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Episode 66
  Episode 66: Eine Portion Männerlogik
Green konnte selbstverständlich nicht ahnen, dass alle, oder so gut wie alle, Fürsten sich momentan in Lerenien-Sei aufhielten und in diesem Moment gewiss nicht daran dachten, das Wächtertum oder die Menschenwelt anzugreifen. Ihre gesamte Aggression war gegen Youma gerichtet.
"Verschwinden?!", wiederholte Lycram die Worte seines Königs scheinheilig und führte mit ausgestrecktem Zeigefinger und großer Angriffslust aus:
"Sterben soll er! So wie es bei jedem anderen Wächter der Fall wäre!"
"Ich bin keiner...", versuchte Youma sich hoffnungslos mit Worten zu verteidigen, während Nocturn sich nun seelenruhig an seinem Fruchtsalat gütig tat, gerade einen großen Berg Sahne über die Früchte verteilend, was offensichtlich nicht nur Youma reizte. Mit zusammengeballten Fäusten schlug Lycram auf die Tischplatte, was die Gläser zu einem lauten Klirren brachte.
"Du wusstest das, du verräterisches Arschloch! Wie kommst du dazu, einen Wächter mit hierher zu nehmen?!"
"Also das wüsste ich auch gerne! Das ist nämlich meine Stadt! Meine Stadt! Mein Schloss! Und ich erlaube hier keine Wächter!", bellte nun auch Lerou, doch wurde eher wenig beachtet.
"Man zeigt mit dem nackten Finger nicht auf angezogene Leute", erwiderte Nocturn gelassen, doch das hätte er wohl nicht tun sollen----
"Mein Finger ist nicht nackt, du Idiot?!" --- denn Lycram war nur einen Hauch davon entfernt, ihn anzugreifen - und danach wohl Youma, doch Azzazello kam ihm zuvor:
"Eine klare Antwort, Nocturn-san! Wir verlangen eine klare Antwort!" Es war deutlich zu vernehmen, dass alles von dieser einen Antwort abhing: Die meisten Fürsten hatten sich schon dazu bereit gemacht aufzustehen, niemand kümmerte sich noch um sein Essen. Auch Nocturn nicht, der nun sein Besteck auf den Teller legte und ihn von sich fortschob: in guter Voraussicht, wie sich nur wenige Minuten später zeigen sollte. Auch Feullé hob er von seinem Schoß und sie entfernte sich sofort, als hätten sie stumm miteinander gesprochen, während Gaossou die Chance nutzte und sich klammheimlich davonstahl. Er hatte gewiss nicht vor, sich einzumischen, nein, ganz sicher nicht!
Was für eine Anspannung, dachte Blue und warf einen Seitenblick auf seinen Lehrmeister, welcher jedoch die Augen nicht geöffnet hatte. Für ihn war es wohl doch noch nicht spannend genug, obwohl auch von ihm eine gewisse Anspannung ausging. Dennoch erkannte Blue keine Kampfhaltung an ihm, als wäre er sich ziemlich sicher, dass es nicht zu einem Kampf kommen würde, obwohl Blue fand, dass ein solcher mehr als deutlich in der Luft hing. Die vielen unterschiedlichen Augen - alle - hingen an Nocturn, sie glühten vor Kampfeswille, Ungeduld und Anspannung.
Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, antwortete Nocturn simpel, nachdem er Youma ein kurzes, böswilliges Grinsen zugeworfen hatte:
"Ich wusste gar nicht, dass er ein Wächter ist! Ansonsten hätte ich ihn doch nie-" Nocturns Worte wurden unterbrochen - allerdings nicht durch einen Angriff von einem der Fürsten, sondern von Youma selbst, welcher seinen angeblichen Partner rücklings auf den Tisch schmetterte. Verblüfft wurde Youma nicht nur von den Fürsten angesehen, sondern auch von dem auf dem Tisch aufgeschlagenen Nocturn, seinen von Blut feucht werdenden Hinterkopf nicht beachtend.


Überraschung erwartete Nathiel auch auf Karous Gesicht zu sehen, als sie sich triumphierend grinsend an ihn wandte:
"Habe ich es Ihnen nicht gesaaaaaagt? Sie brauchen die Hohen gar nicht, um den hübschen Wächter wieder loszuwerden. Das wird mein Kleiner schon für uns erledigen, so wie es sich für ein braves, wohlerzogenes Kind wie ihn gehört." Doch Karou sah nicht überrascht aus, wie Nathiel enttäuscht feststellte. Er stützte ruhig sein Kinn auf seine zusammengefalteten Hände und beachtete Nathiel nicht weiter, was ihr so gar nicht gefallen wollte. Konzentriert starrte er die vielen Bildschirme vor sich an, ohne mit ihr zu sprechen oder irgendetwas zu tun. Dennoch, ohne das Zutun Karous, bemerkte Nathiel, dass der Computer an irgendetwas arbeitete.


