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Episode 63
  Episode 63: Das Herz des Großvaters
Wie Tinami erwartet hatte, fand sie ihre kleine Schwester schwimmend vor; leider auf Sanctu Ele'Saces, weshalb Tinami durch die in Mitleidenschaft gezogene Stadt gehen musste, um zu Azura zu gelangen. Die gefallenen Wächter waren zwar ins Sanctuarian gebracht worden und die Aufräumarbeiten hatten bereits begonnen, aber dennoch sah man der Stadt deutlich die Narben des Krieges an. Zerstörte Häuser. Wege, die unpassierbar waren. Wächter, die um verstorbene Familienmitglieder trauerten.
Die Verurteilte versuchte, nichts zu sehen. Sie versuchte, sämtliche Schuldgedanken aus ihrem Kopf zu verbannen; sie wollte angesichts der Schwärze, die sie umgab, grinsen, wollte ihren Problemen entgegenlachen, wie sie es sonst immer getan hatte... aber wie könnte sie? Wie könnte sie es, wo sie doch wusste, dass all dies, die Zerstörung ihrer Heimat, der Tod so vieler Wächter, hätte verhindert werden können, wenn sie diesen einen Fehler nicht begangen hätte?
Wenn dieser Fehler niemals geschehen wäre, wäre auch ihre Schwester nicht beinahe vergewaltigt und daraufhin sicherlich entführt oder getötet worden. Azura müsste sich nicht, wie sie es jetzt tat, manisch in jeder freien Minute ins Wasser stürzen, weil sie das Gefühl hatte, es nur so abwaschen zu können. Die Wächter machten Tinami noch keine Vorwürfe - weil sie es nicht wussten - und auch Azura machte ihr keine, versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, aber es gelang ihr nicht. Ihr unruhiger Schlaf der letzten beiden Nächte verriet sie; die Tatsache, dass sie die erste Nacht aufgewacht war und sich daraufhin auf Zehenspitzen ins Badezimmer geschlichen hatte, um dort mehrere Stunden unter der laufenden Dusche zu stehen... sie wollte ihrer großen Schwester keine Sorgen bereiten. Sie tat so, als wäre sie so abgehärtet wie Kaira, die eine ganz strikte Meinung dazu hatte. "Das gehört zum Krieg. Das passiert. Werde stärker und räche dich." Sie wollte Tinami keine Vorwürfe machen... aber tat sie es nicht dennoch? Hatte sich gegen ihren Willen irgendwo in ihrem Kopf der kleine Gedanke eingenistet, dass das alles nicht geschehen wäre, wenn ihre große Schwester nicht gescheitert wäre?
Tinami verlangsamte ihre Schritte, als sie an dem von kleinen Lampions erhellten Bootssteg angekommen war. Im violetten Abendlicht lag der große See Sanctu Ele'Saces mit einer gänzlich blanken Oberfläche vor ihr, bis ihre Schwester einer Meerjungfrau gleich aus dem Wasser empor brach und auf sie zu geschwommen kam. Bei ihr angekommen wischte sie sich die blauen Haare aus dem Gesicht, blieb aber im Wasser, weshalb es Tinami so vorkam, als würde sie mit einem Fisch sprechen.
"Wie ist es gelaufen?" Azura klang ein wenig atemlos, weshalb sich Tinami sofort fragte, wie lange ihre Schwester unter Wasser geblieben war.
"Wie erwartet." Sie schwiegen beide, denn natürlich hatten sie schon vorher darüber gesprochen und sie waren beide nicht die Typen für Schönrederei oder Verdrängung.
"Das bedeutet... du bist keine Elementarwächterin mehr."
"Nein, das bin ich nicht."
"Aber du kannst ja wieder aufsteigen..." Jedoch war Azura diejenige von ihnen, die doch ab und zu zur Irrationalität neigte.
"Hmhmh."
"Du solltest mit Hikari-sama sprechen... vielleicht kann sie etwas bewirken..."
"Du kennst die Regeln. Ihr Wort ist nicht von Wichtigkeit, wenn es um ihre Elementarwächter geht." Tinami wollte nicht darüber sprechen. Das Urteil war vorauszusehen gewesen. Es war gerecht. Es war vollstreckt worden. Sie wollte nichts von Möglichkeiten hören, sich dem Urteil zu entziehen, denn sie hatte keine andere Strafe verdient. Sie war milde genug.
"Kommst du mit zurück in den Tempel, Azu-chan?" Azura nickte und machte schon Bewegungen, um zur Treppe zu gelangen, aber Tinami sah ihr an, dass sie es eigentlich nicht wollte; und auch wenn sie jetzt lieber in Gesellschaft wäre, ergab sie sich:
"Du möchtest lieber noch schwimmen, oder?" Azura wurde ein wenig rot und versuchte unterzutauchen, aber genau das verriet sie.
"Ach... ich kann auch im Tempel schwimmen..."
"Schon gut. Ich weiß doch, dass du lieber hier schwimmst." Azuras Gewissen wurde nicht von dieser Antwort beruhigt, weshalb Tinami sich beeilte, noch ein Grinsen hinzuzufügen, ehe sie sich von ihrer Schwester verabschiedete mit den Worten, dass sie sich aber bitte keine Erkältung einfangen solle.
Ohne Azura die Chance zu geben, ihr zu widersprechen, machte Tinami sich auf den Rückweg, wobei ihr allerdings nicht das Geräusch des Wassers entging, als Azura sich beeilte, trotz Tinamis Worten aus dem Wasser zu steigen - es gelang ihr allerdings nicht, denn genau wie Tinami bemerkte auch sie, dass sie nicht länger alleine waren und ließ sich geräuschlos ins Wasser zurückgleiten. Vor Tinami stand Pelagius mit einem entschuldigenden, mitgenommenen Lächeln auf dem hübsch geschnittenen Gesicht.
"Guten Abend, Kikou-dono." Tinami versuchte zu lächeln, obwohl ihr gerade schmerzlich bewusst wurde, dass das wohl das letzte Mal sein würde, dass sie jemand so nannte. Er wusste wohl noch nicht, dass sie das Element des Klimas nicht länger vertrat.
Sie grüßte ihn ebenfalls, verabschiedete sich allerdings sofort von ihm, denn sie verstand, dass er zu ihrer Schwester wollte - Tinami wusste auch sofort, warum. Der Krieg hatte viel Reue aufblühen lassen...
