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Episode 72
  Episode 72: Die Unbeugsamen
Schon bevor Green die Augen aufschlug, vernahm sie Silence' Nähe. Das war auch kein sonderliches Kunststück, denn Silence hatte sie mit brutaler Kälte geweckt, indem sie ihr Medium mit ihren eisigen Händen berührt und sie somit unsanft und sehr frostig aus der Ohnmacht herausgerissen hatte.
"Na endlich ist die Prinzessin aus ihrem Schlaf erwacht." Zögerlich richtete Green sich auf - jedoch nicht ohne Silence einen vorwurfsvollen Blick zugeworfen zu haben - und war sofort darüber verwundert, wo sie sich befand, denn… hierhin hatte sie sich nicht selbstständig begeben und… wo waren Saiyon und Magnus? Was war passiert?
"Nocturn hat dich hierher gebracht", erklärte Silence, um die Verwirrung, die sie in Greens Gedanken lesen konnte, zu lichten. Als Green alarmiert antworten wollte, bedeutete Silence ihr mit einer Handbewegung, dass sie es nicht tun sollte, selbst fortfahrend:
"Er ist sicherlich noch in der Nähe und ganz offensichtlich hat er mich nicht spüren können, ansonsten wüsste dieser Irre, dass ich seinen kranken Plan durchkreuzen würde. Tu also so, als wäre ich nicht da. Was auch immer dieser Irre mit dir vorhat; dich von deinen Wächtern zu trennen kann nichts Gutes bedeuten. Ich schlage daher vor, dass ich deinen Körper übernehme, denn dann kann er deine Gedanken ebenfalls nicht lesen." Als Green die Stirn runzelte und sich die Frage stelle, wie Silence sich so sicher sein konnte, dass Nocturn nicht auch die Gedanken von ihr lesen konnte, huschte Silence ein süffisantes Grinsen über das Gesicht:
"Oh, Hikari-sama, mein Wille ist nicht so einfach zu brechen. Er ist ein wenig stählener als deiner. Ich lasse meine Gedanken nicht von so einem Irren durchleuchten oder gar manipulieren - nimm es nicht persönlich. Ich habe die Jahre… und die göttliche Abstammung auf meiner Seite." Missvergnügt erwiderte Green Silence' triumphierendes Lächeln, doch konnte leider nichts sagen, um eben dieses verschwinden zu lassen, denn dass Nocturn Green beeinflussen konnte, war leider Fakt - und Green musste sich selbst auch eingestehen, dass es sie schon beruhigte zu wissen, dass sie mit der Hilfe von Silence nicht befürchten musste, manipuliert zu werden.
Doch gerade als sie auf Silence' Vorschlag eingehen wollte, fiel ihr plötzlich etwas ein: wenn sie alleine war, alleine… ohne ihre Wächter - ohne Saiyon - dann war dies vielleicht der beste Augenblick…
"Nein, Green, neeein." …um Blue zu konfrontieren…
"Merkst du nicht, dass du Nocturn damit direkt in die Hände spielst? Du rennst in die offene Falle! Green, so dumm bist du doch nicht!?" Silence hatte nicht vor, auf eine Antwort zu warten; sie hatte eigentlich gar nicht vor, das irgendwie zu diskutieren oder auf Greens Zustimmung zu warten, weshalb sie auch schon ihre Hand nach Greens Herzen ausstreckte, doch Green zog sich eilig und entschlossen rückwärts zurück und entging ihr. Die beiden Frauen blickten sich kurz widerspenstig in die Augen der anderen - dann holte Silence ein weiteres Mal aus; aber es war zu spät.

Silence stöhnte verärgert auf; Green drehte sich herum - und sah in Blues rote Augen.

Und als die beiden für einen kurzen Augenblick in die Augen des jeweils anderen sahen, geschah etwas, was keiner der Anwesenden für möglich gehalten hatte.
Etwas, das nicht geschehen durfte, etwas, was eigentlich komplett unmöglich sein sollte; etwas, das in subtiler Unsichtbarkeit geschah.






















"Green, warum bist du so traurig?"

"Gary… Gary! Du weißt… du weißt doch, dass ich das alles gar nicht will, oder? Du weißt, dass ich diesen Ring nicht freiwillig trage, oder?"








Für einen kurzen Augenblick verbanden sich die zwei traurigen Herzen.


Die Verbundenheit war nur so kurz da, dass sie von niemandem realisiert wurde - ein Moment. Ein kurzer, kurzer Moment. Im nächsten war die Verbindung bereits verschwunden und niemand hatte sie bemerkt oder ihr Beachtung geschenkt: nur ein flüchtiger Stich im Herzen der beiden ungleichen Wesen blieb, doch er wurde von den beiden Kontrahenten anders gedeutet.
Mit einer hastigen Bewegung hatte Green ihren Stab heraufbeschworen, ehe sie flink von ihm wegsprang und somit erst einmal Abstand aufbaute.
"Du bist bescheuert, wenn du dich darauf einlässt, Green!", fauchte Silence ihr entgegen, doch die Hikari beachtete ihre Zwischenbemerkung nicht - finster blickte sie Blue entgegen, welcher sie achtsam beobachtete, aber sein Wort anscheinend nicht an sie richten wollte, sie nur aufmerksam studierte.
"Ist es so bescheuert, dass ich den Tod meines Bruders aufklären will?!"
"Merkst du denn nicht, dass du psychisch nicht in der Lage dazu bist?! Du kannst Vergangenheit ja nicht einmal von Gegenwart trennen! Du hast einer Illusion gegenüber schlechtes Gewissen, weil du dich verlobt hast und gleichzeitig willst du den Verursacher dieser Illusion umbringen?! Green, du bist nicht bei Sinnen!"
"HALT DICH DA RAUS!" Die fahrigen Worte Greens zeigten den gewünschten Effekt: Silence schwieg. Es war allerdings kein eingeschüchtertes Schweigen, sondern ein zutiefst wütendes. Sollte sie doch ins Verderben laufen, wenn sie es unbedingt wollte… und so etwas schimpfte sich Hikari.
"Das ist mein Kampf", schrie Green der wütenden Yami entgegen:
"…und ich werde ihn zu Ende führen!"


