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Episode 62
  Episode 62: Widerhall
Das waren eindeutig zu viele schlechte Nachrichten auf einmal für Firey; sie war völlig überfordert, wusste gar nicht wohin mit ihren Gefühlen, nachdem Ignes ihr erklärt hatte, was es mit Tinamis Anklage auf sich hatte - so viele Tote... und die Zerstörung Min Intarsiers. Es war ihre Lieblingsinsel gewesen; so eine friedlicher, ruhiger, idyllischer Ort... sie war so gerne dort gewesen. Das letzte Fest der Elemente war dort gefeiert worden, an dem sie zum ersten Mal teilgenommen hatte und nicht umhin kam, sich schon beim ersten Besuch in die Insel zu verlieben. Was würde jetzt mit Tinami geschehen? Die ganzen Toten, so viele Familien auseinandergerissen... Grey war tot... Blue hatte ihn umgebracht, 848 Wächter waren gestorben...
Alles drehte sich im Kreis; ihr schwirrte der Kopf so sehr, dass sie einzuknicken drohte und daher von ihrem aufmerksamen Lehrmeister vorsichtshalber gestützt werden musste.
"Das ist so schrecklich... das ist alles so furchtbar schrecklich..." Ignes und Yuuki sahen sich besorgt an, wollten gerade versuchen, Firey irgendwie aufzuheitern, als eine Stimme schon die drehenden Gedanken in Fireys Kopf beiseiteschob:
"Firey! Endlich!"
"Green!" Ignes hatte Firey gerade noch im richtigen Moment losgelassen, um sich pflichtgemäß vor seiner Hikari zu verbeugen - doch das sah Green gar nicht, denn froh darüber, Firey wohlauf zu sehen, schloss Green ihre Freundin sofort in die Arme. Eine Umarmung, die Firey erwiderte, sobald die erste Überraschung über das plötzliche Auftauchen ihrer Freundin sich gelegt hatte.
"Ich bin so froh, dass du wieder wach bist und dass es dir gut geht!", rief Green freudig, ehe sie sich wieder voneinander lösten, sich beide erleichtert anlächelnd, für einen kurzen Moment alles Schreckliche verdrängend.
"Du hast wirklich ein perfektes Timing", erwiderte Firey schmunzelnd, nachdem Green nun auch Yuuki und Ignes begrüßt hatte:
"Ich habe das Zimmer gerade erst verlassen."
"Hehe, ich hab Silence darauf angesetzt, bei dir zu bleiben und mir sofort Bescheid zu geben, wenn du aufwachst." Silence war darüber alles andere als erfreut, aber das konnten die anderen Wächter zum Glück nicht sehen. Ihr Blick war momentan wirklich ziemlich finster, weshalb sie auch einen Kommentar nicht unterdrücken konnte:
"Ich bin nicht deine persönliche Botin, Green!" Silence sollte sich mal nicht so beschweren, dachte Green, sie nutzte ihre geisterhaften Fähigkeiten doch immer gerne aus...
"Für mich", korrigierte Silence Greens Gedanken:
"Für mich. Das war das erste und letzte Mal, dass ich sowas für dich mache. Eine einmalige Ausnahme!"
"Green?" Green schreckte auf; sie sollte sich dringend abgewöhnen mit Silence zu sprechen, wenn anderen vor Ort waren; es musste für die anderen sehr komisch aussehen, wenn Green plötzlich in die Luft starrte, Grimassen schnitt und nicht mehr antwortete. Silence brachte diese Bloßstellung natürlich zu einem Grinsen.
"Eh, ja?"
"Möchtest du nicht?"
"Was?"
"Ich hatte dich gefragt, ob du mit hinaus möchtest."
"Oh! Ja, doch, natürlich, gerne."
Beim zweiten Überlegen verfluchte Green sich; so froh sie auch über Fireys Genesung war, ein längeres Gespräch wollte sie eigentlich nicht mit ihr führen; jedenfalls nicht jetzt, sie hatte sich nicht seelisch darauf vorbereitet... sie hätte sich eine Ausrede einfallen lassen sollen, aber dafür war es jetzt zu spät.
Doch Firey wartete lange mit dem unvermeidlichen Thema; sie schwiegen sich den gesamten Weg hinaus aus dem Sanctuarian an, als gäbe es nichts, was zuerst besprochen werden durfte, als müsse das erste Thema Grey sein. Sie überquerten die Brücke, die das Krankenhaus mit der Hauptinsel verband; die Brücke war von den Kämpfen unbeschädigt geblieben, anders sah es mit vielen Teilen der Stadt aus. Green hatte Firey eigentlich von der Zerstörung wegführen wollen, kannte Sanctu Ele'Saces jedoch nicht so gut wie den Tempel und ohne es zu wollen führte sie die beiden zu einer kleinen Aussichtsplattform, von wo aus man sehr gut über die Insel sehen konnte.
Sanctu Ele'Saces hatte es im Vergleich zu Min Intarsier tatsächlich noch einigermaßen unbeschadet überstanden. Doch der Norden und Westen der Insel war sehr in Mitleidenschaft gezogen worden; die meisten Gebäude auf Sanctu Ele'Saces waren eigentlich in Weiß gehalten, doch der Norden und der Westen der Insel war nun schwarz und grau geworden, wie zwei Brandflecke auf einer weißen Karte. Von ihrem Aussichtspunkt aus konnten sie die Zerstörung leider sehr gut überblicken, die sich teilweise auch weiter hinein gezogen hatte in die Insel, wie Adern, die von den großen schwarzen Brandpulsen ausgingen. Häuser waren eingestürzt, in sich zusammengesackt, als wären sie nur Kartenhäuser gewesen, die gepflasterten Wege aufgerissen und das sonst so klare Wasser in den Kanälen wirkte von Weitem trübe und schmutzig. Es war kein schöner Anblick.
Green wandte sich von dem Zeugnis der Zerstörung ab und sah zu Firey.
Sie war so sensibel. Sie war wie ein Schwamm, der jeden Kummer der Welt aufsog. All das Leid sah Green nun in Fireys Augen, sah den Schmerz darin, das Mitgefühl, hörte, wie ihr Atem stockte, spürte beinahe ihren Kampf gegen ihre Tränen, als wäre es ihr eigener Kampf.
