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Episode 70
  Episode 70: Es liegt im Blut
Sicherlich eine halbe Stunde lang hatte Youma mit sich selbst gehadert, was er tun sollte - er war auch länger, als er sich selbst eingestehen wollte, im Türrahmen des Badezimmers stehen geblieben, um mit der Zahnbürste im Mund Nocturn hinterher zu starren. Er war gegangen - und wer wusste wohin. Eigentlich interessierte Youma es nicht, aber er hatte im Gefühl, dass er es lieber wissen sollte. Nocturn hatte seine Uniform getragen und die - so hatte Nocturn ihm selbst erzählt - trug er nur in der Dämonenwelt oder im Reich der Wächter, aber niemals in der Menschenwelt... und es wollte Youma einfach nicht gefallen, Nocturn alleine in jene Welten gehen zu lassen. Er war einfach zu... unberechenbar. Youma wusste nicht, was Nocturn konkret tun könnte, um die Situation noch weiter zu verschlechtern, aber wenn er eines über Nocturn gelernt hatte, dann dass er für unberechenbare Überraschungen sorgen konnte.
Eigentlich wollte Youma einfach nur schlafen. Er war müde.
Aber... war das sonderlich intelligent?
Blieb ihm denn überhaupt eine andere Wahl?
Da Nocturn keine Aura hatte, konnte Youma ihn ohnehin nicht aufspüren, ganz egal wo er war - es war unmöglich, ihn ausfindig machen...
...
"Er hat einen Peilsender."
Eigentlich hatte Youma wirklich einfach nur schlafen wollen; aber nachdem er sich ins Bett gelegt hatte, war er wieder aufgestanden, wütend über sich selbst fluchend und hatte Lacrimosa angerufen - denn sie schien sich mit der Handhabung Nocturns auszukennen.
"Er hat... was?"
"Einen Peilsender, Schatzilein." Youma, nun wieder in seinem Bett sitzend, blinzelte verwirrt und errötete auch, als er im Hintergrund Gekichere hören konnte: sie lachten ihn aus, er wusste es.
"Mit einem Peilsender kann man jemanden aufspüren - mittels Technik. Menschlicher Technik, um genau zu sein, aber man muss ja nicht alles mit Magie klären und wenn die Menschen etwas erfinden, was nützlich ist, dann soll man es doch auch benutzen, nicht!?" Im Hintergrund war deutlich zu hören, wie Lacrimosas Worte bejaht wurden; Youma selbst bejahte es nicht, er war immer noch zu verwirrt.
"Und was genau ist das?"
"Ein kleines metallisches Ding, was man an die Kleidung heften kann, Youma. Ich nehme an, dein Problemkind trägt seine Uniform?" "Problemkind"? Das war eindeutig eine Untertreibung.
"Ja, das tut er."
"Dann sollte das kein Problem sein." Lacrimosa wandte sich vom Handy ab und Youma konnte hören, wie sie jemanden aus ihrer Horde darum bat, Nocturn zu finden - und schon richtete sie ihr Wort wieder an Youma:
"Ich war nämlich voraussehend und hab ihm das Teil bei unserem letzten Treffen untergejubelt. Wirklich, Youma, du solltest immer wissen, wo er sich aufhält, wirklich. Ich dachte, ihr seid so etwas wie "Partner"?"
"Meinen Sie, dass es Not tut, zu agieren? Sie kennen ihn besser als ich, ganz gleich wie man uns nun nennen mag." Wieder brach Lacrimosa das Gespräch ab; scheinbar war Nocturn gefunden worden - und kaum, dass sie gehört hatte, wo er sich aufhielt, begann sie Youma anzuherrschen:
"Du holst ihn da sofort weg, hast du mich verstanden?!"


"Gut gemacht", urteilte Ukario, während sich die Mitglieder der beiden Bataillone siegestrunkene Blicke zuwarfen. Green war eine von ihnen: Sie freute sich, dass diese Schlacht besser verlaufen war als ihre letzte - es war ein gutes Gefühl, gebraucht zu werden und das "Danke" des Wächters, welchen sie heilte, während Ukario sie für eine erfolgreiche Aktion lobte, freute sie mehr, als sie es für möglich gehalten hätte.
Doch gerade nachdem sie sich aufgerichtet hatte, hört sie die Stimme ihres Großvaters plötzlich in ihrem Ohr und offensichtlich war sie nicht die einzige, der es so erging, denn Ukario hatte seine kleine Lobeshymne unterbrochen und auch Saiyon und Shitaya lauschten aufmerksam, während die anderen Wächter sofort schwiegen. Anscheinend war ihnen klar, dass die Hikari ihr Wort an die Heerführenden richteten. Überraschenderweise waren Shaginais erste Worte tatsächlich ebenfalls lobend, was Green dazu brachte, schockiert den Mund zu öffnen - er... er konnte loben?! Das konnte er?! Er war in der Lage dazu, jemanden zu loben?! Seit wann?!
"Wieder einmal eine erfolgreiche Operation, Ukario. Auf Sie ist wahrlich Verlass." Ukario deutete eine leichte Verbeugung an und er antwortete, dass diese Worte ihn ehrten; Green dagegen konnte immer noch nicht ihren Ohren trauen und lauerte automatisch darauf, ob er sie nun ebenfalls loben würde, doch natürlich überging ihr Großvater sie und fuhr fort:
"Es ist natürlich ärgerlich, dass 112 Dämonen entkommen konnten. Sorgen Sie dafür, dass das nicht wieder vorkommt." Das klang eher nach ihrem Großvater.
"Die Daten besagen, dass keiner der Ihnen unterstehenden Wächter verletzt oder gar kampfunfähig ist. Ist das korrekt?"
"Ja, das ist es." Shaginai antwortete nicht sofort; kurz hörte man gar nichts, als wäre die Verbindung gekappt worden, aber nach wenigen Sekunden ertönte Shaginais Stimme wieder - anscheinend hatte er sich mit den anderen Hikari besprochen?
"Ihr neuer Befehl lautet, sich in die Dämonenwelt aufzumachen und das ehemalige Gebiet 6 anzugreifen. Die von Ihnen vorgeschlagene Strategie wird gestattet! Wie angefordert sind Zeranion und Kassaion bereits in der Aufrüstungsphase. In 30 Minuten werden sie bei euch sein!"