Gaossou war nicht der einzige, der die allgemeine Unruhe genutzt hatte, um den Festsaal zu verlassen. An die Tür, die Gaossou geöffnet hatte, um das Schloss schnellstmöglich zu verlassen, hatte sich ein anderer Schuh geschoben, ehe die große Flügeltür ins Schloss hätte fallen können. Der Fürst wollte schon durch die nun kaum mehr geöffnete Tür gehen, als er bemerkte, dass sein Verschwinden nicht von allen gänzlich unbemerkt blieb - Ri-Il sah in seine Richtung und ja, wahrscheinlich sollte er sich geehrt fühlen, denn das ihm zugewandte Auge hatte sich einen Spalt breit geöffnet, ihn argwöhnisch ansehend. Wie eigenartig; gab es nicht weitaus interessantere Dinge zu beobachten, als dass er den Festsaal verließ? Gaossou hatte das Schlitzohr nicht hinterher gesehen. Aber anstatt sich geehrt zu fühlen, schickte Noivern Ri-Il sein herausforderndes, kurioses Grinsen - denn seine Zähne waren nicht weiß, sondern fluoreszierend pink - und dann hatte der Fürst den Saal auch schon verlassen.
Kaum dass Noivern den Gang betrat, verschwanden seine eigentümlichen Zähne auch schon wieder, denn ihm war das Grinsen schnell vergangen.
Mit festen, eiligen Schritten wollte auch er das Schloss hinter sich lassen, obwohl… von Wollen konnte eigentlich keine Rede sein. Denn er wollte das Schloss nicht verlassen, er musste. Er hielt es hier nicht aus. Auch wenn er seine schwarzen Augen geradeaus gerichtet hatte und versuchte, seine Umgebung nicht allzu sehr zu beachten, stach sie ihm doch ins Auge, drängte sich ihm auf… quälend. Dieses Schloss… es war ein Machtzeugnis. Ein Machtzeugnis - gewesen. Dieser Idiot von einem König, diese Beleidigung der Krone, ließ es verrotten und verkümmern. Staub lag auf den Kronleuchtern, die Fresken waren sicherlich seit Monaten - womöglich Jahren! - nicht mehr gesäubert worden, obwohl sie doch so kunstvoll die sieben Mächte illustrierten… würden diese Fresken irgendwann verbleichen, unerkennbar sein? Noivern schmerzte das Herz, wenn er daran dachte. Ihm war schon schlecht geworden beim Essen, als er das königsblaue Service gesehen hatte… aus dem einst so königlich gespeist worden war… was für eine Ehre es gewesen war, aus diesem Service speisen zu dürfen. Jetzt wurde es missbraucht, von Fingern berührt, die dessen Wert nicht kannten, die zu dumm waren zu begreifen, die durch dieses Schloss wanderten und es jeden Tag mehr zerstörten, zur Ruine machten… zur traurigen Ruine. So viel… Liebe zum Detail war in das Schloss und dessen Einrichtung investiert worden, so viel Mühe, so viele Gedanken. Jetzt rottete es alles vor sich hin, genau wie die Dämonenwelt. Wie konnte es auch anders sein bei… so einem König.
Wie wohl die oberen drei Zirkel aussahen? Die Gemächer, die doch nur… die doch nur…
Urgh, Noivern wollte nicht darüber nachdenken, ihm kam das Essen wieder hoch.
Stattdessen hob er seine linke Hand zu seinen großen, spitzen Ohren und berührte einen kleinen, metallenen Ohrring. Eine flüchtige Bewegung, die sich ungewohnt anfühlte, aber einst so normal und alltäglich gewesen war.
Der Fürst befürchtete schon, dass er keine Antwort erhalten würde, dass vielleicht doch zu viel Zeit vergangen war… aber gerade als er den Zirkel betrat, in dem er sich früher am meisten aufgehalten hatten - dem Zirkel der Gier - hörte er eine altbekannte Frauenstimme in seinem Ohr:
"Das glaube ich jetzt nicht - Noivern?! Wie viele Jahre ist es her, dass wir die Ohrringe benutzt haben…"
"Da du die Ohrringe noch trägst, nehme ich an, dass du nicht vergessen hast, wem deine Treue gebührt?" Noivern hörte sie lachen und auch ein Grinsen hörte er deutlich heraus, als sie antwortete:
"Wie könnte ich meine Treue dem einzig wahren König gegenüber vergessen?


Youma hatte nicht vor, eine Erklärung für seine Taten zu geben: genau wie Karou es tat, beachtete er die allgemeine Verwunderung nicht und setzte zu einem weiteren Angriff an, dieses Mal jedoch mittels seiner Sense, mit welcher er weit ausholte, ehe das scharfe Sensenblatt auf Nocturn zuraste.
Im letzten Moment gelang es ihm auszuweichen, genau wie es auch die anderen Fürsten gekonnt taten, die in der Nähe gesessen hatten. Die Sense teilte Essen, Kerzen und Porzellan in zwei absolut gerade geschnittene Teile - beinahe hätte sie auch Blue zerteilt, denn er war nicht so schnell wie die kampferprobten Fürsten. Gerade noch rechtzeitig hatte Ri-Il den Kragen seines Schützlings packen können und ihn heruntergezogen, so dass nur die Spitzen seiner Haare abgeschnitten wurden. Wenig elegant stürzte Blue daraufhin auf den Boden, aus dieser Position aber dennoch gut sehend, wie Youma keine Zeit verstreichen ließ, sondern sofort ein weiteres Mal seine enorme Sense rücklings schwang - und dieses Mal war Nocturn nicht in der Lage, auszuweichen. Er blockte das scharfe Sensenblatt mit seinen Fingernägeln, die es gerade noch geschafft hatten, so lang zu werden, dass sie die Sense abfangen konnten.
Doch was sahen Blue und die Fürsten da - wich Nocturn zurück?!