"Das ist alles so schrecklich... Ignes-sensei hat mir doch gerade gesagt, dass es allen gut geht, aber das stimmt doch gar nicht; sein Haus ist zerstört, es lag da unten am See..." Firey machte eine traurige Handbewegung zum Westen der Insel, wo tatsächlich kaum ein Stein auf dem anderen stand und die Stadt dort nun von großen Einschlaglöchern gezeichnet war.
"Es war so ein hübsches Haus..." Fireys Leid war ansteckend und sofort wollte Green ihre Freundin in den Arm nehmen, um sie zu trösten, aber zu ihrer Überraschung wich Firey ihren ausgestreckten Armen aus, sich die Tränen aus den Augenwinkeln wischend:
"Danke, Green, aber ich will nicht mehr umarmt werden; ich schaffe das, ich muss das schaffen - du brauchst es doch viel dringender als ich!"
"Nein, schon gut..." Green versuchte zu lächeln, aber das wirkte auf Firey nicht:
"Es ist überhaupt nicht gut! Es tut mir so leid, dass Grey gestorben ist... dass es auch noch..." Firey kam ins Stocken; sie wagte es plötzlich nicht, Blues Namen zu nennen:
"...und ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, wie ich dich trösten soll... es ist also alles überhaupt nicht gut!"
"Lass… uns bitte wieder gehen", war das einzige, was Green dazu sagen konnte, und ohne auf eine Antwort von Firey zu warten, die sie einfach nur verwirrt ansah, begann Green schnellen Schrittes in eine andere Richtung zu gehen; einen Moment lang glaubte Firey, dass ihre Freundin laufen, rennen wollte, denn sie musste sich ordentlich beeilen, um mit ihr Schritt zu halten - aber dann verlangsamte sie ihre Schritte wieder, als sie auf ein offenes Feld gelangten. Einige Wächter arbeiteten dort, überprüften den Schaden der wenigen auf Sanctu Ele'Saces gelegenen Plantagen und wahrscheinlich, inwiefern diese vergrößert werden mussten, nun da das Wenige, was Sanctu Ele'Saces gab, nicht den Verlust von Min Intarsier aufwiegen konnte, wo sämtliche Plantagen und Gewächshäuser vernichtet worden waren. Unter den vielen Wächtern war auch ein für Green unbekannter Hikari, der sich wohl solcher Aufgaben annahm und überaus beschäftigt aussah, während er ständig von einem Bein aufs andere wackelte, da er sich bereits auflöste. Es wäre wahrscheinlich ein witziger Anblick, wäre dies alles nicht so traurig.
"Firey, ich bin froh, dass du lebst. Du hättest jetzt auch tot sein können wie mein Bruder." Green war stehen geblieben, womit Firey sie nun einholen konnte, aber noch bevor sie etwas sagen konnte, fuhr Green schon fort mit Worten, die sie eigentlich unterdrücken wollte, die nun aber danach drängten, ausgesprochen zu werden:
"Da ist keine Selbstverständlichkeit; das ist… absolut keine Selbstverständlichkeit. Wäre Mutter nicht gekommen, um dich zu heilen, dann wärst du verblutet, nur weil ich nicht gut genug heilen kann." Verzagt sah Firey, wie Green ihre Hände zu Fäusten ballte:
"Heute Nacht war ich auf einem Schlachtfeld, keine Ahnung wo in der Menschenwelt - egal. Ich sollte Wächter heilen, damit sie weiterkämpfen können... es ging auch ganz gut, aber einer... einer ist gestorben. Ich konnte ihn nicht heilen, ich hatte seine Hand in meiner, ich konnte spüren, wie..." Ihre zitternde Hand wanderte zu ihrem Gesicht, aber es sah nicht so aus, als würde sie sich Tränen wegwischen müssen, sondern eher als würde sie ihre Augen bedecken wollen.
"Wir schweben alle in Lebensgefahr... ich kann so wenige beschützen, so wenige retten... und du gehst freiwillig nach Henel, bringst dich in noch größere Gefahr!" Nun drehte Green sich um und Firey sah, dass ihre sehr verzweifelte Freundin ihren Hals fixierte und sie erinnerte sich auf einmal wieder deutlich daran, wie Green sich vor langer Zeit bei ihr entschuldigt hatte dafür, dass sie die wahren Absichten der beiden Halbdämonenbrüder nicht eher erkannt hatte, dass sie Firey hineingezogen hatte…
"Es ist nicht deine Schuld!", rief Firey automatisch, als ihr dieser Gedanke durch den Kopf schoss, denn in Greens Augen sah sie wieder dasselbe Gefühl: immense Schuldgefühle, keine Verurteilung ihrerseits, weil sie sich unüberlegt in die Dämonenwelt gewagt hatte, sondern nur Schuldgefühle, immer nur Schuldgefühle…
"Diese Wunden, ich… ich habe sie nicht wegen dir, Green! Ich habe sie, weil ich unüberlegt war, weil ich Karou in die Hände gelaufen bin…" Green lachte ironisch:
"Das mag praktisch gesehen wahr sein, aber Nocturn hat recht." Eine Wolke schob sich vor die sowieso sehr grau wirkende Sonne und warf einen düsteren Schatten über Greens falsch lächelndes Gesicht, als sie antwortete:
"Es ist meine Schuld, dass du diese Hoffnung überhaupt in dir hast. Weil ich dumm und naiv war." Wieder hörte Firey ein eigenartiges, nicht zu Green passendes Lachen:
"Aber ich kann es dir nicht verübeln; vor einem Jahr habe ich immerhin genau dasselbe getan." Kaum hatte Green dies gesagt, wurde Firey von etwas abgelenkt, was sich in ihrem Augenwinkel bewegte: ein Wächter, der auf die beiden zusteuerte, Green hatte ihn noch nicht bemerkt, sie war zu sehr in ihre Schuldgefühle verstrickt, aber ihre Stimme hatte sich verändert, war leiser, war trauriger geworden:
"Tu das bitte nicht noch einmal… ich weiß, ich kann dich nicht aufhalten, genauso wenig wie ich aufzuhalten gewesen bin, aber bitte… lerne doch bitte, bitte aus meinen Fehlern. Du bist doch eigentlich vernünftiger als ich…"
"Hikari-sama." Green sah auf, als ihr Name genannt wurde und blickte den Wächter an, der mit ruhiger Stimme auf sich aufmerksam gemacht hatte: es war Ryô. Firey sah verwirrt vom einen zum anderen, denn sie verstand nicht, warum die beiden sich nur schweigend ansahen, anstatt etwas zu sagen. Aber obwohl sie nicht verstand, was in diesem Moment vor sich ging, spürte sie, wie die Stimmung sich entspannte, wie die Wogen wie von magischer Hand geglättet wurden.