"Aber-"
"Green! Sei ruhig, es gibt einen Grund, weshalb weder Saiyon noch Shitaya antworten!" Es war für Green ein Glück, dass sie Silence dabei hatte und dass diese ebenfalls Shaginais Worte hören konnte, ansonsten hätte sie wahrscheinlich hemmungslos auf Shaginais Worte geantwortet, ohne dass sie auch nur den kleinsten Gedanken daran verschwendet hätte, dass dies nicht unbedingt intelligent war.
"Nicht sämtliche Worte, die Shaginai den Heerführenden mitteilt, sind für die Ohren aller Wächter vorgesehen. Es ist Ukarios Aufgabe, Shaginais Worte auf die richtige Art zu übermitteln. Halt deine sinnlosen Kommentare also zurück!"
"Es ist von überaus großer Wichtigkeit, dass Sie und Ihre Wächter dafür sorgen, dass Sie so viele Dämonen wie möglich auslöschen. Ri-Il ist als Dämon schon gefährlich genug, wir können uns nicht erlauben, dass seine Horde noch größer wird - aber das muss ich Ihnen sicherlich nicht sagen." Ri-Il? Hatte Green da gerade richtig gehört? Sie sollten Ri-Ils Gebiet angreifen?
"Nicht direkt", antwortete Silence, anstatt dass Green ihre Frage womöglich noch stellte und damit bei den anderen Wächtern dumm wirken könnte:
"Es soll das Gebiet angegriffen werden, welches vorgestern noch Akai gehörte. Ein Großteil seiner Horde wurde zwar auf Min Intarsier getötet, aber einige sind wohl übrig geblieben, die natürlich jetzt zu Ri-Ils Horde gehören, da er sich das Gebiet unter den Nagel gerissen hat. Es ist nur wenig Zeit vergangen. Wahrscheinlich hoffen die Hikari, dass Ri-Il seine neue Horde noch nicht formiert hat und wollen sie töten, solange Ri-Il sie noch nicht gedrillt hat. Denn, vielleicht hast du es ja mitbekommen, Hikari-sama, aber Ri-Ils Hordenmitglieder sind ziemlich gut trainiert." Ein günstiger Zeitpunkt also, um einen mächtigen Gegner anzugreifen - dennoch war Green nicht besonders wohl dabei und ihr war klar, dass es nicht unbedingt etwas mit Ri-Il als Gegner zu tun hatte... oder damit, dass Lacrimosa es gewesen war, die ihnen diesen Tipp gegeben hatte, etwas, was Green fast wieder hatte anmerken wollen:
"Green, so bekommst du garantiert kein Lob von deinem Großväterchen. Dämonen verraten sich gerne gegenseitig - wenn man das überhaupt so nennen kann - das ist Gang und Gebe. Besonders unter den Fürsten."
Green schmollte - nicht nur wegen der Worte von Silence, sondern auch weil sie ertappt worden war, was das Lob von Shaginai anging - aber sie war nicht die einzige, der nicht wohl dabei war, Ri-Ils Gebiet anzugreifen, denn als Ukario es den anderen Wächtern mitteilte, sah Green vereinzelte, verunsicherte Blicke; besonders bei den Mitgliedern von Saiyons Bataillon. Die Mitglieder Elyssions verzogen keine Miene. Keiner von ihnen widersprach - auch nicht diejenigen, die deutlich blasser geworden waren - doch dass nicht alle so ganz mit diesem neuen Befehl zufrieden waren, sah man ihren Gesichtern an und Green konnte es ihnen nicht ganz verübeln: die eben noch siegreichen Wächter, die sich wahrscheinlich bereits darauf gefreut hatten, heil und sicher in den Tempel zurückkehren zu können, fühlten ihr Leben plötzlich wieder bedroht.
In diesem Moment spürte Green, wie Saiyon plötzlich ihre Hand ergriff. Kurz kam ihr der Gedanke, ob er vielleicht ebenfalls ein wenig nervös war, aber als sie ihn ansah, bemerkte sie deutlich, dass er alles andere als das war. Er war bereit, zur Tat zu schreiten und mit einer bodenlosen Entschlossenheit - über die Green nur staunen konnte angesichts ihrer Gegner - richtete er sich an seine Mitwächter:
"Wenn wir zusammenhalten, dann werden wir es schaffen! Und vergesst nicht, meine Mitwächter, unsere Hikari ist an unserer Seite und ihr Licht wird uns leiten." Nicht nur Green sah ihn bei diesen Worten verblüfft an, sondern auch die anderen Wächter. Auch Ukario und Shitaya waren über Saiyons Beherztheit einen kurzen Augenblick verdutzt, bis sie sich stolz anlächelten. Saiyon hatte sich wirklich verändert: vor knapp zwei Jahren hatte keiner von ihnen geglaubt, dass Saiyon jemals auf die Idee kommen würde, sich vor so viele Wächter zu stellen und sie dann - er, der ewige Pessimist - auch noch zu ermutigen! Es war wirklich... viel geschehen. Die Liebe, dachte Shitaya stolz, konnte wirklich Berge versetzen.
Eine Wächterin, offensichtlich ebenfalls eine Windwächterin, die in der Nähe des neu verlobten Paares stand, klatschte erfreut ihre Hände zusammen und trällerte:
"Ach, Saiyon, es ist so niedlich, wie verliebt du bist!" Wie auf Knopfdruck errötete sich Saiyons Gesicht, was ein erheitertes Lachen unter den Wächtern auslöste. Kurz noch sah Green verwundert aus, doch dann spürte sie, wie sich ein wohltuendes Lächeln auf ihrem Gesicht ausbreitete.
Vielleicht war er wirklich der Richtige für sie.


Youma wusste nicht, wo er war: dafür kannte er die Dämonenwelt zu schlecht und im Endeffekt sah ohnehin ein Großteil der Welt, nun, fast gleich aus. Einöde nach Einöde. Wenn sein ach-so-toller Gönner diese Welt wirklich geschaffen hatte, dann war er nicht sonderlich kreativ gewesen... oder er hatte die Welt einfach verkommen lassen - letzteres war sogar noch schlimmer als mangelnde Kreativität.