Auch Nathiel sah es und spitz kreischte sie auf, als Nocturn einige Zentimeter zurückweichen musste, weil er dem Druck Youmas nicht standhalten konnte. Als hätte Nocturn ihren panischen Schrei gehört, festigte er seinen Halt wieder, doch auch ihm schien nicht entgangen zu sein, dass Youma für einen Moment stärker gewesen war als er, denn kurz zeigte sich Wut auf seinem Gesicht, ehe er sich zu einem grimmigen Grinsen zwang:
"Oho? Der ach so ruhige Youma ist also auch zu einer Explosion fähig? Wer hätte das gedacht!"
"Du machst das jetzt sofort rückgängig, hast du mich verstanden?! Sei zur Abwechslung mal zu etwas gut und nutz die Fähigkeiten, wegen denen ich dich wiederbelebt habe, zu etwas Nützlichem! Ich habe dir das Leben geschenkt, aber ich kann es dir auch ohne Weiteres wieder nehmen!", erwiderte Youma in der Sprache der Wächter, da er damit wohl nicht noch mehr Schaden würde anrichten können. Doch obwohl er ganz offensichtlich wütend war, so versuchte er immer noch, sich zur Ruhe zu zwingen; es rational zu betrachten, die hitzige Stimmung abzukühlen… wie langweilig er doch war. Aber Nocturn sah es als eine Herausforderung:
"Du bist ja immer noch so von deiner gekünstelten Ruhe eingeschränkt. Aber weißt du was? Ich habe schon ganz andere zur Weißglut gebracht. An White habe ich gut üben können! Und auch deinen Knackpunkt kenne ich." Und kaum hatte er diesen Satz zu Ende gebracht, stolperte Youma auch schon einen Schritt vorwärts, denn Nocturn hatte sich tatsächlich aufgelöst - etwas, was eigentlich absolut unmöglich war, was Youma nicht wusste, dafür aber die Fürsten: Es war nicht möglich, sich im Schloss zu teleportieren, wie hatte Nocturn das gemacht?! War es womöglich keine Teleportation gewesen?
Schnell wurde die Frage allerdings nebensächlich, denn Nocturn war fliegend hinter Lerou aufgetaucht - fliegend und mit der Krone des Dämonenkönigs, der zuerst gar nicht realisierte, dass ihm sein Kopfschmuck abhanden gekommen war. Seelenruhig und mit einem breiten Grinsen wirbelte Nocturn das elegante Diadem um seinen abgemagerten Zeigefinger herum, Youma dabei herausfordernd fixierend.
"Die ist es doch, die du haben willst, nicht wahr, Youma?" Doch nur einen kurzen Moment lang konnte Nocturn sich an dem zornentstellten Gesichtsausdruck Youmas erfreuen - der nicht fassen konnte, wie Nocturn das einfach so unverfroren allen mitteilen konnte - ehe eine große Faust seinen Unterschenkel packte und es samt Bein wahrscheinlich vom Körper gerissen hätte, hätte Nocturn nicht noch einmal seinen Trick angewandt, womit er, sichtlich erleichtert, am anderen Ende des Saals auftauchte. Samt Krone allerdings, was Lerou so gar nicht zu gefallen schien. Zwar vergaß er sie öfter und sie war ihm zu eng, aber niemand nahm sie ihm weg!
Die Wut Lerous ignorierend und dafür der von Youma viel mehr Beachtung schenkend, setzte Nocturn sich das Schmuckstück auf den Kopf und platzierte es sogar so, dass es wie angegossen saß.
"Ich weiß gar nicht, was immer alle haben, dass sie zu klein wäre. Also mir passt sie ganz ausgezeichnet!" Wie ein wütender Stier stürzte Lerou sich erneut auf Nocturn, doch brachte damit nur den riesigen Tisch zum Umsturz, ohne ihn dabei zu erwischen, denn Nocturn hatte bereits die große Tür geöffnet, die zu den Treppen hinaus führte, auf welchen nur wenige Wochen zuvor der Krieg verkündet worden war.
Doch Lerou war nicht der Einzige, der dem wie ein kleines Kind grinsenden Nocturn hinterherhechtete: auch Youma war mittlerweile so gereizt, dass er, genau wie von Nocturn geplant, mitspielte und mehrere Stufen auf einmal nahm, wobei er Lerou schnell hinter sich ließ, der auch körperlich eher schwerfällig war.
Auch die Mitglieder der Hohen, inklusive Blue, verließen den in Chaos getauchten Speisesaal, setzten allerdings nicht dazu an, die Verfolgung aufzunehmen; ohne etwas zu sagen, schienen sie sich alle einig zu sein, dass Beobachtung in diesem Falle spannender war als wieder eine Gruppenprügelei anzufangen. Die meisten von ihnen wussten, was sie von Nocturn zu erwarten hatten, weshalb er in diesem Kampf auch ziemlich uninteressant war.
Anders sah es allerdings mit Youma aus.
Dieser war genau wie Nocturn an der unteren Hälfte der langen Treppe zum Stillstand gekommen und ging die letzten Stufen herunter, anstatt sie wie die vorigen zu überspringen. Nach wie vor versuchte er sich ruhig zu zeigen, doch es war nur allzu deutlich, dass es gespielt war und eine kalte Wut sich hinter seinen angespannten Gesichtszügen verbarg. Viel Zeit hatten sie nicht, denn Lerou war ihnen dicht auf den Fersen, daher wählte Youma, es direkt zu sagen:
"Du wirst das Ganze hier rückgängig machen, denn so wie die Situation jetzt ist, bringt sie keinem von uns etwas." Nocturn verschränkte die Arme auf dem Rücken, während er einige Schritte rückwärts tänzelte:
"Hm... wie sag ich das am besten? So direkt, dass selbst du das verstehst? "Nein"? "Vergiss es"?" Die Hand auf Youmas Sense verkrampfte sich so, dass man meinen konnte, sie würde das Material zum Bersten bringen, doch sie hielt der Wut ihres Besitzers stand.
