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Episode 73
  Episode 73: Sich windende Seelen
"Ich bitte Sie darum, sich nicht in den Kampf einzumischen, Hikari Akarui Tenshi Shinsetsu White."
Inceres lächelte. Es war ein freundliches Lächeln, aber dem Lächeln fehlte jede Spur von Wärme, weshalb White sich nicht dazu bringen konnte, es zu erwidern. Eine Unruhe breitete sich in ihrem Inneren aus, als gäbe es einen Grund… gewappnet zu sein. Ja, die kampferprobte Wächterin kannte dieses Gefühl: es glich dem Empfinden kurz bevor der Kampf begann. Aber… es war Inceres, ein Hikari, der vor ihr stand, kein Dämon…
"Inceres-no-danna, Ihr wart es, der mir meine Lichtmagie wieder zur Verfügung gestellt hat zum Wohle meiner Tochter. Uns liegt die Sicherheit Greens doch beiden am Herzen…" White formulierte sich langsam und wachsam, was sie ein wenig irritierte, aber… nun gut, es war Inceres, mit dem sie sprach. Inceres, dessen Lächeln ein wenig breiter wurde; seine Augen wurden allerdings kleiner:
"Ja, das tut es in der Tat."
"Dann verstehe ich nicht, warum Ihr mich aufhalten wollt."
"Weil mein Schmetterling nicht in Gefahr ist." White runzelte die Stirn und wollte auch sofort etwas erwidern, aber da wandte Inceres sich schon herum, die Arme auf den Rücken gelegt, sich von ihr entfernend:
"Das Wunder, an dem ich Sie teilhaben ließ, sollten Sie nicht verschwenden. Vertrauen Sie Ihrer Tochter… vertrauen Sie dem Licht und kehren Sie zu Ihrer Aufgabe zurück, anstatt diese zu verkennen." White starrte so fassungslos auf den Rücken des kleinen Jungen, dass ihr nicht auffiel, dass die Augen der sonst immer so starren Tempelwächter auf Inceres lagen.
"Inceres-no-danna, das…" Aber Inceres war schon verschwunden. Die Augen der Tempelwächter richteten sich wieder geradeaus und White… White war dazu verdammt, nur genau das tun zu können, was Inceres ihr gesagt hatte, denn sie… sie konnte keinen Eciencé-Körper mehr bilden.


Verächtlich kniff Silence die Augen zusammen. Doch der vorwurfsvolle, finstere Blick Silence' blieb Green unbemerkt; sie achtete gar nicht mehr auf ihre Seelenfreundin. Sie hatte nur Augen für Blue, welchen sie finster - aber nur halb so finster wie Silence' Blick - ansah; kalt und abwartend. Sie war wahrlich dämlich, sich auf dieses Theater einzulassen; Silence konnte das Lachen Nocturns förmlich hören und irgendwie war das ja auch zum Lachen; zum Totlachen. Wer rannte schon in eine Falle, wenn er sah, wie sie aufgespannt wurde… das war Green wirklich ganz egal. Es war ihr absolut und vollkommen egal, unter welchen Umständen diese Konfrontation mit Blue herbeigeführt worden war - Hauptsache sie hatte die Konfrontation bekommen, die sie wollte. Das war wirklich lachhaft dämlich, aber Silence war nicht nach Lachen zumute.
Sie spürte Youmas Anwesenheit. Nicht unbedingt in der Nähe, aber auf jeden Fall im Umkreis. Sie könnte auf den Kopf ihres Zwillings so lange einschlagen, bis dieser gewillt war, auf Nocturns Kopf einzuschlagen… vielleicht konnte er Nocturn nicht aufhalten, aber so würde Silence wenigstens herausbekommen, was genau dieser Irre vorhatte und wo er war - zu irgendetwas musste Youmas Fehltritt, ach nein, Partnerschaft, ja gut sein.
Aber Silence hatte keine Lust. Sollte sie doch auf die Schnauze fallen.


Es war ein merkwürdiges Gefühl, sie anzusehen. Es war ein merkwürdiges Gefühl, ihr in die Augen zu sehen nach dem, was er getan hatte.

