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Episode 59
  Episode 59: Sensenmann und Flötenspieler II
Youmas Instinkt nahm die Oberhand über seinen Körper und sein Gehirn bekam erst zwei Sekunden später mit, was passiert war. Er hatte es nur ihm zu verdanken, dass er nicht von zwei Klauen aufgespießt worden war: anstelle von Youmas Fleisch hatten diese nun das Sensenblatt von Youmas Waffe getroffen und schrammten an dieser ab.
Doch der Angreifer gab nicht auf. Er hatte im Sinne, Youma zu töten, das spürte der Halbwächter deutlich an der Stärke, die in seiner doch so dünnen Hand und in seinen verlängerten Fingernägeln lag. Youma sah es in seinen stechenden, roten Augen, welche ihn finster anstarrten und er spürte es, als er zurückweichen musste. Doch Youma konnte seinem Druck standhalten.
Sie mussten ungefähr gleich stark sein.

Wenn Youma später an diesen Moment zurückdachte, war er sich sicher, dass dieser der entscheidendste Moment in deren "Beziehung" gewesen war: Der Augenblick, in welchem sie in die dämonischen Augen des jeweils anderen starrten mit der Gewissheit, dass sie den anderen töten würden, würde dieser auch nur einen Zentimeter näher kommen - und der Gewissheit, dass sie einen Ebenbürtigen gefunden hatten.

Die beiden Kontrahenten sprangen im gleichen Moment auseinander; Youma öffnete noch im Sprung den Mund, um sich zu erklären; einen Kampf abzuwenden, den er nicht im Sinn hatte, doch offensichtlich war der andere Dämon blind für diesen Versuch - er wollte ihn augenscheinlich einfach nur so schnell wie möglich umbringen.
"Warte!", rief Youma automatisch in der Sprache der Dämonen, aber Nocturn wartete nicht; mit der einen Hand hatte er sich hastig die lange schwarze Kluft übergeworfen, die Youma für ihn mitgebracht hatte und schon war Youma dazu gezwungen, sich auf das Parieren von fünf Fingernägeln zu konzentrieren; kaum hatte er das getan, folgte ein weiterer Angriff Nocturns und wieder ließ er ihm keine Möglichkeit, sich zu erklären.
Er war tatsächlich sehr schnell, wie Youma feststellen musste - und obwohl seine Angriffe und Bewegungen durch seine Wut momentan sehr rabiat und unkontrolliert wirkten, war eine ausgefeilte Ausbildung, die diesen Angriffen zugrunde lag, nicht zu übersehen. Das Töten war ihm gelehrt worden; das bemerkte Youma nicht nur dadurch, dass sein Kontrahent durchweg seine lebenswichtigen Organe anvisierte.
Aber es gelang ihm nicht, Youma zu töten und das schien ihn nicht nur zu frustrieren, sondern auch zu verwirren - und da, gerade als er sich nur knapp einer weiteren Attacke entziehen konnte, kam Youma auf eine Idee, wie er das Ganze vielleicht doch mit Worten unterbrechen konnte: Er benutzte die Sprache der Wächter.
"Warte einen Augenblick!" Und es zeigte Wirkung. Nocturn war verharrt, die ausgestreckte, angreifende Hand noch hinter sich, bis er die Hand zurückzog und überaus skeptisch den Kopf schief legte. Aber er sagte nichts und Youma übersah nicht, dass seine Fingernägel immer noch angriffsbereit waren.
"Du musst sehr verwirrt sein, so kurz nach deiner Wiederbelebung …" Youma hatte die falschen Worte gewählt, das bemerkte er sofort: Nocturns Blick war so finster geworden, als wolle er sein Gegenüber alleine mit den Augen töten.
"Du warst es also, der mich wiederbelebt hat?!" Er stellte diese Frage in der Sprache der Wächter, aber seine Stimme klang eigenartig: ein wenig brüchig, heiser, wie von jemandem, der seine Stimme lange nicht mehr benutzt hatte. Dennoch konnte Youma einen fremdartigen Akzent heraushören, den er nicht ganz einzuordnen vermochte. Sein Zorn war jedoch nicht zu überhören.
"Ja, das war ich. Mein Name ist …"
"Das interessiert mich nicht! Wie kommst du dazu, mich wiederzubeleben?!" Youma fühlte sich, als hätte man ihm ein Brett vor den Kopf gestoßen: wie unhöflich! Wie schrecklich unhöflich!
Gerade als Youma ihm eine erboste Antwort geben wollte, hörten sie beide Stimmen mitsamt Schritten, die auf sie zukamen. Beide wirbelten in eben diese Richtung.