Azura war das Ganze ein wenig unangenehm, weshalb sie erst einmal in ihr Terrain abtauchte, denn natürlich war auch ihr bewusst, weshalb Pelagius mit ihr sprechen wollte... und darüber wollte sie eigentlich absolut nicht reden. Sie wollte es vergessen. Wollte, dass das Wasser alles aufnahm und in Blasen verwandelte, die einfach platzen würden und dann war es weg... einfach nur weg. Aber natürlich wusste sie, dass das nicht möglich war und obwohl sie Pelagius' Gesicht nur einen kurzen Moment gesehen hatte, ehe sie abgetaucht war, wusste sie, dass es ihm gegenüber nicht fair war, wenn sie sich dem Gespräch entzog. Außerdem teilten sie dasselbe Element. Wenn er auf ein Gespräch bestand, würde das Wasser ihr keinen Schutz bieten, weshalb sie auftauchte - und sofort errötete. Sein Gesicht hatte sie zwar vorher gesehen, aber sie war zu schnell abgetaucht, um zu bemerken, dass er einen Strauß Hortensien dabei hatte, die ganz offensichtlich für sie waren, denn er hielt sie ihr auf eine sehr charmante Art hin, die sie sofort zum erröteten Schweigen brachte.
"Ich weiß, das kann keine Entschuldigung sein. Es erschien mir nur unhöflich, mit leeren Händen mit Ihnen zu sprechen nach dem… was geschehen ist." Natürlich war das keine Entschuldigung, aber als eine solche hatte Azura die Blumen auch nicht angesehen, sondern als eine lieb gemeinte Aufmerksamkeit... und sie hatte so etwas noch nie von einem Mann bekommen, weshalb sie für einen kurzen Moment all ihre Gedanken an die versuchte Vergewaltigung vergaß und zum ersten Mal seit dem Ausbruch des Krieges so etwas wie Freude in sich spürte. Als sie seine Worte hörte, wurde Azura jedoch wieder in die harte Realität zurückgeholt. Anstatt in dieser allerdings zu verweilen, verschwand lediglich ihre mädchenhafte Röte und mit einem versuchten Lächeln wandte sie ihren Blick nun ab von den Blumen und sah hoch zu Pelagius:
"Haben Sie vielleicht Lust zu schwimmen?"
Von Weitem sah Tinami, dass Pelagius dem lächelnd zustimmte und während die Hortensien sich in der aufkommenden Abendbrise sanft wiegten, wurde das "Sie" der beiden Wasserwächter zu einem "du".


Adir wusste nicht, wie er die Gefühle beschreiben sollte, die er in sich verspürte, als er zum ersten Mal seit mindestens 10 Jahren wieder einmal einem Kriegsgericht beiwohnte. Trotz seines Beinamens - das Licht der Gerechtigkeit - war das Kriegsgericht nicht sein Gebiet; nein, es war eher ein Gebiet, von dem er sich fern hielt, außer sein gerechtigkeitsliebendes Herz bemerkte eine Ungerechtigkeit, die es nicht ertragen konnte und ihn zum Handeln zwang. Aber das war - zum Glück - lange nicht mehr vorgekommen. Die Verhandlungen verliefen eigentlich immer ohne größere Vorkommnisse; zu routiniert war das System und Shaginai zu unnachgiebig und gründlich, um Abweichungen zu tolerieren oder notwendig zu machen.
Es war den Hikari, die nicht normalerweise in diesem Bereich tätig waren, aber als einzigen Wächtern dennoch erlaubt, als Zuschauer teilzunehmen; Angehörige oder Neugierige mussten vor der Tür warten. Es war lange her, dass Adir sich des Rechts bedient hatte und er hatte auch bemerkt, dass Shaginai ihn verwundert gemustert hatte, als er gegen Ende der Verhandlung unauffällig hereingekommen war - aber natürlich war er nicht lange abgelenkt gewesen; das Todesurteil über einen ziemlich bleich aussehenden Naturwächter wurde verhängt, der, so hatte Adir trotz seines späten Dazustoßens mitbekommen, das Kriegsgetümmel genutzt hatte, um einen Liebesrivalen auszuschalten. Als dieser nach Verkündung des Urteils in Tränen ausbrach und etwas von Dämonie stammelte, runzelte Shaginai nicht einmal mit der Stirn und ließ ihn, ohne dabei wirklich auf ihn zu achten, von zwei Tempelwächtern abführen, die ihn mittels Catehitsui bändigten.
"Wir sind noch nicht einmal eine Woche im Krieg und es gibt bereits das erste Todesurteil?" Die Sorge darüber war wegen seiner Stimmlage nicht zu überhören; eine Sorge, die Shaginai nicht zu teilen schien. Er sortierte seine Akten, während die anderen Hikari den Saal verließen - er wusste natürlich, dass Adir etwas von ihm wollte, weshalb er sich ein wenig Zeit ließ.
"Die Beweislage war erdrückend. Er hat die Übertragung seines Kommunikationsgerätes nicht bedacht; die Tat wurde live aufgenommen." Shaginai zuckte mit den Schultern und raffte seinen Umhang, ehe er zusammen mit Adir die Tribüne verließ, sich seine Unterlagen unter den Arm klemmend:
"Das einzige, wovon er befallen war, war Dummheit. Er ist wohl kaum ein Verlust für unsere Streitkraft." Da Shaginai wie immer nicht der Typ Wächter war, der irgendwie um den heißen Brei sprach, wechselte er sofort das Thema und fragte Adir direkt, was er von ihm wolle - er habe nicht viel Zeit, fügte er hinzu, denn er sei zum Training mit seiner Enkelin verabredet.
"Und ich muss sie zurechtstutzen! Ist dir bereits zu Ohren gekommen, dass Yogosu sich auf ein Schlachtfeld begeben hat?! Unglaublich, dieses Mädchen! Gestern noch ermahne ich sie, dass sie sich keinem nähern darf und noch in derselben Nacht marschiert sie auf ein Schlachtfeld! Nicht einmal 24 Stunden lang kann sie sich an Befehle erinnern!" Adir musste schmunzeln, als er hörte, wie leidenschaftlich Shaginai über Green meckerte; wer war es nochmal, der sich trotz jeglicher Ermahnung auf das Schlachtfeld begeben und sich damit in Gefahr gebracht hatte, dort zu verbluten, weil er mit dem Mal gekennzeichnet gewesen war? Und das auch noch sieben Jahre lang?
