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Episode 71
  Episode 71: Vorhang auf für den ersten Akt
Die Verstärkung war eingetroffen, womit sich nun 1175 Wächter in der Dämonenwelt befanden, bereit Ri-Ils Gebiet anzugreifen. Mit diesen 1175 Wächtern, die alle von Ukarios mächtiger Illusionsmagie in Unsichtbarkeit gehüllt wurden, hatte nun auch Firey zum ersten Mal die Dämonenwelt betreten - jedenfalls offiziell, zusammen mit Azuma und Yuuki. Der erstere natürlich voller Tatendrang: Yuuki dagegen sah aus, als wollte er sich am liebsten zurückteleportieren, auch wenn er versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen.
Die südliche Grenze von Ri-Ils Gebiet wurde von einer natürlichen Gebirgskette geschaffen: große, spitze Felsen, die wie Nadeln aus dem Boden ragten, stellten sich den Wächtern in den Weg. Diese Gebirgskette erstreckte sich nicht nur um Ri-Ils Gebiet, sondern umfasste auch den südlichen Teil von Akais ehemaligem Gebiet und brachte ein missgestimmtes Grummeln links neben Green zum Ertönen: ein Grummeln, das von Azuma stammte. Er wolle nicht warten, klagte er, ohne dass jemand auf sein Klagen antwortete - er sei mitten in der Nacht geweckt worden und nun wolle er gefälligst auch was zu Kleinholz verarbeiten.
Shitaya und Ukario dachten sich dasselbe: waren die Dämonen vor ihnen - oder neben ihnen?
Aber er wurde nicht von allen ignoriert; nämlich nicht von Firey, die ihn sofort zurechtwies und ihn darauf aufmerksam machte, dass es doch auch nicht schneller ging, wenn er so rummoserte. Oh, Green wollte es so gar nicht gefallen, dass Firey auch da war - warum hatte man gerade ihr Bataillon geholt? Sie klang nervös; eindeutig nervös und Green konnte es ihr auch nicht verübeln - es war immerhin ihr erster offizieller Kampf… ihre erste Aktion im Krieg. Hätte sie nicht mit etwas anderem beginnen können? Gut… sie war auch schon auf… Karou getroffen und auch das hatte Green nicht verhindern können… obwohl das noch vor dem Krieg gewesen war!
"Irgendetwas verzerrt die Luft", erklärte Saiyon, der es natürlich dank seines feines Gespür als Windwächter fühlen konnte, genau wie Shitaya es auf seiner türkisen Brille sehen konnte, die er vor Augen hatte:
"Ja, Saiyon hat recht: in den Klippen ist irgendetwas versteckt, was eine Scannung des Gebietes unmöglich macht. Ich spüre Auren, aber es ist sehr schwer zu sagen, wie viele Auren es sind und zu was für Dämonen sie gehören." Verärgert schaltete Shitaya die Brille mit einer Handbewegung an seinem Kommunikationsgerät aus und schlussfolgerte:
"Ein Weg durch die Klippen wird uns definitiv erschwert."
"Und warum teleportieren wir uns nicht einfach, hä?" Ukario hoffte, dass nicht zu viele der anderen Wächter diesen unqualifizierten Kommentar von einem ihrer Elementarwächter gehört hatten und erklärte in einem Tonfall, der nicht verriet, wie sehr ihn Azuma nervte:
"Weil es nicht sonderlich intelligent ist, sich in ein Gebiet wie das von Ri-Il hineinzuteleportieren, Tsuchi-sama. Besonders wenn eine Scannung des Gebietes unmöglich ist. Wer weiß, was sich auf der anderen Seite der Gebirgskette verbirgt."
"Aber die Hauptstadt von diesem Kerl…" Oh, warum musste er antworten…
"… liegt doch ganz woanders, jedenfalls laut meiner Karte." Green und Firey warfen beide einen Blick zu Azuma, ein wenig erstaunt darüber, dass er die Kartenfunktion seines Kommunikationsgerätes benutzte, womit sich vor ihm ein kleines Hologramm aufgetan hatte - aber, nun gut, er war ja auch ein Spion.
"Die Hauptstadt ist nicht unser Ziel, Tsuchi-sama, wie Sie auch noch erfahren werden." Das sollte ihm eigentlich ganz klar sagen, dass Ukario keine weiteren Fragen beantworten würde und dass Azuma gefälligst geduldig sein sollte, aber da kannte er Azuma noch nicht gut genug - natürlich musste er fragen, warum sie dann nicht einfach von woanders aus in Ri-Ils Gebiet eindrangen, denn seine tolle Karte sagte ihm, dass Ri-Il doch noch zugänglichere Grenzen hatte. Dieses Mal schüttelte Ukario nur den Kopf und wandte sich wieder an Shitaya, weshalb Minare es übernahm, Azuma das eigentlich Offensichtliche zu erklären - und Green ebenfalls, denn sie verstand es auch nicht so ganz… und Firey war ebenfalls ein wenig verwirrt, weshalb sie froh über die Aufklärung war, ohne dass sie direkt hatte fragen müssen - was sie sich nämlich nicht getraut hätte.