"Es sind zwei Menschen: Sie haben das Licht gesehen und hoffen, etwas Mystisches zu finden." Youma sah ihn ein wenig fragend an: waren das seine Gedankenlesefähigkeiten?
Lange konnte er nicht darüber nachdenken, denn als spürte er, dass Nocturn vorhatte, sich wegzuteleportieren, sprang Youma vor und ergriff seinen mageren Arm - und das in genau dem richtigen Moment, denn Nocturn hatte sich tatsächlich davon teleportiert, was bedeutet hätte, dass Youma ihn so schnell nicht wiedergefunden hätte.
Doch kaum, dass Youmas Hand Nocturns Arm umklammert hatte, überspülte ihn auch schon die Überraschung - eine sehr nasse Überraschung, denn er landete im Wasser. Sofort tat er den Fehler und schnappte nach Luft, womit sich seine Lungen mit Wasser füllten, doch schnell fand er heraus, dass seine Panik umsonst war, denn schon brach sein Kopf aus der Wasseroberfläche empor und er stellte verwirrt fest, dass er nur in einem Springbrunnen gelandet war. Hustend und prustend hievte Youma sich pitschnass am Rand des Beckens empor und kaum dass er wieder Luft bekam, richtete er sich sofort nach rechts, wo Nocturn ebenfalls aus dem Becken herausgeklettert war und seinen nassen Umhang von seinem mageren Körper abzupfend:
"Hättest du uns nicht an einen etwas trockeneren Ort bringen können?! Ich beantworte deine Fragen auch ohne dass du versuchst, mich zu ertränken!" Doch Nocturn überhörte ihn und Youma bemerkte, dass sein Körper sich zu entspannen schien... seine Körpersprache hatte sich verändert. Er schien nicht mehr unter Strom zu stehen, seine Aufregung flaute ab und langsam kam er zur Besinnung.
"Paris…" Dann schwieg er, sich fasziniert, aber auch wehklagend, umschauend, ohne auch nur die kleinste Notiz von Youmas sehr verärgertem Gesichtsausdruck zu nehmen, welcher sich sauer die nassen Haare aus dem Gesicht wischte. Er war nicht nur komplett durchnässt - es regnete auch noch! Aber auch das schien dieser komische Dämon nicht zu bemerken; er hatte nur Augen für seine Umgebung, an welcher Youma wiederrum nichts Interessantes erkennen konnte.
Sie befanden sich am Rande eines von hohen Bäumen gesäumten Parks, dessen Eingangsbereich von dem riesigen Springbrunnen eingenommen wurde, in welchem sie bei ihrer Ankunft gelandet waren. Der Springbrunnen besaß eine beachtliche Größe, war aber relativ schmucklos, sah dunkel und tief aus und Youma verstand nicht, warum überall um dessen Rand weiße Stühle platziert waren - aber vielleicht war das düstere Wetter der Grund dafür, dass Youma sich nicht vorstellen konnte, dass man sich hier gerne niederlassen würde. In ihnen saß jetzt auf jeden Fall niemand - die wenigen Menschen eilten mit bunten Regenschirmen an ihnen vorbei, als würden sie das recht eigenartige Paar - Youma klammerte immerhin seine Sense an sich und Nocturn konnte man kaum bekleidet nennen - überhaupt nicht bemerken und steuerten auf die etwas weiter entfernte Straße zu.
"Warum bemerken sie uns nicht?", fragte Youma sich nun mit seiner Sense neben den anderen Dämonen stellend, doch kaum hatte er das getan, warf Nocturn ihm ein weiteres Mal einen düsteren Blick zu und auch dessen Antwort klang unwirsch:
"Weil ich ihre Gedanken manipuliere, damit sie uns nicht sehen." Youma musste zugeben, dass es ihm nicht gefiel; er fühlte sich unwohl bei dem Gedanken, dass seine Gedanken nicht ihm gehörten. Er musste aufpassen, was er dachte … aber wie tat man das?
"Warum hast du mich wiederbelebt?" Eigenartig - wenn er die Gedanken anderer lesen konnte, warum beantwortete er diese Frage nicht selbst?
"Kannst du sie nicht selbst beantworten?" Nocturns Blick wurde wieder skeptisch; es kam Youma so vor, als würde er ihn röntgen wollen.
"Ich kann deine Gedanken nicht lesen." Youma bemühte sich, gelassen zu wirken, obwohl ihn diese Nachricht sehr erleichterte.