Nocturn lachte herzhaft und fiel dabei fast rücklings von seiner Klippe herunter, als Green eben diese Worte rief, während er die aufgewühlten Worte in ihrer Gedankenwelt deutlich hören konnte. Er musste zugeben, dass es ihn mehr erheiterte, als er geglaubt hatte - und dabei musste er nicht einmal etwas tun! Green improvisierte ganz hervorragend, was Nocturn sehr gefiel, denn natürlich mochte auch er es, überrascht zu werden. Dass sie so wenig Verantwortungsbewusstsein besaß und immer noch mitspielte, obwohl sie wusste, dass es alles eingefädelt war, hätte Nocturn nicht für möglich gehalten; er hatte eigentlich damit gerechnet, dass er sie noch ein wenig mit sanfter Gewalt - denn er wollte sie ja noch nicht kaputtmachen, seine neue Puppe - in die von ihm gewünschte Richtung hätte locken zu müssen… Aber nein, sie tat es, ohne gelockt werden zu müssen. ! Was für eine Hikari, ja, was für eine Hikari!
"Was hast du nur für eine artige Tochter, White! Ich muss dir danken, dass du ihre Hinrichtung verhindert hast! Das ist ja köstlich, einfach köstlich - ganz nach meinem Geschmack, ehihihihihihi!" Das Lachen Nocturns verstummte, als er grinsend aufhorchte - aaaah, was hörten seine Ohren da! War das etwa das berühmte regenlose Gewitter der Hölle? Meine Güte, was hatte Green für ein Glück! Es gewitterte nur selten in der Dämonenwelt; aber nun war es wieder einmal so weit. Die schwarzen Wolken hatten sich zusammengezogen und Donnergrollen war in der Ferne zu hören. Nein, so weit weg war es gar nicht, korrigierte Nocturn sich in Gedanken; es kam näher und - ja, da, begleitet von Nocturns vorfreudigem Grinsen, schlug schon der erste Blitz ein.
"Welch Glück, welch Glück!", trällerte Nocturn enthusiastisch und schlug ebenso energiegeladen die flachen Hände zusammen, sein Glück - und Greens - gar nicht fassen könnend. Das Wetter war immerhin etwas, was er nicht beeinflussen konnte und was doch wirklich leider, leider oftmals in der Lage war, selbst die beste Szenerie zu zerstören. Aber das Wetter war auf ihrer Seite! Gewitter! Besser hätte es nicht sein können!
"Fille! Lass uns frohlocken!" Nocturns Augen rissen auf, während er diese Worte in die aufgewühlte Luft hinaus trällerte und verengten sich genießend, als er fortfuhr:
"Lass uns deiner Mutter ein schönes Geschenk machen, ja, mein Mädchen?"


Eben diese war auch aufgesprungen, als sie - wenn auch nur kurz - das grinsende Gesicht Nocturns gesehen hatte. White war die gesamte Zeit schon angespannt gewesen, während sie die Vorbereitungen für die Schlacht aus Greens Augen hatte miterleben können: schon die gesamte Zeit wäre sie am liebsten losgestürmt, um ihrer Tochter zu Hilfe zu eilen, aber… das war nicht ihre Schlacht, nicht ihr Krieg, sondern Greens - und Green musste sich als Regime-Führerin beweisen, ja, das wusste White… aber eigentlich war ihr das vollkommen egal.
Und jetzt war es ihr erst recht egal; es war nur ein kurzer Anblick Nocturns gewesen, aber dieser Anblick hatte genügt. Er hatte mehr als genügt; kurz flammte die panische Sorge auf, um dann von kampfesbereiter Entschlossenheit abgelöst zu werden.
Es gelang ihr jedoch nur aufzuspringen und sich umzudrehen, ehe ihr Handgelenk gepackt wurde, bevor sie sich überhaupt aus dem Konferenzsaal hatte herausbewegen können - White war nicht einmal in die Nähe der Tür gelangt, als Shaginai sie aufhielt. Sie gab ihm jedoch nicht die Chance, sich zu erklären; sofort versuchte sie, sich aus seinem Griff zu befreien, doch es gelang ihr nicht - und als sie dies bemerkte, wandte sie sich zu ihm herum und zwei entschlossene Augenpaare trafen sich.
"Vater, Green ist in Gefahr. Ich muss ihr helfen." White versuchte, ihre Stimme ruhig klingen zu lassen, aber sie zitterte vor Anspannung - aber auch verbissener Entschlossenheit, welche sich auch in Shaginais Gesicht zeigte.
"Du kannst nicht immer zu Yogosu stürmen, nur weil sie sich in Gefahr befindet!" Während im Konferenzsaal Befehle ausgerufen wurden, wiederholte Shaginai das, was White auch ohne ihn wusste: es war Greens Kampf, nicht ihrer.
"Wenn Green stirbt, ist es nicht länger möglich, mit ihr Politik zu führen, Vater! Ich weiß, dass sie dank deiner Hilfe Fortschritte gemacht hat, aber Nocturn ist ein Gegner, dem sie nicht gewachsen ist." Shaginais Augen zuckten, verengten sich, als er sah, dass Whites Augen nach links flüchteten:
"… um Nocturn zu töten, braucht es mehr als…" Beide horchten auf, als einer ihrer Mithikari verkündete, dass Green wieder erwacht war; sie sahen auch beide zu einem der Bildschirme, auf welchem man sehen konnte, dass Green den Kopf schüttelte.
"Sie ist allein", bemerkte Shaginai, genau wie White den Bildschirm ansehend - ein anderer Hikari untermauerte diese Worte noch, als er erklärte, dass Green sich gut einen Kilometer von ihrem vorigen Standpunkt entfernt hatte und sie tatsächlich alleine und abgeschnitten war von den anderen Wächtern. Aber auch wenn von Nocturn keine Spur war, so beruhigte White das ganz und gar nicht.
"Vater, Nocturn hat im Alleingang ein gesamtes Elementarwächter-Team ausgelöscht…", unterbrach White Shaginai, als dieser sich gerade - als wäre das Thema geklärt - von White lösen wollte, um sich wieder am Geschehen zu beteiligen:
"Lass mich ins Diesseits gehen und ihr…" Aber weiter kam White abermals nicht, denn sie sah genau wie Shaginai, wie Green sich herumdrehte und Blue entdeckte. Shaginai ließ White los, warf ihr einen kurzen Blick zu und antwortete:
"Na, aber mit einem einzelnen Halbdämon wird Yogosu wohl zurechtkommen."


