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Episode 64
  Episode 64: Ein dämonisches Abendmahl
Es war eine unvermeidliche Sache, das wusste Youma; dennoch hatte er kein gutes Gefühl, als Feullé, Nocturn und er in Lerenien-Sei eintrafen. Er besaß zu wenig Informationen und fand eindeutig, dass deren Vorhaben überstürzt beschlossen worden war. Er mochte keine Entscheidungen, die unter Zeitdruck entstanden waren und auch diese war davon nicht ausgeschlossen. Nocturn hatte ihn mehr oder weniger vor vollendete Tatsachen gestellt, als er ihm vor nur einer knappen halben Stunde mitgeteilt hatte, dass Lerou sämtliche Fürsten zum Abendmahl eingeladen hatte - zur Feier der Befreiung und eines erfolgreichen Kriegsbeginns, hieß es. Youma konnte sich gut vorstellen, dass die Fürsten sicherlich genauso misstrauisch waren wie er, als er dies hörte: die Fürsten trafen sich immerhin eigentlich nie in Person. Es war nicht ohne Grund, dass die Konferenzen der Hohen so stattfanden, wie sie nun einmal stattfanden und das letzte gemeinsame Mahl war - Nocturns Aussage zufolge - vor mehr als 600 Jahren gewesen, bei dem der damalige Herrscher alle seine Fürsten vergiftet hatte. Nach diesem Ereignis hatten sich die Fürsten verständlicherweise nie wieder in Lerenien-Sei zum Essen eingefunden. Doch obwohl sie allesamt sicherlich voller Skepsis waren, würden sie garantiert alle bei ihrem Herrscher auftauchen: niemand würde öffentlich zeigen wollen, dass er vor einer eventuellen Vergiftung Angst hatte.
Youma hingegen fürchtete keine Vergiftung; er fürchtete einen Hinterhalt. Ein Treffen der Fürsten ging sie doch eigentlich nichts an; sollten sie sich doch so viel treffen, wie sie wollten. Aber zu Youmas großer Skepsis waren nicht nur die Fürsten eingeladen worden - sondern auch Youma und Nocturn. Nocturns Aussage zufolge hatte ein Dienstbote des Königs ihm diese Botschaft überbracht, während er mit Feullé in einem Café gewesen war - aber so ganz wollte Youma das nicht glauben. Wie hatte dieser angebliche Dienstbote ihn überhaupt finden können? Hatte er sich an Feullés eigenartiger Aura orientiert? Aber trug sie nicht immer ihren Ingnix? Nocturn hatte ihm leider nicht mehr Auskunft gegeben; wenn er noch mehr zu meckern habe, könne er ja in Paris bleiben, meinte er - und so sehr Youma es auch gerne wollte: Nocturn alleine zu einer politischen Begebenheit gehen lassen? Das kam politischem Selbstmord gleich.
Aber warum wurden Youma und Nocturn überhaupt eingeladen...? Youma hatte bereits einen Verdacht: Karou. Dieses ganze Arrangement klang viel eher nach Karou als nach Lerou. Wollte Karou Youma damit beweisen, dass er ihn nach wie vor als Gegenspieler hatte? Oder wollte er unbedingt ein Treffen mit ihm, Nocturn und den Fürsten heraufbeschwören? Was hätte er denn davon?
Eben diese Gedanken behagten Youma absolut nicht, als er mit seinen Begleitern vor dem enormen Koloss, welcher sich wohl ein Schloss schimpfte, stand und nun mit unguten Vorahnungen den Kopf hob, darauf bedacht, dass die Kapuze seines schwarzen Mantels nicht von seinem Kopf herunter rutschte.
"Hier hat offensichtlich jemand keinen Geschmack", urteilte Youma mit einem skeptischen Wink in Richtung der hohen Zinnen des Schlosses. Da der Halbdämon in einer wahrlichen Märchenwelt aufgewachsen und von einer wunderschönen Architektur verwöhnt gewesen war, sah er sehr schnell auf Gebäude hernieder, die seinem Geschmack nicht entsprachen, wofür eben dieses Gebäude das perfekte Beispiel war: das komplett aus schwarzem Stein gebaute Schloss besaß unheimlich viele Türme und Zinnen, die über und über übereinander gebaut worden waren - chaotisch und ohne Schema, als wäre die Position dieser kompletter Zufall gewesen. Einige von den vielen Türmen schienen abgebrochen worden zu sein; andere wieder sahen lieblos zusammengeflickt aus und sie alle schienen aus unterschiedlichen Epochen zu stammen, als hätte sich der Erbauer des Kolosses nicht für seine Lieblingsepoche entscheiden können. Nur bei den Fenstern schien ihm klar gewesen zu sein, welche Farbe er bevorzugte, denn sie bestanden alle aus rotem Glas und sämtliche Fenster waren von geraumer Größe.
"Das Schloss wurde vom vorigen Dämonenherrscher komplett renoviert", entgegnete Nocturn achselzuckend, sich offensichtlich nicht allzu sehr für die eigentümliche Architektur interessierend, sondern unbeeindruckt mit Feullé an der Hand über die Brücke gehend, welche den Rest Lerenien-Seis mit dem Schloss verband und dabei über eine tiefe Schlucht führte, bei der Youma sich sofort fragte, ob sie natürlichen Ursprungs war oder dem Gegenteil entsprang.
"… und der war für seinen extravaganten Geschmack bekannt."
""Extravagant" nennst du das?" Youma würde es eher "geschmacklos" nennen, doch dazu kam er nicht mehr, denn schon öffnete Nocturn die schwere, zu Youmas Überraschung unbewachte Pforte, und schritt absolut skrupellos durch eben diese hindurch. Der Halbwächter wollte ihm gerade folgen, doch Nocturn hielt ihm die Tür nicht auf; im Gegenteil, er ließ sie direkt vor Youmas Gesicht ins Schloss fallen, so dass dieser mit der Stirn gegen die Tür prallte.
Youmas Angespanntheit verwandelte sich angesichts diesen kindlichen Gebärens in Wut, mit der er auch prompt Nocturn konfrontierte, sobald er die schwere Pforte hinter sich gelassen hatte und in eine ziemlich lange, allerdings komplett kahle, steinerne Eingangshalle eintrat. Eine Halle, die keine Lichtquelle besaß, so dass tatsächlich nur Dämonen etwas sehen konnten, da die Halle auch keinerlei Fenster besaß, sondern nur eine einzige, große Tür am anderen Ende, wohin ein von hohen Säulen gesäumter roter Teppich führte, der wahrlich abgenutzt wirkte.