"Dann schlage ich vor, dass wir unser Gespräch an einem wesentlich trockeneren Ort fortführen. Ich habe ein Hotelzimmer …"
"Nein. Ich werde in Paris bleiben." Einen Augenblick lang starrten sich beide Dämonen widerwillig an: beide nicht gewillt nachzugeben, beide auf ihrem Standpunkt beharrend, denn Youma hatte gewiss nicht im Sinn, seinen Wünschen nachzugehen und damit das Ruder aus der Hand gerissen zu bekommen. Nocturn schien genau das zu bemerken, denn er wartete gar nicht darauf, dass Youma ihm eine Antwort gab:
"Ich kann mich selbstverständlich auch einfach irgendwo hin teleportieren und wir sehen uns nie wieder." Youma sah ein, dass dies wirklich ein sehr gutes Argument war; verschwand Nocturn einmal aus seinem Blickfeld, würde er ihn ohne Aura nicht wieder finden können. Zwar hatte Youma noch andere Pläne, doch Plan A gefiel ihm am besten - alleine schon Nocturns Gedankenlesefähigkeit wegen! - und sein Stolz würde ihm keinen Strich durch die Rechnung machen, daher wählte Youma, dem Wunsch Nocturns nachzugehen und vollführte eine nachgebende Pose, als würde man dem Wunsch eines Kindes nach Süßigkeiten nachgehen. Nocturn wählte, diesen Unterton zu ignorieren und packte Youmas Arm:
"Dann lass es uns hinter uns bringen."


Wieder einmal von Nocturn geleitet gelangten die beiden durchnässten Dämonen zu einem hohen, gläsernen Hochhaus, welches gewiss 70 Stockwerke besaß soweit Youma es beurteilen konnte. Hätte Youma über genügend Wissen über Immobilien und deren Preise verfügt, hätte er sich denken können, dass diese Apartments, direkt an der Seine liegend und kaum einen Kilometer vom Eifelturm entfernt, für normale Bürger ein unerreichbarer Traum waren. Doch Youma wusste es natürlich nicht und so beschimpfte er die Hochhäuser in seinen Gedanken als hässliche Bauwerke, welche er allerdings nicht allzu lange von außen begutachtete sondern sich schnell im Inneren des Turmes wiederfand, welcher mit einem kleinen, zierlichen Schildchen versehen war, auf welchem "Quai de Grenelle" zu lesen war. Nocturn hatte sie hinein teleportiert, nachdem er kurz grübelnd auf der Straße stehen geblieben war, bis er zu dem Schluss gekommen war, dass er wohl in seine eigene Wohnung einbrechen müsste.
Anstatt sie jedoch direkt in die Wohnung zu bringen, teleportierte Nocturn sie beide vor die Tür, welche mit der Nummer 667 versehen war, aber ansonsten keinerlei Vermerk über den Eigentümer des Apartments preisgab.
"Es scheint alles beim Alten zu sein", meinte Nocturn, nachdem er einen kurzen Augenblick schweigend die Tür angesehen hatte. Youma runzelte ein wenig die Stirn:
"Nicht nur dass du eine Bleibe in der Menschenwelt hast, du hast sie auch noch nach deinem Tod?" Kaum merklich zog der Angesprochene die Schultern hoch:
"Das Apartment ist gekauft gewesen und die monatlichen Rechnungen sind per Lastschriftverfahren jeden Monat überwiesen worden. Sobald man in der Welt der Menschen genug Geld besitzt, kann man sich alles kaufen; auch Privatsphäre. Da ich keine menschlichen Gedanken aus meinem Apartment vernehmen kann, nehme ich an, dass es nach wie vor mir gehört, mein Konto damit immer noch im Plus ist und niemand sich über meine Abwesenheit gewundert hat. Aber ich wundere mich über Abwesenheit von Auren …" Die Stimme Nocturns wurde langsam wieder flüssiger, was, wie Youma annahm, auch der Grund war, weshalb er plötzlich so viel redete. Was Youma nicht wusste war, dass Nocturn einfach gesprächig war.
"Das war eigentlich nicht der Grund, weshalb ich gefragt hatte. Ich wundere mich, wozu du eine Wohnung brauchst, wenn du tot bist." Nocturn antwortete darauf nicht; stattdessen packte er wieder unsanft Youmas Arm und teleportierte ihn und sich innerhalb seiner privaten Wände.
Offensichtlich hatte Nocturn recht gehabt: 18 Jahre lang war in dieser Wohnung niemand gewesen. Sämtliche Möbel in dem großen, geräumigen ersten Raum waren mit weißen Laken bedeckt, die Vorhänge vor einem riesigen Fenster waren zugezogen, was zur bedrückenden und eintönigen Atmosphäre genauso beitrug wie die beigen Wände und der Teppichfußboden sowie die Luft, welche sehr abgestanden wirkte.