Firey fuhr zusammen, als sie das heftige Donnergrollen vernahm; es war ein lautes, krachendes Donnern wie das Schlagen auf einer gigantischen Trommel - und die Wolken über ihren Köpfen hatten sich auch zu einem finsteren, giftig wirkenden Gemisch zusammengebraut, wo das Donnern weiterhin zu hören war wie eine Lawine, die in Fahrt geriet, sich auftürmte, um alles zu verschlingen und zu zerstören.
Zerstören! Z-Zerstören, töten… töten… das war das, was sie nun tun musste. Der Befehl für den Angriff war erschallt. Ukario und Shitaya hatten ihre Anweisungen von den Hikari erhalten; sie hatten nicht gezögert, sich nur einen Blick zugeworfen und dann… hatte Ukario die Stimme erhoben, die die Wächter dazu aufforderte, ihre Waffen bereit zu machen. Ihre… Waffe. Firey schluckte. Ihre Hände zitterten; sie spürte es und sie sah es auch, als sie auf ihren Bogen herabblickte. Ihr Sichtfeld verschwamm…
"… Wir haben keine Zeit fürs Zögern, meine Mitwächter! Jeder Moment des Zögerns könnte unseren Tod bedeuten in einem Kampf wie diesem - ein Kampf gegen Ri-Ils Horde. Doch das Überraschungsmoment ist auf unserer Seite…" Tief durchatmen, Firey, tief durchatmen…
"Denkt daran, dass jeder tote Dämon ein Gewinn für das Wächtertum und eine Schwächung von Ri-Il ist - jeder tote Dämon zählt! Seid schnell und treffsicher!" Schnell und… und… treffsicher. Das konnte sie. Das konnte sie.
"Haltet zusammen und vertraut euch und eurem Element!" Ja, das würde sie tun. Das hatte sie einmal getan und da war ihr Element auch bei ihr gewesen; und sie hatte ja Hireys Bogen bei sich. Ja, es war eigentlich gar nicht ihre eigene Waffe, aber sie hatte diesen Bogen einfach genommen, als sie den Befehl zur Ausrückung erhalten hatte - es war ganz automatisch geschehen. Sie musste ihn bald zu Hireys Grab bringen, aber jetzt… jetzt erhoffte sie sich, dass er noch einmal bei ihr sein würde, ihr noch einmal helfen würde. Sie hoffte, dass das kein zu vermessener Wunsch war - und dass es keiner war, schien der Bogen selbst zu bestätigen, als er warm wurde.
Firey schluckte noch einmal - ihre Kehle war trocken - und versuchte, sich zu einem Lächeln zu zwingen. Die Wärme fühlte sich an, als würde ihr jemand aufbauend eine Hand auf die Schulter legen.
Ukario war entschlossen und professionell wie immer, ganz egal ob ihm gerade mitgeteilt worden war, dass die Pläne sich verändert hatten und sie es nicht mit den neuen Dämonen Ri-Ils zu tun hatten, sondern mit seiner Kernhorde; Shitaya war ebenfalls professionell, machte sich aber Sorgen um seinen Bruder, welcher nicht zurückgekehrt war und natürlich auch um Magnus… Azuma war voller fiebriger Vorfreude und Yuuki noch nervöser als Firey.
Aber keiner von ihnen wurde gefragt, ob sie bereit waren.
Sie mussten es sein.