Die Koordinaten Lacrimosas hatten Youma an eine düster aussehende Gebirgskette gebracht. Hohe, fast schon spitze Berge ragten in den roten Himmel empor und breiteten sich links und rechts von Youma aus wie eine lange Mauer, die ihn an diesen komischen Fürsten denken ließ, der sein Gebiet tatsächlich mit einer Mauer abgeriegelt hatte. Aber diese natürliche Mauer wirkte, obwohl sie nicht magisch zu sein schien, bedrohlicher auf Youma. Ja, bedrohlich wirkte sie, als lauere in diesen spitzen Klippen... eine Gefahr.
Aber er war nicht hier, um Klippen und Berge zu besichtigen - sondern um Nocturn zu finden. Nicht nur, weil er selbst nicht glaubte, dass es eine gute Idee war, Nocturn frei herumlaufen zu lassen, sondern auch weil Lacrimosa ganz deutlich gemacht hatte, dass Nocturn da nicht zu sein hatte: warum auch immer. Youma sollte sie sogar anrufen, wenn Nocturn und er wieder in der Menschenwelt waren: wie auch immer er dafür sorgen sollte, er befürchtete nämlich, dass das nicht einfach werden würde.
"Wie hast du mich gefunden?" Youma fuhr zusammen und der Gesichtsausdruck, den er machte, als er sich zu dem Dämon, den er suchte, herumdrehte, ließ keinen Zweifel offen, dass er ihn überrascht hatte.
"Du musst wirklich mehr auf deine Deckung achten. Ich war die ganze Zeit hinter dir, Kronprinz." Nocturn grinste spöttisch, die Arme in angeberischer Manier über der Brust verschränkt:
"Wir haben eindeutig noch viel Arbeit vor uns." Die beiden fixierten sich kurz feindselig, aber der Blick lockerte sich, als Nocturn seine Frage noch einmal stellte. Er bestand ganz offensichtlich darauf, eine Antwort zu erhalten, aber Youma würde ihm keine geben - es war immerhin nur gut, wenn man Nocturn auch trotz seiner Auralosigkeit irgendwie finden konnte; diesen Vorteil würde er garantiert nicht riskieren.
"Ich habe eben doch nicht so ein schlechtes Gespür wie du mir unterstellst." Nocturns Blick sagte eindeutig, dass er ihm kein Wort glaubte.
"Was verschlägt dich in diese Einöde? Ist das etwa..." Youma ließ seinen Blick noch einmal über die immer noch bedrohlich wirkende Gebirgskette gleiten, die unter ihm und Nocturn lag, die beide auf einem Punkt schwebten: "... inspirierend?"
"Hier wird eine Schlacht stattfinden", antwortete Nocturn mit einem feindseligen Grinsen, welches deutlich machte, dass ihm Youmas spöttischer Tonfall nicht entgangen war.
"Ach? Zwischen wem?"
"Ri-Il und rund 1000 Wächtern. Könnte spannend werden."
"Ich meine mich erinnern zu können, dass dich der Krieg nicht interessiert?"
"Oh, du hörst mir zu?" Youma erwiderte Nocturns angriffslustiges Grinsen, ließ diese Frage aber unbeantwortet, weshalb Nocturn mit einer ausladenden Hand fortfuhr:
"An diesem Kampf wird die kleine Hikari teilnehmen, deshalb bin ich hier." Youmas Grinsen verschwand sofort und sein Gesicht wurde finster:
"Was interessiert dich nur so sehr an diesem Mädchen?"
"Nun, ich langweile mich und alles ist weniger langweilig als deine Pläne, also..." Nocturn verzog theatralisch und sehr leidend das Gesicht:
"... fühle ich mich dazu gezwungen, mich selbst zu unterhalten!"
"Darf ich dich daran erinnern, dass du alle meine Pläne zerstört hast..."
"... ach die, die ohnehin nichts wert waren, meinst du die?"
"... und dass es eigentlich zwei Uhr nachts ist?! Darf ich mich erst einmal ausruhen, ehe ich eine neue Planphase beginne?!"
"Oh, braucht da jemand seinen Schönheitsschlaf!?" Warum versuchte Youma überhaupt, mit ihm zu reden? Warum versuchte er überhaupt... argh! Genug, er musste ihn in die Menschenwelt bringen - nur... wi-
Die Antwort schien von alleine zu kommen, denn plötzlich verzog Nocturn das Gesicht - und dieses Mal sah er tatsächlich leidend aus. Er begann zu husten; stark zu husten und... sah Youma da etwa Blut zwischen seinen dürren Fingern herunterlaufen, die er sich vor den Mund gelegt hatte?
"Nocturn...?" Ein wenig besorgt hatte Youma geklungen, aber diese Sorge wurde definitiv nicht als etwas Positives aufgefasst, denn als Nocturn die Augen aufschlug und sein Gegenüber fixierte, glaubte Youma für einen Moment, dass er ihn nicht nur angreifen würde, sondern - nun, töten wollte.
Alarmiert löste Youma schnell die Hände von seiner Brust und hob diese abwehrend hoch, um Nocturn zu verdeutlichen, dass er absolut keine Magie aktiviert hatte, die irgendwie mit seinem anhaltenden Husten und dem Blut in Verbindung stehen konnte - ohnehin beherrschte er so eine Magie gar nicht?!
Das sah Nocturn zum Glück auch ein und erleichtert verfolgte Youma, wie der enorme Angriffswille in Nocturns rot glühenden Augen flackerte und sich auflöste - mein Gott, er war wirklich nicht nur ein ziemlich konfuser Dämon, sondern auch sehr gefährlich. Youma spürte, dass er eine Gänsehaut bekommen hatte.
Nocturn hüstelte noch einmal, aber der Anfall, oder was auch immer es war, hatte sich gelegt - er richtete sich wieder auf und wischte sich das Blut vom Mund. Offensichtlich wollte er so wirken, als wäre nichts geschehen, aber Youma entfiel nicht, dass er deutlich blasser geworden war:
"Da war wohl offensichtlich irgendetwas im Essen, was ich nicht vertragen habe."


Das Timing für einen Angriff auf Ri-Ils neu vergrößertes Gebiet war wahrlich exzellent. Denn, genau wie von Lacrimosa angekündigt, befand Ri-Il sich tatsächlich noch in Lerenien-Sei genau wie die anderen Fürsten und selbst mit seinem außerordentlich feinen Gefühl vernahm er nicht die drohende Gefahr, welche sich gegen sein Gebiet richtete. Dafür waren seine Sinne zu sehr von der Situation eingenommen, in der er sich selbst gerade befand.