Obwohl Blue den Tod Greys immer wieder vor Augen hatte, war es ihm genau wie Silver schwergefallen zu verinnerlichen, was er getan hatte. Er hatte Grey eigentlich nie unsympathisch gefunden... einst hatte er sogar geglaubt, dass sie sich sicherlich gut verstehen würden und wenn alles anders gekommen wäre, dann war Blue sich sogar sicher, dass sie so etwas wie Freunde gewesen worden wären. Vereint in dem Bestreben, Green immer zu beschützen. Seite an Seite. Ha…ha. Unter… anderen Umständen. Umständen, in denen er Green auch hätte anlächeln können.
Aber diese Hände, die Blue jedes Mal, wenn er sie ansah, abhacken wollte, hatten ihn, Greens Bruder, umgebracht. Es gab kein Lächeln mehr, keine anderen Umstände. Er hatte es getan, egal wie schwer es ihm fiel, es sich einzugestehen.
Aber nun, da er Green gegenüberstand, zweifelte er plötzlich an sich selbst und seinem Erinnerungsvermögen - und das obwohl er immer noch so deutlich spüren konnte, wie seine Hände sich um Greys Kehle geschlossen hatten. Er sah Green an und stellte sich selbst die Frage… wie das möglich sein konnte, dass… er zu so einer Tat fähig sein konnte.
Ähnliche Fragen hatte Blue sich doch aber schon einmal gestellt…und auch das war wahr gewesen; war wirklich geschehen, egal wie sehr Blue versucht hatte, die Wahrheit von sich wegzuschieben, sie von sich zu schütteln. Doch nun hatte er nicht nur ihren Körper gequält, sondern auch ihre Seele.
Einen Moment lang musste Blue sich zusammenreißen, die Erkenntnis darüber nicht in seinem Gesicht widerspiegeln zu lassen. Er musste sich sammeln… es war noch nicht vorbei. Green war noch nicht so weit. Er sah es ihr an. Blue hatte sie so lange nicht mehr gesehen und doch konnte er immer noch aus ihrem Gesicht lesen; ihre Augen sagten ihm alles. So viele Jahre hatte er sie konstant beobachtet, von Nah und von Fern… Ein Jahr hatten sie sich nicht gesehen und dennoch war er immer noch im Stande dazu, durch ihre Augen in ihre Seele zu blicken.
Green war entschlossen, den Mörder ihres Bruders zur Strecke zu bringen: ihre Augen waren felsenfest auf dieses Ziel gerichtet… keine Regel der Hikari, dass persönliche Rache kein Antriebsgrund sein durfte, konnte sie aufhalten… aber sie zweifelte noch. Obwohl sie seine Aura im Tempel genauso gespürt hatte wie er ihre, gab es einen Funken Zweifel in ihr, der noch nicht davon überzeugt war, dass Blue derjenige war, dem die Rachelust galt.
Blue ertappte sich beinahe dabei, wie er in sich hineinlächelte: wie typisch für sie, nicht auf die Fakten zu vertrauen. Sie hatte sich wirklich gar nicht verändert… sie war immer noch die Green, die er kannte… und die Green, die er halten wollte. Die Green, die er nicht bekämpfen wollte, die traurige Green, die er trösten wollte, mit der er zusammen den Täter jagen wollte.
Zu dumm, dass er selbst der Täter war.

Ha ha… ja zu dumm…

"Du scheinst sehr entschlossen zu sein, Green." Ihre Augen zuckten ein wenig: kalt und auch Wut andeutend. Sie mochte es wieder nicht, dass er sie bei ihrem Namen nannte. Aber sie wies ihn nicht zurecht.
"Umso mehr wundere ich mich, dass du mich noch nicht angegriffen hast." Er kannte die Antwort natürlich. Er wusste genau, dass der kleine Funken Zweifel in ihr der Grund dafür war und dass sie diesen erst einmal ersticken müsste; dass das der eigentliche Grund für ihre Anwesenheit war. Nun, er würde ihr dabei helfen. Vielleicht hatte Greys Tod…wenigstens ein Gutes.
"Weil ich dir eine Frage stellen muss." Blue wählte es, den Ahnungslosen zu spielen und erwiderte gelassen tuend, aber neugierig klingend - aber die Neugierde klang selbst in seinen Ohren sehr fremdartig:
"Eine Frage?" Green schwieg eine Weile und Blue konnte nicht beurteilen, ob sie es tat, weil sie zögerte, die alles entscheidende Frage zu stellen, oder… ob es dafür einen anderen Grund gab. Doch die Frage kam; langsam und deutlich:
"Hast du meinen Bruder umgebracht?"