Links von Youma befand sich eine ordentlich aufgeräumte Küche, welche mit einer schlanken Theke von der großen Stube getrennt wurde, in welche man gelangte, nachdem man vier schmale Stufen hinter sich gelassen hatte. Zwar konnte Youma die eigentlichen Möbel nur erahnen, aber es war deutlich, dass die Stube nur aus einem Couchtisch, einem Sofa und vier Sesseln bestand - und einem eigenartigen Möbelstück, mit welchem Youma auf den ersten Blick nichts anfangen konnte, bis ihm klar wurde, dass es sich wegen der Form um einen Flügel handeln musste.
Besonders gemütlich oder privat angehaucht wirkte die Wohnung auf den ersten Blick nicht: die Wände waren kahl und nicht mit Bildern versehen, die Lampen einfallslos und simpel gehalten und nirgends war auch nur ein Buch oder ein Foto zu sehen oder irgendetwas anderes, was auf private Präferenzen hingedeutet hätte.
Youma wäre sehr daran interessiert gewesen, in einen der anderen Räume - insgesamt fünf weitere Türen waren zu sehen - zu gelangen und diesen zu untersuchen, doch er hielt sich an seine eigene Höflichkeit und zog es vor, Nocturn agieren zu lassen.
"Feullé... Black, pourquoi n'êtes-vous pas ici ? Où êtes-vous ?... Ils devraient être ici pourtant. Pourquoi ne le sont-ils pas ?… "1 Was auch immer Nocturn da vor sich hin murmelte, so verstand Youma nur so viel, dass er nicht zufrieden war mit dem, was er in seiner Wohnung aufgefunden hatte. Er hatte irgendein Problem; ein Problem, das seine Stirn in Falten legte, während er mit nassen Füßen seine Stube durchquerte und sich nun nachdenklich in dieser umsah. Nachdenklich legte er seinen langen Zeigefinger auf die Küchentheke und schien sich sehr negativ über den sich darauf befindenden Staub zu wundern:
"Personne n'a été ici. Tout est exactement comme je l'avais laissé il y a 17 ans... Feullé, mon Dieu, est-ce quelque chose t'est arrivé... ?" 2 Während er diese komische Worte vor sich hin murmelte und nicht auf Youmas hochgezogene Augenbrauen achtete, die mit dem Französisch natürlich nichts anfangen konnten, glitten seine roten Augen über die verhüllten Möbelstücke, bis es ihn plötzlich zu frösteln schien, womit ihm auffiel, dass er nicht mehr als einen Umhang trug - und schon steuerte er plötzlich auf ein Zimmer zu, welches rechts von ihm mit einer kleinen Treppe mit der Stube verbunden war und verschwand in diesem, womit er Youma alleine ließ. Natürlich dachte Youma nicht vom ersten Moment an, dass er diese Chance nutzen würde, um sich umzusehen, doch nach verstrichenen Sekunden dachte er sich, dass er womöglich das Badezimmer aufsuchen durfte und dies wohl nicht unhöflich war: Er benötigte dringend ein Handtuch. Natürlich wusste er nicht, welche Tür zum Badezimmer führte, doch er vermutete, dass es die Tür neben der Küche sein würde.
Kaum hatte er diese geöffnet, fand er jedoch schnell heraus, dass er falsch gelegen hatte und stirnrunzelnd öffnete er die Tür so weit, dass das fahle Licht des großen Fensters hinein gelangen konnte und seine Überraschung wurde immer größer, denn das, was er vorfand, war ganz offensichtlich das Kinderzimmer eines Mädchens.
Es war zwar viel kleiner als das geräumige Wohnzimmer, wirkte allerdings um einiges gemütlicher: die Wände waren mit verzierter rosa Tapete bezogen, welche perfekt zum Vorhang und zum Teppichboden passte. Ein kleines Himmelbett stand an der rechten Wand, dem Fenster gegenüber, unter welchem sich ein aufgeräumter aber beladener Schreibtisch befand; auf den Wandregalen hockten viele verschiedene Puppen, die mit den unterschiedlichsten Frisuren versehen waren. Was Youma allerdings viel mehr interessierte war ein eingerahmtes Foto auf dem ordentlich sortierten Schreibtisch.