"Darf ich höflichst fragen, was dein Problem ist?!"
Nocturn unterbrach sein sorgloses, französisches Plappern mit Feullé und blieb stehen, selbst fast am Ende der Eingangshalle angekommen - und gab ihm natürlich mit Freuden eine Antwort, fast so, als hätte er nur auf die Gelegenheit gewartet:
"Oh, ich habe eine ganze Menge Probleme mit dir! Aber die zwei größten Probleme sind wohl, dass du zum einen schrecklich langweilig bist und zum anderen natürlich die Wiederbelebung meinerseits - wie könnte ich dir dafür auch nicht grollen?" Feullé öffnete den Mund; sie wollte etwas sagen - sagen, dass sie eigentlich sehr froh über Nocturns Wiederbelebung war, in der Hoffnung, dass ihr Einwand vielleicht die Wut abkühlen könnte… aber alleine der Gedanke, so offen zuzugeben, dass sie froh über Nocturns Auferstehung war, brachte sie zum Erröten. Ihr gesamter Körper schien sich zu erhitzen, inklusive der Hand, die Nocturn in seiner hielt - aber weder Nocturn noch Youma bemerkten sie.
"Ist dir eigentlich bewusst, wie unsinnig deine Worte sind?!"
"Nein, unsinnig ist es, mit dir zu reden. So einem Kulturbanausen…" Gegen seinen Willen machte dieses Wort Youma noch wütender; wenn er dieses Wort noch einmal hörte…
"Du solltest mir Dankbarkeit entgegenbringen, dass ich dir ein zweites Leben ermöglicht habe!"
"Aahaha, ja!" Nocturns Antwort triefte vor Sarkasmus:
"Oh ja, das bin ich und nach dem Abendmahl übe ich es, auf die Knie zu fallen und deine Füße zu küssen - das ist womöglich die richtige Art der Dankbarkeit für den Herrn Kronprinz, huh?" Nocturn hatte eigentlich vorgehabt, Youma mit diesem Wort noch mehr zu reizen, aber es bewirkte das Gegenteil: Youma fiel zur Ruhe, denn er befahl sich selbst, sich zu beruhigen. Er durfte sich nicht von Nocturn reizen lassen; das war es doch, was er wollte, er las es deutlich in seinem grinsenden, spitzen Gesicht ab - und Wut vernebelte nur die Gedanken. Womöglich brachte sie ihn noch dazu, dass ihm etwas herausrutschte, wovon er nicht wollte, dass Nocturn es erfuhr… momentan ahnte dieser arrogante Flötenspieler noch nicht, dass die Bezeichnung "Kronprinz" wahrer war, als er glaubte - und das sollte auch so bleiben.
Er wandte sich daher ab, ohne auf Nocturns Worte einzugehen; aber so schnell entkam er ihm nicht, dachte Nocturn sich voller aufgeregter Schadenfreude, als er sich herumwandte, um die letzten Meter zurückzulegen, die ihn von der großen Flügeltür trennten. Als er allerdings bemerkte, dass sein Begleiter ihm nicht folgte, sah er desinteressiert über die Schulter:
"Was hat der Herr denn diesmal?"
Ein einziges Kunstwerk befand sich doch in dieser ansonsten kahlen Eingangshalle, welches Youma allerdings auf den ersten Blick nicht aufgefallen war, da es in die linke Steinwand eingehauen war und sich deshalb kaum abhob. Das Steingemälde zeigte zu Youmas großer Überraschung eine Frau; eine Frau mit langem, wehenden Lockenhaar, welches wild um ihren nackten Körper herum wirbelte. Hübsch konnte man das Gemälde gewiss nicht nennen, denn wenn Youma das Bild richtig deutete, wandelte die Frau über am Boden liegende Kranien und da Dämonen sich auflösten, war ihm natürlich klar, dass es sich um die Überreste von Wächtern handeln musste. Wie geschmacklos... aber wahrscheinlich passend für diese Welt.
Doch es war nicht das Steingemälde an sich oder dessen Geschmacklosigkeit, welche ihn dazu brachte, stehen zu bleiben, sondern dass sich jemand, ein Dämon, die Mühe gemacht hatte, jemandem ein Gemälde zu widmen, ausgerechnet einer Frau - und sie dabei auch noch so zu glorifizieren.
"Weißt du, wer das ist?", fragte Youma neugierig, nachdem er kein Namensschild unter dem Bild feststellen konnte. Nocturn, welcher bereits bei der anderen Tür angekommen war, drehte sich nicht einmal herum; anders als Feullé, welche zu Youma getapst kam und sich nun ebenfalls das Gemälde ansah.
"Da das Gemälde sich hier befindet und das Schloss vom letzten Dämonenherrscher beinahe komplett neu gebaut worden ist, nehme ich an, dass die Frau seine Lieblingsmätresse war? Ich weiß es nicht - ich bin Musiker, kein Kunsthistoriker!" Das wäre eine Erklärung, dachte Youma, doch als er zurück sah auf das Gemälde, konnte er nicht drum herum zu denken, dass diese Frau nicht nach einer Mätresse aussah; viel eher wie eine gefährliche Tötungsmaschine. Aber vielleicht lag das bei den dämonischen Frauen nah beieinander.
Doch fürs Erste befriedigte diese Antwort Youmas Neugierde und er wandte sich von dem Gemälde ab, um sich nun wieder zu Nocturn gesellen, welcher nun nur noch auf Feullé wartete.
Diese jedoch war verwundert stehen geblieben; verwundert über Nocturns Handeln.
Er wusste doch, wer die Frau war.
Warum hatte er es Youma nicht gesagt?


Youma hatte recht gehabt mit seiner Vermutung, dass die Fürsten wohl alle überaus überrascht und misstrauisch auf die Einladung reagieren würden. Trotz ihrer Skepsis hatten die Fürsten sich alle in derselben Halle eingefunden, wo sie sich auch zum Kriegsbeginn getroffen hatten: allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass nun eine kolossale Tafel in der Mitte des Saales angerichtet worden war, über und über beladen mit Köstlichkeiten der Menschenwelt, die jedem zweiten Fürsten das Wasser in den Mund laufen ließen. Der Großteil der Dämonen, die Fürsten bildeten dabei keine Ausnahme, ernährten sich von einer speziellen Dämonenrasse: der einzigen Rasse, welche sich nicht nach ihrem Tod auflöste und daher gegessen werden konnte. Sie wurde genauso gezüchtet wie Schweine in der Menschenwelt, bestachen aber leider nicht gerade durch deren Geschmack, obwohl sie enorm lange vorhielten. Bis zu zwei Wochen konnte ein ausgewachsener Dämon von einem Exemplar leben, doch eine kulinarische Köstlichkeit waren sie absolut nicht.