Sie wurden sich immer ähnlicher; wie eigentümlich, dass es ausgerechnet den beiden nicht auffiel.
"Soweit ich erfahren habe, hat Ukario-san sie selbst gerufen. Ich dachte, er solle informiert werden, dass Green-san dem Schlachtfeld bis auf Weiteres fernbleiben solle?"
"Das dachte ich auch - wenn man nicht alles selbst macht! Kompetenz sollte ein Kriterium sein, um ins Jenseits zu dürfen!" Adirs Lächeln wurde ein wenig steif, als sie den Saal hinter sich ließen und die schwere Tür mit dem steinernen Abbild Hikarus hinter ihnen ins Schloss fiel, wo es sich automatisch verriegelte, da niemand außer dem Putzpersonal den Gerichtssaal betreten durfte außerhalb einer Verhandlung.
"Ich denke, wir sind momentan alle sehr beschäftigt und mit unseren Gedanken ein wenig… woanders."
"Ausreden!" Natürlich war das Shaginais Meinung; wie könnte es auch anders sein - er kannte so etwas wie "zerstreut sein" auch gar nicht. Er war immer zielgerichtet.
"Es ist immerhin nicht so, dass der letzte Krieg nun so lange her ist! Man sollte daher doch davon ausgehen, dass unsere Mithikari nicht vergessen haben, wie mit dem Kriegszustand umzugehen ist." Dem konnte der Angesprochene nicht viel entgegensetzen, auch wenn er Shaginai nicht gerne recht gab - immerhin war es überaus bedauerlich, dass nach so kurzer Zeit bereits ein neuer Krieg ausgebrochen war… sie hatten nicht einmal fünfzig Jahre Frieden gehabt und das, obwohl der Ausgang des siebten Elementarkrieges dank Whites Bannkreis sehr vielversprechend gewesen war. Jetzt könnte es sein, dass eben dieser Bannkreis ihnen ein weiteres Problem bescherte; zu den üblichen Gründen, warum die Dämonen Krieg führten, kamen nun auch Frustration,Wut und Rachegelüste hinzu, wie Hizashi in der eben erst überstandenen Ratssitzung vorgetragen und wieder betont hatte, wie überaus wichtig es sei, dass Wasserwächter nicht in die Dämonenwelt entsandt werden würden. Unter absolut keinen Umständen. Nüchtern wie er immer war, hatte er noch hinzugefügt, dass die Familie des Wassers zwar momentan die Größte war, aber sie ja nicht wollten, dass sich das so schnell ändern würde.
"Weshalb bist du denn nun gekommen?", hakte Shaginai nach, mit schnellen Schritten den Platz vor dem Kriegsgericht überquerend.
"Ich wollte mit dir sprechen."
"Ja, das habe ich mir gedacht - worum geht es?" Adir beschloss, dass es nichts brachte, dem Thema aus dem Weg zu gehen und stellte die Frage, die ihm schon die ganze Zeit auf der Zunge brannte:
"Hast du bereits mit deiner Tochter gesprochen?"
"Warum fragst du? Du warst doch heute Morgen bei der ersten Sitzung des Tages selbst anwesend und hast gesehen, dass ich mit ihr gesprochen habe." Es sollte Adir nicht verwundern, dass Shaginai nicht wusste, worauf er hinaus wollte, aber es brachte ihn dennoch dazu, stehenzubleiben; genau wie Shaginai, der ihm einen ungeduldigen Blick zuwarf.
"Ich meine natürlich, ob du ein Gespräch unter vier Augen mit ihr gehabt hast. Wegen dem… Gespräch von gestern Abend." "Gespräch" konnte man das wirklich nicht nennen - es war wohl eher eine Gefühlsexplosion gewesen. Adir machte White natürlich dafür keinen Vorwurf; nein, im Gegenteil, er wunderte sich eher darüber, dass sie es so lange in sich hatte verschlossen halten können.
"Ich hatte noch keine Gelegenheit, mit ihr über ihr Verhalten zu sprechen", antwortete Shaginai, die Arme in geübter Manier über der Brust verschränkend:
"Aber ich habe vor, ihr noch heute zu sagen, dass ich ihr verzeihe."
"Das ist gut… was?!" Offensichtlich verstand Shaginai nicht, warum Adir über diese Antwort schockiert war, das sah er deutlich an seiner gerunzelten Stirn:
"Ich bin mir natürlich bewusst, dass ihr Gefühlsausbruch ein strikter Bruch mit ihrer guten Erziehung ist - immerhin habe ich sie dazu erzogen, ihre Gefühle kontrollieren zu können, wie jeder Hikari es tun sollte - aber ich werde ihr ihre Hysterie und ihren Tonfall verzeihen angesichts der momentanen Umstände, ohne ihre Fertigkeiten in Frage zu stellen... Greys Tod hat uns alle sehr getroffen.Wie gesagt, heute Abend - sollten ich und meine Nerven das Training mit Yogosu überstehen!"
Adir wusste, er hätte etwas dazu sagen sollen; er hätte Shaginai aufklären müssen, dass das überhaupt nicht das Thema war und dass er vielleicht viel lieber darauf reagieren sollte, dass White ihm mehr als direkt gesagt hatte, dass er ihr ein schlechter Vater gewesen war… aber er war zu geschockt, um ein Wort herauszubekommen. Er respektierte und schätzte seine Freundschaft zu Shaginai sehr - aber manchmal war er einfach darüber schockiert, was für ein sozialer Klotz er war.


"Yogosu! Bist du nicht einmal fähig, dir einen Befehl 24 Stunden lang merken zu können?!"
Kommentarlos ließ Green das Gemecker ihres Großvaters über sich ergehen; nicht nur, was ihre extreme Verspätung von gut einer Stunde anging, sondern auch, wie sie es wagen konnte, sich mal wieder den Anweisungen der Hikari zu widersetzen - und obendrein, nachdem er sie ausgiebig wegen ihrer Verspätung zurechtgestutzt hatte - und das auch noch wegen so einer menschlichen Familienangelegenheit! Dass sie es Ciel hatte berichten wollen war ja schön und gut, aber sie hatte Personal für so etwas - wenn sie schon einen Tempelwächter dafür abgestellt hatte, warum hatte sie ihn dann nicht gleich allein gehen lassen - Zeit und Personalverschwendung!