"Ist heute etwa schon der 27. September?", fragte Green, nachdem einige Sekunden verstrichen waren, woraufhin Ryô den Kopf bedächtig senkte. Im Gegensatz zu Firey schien Ryô zu wissen, was Green meinte, denn er antwortete:
"In der Tat, wir haben den 27. September. Ich schlage vor, wir brechen auf... ich hatte 15 Uhr angekündigt." Firey wollte gerade fragen, wo Green ausgerechnet mit Ryô hinwollte - immerhin war er ja nicht ihr Tempelwächter - als plötzlich Ilang hinter Firey auftauchte. Zuerst erschrak Firey; nicht nur über ihr plötzliches Auftauchen, sondern auch über das Aussehen der Naturwächterin. Aber was erwartete Firey? Waren die schwarzen Schatten unter ihren Augen und die Dunkelheit dieser nicht normal, nachdem ihr Verlobter so plötzlich ermordet worden war?
"Bringt mir bitte meinen Tempelwächter wohlbehalten wieder zurück, Hikari-sama." Firey hörte diese Worte nicht, weshalb sie auch nicht darüber stolperte, dass Ilang Green nicht länger duzte, denn die Feuerwächterin war zu sehr von ihren eigenen Gedanken bedrückt, bis sie die Worte schließlich über die Lippen brachte:
"Mein... aufrichtiges Beileid, Ilang." Sie hielt nur kurz Augenkontakt, ehe sie zu Ryô sah, auf dessen Schultern Ilang ihre Hände gelegt hatte:
"Und dir natürlich auch, Ryô." Sofort kehrte die bedrückende Stille zurück: niemand schien auf diese traurigen Worte antworten zu können. Sie alle sahen Firey an, deren Augen glasig geworden waren, wie Green bemerkte.
"Es ist einfach... alles so schrecklich."
"Ja, der Krieg ist schrecklich", antwortete Ilang mit einem bitteren Unterton, der Firey erschreckte; aber noch mehr erschrak sie über das düstere Lächeln auf ihrem Gesicht.
"Aber für unsere Hikari zu sterben ist doch ein sehr ehrbarer Tod." Da Firey immer noch Ilang ansah, sah sie nicht, wie sich Greens Augen kurz schmerzhaft weiteten, anders als Ryô.
"Das ist doch..." Ilang machte eine kurze Pause, in der es Firey so vorkam, als würde auch sie Green ansehen:
"... unsere Pflicht als ihre Elementarwächter." Im Gegensatz zu Firey wusste Green ganz genau, was Ilang damit sagen wollte, doch trotz diesem Wissen antwortete sie nicht; sie wählte es, wegzusehen. Ilang schien noch etwas hinzufügen zu wollen, aber sie traf den Blick ihres Tempelwächters und schien es sich anders zu überlegen:
"Ich werde nicht an der nächsten Schlacht teilnehmen; ich werde zwar weiterhin meinen Posten als Elementarwächterin der Natur wahrnehmen, aber werde demnächst im Lazarett dienen, anstatt an die Front zu ziehen." Green stutzte sofort, aber Firey war schneller:
"Weshalb?"
"Ich bin schwanger", antwortete Ilang und zum ersten Mal, seitdem sie dazugestoßen war, lächelte sie genauso, wie Firey es von ihr gewohnt war; warm und mit Vorfreude, wenn auch mit einer Spur von Traurigkeit, die sie aber zurückdrängte, um diese Mitteilung mit gänzlich positiven Gefühlen zu füllen.
"Oh! Herzlichen..." Aber noch ehe Firey ihr freudestrahlend gratulieren konnte, verstand sie den dunklen Hintergrund der Schwangerschaft und die Traurigkeit schien sie erneut zu übermannen.
"Oh Gott..." Ilangs Lächeln war nun auch wieder traurig geworden, aber sie hielt dennoch tapfer stand.
"Ich möchte unser Kind nicht in Gefahr bringen." Green nickte:
"Natürlich, ich werde das mit meinen Verwandten schon klären. Keine Sorge..."
"Ich habe bereits mit Hikari-Shaginai-sama gesprochen. Es ist alles in die Wege geleitet worden. Dennoch, vielen Dank." Ilang verbeugte sich, anstatt Green direkt anzusehen und verabschiedete sich auch im gleichen Atemzug. Ohne Green noch einmal anzusehen, die über die Nachricht, dass Ilang einfach so Dinge mit ihrem Großvater "geklärt" hatte, ziemlich schockiert war, verabschiedete sie sich von Firey und Ryô und kehrte zu ihren Naturwächterkollegen zurück.

Fireys Herz war wahrscheinlich zu rein und noch zu unbefleckt, um Ilangs Verhalten sofort zu verstehen und während Ryô und Green genau wussten, was hinter dem Verhalten Ilangs steckte, sah Firey ihr nur verdattert hinterher; besorgt, eine so kalte Seite an einer Frau zu sehen, die sie nur mit einer warmen, freundlichen Art kannte. Ilang hatte ihr immerhin einst zugesprochen, was ihre Gefühle für Silver anging und sie hatte ihr im vergangenen Jahr auch oft geholfen und sie aufgemuntert… sie war wie die Mutter im Team. Firey fragte sich, ob sie der Naturwächterin hinterher rennen sollte - war es nicht jetzt sie, die Hilfe benötigte? - aber ihre Füße bewegten sich nicht. Irgendetwas an Ilang war mehr als nur Trauer gewesen; das spürte auch sie, selbst wenn sie keine Worte dafür fand. Doch selbst wenn sie die Worte dafür gefunden hätte, wäre Firey wohl nie auf den Gedanken gekommen, Green die Schuld für den Tod von Grey zu geben.
