass er Youma ins Gewissen reden konnte.
"Keine Sorge, Youma-kun, ich will deine Beweggründe nicht in Frage stellen. Du weißt, ich unterstütze dich voll und ganz!" Man sah es Youma deutlich an, dass dieser eine argwöhnische Antwort geben wollte, doch der Namenslose kam ihm zuvor, dieses Mal jedoch nicht mit Worten, sondern mit Taten: Plötzlich tauchte er neben dem Yami auf, welcher sofort überrascht den Kopf zu ihm herum wandte, denn er hatte nicht gesehen, wie sein Gesprächspartner sich bewegt hatte. Freundschaftlich, beinahe väterlich, legte er seinen in schwarz gekleideten Arm um Youmas Schultern. Die Tatsache, dass Youma das Gewicht seines Armes auf seinen Schultern spüren konnte, erschrak ihn: wie konnte das möglich sein?! Er war doch tot, nichts als seelische Überreste, wie konnte Youma seine Berührung da spüren?! Spielte jemand mit seinem klaren Verstand, oder war es er selbst, welcher ihm einen Streich spielte?
Der Unbekannte überging die Reaktion Youmas, obwohl sie ihm nicht unbemerkt blieb; selbstverständlich hatte er es bemerkt, denn Youms Reaktion war immerhin der Grund für seine überaus gute Laune und er musste ein schelmisches Grinsen unterdrücken, während er Youma widerstandslos an den Rand des Turmes führte, welcher plötzlich klar zu sehen war. Der dichte Nebel hatte sich von einem Moment auf den anderen verzogen und als der Namenlose am Rand zum Stillstand gekommen war, war es Youma möglich, den weit, weit entfernten Boden zu erahnen, wenn er nach unten sah. Vor ihm erstreckte sich eine endlos weite felsige Einöde aus Sand, Stein und Gebirge - alles in Rot; hier und dort konnte er schwarze Gebilde ausmachen, die eine Stadt vermuten ließen, hier unter den schwarzen Monden, welche ihm vom Horizont her zu verspotten schien.
"Youma-kun, lass mich dir eins sagen…", begann sein Gönner und festigte den Griff um Youmas Schulter, ehe er fortfuhr:
"Ich bin ein Dämon. Ich bin der perfekte Dämon, denn ich verkörpere alles "Dämonische". Ich handle aus purem Egoismus; ich habe dir damals vor so vielen Jahren aus Egoismus die Wahrheit über Light-kun erzählt und ich rede nun aus Egoismus zu dir. Alles, was ich will, ist, dich und alle anderen für meine Zwecke zu formen, zu meiner Unterhaltung, denn ich hasse nichts mehr als mich zu langweilen. Der Frieden, den Hikari-chan und ich ausgehandelt haben, war von Beginn an langweilig und zum Scheitern verdammt. Weißt du, warum dein Vater sich nicht um dich und deine Schwester kümmern konnte? Weil er sich um mich kümmern musste; er musste mich mit politischen Spielereien unterhalten, weil er nämlich meine Idee mit einer Welt nur für Dämonen nicht gerade mit Begeisterung auffasste. Luzifer-kun verstand nicht, warum ich mich langweilte… er war in Ordnung verliebt, mochte grüne Zahlen und so weiter. Aber er wusste es, mich bei Laune zu halten, denn ich habe ihn sehr gerne gehabt…" Seine Stimme wurde plötzlich kälter und zum ersten Mal verschwand sein Grinsen:
"Als er starb, als sie ihn umbrachten und ihn mir nahmen, lernte ich, zu hassen - und ich wusste, ich würde Hikaru-chan dafür leiden lassen." Er schwieg und da Youma ihn weiterhin anstarrte, bemerkte er, dass kurz ein abgrundtiefer Schmerz in den roten Augen aufgetaucht war:
"Sie hätten ihn nicht töten dürfen. Das war ihr Fehler." So plötzlich wie der Abgrund aufgetaucht war, so schnell verschwand er auch wieder und das Grinsen tauchte wieder auf:
"Light-kun konnte mich unterhalten, ja, und ich muss zugeben, dass ich ihn vermisse, aber das war leider nur kurzweiliger Zeitvertreib, also dachte ich mir, dass ich etwas Neues in Gang setze, eine neue Weltordnung definiere... einfach alles, was Hikaru-chan nicht wollte." Triumphierend streckte der Namenslose seinen Arm aus und zeigte einladend über sein Reich:
"Und sieh, was ich geschaffen habe - sieh es nicht nur vor deinen Augen, sondern spüre es in deinen Adern! Habe ich uns Dämonen nicht befreit? Uns alle? Von einem trostlosen, langweiligen Dasein - angekettet durch irgendwelche langweilige Friedenstraktate, die sowieso niemand lesen will? Wir Dämonen sind nicht dazu gemacht, uns an Regeln zu halten; wir sind frei! Wir regieren über die Freiheit, die uns alles erlaubt. Was hätten wir doch für ein schreckliches Leben geführt, wenn wir nicht töten dürften, wo es doch in unserer Natur liegt? Du weißt am allerbesten, wie wahr meine Worte sind; du, den ich von seinen Ketten befreit habe!