Doch obwohl dieser Anblick des herrlichen Essens für viele der Anwesenden ein ungewohnter war und sie alle nicht verneinen konnten, dass sie sich nur zu gerne auf das Essen stürzen würden, ließen sie die gierigen Finger davon. Widerwillig hatten sie sich alle an einem Ende der Halle versammelt und obwohl sie vollzählig waren, hatte niemand sich bis jetzt hingesetzt. Vollzählig war auch nicht ganz korrekt, denn es waren nicht alle 21 Fürsten anwesend. Richtig wäre zu sagen, dass die anwesend waren, die erwartet wurden. Denn niemand war überrascht, den neuen Fürsten des 21. Gebietes nicht zu sehen. Bis jetzt war der Fürst, welcher eben dieses Gebiet dank der Unruhen aufgrund des Wassermangels an sich gerissen hatte, noch zu keiner einzigen politischen Begebenheit aufgetaucht. Weder zur Kriegserklärung noch zu den Konferenzen der Hohen.
"Hast du den neuen Fürsten schon auf dem Schlachtfeld gesehen?", fragte Azzazello mit gedämpfter Stimme seinen Halbzwilling, darauf bedacht, von keinem anderen gehört zu werden. Lycram schien sich jedoch weniger für den neuen Fürsten zu interessieren als dafür, sich mittels wütender Blicke mit Ri-Il zu duellieren, da er es ihm nach wie vor mehr als nachtrug, dass Ri-Il hinter seinem Rücken "mal eben" Akais Gebiet eingenommen hatte und somit über Nacht sein Gebiet um ein Viertel vergrößert hatte! Dieser Bastard! Aber Ri-Il sollte sich mal nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen; zwar hatte er Gebiet dazugewonnen, aber Lycram hatte mehr als hundert neue Mitglieder in seiner Horde zu verbuchen - da war ihm fast schon egal, dass er gerade nur einen gänzlich funktionstüchtigen Arm hatte, während der andere sich noch regenerierte... und ja, seinen besten Kommandeur hatte er auch verloren; aber hundert neue Mitglieder an nur einem Tag.. ja, das konnte sich doch sehen lassen.
"Nein, habe ich nicht. Wahrscheinlich ist der Neue zu feige."
"Es sind zwei." Beide waren überrascht, plötzlich diese Stimme zu hören und sofort nahm Lycram beinahe angewidert Abstand, denn die, die sich in das Gespräch eingemischt hatte, war keine Geringere als Lacrimosa; wie immer flankiert von den zwei felsenfesten Frauen Klariette und Cilan: alle drei schienen Lycram gleichzeitig einen finsteren Blick zuzuwerfen.
"Die Fürsten des neuen Gebietes sind Geschwister: ein Bruder und eine Schwester."
"Na, dann ist ja klar, wer der Fürst ist", antwortete Lycram angriffslustig wie immer und beendete seinen Satz damit, dass es dann ja auf jeden Fall der Bruder sei, welcher die Macht besäße - dann könne man doch gleich von nur einem Fürsten sprechen. Lacrimosa teilte offensichtlich seine angriffslustige Stimmung und wollte daher gerade eine Gegenattacke starten, als Azzazello die beiden Streitenden unterbrach:
"Woher wissen Sie das, Lacrimosa-san?" Und schon mischte sich Lycram wieder ein:
"Und warum erzählst du uns das?! Viel wichtiger!" Fast so als wäre Lycram ein nerviges Kind stemmte Lacrimosa erschöpft ihre Hände in ihre wohlgeformte Hüfte und antwortete:
"Ganz einfach: um dir Arschloch deutlich zu machen, dass ich dir noch längst nicht alles erzählt habe, was bei meinem tête-à-tête mit unserem König herumgekommen ist. Wenn du glaubst, du kannst mich verarschen und nicht das bezahlen, was wir vereinbart hatten, dann hast du dich geschnitten, mein Lieber!" Azzazello warf Lycram einen nervösen Blick zu: Lycram war so dumm, sich mit dieser Frau anzulegen und nicht alles zu bezahlen?! Azzazello hatte sich schon gewundert, als Lycram ihm berichtet hatte, dass Lacrimosa nichts Spannendes in Erfahrung gebracht hatte und dass das Ganze nur "Zeitverschwendung" gewesen sei.
"Also... Lycilein", fuhr Lacrimosa fort, den Tonfall Ri-Ils nachahmend, wenn dieser ihn ebenso nannte und es war deutlich, dass diese Provokation ihre Wirkung zeigte, doch von Lycrams zornigem Gesicht ließ sich Lacrimosa nicht beeindrucken; stattdessen hob sie zänkisch ihren Zeigefinger und richtete diesen gegen Lycrams Brust:
"... entweder du rückst deinen ersten Kommandeur raus oder ich vernichte das Video auf der Stelle. Und vielleicht greifen wir dich auch an, das juckt mir schon lange unter den Fingernägeln!" Die Drohung nicht beachtend, riefen beide Halbzwillinge wie aus einem Mund:
"Video?!"
"Ja, glaubt ihr denn, ich bin dumm? Aber das werdet ihr nicht zu sehen bekommen, wenn ich deinen ersten Kommandeur nicht zu sehen bekomme! Doch mich soll das ja nicht stören, ich habe ja all diese spannenden Informationen und Männer mit gutem Erbmaterial gibt es überall. Ich könnte das Tape natürlich auch an jemand anderen verkaufen, der mich besser bezahlt. Ri-Il vielleicht?" Natürlich war dies eine leere Drohung, denn Lacrimosa würde niemals Verhandlungen mit Ri-Il führen, egal wie lukrativ sie für sie wären: dafür verabscheute sie ihn viel zu sehr. Doch sobald der Name des zwielichtigen Fürsten gefallen war, versteifte sich Lycram sofort, denn die Vorstellung, dass Ri-Il Informationen bekam, die er eigentlich hätte erhalten sollen, gefiel ihm absolut nicht. Dennoch:
"Tja, mein erster Kommandeur ist aber nicht mehr. Den hat es erwischt."