Nachdem Youma und Nocturn ihren Kampf beendet hatten und sang- und klanglos einfach wieder verschwunden waren, hatte Lerou - in einer seltenen Sekunde der Klarheit - sämtliche anwesende Fürsten dazu verdonnert, sich sofort und ohne Umschweife im Konferenzsaal einzufinden.
Die eigentliche Tradition, dass sie sich in der Regel nicht alle gleichzeitig im Konferenzsaal befinden durften wegen der Gefahr, dass sie sich gegenseitig an die Gurgel sprangen, übersah er, auch nachdem ihn Azzazello darauf hinwies. Azzazello war allerdings nicht der einzige der Fürsten, der spürte, dass die Stimmung gereizt war; allerdings war er der einzige, der sich vor einer Eskalation fürchtete. Ri-Il fürchtete keine Eskalation, dennoch war er so vorsichtig, Blue zurückzuschicken, auch ohne dass der König ihn dazu aufgefordert hatte - er hätte Blue womöglich nicht einmal bemerkt.
"Ich will, dass ihr diese beiden Hurensöhne umbringt!", donnerte Lerou den anwesenden Fürsten entgegen, vor welchen er wütend auf und ab stampfte und wenn man seine auffallende Dummheit in diesem Moment nicht im Hinterkopf hatte, machte er zur Abwechslung eine recht bedrohliche Figur, weshalb sich die Fürsten bedeckt hielten. Nicht nur, weil sie seine Stärke fürchteten, sondern auch weil die meisten von ihnen wussten, dass dies genau so ein Moment war, in welchem man, obwohl man selbst gereizt war, seinen Stolz ein wenig zurückschieben musste, um so zu tun, als wäre Lerou der wahre Herrscher und sie alle nur seine eingeschüchterten Handlanger. Sie waren alle nicht in der Stimmung, diese Rolle zu spielen, doch sie taten es - sogar Lycram; allerdings nicht durch Taten oder Worte, sondern durch mürrisches Schweigen. Er hasste diese Rolle zwar, aber er war nicht dumm.
Einem unter ihnen war sein Stolz allerdings wichtiger als die zu spielende Rolle: es war das jüngste Mitglied, wenn man von den neuen Fürsten absah, welche nicht zum Bankett erschienen waren. Youma hatte ihn, Chernobog, richtig eingeschätzt: er war noch ein Jungspund. Es war nicht das erste Mal, dass dieses noch relativ junge Mitglied sich nicht an die unausgesprochene Absprache der Hohen gehalten hatte, die verlangte, dass der Respekt, dem man einem dummen Herrscher zollte, nichts anderes war als Öl für die Marionettenfäden. Daher waren die anderen Fürsten auch nicht sonderlich überrascht, als Chernobog Lerou nicht recht gab, sondern widersprach - einige von ihnen verdrehten allerdings die Augen:
"Warum tut Ihr es denn nicht, wenn Euch so viel daran liegt?" Einige knackende Fingerknochen sollten dem Jungspund eigentlich deutlich genug mitteilen, dass er gefälligst ruhig sein sollte, aber das drohende Knacken der Fingerknöchel wurde schon von Lerous bellender Stimme verschluckt:
"Ihr seid die Fürsten! Ihr macht die Drecksarbeit, nicht ich, denn ICH bin euer König und das ist ein Befehl von eurem König!"
Chernobog überhörte den wütenden Tonfall Lerous und ignorierte ebenfalls die bedrohliche Stimmung, die sich nun gegen ihn richtete. Er wollte antworten, wollte seinem König die Stirn bieten, doch Markiar unterbrach ihn. Ruppig packte seine große Faust den jungen Fürsten am Kragen und die grellgrünen Augen fixierten die des anderen:
"Ein weiteres Wort von dir, du armseliger Wicht, und ich statte deinem Gebiet einen Besuch ab und dann wirst du nicht mal mehr in der Lage sein, um Gnade zu flennen wie der Jungdämon, der du bist!" Offensichtlich unbeeindruckt von dieser Drohung packte Chernobog nun ebenfalls den Kragen des anderen und erwiderte ebenso tosend:
"Ich bin es jedenfalls nicht, der zu Füßen meines Herrchens liegt und seine Füße leckt!" Diese Worte hätte ausreichen können, dass sich die Fürsten doch an die Gurgel sprangen; aber sie sahen eher belustigt dabei zu, wie zwei von ihnen es taten - bis auf Ri-Il, denn dieser hatte horchend den Kopf gehoben, als er als einziger bemerkt hatte, wie die Tür des Konferenzraums sich geöffnet hatte und Noivern zurückkehrte. Die anderen Fürsten, inklusive Lerou, waren zu beschäftigt damit, dem beginnenden Streit beizuwohnen und schenkten Noivern abermals keine Beachtung, als er leisen Schrittes wieder zu ihnen trat, als wäre er nie verschwunden - und wieder blieb ihm Ri-Ils Blick nicht unbemerkt, aber grinsen tat er nicht noch ein weiteres Mal. Er wandte sich ab - aber vor Ri-Il konnte man sich nicht abwenden...
Doch gerade als Ri-Il seine Augen wieder schließen wollte, riss er sie schockiert auf - was war das? In ihm kam der Drang empor, sich übergeben zu wollen: er musste husten, doch er unterdrückte es, indem er die Zähne zusammenbiss. Was... Und da war mehr; es sammelte sich Blut in seinem Mund und ihm war auch kurz, als würde ihm schwindelig werden.
Ri-Il gab sich Mühe, sich nichts anmerken zu lassen und es gelang ihm auch: zum Glück war das Timing praktisch, denn die Streitigkeit sorgte dafür, dass die anderen Mitglieder der Hohen zu abgelenkt waren, um auf Ri-Il zu achten.
Bis auf eines: Lycram, der neben Azzazello stand und somit gut drei Meter von Ri-Il entfernt, hatte die Veränderung bemerkt und warf seinem Nachbarn einen argwöhnischen Blick zu, den Ri-Il zur Abwechslung zu ignorieren wählte, denn ein aufgesetztes Grinsen hätte seine blutigen Zähne gezeigt. Doch da wurde auch Lycram abgelenkt, als Azzazello versuchte, die Streitigkeit zu schlichten:
"Wir sollten unsere Wut lieber gegen die Wächter richten, anstatt uns gegenseitig anzugreifen. Sie sind immerhin unser aller Feind." Doch seine Worte hatten leider nicht den gewünschten Effekt, eher im Gegenteil:
"Solch schwachsinniges Gelaber kann auch nur von dir stammen, du Weichling! Die Wächter unsere Feinde? Sie sind unsere Unterhaltung. Ein entscheidender Unterschied!", spottete Markiar:
"Und wenn du dich nicht verpisst, dann..."