Green wusste nicht, was jetzt passieren würde; wenn sie versucht hatte sich auszumalen, wie der Moment vonstattenging, in welchem sie ihm diese Frage stellte, hörte die ausgemalte Szene mit dem Aussprechen dieser Frage auf. Sie wusste nicht warum; sie wusste auch nicht, warum sie nun, da Blue sich in Schweigen hüllte, plötzlich einen Hauch von Nervosität spürte. Eine Verunsicherung - eine Verunsicherung, für die sie sich verfluchte.
"Green… warum fragst du das? Du kennst die Antwort. Das Stellen dieser Frage ist demnach sinnlos." Langsam begann er, einen Schritt vor den anderen zu setzen, doch Green wich nicht zurück. Sie blieb standhaft, auch als Blue fortfuhr:
"Wenn ich dir sage, dass ich es nicht gewesen bin, dass ich es nicht war, der dir deinen Bruder genommen hat… dann würdest du wissen, dass ich gelogen habe, nicht wahr? Du weißt, dass das Stellen dieser Frage unsinnig ist." Nun stand er genau vor Green, doch irgendwie schien sie ihn nicht zu sehen; fassungslos starrte sie durch ihn hindurch, sah etwas, dass er nicht sah. Auch als er seine Hand nach ihr austreckte, bewegte sie sich nicht; sie verharrte versteinert.
Silence wollte bereits alarmiert eingreifen, getrieben von der aufgewühlten Kälte, die sie in Green hochkommen spürte, doch sie sah, dass Blue die Hand nicht zum Angriff erhoben hatte - er hatte sie angehoben, um sie… zu ihrem Gesicht zu führen, als würde er ihre Wange… streicheln wollen. Doch er verharrte, ehe er ihre Haut berührte, als hätte etwas ihn davon abgehalten, sie zu berühren, obwohl es er selbst war, der sich davon abhielt:
"Du weißt… dass ich es war; dass diese Hand, die dich einst so berühren konnte, deinen Bruder umgebracht hat. Ob das der Grund war, weshalb er sich kaum gewehrt hat? Wenn er ernsthaft gegen mich gekämpft hätte, dann wäre ich vielleicht gar nicht in der Lage gewesen, ihn niederzustrecken. Aber er hat sich irgendwie zurückgehalten… als ob er mich nicht umbringen wollte. Kannst du dir vorstellen warum? War es, weil es eben diese Hand war, die seine Schwester einst beschützt hat? Ihr beide seid euch wirklich ähnlich gewesen; beide… schrecklich naiv."
Blue musste Luft holen. Er hatte das Gefühl, als hätte er nicht genug Luft - als raubte ihm jedes Wort mehr Luft, als litt er plötzlich an Atemnot - eine Atemnot, die ihn von Green ablenkte.
Er bemerkte es daher nicht; aber Silence bemerkte es, sah es in Greens Gedanken. Ihr Medium sah Blue tatsächlich nicht; sie hatte Grey vor ihren Augen. Untermalt von den unbarmherzigen Worten Blues sah sie den Moment seines Todes förmlich vor sich, als wäre sie selbst anwesend gewesen. Grey, ihr guter, guter Bruder… der doch eigentlich immer da gewesen war, doch eigentlich immer lächeln sollte… tot… unwirklich… im Glassarg liegend… nicht mehr lächelnd.
Doch anders als Blue bemerkte Silence, dass nicht die Trauer mit jedem weiteren Wort Oberhand gewann; es waren auch nicht die beißenden Schuldgefühle, es war etwas Anderes… denn wenn Blue es bemerkt hätte wie Silence und auch Nocturn es taten, welcher sich erwartungsvoll nach vorne lehnte, dann wären ihm die folgenden Worte nicht über die Lippen gekommen:

"So, Green. Jetzt darfst du weinen. Tu das, was du am besten kannst."