"Tja", äffte Lacrimosa Lycrams schnippischen Tonfall nach:
"Das ist aber nicht mein Problem. Du hast doch so gut wie nur Männer in deiner Horde? Ich suche mir einen aus, kein Problem!" Lycram war natürlich klar, dass es Lacrimosa nur zweiranging um das Aussehen ging; sie würde sich einen aussuchen, den sie als stark einschätzte.
"Falls du es nicht mitbekommen hast, Schlampe; wir sind im Krieg..."
"... stimmt, das hast du wohl mehr mitbekommen als ich, huh, Lycram?" Wie überaus dankbar Azzazello dafür war, dass Lycram sich selbst so sehr in Rage gesprochen hatte, dass ihm Lacrimosas Beleidigung wegen seines unbrauchbaren Armes nicht aufgefallen war - es hätte dann wohl sehr schlecht ausgesehen um die eigentlich sehr schöne Halle.
"... Ich werde dir garantiert keine freie Wahl lassen!" Lacrimosa zuckte gleichgültig mit den Schultern und erwiderte:
"Das hättest du dir vorher überlegen müssen, bevor du oder eher Lio-kun einen deiner Leute angeboten hat." Sofort, als wäre Lycram erst jetzt bewusst, wem er diese Lage zu verdanken hatte, huschte sein Blick gezielt in Richtung von Lioris, welcher einige Meter von ihm entfernt in einer anderen Gruppierung stand; aber sobald Lycrams Wut sich gegen ihn gerichtet hatte, sah er auf, als hätte er die unausgesprochenen Morddrohungen sofort gespürt. Der mordlustige Blick Lycrams ließ ihn zusammenzucken und schleunigst wandte er sich ab, als könnte er seinem Schicksal somit entgehen.
"Mach den armen Lio-kun nicht für deine Lage verantwortlich!", unterbrach ihn Lacrimosa vorwurfsvoll:
"Er kann überhaupt nichts dafür: Du hättest einfach Manns genug sein müssen, um selbst bei mir aufzukreuzen." Sofort wandte Lycram sich herum und erwiderte:
"Ach, und du hättest mir natürlich zugehört! Jeder Idiot weiß doch, dass du Männer sofort angreifst!" Diesem Vorwurf schien Lacrimosa nichts entgegenbringen zu können; allerdings nahm sie ihn anders auf als von Lycram erwartet, denn sie schien von seinen Worten geschmeichelt zu sein.
"Sagen wir einfach, du bekommst Ersatz von deinem lieben Bruder…"
"Was zu Hölle soll ich denn bitte mit seinen verweichlichten Schwächlingen?!"
"… und wir treffen uns in neuneinhalb Flammen in meinem Schloss, wo wir dann den Tausch ausführen werden. Um dir zu beweisen, dass ich ein besserer Tauschpartner bin als du es jemals sein wirst… werde ich dir in meinem Schloss die erste Hälfte des Videos zeigen; ich bekomme dann meinen Mann - den ich mir vorher aussuchen werde, damit du ihn gleich mitnimmst - und ich gebe dir die zweite Hälfte." Ohne auf Lycrams oder Azzazellos Reaktion zu warten, wandte Lacrimosa sich schwungvoll herum und wollte sich gerade von ihnen entfernen; konnte sich aber ein letztes Kommentar nicht verkneifen:
"Das heißt, Lycilein… wenn du dich überhaupt traust, ein zweites Mal einen Fuß in mein Schloss zu setzen. Wir wissen ja, wie das erste Mal ausgegangen ist! Ich werde mich nun von euch verabschieden, denn ich werde gewiss nicht mit euch Barbaren essen! Wir sehen uns, Lyciii!" Lycram, welcher sowieso schon vor Wut kochte, brodelte nun deutlich über: sein Gesicht hatte die Farbe gewechselt und hochrot angelaufen wollte er Lacrimosa hinterherstürzen, doch sein Bruder hielt ihn auf, indem er sich vor ihn stellte und ihn zurückdrängte, was Lycram auf jeden Fall vorerst beruhigte.
Ri-Il hatte den allgemeinen Trubel mit einem belustigten Grinsen beobachtet, die rechte Hand dabei unablässig auf Blues Schulter ruhend, als würde er ihn davon abhalten wollen, sich ebenfalls in irgendeinen Trubel zu stürzen, obwohl er gewiss nicht die geringste Andeutung darauf machte, sondern es ebenfalls einfach nur mit fern wirkenden Augen beobachtet hatte; genau wie Silver rechts neben Ri-Il, aber dieser wirkte eher neugierig.
Ri-Il schien die momentane Unruhe nun unterbrechen zu wollen, denn er wandte sich von Silver und Blue ab und richtete sich und sein Wort an seine Mitfürsten:
"Da ich annehme, dass wir nicht mehr auf andere warten müssen, würde ich vorschlagen, dass wir uns zu Tisch begeben: wir wollen doch nicht, dass das Essen kalt wird, nicht wahr? Unser Herrscher wird sicherlich gleich hier sein." Er kicherte sein merkwürdiges Lachen, als hätte er einen Witz gemacht, den offensichtlich niemand anderes zu verstehen schien, denn niemand schien die Lust zu verspüren, in sein Lachen einzustimmen. Sie erwiderten seine heitere Freundlichkeit eher mit Skepsis; besonders Lycram, immerhin hatten sie alle mehr oder weniger im unausgesprochenen Einverständnis erklärt, dass sie das Aufgetischte nicht anrühren würden. Dieses Einverständnis ignorierte Ri-Il gekonnt, legte beide Hände auf die Rücken der beiden Halbdämonen und schob sie beinahe väterlich in die Richtung des großen Tisches, wo er sie anwies, etwa in der Mitte Platz zu nehmen; ohne auf die Gesichter der anderen verdatterten Fürsten zu achten, nahm sich Ri-Il im Vorbeigehen nonchalant die oberste Kirsche einer Sahnetorte und urteilte:
"Ich denke, das Essen wird ganz vorzüglich schmecken!" Er setzte sich zwischen die beiden Brüder und begann, sich mittels Magie die verschiedensten Sachen auf seinen Teller zu befehligen, seine beiden Halbdämonen höflich fragend, was er ihnen denn besorgen könne.
Schnell war er jedoch nicht der einzige, der sich an den Köstlichkeiten bediente, denn von Ri-Ils Skrupellosigkeit, was das furchtlose Probieren des Essens anging, provoziert, stürzte Lycram regelrecht zum Tisch und verhinderte rein aus Prinzip sofort, dass Ri-Il sich eine Lammkeule schnappen konnte, indem er seine eigene Magie anwandte, um dies zu verhindern.