"Dann was?", ging nun Lycram dazwischen, allerdings nicht sonderlich wütend, sondern eher belustigt grinsend:
"Du hast die letzte Abreibung wohl schon vergessen, huh, Markiar!?"
"Lycram, bitte..." Doch da bemerkte der König, der eigentlich die ganze Zeit erfreut zugeguckt hatte, als wäre es seine private Unterhaltung, dass die Aufmerksamkeit nicht länger bei ihm lag - und das ging nicht, denn das war doch das Tollste am König-Sein!
"Ja, genau!" Einige Fürsten blickten verwirrt drein: worauf... waren diese Worte bezogen...?
"Meine Feinde sind nämlich Nocturn... und... Eh..."
"Youma, Majestät, der Halbwächter", ergänzte Ri-Il mit der heuchlerischten Stimme, die er beherrschte und sofort als Ri-Il auch nur einen Ton von sich gegeben hatte, hatte er auch schon wieder die Aufmerksamkeit Lycrams, der ihn fast schon ein wenig überrascht ansah, als hätte er ein Einmischen von ihm nicht erwartet.
"Genau! Der Halbwächter! Und ihr bringt gefälligst meine Feinde um oder sorgt dafür, dass sie kriechend vor mir antanzen, damit ich sie umbringen kann! Warte... das finde ich irgendwie besser! Macht das so, ich will sie umbringen, ihr bringt sie her!"
"Mit dem größten Vergnügen", antwortete Ri-Il sich nonchalant verbeugend - und da ertönte auch schon Chernoborgs Stimme erneut:
"Ohne mich!", lautete die bissige Antwort Chernoborgs, welcher sich nun aus dem Griff Markiars befreit hatte und auf die Tür zu schritt:
"Ihr könnt ja weiter herumwinseln, aber ich bin raus!" Er warf noch einen letzten Blick an Markiar; ein Blick, der deutliche Worte sprach: Komm doch!
Azzazello seufzte tief und obwohl er es nicht aussprach, musste er Markiar recht geben: Die Wächter waren wirklich nicht ihre wahren Feinde - sie standen sich selbst im Weg!
Der Blickaustausch Chernoborgs und Markiars hatte sofortige Konsequenzen, denn kaum, dass Chernoborg den Festsaal verlassen hatte, wandte Markiar sich an Lerou:
"Keine Sorge, meine Majestät, ich werde sein ungezogenes Maul schon stopfen: Ihr braucht Euch gar nicht die Hände schmutzig zu machen. Er ist ja auch mein Nachbar..."
"Nein, ich will mit." Sofort sah man Markiar an, dass er das nicht gerade als eine positive Botschaft verbuchte und schadenfroh grinsten Lycram und einige andere Fürsten ihn an, denn niemand wollte Lerou gerne bei irgendwelchen Schlachten dabeihaben. Nicht nur, dass er sich dem antrainierten Kampffluss der eigentlichen Hordenmitglieder niemals anpasste, er hatte sogar die Tendenz, eben diese mit den Gegnern zu verwechseln - man sagte ihm sogar nach, dass er auch Dämonen mit Wächtern verwechseln konnte und das passierte wahrlich so gut wie niemandem.
Daher war es nur allzu verständlich, dass Markiar versuchte, es seiner Hoheit freundlich auszureden, doch es half nichts - der König wollte Chernoborg selbst für seine Frechheit bestrafen, obwohl er eigentlich schon vergessen hatte, was das genau für eine Frechheit war - aber das war ja eigentlich auch egal: Hauptsache, sie würden kämpfen!
Als das nun zu Markiars Leidtragen geklärt war, richtete Lerou sich an die restlichen Mitglieder der Hohen:
"Und ihr sorgt dafür, dass ich Nocturn und den Wächter vor meinen Füßen habe! Verstanden?!"


"Wetten wir darauf, dass er wieder einmal seinen eigenen Befehl vergisst?", fragte Lycram mit einem spöttischen Grinsen in die kleine Runde der verbliebenen Fürsten, die sich langsam auflöste: es waren nur noch Azzazello, Ri-Il und natürlich Lycram übrig, die sich vor dem großen Portal der Konferenzhalle versammelt hatten - und derjenige, der Lycram gerade antwortete, während er auf dem Weg war, sich von ihnen zu entfernen. Merrlius, ein Fürst, der ebenfalls einer jener Fürsten war, der sich oft mit Lycram anlegte, denn er war dessen südlicher Nachbar, weshalb es oft zu Kilometerschlachten kam.
"Also ich werde nicht darauf wetten. Wenn sich die Gegebenheit bietet, sollten wir dem Befehl Lerous Folge leisten. Er ist immer noch unser König."
"Ja, du warst ja auch schon immer sehr königstreu, nicht waaaahr, Merrlius?" Der angesprochene Dämon mit den kurzen schwarzen Haaren verzog das Gesicht, als hätte er etwas Bitteres gegessen und entfernte sich weiter von ihnen, ohne eine Antwort zu geben: sein giftiger Blick war schon genug, um seine Meinung auszudrücken.
"War das nötig?", fragte Azzazello mit einem leicht vorwurfsvollen Tonfall.
"Dumme Frage!" Ja, eigentlich schon, immerhin war es in den Augen Lycrams immer etwas Gutes, sich mit anderen anzulegen - besonders mit seinen Nachbarn.
"Und es ist verdammt nochmal die Wahrheit - Kasra ist er doch auch immer liebend gerne in den Arsch gekrochen."
"Das habe ich gehört, Lycram!"
"Heul doch! Ich sag es dir auch gerne ins Gesicht - mit einer Faust inklusive!", erwiderte Lycram ihm hinterher rufend, ehe der Fürst um die Ecke gebogen war - aber zum Glück für Lycrams Streitlust kam da gleich der nächste Fürst um die Ecke: Noivern. Jedenfalls nahm Lycram an, dass Noivern gerade erst aufgetaucht war; Tatsache aber war, dass er es nicht wusste, denn er hatte nicht auf ihn geachtet.