Eigentlich tat es gar nicht Not, dass Ilang es tat, denn Green war selbst gut genug darin, sich Vorwürfe zu machen; es war sehr schwer, diese zu verdrängen und als Ryô und sie an den Ort gelangten, den sie mit ihm hatte aufsuchen wollen, musste sie erst einmal schlucken - hier an dem Ort, wo die Sonne heiß vom Himmel herab strahlte, das Rascheln der Blätter zu hören war und ein kleines hölzernes Haus vor ihr lag, eingereiht in andere Häuser derselben Bauart. Die beiden Wächter standen auf einer schmalen Straße, die eher von Fahrrädern befahren wurde als von Autos und blickten beide auf das Haus ihnen gegenüber; in der unmittelbaren Nähe von ihnen hatte eine kleine Gruppe Kinder aufgehört zu spielen, als sie sie sahen - sie stutzten wohl über ihre Kleidung. Die beiden Wächter hätten wahrscheinlich daran denken sollen sich umzuziehen, aber angesicht des kommenden Treffens hatten sie es beide versäumt.
Green war lange nicht mehr in der Menschenwelt gewesen, um einer privaten Angelegenheit nachzugehen und eigentlich wollte sie auch nicht dort sein, was Ryô bemerkte, denn er schlug ihr vor, dass er es alleine würde tun können, doch Green lehnte ab; freundlich, aber entschieden. Und um ihm zu verdeutlichen, dass sie sich nicht von ihrem eigenen Zögern beirren ließ, schritt sie vor und öffnete das Gartentor.
Green war schon einmal dort gewesen; nein, eigentlich zweimal, denn sie hatte dieses Haus vor ihrem ersten Besuch schon einmal erblickt - nicht auf einem Foto, nein, sie hatte es in einer Erinnerung gesehen... in der Erinnerung ihrer Mutter. Es war das Haus von Kanoris Familie... das Haus, in dem heute noch Ciel, Greys Tante, lebte.
Die Zeit hatte das Haus verändert; es hatte seitdem sicherlich mehrere Anstriche hinter sich, unter den weißen Fenstern blühten andere Blumen als früher, aber das Gras sah noch genauso wild aus wie in der Erinnerung ihrer Mutter und wenn Green ihre Ohren spitzte war ihr, als könne sie die Klänge der Windspiele von der Terrasse her hören - dort, wo damals ihre Reise durch die Erinnerungen begonnen hatte.
Green schluckte, als sie daran dachte, wie Ciel reagieren würde, wenn Green ihr sagen musste, dass Grey... sie erinnerte sich noch sehr deutlich daran, wie sie bei Kanoris Tod reagiert hatte, wie aufgebracht sie gewesen war, dass sie White alle Schuld und Verantwortung für den Mord an ihrem Stiefbruder gegeben hatte. Grey hatte ein gutes Verhältnis zu seiner Tante gehabt; er hatte den Kontakt immer aufrecht gehalten, obwohl Ciel keine Wächterin und ein Treffen immer schwierig zu arrangieren gewesen war in Anbetracht von Greys vollem Terminkalender. Auch Green hatte sie getroffen - allerdings nur einmal, denn Shaginai hielt einen eisernen Griff um den Terminkalender seiner Schülerin und er sah natürlich nicht, was ein solcher Familienbesuch ihrem Fortschritt nutzen sollte.
Ciel und Green hatten sich damals vor vier oder fünf Monaten ganz gut verstanden; sie, die am Rande des Wächtertums lebte, die alle ihre Verwandten in einem Krieg verloren hatte, von dem sie immer wieder nur ein fernes Donnergrollen hören konnte, und Green, die in der Menschenwelt aufgewachsen war und nun die Welten gewechselt hatte.
Genau dies war der Grund, weshalb Green ihr die Nachricht persönlich überbringen wollte, ganz gleich ob Ciels Wut und Trauer sich nun dieses Mal gegen sie richten würde. Daher hatte sie Ryô bei einer Gelegenheit abgefangen und ihn gefragt, ob er sie begleiten würde; natürlich hatte er nicht abgelehnt, aber wenn Green so darüber nachdachte... war das nicht eigentlich ziemlich egoistisch von ihr? Sie hätte auch alleine dorthin finden können. Ihr Englisch war nicht einbahnfrei, aber es genügte für einfache Kommunikation; doch wenn sie ehrlich zu sich selbst war... sie hatte sich nicht getraut, Ciel alleine aufzusuchen.
Green zögerte, die Klingel zu betätigen. Sie sah noch einmal zu Ryô, der sie absolut nicht hetzen zu wollen schien, sondern geduldig wartete - wenn sie es gewünscht hätte, hätte er all seinen Schmerz für sie beiseite geschoben und es wahrscheinlich für sie übernommen.
Eine hübsch klingende Melodie ertönte, als Green endlich mit klopfendem Herzen die Klingel betätigt hatte; von innen hörten die beiden Wächter Gepolter und schneller als es Green lieb war wurde die Tür geöffnet.
Ein Lächeln tauchte auf ihrem Gesicht auf, als sie Ryô als erstes ausmachte, ihr Lächeln konnte er allerdings nicht erwidern und als sie Green sah, die ebenfalls nicht zu einem Lächeln fähig war... Grey nicht sah... da verstand sie sofort.


Ciel war nicht mehr das quirlige, pubertäre Mädchen, das Green damals in der Erinnerung ihrer Mutter kennengelernt hatte. Mittlerweile war sie vierzig, ihre blonden Zöpfe waren verschwunden, die Haare trug sie nun kurz und ein wenig ungepflegt, sie besaß immer noch eine gesunde Bräune, doch ihre Augen waren längst nicht mehr so strahlend wie früher. Nach einer gescheiterten Ehe lebte sie alleine in dem Haus, das sie von ihrem Stiefvater Kataron geerbt hatte; eine Tochter war aus der nicht gerade langwierigen Ehe hervorgegangen, doch diese lebte nicht bei ihrer Mutter, sondern in einem Internat; Green hatte sie bis jetzt nicht gesehen, was sicherlich auch kein Zufall war, denn Grey hatte ihr damals bei ihrem ersten Besuch erzählt, dass Ciel trotz ihrer Abneigung dem Wächtertum gegenüber verstand und respektierte, dass das Wissen um die Existenz des Wächtertums nicht für alle Menschen geeignet war. Sie hatte es selbst ihrer Tochter nicht erzählt.
Das Haus, welches Green als ein ordentliches in Erinnerung hatte, war nun ziemlich chaotisch und unaufgeräumt; überall lagen Sachen herum, Bücher stapelten sich auf dem Boden, verstaubten, standen im Weg herum. Das Sofa, auf welchem Ciel die beiden Wächter platziert hatte, musste erst einmal freigeräumt werden, damit die beiden überhaupt Platz nehmen konnten. Green erinnerte sich nicht mehr daran, als was Ciel arbeitete… war es nicht Archäologin gewesen?