Die Gebirgskette verteidigte zwar nur die südliche Hälfte von Ri-Ils Gebiet, aber wenn sie sich erst einmal durch die benachbarten Gebiete kämpfen mussten, erklärte Minare, dann könnten sie einen direkten Angriff auf Ri-Il vergessen, denn Lycrams Gebiet, das Gebiet zum Westen hin, war nicht nur nicht zu unterschätzen, dieser Fürst war auch sehr aggressiv, weshalb es absolut unmöglich war, von da aus anzugreifen. Und von Osten?, wollte Azuma wissen, aber auch darauf hatte Minare eine Antwort: durch die Vergrößerung von Ri-Ils Gebiet wäre es von Osten her unmöglich, das gewünschte Gebiet zu scannen und der Herr Azuma hätte wohl sicherlich etwas gegen einen Fußmarsch von rund 100 Kilometern einzuwenden, nicht?!
"Wir können uns teleportieren, verfluchte Scheiße nochmal! Wir sind doch hier, um die Viecher zu töten, oder?!" Firey wurde ganz schlecht, als Azuma das so sagte - und nicht wegen seiner Wortwahl.
"Azuma, du bist hier nicht der einzige Wächter und nicht alle Wächter sind so wie du und wollen sich in die Arme der Feinde teleportieren, okay?"
"Dann gehe ich eben alleine, ich habe ja sowieso das Kommando…"
"Nein, das habe eigentlich ich."
"Das weißt du doch noch gar nicht, Minare!"
"Oh, doch, das weiß ich."
"Ich habe das Kommando", ertönte Ukarios schneidende, Einhalt gebietende Stimme, die aber dennoch ruhig und leise war, in der Hoffnung, dass nicht jeder Wächter von dieser Peinlichkeit etwas mitbekam - was sollten denn die Hikari von ihnen denken!
"Und wenn ich noch ein Wort von Euch höre, Tsuchi-sama, dann werdet Ihr in den Tempel zurückgeschickt - wenn nötig mit Catehitsui. Habe ich mich klar ausgedrückt?" Vorwurfsvoll und eiskalt, sich die aufkommende Wut aber nicht anmerken lassend, durchbohrte er Azuma, ehe er sich an Green wandte, die dem ganzem mit schadenfrohem Interesse gefolgt war:
"Ich denke, da habe ich Eure Unterstützung, Hikari-sama?"
"Aber ja, aber ja! Immer!"
Ukario nickte und wandte sich wieder der Gebirgskette zu. Er wusste, dass das Gebirge gerade mal einen Kilometer ins Landesinnere reichte, denn er hatte bereits einmal an einem Angriff gegen Ri-Ils Gebiet teilgenommen. Damals, vor gut zwanzig Jahren, hatten sie das Gebiet aber noch scannen können und sich daher einfach auf die andere Seite teleportiert…
"Ukario-sama", unterbrach Shitaya die Gedanken seines Vorgesetzten, welcher auch sofort aufhorchte, denn es klang ganz danach, als hätte Shitaya eine Idee und er war nicht umsonst sein bester Stratege:
"Ich schlage vor, dass wir drei Wächter vorausschicken. Einer von ihnen sollte ein Illusionswächter sein, der sich selbst und die beiden anderen unsichtbar macht. So könnten sie unbemerkt das Gebirge durchqueren und auf der anderen Seite einen Peurit in den Boden rammen. Ein einzelner Peurit ist zwar nicht in der Lage, das Gebiet einer Scannung zu unterziehen, aber zwei sollten die geeignete Leistung aufbringen können, um die Magie, die sich in der Luft befindet, überwinden zu können. Da sie von technischer Natur sind, sollten sie beim Einsatz eigentlich auch nicht bemerkt werden… aber wir befinden uns in Ri-Ils Gebiet. Wir müssen vorsichtig und auf alles gefasst sein." Ukario legte seine Stirn in Falten, er wollte Shitaya gerade nachdenklich antworten, als Green schon hervorschnellte:
"Ich mache das!" Die anderen Heerführenden sahen Green verblüfft an; Saiyon am meisten, aber auch Silence schien nicht zu gefallen, was sie da hörte. Überrascht war sie zwar nicht darüber, dass Green die Vorhut übernehmen wollte, aber sie fand ganz sicherlich nicht, dass es eine gute Idee war. Auch Ukario schien nicht begeistert davon zu sein:
"Hikari-sama, ich halte das für keine gute Idee. Sie weisen nicht die geeigneten Erfahrungen auf." Wahrscheinlich sollte Green davon beleidigt sein, besonders da Silence ihm ganz entschieden recht gab, doch das war sie nicht. Sie schlug sich auf die Brust und erwiderte selbstbewusst:
"Dann geben Sie mir die Chance, Erfahrungen zu sammeln! Wie soll ich sie denn anders bekommen?"
"Diese Entscheidung obliegt Ihrer Familie."
"Aber bevor die sich in irgendetwas einig werden, könnte es doch zu spät sein! Ich übernehme schon die Verantwortung, keine Sorge, Sie bekommen schon keinen Ärger."
""Ärger"? Hikari-sama, bei allem Respekt, darum geht es doch gar nicht…"
"Es geht um das Leben von Wächtern. Das weiß ich", ergänzte Green und fuhr auch entschlossen fort:
"Und diese will ich beschützen. Deshalb gehe ich vor."