Es geschah so unglaublich schnell, dass es sogar die Gedankenleser Silence und Nocturn überrumpelte. Kaum dass Blue das letzte Wort ausgesprochen hatte, war Greens strahlende Hand pfeilschnell auf den Torso ihres Gegners hervorgeschossen, welchen sie auch mit Wucht getroffen hatte und ihn von sich wegwarf. Es war ihre "Hotaru Atarashii" gewesen, doch Silence hatte die Beschwörungsformel gar nicht hören können, so schnell war es geschehen?!
Und es ging weiter, wie auch Blue überrascht bemerkte. Ihm gelang es gerade noch sich aufzurichten, da sah er schockiert, wie Green auf ihn zusprang - ihn nun mit der linken leuchtenden Hand angreifend, nachdem sie ihren Stab in die Lüfte geworfen hatte:
"HOTARU ATARASHII FUTATSU ZUTSU!1 " Früher war Greens "Hotaru Atarashii" so magie- und energiezehrend gewesen, dass Green sie nur einmal hatte einsetzen können, weshalb man Blue deutlich ansah, dass dieser ziemlich überrascht war, Green diese Technik gleich zweimal nacheinander einsetzen zu sehen. Trotz seiner Überraschung gelang es ihm seitlich auszuweichen, weshalb die Lichtmagie Greens ins Leere ging - in diesem Moment fing sie allerdings ihre treue Waffe wieder auf und kaum berührten ihre Finger den Stab, verwandelte er sich in seine längere Form, welche sie gekonnt schwang, auflud und -
"HOTARU ATARASHII FUTATSU SAN!2 " Ihn traf.
Silence wusste natürlich von dieser verbesserten Variante, die Green mithilfe von Shaginai gelernt hatte, war aber ebenfalls über deren Form und Stärke überrascht. Nein, sie war mehr als überrascht: sie war schockiert über das, was sie sah. Sie versuchte Green zu erreichen, aber sie… sie drang nicht vor--- etwas blockierte sie…?!
Was war da im Begriff zu geschehen?! Was geschah da mit Green?!
Und warum jagte es Silence--- Angst ein?! War es der Blick gewesen, den Silence kurz, ehe Green den Angriff auf Blue gestartet und den Kampf eröffnet hatte, hatte erhaschen können, der sie so beunruhigte? So einen hasserfüllten Blick hatte sie… noch nie auf Greens Gesicht gesehen.
Die Intensivität dieses Gefühls hatte ihre Lichtmagie offensichtlich --- verstärkt, das war normal, das geschah ab und zu bei Lichtmagie… doch das war nicht der Grund, weshalb Silence ihr Medium nun schockiert ansah, als könne sie nicht glauben, wen sie dort vor sich stoßartig atmend sah.
Ihre Aura… irgendetwas war mit ihrer Aura geschehen - ihre Aura zusammen mit ihrem Blick war es… die ihr Angst einjagte. Sie wirkte so… fremdartig. Silence konnte ihre Aura nicht platzieren, aber sie spürte eine große… Unruhe in sich. War die Person, die ihren Stab ein zweites Mal auflud, um diesen wieder gegen Blue zu schwingen… aufgeladen mit einem Licht, das die Dunkelheit schier aufzufressen schien…

War das überhaupt noch Green?


Auf seinem Zuschauerplatz jubelte Nocturn fröhlich, denn das, was ihm geboten wurde, war wahrlich besser, als er es gehofft hatte! Er hatte geglaubt, dass er eingreifen müsste, um das ganze irgendwie interessant zu inszenieren, aber nein, es wurde auch so schon recht interessant! Begeistert klatschte er dumpf in seine Hände und trällerte:
"Bravo! Wer hätte gedacht, dass sich noch solch ein Potential in dir verbergen würde, Fille! Blue, du musst noch ein wenig an dir arbeiten, aber Fille… du bist wirklich perfekt! Perfekt!"


Doch Nocturn und Silence waren nicht die einzigen, die auf ihre unterschiedliche Art auf Greens Veränderung reagierten. Weit, weit von ihnen entfernt, in einer anderen Welt, hatte Inceres bis zu diesem Augenblick mit geschlossenen Augen an dem bunten Glas seiner Fenster gelehnt, deren bunte Lichtreflexe auf der einen Hälfte seines kindlichen Gesichtes tanzten.
Bis er nun plötzlich langsam die Augen öffnete.


White betrat gerade wieder den Konferenzsaal - etwas Anderes war ihr ja nicht übriggeblieben - und bereitete sich schon auf fragende Blicke vor und Fragen, die sie nicht wirklich beantworten konnte: aber niemand sah zu ihr, als sie wieder eintrat. Alle sahen auf die Übertragungen - nein, sie starrten eher fassungslos, vollkommen erstarrt auf die kleinen Bildschirme vor ihnen oder auf den großen, auf welchen White nun ebenfalls starrte, nachdem ihr Körper sich geweigert hatte, sie zu ihrem Platz zurückzubringen. Alle Bilder auf den Bildschirmen der Hikari zeigten Green. Wie sie kämpfte, wie sie ihr Element beschwor. Und Zahlen, die Greens freigesetztes Licht maßen. Zahlen, die… unmöglich wahr sein konnten.