Während Ciel ihren Weg durch das Wohnzimmer fand - wahrscheinlich auf der Suche nach Gläsern, um ihnen etwas zu trinken anzubieten - sagte sie kein Wort, nicht einmal wenn sie bei ihrer Suche etwas zu Boden warf. Ryô schien es dabei gar nicht wohl zu gehen; es schien ihn richtig nervös zu machen, einfach nur zu warten, anstatt ihr unter die Arme zu greifen oder die Arbeit gleich selbst zu übernehmen, ganz ungeachtet, ob dieses Haus unter seine Verantwortung fiel oder nicht. Aber obwohl er jede ihrer hektischen Bewegungen angespannt mit den Augen verfolgte, hielt er sich zurück, denn er hatte schon gefragt, ob er ihr helfen solle und sie hatte mit einem Kopfschütteln abgelehnt. Es schien auch so, als wäre es Ryô unangenehm, auf dem Sofa neben Green zu sitzen, anstatt seine gewohnte Position hinter dem Möbelstück einzunehmen - aber in diesem Haus war er Gast genau wie Green und nicht ihr Anhängsel, auch wenn ihm das wirklich schwerzufallen schien.
Green musste angesichts von Ryôs Bemühungen ein wenig schmunzeln, doch die Niedergeschlagenheit hatte sie schnell wieder, als sie auf dem Tisch eine sepiafarbene, eingerahmte Fotografie bemerkte, aufgestellt auf einem alt aussehenden Buch. Sie sah Kanoris strahlendes Grinsen allerdings nur kurz, ehe Ciel sie unterbrach, indem sie endlich ihre Stimme benutzte:
"Ich finde jetzt einfach keine Tassen, es gibt also keinen Tee. Tut mir leid, ich weiß, ihr Wächter trinkt nur Tee… Ich hoffe, Orangensaft ist auch okay." Green nickte und bemerkte aus den Augenwinkeln, dass Ryô errötete, als er ebenfalls nickte; er hatte fast übersehen, dass Ciel ihn genauso sehr angesprochen hatte wie Green. Wieder musste Green lächeln: trotz der traurigen Umstände war es vielleicht gar keine so schlechte Idee gewesen, Ryô mitzunehmen: es kehrte ein wenig Lebendigkeit in ihn zurück.
Green wollte Ciel gerade antworten, dass sie sich sehr über den Orangensaft freute, weil es sie an ihre Mutter und Kanori erinnere, als Ciel sie wieder in die harte Realität zurückholte, sobald sie den Orangensaft gebracht und sich ihnen gegenüber hingesetzt hatte.
"Wie ist Grey gestorben?" Ein kurzes Zucken brachte den Orangensaft in Greens Glas zum Beben. Sie war auf diese Frage vorbereitet gewesen; warum war ihr Hals dann jetzt so trocken?
"Er wollte dich beschützen, nicht wahr?" Green, die auf ihr Glas heruntergeschaut hatte, sah nun wieder auf, blickte in das ernste Gesicht der Frau ihr gegenüber, die wahrscheinlich schon zu viele Todesnachrichten aus dem Wächtertum erhalten hatte, zu viele Erfahrungen in ihrem Leben gesammelt hatte, um ihrer Trauer in Form von Tränen nachzugeben. Stattdessen zeigte sie sich ernst, aber ein direkter Vorwurf schien es nicht zu sein - es war eher eine Feststellung.
"Die Untersuchungen zum genauen Tathergang sind noch nicht abgeschlossen", antwortete Ryô anstelle von Green, die ihn nun überrascht ansah.
"Aber Ryô, wir wissen doch dennoch, dass es... wegen mir... Ilang hat doch recht..." Ryô, der natürlich Ciel angesehen hatte, weil sie es gewesen war, die er angesprochen hatte, sah nun seitlich zu Green und war auch gerade im Begriff zu antworten, als Ciel ihm zuvorkam:
"Grey und Kano waren sich... wirklich sehr ähnlich. Grey war zwar…" Sie lachte ein wenig, voller Schmerz und Trauer:
"…weitaus vernünftiger als sein Vater, aber auch er stellte das Leben derer, die er liebt, höher als sein eigenes." Ciel nahm hastig einen Schluck von ihrem Getränk, ohne auf die unterschiedlichen Augenpaare zu achten, die sie überrascht ansahen.
"Aber warum nur... müssen sie bei ihrer selbsternannten Aufgabe, ihre Lieben zu beschützen, nur..." Die Stimme Ciels versagte kurz und von der alten Trauer, die sich mit der neuen vermischte, plötzlich übermannt, musste sie sich die Hand vor den Mund halten, um weitere Zeugnisse ihrer Trauer zu unterdrücken. Green kannte diesen Kampf nur allzu gut.
"Ich habe mir schon gedacht, dass Grey dich um jeden Preis beschützen würde, auch wenn es sein Leben kosten würde... es überrascht mich nicht, dass du es bist, für die er sein Leben gegeben hat. Du warst ihm schon als Kind so unglaublich wichtig. Er hat immer von dir gesprochen… von seiner kleinen Schwester…" Green wollte das nicht hören. Es schmerzte; diese Worte, die ihr wieder einmal sagten, wie bedingungslos Greys Liebe zu ihr gewesen war. Es war schrecklich, der Schmerz sollte endlich aufhören, aber--- das war wohl ihre Strafe. Die Strafe für ihr Blindsein. Für ihre Naivität. Für ihren Egoismus.
Green war plötzlich so von ihren Gefühlen übermannt, dass sie nicht bemerkte, wie Ryô und Ciel sie schweigend musterten - sie erschreckte sich daher auch, als Ciel ihr Wort an sie richtete:
"Du machst dir Vorwürfe, oder?" Green antwortete nicht. Sie blickte einfach nur mit verschwommenen Augen auf das eingerahmte Bild von Kanori, sah seinen leblosen Körper vor sich, sah Greys vor sich.
"Warst du dabei?", fragte Ciel und als Green immer noch keine Reaktion zeigte, wollte Ryô gerade antworten - doch Green kam ihm zuvor, indem sie mit dem Kopf schüttelte.