"Außerdem...", begann Nocturn, den anlaufenden Lerou im Auge behaltend, da er seine Glieder gerne behalten wollte:
"Finde ich, dass mir dir Krone viel besser steht als dir. Glaubst du nicht auch, dass andere das ebenfalls so sehen werden? Welcher Dämon will denn schon einen Halbwächter seine Majestät nennen! Du willst von dir selbst behaupten, dass du ein Dämon bist - obwohl du nicht einmal alleine kämpfen kannst, sondern dich an deine Sense klammerst? Und so etwas will auf den Thron? Was bist du eigentlich? Weißt du es eigentlich selbst?" Nocturn hatte erwartet, dass sein Gegenüber ihn sofort nach diesen Worten angreifen würde, doch das tat er nicht - dennoch sah Nocturn deutlich, dass er ihn soweit hatte; dass er ihn genau da hatte, wo er ihn haben wollte. Dafür musste er seine Gedanken nicht lesen - die Wut, die nun endlich "Klick" gemacht hatte, stand Youma deutlich ins Gesicht gemeißelt und wurde dadurch untermauert, dass er seine Sense plötzlich mit wütender Entschlossenheit in den Steinboden rammte, wo sie nicht mit dem Stein kollidierte, sondern in dem nun schwarz gewordenen Stein ein Stück weit versank, als hätte sich an diesem Punkt ein kleiner Sumpf aufgetan. Seine Sense hatte er somit "weggeschlossen"; niemand außer ihm konnte sie von diesem Punkt entfernen. Aber obwohl damit alle Vorbereitungen abgeschlossen waren, begann der Kampf nicht sofort - jetzt war erst einmal Lerou an der Reihe.


"Na endlich fängt es an!" Ein breites Grinsen zierte das Gesicht der Eiskönigin, die ihr Opernglas gerade zurechtgerückt hatte und sich nun von Weitem das kämpferische Spektakel ansah - aber auch ohne Opernglas mit Fernrohrfunktion wäre es ihr möglich gewesen, es zu beobachten, genau wie die Bewohner Lerenien-Seis es gerade mit gespitzten Ohren und überraschten Augen bemerkten, denn die Staubwolke, die die enorme Attacke Lerous ausgelöst hatte, war auch aus der Ferne gut zu sehen.
"Das verspricht ja richtig spannend zu werden!" Die Person, die sie begleitete, schien nicht ganz so begeistert wie Lacrimosa zu sein. Sie wandte sich besorgt von dem ab, was sie sah, lehnte auch das Opernglas ab, das Lacrimosa gerade hatte teilen wollen und betrachtete mit derselben Sorge das Bauwerk, auf das Lacrimosa ihre Hacke gesetzt hatte, als wäre der schwarze Pfeiler mit der mittlerweile nicht mehr glühenden Kugel ein von ihr erlegtes Tier.
"Findest du nicht, dass das ein wenig… riskant ist?" Lacrimosa pfiff unschuldig vor sich hin, obwohl sie natürlich wusste, dass der Einwand durchaus seine Richtigkeit hatte, immerhin hatte sie soeben den Bannkreis zerstört, der jeden Magieeinsatz in Lerenien-Sei verhinderte. Aber ohne Magie war ein solcher Kampf doch gar nicht interessant! Und ihre Mitfürsten ins Stutzen zu bringen, das war doch auch ein kleiner Genuss. Sie nahm nämlich nicht an, dass sie bemerkt hatten, dass der Bannkreis eingebrochen war - so aufdringlich war dessen Magie nicht und es war nun wirklich sehr, sehr lange her, dass sie ihn gemeinsam erneuert hatten; seitdem waren auch schon wieder einige Fürsten ausgetauscht worden. Für Youma und Nocturn - eigentlich nur für den Ersteren - war es ohnehin nur gut, wenn sie mächtiger erschienen, als sie es eigentlich waren.
"Die beiden Idioten brauchen einfach dringend ein wenig Werbung und abreagieren müssen sie sich auch dringend. Die Wogen müssen geglättet werden, ansonsten wird das doch nie was mit den beiden."
"Und die Wogen werden am besten durch eine Prügelei geglättet? Ist das nicht eine ziemlich chauvinistische Art, das Problem zu klären, Lacri?"
"Willst du mich etwa ärgern, Schatzi?" Die beiden sahen kurz in die gelben Augen des jeweils anderen, ehe Lacrimosa sich grinsend wieder dem Spektakel zuwandte:
"Meine Lebenserfahrung hat mich gelehrt, dass Männer ihre Probleme auf diese Art aus der Welt schaffen. Das ist wohl Männerlogik. Außerdem…" Lacrimosa löste das Opernglas wieder von ihren Augen, lehnte es gegen ihr zierliches Kinn und grinste die Person an, mit der sie sprach:
"… will ich sehen, was Youma kann. Ich will wissen, ob es sich lohnt, in ihn - und Nocturn-kun - zu investieren."