Übergangslos ging es dann weiter mit ihrer Teilnahme an der gestrigen Schlacht:
"Dein Handeln ist unverantwortlich! Ist dir denn gar nicht bewusst, in was für eine Gefahr du das Wächtertum bringst, indem du dein Leben riskierst?! Es ist nicht zu glauben, wie blauäugig du durch das Leben rennst und dabei tatsächlich noch lebst!" Unruhig drehte Shaginai mit wütenden Schritten vor ihr eine Runde nach der anderen, bis er nun genau vor ihr stehen blieb, anklagend auf sie zeigend:
"Der Krieg hat gerade erst angefangen und du bist bereits nichts anderes als eine Plage..." Green schwieg. Nicht weil sie es wollte - sondern weil sie es nicht anders konnte. Sie verstand nicht, was mit ihr los war… ihr Körper bewegte sich zwar, aber sie hatte das Gefühl, dass etwas in ihr sich nicht bewegen konnte, als würde ein Stein in ihrem Inneren sie herunterziehen. Selbst Shaginais Stimme drang nicht zu ihr vor... sie hörte ihn nur dumpf, fern von sich. Sie fühlte eine eigenartige Lähmung in sich; zusammen mit schier unaushaltbaren Kopfschmerzen. Nachdem Ryô Green halb bewusstlos und kauernd auf dem Waldboden vorgefunden hatte, hatte er sie sofort ins Sanctuarian gebracht - und da Aores nun nach Tinamis Degradierung ihr Leibarzt war, hatte er sich notgedrungen ihrer annehmen müssen, auch wenn er ziemlich genervt darüber war, denn er hatte, nach eigener Aussage, Besseres zu tun, als sich Kopfschmerzen zu widmen; ganz egal, ob es die Kopfschmerzen der Hikari waren oder nicht.
Green hatte von dem Ganzen nicht viel mitbekommen; sie hatte nicht einmal darüber gestutzt, dass es Aores war, der sie behandelte und nicht Tinami. Sie erinnerte sich auch jetzt nicht mehr richtig daran… das einzige, was sie noch klar in ihrer Erinnerung sah, war die Frage Aores', ob sie sich an irgendetwas erinnern könne; plötzlich war er ernster geworden… was war als letztes geschehen? Was war als letztes geschehen?
Ja… was war als letztes geschehen?
Greens Kopf schmerzte nur noch mehr, wenn sie versuchte, sich daran zu erinnern. Sie erinnerte sich daran, dass sie in den Wald gegangen war, ja - ja, das wusste sie noch. Was sie dann getan hatte? Das wusste sie nicht mehr. Sie hatte da einfach gestanden, an diesem niedrigen Abhang… sie war gefallen… urgh, ihr Kopf tat so weh… Aores forderte sie dazu auf, sich daran zu erinnern, was sie davor gemacht hatte; das Treffen mit Firey… ihre Narbe, die Green nicht das Gefühl gab, als würde sie wieder heilen… dass sie nicht viel Schlaf bekommen hatte, wegen dem, weshalb ihr Großvater sie nun auch zu Kleinholz verarbeitete, ohne dass sie es kommentierte oder wirklich realisierte.
Diese verdammte Schlacht. Sie hätte gerne darauf verzichtet… Es war nicht so, dass sie sich kopflos in den Kampf gestürzt hatte... Sie hatte sich schön artig hinten aufgehalten, hatte nicht vorne mit den anderen Wächtern zusammen gekämpft, denn Ukario hatte sie wegen ihrer Heilkraft geholt. Ihre Lichtreserven hatten sich immer noch nicht wieder aufgeladen.
Sie war eine Erfahrung reicher geworden. Eine Erfahrung, auf die sie früher dankend verzichtet hätte, die nun aber notwendig gewesen war und nun bald zur Routine werden würde.
Ukario hatte Green sofort zu den Verletzten gebracht, ohne sie groß über die eigentliche Schlacht zu informieren, welche in der Menschenwelt stattfand. Die Sonne hatte sich gerade zurückgezogen, als die Hikari unter einer pink leuchtenden Magiekuppel ankam, welche die Verletzten von der Schlacht abschirmte und sie auch von Angriffen aus der Luft schützte, die recht zahlreich waren. Doch die von Schutzwächtern erschaffene Barriere konnte lediglich die Angreifer und deren Attacken fernhalten: das Getöse des Kampfgetümmels und das Beben des steinernen Bodens unter ihren Füßen war deutlich zu vernehmen. Zwar hatte Ukario Green nicht erzählt, wo sie waren, doch Green kam selbst zum Schluss, dass sie sich bei einem Wasserwerk befinden mussten, irgendwo in der Welt der Menschen, wo es selbst nach dem Untergehen der Sonne warm war. Was war mit den hier arbeitenden Menschen geschehen? Waren sie in Sicherheit oder waren sie tot?
Eben diese Frage wollte Green Ukario gerade stellen, als er sie wachsam um eine schützende Ecke schob und der Hikari schnell bewusst wurde, dass sie lieber um ihr eigenes Volk besorgt sein musste als um Menschen. Beschützt von der pinken Barriere versteckten sich um die zehn Verletzte in einer Sackgasse, umgeben von metallischen Wänden, welche durch Container geschaffen wurden.
Beim Anblick der stark verletzten Wächter, deren offene Wunden, abgetrennte Glieder oder Arme, die mehr schlecht als recht noch am Körper befestigt waren, und dem Blut, welches den Boden unter ihren Füßen nässte, erstarrte Green einen Moment lang, obwohl Shaginai sie auch auf eine solche Situation vorbereitet hatte, sogar mit noch mehr Verletzten. Doch es war etwas anderes, plötzlich inmitten dieses leidvollen Stöhnens zu stehen, als sich in einer Computersimulation entscheiden zu müssen, wen man nun zuerst heilte: in einer solchen Simulation wusste man immerhin, dass es keine echten Toten geben würde, dass niemand sterben würde, wenn sie sich Zeit ließ. Aber in der Realität musste sie sich schnell entscheiden, ansonsten würden die Verletzten vor ihren Augen wegsterben.