Hizashi sprang auf, als die Zahlen plötzlich verschwanden. Sein Mund war geöffnet, aber er konnte nichts sagen, um das Fassungslose auszusprechen oder zu kommentieren - der Computer hatte versagt, das System zeigte eine Überlastung an und... war abgestürzt. Aber bevor es abgestürzt war, hatte es noch eine letzte Meldung gezeigt: unmessbar. Die Lichtmagie, die in diesem Moment an der Grenze von Ri-Ils Gebiet eingesetzt wurde - von Green eingesetzte wurde - war zu groß, um gemessen zu werden.

Inceres lächelte.
Vertraue dem Licht.


Einen Kilometer von der Lichtquelle entfernt unterbrachen nicht nur Dämonen ihren Angriff, sondern auch Wächter und mehr und mehr Augenpaare blickten in den Himmel hinauf. Die Dämonen spürten es natürlich: Lichtmagie. Eine sehr große Menge Lichtmagie, die nicht wenige hatte zusammenfahren lassen, obwohl sie alle Erfahrung mit dieser Magie hatten. Sie waren dazu trainiert, sich davon nicht einschüchtern zu lassen: aber das, was sie da sahen, als sie den Kopf hoben… kannte keiner von ihnen. Nicht einmal Ri-Il, der seine Augen überrascht öffnete und in diesem Moment des Erstarrens in den hell erleuchteten Himmel sah. Es sah aus… als fließe plötzlich ein Fluss am Himmel - ein leuchtender Fluss, der aus Licht bestand. Ein Fluss mit mehreren sich bewegenden Armen, pulsierend, sich erstreckend und unter den schwarzen Wolken ausbreitend. Ein gigantisches Elementschauspiel, das nicht nur seine Dämonen dazu brachte, zum Himmel hinaufzublicken; auch Lycram, der gut zweihundert Kilometer entfernt gerade auf seinen Balkon stürzte, konnte das Lichtspektakel am Horizont miterleben.
Auch in Lerenien-Sei war es zu sehen. Vom Turm aus, wo der Gott der Dämonenwelt seine Beine über den Rand des Turmes baumeln ließ, blickte er jedoch anders als seine Dämonen nicht in den Himmel. Er blickte nicht zum Horizont. Denn er konnte es spüren… und das, was er spürte, ließ ihn finster lächeln und seine roten Augen erleuchteten glühend.
"Na, aufgewacht, schlafendes Prinzessinchen…?"


"Blue!" Silver interessierte sich nicht für das Licht oder den Himmel oder die Frage, warum die Lichtmagie zu groß war - viel zu groß, um Greens zu sein. Das einzige, was ihn interessierte, war die Richtung, aus der sie kam und dass das der Ort war, wo Green und Blue aufeinandergestoßen sollten. Seine Augen weiteten sich angstvoll; wurden so groß, dass der Lichtfluss sich in seinen Augen spiegelte - ehe er sie schmerzvoll zusammenpressen musste, als ein Wächter seine Unachtsamkeit ausnutzte, um ihn zu Boden zu schlagen. Der Kampf ging weiter---- aber--- Blue---!
Ri-Il landete genau neben Darius, eine Attacke von Shitaya schier im Sprung abwehrend und zurückwerfend, denn er wollte mit seinem Kommandeur sprechen, der sich mit schnellem Atem zu seinem Fürsten wandte. Kurz erlaubte Darius sich, Ri-Il verschnaufend zu mustern und spürte ein hochachtungsvolles Kribbeln in sich, als er feststellte, dass Ri-Il keine einzige Schramme hatte.
"Ich hoffe, wir kämpfen zu Eurer Zufriedenheit, Ri-Il-sama."
"Das tut ihr. Und ich verlasse mich darauf, dass ihr euch auch zu meiner Zufriedenstellung zurückziehen könnt."
"Wir brechen den Kampf ab?" Ri-Il bejahte dies und deutete mit dem Öffnen des linken Auges in den Himmel, ehe er seine Augen wieder schloss.
"Wegen dieser komischen Lichtmagie? Ist es nicht Whites? Ri-Il-sama, ich versichere Euch, dass wir uns nicht von ihr einschüchtern lassen…"
"Das ist nicht Whites Licht." Ri-Ils Gesicht zeigte sich ernst, aber er erklärte sich nicht - und Darius fragte nicht nach. Er vertraute seinem Fürsten und gehorchte ihm.