Es gab nichts, was diesen Kampf hätte verhindern können. Er hatte die ganze Zeit in der Luft gehangen; Youma hatte versucht, es zu ignorieren, hatte sich befohlen, sich nicht reizen zu lassen, auch wenn das wahrlich eine Herausforderung gewesen war, denn er hatte es ebenfalls gespürt; die unterdrückte Aggression zwischen ihnen. Aggression, die nur darauf gewartet hatte, zu explodieren. Eine Aggression, die von ihnen beiden ausging, auch wenn Youma versucht hatte, sie unter Verschluss zu halten; zu vernünftig war er, um sich diesem destruktiven Gefühl hinzugeben.
Nocturn nicht. Er hatte nur darauf gewartet: auf die geeignete Bühne gelauert, sie natürlich selbst inszeniert - und jetzt war sie endlich da, die perfekte Kulisse, das perfekte, spaßige Umfeld, das es ihm unglaublich leicht gemacht hatte, Youma zum Überkochen zu bringen.
Anders als Lacrimosa dachte er jedoch nicht daran, irgendwelche Wogen zu glätten.

Nein. Nocturn wollte es ihm heimzahlen.

Nocturn hatte es tatsächlich geschafft, Youma wütender denn je zu machen; seine Ruhe war verschwunden und die Vernunft, die er sich selbst immer beschworen hatte, die wollte er jetzt Nocturn eintrichtern. Nein, es reichte. Er hatte genug! Vernunft eintrichtern!? Pah! Wenn er Nocturns überhebliches Grinsen sah, dann wusste er sofort, dass das Zeitverschwendung war.

Er war Zeitverschwendung.

Sowohl Nocturn als auch Youma war es gelungen, Lerous Attacke zu entgehen und dank der enormen, aufkommenden Staubwolke landeten sie nun beide von Lerou unbemerkt auf dem Platz unterhalb des Podestes, wo vor einigen Wochen die Massenprügelei stattgefunden hatte - auch jetzt wurde der erste Schlag ausgeteilt und eingesteckt.
Während Lerou über ihnen zu verwirrt war, um zu bemerken, dass sein Gegner und seine Krone unter ihm waren, hatte Nocturns treffsicherer Faustschlag mitten in Youmas Gesicht eingeschlagen.
Wutentbrannt wischte Youma sich das Blut von der aufgeplatzten Lippe und glaubte seinen Ohren nicht zu trauen, als er Nocturns begleitende Worte hörte:
"Das war dafür, dass du ungefragt und unhöflicherweise Feullés Zimmer betreten hast!"
"Wie bitte?!" Noch ehe Youma die Hand von seinem Gesicht lösen konnte, kam auch schon Nocturns nächster Angriff: ein Fußtritt, dem Youma allerdings ausweichen konnte - doch dem nächsten Schlag Nocturns konnte er nicht ausweichen, er traf ihn in der Magengegend und ließ ihn aufstöhnen.
"Ein wenig langsam der Herr Kronprinz, huh?" Nocturn lachte kurz auf, ehe seine Augen sich verengten, den zornigen Youma fixierend:
"Oder vielleicht gar… unausgebildet?" Die zusammengebissenen Zähne verrieten deutlich Youmas Wut, die ihn auch zu einem Angriff brachte - doch anders als Nocturn setzte Youma auf Magie, befehligte diese dazu, sich um seine Faust zu legen, die aber dennoch ins Leere ging, denn Nocturn war ihr geschickt mit einem galanten Rückwärtssalto ausgewichen. Um Youma noch weiter zu provozieren, hatte er dabei sogar beide Hände auf den Rücken gelegt und fuhr noch im Sprung fort mit seinen triezenden Worten:
"Vielleicht irre ich mich ja, aber ich meine gehört zu haben, dass der König der Dämonen der Stärkste aller Dämonen ist!" Nocturn landete wieder, grinste Youma schalkhaft an, dessen Arm immer noch von schwarzer Magie umzüngelt wurde und bedeutete mit den Augen seinem Gegenüber nach oben zu sehen, womit sie beide Lerou erblickten, der sie nun endlich ebenfalls entdeckt hatte - er hatte Karous Hilfe gebraucht, um sie zu finden.
"Na los, Youma! Du willst doch diesen Titel, du willst doch diese Krone! Dann tu, was das Gesetz dieser Welt vorschreibt und töte dieses Bollwerk an Stärke!" Aber jenes Bollwerk hatte definitiv erst einmal ein anderes Ziel, wie Nocturn mit einem kleinen Schweißtröpfchen wieder einfiel, als er daran dachte, dass er ja immer noch eine lebende Zielscheibe war - und wäre Nocturn nicht flinker als der eher stämmige Lerou, dann hätte dieser ihm wahrscheinlich bei dessen Sprungattacke alle Knochen gebrochen.
Offensichtlich hatte er nicht vor, Nocturn gehen zu lassen, weshalb dieser sich auch dazu entschied, dass er genug Spaß mit der Krone gehabt hatte und sie sich vom Kopf riss - seine Knochen wollte er nämlich gerne behalten und er wollte ja nicht König werden!
Darauf bedacht, dass Lerous Augen auch ja auf der Krone lagen, holte Nocturn weit aus und warf die Krone in die entgegengesetzte Richtung - und tatsächlich stürzte Lerou dem goldenen Machtrelikt hinterher, als wäre es ein Knochen und er ein Hund.
"Unser König ist wirklich genauso dumm wie er stark ist…" Nocturn drehte sich zu Youma herum:
"Na, dann viel Spa…" Aber dieses Mal traf Youmas Magie in ihr Ziel.