Der Überraschungsangriff war aber tatsächlich auf der Seite der Wächter - doch die Dämonen waren bereiter, als sie es angenommen hatten. Zwar weiteten sich nicht nur Darius' Augen überaus schockiert, als sich die Wächter wie eine Welle - eine sehr kontrollierte Welle - über sie stürzten - besonders als sein geschultes Auge erkannte, dass es sich bei den Wächtern unter anderem um das Bataillon Elysion handelte - aber das verdammte ihn nicht zur Ohnmacht. Er war der Kommandeur Ri-Ils; der Anblick von so vielen Wächtern, obendrein den talentiertesten des Wächtertums, schüchterte ihn nicht ein - ganz egal, ob er sofort einen Blitz auf sich zuschießen sah, als zwei Klimawächter sich ihn als erstes Ziel aussuchten. Er wich aus und setzte zum Gegenangriff an, genau wie die anderen Dämonen es taten. Bei den Dämonen wurde keine Zeit mit langen Reden verschwendet; man wartete auch nicht auf einen Befehl zum Angriff. Sie waren immer angriffsbereit.
Doch trotz aller Angriffsbereitschaft sprang die Zahl der getöteten Dämonen in den Kommandoräumen des Tempels und des Jenseits' nach den ersten verstrichenen fünf Minuten auf 17, was Hizashi zu einem verstohlenen Grinsen verleitete - auf Elysion war wirklich in jeder Generation Verlass.
Azuma und Firey bekamen beide den Befehl, dass sie sich im Notfall zurückziehen sollten und dass, falls ein Anti-Teleportationsbannkreis beschworen werden würde, ein Kaze für sie bereitstand, um sie aus der Schusslinie zu holen - aber darauf hörte Azuma gar nicht. Sollten die Viecher doch versuchen ihn zu töten, haha! Sollten sie es doch versuchen! Mal sehen, wer wen zuerst tötete, hahaahaha! Dass der Kampf Azuma große Freude bereitete - welcher mit großen Felsenfäusten schier um sich prügelte - bemerkten nicht nur die Wächter, die sich lieber von ihm fernhielten, sondern auch Darius, welcher Ri-Il nur recht geben konnte: dieser Erdwächter war wirklich gefährlich und sollte so schnell wie es ging ausgeschaltet werden. Aber so sehr Darius auch an dem Gedanken Gefallen fand, dass er Ri-Il würde sagen können, dass er mal eben diese Gefahr ausgemerzt hatte, so hatte er genug mit diesen Klimawächter-Plagen zu tun, welche ihn wiederum als Gefahr einstuften. Ein Kompliment, natürlich, aber wenn Ri-Il zu ihnen stoßen würde, dann wollte Darius nicht so wirken, als würde er von diesen vermaledeiten Wächtern in die Zange genommen sein. Aber besonders der Offizier des Klimas war keine Nuss, die einfach zu knacken war… Shitaya.
Dieser war zielgerichtet darauf aus, Darius zu töten; für einen Moment schwieg seine Sorge um seine beiden Offizierskollegen, ging unter in dem Kampf und der freigesetzten Magie.
"Erbitte Hilfe eines Kaze - Code 43!", rief Shitaya rückwärtsspringend, wobei seine Handfläche türkis aufleuchtete - eben diese Hand wurde binnen Sekunden auch von einem Kaze ergriffen, während die andere Klimawächterin Blitze auf Darius niederregnen ließ, welcher dabei war, diesen auszuweichen - doch sein rotes, Shitaya zugewandtes Auge flitzte zu ihm, als dieser kurz zu dem fremden Windwächter sah, der ihm zunickte und ihre leuchtenden Handflächen zusammen aufstrahlten. Und gemeinsam riefen sie:
"KAZE!"
"KIKOU!" Aber Darius wusste, was sie vorhatten. Die Klimawächterin war eine Pest, die sich nicht abschütteln ließ, weshalb der Kommandeur es in Kauf nahm, von den Blitzen getroffen zu werden, die seitlich in seinen Körper einschlugen, seine Kleidung wie auch seine Haut und gefühlt auch seine Muskeln verbrannten, aber Darius jammerte nicht---- Er biss die Zähne zusammen, seine Augen strahlten vor Unerschrockenheit, als er durch die Blitze der Klimawächterin griff, ihr Genick mit der bloßen Faust umschloss und brach - und die Leiche der Wächterin gegen den Windwächter schleuderte, den es zurückwarf, wodurch die Verbindung der beiden Elemente zerstört war.
Shitaya war bereits im Begriff, dem verwundeten Windwächter zu helfen, als Darius nun dazu ansetzte, Shitaya töten zu wollen - als ihm ein anderer Windwächter zu Hilfe kam und den großen Dämon mit einer Windhose dazu brachte, ausweichen zu müssen. Shitaya blinzelte, dann lächelte er erfreut:
"Saiyon! Brüderchen!"
"Aniki!", erwiderte Saiyon Shitayas freudigen Ruf und kurz hatten die beiden Brüder nur Augen für den jeweils anderen - sie bemerkten gar nicht, dass Magnus sich um den verletzten Kollegen Saiyons kümmerte.
"Bei den Elementen - ich dachte, dir wäre etwas zugestoßen…" Shitaya war drauf und dran seinen Bruder zu umarmen, aber er kehrte zu seiner Professionalität zurück und reichte ihm stattdessen seine Hand - ein Grinsen konnte er sich aber dennoch nicht verkneifen:
"Ich habe Code 43 beantragt." Saiyon erwiderte das Grinsen, als er die bereits leuchtende Hand seines Bruders nahm:
"Deswegen bin ich hier." Shitayas Grinsen wurde zu einem Lächeln und als seine und Saiyons leuchtende Hände sich vereint hatten, war ihm kurz, dass er weinen müsste:
"Du weißt nicht, wie lange ich auf diesen Tag gewartet habe - den Tag, an dem wir unsere Elemente vereinen würden." Er schloss kurz die Augen: als er sie öffnete, hatten sie sich wieder ernst gefestigt und zusammen beschworen sie ihre Elemente, um dann im Einklang ihre Beschwörung zu rufen, während ihre Mitwächter sie vor Angriffen abschirmten:
"In dieser Elementvereinigung rufen wir den Wind und den Donner, um die tausend Blitzorkane zu rufen! Verwandelt unser aller Feind zu Asche und tragt ihn im Winde davon! " Das laute Donnergrollen über ihren Köpfen schwieg für einen Moment, als die verbundene Magie zwischen ihren Händen explodierte und einen Strom der verschiedenen Magien um sie herum aufwirbeln ließ; blau und türkis leuchtete die Luft kurz um sie, ehe sie sich auflud, um dem Namen der Attacke alle Ehre zu machen und tausend Blitze mit der Geschwindigkeit eines Orkans einschlugen.
Das gewaltige Blitzgewitter zwang die Dämonen im Umkreis dazu, Abstand zu nehmen; doch obwohl die kampferprobten Wächter der beiden Bataillone dies zu ihrem Vorteil auszunutzen vermochten, huschten dennoch einige Augen zu Darius - war er… war ihr Kommandeur etwa…
Nein, Darius stand noch. Er war nicht so übermütig gewesen und hatte geglaubt, dass er die Orkanblitze einfach so unbeschadet überstehen würde - ausweichen war auch nicht möglich gewesen, dafür waren sie zu schnell gekommen. Aber er hatte sich mittels Magie schützen können. Zum Glück war seine Verteidigung neben seinem sehr guten Gedächtnis seine größte Stärke.
Sein Körper, der von schwarzem, zuckenden Ruß bedeckt zu sein schien, vibrierte dennoch und kurz überkam ihn auch das Gefühl, dass sein Körper einzubrechen drohte, aber Darius hielt stand - und wenn die beiden Brüder geglaubt hatten, dass sie sich auf einem Sieg ausruhen konnten, so waren sie im Irrtum. Darius fletschte wütend und unerschütterlich die Zähne und schon waren Saiyon und Shitaya dazu gezwungen, auseinander zu springen.
"Saiyon!", rief Shitaya seinem Bruder zu, während Blitze um seinen Arm züngelten, mit welchen er die Faust Darius' abfing:
"Green befindet sich einen halben Kilometer westlich von hier in einem Duell - eil ihr zu Hilfe!" Einem Duell? Mit welchem Dämon befand Green sich denn in einem Duell? Eine legitime Frage, aber obwohl sie gut und legitim war, so hatte Saiyon sofort das Gefühl als… kenne er die Antwort.
"Schaffst du es auch ohne mich?!", rief Saiyon seinem Bruder zu - doch er war bereits zu abgelenkt von Darius, weshalb ihm Ukario eine Antwort gab, der sich in der Nähe Saiyons befand:
"Geh, Saiyon! Das Wohl unserer Hikari hat oberste Priorität!" Saiyon warf einen letzten Blick zu seinem verbissen attackierenden Bruder - dann wandte er sich ab und bewegte sich mit der Schnelligkeit, die einem Windwächter gebührte, über die Köpfe der Kämpfenden hinweg.