"Gab es etwas, was du von Weitem für ihn hättest tun können?" Wieder war Green nicht zu einer Antwort fähig; stattdessen verkrampften sich ihre Finger um ihr Glas. Sie hätte nun die Möglichkeit, sich all ihrer Schuld zu entladen, sich zu entlasten, zu hören, dass das alles nicht ihre Schuld war, dass sie nichts hätte tun können… aber anstatt dieses Rettungsseil zu ergreifen, antwortete Green:
"Es stimmt… ich war nicht dabei, ich hätte ihm nicht helfen können, aber... es ist einem alten, sehr dummen, dummen Fehler von mir zu verdanken, dass Grey... gestorben ist und das... kann man nicht schönreden, so sehr ich es auch... gerne würde."


Green hatte eigentlich erwartet, dass Ciel sich wie ein Raubvogel auf diese Information stürzen würde, aber das hatte sie nicht getan; sie hatte einfach nur geschwiegen und genickt, ohne die Gelegenheit zu nutzen, ihre Schuldgefühle zu vergrößern, so wie sie es als Fünfzehnjährige in Whites Fall getan hatte.
"Weil Ciel-san weiß, dass die Frage der Schuld Grey-sama nicht zurückbringen wird, genauso wenig wie sie Kanori-sama zurückgebracht hat… Trotz so weniger Informationen hat sie verstanden, dass Grey-sama den Kampf selbst gewählt hat... er hat selbst gewählt, sein Leben einzusetzen." Green und Ryô standen wieder draußen auf der Straße, gebadet im Licht der untergehenden Abendsonne; es war noch heiß, aber dennoch fror Green.
"Etwas, was Ilang-sama leider noch nicht verstanden hat..." Green drehte den Kopf zu Ryô und die Antwort überraschte den Tempelwächter wenig:
"Ausgerechnet du, Ryô... ausgerechnet du solltest mir wirklich grollen. Du solltest nicht versuchen, mich aufzuheitern. Du solltest mich hassen."
"Das könnte ich nie." Ein Rauschen ging durch die Blätter der hohen Eichen, deutlich war der Wind nicht nur zu spüren, sondern auch zu hören… wie er mit den Haaren der beiden Wächter spielte, die Stimmen der Kinder verwischte, den Blättern eine Stimme verlieh.
"Ihr wart die wichtigste Person in Grey-samas Leben. Wie könnte ich die Person hassen, die ihm so viel bedeutet hat?" Völlig verdattert, völlig gerührt starrte Green den goldenen Tempelwächter mit dem großen Herzen an, ohne zu einer Antwort fähig zu sein; sie wollte weinen, wollte sich ihm in die Arme stürzen, doch sie hielt es nicht für fair, diesen Drängen nachzugeben, wo er doch so tapfer war... und wenn er so tapfer war und seinen Schmerz zurückhielt, dann musste sie sich ein Beispiel an ihm nehmen, anstatt ihm auch noch ihre Trauer aufzubürden. Alles andere war unfair.
Green versuchte, sich unauffällig die Tränen aus den Augen zu wischen, aber natürlich blieb es Ryô nicht unbemerkt; doch er kommentierte es nicht, ließ ihr den Moment, um sich zu sammeln.
"Du bist einfach zu gut für diese Welt, Ryô!" Sie lachte, als sie dies sagte und spielte eine gute Laune vor, die der Tempelwächter durchschaute; dennoch kam er nicht drum herum zu lächeln und spürte auch schon, wie sein Gesicht sich wärmend errötete, obwohl er diese Worte schon mehr als einmal gehört hatte… die beiden Geschwister waren sich wirklich in einigen Aspekten ähnlich.
Ein frischer Wind und die späte Uhrzeit hatte die Kinder von der Straße vertrieben; die Sonne war hinter den Baumkronen verschwunden und langsam näherte sich der Abend. Ryô wollte gerade vorschlagen, dass es womöglich das Beste sei, zurückzukehren, als er bemerkte, dass etwas die Aufmerksamkeit seiner Hikari erregt hatte. Mit einem ernsten Blick sah sie die Straße herunter, wo nun mittlerweile niemand mehr war; spürte sie etwas, was er nicht spürte?
Die Frage, was es war, was Green so ablenkte, stellte Ryô nicht - stattdessen beobachtete er sie, sah zu, wie die Hikari sich plötzlich von der Straße abwandte und in den nun recht düster wirkenden Wald hineinsah, der beinahe direkt an die Straße anschloss, als wäre es das Bestreben des Waldes, die Straße in sich aufzunehmen.
"Ich weiß, wir müssen zurück…", flüsterte Green, doch der Wind trug ihre Stimme zu dem hinter ihr stehenden Tempelwächter:
"… aber hättest du etwas dagegen, wenn ich noch einmal kurz in den Wald hineingehen würde?" Nun konnte Ryô seine Frage nicht zurückhalten; immerhin musste er sich vergewissern, dass Green sich nicht in Gefahr brachte:
"Weshalb, wenn ich fragen darf, Hikari-sama?" Die Angesprochene antwortete nicht sofort; sie zögerte es auszusprechen, wie es Ryô vorkam, weshalb er ihr zuvorkam:
"Solange Ihr Euch nicht in Gefahr bringt…"
"Das tue ich nicht."
"Dann werde ich hier warten, wenn das Euer Wunsch ist." Green blickte lächelnd über ihre Schulter zurück:
"Ich beeile mich."


Im Wald war es dunkel und still. Nur ein Blick nach oben zeigte einem einige orangeleuchtende Lichtstrahlen, die die langsam untergehende Sonne noch hineinzusenden vermochte; doch unten, zu Füßen der großen Eichen, war der Wald in ein tiefes undurchdringliches Dunkelgrün getaucht. Selbst dem Wind gelang es nicht, durch die Bäume zu schlüpfen. Eine unglaubliche Ruhe umgab Green; nur hier und da hörte sie das Rascheln der Tiere, das Zeugnis des Lebens in diesem Wald, oder vernahm ihre eigenen Schritte.
Green wusste gar nicht, was sie von diesem kleinen Ausflug ins Dickicht erwartete - das automatische Losspielen einer Nocturne, als würde sie genauso hierhin gehören, wie die Bäume und die hier lebenden Tiere? Irgendetwas, das einem sofort mitteilte, dass es eben dieser Wald war, in dem Kanori ermordet worden war? Dass es in diesem Wald war, wo alles angefangen hatte?