Wieder und wieder hatte Shaginai ihr eingebläut, wie wichtig das Heilen war. Neben dem Kämpfen war es auch eine überaus wichtige Aufgabe der Hikari dafür zu sorgen, dass die anderen Wächter weiter kämpfen konnten. Natürlich, sie hatten gutes Arztpersonal, aber selbst der beste Arzt konnte nicht dafür sorgen, dass ein verletzter Wächter sofort wieder aufstehen konnte - Hikari konnten das schon, was auch den hoffnungsvollen Blick des Arztes erklärte, als er die ihm helfen sollende Green erblickte, sich aber schnell wieder den Verletzten zuwandte. Nur… ein Arzt war zugegen? Kein Wunder, dass er überfordert war…
Green hatte während des Trainings mit Shaginai lernen müssen, dass sie nicht einfach nach dem Bauchgefühl bestimmen durfte, wen sie zuerst heilen würde und dass es auch komplett egal war, ob nun andere lauter schrien, ob sie Kinder und Familie hatten oder nicht. Sie musste vom Kommandeur erfahren, welche Wächter oder welches Element er am Dringendsten benötigte und nach dessen Gutdünken handeln - außer sie hatte selbst den Befehl: dann musste sie natürlich selbst entscheiden, welcher Wächter am schnellsten von seinen Schmerzen befreit werden sollte, um weiter zu kämpfen.
Und natürlich hatte Shaginai nicht mit Vergleichen gespart; ihre Mutter hatte mehrere Wächter auf einmal heilen können, in weniger als einer Minute - ja, wie oft hatte sie sich das nicht anhören müssen?!
"Es werden Kaze und Toki gebraucht", warf Ukario ihr zu und war schon dabei, sich herum zu wenden, da ein anderer Wächter ihn gerufen hatte. Dadurch bekam er nicht mit, dass Green kurz schwindelig wurde und die Sicht vor ihren Augen sich kurz verschleierte: wie sah das Wappen der Zeitwächter nochmal aus? In diesem verzerrten Augenblick sahen plötzlich alle Wappen gleich aus und sie konnte keinen Unterschied zwischen ihnen erkennen. Es lag nicht daran, dass einige von ihnen zerrissen oder blutrot waren, sondern schlichtweg daran, dass sie nervös war. Das Geschrei des Kampfes, sicherlich weniger als fünfzehn Meter von ihnen entfernt, wie ein tobendes, bedrohliches Ungeheuer… die Attacken, die immer wieder aus der Luft abgefeuert wurden, gegen die pinke Barriere prallten und sowohl Boden als auch Luft zum Beben und Erzittern brachten---
Doch sie hatte keine Zeit, nervös zu sein. Ukario war bereits wieder vom Kampf verschluckt worden und es lag nun an ihr, ihm wieder gesunde Wächter zu schicken. In den vielen Trainingsstunden war Green genauestens beigebracht worden, wie und wo man zuerst heilte und nachdem sie sich nun endlich sicher war, dass der zweite rechts von ihr zum Element der Zeit gehörte, kniete sie sich in ihrem weißen Kleid herunter in das Blut und legte ihre zitternden Hände einige Zentimeter über eine senkrechte, beinahe den gesamten Brustkorb teilende Fleischwunde, woraufhin sofort ihre Hände erstrahlten. Fleischwunden waren leicht zu heilen, hatte Shaginai ihr beigebracht; gebrochene Knochen solle sie dem Sanctuarian überlassen - er traue es ihr nicht zu und wolle keine Beschwerden über falsch zusammengewachsene Beine hören - und bei abgetrennten Gliedern solle sie lediglich die Blutung stillen, aber sich nicht selbst im Zusammenflicken versuchen.
Obwohl die Fleischwunde des Zeitwächters bedrohlich tief gewirkt hatte, kostete es Green weder viel Zeit noch Energie die Wunde zu heilen. Erfreut und auch ein wenig stolz blickte die Hikari von dem geheilten Brustkorb auf, doch der Zeitwächter hatte keine dankenden Worte für sie übrig: sofort rappelte er sich auf, überprüfte noch einmal seine eben noch klaffende Wunde und verließ auch schon das kleine, notdürftige Lazarett. Ob alle Zeitwächter wortkarg waren?
Kaum war der eine verschwunden, wurde auch schon der nächste Wächter herangetragen, gestützt durch eine Mitwächterin, welche sie an die Wand lehnte und wieder verschwand. Die Verletzung sah allerdings nicht so ernst aus wie viele andere, weshalb Green sich der nächsten Wächterin zuwandte, anhand ihres Wappens aber herausfand, dass sie weder ein Wind- noch Zeitwächter war. Es war eine Naturwächterin, welche schmerzhaft ihre tränenden Augen zusammenpresste; eine Tat, welche Green nicht verwunderte, denn ihre linke Hand plus Unterarm schien ihr förmlich vom Körper gerissen worden zu sein. Mit Übelkeit bemerkte Green, dass noch ein kleiner, kaum zu sehender Rest ihres Armknochens aus dem zerfetzten Fleisch heraus lugte.
"Green." Die Stimme Silence' kam genau zum richtigen Zeitpunkt, denn wieder spürte die Hikari, wie ihre Sinne versagten, sie aber dennoch bereits die Hände gehoben hatte, um wenigstens die Blutung zu stillen:
"Außer dass du eigentlich gar nicht hier sein solltest, bist du gerade dabei, den falschen Wächter zu heilen. Diese Wächterin ist weder eine Toki noch ein Kaze." Green antwortete nicht, denn eigentlich war es ihr vollkommen egal, zu welchem Element die Verletzten gehörten.
"Das weiß ich", antwortete Silence auf diesen Gedanken:
"Aber dem Kommandeur ist es nicht egal." Die Angesprochene wusste natürlich, dass sie recht hatte und dass sie auf Silence hören musste, dass alles andere unvernünftig war, aber die Naturwächterin sah nicht gut aus… wenn sie ihre Blutungen wenigstens stillen könnte…
"Hier sehen alle nicht gut aus! Das ist Krieg; sie werden sowieso alle sterben, also heil den Windwächter neben dir, schnell." Die Windwächterin neben ihr sah aber unverletzt aus: sie war etwas blau im Gesicht, aber das war alles, was Green auf den ersten Blick feststellen konnte. Nein, sie wollte das Leid nicht ignorieren, welches die arme Naturwächterin quälte, und schneller als Silence irgendetwas sagen konnte, legte Green ihre Finger um die Überreste ihres Armes.