Nocturn wurde in die Luft geworfen, fing sich aber auf - doch das Grinsen war ihm kurz vergangen. Offensichtlich irritiert blickte er Youma an, der nun auch sofort nachsetzte, ihm ebenfalls in die Luft folgte, kurz ein kleines Zucken seiner Mundwinkel bemerkend, als er sah, dass Nocturn das Grinsen vergangen war. Aber es kehrte zurück; im gleichen Moment wie er seine Lieblingswaffe aktivierte - seine Fingernägel.
"Ich habe nicht vor, die Krone auf diese Art zu erlangen!", rief Youma weiterhin die Sprache der Wächter benutzend, während die beiden Kontrahenten sich einem Schlagabtausch hingaben. Denn, obwohl ein Schlag dem nächsten folgte, eine Stichattacke einer weiteren, war Youma nicht entgangen, dass ihr Kampf Schaulustige angelockt hatte - und anders als Nocturn hatte Youma nicht vor, seine eigentlich geheimen Pläne in die Welt hinauszuposaunen. Dass er zur Hälfte ein Wächter war, war wohl zu spät zu verbergen - aber mehr über sich und seine Pläne preisgeben, das würde er nicht!
"Ach, nein? Dann hast du wohl was missverstanden und nicht nur ein Randdetail!" Nocturn grinste, einen Schlag nach dem anderen abfangend:
"Sondern die Logik dieser Welt! Das einzige Gesetz, die einzige Regel! Das Gesetz des Stärkeren! Was nützen dir all deine tollen Pläne, die du so absolut nicht preisgeben willst…" Sein Grinsen wurde breiter, denn natürlich wusste er, warum Youma es eher in Kauf nahm, dass sein Wächterblut verdeutlicht wurde, anstatt dass seine Worte verständlich waren.
"… wenn du nicht stark genug bist?! Deswegen kannst du auch genauso gut mit offenen Karten spielen! Ist es so nicht auch viel spannender? Keine Geheimnistuerei! Wenn du die Krone willst, dann sag das mit einer klaren Kampfansage!" Und dann - als hätte Nocturn nur auf eben diese Worte gewartet, schleuderte er Youma mit einem gezielten Fußtritt von sich; einem Fußtritt, der Youma im Torso traf, unter dem begeisterten und erstaunten Jubel der Schaulustigen auf der Straße. Sein Rücken jubelte garantiert nicht, genauso wenig wie die zerstörten Pflastersteine unter ihm - dennoch richtete Youma sich wieder auf, allerdings ein paar Sekunden zu spät, denn Nocturn war schon wieder gelandet und im gleichen Moment, wie die Füße des Flötenspielers den Boden berührt hatten, hatte sich plötzlich ein rotleuchtender Ring um Youma herum aufgetan. Zuerst verstand er dessen Sinn nicht, aber als Nocturn mit einem heimtückischen Lächeln die ebenfalls rot leuchtenden Finger spreizte, da wurde er gezwungen, zu verstehen. Am Rand des Kreises bildeten sich unheimlich wirkende… Hände, die Nocturns Skelettfinger in Punkto Hässlichkeit und offensichtlich auch in Zielgenauigkeit in nichts nachstanden. Zehn an der Zahl - zehn, die genau die gleiche Haltung eingenommen hatten wie die Originalhand Nocturns.
"Zehn Hände…", begann Nocturn mit einem erfreuten Flüstern, als er seine Fingernägel verlängerte und die roten Schatten seiner Hand es ebenfalls taten, womit Youma sich aufgespießt hätte, wenn er sich bewegt hätte.
"… Hundert Finger…" Lächelnd betrachtete Nocturn sein kleines Werk:
"Hundert Wege, dich zu töten."


"Oh nein, oh nein, oh nein..." Feullés keuchendes Fiepsen war kaum zu vernehmen, aber dennoch konnte sie ihre Verzweiflung nicht zurückhalten, weshalb sie auch die Treppe herunterrannte so schnell sie konnte. Unverfolgt und ohne, dass ihr einer der Fürsten sonderlich Beachtung schenkte - nur Blue, neben Ri-Il platziert, sah ihr hinterher, sich bewusst, dass er das blonde Mädchen doch erst vor Kurzem gesehen hatte... sie hatte andere Kleidung getragen, aber er war sich ziemlich sicher, dass es dasselbe Mädchen war, das bei der Kriegsverkündung versucht hatte, mit ihm zu reden. Sie hatte damals eindeutig zu Lacrimosa gehört: jetzt schien sie mit Nocturn verknüpft zu sein.
Wahrscheinlich sollte es seine Neugierde wecken; tat es aber nur in geringem Maße. Nicht einmal die Frage, was ein Mädchen mit solchen Verknüpfungen mit ihm hatte besprechen wollen, weckte sonderlich großes Interesse in ihm, genauso wenig wie der Kampf von Youma und Nocturn es tat... Warum hatte Ri-Il gewollt, dass Blue hierblieb, wo er Silver doch weggeschickt hatte? Blue warf einen Seitenblick an seinen Lehrmeister, der den Kampf zu beobachten schien, aber seine Augen deswegen nicht geöffnet hatte. Was ging nur mal wieder in ihm vor?