Unauffällig horchte Youma, ob Nocturn noch in seinem Zimmer damit beschäftigt war sich umzuziehen und griff schon nach dem Bild, die Gedanken um Höflichkeit verdrängend. Auf dem Bild befanden sich drei Personen: ganz vorne im Bild stand offensichtlich Nocturn, wohl ein wenig jünger als jetzt, mit einem kleinen blonden Mädchen auf dem Arm, welche ihre Arme zwar freudig um seinen Hals gelegt hatte, aber eher schüchtern in die Kamera sah. Sie war unmöglich älter als 10, vielleicht sogar noch jünger. Die Person hinter ihnen war ein unsympathisch aussehender Dämon von stämmiger Natur und mit einem grimmigen Gesichtsausdruck. In der Hand hielt er einen bunten Ballon, was ihn nicht freundlicher aussehen ließ, sondern eher befremdlich aussah - allerdings lange nicht so merkwürdig wie dessen zackige Haare, über welche Youma wahrlich die Stirn runzelte und dabei das überaus kitschige Schloss im Hintergrund komplett übersah.
"Es gehört sich nicht, in das Zimmer eines Mädchens ungefragt einzudringen." Erschrocken fuhr Youma zusammen und wirbelte im nächsten Moment bereits herum, um den finsteren Blick Nocturns zu treffen, der tadelnd, aber auch verärgert in der Tür zum Kinderzimmer stand, bekleidet mit einem simplen schwarzen Rollkragenpullover, einer schwarzen Hose und einem Handtuch auf der Schulter, welches Youma auch gerne hätte, denn er hatte angefangen, in seiner nassen Kleidung zu frieren.
"Könnte ich womöglich auch ein Handtuch bekommen?" Nocturns Augen verengten sich verärgert, während er provozierend hinter ihn trat, um ihm zu bedeuten, dass er in diesem Zimmer nichts zu suchen hatte. Er antwortete nicht, sondern schloss die Tür ab, sobald sie das Zimmer verlassen hatten, weshalb Youma davon ausging, dass er ihm keines geben würde. Nocturn ging an ihm vorbei und steuerte wieder auf das Wohnzimmer zu; anscheinend wollte er den Vorhang öffnen, doch Youma unterbrach ihn, ehe er es tun konnte:
"Wer ist denn das Mädchen?" Nocturn verharrte einen Moment in seiner Bewegung und sah nur einen kurzen Augenblick über die Schulter, ehe er ihm antwortete, dass es ihn wohl kaum etwas anginge und ehe Youma weiter nachbohren konnte, zeigte Nocturn in Richtung des Ganges und zischte:
"Im Badezimmer am Ende des Ganges findest du Handtücher. Ich hoffe, sie haben Mottenkugeln." Nocturn lächelte spitz und mit falscher Höflichkeit; ein Lächeln, welches auch sofort verschwand, als die Wut wieder zum Vorschein kam:
"... und wage es nicht, dich noch einmal in der Tür zu irren!"


"Sobald dieses Gespräch zu Ende ist, wirst du von hier verschwinden und mir nie wieder unter die Augen kommen."
Mit diesen nicht besonders freundlichen Worten begann Nocturn das Gespräch, kaum dass Youma sich, nun trockener, in den schwarzen Sessel vor ihn hingesetzt hatte, dabei aus dem riesigen Fenster schauend, welches ein wahres Panorama zeigte, welches selbst Youma einen Augenblick faszinierte. Die Dunkelheit hatte sich nun über die Metropole gesenkt und doch war sie von abertausenden Lichtern hell erleuchtet, in deren Mitte der leuchtende Eifelturm herausragte und sich in den lilanen Abendhimmel emporstreckte. Es regnete nach wie vor, doch das raubte diesem Bild nicht die Schönheit, im Gegenteil: der Regen ließ dieses Panorama eher wie ein hübsches Aquarellbild wirken.
"Du kannst doch die Sprache der Wächter, nicht wahr? Es wäre mir lieber, in ihrer Sprache zu sprechen", fragte Youma freundlich; vielleicht etwas zu freundlich, denn wieder klang seine Stimme so, als würde er mit einem Kind reden und auch Nocturn blieb dieser Tonfall nicht unbemerkt:
"Du vergreifst dich im Ton", antwortete er nun in der Sprache der Wächter und Youma bemerkte sofort, dass er diese Sprache besser beherrschte als die der Dämonen, obwohl der eigenartige Akzent nach wie vor vorhanden war. Um die Stimmung ein wenig aufzulockern und ein hoffentlich anderes Ende zu erreichen als das, was Nocturn vorausgesagt hatte, entgegnete Youma mit einem höflichen Lächeln:
"Ich sehe ein, dass es ein wenig unhöflich von mir war, ungefragt in das Mädchenzimmer einzudringen, doch verstehe ich nicht ganz, weshalb du mir mit solchem Groll entgegentrittst. Solltest du nicht erfreut darüber sein, wieder am Leben zu sein? Ich denke, Dankbarkeit wäre angebracht."