Von dem von Nocturn eingefädelten Drama bekam Firey, obwohl sie nur wenige Meter von den Brüdern entfernt gewesen war, nichts mit. Es war schlichtweg zu laut, um die einzelnen Worte der anderen Wächter hören zu können und obendrein war sie viel zu sehr darauf bedacht… nicht zu sterben. Ihre Hände hielten ihren Bogen zwar fest und sie glaubte nicht, dass ihre Hände noch zitterten, aber bis jetzt hatte sie keine Gelegenheit bekommen, den Bogen auch einzusetzen. Anders als es bei den Brüdern der Fall gewesen war, hatte kein Dämon es bis jetzt direkt auf sie abgesehen; den größten Teil der bisherigen Schlacht - wie lange kämpften sie eigentlich schon?! - hatte sie in der unmittelbaren Nähe anderer Wächter verbracht, ohne sich von ihnen loszureißen, hatte sich eher mitreißen lassen, wie eine Welle im Meer… und genauso hin und her gespült fühlte sie sich auch. Es ging alles so schnell; es war alles ein so großes Durcheinander von Farben, Geschrei und Schmerz.
Über ihr donnerte der Himmel, neben ihr und um sie herum donnerte die Gewalt. Immer wieder kamen Attacken vorbeigerauscht; ein Dämon, der in die Mitte angriff; Attacken von oben, von links und rechts. Ihr Bein schmerzte; es war aufgeschürft, aber sie wusste nicht, wann das geschehen war, bei welchem Ausweichmanöver oder wie oft sie sich schon auf den Boden geworfen hatte, um Dämonen, die riesige Klauen hatten wie gigantische Greifvögel, zu entgehen. Sie hörte und spürte Magie um sich und sie wusste, dass sie nicht nur ausweichen und entgehen musste, sondern dass sie den Moment, in dem sie einer Attacke entgangen war, dazu benutzen musste, um ebenfalls anzugreifen, aber… Reiß dich zusammen, Firey! Sie rief es sich selbst zu; tatsächlich wusste sie nicht, ob sie es nur gedacht oder wirklich geschrien hatte - aber ihr Bogen hatte sie so oder so gehört. Der Bogenstrang entflammte und die Hitze, die sie an ihrer rechten Hand spüren konnte, wirkte motivierend und beflügelnd - aber als sie die Augen aufschlug, entschlossen, sich auf ihr Training zu berufen und ihrem Element Ehre zu machen… erblickte sie keinen Feind, den sie mit dem Feuerpfeil treffen wollte, sondern--- Silver.
Sie hatte gar nicht damit gerechnet, gar nicht zu hoffen gewagt, überhaupt nicht über die Möglichkeit nachgedacht, ihn so schnell wieder zu sehen - ihr Herz war auch kurz gar nicht darauf gefasst, schier überfordert, obwohl Silver rund fünfzehn Meter von ihr entfernt war und sie gar nicht bemerkt hatte. Sie konnte ihn nur sehen, weil sich eine Schneise in den Kämpfenden gebildet hatte, eine Öffnung in diesem tosenden Meer.
Aber dennoch setzte ihr Herz einen Schlag aus und mit zitternden Lippen formte sie ungehört seinen Namen, als erwartete sie, er könnte sie hören und als würde er sich zu ihr herumdrehen - aber das tat er nicht. Er wehrte eine Attacke ab, die sich gegen ihn richtete, gefangen im Kampfesrausch - aber dennoch… verletzt wirkend, wie Firey mit einem besorgten Stirnrunzeln feststellte. Aber er… schien gar nicht zu bluten: warum zeigte sein Gesicht… Schmerz---
"AAH!" Ihr Mund, der eben noch Silvers Namen geformt hatte, formte sich zu einem Schrei und verschlungen hatte sie der Krieg wieder, als sie mittels Schmerz in seine Tiefen hineingedrückt wurde. Eine riesige Hand, nein, eher Klauen, hatte ihr Gesicht gepackt und presste sie zu Boden, als würde diese Hand ihren Kopf wie eine Traube zerdrücken wollen. Panik war das erste, was sie spürte: Panik und Schmerz. Aber sie musste ruhig bleiben! Ihr Bogen war entflammt, ihre Hände waren nicht bewegungsunfähig und sie hatte die perfekte Position, um dem Dämon ihren Feuerpfeil in den Rumpf zu jagen - und das würde sie auch tu…
Aber die Entschlossenheit, die sie und ihr Element spürten, verpuffte, als Firey die Augen öffnete und die Dämonin ansah, die sie so festhielt. Sie sah in ihr blutendes Gesicht, in ihre schwarzen Augen, in denen sie ihr eigenes Spiegelbild sehen konnte und---- schoss nicht.
Ihr Arm hatte eine gigantische Größe und schien nicht zu ihrem Körper zu gehören; ihre Klauen schmerzten Fireys Kopf, Blut rann herunter, aber trotz der Schmerzen, trotz der Todesangst, war Firey zu gefesselt von ihren---Augen---
"FIREY!"
Azumas Schrei blieb von Firey ungehört; er war zu weit von ihr entfernt. Nicht aber die Person, die Azuma trotz des Abstandes einige Meter hinter Firey aufflimmern sah - Yuuki. Ah, zum Glück - er war wohl die ganze Zeit in Fireys Nähe geblieben, ja, so gehörte es sich auch, sie wollten Firey doch beschützen… Doch da stockte dem Erdwächter vor Wut der Atem und der Dämon, der gerade auf ihn zurannte, konnte gar nicht egaler sein - Yuuki half Firey nicht. Als die Dämonin, die sich über Firey aufgetürmt hatte, den Illusionswächter bemerkt hatte, wich er zitternd zurück, anstatt…
"FALKENSTJERNE!"
"Für die Benutzung dieser Waffe liegt keine Erlaubnis vor…", hörte Azuma eine fremde Stimme im Ohr - aber die Stimme irgendeines Klimawächters war ihm genauso egal wie die Dämonen:
"HOLD KÆFT!"1 Erlaubnis?! Ihm doch egal! Es war ihm auch egal, ob er durch den Schwung seines goldenen Stabes nicht nur Dämonen zu Fall brachte, sondern auch Wächter; sollten sie doch die Augen aufmachen und springen, verfluchte Scheiße nochmal! Das einzig wichtige war, Firey zu retten und das tat er auch, als er und sein Stab die Dämonin förmlich von Firey - welche zum Glück mit dem Kopf auf den Boden gedrückt gelegen hatte - herunterrissen, ihren Körper dabei schier auseinanderreißend.
"Geht es dir gut, Fireyskat?!", fragte oder eher rief Azuma, als seine Stiefel vor Firey förmlich aufschlugen, den nun schrumpfenden Stab immer noch in seiner Hand drehend, vorbereitet auf jeden erdenklichen Angriff - einen Angriff, den er eigentlich gerade am liebsten gegen Yuuki fahren wollte zusammen mit der Frage, was er sich eigentlich gedacht hatte… Aber gerade als er sich herumdrehte, um auch genau das zu tun - und um sich zu vergewissern, dass es Firey auch wirklich gut ging, sah er nur kurz Yuukis absolut entsetzten Blick, ehe er selbst erstarrte.
Er konnte sich nicht mehr bewegen; irgendetwas hatte seinen Körper eingefroren. Firey hatte sich gerade noch aufgerichtet, doch war nun genau wie Azuma in ihrer Bewegung verharrt. Nur ihre Augen konnten sich noch rühren - und so sahen alle drei den Urheber dieser eigenartigen Magie. Ri-Il. Ri-Il, der galant vor Firey landete, die Arme auf dem Rücken gelegt und sie höflich anlächelnd.
"Es gibt da jemanden…", begann Ri-Ils auf Japanisch.
"… der einen guten Preis für dich zahlen würde, Feuerwächterin."