"Du bist so eine Heuchlerin." Silence war nun genau neben Ukario aufgetaucht, damit Green sie nicht weiter ignorieren konnte und schickte ihr einen finsteren Blick, denn mit ihrer uneingeschränkten Einsicht in Greens Herz wusste sie natürlich, dass die Hikari in diesem Moment nicht sonderlich an das Wohl ihrer Mitwächter dachte.
"Würdest du das auch sagen, wenn es nicht das Gebiet von Ri-Il wäre? Nein, würdest du nicht! Du hoffst doch, dass du Blue treffen kannst!" Greens selbstbewusstes Lächeln schwand, was Ukario und die beiden anderen fälschlicherweise dafür deuteten, dass sie keinen Widerspruch zulassen würde und nicht als Antwort auf Silence' harte Worte.
"Und sowieso, was erwartest du - dass Blue auf der anderen Seite der Berge einfach sitzt und auf dich wartet? Du sollst nur einen verdammten Kristall in den Boden rammen, damit ein Gebiet gescannt wird - nicht alleine in irgendeinen Kampf ziehen!" Aber Silence' Worte wurden verschluckt - und zwar von Shaginais Stimme:
"Antrag gestattet." Offensichtlich hatten nur Ukario und Green diese Worte gehört - und natürlich Silence, welche die Augen verdrehte und Shaginai verfluchte - denn es waren nur Greens Augen, die sich verwundert weiteten.
"Oh… danke, Großvater."
"Ja, siehst du mal, Yogosu…" Shaginais Stimme klang schneidend und es war nun auch eindeutig nur Green, die sie hören konnte:
"… es kann doch etwas schnell gehen im Jenseits. Vermassle es nicht. Es ist nämlich nicht sonderlich schwer." Green grinste verschmitzt - sie hatte vergessen, dass die Hikari ja… nun ja, live dabei waren.
"Ich werde mit Green gehen und auf sie aufpassen", unterbrach Saiyon das kleine, geheime Zwiegespräch von Shaginai und Green, welche nun aufschrak, denn so hatte sie es wirklich nicht geplant, doch zu ihrem Unglück stimmte Ukario dem nach kurzen Bedenken zu.
"Doch ihr müsst zusammenbleiben, denn solltet ihr getrennt werden, wird die Illusionsmagie keinerlei Wirkung mehr zeigen und ihr werdet sichtbar. Ich rechne damit, dass Dämonen in diesen Felsen hausen… wenn ihr gesehen werdet, teleportiert euch sofort hierhin zurück und wir brechen die Operation ab: wir gehen kein Risiko ein." Silence himmelte mit den Augen, was Green allerdings ignorierte: das größte Risiko waren nicht irgendwelche Dämonen, die garantiert zwischen den Felsen hausten, sondern eine egoistische Hikari!


Was die in der Dämonenwelt versammelten Wächter allerdings nicht wussten war, dass sich 400 Meter vor ihnen zwischen den Felsen bereits zwei Dämonen verbargen, die sie zwar dank Ukarios Magie nicht sehen konnten, aber dennoch wussten, dass sie dort waren. Einer von ihnen war mit einem Ingnix ausgerüstet; der andere benötigte keinen, da seine Aura sowieso nicht spürbar war.
"Es sind um die 1000", urteilte Nocturn auf einem der speerartigen Hügel sitzend, der wie eine Nadel seitlich aus der Klippe hinausragte, während Youma sich im Schatten aufhielt, um auch wirklich sicherzugehen, dass niemand ihn sehen konnte. Nocturn konnte die Wächter zwar ebenfalls nicht erkennen, aber ihre Gedanken waren trotz Illusionsmagie deutlich für ihn zu hören.
"Wir verschwenden hier unsere Zeit", antwortete Youma genervt, die Arme über seiner Brust verschränkt und mit geschlossenen Augen, welche er auch nicht öffnete, als er fortfuhr:
"Was auch immer du dir hiervon versprichst, es erscheint mir nicht sonderlich viel Substanz zu haben." Nocturn grinste freudig und erwiderte neckend:
"Ou, besteht der Kronprinz etwa auf seinen Schönheitsschlaf?" Youma wurde ein wenig rot, da er tatsächlich gerade ein Gähnen unterdrückt hatte, doch die Schatten verbargen die verräterische Röte zum Glück und stellten ihren Herrscher somit nicht bloß.
"Im Übrigen habe ich dich nicht darum gebeten hierzubleiben."
"Nein, aber Lacrimosa-san. Du hast es mitbekommen, nicht wahr? Dass sie etwas dagegen hat, dass du hier bist, nicht wahr?" Nocturn lachte belustigt, den Blick aber immer noch auf die unsichtbare Streitmacht der Wächter gerichtet:
"Du lässt es ja so klingen, als sei sie mein Vormund!"
"Sie scheint dich auf jeden Fall gut zu kennen." Und auch irgendwie im Griff zu haben: jedenfalls war sie von den Personen, die Youma kennengelernt hatte, diejenige, die irgendwie zu wissen schien, wie sie mit ihm umzugehen hatte.
"Niemand kennt mich." Youma himmelte genervt mit den Augen über diesen theatralischen Kommentar.