Schneller als man überhaupt gucken konnte warfen sich auch die anderen Fürsten in die Schlacht um das Essen: mittels Magie oder schlichtweg, indem die eigene Gabel schneller war als die eines anderen; alle bis auf Gaossou, welcher nach wie vor zu intensive Bedenken gegen das Essen hatte, obwohl es bereits bei einigen im Magen gelandet war. Man wusste doch nie! Es gab Gift, das wirkte erst später...
Nachdem man sich um die 15 Minuten eher um das Essen bekämpft hatte anstatt es sinngemäß zu sich zu nehmen, tauchte auch endlich der eigentliche Gastgeber auf, zusammen mit Luzil - Karou war selbstverständlich nirgends zu sehen, was Ri-Il nicht überrascht seiend quittierte, während er, um einiges ruhiger als die anderen Fürsten, an seinem Wein nippte. Sake gab es leider keinen.
Lerous plötzliche Anwesenheit konnte der allgemeinen Hochstimmung jedoch keinen Abbruch tun und so musste dieser erst einmal ordentlich mit dem linken Fuß aufstampfen, damit er überhaupt bemerkt wurde; denn wenn er etwas an seiner Position mochte, dann war es die Aufmerksamkeit und wenn er diese nicht erhielt, konnte seine Laune sehr schnell in den Keller rasseln. Doch als er diese nun endlich hatte, schien er vergessen zu haben, was er eigentlich mit ihr vorgehabt hatte und ein sehr peinliches Schweigen trat ein, was er natürlich nicht sonderlich realisierte, während er seinen Platz an der Spitze des Tisches einnahm. Als hätte er nicht bemerkt, dass die Fürsten eigentlich auf irgendwelche Worte lauerten, überblickte er den Tisch und rief plötzlich schockiert:
"Warum ist da kein Kuchen mehr?!" Lioris, welcher eine geheime Leidenschaft für Süßes hatte, schluckte das letzte Kuchenstück schnell herunter und leckte sich um die Lippen, um die letzten belastenden Beweismittel zu vernichten.
Doch plötzlich schien der nicht vorhandene Kuchen an Interesse verloren zu haben, denn obwohl sie eigentlich vollzählig waren, hörten sie alle, wie die Tür sich ein weiteres Mal öffnete und überrascht, weil ihre Ohren ihnen sagten, dass jemand hereingekommen war, ihr Gespür für Auren aber nichts vernahm, wandten alle Hohen sich zur Tür herum:
"Wie ich sehe, sind wir ein wenig zu spät dran!"


Die Verlobung war nun beschlossene Sache. Das Dokument, welches dies bezeugte, lag auf Greens Tisch und genau wie die Hikari es geahnt hatte, waren die Hikari selbstverständlich mit Saiyon zufrieden: sämtliche Tests hatte er mit Bravour bestanden, wie nicht anders zu erwarten gewesen war. Hizashi hatte ihr das Dokument selbst gebracht, kaum dass Shaginai nach dem Training wieder ins Jenseits zurückgekehrt war - ihr Großvater war eine der ersten der 33 notwendigen Stimmen gewesen, welche unterschrieben hatte. Hizashi hatte ihr zu ihrer baldigen Verlobung gratuliert, aber nüchtern betont, dass die Verlobungsfestivitäten erst nach der Beerdigung Greys und der Trauerfeier für die Gefallenen stattfinden könnten: also frühestens in sieben Tagen.
Warum war Greens erster Gedanke gewesen, dass in einer Woche noch so einiges passieren konnte?
"Ich habe Saiyon-san nichts von seinem Bestehen mitgeteilt, damit du ihm selbst die freudige Mitteilung ausrichten kannst." Mit diesen Worten hatte er ihr das Dokument gegeben, auf dem das Wappen der Hikari prangte, und hatte sich von ihr verabschiedet.
Er war seit knapp 20 Minuten gegangen und noch immer hatte Green ihr Zimmer nicht verlassen, um Saiyon die ach so freudige Nachricht zu überbringen. Vollkommen erschlagen von den ganzen Eindrücken des Tages und der letzten Nacht lag Green auf ihrem Bett und fragte sich, warum sie gerade diese Nachricht so erschlug: sie hatte doch gewusst, dass die Hikari deren Verlobung auf jeden Fall billigen würden, warum also bedrückte sie diese Nachricht so plötzlich?
Nachdenklich hielt Green sich ihre linke Hand vor die Augen, an deren Ringfinger der Verlobungsring glänzte, nun, da sie das Okay der Hikari hatte. Er hatte ihn bei sich getragen; die ganze Zeit. Ein dünner, silberner Ring mit einem kleinen, blauen Diamanten. Saiyon hatte ewig danach gesucht, hatte er ihr freudestrahlend mitgeteilt, als er ihr den Ring auf den Ringfinger zog - ein Diamant so blau wie ihre Augen.
Der Ring fühlte sich komisch an ihrem Finger an.
Und deswegen zog sie ihn auch sofort wieder aus und steckte ihn in die Schublade ihres Nachtschränkchens.
Doch es gab noch eine andere Sache, welche Greens Gedanken dazu brachte, sich im Kreis zu drehen: das Gespräch von Shaginai und ihr. Nach dem Training hatte Green - immer noch beschwingt von der Tatsache, dass ihr Großvater sie einmal bei ihrem Namen genannt hatte - ihm eine Frage gestellt, die ihr schon lange auf dem Herzen lastete:
"Großvater, warum sind meine Lichtreserven so mickrig? Wir haben so viel trainiert, ich habe so viele Techniken gelernt, aber ich habe absolut nicht das Gefühl, dass meine Lichtmagie gestiegen ist." Dieses Thema hatte Shaginai nicht erwartet und er wirkte tatsächlich kurz ein wenig überrumpelt, ehe er sich wieder fasste und antwortete:
"Egal wie viel du trainierst, die Reserven deiner Lichtmagie verändern sich nicht und das werden sie auch nicht." Ein harter Schlag für Green, denn sie hatte immer angenommen, dass auch ihre Lichtmagie - sowohl Angriffs- als auch Heilmagie - irgendwann zunehmen würde; dass das ganze harte Training auch irgendwie ihrer Lichtmagie behilflich werden würde.