"Ri-Il!"
Verzweifelt und wütend schlug Seigi mit den Händen auf den Tisch vor ihm; am liebsten hätte er in das Hologramm geschlagen, das nun Ri-Ils grinsendes Gesicht zeigte. Aber stattdessen raufte sich der Tausendtöter die Haare.
"Warum musste Ri-Ils Gebiet unbedingt angegriffen werden, wenn ich nicht einsatzbereit bin?!" Seigis wütende Stimme ähnelte nun mehr einem Jammern, aber darauf achteten die Hikari nicht - sie überhörten ihn gekonnt.
"Womöglich ist es ratsamer, einen Rückzug in Erwägung zu ziehen…", begann Adir, aber seine Worte wurden entschieden von Hizashi zurückgewiesen:
"Auf keinen Fall. Zum aktuellen Zeitpunkt sind nur zwei Wächter von Elysion gefallen. Wir verdammen Elysion zum Gespött, wenn wir den Befehl zum Rückzug geben, nur weil ein mächtiger Fürst auf dem Schlachtfeld ist!"
"Wir sprechen hier von einem 600 Jahre alten Fürst, welcher nicht umsonst so alt werden konnte, Hizashi-san!", argumentierte Adir dagegen.
"Er wäre nicht 600 Jahre alt, wenn ich mehr Lichtmagie hätte…", jammerte Seigi weiter, seine Finger an seinem Gesicht herabgleitend, aber nach wie vor ungehört.
"Ich gebe Hizashi-san recht." Sofort sandte Adir Mary einen fast schon vorwurfsvollen Blick zu, dem sie etwas entschuldigend auswich, sich davon aber nicht einschüchtern ließ:
"Aber ich schlage vor, dass White-san sich in Diesseits begibt - zur Stärkung der Moral und als Verstärkung im Kampf gegen den Fürsten."
"Eine gute Idee", pflichtete Shaginai bei, ehe White überhaupt etwas sagen konnte - und nun war es Shaginai, der schneidende Blicke verteilte, als er White ansah:
"Im Kampf gegen Ri-Il - nicht im Kampf gegen einen Halbdämon. Wie sieht denn das auch aus… und Yogosu muss dringend lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. Dringend."
Dass White da gänzlich anderer Meinung war, machten ihre Augen überaus deutlich - aber sie verschwendete keine Zeit damit, dies auch zu sagen. Sie machte sich sofort auf den Weg zur Eingangshalle des Jenseits.
Wo sie bereits erwartet…
                                         und aufgehalten wurde.