"Und du erst recht! Einer schlimmer als der andere!" Eigentlich hatte das blauhaarige Streitbündel ja seinen Mitfürsten provozieren wollen, aber eigenartigerweise lächelte dieser, anstatt wie Merrlius das Gesicht zu verziehen. Lycram störte das natürlich enorm, aber er war nicht der einzige, der darüber stutzte - auch Ri-Il runzelte die Stirn.
"Du solltest dein Maul nicht zu voll nehmen, Narr. Du könntest deine Worte bereuen - hat dir das unser aller König nicht oft genug bewiesen?" Die Provokation traf Lycram; aber nur kurz, dann holte er zum Gegenschlag aus:
"Er hat seine dumme Schlampe vorgeschickt; das hat "unser aller König" gemacht, pinke Hackfresse!"
"Lycram..." Azzazellos Beruhigungsversuch schlug natürlich fehl und Lycram fuhr fort:
"Und mit "unser aller König" wirst du wohl Lerou meinen, nicht wahr?! Andere Könige sehe ich hier nämlich nicht!" Endlich geschah das, was Lycram schon die ganze Zeit hatte sehen wollen: Noiverns Lächeln verschwand.
"Du wagst es, so einen frevelhaften Vergleich aufzustellen?!"
"Und wie ich es wage---" Lycram fand zu seinem Grinsen zurück, während Noiverns Gesicht sich immer weiter verfinsterte und mit Freuden machte der Krawallfürst sich auch schon...
"... Kasra-sama mit so einem Idioten zu vergleichen..."
"Nur zu deiner Information, dieser Idiot hat ihn umgebracht - so toll kann er dann ja im Endeffekt nicht..." Eigentlich war das der Moment, wo nicht nur Lycram, sondern auch der verzweifelt aussehende Azzazello und der beobachtende Ri-Il einen Schlag von Noivern erwarteten - dass der Kampf, den Lycram so gerne haben wollte, endlich ausbrach, aber Noivern gelang es, die Wut, die sich deutlich in seinem Gesicht zeigte, unter Kontrolle zu halten.
"Diese Worte wirst du bereuen, du Narr!" Er sah nun auch Ri-Il und Azzazello an:
"Ihr werdet es alle bereuen!" Dann drehte er sich mit hin und her zuckendem geflochtenen Zopf herum, ohne darauf zu achten, dass Lycram ihn spöttisch nachäffte, als erhoffe er sich, dass Noivern es sich doch nochmal anders überlegen würde - aber das tat er nicht. Er verschwand.
"Der hat sie doch nicht mehr alle!", beschwerte Lycram sich schnaubend ohne auf den Blick zu achten, den ihm sein Bruder zuwarf, der scheinbar etwas Ähnliches von Lycram dachte.
"Du solltest dich vielleicht nicht mit jedem anlegen, wenn du nur einen Arm hast, Lycram..." Lycram wollte gerade auf Azzazellos besorgte Worte antworten, als Ri-Il sich ebenfalls in Bewegung setzte, nachdem er sich von dem roten Buntglasfenster abgefedert hatte, an dem er gerade noch gelehnt hatte.
"Hey, wo willst du hin!? Wir sind noch nicht fertig - unser Gespräch von vorhin wurde nur unterbrochen!" Ri-Il drehte sich lächelnd im Gehen zu Lycram herum, die Arme auf den Rücken gelegt:
"Oh, das tut mir leid, Lyci, aber diese Einladung muss ich heute ablehnen."
"Welche Einladung?! Ich habe dich zu nichts einge..."
"Ich verspreche, ich werde dich auf dem Laufenden halten."
"Huh?" Azzazello und Lycram warfen sich überraschte Blicke zu: Ri-Il würde... was? Es könnte einer seiner üblichen Witze sein - denn Ri-Il hielt eigentlich niemanden über irgendetwas "auf dem Laufenden" - aber sein Tonfall hatte nicht danach geklungen, als sei es ein Witz.
Doch ehe einer von ihnen nachfragen konnte, war Ri-Il schon ebenfalls verschwunden.


"Blue!"
Sie war gar nicht zu überhören: die Erleichterung in der Stimme Silvers, als das große Eingangsportal des Anwesens zur Seite glitt und sein Bruder hereinkam. Sofort federte Silver sich von der verzierten Holzsäule ab, an der er die ganze Zeit gelehnt und gewartet hatte, und sprang die niedrigen Treppenstufen herunter, um vor Blue zu treten, der gerade die Tür hinter sich schloss. Sie befanden sich im Eingangsbereich von Ri-Ils Anwesen, welcher für die Hordenmitglieder vorgesehen war; diese durften nämlich nicht den Haupteingang benutzen, da dieser nur für Kunden vorgesehen war. Der Unterschied zwischen den beiden Eingängen war nicht nur ihre Platzierung - die Kunden konnten direkt von der Brücke aus das Anwesen betreten, wurden eigentlich direkt darauf hingeleitet, während die Hordenmitglieder das Anwesen halb umrunden mussten, um es betreten zu können - sondern auch ihre Ausschmückung. Dieser Eingang war karg und eher funktionell ausgerichtet; es gab auch nur zwei rote Lampions neben dem Portal, während der Kundeneingang einen mit seinen vielen Lampions deutlich willkommener hieß. Man konnte ihn wohl ein wenig düster nennen... Silver hatte auf jeden Fall früher immer gefunden, dass er düster war, da das Licht der Lampions nicht sonderlich wärmespendend war und die Fenster links und rechts neben ihnen Holzgitter besaßen, die den Eindruck verliehen, man sei eingesperrt. Aber eigentlich war dieser Eingangsbereich nichts, was Silver nicht schon früher gekannt hatte: er war nämlich typisch japanisch - dennoch erinnerte er sich daran, dass er früher Bammel gehabt hatte, wenn er diesen Eingang benutzt hatte. Jetzt nicht mehr: jetzt war das einfach nur der Eingang von dem Ort, an dem er lebte.
"Wo hast du denn unseren Lehrmeister gelassen?", fragte Silver, weil sein Bruder nicht reagiert hatte.
"Er ist noch in Lerenien-Sei geblieben", erwiderte Blue ruhig:
"Es gab anschließend noch eine Konferenz der Hohen."
"Doch nicht etwa wegen Green-chan?" Kaum dass Silver Greens Name entflohen war, drehte er sich herum, ob jemand ihn womöglich gehört hatte, aber in dem langen Gang hinter ihnen waren nur Lampions und abgeschlossene Türen, aber keine Dämonen.