"Sie nannte euch befreundet."
"Und dieses Wort wiederum kenne ich nicht." Schwungvoll richtete Nocturn sich auf und drehte sich… auf eine komische Art lächelnd zu Youma herum:
"Freundschaft fand ich nie sonderlich inspirierend. Warum sie uns so nennt, weiß ich nicht. Ich habe nichts gegen "Lacrimosa-san" und kann mich nicht daran erinnern, dass ich sie jemals umbringen wollte - oh, doch, warte, einmal. Aber sie hat mich immer wegen White auf dem Laufenden gehalten, daher habe ich gewählt…" Nocturn grinste schief und sah nach links, irgendwie… erfreut wirkend:
"… darüber hinwegzusehen, über so ein kleines Detail."
"Detail?"
"Ja, Detail. Aber genug des Redens, genug der Fragen!", lachte Nocturn und warf plötzlich seine Hand auf Youmas Schulter, der ihn verwundert ansah und sich prompt versteifte, als er seine dürren Knochenfinger auf seiner Schulter spürte.
"Der Vorhang hebt sich - und für einen Kronprinzen ist in dieser Vorstellung keine Rolle vorgesehen." Youma verstand nicht, was er damit sagen wollte und musterte sein Gegenüber skeptisch, während er den Mund öffnete, um ihn darum zu bitten, die Hand von ihm zu entfernen - als jene Hand sich auch schon erhob und Youma pfeifend bewusstlos schlug.
"An deiner Deckung müssen wir aber wirklich noch arbeiten… Wirklich, kein Dämon!" Oh! Was für süße Gedanken ihm da nicht auch schon zugeschossen kamen, während Nocturn Youma achtlos fallen ließ - vor Vorfreude fast frohlockend. Seine Mundwinkel zuckten gefährlich bei jedem Wort, welches ihm per Gedankenübertragung übermittelt wurde… denn jedes Wort schürte seine tödliche Hochstimmung:

"Vielleicht ist die Chance nicht sonderlich groß, aber ich muss es versuchen. Ich muss Blue finden. Ich will Gewissheit… und wenn ich Gewissheit habe, dann werde ich…"

Die Gedanken der jungen Hikari brachen dort ab, da sie offensichtlich von jemandem abgelenkt worden war, aber Nocturn benötigte keine Fortsetzung. Er wusste, was sie dann tun würde.
Und zwar genau das, was er geplant hatte. Genau das, was er wollte, was sie tat.
Jetzt musste er nur noch dafür sorgen, dass der zweite Hauptdarsteller auch zur Vorhanghebung anwesend war, um seine Position einzunehmen!


Derjenige, der Greens Gedanken unterbrochen hatte, war Magnus gewesen. Dieser hatte sich nun zu Ukario gestellt, da Ukario selbst Saiyon und Green nicht begleiten konnte - immerhin musste er dafür sorgen, dass 1175 Wächter von seiner Illusionsmagie verborgen blieben - und hatte daher Magnus beordert zu kommen. Eigentlich sollte Yuuki der erste Wächter sein, den Ukario rufen ließ, wenn es sich um Illusionsmagie handelte - immerhin war er Elementarwächter der Illusionen - doch er wollte kein Risiko eingehen und wählte daher, sich lieber auf einen Wächter zu verlassen, bei dem er wusste, dass dieser auf jeden Fall nicht desertieren würde, sobald Gefahr im Verzug war. Er mochte es schon nicht, sich auf Green zu verlassen, aber zwei Quellen des Risikos waren ihm eindeutig zu viel.
So waren die drei Wächter - nachdem Firey sich besorgt von Green verabschiedet hatte - den Marsch angetreten, eingehüllt von der beschützenden Magie Magnus'. Saiyon ging vor, Green gleich hinter ihm und der Offizier der Illusionen mit einem Meter Abstand hinter Green.
Greens männliche Begleiter waren überaus wachsam; achteten sorgsam auf ihre Schritte und schienen sämtliche Richtungen gleichzeitig im Auge zu behalten, während sie über die dornenähnlichen Felsen hinweg kletterten, wobei Green darauf achtete, nicht mit ihrem Kleid hängenzubleiben. Vor jeder Ecke blieben sie stehen und blickten erst einmal argwöhnisch um diese; bei jedem kleinen Knacken erstarrten sie und lauschten in die Dunkelheit.
Auch Green war angespannt; doch aus anderen Gründen. Allerdings kam sie nicht drum herum, über die Gegend zu staunen: um sie herum waren nicht nur Dornengebirge, sondern auch… wunderschöne Kristalle, die wie Pilze nicht nur aus dem Boden sprossen, sondern auch aus den Klippen und den Dornen. Für Saiyon und Magnus war sofort klar, dass sie der Grund waren, warum die Luft zu magiegeladen für einen Scanvorgang war, aber auch wenn sie ihr Vorhaben behinderten, so kam Green nicht umhin, sie wunderschön zu finden.
Sie bestanden aus einem violetten, durchschimmernden Material und tauchten die gezackten Felswände mit ihrem beständigen Leuchten in eben diese Farbe, als würden sie die Luft um sie herum einatmen und diese beim Ausatmen violett färben.