"So, so, das denkst du also", antwortete Nocturn mit ironischem Hohn und mit geschlossenen Augen, welche er plötzlich öffnete und ihn zornig anfunkelte, ehe er ausführte:
"Ich bin dir allerdings alles andere als "dankbar"."
"Wieso? Ist das Leben nach dem Tod so lebenswert?"
"Ich habe keine Ahnung."
"Es ist ja nicht gerade so, als hätte ich dich fragen können."
"Gut, ich werde mir für das nächste Mal merken, dass ich anscheinend vermerken muss, dass ich gerne tot bleiben will."
"Meine Güte! Du solltest dich erfreut darüber zeigen, eine zweite Chance zu erhalten!" Da hatte Youma sich offensichtlich getäuscht wie er schnell bestätigt bekam, als er plötzlich spürte, wie eine zornige Faust sich um seinen Kragen schloss und Youma aus seiner eher gelassenen Pose, die Hände in seinem Schoß gefaltet, herausriss. Verächtlich durchbohrten Nocturns rote Augen die schwarzen Augen Youmas, die sich eher verdrießlich zeigten von dieser plötzlichen Handgreiflichkeit.
"Ich sag dir mal was, Monsieur wer-auch-immer-du-bist: Ich bin sehr zufrieden wie meine "erste Chance" geendet hat und benötige keine "zweite". Mein Tod war perfekt von mir inszeniert worden: bis ins kleinste Detail habe ich ihn geplant! Und bis auf ein paar kleine Makel war ich auch sehr zufrieden damit, wie er abgelaufen ist. Meine Nocturne mag unbeendet gewesen sein, ja, aber der Tod des Künstlers gibt seinem Stück erst einen gewissen Reiz. Ich bin mit meiner angebeteten White verendet, genau wie Aida und Radames in "Aida". Es war das perfekte Ende und ich habe es inszeniert! Ich benötige keine zweite Chance!" Ruhig, aber dennoch leicht angespannt, beschloss Youma zum einen, dass er es wahrlich mit einem sehr eigentümlichen Dämon zu tun hatte und dies führte ihn auch zum zweiten Schluss: er würde Plan A aufgeben, ihn zu seinem Partner zu machen. Das würden er und seine Nerven nicht überleben und er hatte nicht vor, dieses Gespräch noch weiter zu führen und damit noch mehr Nerven zu verlieren.
"Gut, ich sehe dieses Gespräch als beendet an. Du kannst dich ja noch einmal so herrlich umbringen, wenn dir so viel am Tod liegt. Ich bin gewiss der Letzte, der dich davon abhalten wird." Der Angesprochene ließ Youma postwendend los, welcher sofort seinen Kragen richtete und daher dem eigenartigen Benehmen Nocturns keine Aufmerksamkeit schenkte, welcher sich plötzlich wieder aufgerichtet hatte und sich nun mit seiner Faust am Fenster abstützte, ihm den Rücken zukehrend: während er dies tat, nuschelte er etwas, doch für Youma klang es nur wie unzusammenhängende Geräusche, denn er konnte die Sprache nicht verstehen. Verstehen konnte er Nocturn erst, als dieser nach verstrichenen Sekunden flüsterte:
"Du hast mich verflucht."
Für diese Worte hatte Youma nur ein Paar hochgezogene Augenbrauen übrig, denn er fand, dass Nocturn ziemlich melodramatisch war und einen Hang zur Übertreibung besaß. Dieser hatte ihm nach wie vor den Rücken zugekehrt und starrte verbissen aus dem Fenster, hinweg über das verregnete Paris.
In dieser Situation befanden sie sich sicherlich zehn Minuten lang: Youma darauf lauernd, ob sein schweigender Gesprächspartner etwas von sich geben würde und sich bereits fragend, ob er einfach aufstehen und gehen sollte, Plan B nun befolgend und diese Wiederbelebung rein als Zweck für das Brechen des Bannkreises ansehend. Doch gerade als er sich mit einem Räuspern erheben wollte, unterbrach ihn Nocturn:
"Warum hast du mich wiederlebt? Wozu brauchst du mich?" Youma zuckte ein wenig gleichgültig mit den Schultern, ehe er antwortete:
"Wozu spielt das noch eine Rolle? Ich dachte, ich solle nach unserem Gespräch verschwinden?"
"Beantworte einfach meine Frage", entgegnete Nocturn ein wenig genervt, doch Youma gefiel die Richtung des neuen Gespräches: Er hatte plötzlich das Gefühl, dass er Plan A vielleicht doch nicht aufgeben musste - auch wenn er dafür wahrscheinlich in Kauf nehmen musste, seine Nerven zu verlieren. Es war eben doch schwer sich selbst umzubringen; selbst für so einen übertriebenen Dramatiker.