Die Magie, die Azuma in sich spüren konnte, war keine, die einfach zu beschreiben war. Er konnte nicht beurteilen, ob es ein kaltes oder heißes Gefühl war; konnte nicht einmal bestimmen, ob es schmerzte oder nicht. Etwas… durchbohrte ihn, sie alle - nicht nur Firey und Yuuki, sondern auch alle Wächter im Umkreis, die alle in ihrer Bewegung festgefroren waren. Kniff man die Augen zusammen und sah man genau hin, so wirkte es… als stecke ein orangener, durchschimmernder Speer in jedem von ihnen: ein Speer, der sich senkrecht vom Boden aus in sie hineingebohrt hatte wie Dornen, die aus dem Boden empor geschossen waren, um sie aufzuspießen.
Firey interessierte sich nicht für die Art der Magie: die Magie hielt sie davon ab, sich zu bewegen, das war das einzig wichtige - und der Windwächter, der ihr zur Hilfe eilte, wurde ebenfalls aufgespießt: er blieb sogar mitten im Sprung hängen, gebändigt von der Magie, die wohl von Ri-Il stammte, der für diesen eigenartigen Trick jedoch nicht aufgeschaut hatte, sondern immer noch Firey musterte - jedenfalls glaubte Firey, dass er sie musterte, denn die Augen dieses eigenartigen, aber eindeutig sehr mächtigen Dämons blieben geschlossen. Seine Aura war enorm; aber das war es nicht, was Firey zum Zittern brachte, sondern das Brennen ihrer Kehle und ihres Bauches - sie hatte es richtig verstanden, oder…?! Er… er sprach von Karou… oder?!
"Oh, du hast also schon mit Karou-san Bekanntschaft gemacht? Wie praktisch", fuhr Ri-Il auf Japanisch fort, während er mit einer Handbewegung seinen Dämonen bedeutete, sich der linken Flanke anzunehmen, da er hier alles unter Kontrolle hatte:
"Das macht es einfacher, den Preis zu verhandeln." Firey rann der Schweiß von der Stirn; gut 25 Wächter um sie herum hingen in der Luft, genau wie sie gefangen wie in einem Spinnennetz; Azuma fletschte die Zähne, obwohl er Ri-Ils Worte nicht verstehen konnte, Yuuki folgte dem Ganzen mit bangen Vorahnungen… aber da verschwand Ri-Il plötzlich.
Es war so schnell geschehen, dass Firey es nicht gesehen hatte: Ri-Il hatte seine Augen kurz einen Spalt breit geöffnet, im Takt damit, dass er sein Grinsen verloren hatte, als er gespürt hatte, dass es da nicht nur einen Wächter gab, der sich noch bewegte, sondern obendrein einen, der sich auch beim zweiten Angriff nicht von seiner Magie erfassen ließ - aber von der Attacke Ukarios, einem purpurleuchtenden Morgenstern, ließ Ri-Il sich dennoch nicht erwischen.
Im gleichen Moment, in dem der riesige Morgenstern sich auflöste, tauchte Ri-Il in der Luft wieder auf und die beiden Kontrahenten sahen sich, trotz der vielen Meter zwischen ihnen, musternd an. Unnötigerweise teilte der durchschimmernde Bildschirm vor Ukarios rechtem Auge dem Kommandeur mit, dass es sich bei dem Dämon, den er entschlossen ansah, um Ri-Il handelte. Ein Warnsignal leuchtete auf, zusammen mit der Information, dass ein Rückzug nicht als Kriegsdelikt galt, sondern ratsam war und gestattet wurde. Ein Standard-Befehl - es gab einige Dämonen, die mit dieser Erlaubnis versehen waren; Dämonen, die als "zu gefährlich" galten. Aber Ukario hatte nicht vor, sich zurückzuziehen. Er wusste, mit wem er es zu tun hatte.
Umgekehrt musterte Ri-Il ihn genauso, und auch ohne solche Mittel wie Computer oder externe Informationskartei wusste Ri-Il natürlich, wer Ukario war, auch wenn er nicht oft so direkt in seinen Gedanken hatte lesen können. Illusionswächter waren für gewöhnlich die Wächter, die er am interessantesten fand - aber auch die Wächter, die am schwierigsten einzuschätzen waren. Er hatte gelernt, dass diese Purpurfarbenen für Überraschungen gut waren. Und er war Heerführer der Wächterarmeen.
Ja, aus dem Jungen, der sich damals eher durch Zufall in die Dämonenwelt verirrt hatte, war einiges geworden…