Dass Ukario mit seiner Befürchtung gar nicht so falsch gelegen hatte und die Vorsicht ihrer Begleiter damit alles andere als unbegründet war, fand sie schnell heraus, kaum dass sie den Weg, den sie benutzt hatten, um in diese Klippenformation zu gelangen, nicht mehr hinter sich sehen konnte: fast unsichtbar verbargen sich drei komplett schwarze Dämonen über den Köpfen der drei schleichenden Wächter.
Kaum dass Saiyon sie bemerkt hatte, blieb er stehen und bedeutete Green, das gleiche zu tun; umgehend hielt Green die Luft an, aus Angst, die wahrlich übergroßen Ohren der wachsamen Dämonen könnten ihren Atem hören.
Zwar hatten sie menschliche Formen, aber sie wirkten dennoch alles andere als menschlich: ihre mit schwarzer Haut überzogenen Arme und Beine waren überproportional lang und verliehen ihnen scheinbar eine recht ansehnliche Schnelligkeit, wie Green sah, als sie über die Felsen sprangen. Ihre Augen waren komplett rot; nicht nur ihre Augäpfel, sondern auch ihre Lederhaut, was es schwierig machte auszumachen, in welche Richtung sie blickten. Anscheinend waren sie das perfekte Wachpersonal, denn obwohl die drei Wächter keinen Laut verursacht hatten, blieben sie mitten in ihrem Sprung hängen und drehten ihre abscheulichen, schwarzen Köpfe in ihre Richtung.
Green sah einen Kampf bereits als unvermeidlich an, doch Saiyon war nicht umsonst Offizier geworden: langsam, ohne einen Laut zu verursachen, streckte er seinen Arm aus und plötzlich hörte Green, wie ein großer Stein mehrere Meter links von ihnen von der Klippe herunterkullerte. Die Dämonen hatten es natürlich ebenfalls gehört und schon verschwanden sie in diese Richtung.
Erleichtert atmete Green auf, während es für Magnus und Saiyon scheinbar gar kein Problem gewesen war: kein Wunder, sie waren ja auch bereits ein eingespieltes Team; sie hatten schon oft miteinander gekämpft, kannten ihre Techniken und ihr Können… Wahrscheinlich hatten sie, anders als Green, keine Sekunde lang darüber nachgedacht, ob sie nun gegen diese Wesen kämpfen mussten oder nicht.
Green hatte wirklich noch viel zu lernen.


Wenn Ri-Il sich nicht in seinem Gebiet aufhielt, dann war es Darius, dem die gesamte Verantwortung übertragen wurde und somit besaß er auch Befehlsgewalt - so etwas konnte in einigen anderen Horden zu Problemen führen, da es viele Dämonen gab, die nur Befehle vom Fürsten selbst entgegennahmen. In Ri-Ils Horde war das nicht der Fall, denn die Hordenmitglieder wussten, dass die Befehle, die Darius gab, direkt von Ri-Il kamen und auch in seinem Einverständnis waren: Sie gehorchten Darius und akzeptierten ihn als Heerführer, auch wenn er nicht stärker war als sie, sondern sogar schwächer als so einige Hordenmitglieder. Es war auch nicht seine Stärke, weshalb Ri-Il auf ihn zählte, sondern sein Pflichtbewusstsein und seine Organisationsfertigkeit - und seine endlose Treue Ri-Il gegenüber.
Nun gab es aber eine Herausforderung: nämlich rund 700 neue Mitglieder, die Ri-Il mehr oder weniger verkauft worden waren und die dem Ablauf und der Norm noch nicht angepasst waren. Darius war klar, dass er mit ihnen Problem haben würde und dass er diese wohl erst einmal Ri-Il überlassen musste. Sie müssten erst einmal gezüchtigt werden… und mit so etwas kannte Ri-Il sich aus. Wenn es eines gab, was er wirklich gut konnte, dann war es die Handhabung von Problemkindern: und Darius befürchtete, dass da eine ganze Menge Problemkinder sein würden.
Aber Ri-Il konnte natürlich viele Dinge! Er war ja auch Darius' geschätzter Herr, Meister und Gebieter. Er war durchweg toll, großartig war er!
Ri-Il hatte Darius aufgetragen, die 700 neuen Dämonen, die früher zu Akais Horde gehört hatten, auf dem Trainingsplatz zu versammeln und sie dort im Auge zu behalten, bis er wieder da war - dann würden sie zusammen mit der Arbeit beginnen. Darius wusste, dass sein Meister in Lerenien-Sei war; was er dort tat, wusste er allerdings nicht. Es ging ihn auch nichts an. Er hatte seinen Befehl erfolgreich ausgeführt und hielt die neuen Hordenmitglieder höchstpersönlich im Auge; er würde dies so lange tun, bis Ri-Il ihm sagte, dass er es nicht mehr tun sollte.
Abgelenkt wurde Darius allerdings, als plötzlich ein bekanntes Gesicht angestürmt kam: ein junges Mitglied von Ri-Ils Horde, welches offensichtlich ziemlich beunruhigt war, denn es wollte Darius bereits von Weitem etwas zurufen.