Natürlich war es nichts anderes als ein normaler Wald; höchstwahrscheinlich ging sie sogar einen komplett anderen Weg als White damals, geführt von Nocturns Flötenspiel - aber vielleicht auch nicht. Vielleicht führte ihr Instinkt, oder ihr Element, sie genau denselben Weg, den sie damals voller Angst und Sorge um Kanori zurückgelegt hatte?
Aber selbst wenn, was sollte das nützen? Dieser Ausflug in die Vergangenheit brachte ihr nichts anderes als Ärger mit ihrem Großvater ein, weil sie mittlerweile schon fünf Minuten zu spät war. Nun, er würde warten müssen, denn Green ging wie immer ihrem Gefühl nach - und ihr Gefühl sagte ihr, dass sie dorthin wollte, wo Kanori gestorben war.
Mit der Hilfe von ein wenig erhellender Lichtmagie fand sie den Ort tatsächlich. Natürlich hätte sie sich irren können, aber genau wie ihre Mutter hatte auch sie bemerkt, dass der Wald auflichtete, dass die Bäume nicht länger dicht an dicht standen und wahrscheinlich wäre sie genauso ahnungslos den niedrigen Klippenvorsprung heruntergefallen wie ihre Mutter, wenn sie nicht darauf vorbereitet gewesen wäre. Ein kleines Fleckchen unberührter Erde lag unter ihr, umringt von den hohen Bäumen des Waldes, die in diesen Erdrutsch nahezu hineinblickten, wie Green es jetzt tat. Nichts deutete hier auf das hin, was White in dieser Nacht gesehen hatte; nichts auf das nie endende Trauma, den nie endenden Albtraum, der hier begonnen hatte. Was hatte Green erwartet? Überreste von Blut? Nach so vielen Jahren? Ein Kreuz, eine Erinnerung, ein Überbleibsel an den hier verstorbenen Kanori? War er überhaupt hier gestorben? Hier hatte White nur seine Leiche gefunden… aber hatten er und Nocturn sich hier überhaupt bekämpft? Wusste White das? Wollte sie es überhaupt wissen? Es gab keinerlei Anzeichen auf einen Kampf… Green wusste natürlich nicht viel über Kanoris Kampfstil, aber wenn er ein wenig so gewesen war wie Greys - was sie vermutete, da sie immerhin dieselbe Waffe benutzt hatten - würde man dann, bei der Gewalt dieser Attacken, nicht selbst nach so vielen Jahren noch Anzeichen der damaligen Zerstörung erahnen?
Doch hier sah alles gänzlich unberührt aus… ja, sogar unschuldig mit den blühenden Buschwindröschen rings um den Erdrutsch herum. Von Weitem hörte Green eine erwachende Eule und ein kurzes Rauschen des Windes. Im Tageslicht war der Wald sicherlich sehr schön… und waren Kanori und ihre Mutter nicht auch durch eben diesen Wald mit dem Fahrrad gefahren? Selbst in Greens Gedächtnis war diese gänzlich unschuldige, von zarter Liebe erfüllte Erinnerung nur verschwommen, übertüncht von der hier verübten Grausamkeit.
Und Green sagte es wieder; sie sagte genau dasselbe wie damals, als Grey ihr zum ersten Mal von dem Mord an Kanori erzählt hatte, als sie zum ersten Mal von dem Monster gehört hatte, das ihrer Mutter das angetan hatte - nur dieses Mal wusste sie, von wem sie sprach, sie hatte ein Bild vor Augen, als sie diese Worte voller Hass und Wut in die Abendluft hinausspie:
"Dieses Arschloch!"
"Was für eine überaus unschöne und unhöfliche Betitelung!" Greens Körper erfror zu Eis, als sie diese Stimme hörte. Sie wollte sich eilends umdrehen, denn obwohl sie seine Aura nicht spürte, war die Stimme hinter ihr zu hören gewesen, doch sie konnte nicht, denn sie war im ersten Moment zu geschockt, wie nah er ihr ohne ihr Bemerken gekommen war - seine Skeletthände tauchten plötzlich an ihrem Kopf auf, von hinten, als würde er ihren Kopf mit Hilfe seiner langen, dürren Finger umschließen wollen.
Doch da setzte ein Stoß des Ekels Greens Körper wieder in Bewegung; sie wirbelte herum, sah für einen kurzen Moment Nocturns glühende rote Augen, ehe sie rückwärts zurückwich und tatsächlich den Hang herunterstürzte.
Hämisch und erfreut ertönte sofort Nocturns Lachen:
"Grazil! Wirklich, überaus grazil!" Die Hikari achtete nicht auf diese spöttische Bemerkung; zu ihrer Schande bemerkte sie wieder den Angstschweiß auf ihrer Haut und die Bewegung, mit der sie ihr Glöckchen umwandeln wollte, war fieberhaft - aber sie kam nicht weit. Sie hielt ihr Glöckchen gerade in der Hand, als eben diese Hand erstarrte und ihr nicht länger gehorchte.
"Ich bin nicht zum Kämpfen hier, fille. Ein Kampf mit dir lohnt sich nicht, inspiriert mich nicht. Also bitte ich dich höflich - wenn du weißt, was das für ein Wort ist! - dein Glöckchen nicht umzuwandeln, um uns beide diese langweilige Peinlichkeit zu ersparen." Wieder entfloh ihm ein hämisches Lachen, von welchem Green ihn nicht abhalten konnte; er erlaubte ihrem Körper nicht einmal das Aufstehen, denn sein Lächeln verriet, dass er es genoss, sie dort am Waldboden zu sehen.
"Ich habe sowieso nicht viel Zeit. Ich möchte Feullé nämlich nicht gerne unnötig warten lassen… wir waren gerade in einem Café, als ich deinen kleinen Ausflug in die Vergangenheit bemerkte." Tatsächlich sah Green erst jetzt, dass Nocturn in alltäglichere, menschlichere Kleidung gekleidet war, anstatt in seine Uniform - ein komischer Kontrast zu seinen absolut nicht menschlichen Augen, die immer noch eine boshafte Entzückung andeuteten angesichts von Greens Hilflosigkeit.
"Woher wusstest du, dass ich hier bin?"
"Was für eine langweilige Frage", antwortete Nocturn enttäuscht klingend, während er galant heruntersprang und direkt vor ihr landete. Wieder einmal führte er ihr vor, wie perfekt und stählern seine Puppenfäden waren, denn als er seine Hand ausstreckte, um der immer noch am Boden Hockenden aufzuhelfen, da nahm Greens Körper die Hand ohne Bedenken an. Wie sehr sie ihren Körper dafür hasste und wie sehr sie sich vor dieser Aktion ekelte, schrien ihre Augen förmlich, was Nocturn nur mit einem Grinsen und einem festen Handgriff erwiderte.