Ri-Il ließ Ukario den Vortritt, der herbeisausenden Lanze galant ausweichend. Wirklich, Gensou waren interessant; die Lanze war ebenso wie der Morgenstern durchschimmernd, ein wenig transparent gar, aber dennoch hatte Ri-Il einen Luftzug gespürt, als die Waffe an ihm vorbeigerauscht war. Seine Zöpfe hatten sich bewegt, ganz so, als wäre es eine echte Waffe und nicht nur eine Illusion gewesen - und die Person, die in der Luft hinter ihm aufgetaucht war, sah ebenfalls ganz genauso aus wie Ukario, obwohl der echte Ukario immer noch mit beiden Füßen fest auf dem Boden stand. Weniger intelligente Dämonen wären von diesem Doppelspiel sicherlich verwirrt gewesen; Ri-Il lächelte eher lobend, Respekt zollend, als er dieses Mal zwei schnell herbei sausenden Lanzen auswich. Wirklich, eine beachtliche Schnelligkeit legte dieser Wächter an den Tag - sofort setzten er und sein Ebenbild mit einer weiteren Lanze nach, der Ri-Il mit einem Sprung seitlich auswich, erstaunt darüber, dass seine Schnabelschuhe Halt gefunden hatten an der durchschimmernden Magie; Halt, um sich an ihnen abzufedern und einer weiteren Attacke zu entgehen, die nun von einem dritten Doppelgänger stammte. Das bedeutete wohl, dass ein direkter Treffer einer solchen Attacke sehr schmerzen würde - etwas, was Ri-Il nicht herausfinden wollte, aber da sauste schon eine weitere Lanze auf ihn zu - und noch eine - und noch eine - sie stapelten sich förmlich aufeinander, wurden immer höher, verflochten sich zu einem purpurnen Dornengewächs, dessen Stacheln es alle auf den Fürsten abgesehen hatten wie ein wildgewordener Rosenstrauch. Aber die Dornen stachen sich nicht in sein Fleisch; sie zerrissen auch seine Kleidung nicht - der Fürst war zu flink und zu geschwind, um sich treffen zu lassen, obwohl die Dornen nun fast wie ein Wirbelsturm um ihn herum danach verlangten, in ihn einzustechen.
"GENSOU!" Huh - Ri-Ils Augen öffneten sich mitten in einer Umdrehung und sahen an den vorbeisausenden Dornen vorbei---
"MIZU!" Ah, da war ein weiterer Wächter hinzugekommen - Ignes, wenn Ri-Il sich nicht irrte?
"In dieser Elementvereinigung rufen wir das Meer und den freien Geist, um zu neuen Gefilden aufzusteigen und die Seele zu erweitern! Schreie und zerreiße, o Dornenkönigin! " Schnell und im Einklang ausgerufene Worte, die auch ihren gewünschten Effekt hatten - aber für Ri-Il dennoch zu langsam waren. Ukarios Dornen, die es eben noch alle auf Ri-Ils Körper abgesehen hatten, verharrten und schossen auf die Hand Ignes' zu, wo sie mit seiner Magie vereint wurden und eine sich auftürmende Drachengestalt aus tosendem Wasser und Dornen erschufen, die in den Himmel emporschoss wie um Anlauf zu nehmen, um den Fürsten dieses Gebietes zu verschlingen. Wie sie es beschworen hatten erschallte ein Kreischen, als das Maul des Wesens sich öffnete, um Ri-Il mit seinem Wasser und seinen Dornen zu verschlingen.
Wie als würde er dieses monströse Wesen willkommenheißen - oder gar streicheln wollen - streckte Ri-Il die Hand aus. Sie leuchtete kurz orange auf und dann schoss ein dünner, fadenähnlicher Strahl direkt durch das Maul des Wesens, durchbohrte es - und brachte es zum Explodieren, bevor es Ri-Il überhaupt erreicht hatte. Stück für Stück explodierte es in tausend Tropfen und Splitter, die sich wie Regen über die Köpfe der Kämpfenden ergossen. Seine Dämonen waren aber zu gut trainiert und gedrillt, um sich von dem herabregnenden Tropfen zu sehr überraschen und ablenken zu lassen - Ri-Il lobte einige von ihnen in Gedanken, ganz besonders Silver, der sich wirklich hervorragend schlug, obwohl seine Gedanken so sehr von der Sorge um Blue vernebelt waren…
Wirklich, ein unbeugsames Kind - dachte Ri-Il grinsend, als er sich in der Luft drehte, einen Salto machte, um mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf dem Boden zu landen und senkrecht, einen absoluten geraden Strich beschreibend, in der Luft hängen blieb. Dort, wo sein Zeigefinger den Boden berührt und seinen Fall abgefedert hatte, breiteten sich sacht leuchtende Zirkel aus.

Es war Zeit für den Gegenangriff.





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1 Dän.: "Halt die Klappe!"