Darius spürte schon, dass ihm das, was der junge Dämon zu sagen hatte, nicht gefallen würde und dass es nicht für die Ohren der neuen Mitglieder geeignet war, weswegen er sich auch direkt vor den panisch rennenden Dämon teleportierte, der gerade den Mund geöffnet hatte, um ihm die Nachricht zuzurufen. Nun stieß er gegen Darius und verstummte somit sofort. Der Heerführer packte den Dämon am Kragen und schob ihn von sich weg, ansonsten nicht darauf eingehend, dass er gegen ihn gerannt war.
"Was ist los, Mel? Und leise, nicht jeder muss das hören." Ihm war nämlich bereits aufgefallen, dass die von ihm versammelten Dämonen die beiden argwöhnisch im Auge behielten.
"Darius-sama, Wächter greifen unser Gebiet an! Sie machen sich für einen Angriff bereit!" Das Gesicht von Darius verdunkelte sich sofort, doch er blieb ruhig:
"Wie viele sind es?"
"1175, Darius-sama."
"Wo sind sie?"
"Südöstlich von hier." Darius nickte und wandte sich schon herum, wobei ihm natürlich schnell wieder seine eigentliche Aufgabe auffiel, als er die anderen Dämonen erblickte. Er stöhnte ein wenig, aber die Entscheidung fiel ihm nicht schwer: die angreifenden Wächter waren natürlich wichtiger als den Aufpasser für ein paar aufmüpfige Dämonen zu spielen. Da er sich beeilen musste, wandte er sich hastig herum und wollte diese Aufgabe gerade dem jungen Mel übertragen, doch als er sein verunsichertes Gesicht sah, welchem er gewiss keinen Respekt zollen würde, entschied er sich anders:
"Schick mir Jemiko hierher und beeil dich gefälligst!"


In etwa zur gleichen Zeit hatten die drei Wächter endlich die Gebirgsgruppierung hinter sich gelassen und dabei auch einige der merkwürdigen Wachdämonen, an denen sie jedoch ereignislos vorbeigekommen waren, wofür Green dankbar war.
Ein ödes Stück Land erstreckte sich vor ihnen; weit am westlichen Horizont erkannte man den Turm Lerenien-Seis, vor welchen sich jedoch gerade dunkle Wolken schoben, als würden sie ihn beschützen wollen. Green blickte in den roten Himmel über ihren Köpfen; sie war überrascht, dass diese schwarzen Wolken sich überhaupt bewegen konnten und nicht ein angemalter Teil des Himmels waren…
… Als sie das allererste Mal den blutroten Himmel der Dämonenwelt gesehen hatte, hatte sie ihn als etwas Schönes empfunden; wie ein abstraktes Kunstwerk. Doch nun stellte sie fest, dass die Wolken nicht auf den Himmel gemalt waren: langsam zogen sie über den Himmel hinweg, über den leeren Himmel, genauso leer und… tot wie der Boden unter ihm.
Sie wusste nicht, was sie daran schön gefunden hatte.
Magnus und Saiyon kümmerten sich wenig um den Himmel der Dämonenwelt und das einzige, was für sie an der Umgebung interessant war, war die Frage, ob sich potentielle Feinde in ihrer Nähe aufhielten. Als sie feststellten, dass dies nicht der Fall war, machten sie sich sofort an die Arbeit: Magnus hockte sich auf den Boden, während er den kleinen, blau leuchtenden Kristall hervorholte. Verblüfft sah Green zu, wie kleine, kaum zwei Zentimeter breite Greiffüße aus dem Kristall hervorkamen, sobald dieser in die Nähe des Bodens der Dämonenwelt kam. Die Füßchen versanken im Sand und gruben sich regelrecht hinein - und brachten das blaue Licht zum Pulsieren. Während Magnus und Saiyon angespannt darauf warteten, dass der Kristall seine Scannung abgeschlossen hatte, blickte Green sich um und ein merkwürdig melancholisches Gefühl befiel sie. Aber warum? Was interessiert es sie, wie öde und trostlos diese Gegend aussah? Wie trocken die Luft war? Wie tot der Boden? Nirgends war auch nur ein kleines Anzeichen von Leben auszumachen: es könnte wirklich ein depressives Gemälde sein, wenn sich die Wolken nicht bewegen würden.
"Was interessiert mich das überhaupt…", flüsterte Green leise, für die beiden ungehört.
"Ukario-sama." Green schrak auf, als sie die Stimme ihres Verlobten hörte, welcher sich nun mit Ukario in Verbindung setzte, weil der Kristall seine Färbung geändert hatte - von Blau zu Grün. Offensichtlich bekam er auch sofort Kontakt, denn er fuhr fort:
"Die Scannung ist abgeschlossen. Haben Sie wie geplant einen Überblick erhalten können?" Er schwieg kurz, während Ukario ihm antwortete und erwiderte dann nickend:
"Gut, wir kehren umgehend per Teleportation zurück."
"Oh, das passt aber so gar nicht in mein Drehbuch."