Während Feullé beim Rednerpult ankam und dort, völlig aus der Puste, erst einmal verschnaufen musste, beobachtete Azzazello mit einem Hauch von Sorge, wie Lycram schnurstracks auf Ri-Il zusteuerte. Oh nein, oh nein, was hatte er denn jetzt schon wieder vor? Azzazello fand eindeutig, dass er für diesen Abend schon genug Action gehabt hatte. Aber sein Bruder musste natürlich dem Ganzen wieder die Krone aufsetzen, natürlich! Aber warum gerade Ri-Il? Ja, er hatte natürlich oft genug von seinen "Erzfeind"-Parolen gehört, aber bedeutete das denn, dass er sich immer wieder mit ihm anlegen musste? Wahrscheinlich. Aber das machte die Sache nicht... besser. Azzazello musste zugeben, dass es ihn erleichtert hatte zu hören, dass Lycram Ri-Il lange nicht mehr persönlich getroffen hatte... Und dann auch noch Lycrams aggressive Art, sich direkt neben Ri-Il ans Fenster zu lehnen und ihn herausfordernd anzuvisieren... ihn, einen der mächtigsten Dämonen dieser Welt. Es war nichts Neues, nein, aber immer wieder schlimm. Oh, ihr Nerven aus Stahl, steht mir bei.
Aber anstatt Ri-Il sofort anzusprechen, starrte er ihn nur an, als wäre das die einzige Art, wie man ein Gespräch mit Ri-Il beginnen konnte - bis sich dann plötzlich ein herausforderndes Grinsen auf seinem Gesicht zeigte, was Azzazello nur noch nervöser machte. Oh bitte, bitte nicht!
"So wie ich dich verdammtes Schlitzohr kenne, hast du das alles schon längst durchschaut?" Ri-Il sah Lycram stutzend an:
"Durchschaut, Lycilein?" Lycrams Mundwinkel zuckten, denn natürlich war ihm klar, dass Ri-Il seine Verwunderung nur vorspielte.
"Verarsch mich nicht - du weißt genau, was ich meine!" Ri-Il schüttelte den Kopf, dabei auffällig mit seinen Zöpfen hin- und her wackelnd, was Lycrams Grinsen nun endgültig zum Schmelzen brachte:
"Du wusstest doch sicherlich schon längst, dass dieser Flötenheini wieder unter den Lebenden weilt?! Und wie der Kerl das gemacht hat, einfach hier im Schloss verschwinden und wieder auftauchen, wo die Teleportation doch gar nicht möglich ist - und natürlich auch, was dieser Wächter hier treibt?!"
"Oh, Lyci!" Ri-Il mimte perfekt den Überraschten:
"Ich glaube, da überschätzt du mich etwa?! Ich bin genauso überrascht von diesen Ereignissen wie du, aber ich nehme es natürlich als Kompliment auf, dass du meine bescheidenen Fähigkeiten als so groß einschätzt..."
"Warte mal, warte mal, so hatte ich das garantiert nicht..."
"... und ist es nicht eine interessante Wendung der Geschehnisse, Lyci? Aber vielleicht wirst du ja der Erste sein, dem ich es erzähle, wenn ich Näheres in Erfahrung gebracht habe - wer weiß ♥?" Während Lycram mit seinem aufstampfenden Fuß den Boden malträtierte und wüste Beschimpfungen über den lachenden Ri-Il ausschüttete, hoben sich Azzazellos Augenbrauen verwundert. Sein Bruder hatte ihm doch erzählt, dass Ri-Il und er sich ein halbes Jahr nicht getroffen hatten, aber irgendwie... irgendwie... wirkten sie absolut nicht so, als hätten sie sich lange nicht mehr gesehen...? Und sowieso, dachte Azzazello mit immer größer werdendem Argwohn, Lycram hatte heute auch noch gar nicht darauf reagiert, dass Ri-Il sein Gebiet beträchtlich vergrößert hatte, obwohl er das eigentlich getan hätte… wenn es denn das erste Treffen gewesen war.
Doch obwohl Ri-Il sich wie immer königlich über die Wut seines Lieblingsfürsten freute, behielt er dennoch den Kampf Youmas und Nocturns im Auge, genau wie die anderen Fürsten - aber natürlich machte er sich andere Gedanken als sie. Die meisten waren immer noch mit der Frage beschäftigt, warum und wie es sein konnte, dass Nocturn wieder da war. Das war natürlich auch eine Frage, die für Ri-Il interessant war... aber sie war es nicht, worüber er sich vordergründig den Kopf zerbrach. Nocturn war wieder da, wo auch immer er herkam, und an seinen Kräften schien sich nichts geändert zu haben; es war alles wie gehabt, kaum eine Veränderung. Interessanter, viel interessanter war Nocturns Begleiter... Youma? Hatte er ihn nicht so genannt? Denn Ri-Il hatte - und Ri-Il war nicht der einzige - genau gespürt, dass dieser Fremde nicht einfach nur ein Wächter war... War das Eigenartige, das von ihm ausging, die unnatürliche Verbindung von Dämon und Wächter? Ja, das war für einige Fürsten die richtige Antwort auf ihr Stutzen und ihren Argwohn, aber nicht für Ri-Il. Sein Gespür sagte ihm, dass da mehr war.


Ri-Il und Karou teilten diese Skepsis und sie waren sich beide bewusst, dass die Antwort auf diese Frage nicht so einfach zu finden sein würde - das war auch der Grund, weshalb Karou ein Kampf sehr gelegen kam. Aber mit zusammengefalteten Händen, den Kopf auf diese abstützend und die Augen seitlich zu einem Bildschirm rechts von ihm gelegt... musste er feststellen, dass auch er mithilfe seiner Computer nichts herausfinden konnte.