"Das war dumm von mir", kritisierte Silver sich selbst, ehe Blue es tun konnte.
"Vielleicht solltest du dir angewöhnen, nicht ihren Namen zu benutzen." Silver wusste, dass Blue recht hatte, aber er wollte es eigentlich nicht einsehen und ganz besonders nicht umsetzen. Green-chan war doch... Green-chan.
"Ich denke nicht, dass es dieses Thema war. Es schien sich eher um Nocturn und Youma zu handeln." Blue setzte sich in Bewegung und Silver folgte ihm sofort: ganz egal, ob sie nun über Green sprachen oder nicht, sie sollten das womöglich nicht im Foyer machen, wo so ziemlich jeder Dämon plötzlich durch die Tür kommen könnte.
"Ernsthaft, der Typ ist doch nicht mehr ganz bei Trost!", meckerte Silver und fuhr auch fort, dass er nicht verstehen könne, dass so jemand wie Nocturn, der so bekloppt war, immer noch so einen guten Ruf haben konnte - und war das nicht auch der Dämon, dem ihr Vater gedient hatte? Silver hatte sich ihn anders vorgestellt; nicht nur wegen der Erzählungen Blacks, sondern auch Greens. Irgendwie weniger... weniger...
"... ah, ich komme nicht drauf." Silver warf sich maulend auf das Bett Blues: Blue dagegen blieb an der Tür stehen, die Arme ruhig, ein wenig mechanisch vor der Brust verschränkend, was Silver nicht unbemerkt blieb - genauso wenig wie dass Blue immer noch sehr schweigsam war. Er hatte nicht großartig geantwortet, nur verneint oder bejaht, als wolle er seine Äußerungen so kurz wie möglich halten... und seine übliche Haltung mit den Armen über der Brust sah auch einfach nicht... richtig echt aus. Aber leider war das etwas, was Silver nicht das erste Mal beobachtet hatte.
Blues "Zustand" - oder wie auch immer man es nennen musste - hatte sich seit dem Mord an Grey... sehr zum Schlechten verändert. Oder eher zum Schweigsamen. Er war ja nie jemand gewesen, der es genoss, sich selbst reden zu hören, aber er war auch nie jemand gewesen, der mit Worten gegeizt hatte. Wenn er etwas zu sagen hatte, hatte er es immer gesagt. Jetzt war er... einfach nur ruhig.
"Ich mache mir Sorgen um Green-chan. Glaubst du, sie werden jetzt vermehrt auf die Jagd nach ihr gehen?"
"Das weiß ich nicht." Silver machte diese Antwort unruhig. Das war keine "Blue-Antwort".
"Und Nocturn? Der Typ ist wahnsinnig und wir wissen von Green-chan, was er alles so... naja, tut - und er klang sehr danach, als wollte er an Green-chan herankommen. Glaubst du, sie ist in Gefahr?" Das war eine dumme Frage - natürlich war Green in Gefahr. Sie war immer in Gefahr... Sie waren im Krieg! Das war noch nicht wirklich zu ihm durchgesickert, aber sie waren es - also, was stellte er sich hier für dumme Fragen! Natürlich war Green in Gefahr!
"Ich meine in mehr als normal", korrigierte Silver sich:
"In Gefahr vor Nocturn."
"Das weiß ich nicht." Jetzt begann es Silver nicht nur unruhig, sondern auch wütend zu machen. Mann! Was war denn das für eine Antwort!? Das war gar keine! Und sie passte nicht zu Blue! Silver wollte Theorien hören; Spekulationen, nicht diese dumme Antwort, die so gar nicht zu Blue passen wollte.
Gut, dachte sich Silver, die Hände auf der Bettdecke zu Fäusten geballt - du willst es nicht anders.
"Ich habe mit Firey gesprochen."
Ha! HA! Na endlich! Da war eine Reaktion - Blues Augen veränderten sich; sie weiteten sich und er sah Silver auch wieder an, wirklich und richtig an und Silver kam nicht drum herum, ein wenig triumphierend in sich hinein zu lächeln.
"Wann?" Eine Frage! Wow, Silver fühlte sich geehrt.
"Vorgestern, kurz bevor der Krieg anfing."
"Und das erzählst du mir erst jetzt?" Gute Frage, aber noch besser war die Veränderung seiner Tonlage: Sie war nicht so wütend, wie er es normal sein könnte, aber sie war wenigstens anders.
"Ich weiß nicht, ob du es bemerkt hast, Blue, aber du warst in den letzten Tagen nicht sonderlich zugänglich." Ah, Silver fand sich selbst plötzlich ungerecht. Ja, er hatte es nicht toll gefunden, dass Blue eigentlich nicht ansprechbar gewesen war und neben sich selbst stand... und er hatte das Gefühl auch nicht gemocht... nun, alleine zu sein... aber sie sprachen hier ja nicht von irgendjemandem, den Blue umgebracht hatte. Sie sprachen von Grey. Vielleicht... Silver verlor seinen Angriffswillen und sah auch weg... ging er ein wenig hart mit seinem Bruder ins Gericht.
"Du hast ja fast zehn Stunden geschlafen, als wir wieder nachhause kamen. Ich hatte einfach nicht die Gelegenheit, es dir zu erzählen. Ri-Il war auch die ganze Zeit da; wann hätte ich es dir denn erzählen sollen?"
"Also hast du dich mit Firey-san getroffen, während ich..." Anscheinend hatte Blue tadelnd oder gar anklagend klingen wollen - und der Vergleich war auch makaber, das sah Silver ein - aber Blues Stimme versagte ihm. Er konnte es nicht aussprechen.
"Ich habe mich nicht mit ihr "getroffen"", korrigierte Silver vorsichtig, denn er sah schon wieder Dinge in Blues Augen, die er so gar nicht mochte:
"Sie hat sich mit mir getroffen. Firey hat mich ausfindig gemacht." Und mit diesen Worten begann Silver zu erzählen, was geschehen war; alle Details gab er preis. Darüber wie er Rui gesucht hatte und auf Karou gestoßen war, der hinter Firey her war - und dass dann plötzlich so ein komischer Wächter aufgetaucht war, der ziemlich was auf dem Kasten hatte... und davon, wie er Firey hinterher gesprungen war, als sie gestürzt war.