Diese Heilung kostete sie mehr Kraft; mehr Kraft und auch Zeit. Die Verletzung war so groß und es floss so viel Blut heraus… dass sie nicht einmal mitbekam, wie abermals neue Verletzte ankamen und vom Arzt einer ersten Untersuchung unterzogen wurden, wie Silence ernst feststellte.
"Ich… danke Euch… Hikari-sama…" Diese dankenden Worte nahm Green doch erfreut auf, obwohl die Heilung, beziehungsweise die Stillung des Blutes, ihr schwergefallen war. Die Hikari wollte der Naturwächterin gerade nahelegen, dass sie sich schnell zum Sanctuarian aufmachen solle, als diese sich, kaum dass ihr zerfetzter Arm nicht mehr blutete, schon aufrichtete.
"Aber… Ihr Arm?" Die Naturwächterin lachte, als hätte Green einen Witz gemacht:
"Ich habe doch noch einen anderen!" Und schon kehrte auch sie ins Kampfgeschehen zurück. Kaum dass sie um die Ecke gerannt war, hörte Green Silence wieder in ihrem Kopf sagen, dass sie sich gefälligst endlich um den Windwächter kümmern sollte. Doch als sie dies tun wollte, stellte die Hikari schnell fest, dass dies nicht so einfach werden würde: sie sah keine Wunde. Das Gesicht der Frau war inzwischen blasser geworden, aber eine Verletzung konnte Green nicht erkennen, nur mehrere Kratzer und Schrammen; nichts, das lebensbedrohlich wirkte…?
"Sie hat eine Blutvergiftung: leg ihre Hand in deine - und beeil dich! Mit Blutvergiftungen ist nicht zu spaßen!" Schnell tat Green wie geheißen und legte die schlappe Hand des Wächters in ihre beiden behandschuhten Hände, welche mittlerweile rot vom Blut waren. Die Wächterin hatte bereits das Bewusstsein verloren und bemerkte daher nichts von Greens Tat und auch als die Hände ihrer Hikari aufstrahlten, bemerkte sie nichts. Obwohl ihre Lichtmagie wärmend wirkte, blieben ihre Hände kalt…
"Green." Doch die Hikari hörte die Worte ihres Mediums nicht, auch nicht als Silence es ein weiteres Mal versuchte; dieses Mal ruppiger. Vielleicht weil sie es nun selbst bemerkt hatte, die Wahrheit aber wieder einmal nicht sehen wollte. Denn es war bereits einmal geschehen, das Gleiche wie jetzt: während Green die Hand der Wächterin gehalten hatte, war sie, genau wie Kari, gestorben.
Die heilende Aura ihrer Hände hatte nicht geholfen, war zwecklos gewesen.
Green wollte nicht daran zurückdenken. Sie wollte auch nicht das Gemecker ihres Großvaters hören. Sie wollte gar nichts hören. An irgendetwas zurückdenken wollte sie auch nicht; sie wollte...
Green bemerkte es selbst nicht, dafür aber Shaginai; mitten in seinem Satz zuckte Green plötzlich zusammen und brachte ihren Großvater dazu, zu verstummen.
"Yogosu?" Aber Green hörte es nicht; sie griff sich mit ihrer rechten Hand an den Kopf, ihre Augen damit bedeckend--- "Du bildest dir ein, du würdest sie kennen?!" Der Wald, sie sah das Blätterwerk über sich, aber es war... irgendwie anders... es war eine andere Zeit; die Temperatur war so schwül, so drückend---
"Yogosu?!" Die Schmerzen nahmen zu, ihr Kopf, er schmerzte so fürchterlich--- Es war dunkel, sie sah nicht viel, sie wollte auch nicht mehr sehen, nein, danke, sie wollte wirklich nicht mehr sehen... "Was sind zwei Monate schon! Was sind zwei Monate gegen ein Bündnis, das vom Schicksal geschmiedet wurde?!" Blut sprudelte zu Boden, das Bild wurde schief, Halt - Halt suchen an irgendetwas, die Balance nicht verlieren, nicht das Bewusstsein verlieren... er durfte hier nicht sterben - White, White wartete auf ihn - "Denk nicht an sie! Ich erlaube dir nicht, an sie zu denken, du verfluchter Bastard! Dein letzter Gedanke wird nicht sie sein! Ich werde dafür sorgen, dass alles..."
"Yogosu!"
"... alles, woran du in deiner letzten Minute noch denken kannst..."
"Hörst du schlecht?!"
"...Angst ist! Angst und nichts als ANGST!"
"Green!"

Sie erwachte augenblicklich. Keine Illusion, keine Wahnvorstellung der Welt konnte gegen den Schock ankämpfen, der sich in diesem Moment in Green ausbreite, als sie dieses eine kleine Wort hörte - und die Person ansah, die das eben geschrien hatte.
"G-Großvater... du... hast... du hast mich..." Shaginai starrte sie genauso geschockt an wie umgekehrt; scheinbar wurde ihm erst da bewusst, was er eigentlich gesagt hatte - genau wie er da zu bemerken schien, dass er ihre Oberarme gepackt hatte, die er auf der Stelle losließ. Seine sonst effektivste Waffe, seine Stimme, fand er allerdings nicht sofort wieder. Er war tatsächlich genauso schockiert darüber, was ihm gerade herausgerutscht war, wie Green, auf deren Gesicht sämtliche Blässe verschwunden war; alle Kopfschmerzen waren vergessen und das breite Lächeln war bereits dabei, sich auszubreiten - aber da fand er seine Stimme wieder:
"Yogosu! Was ist denn das für eine Art, in Tagträumen vertieft zu sein, wenn ich mit dir spreche! Ich erwarte nicht viel von dir, aber doch so viel, dass du in der Lage bist, mir zuzuhören!" Seine Kritik könnte ihr nicht gleichgültiger sein und es war ihr auch egal, dass er sie gleich wieder "Yogosu" genannt hatte. Sie hätte nie für möglich gehalten, dass er sie überhaupt irgendwann mal "Green" nennen würde! Nicht einmal im Traum hatte sie es zu hoffen gewagt!