"Weil ich deine Gedanken lesen kann, selbst wenn du im Tempel bist und ich in Paris. Nicht dauerhaft, das würde sicherlich für Kopfschmerzen sorgen, haha! - aber mit ein wenig Konzentration ist das für mich ein Kinderspiel und so wie mich mein sogenannter "Partner" momentan langweilt…" Er zog ihr Gesicht näher an seines heran, sein grinsendes, spitzes Gesicht spiegelte sich in ihren immer kleiner werdenden Augen:
"Ich brauche nur ein wenig intensiveren Körperkontakt, das ist alles." Nocturns Lächeln wurde schmaler und breiter, umso mehr Angst sich in Greens Augen zeigte.
"Und unser "Kampf" war, so langweilig wie er auch war, dafür völlig ausreichend, fille." Dann ließ er sie los; er ließ sie sogar förmlich fallen, denn plötzlich erhielt Green die Kontrolle über ihren Körper zurück. Diese neugewonnene Kontrolle benutzte sie sofort, um Sicherheitsabstand zu nehmen, anstatt ihr Glöckchen umzuwandeln, denn ein Gefühl sagte ihr, dass er das auch ein zweites Mal blockieren würde.
Nocturn hatte den Kopf schiefgelegt und sie bei ihren hastigen Bewegungen lächelnd beobachtet; er schwieg einige Sekunden, was Green absolut nicht ruhiger machte und das, was er schlussendlich sagte, gab ihr auch tatsächlich einen Stoß:
"Jetzt stehst du genau da, wo der Kaze seinen letzten Atemzug gemacht hat."
"Du bist so ein verdammt abartiges Monster!" Nocturn lachte über diese verzweifelte Wut Greens und antwortete:
"Ich glaube, dein Großvater sollte dir lieber Manieren beibringen, anstatt dich in Kampfkünsten zu unterrichten - obwohl beides wohl vergeudete Liebesmüh ist, aber die Hikari haben ja die Ewigkeit Zeit, hahahaha!" Diesen Witz schien er unheimlich unterhaltsam zu finden, bis er plötzlich selbst das Thema wechselte:
"Mir war gar nicht bewusst, wie viel du über diesen Ort weißt, fille! Auch ich kehre gerne an die Orte zurück, die mir… etwas bedeuten." Er legte den Kopf auf seine Schulter und ließ seine roten Augen über das kleine Waldstück schweifen:
"Und dieser Ort ist mir wirklich sehr wichtig. Er ist sehr schön, sehr inspirierend, nicht wahr? Er ist der Ort des Anfangs. Hier habe ich meine White nach all den Jahren wiedergesehen, unser erster richtiger Kampf fand statt. Mein erster Mord; das erste Mal ist immer etwas Besonderes. Gut, ich habe vorher schon getötet, aber nicht… so." Aus dem Profil heraus sah er wieder zu Green zurück, die ihn wie hypnotisiert anstarrte; eine Mischung aus Schock, Hass und Furcht vereinte sich in ihren Augen.
"Wenn du schon hier bist - willst du nicht wissen, wie ich den Kaze umgebracht habe? Willst du nicht wissen, warum es hier keine Zeugnisse eines Kampfes gegeben hat? Ich kann dir sagen, dass es nie welche gegeben hat. Denn es gab keinen Kampf. Dieser ach so stolze Wächter mit seiner ach so glorreichen Laufbahn, mit seinem perfekten Leben, konnte nichts…" Seine Augen wurden kleiner, wahnsinniger;
"… aber auch gar nichts gegen mich ausrichten." Plötzlich und ohne jegliche Vorwarnung oder Andeutung schoss Nocturns Hand hervor, packte Greens Kopf, grub sich in ihre Haare, seine Fingernägel kratzten ihre Kopfhaut auf-----
"Du scheinst ja Ausflüge in die Erinnerungen anderer Leute zu mögen, fille! Was hältst du von einem weiteren? Ich kann dir ganz genau zeigen, was passiert ist, nachdem ich den lieben Kanori auf der Straße, hihihi, getroffen habe, was in diesem Wald passiert ist, was hier passiert ist! Ein wahres Kunstwerk sage ich dir, ein Kunstwerk!" Greens panische Augen waren Antwort genug, aber zu einem Kopfschütteln war sie nicht in der Lage; zu fest war Nocturns Griff----
"Oh, das wird witzig---"
"Hikari-sama?" Sowohl Nocturn als auch Green schreckten auf, als sie das Rufen Ryôs hörten, der ihr nun wohl hinterher gekommen war - anscheinend hatte sogar Nocturn ihn vorher nicht bemerkt. Voller banger Vorahnung und der Hoffnung, Ryô möge sie nicht finden, sich nicht in Gefahr bringen, sah Green, wie Nocturn den Kopf zum Ursprung der Stimme herum drehte. Sein Lächeln war verschwunden, der Griff um ihren Kopf zwar immer noch schmerzhaft, aber nicht mehr so eisern. Er sah nachdenklich aus, schwieg kurz und wandte sich dann wieder Green zu:
"Wir müssen es wohl auf einen späteren Zeitpunkt verschieben. Ich habe jetzt ohnehin keine Zeit. Feullé! Oh, deine schlechten Manieren sind ansteckend, fille!" Damit wandte er sich beschämt von sich selbst von der Hikari ab, die sofort rückwärts taumelte, sich schon freute, von dem Dämon wegzukommen, als sie sich offensichtlich zu früh freute, denn plötzlich drehte er sich noch einmal ruckartig zu ihr herum:
"Warte, mir kommt da eine Idee: es war wahrscheinlich ein Fehler von mir, dir davon zu erzählen, dass ich deine Gedanken über große Distanz verfolgen kann - ja, ich denke, das war ein Fehler. Komm nochmal schnell hierher, fille, ich mach das rückgängig, erlaube mir einen kleinen Eingriff, dauert nicht lange und wird nicht weh tun…"


Als Ryô Green nach fünf Minuten Suchen fand, saß sie mit den Händen am Kopf am Boden, alleine, genau dort, wo Ryô wusste, dass man Kanoris Leiche gefunden hatte.