"Aber verglichen mit der euren ist meine...so bescheiden." Natürlich hatte Green eigentlich keine konkrete Vorstellung davon, wie die Lichtreserven der anderen Hikari aussahen - immerhin waren die anderen Hikari tot; aber sie hatte in den vergangenen Jahren schon so viele Tagebücher, Dokumente und Statistiken gelesen - lesen müssen - dass sie sich schon ein Bild davon machen konnte, dass ihre Reserven verglichen mit denen der anderen Lichtwächter eher von geringer Natur waren. Besonders im direkten Vergleich mit ihrer Mutter.
"Das hast du deiner Unreinheit zu verdanken. Du kannst froh sein, dass du überhaupt Lichtmagie anwenden kannst und sich Hikari-kami-sama dir nicht gänzlich verweigert!"
"Aber es kann doch nicht sein, dass ich nie mehr Lichtmagie anwenden können werde?!", entgegnete Green aufgebracht, wie Shaginai zufrieden feststellte und sich bereits auf eine hitzige Diskussion vorbereitete:
"Wie soll ich denn gewisse Techniken erlernen können? Wie soll ich denn jemals wirklich besser werden?" Als hätte Shaginai nur auf eben diesen Moment gewartet, antwortete er wie aus der Pistole geschossen:
"Es existiert eine Möglichkeit." Sofort war Green ganz Ohr: sie richtete sich auf und die Erwartung, die von ihr ausging, war beinahe greifbar. Doch ihr Großvater gab ihr eine Antwort, welche sie nicht erwartete:
"Doch sie wird nicht auszuführen sein. Denn zum einen ist deine Mutter dagegen und zum anderen… hat Inceres-no-danna es strikt verboten." Als Shaginai dies sagte, hoben sich Greens Augenbrauen und formten einen skeptischen Bogen:
"Verboten? Warum sollte Inceres etwas verbieten, was mich besser macht?" In ihren Ohren ergab es keinen Sinn und bis jetzt glaubte sie auch, dass Shaginai es nur sagte, um sie gegen Inceres aufzustacheln. Doch erst einmal korrigierte Shaginai sie:
"Es macht dich nicht "besser": es ist kein Magieschub, welcher dich vom einen Moment zum anderen mächtiger macht; das musst du dir schon selbst durch hartes Training verdienen, Yogosu!"
"Okay - was ist es dann?", fragte Green, seinen beleidigenden Tonfall taktisch überhörend. Als würde Shaginai sich auf eine lange Erklärung vorbereiten, lehnte er sich gegen eine Säule und fuhr dann fort:
"Es müsste - obwohl bei dir weiß man ja nie - dir bereits ein Begriff sein, denn ich spreche von der Weihe."
Es war ihr ein Begriff. Sofort als er dies sagte, erinnerte sie sich an ein Gespräch, welches sie vor fast zwei Jahren mit Grey geführt hatte… es war bei ihrem ersten Besuch auf Sanctu Ele'saces gewesen. Er hatte ihr erzählt, dass alle Hikari an ihrem 17. Geburtstag die sogenannte Weihe vollführten, mit der die Hikari traditionell zum Oberhaupt des Wächtertums wurden, indem sie sich "vollkommen mit dem Licht vereinten" - was auch immer das bedeuten mochte. Später durch das viele Lesen der Tagebücher war sie noch öfter auf die Weihe gestoßen, doch in keinem einzigen der gelesenen Dokumente stand eine ausführliche Beschreibung, was diese Weihe eigentlich wirklich war, oder wie sie vonstatten ging; ganz gleich, wie ausführlich der Autor allgemein schrieb, die Weihe an sich war nie beschrieben worden. Green wusste, dass ihre Mutter diese Weihe ungewöhnlicherweise mit elf vollzogen hatte, aber auch sie hatte nie ein Wort über sie verloren.
Doch noch etwas anderes kam ihr in den Sinn, als sie über dieses Thema nachdachte: als sie damals zum ersten Mal von Grey davon gehört hatte, hatte er ihr erzählt, dass er nur mit dem Schneidern angefangen hatte, um ihr zum Tag ihrer Weihe ein Kleid kreieren zu können…
"Ich bin doch bereits Regime-Führerin", sagte Green mit einer apathischen Stimme, ohne Shaginai anzusehen, sondern in Gedanken vollkommen von Grey eingenommen. Er hatte so fröhlich gelächelt...
"Es ist wahr, dass die Weihe dich traditionell zur Regime-Führerin des Wächtertums macht und daher eigentlich am 17. Geburtstag abgehalten wird, aber das sind nur die Formalitäten. Wenn wir eine Einigkeit im Rat erlangen können, dann können wir diese auch ändern - wie in Whites Fall."
"...Bringt die Weihe mir denn überhaupt etwas? Ich habe zwar schon öfter von ihr gelesen, weiß aber nicht, was sie eigentlich ist."
"Es wundert mich nicht, dass du keine Kenntnis über sie besitzt, denn es herrscht ein Schweigegelübde und daher wird die Weihe nicht in der Öffentlichkeit besprochen, obwohl sie ein fester Bestandteil unserer Traditionen ist." Erst jetzt sah Green auf; verwundert, aber auch leicht skeptisch, doch Shaginai kam ihr zuvor:
"Es ist ein heiliges Ritual." Jetzt konnte sich Green nicht mehr zurückhalten:
"Ein "heiliges Ritual"? Was soll das denn sein?! Wird da jemand geopfert, oder warum wird da ein solches Geheimnis raus gemacht?" Diese Aussage brachte Shaginai dazu, verärgert seine Hand in die Hüfte zu stemmen und unsensibel wie er nun einmal war, erwiderte er:
"Du hast definitiv zu viel Zeit mit den beiden Halbdämonen verbracht, wenn du der Weihe solch Unreinheit zuschreibst!" Green wusste, dass Shaginai sie mit der Erwähnung der beiden nur zum Schweigen bringen wollte, denn er hatte diese Taktik im vergangenen Jahr oft angewandt. Dieses Mal jedoch tat Green so, als hätte sie es nicht gehört und pochte nach:
"Was ist denn jetzt diese Weihe? Und was genau soll sie mir bringen?" Shaginai sah seiner Enkelin die unruhige Spannung an, doch wählte dennoch kurz zu schweigen, ehe er fortfuhr:
"Wie ich bereits erwähnte, ehe du mich unterbrachst, ist die Weihe ein heiliges Ritual, welches einmal und nur einmal pro Hikari-Generation abgehalten wird und bei welchem auch nur ein Hikari geweiht wird; niemals zwei, selbst wenn es sich um Zwillinge handelt, was auch der Grund ist, weshalb nie zwei Hikari ein Regime führen, da nur einer von ihnen geweiht worden ist, denn die Weihe ist ein wichtiger Teil im Leben eines Hikari - wenn nicht sogar das Wichtigste. Es macht den Hikari zum wahren Erben des Lichtes und kreiert eine direkte Verbindung zu unserem Element, womit das Fundament für eine Steigerung möglich gemacht wird." Die Erwartung in Greens Augen war groß, denn das war genau das, was sie sich gewünscht hatte und nun brannte sie darauf zu erfahren, wie genau das funktionieren sollte - doch Shaginai schwieg und schien nicht im Sinn zu haben, weiter auszuführen, weshalb Greens Erwartung plötzlich schrumpfte, als sie ihn skeptisch fragte, warum er denn nicht fortfuhr, jetzt wo Green neugierig geworden war.