Hier hatte er kurz gestoppt, als würde er Blue die Chance geben, ihn dafür zu kritisieren, aber das tat er nicht - aber er bemerkte die Unsicherheit in Silver und sagte leise:
"Natürlich konntest du Firey-san nicht in die Lava fallen lassen." Silver grinste ein wenig erfreut: das hatte er hören wollen - das hatte er von Blue hören wollen.
"Das Flachbrett ist wirklich besser geworden. Sie hat irgendwie eine ganz andere Ausstrahlung", antwortete Silver genauso leise wie Blue, als tauschten sie größte Geheimnisse aus - was sie streng genommen ja auch taten.
"Als einzige Feuerwächterin wird sie jetzt sicherlich auch sehr gut trainiert."
"Aber sie ist immer noch dieselbe - dasselbe Flachbrett wie früher! Irgendwie... passt es auch zu ihr, dass sie nicht glaubt, dass alles nur gelogen war." Und das freute Silver irgendwie, obwohl er nicht genau wusste warum.
"Du weißt, dass das nichts Gutes ist, Silver?"
Das Lächeln auf dem Gesicht des Rotschopfes verschwand und er deutete ein leichtes Nicken an:
"Ich weiß. Aber Firey hat nicht angedeutet, dass sie mit dem Wissen irgendetwas anfangen würde. Sie hat mich nicht erpresst und auch nicht gesagt, dass sie es Green sagen würde."
"Das kannst du nicht sagen: euer Gespräch wurde abgebrochen."
"Nein, aber etwas anderes passt nicht zu ihr."
"Es passt auch nicht zu ihr, in unsere Welt zu kommen." Da musste Silver ihm jetzt recht geben: das stimmte. Das passte wirklich nicht zu ihr.
"Was auch immer es war, weshalb sie gekommen ist, es muss sehr wichtig gewesen sein", fuhr Blue fort und es gefiel Silver wirklich, dieses Gespräch mit ihm zu führen, obwohl das Thema nicht sonderlich erquickend war. Blue sah zwar immer noch ausgelaugt und neben sich stehend aus, aber wenigstens sah er nicht mehr danach aus, als würde er schlafwandeln. Aber gleich, wenn Silver das sagen würde, was ihm durch den Kopf ging, dann brachte er all das wieder in Gefahr - aber leider musste er dieses Risiko eingehen: er war es Firey schuldig. Sie hatte immerhin ihr Leben aufs Spiel gesetzt, damit Blue es erfuhr. Auch wenn... also wenn Silvers Theorie richtig war, dann verstand er nicht, warum sie es getan hatte; was sie sich davon erhoffte... aber gut, da war Grey ja auch noch nicht tot gewesen - Blue hatte... Grey noch nicht umgebracht. Es zeigte wirklich das makabere Gesicht des Schicksals, dass das alles gleichzeitig geschehen war.
"Ich glaube, sie wollte uns sagen, dass Green-chan sich verlobt hat."


Lacrimosa entglitt ein Seufzen; ein ärgerliches Seufzen und sie musste sich auch die Schläfen massieren, während Youmas frustrierte Stimme in ihrem Ohr ertönte:
"Ich habe es versucht, wirklich, aber ich kann ihn nicht dazu bewegen, in die Menschenwelt zurückzukehren!"
"Kannst du auch nicht!", hörte Lacrimosa Nocturn im Hintergrund trällern und verzog nur noch mehr das Gesicht, ehe sie Youma antwortete:
"Ich habe wirklich mehr von dir erwartet, Youma."
"Was? Wie meinen Sie..."
"Genau so wie ich es sage", erwiderte Lacrimosa giftig und fuhr fort:
"Gut, dann bleibt da, wenn er unbedingt will - und ja, du auch."
"Sie lassen es fast so klingen, als sei ich sein Aufpasser."
"Nein, offensichtlich bist du dieser Aufgabe nicht gewachsen, mein Lieber - und nun, gute Nacht." Youma war ganz offensichtlich am anderen Ende der Leitung überaus frustriert, aber das störte Lacrimosa weniger. Sie kappte die Verbindung. Sollte er sich doch ärgern.
Sie seufzte noch einmal... und langsam lösten sich die frustrierten Falten in ihrem Gesicht.
Ob sich etwas ändern würde? Würde der Punkt endlich kommen, an dem etwas... passieren würde?
Sie hoffte, ja, sie hoffte immer noch darauf, dass dieser Punkt kommen würde, aber vielleicht tat sie das nur aus... Selbstschutz. Sie wollte diesen Gedanken nicht in ihrem Kopf haben; sie wollte ihn von sich schütteln, wollte nicht seufzen. Das war doch nicht ihre Art; so kannten ihre Schwestern sie nicht. Und so durften sie sie auch niemals kennenlernen, niemals sehen.
Das war die Aufgabe eines Fürsten.
Der stärkste Dämon des Gebietes zu sein.
Da waren sich die Hohen - man glaube es kaum - vielleicht sogar zur Abwechslung mal einig. Sie waren die stärksten, mächtigsten Dämonen ihres Gebietes; deswegen waren sie ja auch die Fürsten - und deswegen sollte sie hier nicht stehen und seufzen. Sie sollte nicht zögern, ihr Schlafzimmer zu betreten, sollte sich nicht von diesen schwarzen Gedanken betrüben, schwächen lassen. Sie hatte doch noch weitaus mehr Verantwortung zu tragen als ihre männlichen Mitfürsten - sie war nicht nur der stärkste Dämon dieses Gebietes, sie war die stärkste Frau der Dämonenwelt.
Daher war sie auch so wütend auf sich; eine Wut, die immer wiederkehrte, wenn die Gedanken zurückkehrten. Sie ließ sich von diesen allerdings nicht aufhalten und betrat das Schlafzimmer, darauf bedacht, dass sie niemand sah. Oh, wie sie es hasste, Geheimnisse zu haben!
Aber niemand sah sie, niemand erhaschte einen Blick darauf, wie sie jenes Zimmer betrat und wie ihr Blick, dem sie gerade Tapferkeit befohlen hatte, einen weiteren Riss bekam. Aber sie zwang sich zu einem Lächeln. Sie musste. Sie musste.
Auch wenn der Geruch des Blutes in ihrem Schlafzimmer noch nie so stark gewesen war wie in diesem Moment.

Sie hatten nicht mehr viel Zeit.