Saiyon und Magnus, welche mit dem Rücken zum Verursacher der Stimme gestanden hatten, gelang es nicht, sich herumzudrehen, um ihren Angreifer zu sehen, ehe sie bereits bewusstlos zu Boden fielen. Green jedoch schlug er nicht sofort bewusstlos: einen kurzen Augenblick geduldete er sich mit dieser Tat, genoss mit schief gelegtem Kopf lächelnd ihren Augen… genoss es, ihrem Gesicht dabei zuzusehen, wie es sich angstvoll entstellte, bis auch sie das Bewusstsein verlor und mit ihrem Kristall in der Hand umkippte.
"Die anderen Darsteller sind schon unterwegs, Fille, n'est inquiete pas!1"
Das tückische Grinsen, welches Nocturn Green geschenkt hatte, ehe sie bewusstlos wurde, verschwand schnell und gelangweilt sah er sich die drei im Staub liegenden Wächter an. Saiyon war es gerade noch geglückt, das Kommunikationsgerät auszuschalten, weshalb Ukario nichts von dem plötzlichen Überfall mitbekommen hatte und nun ahnungslos auf die Rückkehr der drei wartete.
Nun, drei würden auf jeden Fall nicht zurückkehren. Nocturn hatte eigentlich nur geplant, Green von ihnen zu trennen, aber während er so seinen Blick über sie hinwegschweifen ließ, stellte er fest, dass er sein Drehbuch doch ein wenig revidieren würde.
Nachdenklich begab er sich vor Saiyon in die Hocke und packte dessen rechtes Handgelenk, um sich seine Hand vor die Augen zu halten. Sein Blick wurde leicht grimmig, als er sich den Verlobungsring ansah, den Saiyon am rechten Ringfinger trug; nachdem er sich vergewisserte, dass Green natürlich ebenfalls einen solchen trug, ließ er Saiyons Handgelenk fallen und urteilte mit zurückgekehrtem Grinsen, während er die Ingnixe der beiden so niedlich Verlobten mit gezielten Fingernägeln zerstörte:
"Was für eine Ironie des Schicksals! Ihr macht es mir ja fast schon zu einfach!"


Darius war schnell - schnell und effizient, genau wie die anderen Hordenmitglieder Ri-Ils. Es hatte nicht lange gedauert, bis er sie zusammengetrommelt hatte. Nun standen sie also vor der Gebirgskette, genau an dem Punkt, wo laut Mel mehr als tausend Wächter auf sie warten sollten. Aber hier war niemand. Von 1175 Wächtern nicht der kleinste Funken Aura. Weit weg - gute drei Kilometer - konnte er zwei Auren spüren, die Wächtern gehörten, aber das war es dann auch schon - und 2 waren keine 1175.
"Also dass du nicht zählen kannst, wusste ich ja, Mel. Aber 2 mit 1175 zu verwechseln ist schon ziemlich dumm", zischte Darius dem kleinen Mel zu, welchen er mitgenommen hatte, damit dieser ihm den genauen Standpunkt zeigen konnte und angeblich befanden sie sich genau dort, wo er 1175 Wächter gesehen hatte… oder auf jeden Fall behauptete, welche gesehen zu haben.
Ein wenig ruppig packte Darius Mels Kopf und zwang ihn dazu, seinen Kommandeur anzusehen, indem er seinen Kopf zu ihm herumdrehte:
"Du hast dich nicht so gewaltig geirrt… oder, Mel?" Zwar hielt Darius sein Gesicht ziemlich fest, womit es ihm schwerfiel, ein Kopfschütteln durchzuführen, aber der kleine Dämon deutete es wenigstens an.
"Ich… bin mir sehr sicher, Darius-sama!" Das hoffe Darius auch für ihn, denn zwar hatte er Ri-Il nicht persönlich erreicht, aber Jemiko war es sicherlich schon gelungen - und wenn Ri-Il erfuhr, dass Darius die Horde sinnlos vor der neuen Grenze versammelt hatte, dann würde er sicherlich nicht sonderlich erfreut sein. Besonders wenn Darius zugeben musste, dass die neuen Dämonen es mitbekommen hatten…
"Darius-sama", unterbrach eine ruhige Stimme die leicht beunruhigten Gedanken des Kommandeurs - der sich schon Sorgen darüber machte, was Ri-Il denn von ihm glauben sollte - welcher sich herum wandte und Blue entgegenblickte, welcher fortfuhr, sobald Darius ihn ansah:
"Ich denke nicht, dass Mel-san sich geirrt hat. Die Wächter wollen uns womöglich verunsichern und den Überraschungseffekt nutzen; sie tragen sicherlich Ingnixe, die ihre Aura verbergen."
"Wenn sie alle Ingnixe tragen, wie erklärst du es dir, dass zwei es nicht tun?" Blue schwieg einen kurzen Moment, ehe er fortfuhr:
"Vielleicht um uns in zwei zu teilen. Aber es wäre nicht besonders klug, wenn wir das tun würden."
"Was klug ist und was nicht, entscheide immer noch ich. Nur weil du und Silver Ri-Ils Lieblinge seid, heißt das nicht, dass ich auf euch hören muss!"
"Selbstverständlich nicht." Argwöhnisch warf Silver einen Seitenblick zu seinem Bruder und musste sich unweigerlich fragen, was er vorhatte, denn natürlich war dem kleinem Bruder klar, dass Blue genau wie er wusste, wem eine der beiden Auren gehörte, welche sie beide spüren konnten. Darius und die anderen Dämonen konnten sie nicht einordnen, da sie zu weit weg und obendrein auch nicht sonderlich stark war, aber Silver und Blue spürten, dass es sich bei der entfernten Aura um Greens handelte. Sie kannten ihre Aura.