"Yogosu, welche Silbe von "Schweigegelübde" verstehst du nicht?"
"Ach, nun komm schon, Großvater! Nun hast du mir schon so viel erzählt, jetzt kannst du mir auch den Rest sagen. Was genau macht die Weihe? Wie groß wird die Steigerung aussehen?" Einen kurzen Augenblick lang sah Shaginai seine gespannte Enkelin an, ehe er plötzlich antwortete:
"Ich kann dir nicht mehr sagen, denn ich weiß nicht mehr." Green lachte über diese Antwort und erwiderte:
"Schlechter Versuch, Großvater. Du hast sie doch vollzogen, oder?"
"Ja, das habe ich natürlich. Alle Regime-Führer außer dir haben sie an ihrem 17. Geburtstag absolviert."
"Na, guck! Dann kannst du…"
"Egal welchen Hikari du fragen wirst, niemand wird dir eine Antwort geben können. Denn niemand kann sich an das Vollziehen der Weihe erinnern." Wieder wollte Green lachen, doch sie bemerkte schnell, dass Shaginai es sehr ernst meinte; sie darüber wohl lieber nicht lachen sollte und ihre Erwartung verpuffte. Was war das für eine Weihe, wenn sich niemand an sie erinnern konnte? Vielleicht hatte sie doch nicht so weit daneben gelegen, als sie gesagt hatte, dass bei diesem Ritual Wächter geopfert wurden… war das der Grund, warum ihre Mutter und Inceres nicht wollten, dass Green das Ritual vollzog?
"Aber wenn niemand sich mehr an die Weihe erinnern kann… wie wird sie denn ausgeführt?"
"Die Tempelwächter überliefern die Ausführung der Weihe, also den praktischen Teil, mündlich von Generation zu Generation. Dabei handelt es sich um den Tempelwächter der Hikari und nur er besitzt Kenntnis über den Ablauf der Weihe." Itzumi? Itzumi hatte solch wichtige Informationen, die sonst niemand anderes hatte? Itzumi?!
"Dieser Tempelwächter wird mit dem praktischen Teil der Weihe beauftragt und trägt nicht nur die Verantwortung für eine reibungslose Weihe, sondern auch dafür, dass niemand anderes erfährt, wie genau die Weihe vonstatten geht - und wenn es sein Leben kostet, weshalb auch nur der bestausgebildete Tempelwächter diese Instruktionen kennt."
"Wie… schön." Green wusste wirklich nicht, wie sie dazu stand - das Ganze klang sehr... suspekt. Mehr noch, es klang sehr beunruhigend. Und dass Itzumi auch noch den praktischen Teil durchführte, machte das Ganze nicht besser. Wahrscheinlich würde sie aus Versehen sie opfern?!
Bis auf weiteres hatte sie Shaginai gesagt, dass sie es sich durch den Kopf gehen lassen würde; vielleicht sollte sie auch mit Inceres darüber sprechen... er hatte ja wohl einen Grund, um es ihr zu verbieten? Komisch, dass er es nie erwähnt hatte...
Green schreckte hoch, als sie plötzlich ein Klopfen an ihrer Tür hörte und etwas durch den Wind, sich vom Bett aufsetzend, bat sie den Besucher herein - und war noch überraschter, da sie nicht ganz glauben konnte, wer vor ihr stand, denn diese Elementarwächterin hatte sie noch nie in ihren eigenen Gemächern besucht - wenn man es genau nahm, hatten sie kaum ein Gespräch miteinander geführt: sie und ihre Wasserwächterin Azura.
"Azura!? Was...uhm, verschafft mir die Ehre?" Azura schien auf jede höfliche Floskel verzichten zu wollen, was Green noch einmal sagte, dass ihr Anliegen ernst und dringend war. Auch als Green ihr Tee anbot, lehnte Azura dankend ab und blieb auch kurz vor der Tür stehen.
"Was ist denn los?" Es hatte sicherlich nichts mit einem erneuten Angriff zu tun, denn das würde sie nicht von Azura erfahren; dennoch wurde die Hikari langsam nervös.
"Ich weiß, ich sollte nicht hier sein, dass es gegen die Regeln ist, aber... Es geht immerhin um meine Schwester!"
"Um Tinami? Was ist mit ihr?!" Azura nickte und entgegnete verwirrt:
"Wisst Ihr... du es denn nicht?"
"Nein? Ist etwas passiert?" Die Wasserwächterin sah sich beinahe hilfesuchend im Raum um, als könnte sie die Worte, die sie benötigte, dort irgendwie finden. Doch zu Greens Überraschung festigte ihre Stimme sich von einem Moment auf den anderen und sie erwiderte:
"Meine große Schwester wurde heute Nachmittag degradiert. Damit wurde ihr der Titel eines Elementarwächters genommen und sie wurde in ein anderes Bataillon versetzt - aber meine Schwester kann gar nicht kämpfen! Das ist keine Degradierung, sondern eine Hinrichtung!" Bevor Green irgendwie reagieren konnte, packte Azura bereits in inniger Verzweiflung ihre Hände und sah sie flehend an:
"Bitte, Green, bitte! Du musst mit deiner Familie reden! Ich weiß, dass Onee-sama einen Fehler begangen hat, aber den Tod hat sie nicht verdient! Bitte rede nochmal mit ihnen, du als Hikari bist die einzige, die für Onee-sama Partei ergreifen kann!" Wieder gelang es der verwirrten Hikari nicht, auf Azuras verzweifelte Rede einzugehen, denn dieses Mal unterbrach Itzumi sie mit einem diskreten Räuspern:
"Ich weiß, ich besitze nicht das Recht, mich einzumischen, doch fühle ich mich dazu verpflichtet, Euch darauf hinzuweisen, dass es Euch nicht erlaubt ist, für einen Eurer Elementarwächter Partei zu ergreifen." Beide sahen Itzumi einen Moment schweigend an, bis Green nun endlich zu Wort kam, während Azura den Kopf senkte, denn natürlich wusste sie, dass Itzumi recht hatte:
"Ich habe schon genug andere Regeln gebrochen, da wird mich diese auch nicht aufhalten." Itzumi öffnete den Mund, um etwas zu sagen, entschied sich aber offensichtlich für etwas anderes und sagte:
"Ihr wisst wohl, Hikari-sama, dass Euer Großvater das Amt des Richters bekleidet, nicht wahr?"