"Ich habe dich wiederbelebt in der Hoffnung, du und ich wir könnten Partner werden." Offensichtlich verblüfft wandte Nocturn sich nun herum, doch seine Überraschung wurde schnell zu Argwohn:
"...Partner? Für was?" Wieder legte Youma seine schlanken Finger ineinander; die neue Stimmung des Gespräches entlockte ihm ein triumphierendes Lächeln, welches sein Selbstbewusstsein untermauerte, ganz wie ein Geschäftsmann kurz vor einer erfolgreichen Fusion zweier Firmen.
"Ich habe vor, eine Machtposition in der Dämonenwelt zu erlangen: die Höchste, um genau zu sein. Aber ich begnüge mich nicht damit, Lerous verschmutzten und abgenutzten Platz einzunehmen - nein, ich will viel mehr. Ich will Veränderung, ich will Revolution - ich will, dass der nächste Elementarkrieg der Letzte sein wird und ich werde dafür sorgen, dass er es sein wird. Doch ich bin keine Person, die daran glaubt, alles im Alleingang durchziehen zu können; ich bin nicht von der Macht des Einzelnen überzeugt. Daher habe ich dich wiederbelebt, weil ich glaube, dass du mir mit deinem Einfluss und deinen einzigartigen Fähigkeiten behilflich sein kannst."
"Révolution, eh?" Nocturn lachte in sich hinein, doch vollführte eine weniger begeisterte Geste, welche Youmas Lächeln gereizt erfrieren ließ.
"Und was ist dein Grund für so ein megalomanes Vorhaben?"
"Ich habe meine Gründe", erwiderte Youma knapp.
"Wow, wie überaus ausführlich. Aber ich verstehe schon: du bist zwar kein Dämon, aber misstrauisch bist du dennoch." Nun war Youma an der Reihe, überrascht zu sein und fragend blickte er Nocturn an:
"Wie kommst du darauf, dass ich kein Dämon bin?"
"Weil du eben keiner bist. Dafür muss ich deine Aura nicht spüren können. Deine Art, dich auszudrücken, zu gehen, Dinge anzufassen - ist eine ganz andere als unsere. Du bist alles andere, aber ganz sicher kein reinrassiger Dämon." Einen Moment lang schwieg Youma verblüfft und offensichtlich beleidigt wandte er sich ab und sah in eine andere Richtung. Erst nach einigen Sekunden, in denen Nocturn ihn von der Seite her aufziehend angegrinst hatte, erklärte Youma:
"Ich bin in der Tat ein Halbdämon, doch das spielt keine Rolle für mein Agieren. Ich habe mich für meine dämonische Hälfte entschieden und bereue diese Entscheidung nicht."
"Aber die andere ist die eines Wächters." Youma deutete ein Nicken an und wollte das Thema gerade beenden, weil er darüber wirklich nicht mit ihm reden wollte, als Nocturn schon fortfuhr:
"Ich dachte immer, so eine Bindung wäre unmöglich ... also, rein biologisch gesehen."
"Scheinbar nicht, würde ich mei-" Nocturn unterbrach ihn:
"Doch dein Element kann ich nicht ganz zuordnen." Youmas Augenbrauen zuckten kurz ärgerlich, doch er befahl sich selbst, ruhig zu bleiben:
"Das wundert mich nicht. Du wirst noch nie einen Wächter mit meinem Element getroffen haben, denn mein Element ist das der Dunkelheit."
"Der Dunkelheit? Waren die nicht ausgestorben?"
"Offensichtlich nicht, nicht wahr?", antwortete Youma mit einem giftigen Unterton, der Nocturn sagte, dass dies kein Thema war, über welches sein Gegenüber gerne mit ihm reden wollte, weshalb er das Thema wechselte, denn er wollte das Gespräch schnell beenden:
"Ich glaube, du hast dir den falschen Dämon ausgesucht, um ihn zum "Partner" zu machen; zum einen bin ich nicht dafür gemacht, im Team zu kämpfen und zum anderen bin ich auch nicht politisch engagiert: das Tun der Fürsten und ihre kleinen Machtspielchen interessieren mich nicht und was mit Enfer passiert ebenfalls nicht. Von mir aus kann diese Welt mit all ihren Bewohnern verrotten; auch der Krieg interessiert mich herzlich wenig." Er vollführte eine elegante Pose mit der Hand und fuhr schelmisch lächelnd fort:
"Du wirst dir wohl jemand anderen suchen müssen, wobei ich dir viel Glück wünsche. Ich werde dein Tun begeistert beobachten und wenn die Zeit reif ist, spiele ich Enfer gerne ein Requiem."