Sie konnte gar nicht anders als zu lächeln. Wie könnte sie auch nicht? So viel Glück hatte sie schon lange nicht mehr in sich gespürt.

Auch Youma war noch in Gedanken versunken, die ihn zurück nahmen in die Zeit - warum auch nicht; er hatte alle Zeit dazu, denn sein Partner erfüllte absolut nicht das, was ihn dazu berechtigte, sich so zu nennen. Zwar war er mittlerweile mal aus seinem Atelier herausgekommen, hatte aber kein Wort mit Youma gewechselt und war schon seit mehreren Stunden zusammen mit Feullé außer Haus. Youma wusste nicht, wo sie waren und es war ihm auch egal: ob Nocturn nun da war oder nicht - das machte nur einen Unterschied, was die Lautstärke anging. Er involvierte sich immerhin nicht sonderlich in Youmas Plänen... aber es wäre gut, wenn er es tun würde; Youma musste das Gespräch suchen, sobald Nocturn wieder zurück war, aber... er wollte nicht. Es war so anstrengend, mit ihm zu reden.
Youma seufzte; er hatte sich gerade erst beruhigt, hatte die zerstörten Nerven des gestrigen Abends wieder repariert, wobei ihm sein Element maßgeblich geholfen hatte. Eine Eigenart, für die ihn Silence immer belächelt hatte; aber selbst mochte sie es auch, sie hatte es nur mit heranwachsendem Alter nicht mehr zugeben wollen, weil sie es kindisch nannte. Aber Youma fand es nicht kindisch; er fand es überaus entspannend - und Entspannung konnte er in diesem Haushalt mehr als gebrauchen.
Youma bemerkte, wie er ganz melancholisch wurde, während er die Form gewordene Dunkelheit um sich herum beobachte, während diese sich kugelgeformt über dem auf dem Bett liegenden Yami sachte im Kreis herum drehte. Sie reagierte auf seine Gedanken, auf seine Bewegungen; er konnte die schwarze Magie zum Stillstand bringen, konnte ihr andere Formen geben - ja, er konnte mit ihr Dinge malen und Worte schreiben, als wäre die Magie Tinte und sein Gedanke, sein Finger, der Tintenfüller. Youma musste zugeben, dass er sogar lieber auf diese Art "schrieb" als mit einem Stift. Es war so viel praktischer - ein Gedanke nahm sofort Form an, wenn er es wünschte - brauchte er eine Visualisierung, dann konnte er sie ohne große Anstrengung erschaffen. Auf diese Art konnte er sogar seine Pläne speichern und sie überall aufrufen, ohne dafür in irgendwelche Notizen sehen zu müssen. Es war nicht nur entspannend, sondern auch sehr praktisch... immerhin hatte so niemand Zugriff auf seine Pläne, die er jetzt mehr aus Zeitvertreib über sich entstehen ließ, womit das gesamte ehemalige Schlafzimmer plötzlich von Worten erfüllt wurde, die die Form von Rauch angenommen hatten. Worte, Bilder, Pfeile und sogar Diagramme schaffte er sich somit, über die er nun einen Blick schweifen ließ, während ein dünner Faden seiner Magie um seinen erhobenen Zeigefinger wirbelte, bereit, weitere Worte zu formen... aber er zögerte.
Konnte das wirklich wahr sein? Immer wieder kreisten seine Gedanken darum... immer wieder kamen sie darauf zurück und immer wieder war es dieselbe Frage.

"Du kannst mir glauben, Youma-kun. Aber natürlich tust du das nicht, denn du bist genauso skeptisch wie dein Vater. Daher wirst du meine Worte überprüfen wollen und ich sag dir auch, wie du das tun kannst: auf deinem strebhaften Weg wirst du sicherlich auch in den Süden meines Reiches gelangen."
"Das Gebiet Lacrimosas?"
"Ja, in der Tat. Richte dort deine Augen Richtung Horizont und du wirst sehen, dass ich die Wahrheit spreche."


...der Turm war der Pfeiler der Dämonenwelt... Eine kleine Ausgabe des Turms entstand auf Youmas flacher Handfläche, als er sich konzentriert aufsetzte... Eine kuppelartige Barriere, die dafür Sorge trug, dass man in dieser Welt atmen konnte. Diese war auch der Grund, weshalb die Wunden der Dämonen schneller heilten in ihrer Welt als woanders... Wieder reagierte sein Element auf seine Gedanken und ließ eine Kuppel mit dem Turm und der kleinen Nachbildung von Lerenien-Sei als Zentrum entstehen - sogar auf die Monde und die schwarzen Wolken achtete Youma, womit er nun eine perfekte, kleine Visualisierung geschaffen hatte, die er gedankenverloren vergrößerte und im Kreis herum drehte.
Natürlich war Youma der Aufforderung des namenlosen Dämonenherrschers nachgegangen. Als er wegen Nocturn bei Lacrimosa gewesen war - da hatte er die Chance genutzt, hatte die beiden kurz alleine gelassen und war hinaus auf den Balkon gegangen... und vor Erstaunen war ihm der Mund aufgeklappt, denn das, was er da am weiten Horizont sah, verschlug ihm die Sprache, schockte ihn regelrecht. Er war nicht darauf vorbereitet gewesen, eine komplett schwarze Wand zu sehen. Es war wortwörtlich... das Ende dieser Welt, was er da vor sich sah. Natürlich, wenn die Welt der Dämonen nur eine gewisse Größe besaß, dann war sie natürlich nicht rund und musste somit irgendwo enden, aber dass man es so... so direkt sehen konnte, war... mehr als verblüffend. Es war direkt unheimlich. Was wohl passieren würde, wenn man davor stand? Wenn man diese tiefe Schwärze berührte... womöglich in sie eindrang? Ob das schon Dämonen probiert hatten? Hatten sie überlebt? Konnte man zurückkehren?