"Ja, ich denke, das weiß ich nur allzu genau." Dann wandte sie sich wieder zu Azura und versprach:
"Keine Sorge, ich habe Erfahrungen mit meinem Großvater - ich bekomm das schon hin! Niemand nimmt mir meine beste Klimawächterin weg!"


"Du hast noch viele andere talentierte Kikou in deinem Stab. Offensichtlich auch weitaus kompetentere." Sofort war Green nach dem Gespräch mit Azura ins Jenseits geeilt und befand sich nun in Shaginais Büro, sich natürlich bewusst, dass ihr Großvater die Verhandlung mit Wissen und Wollen vor ihr verschwiegen hatte, denn natürlich war ihm klar gewesen, dass Green jeder Regel zum Trotz für Tinami einsprechen würde.
"Aber Tinami hat nichts Unrechtes getan! Du kannst sie unmöglich zum Tode verurteilen!"
"Zum Ersten, Yogosu, hat deine ehemalige ach so famose Klimawächterin Mitschuld an dem Tod von 848 Wächtern - das nennt sich fahrlässige Tötung, falls du das nicht weißt. Zum Zweiten ist sie nicht zum Tode verurteilt, sondern lediglich degradiert worden-"
"Aber Tinami kann gar nicht kämpfen!"
"Das ist nicht unser Problem. Wächter, die nicht gut genug kämpfen, sterben nun einmal." Dies waren die Worte, die Green zum Überlaufen brachten und dies kam auch deutlich zum Vorschein, denn mit der zusammengeballten Faust schlug die Hikari auf Shaginais Schreibtisch. Shaginai reagierte nicht sonderlich darauf, immerhin war es nur ein Zeugnis dafür, dass Green sein Temperament geerbt hatte - er hätte wohl das Gleiche getan.
"Aber nicht meine Klimawächterin! Nicht Tinami!" Sie wollte noch weiter ausführen, doch Shaginai unterbrach sie sofort mit seiner kraftvollen Stimme:
"Yogosu! Ich sage es dir noch einmal und es wird das letzte Mal sein, dass ich es sage. Wegen deiner ehemaligen Elementarwächterin sind 848 Wächter gestorben."
"Aber da konnte sie doch nichts für! Jeder macht doch Fehler!" Shaginai allerdings blieb ruhig und erwiderte:
"Es ist immer wieder unglaublich, wie begrenzt dein Wissen über die Gesellschaft ist, der du angehörst. Vielleicht sollten wir lieber die Theorie durchnehmen, um dein Allgemeinwissen aufzufrischen?"
"Was meinst du damit?"
"Die wichtigste Ressource der Kikous ist ihre Intelligenz: besonders von denen, denen der Posten eines Elementarwächters innewohnt. Wir müssen uns darauf verlassen können, dass ihre Erfindungen - und dazu zählt auch das Sicherheitssystem - einwandfrei funktionieren. Ist dies nicht der Fall, sollte der Kikou nicht das Amt eines Elementarwächters bekleiden! Kikous, die Fehler machen - solch gravierende, dass 848 Wächter dem Fehler zum Opfer fallen - gehören auch nicht in die Kommandozentrale!" Dies brachte Green zum Schweigen: kein einsehendes Schweigen zwar und auch fern davon, ein aufgebendes zu sein, doch sie erwiderte nichts, schien über das nächste Argument nachzudenken, auf das Shaginai geduldig wartete.
"Shaginai hat vollkommen recht, mein Schmetterling."
Beide Hikari fuhren zusammen, als sie die Stimme Inceres' hörten, welcher plötzlich an der Tür aufgetaucht war, als hätte er dort schon die ganze Zeit gestanden. Als sie beide sich überrascht zu ihm gewandt hatten, lächelte das machtvolle Kind entschuldigend:
"Verzeiht, ich weiß, ich hätte wohl anklopfen müssen." Der überraschte Ausdruck auf Shaginais Gesicht verschwand und machte einem nachdenkenden Gesichtsausdruck Platz, welchen er halb hinter seinen gefalteten Händen verbarg.
Seine Vermutung war also wahr: Inceres belauschte wirklich jedes Gespräch über oder mit Green. Warum? Weil er so sehr an ihr hing und nicht zulassen wollte, dass die Hikari noch einmal auf die Idee kamen, sie an den Pranger zu stellen? Irgendwie konnte Shaginai sich das nicht vorstellen, immerhin überwachte er sie regelrecht - vielleicht sogar im Tempel?
"…doch ich hielt es für klüger, mich bereits jetzt an diesem Gespräch zu beteiligen, ehe Green sich dafür entscheidet, mich um meine Mithilfe zu bitten." Green wurde ein klein wenig rot und antwortete:
"Das hatte ich gar nicht vor!"
"Aber darüber nachgedacht hast du bereits, Green - du kannst..." Inceres sprach eindeutig mit Green - aber in diesem Augenblick fixierten seine dunklen, blauen Augen Shaginai statt sie:
"... mir nichts vormachen."
Shaginai tat so, als hätte er den Blick Inceres' nicht bemerkt, obwohl ihm plötzlich bewusst wurde, dass Inceres die Gedanken der Hikari hören konnte und er ihm dies gerade perfekt vorgeführt hatte... ihn gewarnt, nein...ihm gedroht hatte?
Doch er sagte ansonsten nichts mehr direkt an Shaginai und kommentierte seine Gedanken auch nicht weiter: er war mit Green beschäftigt und damit, sie davon zu überzeugen, dass an dem Urteil nicht gerüttelt werden konnte. Das hieße aber ja nicht, dass Tinami gleich sterben würde und Green solle optimistisch bleiben. Wenn Tinami sich behauptete, könne sie ja wieder im Team der Elementarwächter aufgenommen werden. Es sei jetzt für sie an der Zeit, an ihre Elementarwächterin zu glauben.
Warum empfand Shaginai das plötzlich als ironisch?