Wir wollen keinen Frieden, wir wollen auch keinen Sieg über die Wächter, denn auf eine merkwürdige, verdrehte Art lieben wir sie doch! Was sollten wir denn ohne sie anfangen? Dieses schwache Menschengeschlecht angreifen? Ist das denn Befriedigung? Lausche meinen Worten, Youma-kun, denn ich spreche für uns alle! Ich bin die Stimme der Dämonen! Verinnerliche meine Worte, damit du deine Pläne effektiv in die Tat umsetzen kannst, genauso wie es dein liebenswerter Vater getan hätte; ganz nach meinem Willen, ganz in meinem Sinn. Du willst dich doch auch rächen - ich kann dir aus eigener Erfahrung sagen, wie herrlich das Gefühl ist, wenn die Rache gekommen ist! Zwar habe ich meine fleischliche Hülle aufgeben müssen, um den Turm und diese Welt zu schaffen, aber ich werde dich auf deinem weiteren Weg begleiten; meine schützende Hand über dich halten - und wer weiß… vielleicht erbarme ich mich ja und schenke der Welt doch noch Wasser." Mit diesen Worten und einem vielsagenden Lachen, welches Youma natürlich nicht verstand, da er zu wenig Wissen über die menschlichen Religionen besaß, um diese Anekdote zu verstehen, beendete er seine kleine Rede. Entschieden löste Youma sich aus dem Griff seines Herrschers und nahm einen Meter Abstand: viele Fragen - Einwände - wollte er aussprechen, doch er entschied sich anders und stellte eine Frage, die schon längst überfällig war:
"Wer bist du eigentlich?!" Verwundert wurde er angesehen, bis sich ein schelmisches Lächeln auf seinem spitzen Gesicht ausbreitete, während er die Handfläche ausstreckte und diese flach auf Youmas Oberkörper legte, den Blick dabei nicht von ihm abwendend:
"Ich bin Gott: Ich bin der Gott der Dämonen!"
Und mit diesen Worten gab er Youma einen Stoß, ohne sich dafür großartig anstrengen zu müssen. Youma verlor die Balance und merkte sogleich, wie er den festen Boden unter sich verlor. Er wollte gerade seine Fähigkeit zu fliegen anwenden, als er urplötzlich bleich wurde:
Er konnte nicht mehr fliegen.
Obwohl Youma noch verzweifelt die Hand ausstreckte, gelang es ihm nicht, den ersehnten Halt zu erhalten und er stürzte in die Tiefe; entfernte sich immer weiter von dem spöttischen Grinsen des Namenlosen, dessen Worte er nicht mehr hörte; Worte, die auch nicht mehr an ihn gerichtet waren, sondern an den Himmel:
"Hikaru-chan hat ihr Jenseits erhalten und ich... das ewige Blutvergießen: alle sind glücklich, nicht wahr... Light-kun?"
Dann löste er sich auf.


Erschrocken fuhr Youma hoch, sobald er die Augen geöffnet hatte: verwirrt sah er sich um und bemerkte, dass er, aus welchem Grund auch immer, wieder in der Menschenwelt in dem gemieteten Bett lag, gekleidet in einen hellen Morgenmantel. War das etwa nur ein Traum gewesen? Nein - das war es nicht, dafür war es nicht nur viel zu real gewesen, sondern auch etwas anderes überzeugte ihn davon, dass es wahr gewesen war:
Neben ihm auf dem Nachttisch lag eine pechschwarze Kugel, welche das durch die großen Fenster hineinfallende Licht nicht reflektierte, sondern in sich hinein zu saugen schien.
Es konnte also beginnen.