"Oh, man hat aber heute einen besonders guten Blick darauf." Youma war zusammengefahren; er hatte nicht bemerkt, dass jemand neben ihm aufgetaucht war - eine grünhaarige Frau, hochgewachsen, skeptische, schwarze Augen, sehr drahtig, nicht sonderlich feminin oder sympathisch aussehend, gekleidet in denselben Mantel wie alle anderen Frauen hier. Aber scheinbar hatte sie wenigstens nicht vor, ihn wegen irgendwelchem Erbmaterial zu überfallen, auch wenn sie ihn äußerst lange musterte - und Youma bemerkte mit einem unguten Gefühl, dass sie besonders lange seine Beine ansah.
"Guten...Abend", hatte Youma gesagt, nachdem ihm das Schweigen unangenehm wurde. Sie runzelte aber nur die Stirn; wahrscheinlich war ein "Guten Abend"-Gruß in einer Welt, in der es immer Nacht war, nicht gerade normal. War überhaupt Abend? Youma hatte sein Zeitgefühl verloren.
"Cilan ist mein Name. Du interessierst dich... dafür?" Sie machte einen Wink zum schwarzen Horizont, was Youma bejahte.
"Ich auch. Unsere Welt und... andere Dinge interessieren mich." Youma lächelte weiterhin höflich, auch wenn das Lächeln ein wenig angespannt wurde - irgendwie war sie... eigenartig. Warum erzählte sie ihm das überhaupt?
"Man kann es nur sehen, wenn der Schneesturm gerade nicht wütet. Faszinierend, nicht wahr?"
"Was liegt dahinter?"
"Der Tod." Die gerunzelte Stirn Youmas brachte Cilan dazu, ihre Aussage zu erläutern:
"Tod durch Erstickung. Man kann da draußen in dem schwarzen Nichts nicht atmen." Diese Nachricht schockierte Youma mehr, als Cilan es sich hatte vorstellen können - der ehemalige Dämonenherrscher hatte also tatsächlich die Wahrheit gesprochen!
Während Youma fassungsloser als zuvor von dem komplett schwarzen Horizont geblendet wurde und seinen Augen nicht trauen wollte, wandte Nocturn sich an Lacrimosa, darauf bedacht die schlafende Feullé nicht zu wecken, die mit ihrem Kopf auf seinem Oberschenkel lag. Seine linke Hand stützte sein Gesicht ab, während die andere Feullé beruhigend über den Kopf strich - doch in seinem Blick lag alles andere als Ruhe, wie Lacrimosa bemerkte, als sie sich ihm ebenfalls zuwandte: seine roten Augen brannten förmlich.
"Ist etwas Nennenswertes geschehen in den letzten 17 Jahren?" Lacrimosa ließ sich von seiner Körpersprache nicht einschüchtern und antwortete mit einem nonchalanten Lächeln:
"Ich kann mir nicht vorstellen, dass dich die neue Aufstellung der Hohen interessiert, Nocturn-kun."
"Nein, nicht wirklich. Aber das wird ja wohl nicht das einzige sein, was in dieser Welt geschehen ist?"
"Wir sind eingesperrt wegen dir. Nur Halbdämonen ist es möglich, den Bannkreis zu überwinden. Was also erwartest du als Veränderung? Oh nein, warte", begann Lacrimosa nachdenklich, durch ihren sprudelnden Sekt hindurchsehend:
"Ich denke doch, dass es etwas gibt, was dich besonders interessiert."
"Ich bin ganz Ohr."
"Es gibt da so ein Gerücht. Das Gerücht, dass ausgerechnet Ri-Ils Musterschüler etwas übrig haben für die jetzige Hikari. Und mit "übrig haben" meine ich Verlangen." Die Hand, die eben noch Feullés Kopf gestreichelt hatte, kam abrupt zum Stillstand und Lacrimosa sah deutlich, dass sie Nocturn für einen kurzen Moment überrascht hatte - das hatte er offensichtlich nicht als Neuigkeit erwartet.
"Das ist in der Tat interessant. Ich denke, ich nehme das Angebot mit dem Kaffee jetzt doch an."


Youma war so in seinen Gedanken vertieft, dass er das Ankommen seiner Mitbewohner nicht bemerkte; aber er merkte es schneller als ihm lieb war, denn ohne vorher anzuklopfen wurde die Tür zu seinem Zimmer aufgerissen und Nocturn kam förmlich hineingestürzt - was auch immer er aber so dringend berichten wollte, er vergaß es schnell, als er Youmas mit Dunkelheit geschriebene Worte sah, die immer noch im Raum schwebten.
"Was ist... das?!" Youma reagierte genervt auf diese Frage; nachdem er Nocturn kurz genauso überrascht angesehen hatte wie umgekehrt, ließ er die Worte und die Zeichnungen nun eilends zurück auf seine Handfläche fliegen wie ein Wirbelwind, dessen Ausgangspunkt seine Hand war - er war verärgert, denn er hatte nicht gewollt, dass Nocturn von seinen Fähigkeiten erfuhr. Es ging ihn einfach nichts an.
"War das etwa mit... Dunkelheit geschrieben?!" Youma antwortete nicht; seine Augen verengten sich immer skeptischer, während Nocturn immer aufgeregter zu werden schien.
"Was willst du?", versuchte Youma das Thema zu wechseln, aber dafür war es zu spät.
"So eine nützliche Technik!", fuhr Nocturn fort, ganz angetan von Youmas Künsten, die er scheinbar durchschaut hatte - aber plötzlich sah er finster aus und konstatierte:
"Was für eine Verschwendung! So eine wunderbare Technik... gebunden an so einen unkreativen Kulturbanausen wie dich!" Der Angesprochene hatte nicht im Sinn, darauf zu antworten; er wiederholte stattdessen die Frage, was Nocturn wolle - dieses Mal allerdings um einiges genervter und seine Ungeduld kaum verbergend. Aber Nocturn schien das eigentliche Thema tatsächlich absolut nicht mehr interessant zu finden.
"Was ich damit alles tun könnte..." Einen kurzen Augenblick hatte Youma den Verdacht, dass Nocturn darüber nachdachte, wie er ihm diese Fähigkeit rauben konnte, aber dann schien er wohl zum Schluss zu kommen, dass es nichts brachte, darüber nachzudenken und kehrte zum eigentlichen Thema zurück; gelangweilt klingend:
"Wir sind zum Dinieren eingeladen."
"Zum Dinieren? Wo? Bei wem?"
"Beim König selbst."