"Und nein, wir teilen uns auch nicht in zwei. Zwei Wächter sind wohl kaum genug für eine ganze Horde. Wir werden hier noch 10 Minuten warten und wenn sich dann kein Wächter zeigt, ist es wohl ein falscher Alarm." Bedrohlich durchbohrten Darius schwarze Augen die grauen Mels, die dem Dämon deutlich sagten, dass er sich an die Hoffnung klammern musste, dass es sich nicht als ein falscher Alarm herausstellte, ansonsten würde er teuer dafür büßen müssen.
"Und du, Blue, du kümmerst dich um die zwei anderen Wächter. Das wirst du hinkriegen, oder?" Jetzt verstand Silver endlich, was Blue vorhatte - aber er wusste nicht, ob er das unbedingt so gut fand. Er wollte Green alleine gegenübertreten und sie von einem Hordenkampf fernhalten… aber ihm musste doch klar sein, dass Green ihn auseinanderreißen würde. Er kannte sie doch gut genug um zu wissen, dass sie sich an ihm rächen wollen würde für den Mord an ihrem Bruder… er sollte sich von ihr fernhalten, anstatt eine Konfrontation herauszufordern. Es war mehr als ein Jahr vergangen, seitdem sie sich das letzte Mal bekämpft hatten; wer sagte ihnen, dass Green nicht vielleicht sogar besser geworden war als sie und somit womöglich eine ernsthafte Bedrohung? Er brachte sich selbst in Gefahr. Mit Absicht? Wollte er vielleicht… für seine Taten gerichtet werden?
Wollte er… dass Green diejenige war, die das Urteil verhängte?
"Blue! Nicht!"
Blue wandte sich zu seinem kleinen Bruder herum, welcher diese beiden Worte verzweifelter gerufen hatte, als er es gewollt hatte - für einen kurzen Augenblick hatte ihn wahrlich die Angst übermannt, weshalb er nun auch auf ihn zusteuerte; entweder um mitzukommen oder um ihn aufzuhalten; er hatte sich noch nicht entschieden… er hatte… aus Reflex gehandelt.
Doch es war nicht Blue, der ihn von diesem Vorhaben abhielt. Es war Darius, dessen große Hand nun Silvers Oberarm festhielt und ihn davon abhielt weiterzugehen:
"Ich glaube, ich habe mich klar genug ausgedrückt, als ich Blue sagte, Kleiner. Dein Bruder wird ja wohl mit zwei Wächtern fertig werden - Ri-Il-sama hat euch nicht umsonst ausgesucht, oder?" Silver hörte Darius Worte kaum; er sah nur Blue an, welcher seinen eindringlichen Blick ruhig erwiderte.
"Darius-sama hat recht, Silver. Ich werde schon mit zwei Wächtern fertig werden." Silver antwortete nicht, doch sein Blick sprach Bände, weshalb sich Blue doch anders entschied.
"Mach dir keine Sorgen."

Ich würde dich nie alleine lassen, egal wie sehr es schmerzt.



Die Bataillone der Wächter bekamen ihre Instruktionen für den Kampf; die Horde unter Darius wartete geduldig; Saiyon und Green waren voneinander getrennt, aber in der Nähe voneinander und Blue auf dem Weg zu seiner Hikari - alles lief genauso, wie Nocturn es haben wollte. Green war ihm sicherlich dankbar! Das hatte sie doch gewollt! Ohne ihn wäre das nie geschehen - dann hätten die Wächter einfach nur den Trainingsplatz und die 700 neuen Dämonen ausgeschaltet und alles wäre langweilig gewesen! Danken sollen sie ihm - alle!
Nocturn hatte sich bereits positioniert; verborgen in den Klippen, von wo aus er zwar nicht gesehen wurde, aber dennoch die im Sand liegende weibliche Hauptdarstellerin sehen konnte.
Er würde Improvisation zulassen; er wollte ja selbst auch überrascht werden und er war sich sicher, dass er nicht enttäuscht werden würde, dafür hatte er alles viel zu gut eingefädelt. Während die Dämonen und die Wächter ihren langweiligen Krieg ausfochten, würde hier das wahre Drama stattfinden. Nocturn mochte Dramen; viel lieber als Komödien, die ihn sowieso nicht amüsierten. Er hatte nun einmal einen speziellen Humor - und welche Geschichte war besser als die, mit der man sich selbst identifizieren konnte?!
Der Flötenspieler begann zu lachen; sich nicht darum kümmernd, dass sein kindisches Lachen die Wachdämonen anlockte. Sie interessierten ihn nicht und der sich nähernde Dämon wurde auch schnell von Nocturns Fingernägeln aufgespießt und löste sich in glitzernde Fünkchen auf, während Nocturn weiter spitz lachte, das auf ihn spritzende Blut genießend - wie ein Kind, welches sich über das neue Spielzeug freute.
"Also… Vorhang auf für den ersten Akt!"





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1 Sei unbesorgt!