Element: unbekannt.
Blut: nicht analysierbar.
Fragezeichen auf Fragezeichen - und jedes weitere Fragezeichen ließ Karous Augen dunkler werden.
Nur seine Aura konnte gemessen werden und diese sorgte nicht gerade dafür, dass die Fragezeichen unwichtiger wurden. Im Gegenteil: Youmas Aura machte das Ganze noch frustrierender, denn diese lag weit über dem Durchschnitt, weshalb die Fragezeichen ein wahres Problem waren, auch wenn das seine Partnerin nicht so zu sehen schien, dachte Karou, dessen gelbe Pupillen zu Nathiel glitten.
So amüsiert und gut gelaunt hatte er sie selten gesehen.


"Herein." Adirs Augen weiteten sich in erfreuter Überraschung, als er Whites Stimme hinter der Tür hörte - bei seinem ersten Versuch vor ein paar Stunden war White nämlich nicht in ihrem Gemach gewesen. Wo sie gewesen war, das hatte er bis jetzt nicht erfahren, denn bei den Ratsversammlungen war sie auch nicht anwesend gewesen, was ihn schon sehr stutzig, aber auch neugierig gemacht hatte, denn eigentlich war White eine jener Hikari, die bei allen Versammlungen anwesend war - was hatte sie abgehalten? Seine erste Vermutung war gewesen, dass White Shaginai nicht hatte sehen wollen, aber das war natürlich Unsinn, nicht nur weil beide ihre familiären Angelegenheiten niemals über die Pflicht stellen würden, sondern auch weil sie sich… nach ihrem… Disput… immerhin schon bei der ersten, morgendlichen Versammlung gesehen hatten.
Aber als Adir das Gemach Whites betrat - im Gegensatz zu Shaginais Gemach ein von Licht durchfluteter Raum, in dem sich nicht viele Gegenstände, sondern nur große Fenster befanden, die alle verschiedene Nuancen des Himmels zeigten - sah er schon, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. Natürlich hatte White sich beeilt ihre Maske aufzusetzen, aber irgendetwas hatte an ihren Energieressourcen gezehrt. Sie wirkte erschöpft.
Eigenartig, heute Morgen hatte er sich noch darüber gewundert, wie es White gelang, sich nach ihrer Auseinandersetzung mit ihrem Vater absolut nichts anmerken zu lassen - und jetzt?
"Guten Abend, Adir-san." Adir nickte den Gruß erwidernd, während White sich von ihrem Arbeitsplatz erhob und auf ihn zuging.
"Wo hast du dich vorhin aufgehalten, White? Ich hatte vor drei Stunden bereits einmal versucht, mit dir zu sprechen." Über Whites Gesicht zuckte kurz ein Gefühl des Schmerzes, was Adir noch mehr beunruhigte - nicht der ihm unbekannten Ursache an sich wegen, sondern weil es wahrlich besorgniserregend war, dass White so von irgendetwas eingenommen war, dass es ihr nicht einmal gelang, das Gefühl zurückzudrängen, obwohl Shaginais Erziehung sie das doch eigentlich sehr effektiv gelehrt hatte.
"Ich war im Diesseits." Eigentlich sollte Adir nicht weiter nachbohren. White wollte nicht darüber sprechen, das sah man ihr deutlich an und doch wusste Adir, dass sie es ihm sagen würde, denn… immerhin konnte sie nicht lügen. Aber er tat es dennoch, fragte nach, warum sie dort gewesen war - und das obendrein mit einem Ingnix, wenn sie niemand bemerkt hatte…
"Ich hatte… plötzlich ein ungutes Gefühl und machte mir Sorgen um meine Tochter", erwiderte White nach einem kurzen Schweigen, Adir nicht ansehend, sondern aus einem der Fenster blickend, wo ihr Blick sich in dem künstlich dargestellten Himmel verlor:
"Ein ungutes Gefühl?" Dieses Mal kam die Antwort schnell - schnell und hart.
"Ja. Nocturn." Kurz sah sie Adir an, die Arme um ihre Brust geschlungen, dann wieder in den Himmel hinaus, als müsste sie Trost suchen.
"Ich habe seine Anwesenheit gespürt; die Gefahr, die von ihm ausging. Daher eilte ich in den Tempel und stellte erleichtert fest, dass ich Greens Aura dort spüren konnte."
"Also hast du mit Green gesprochen? Ging es ihr gut? Hat sich dein Gefühl bewahrheitet, ist sie auf Nocturn gestoßen? Aber… wie?" Wieder zögerte White mit der Antwort. Wie deutlich es war, dass ihr das Thema nicht behagte…
"… Es war nicht nötig, dass ich mit Green sprach… Vater hat sich ihrer angenommen, wie ich erleichtert… sehen konnte, da ich der Aura meiner Tochter gefolgt war, um zu ihr zu gelangen." Perplex antwortete Adir:
"Shaginai hat sich Green angenommen?" White nickte und ihr antrainiertes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, das sie nun wieder Adir zuwandte:
"Ja, Vater hat sie getröstet… und das sogar sehr gut… er hat sie tatsächlich bei ihrem Namen genannt." Schweigen. Ein aufgesetztes Lächeln und… Schweigen.
"… Violet und Green sind sich ja auch ähnlich."
Dann konnte Adir nicht anders. Shaginai mochte blind für Whites Schmerzen sein, aber Adir war es nicht - und deswegen war es nun er, der sie an seiner statt in den Arm nahm.