"Aber dich interessiert das Mädchen."
Nocturns Bewegungen verharrten, Youmas Augen verengten sich, abwartend, wie sein Gegenüber darauf reagieren würde. Vorerst verschwand nur Nocturns überzeugtes Lächeln und da Youma ihn aufmerksam beobachtete, bemerkte er, wie Nocturns Augen wieder durch die völlig unbewohnte Wohnung huschten.
"Nein", antwortete er dann nach kurzem Schweigen:
"Sie ist in Sicherheit. Sie ist bei Black. Ihr kann gar nichts passieren."
"Bist du dir da so sicher? Hattest du den Bannkreis in deinem ach so tollen Tod eingeplant?" Nein, hatte er nicht, dass sah Youma Nocturn deutlich an, als dieser plötzlich verunsichert wurde: eine Chance, die Youma sofort zu nutzen wusste:
"Du bist ja mit dem Aktivieren des Bannkreises gestorben und ich kann mir nicht so recht vorstellen, dass die Hikari dir vorher sein Wirken gänzlich erklärt hat, ansonsten wärst du nicht so sehr von der Sicherheit des Mädchens überzeugt. Nur Halbdämonen können den Bannkreis nämlich überschreiten, alle anderen Dämonen waren dazu gezwungen, in der Welt zu verweilen, in der sie sich nun gerade befanden. Dieser Black, war er ein Halbdämon? Nein; das sehe ich dir an. Was ist, wenn er auf der falschen Seite war? Natürlich weiß ich nicht, was für Pläne du geschmiedet hast, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass du das eingerechnet hast. Genauso wenig wie du darüber nachgedacht hast, was nach dem Bannkreis passieren könnte: was in der Dämonenwelt passiert ist. Krieg ist ausgebrochen; die Wasserbestände sind knapp. Wie alt war das Mädchen zu dieser Zeit? Und wenn dieser Black auf der falschen Seite war, war sie ganz alleine. Es wäre wahrscheinlich naiv davon auszugehen, dass das kleine Ding noch am Leben ist." An diesem Punkt wurde Youma von Nocturn unterbrochen: wütend wirbelte Nocturn herum; seine Augen feurig und zornig und seine Worte jede Höflichkeit vergessend:
"Halt die Klappe! Du hast keine Ahnung …" Aber Youma ließ sich von Nocturns Vokabular nicht abschrecken, auch nicht von dessen Wut:
"Oh nein, du hast keine Ahnung. Du hast dich frohlockend und verantwortungslos in den Tod gestürzt, ohne darüber nachzudenken, dass dein Plan, was das Mädchen anging, vielleicht nicht in Erfüllung gehen würde. Wusstest du überhaupt von dem Bannkreis?" Nocturn wollte gerade abermals wütend etwas einwerfen, doch Youma lehnte sich zurück und kam ihm mit gespielter Gelassenheit zuvor:
"Aber das geht mich ja auch in der Tat nichts an. Du hattest deine Pläne und vielleicht sind die ja auch aufgegangen? Wer weiß?" Oh, die verbohrte Unwissenheit in Nocturns Gesicht war so überaus deutlich zu erkennen und war eine wunderbare Belohnung für all die seelischen Anstrengungen, die Youma auf sich nehmen musste: wozu brauchte man Gewalt, wenn man durch wohlgeformte Worte …
"Es wird schon alles gut gegangen sein. Soll ich dich zur Tür bringen oder willst du dich direkt von hier aus nach Enfer3 teleportieren?" Verblüfft, fast schon schockiert, fiel Youma völlig von seinem selbstgefälligen Thron herab und starrte Nocturn völlig erschüttert an, nicht in der Lage, das Scheitern seiner Fähigkeiten auf dem Gebiet der Artikulation zu begreifen. Doch er war gescheitert - wie war das möglich!? - kläglich gescheitert und schneller als ihm lieb war, stand er bereits wieder draußen im sanften Nieselregen begleitet von einem "Au Revoir".
Doch Youma wäre nicht Youma, wenn er sich diese Niederlage gefallen lassen würde.
Er würde ihn zu seinem Partner machen! Koste es, was es wolle!



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1 "Feullé… Black, warum seid ihr nicht hier? Wo seid ihr? Sie sollten hier sein… warum sind sie es nicht…"
2 "Hier war niemand. Es ist alles so, wie ich es vor 17 Jahren verlassen habe... Feullé, mein Gott, dir wird doch wohl nicht...?"
3 Frz. "Hölle"