Auch Blue war einen Moment lang fassungslos gewesen; nicht nur deshalb, weil sie ihn so schnell und obendrein auch noch so enorm effektiv attackierte, sondern auch auf Grund ihrer Aura. Von Nahem - viel zu nah - konnte Blue wohl am deutlichsten spüren, dass sie sich verändert hatte, obwohl sie ihm absolut keine Gelegenheit gab, dies genauer zu analysieren - anders als seine Mitdämonen hatte er noch gar nicht in den Himmel sehen können. Schlag auf Schlag folgten ihre mit Licht aufgeladenen Angriffe; keine Sekunde ließ sie ihm die Möglichkeit zu verschnaufen oder sich irgendwelche Gedanken über ihre merkwürdige Aura zu machen, wenn er nicht noch einmal direkt von ihrer Lichtmagie getroffen werden wollte. Wenn er hier und jetzt nicht sterben wollte, dann sollte er direkte Treffer dringend vermeiden, denn die erste Attacke, die ihn getroffen hatte, hatte eine immense Stärke aufgewiesen, weshalb Blue nicht wusste, ob er viele solcher Treffer überleben würde, wenn er kein Anti-Licht einsetzen wollte - und diese Möglichkeit war ihm gar nicht erst gegeben, denn er hatte keines dabei. Und ihr Licht--- es wurde von Sekunde zu Sekunde stärker--- die erste Attacke hatte er noch überlebt, aber vielleicht würde eine zweite ihn sofort pulverisieren?!
Ausweichen war das einzige, was er tun konnte, denn ihm blieb keine Zeit, um zu einem Gegenangriff auszuholen. Green war schneller geworden; ihre Angriffe zielsicherer und, wie Blue sofort bemerkt hatte, zielte sie nun genau auf die lebenswichtigen Organe. Früher hatte sie das nicht getan, da ihr das Wissen dafür schlichtweg gefehlt hatte - oder der Wille, dieses Wissen einzusetzen…
Ihr von dem Licht ihres leuchtenden Stabes erhelltes Gesicht erblickte Blue nur ab und zu und auch dieses sagte ihm, dass etwas… anders war. Auf ihrem Gesicht sah er das gleiche, was auch Silence bemerkt hatte: Hass. Allerdings kein unkontrollierbarer Hass, sondern ein kühler, ruhiger, doch nicht weniger zerstörerischer Hass.
Doch Blue konnte seinen Gefühlen nicht nachgeben, egal wie sehr sein Herz darauf reagieren wollte - verletzt, traurig oder… erleichtert… - wenn er sein unausgesprochenes Versprechen an Silver halten wollte, dann musste er sich gewaltig konzentrieren.
Silence war wahrlich schockiert über das, was sie vor sich sah - aber mehr darüber was sie spürte, was ihr Gespür ihr sagte. Greens Aura war anders. Grundlegend anders. Genauso anders wie das Licht, das sie einsetzte und was ihren gesamten Stab zum Vibrieren brachte, als könnte die Waffe die Magie nicht bündeln, ihr gar nicht standhalten… als wäre sie zu groß?!
Das Licht war so anders! Es war nicht nur enorm - so groß, dass Silence' dämonische Wurzeln ihr befahlen, Abstand zu nehmen - Abstand, so schnell sie konnte---- es war grundlegend anders, anders als jedes Licht, das Silence jemals gespürt hatte, dieses Licht, das ihr Dämonenblut zum Schreien brachte.
Aber…. Irgendetwas kam Silence an dem Licht auch bekannt vor. Sie hatte so eine Aura, so ein Licht… schon einmal gespürt. Irgendwo. Irgendwann.
Warum kam sie nur nicht darauf?!


Silence war nicht die einzige, die das Gefühl hatte, eben diese Aura schon vorher einmal gespürt zu haben; denn während Nocturn sich köstlich amüsierte, erwachte Youma mit einem plötzlichen Schrecken. Sein steifer Nacken schmerzte fürchterlich, aber das könnte nicht von geringerem Interesse sein - was war das?! Was war das für eine Aura, die seine Knochen zum Beben brachte?!
Youma riss sich empor, stützte seinen etwas erschlagenen Körper mit dem Arm an der Felswand ab und blickte in den schwarzen Himmel empor, der… Youmas Augen weiteten sich entsetzt… von Lichtmagie durchzogen zu sein schien - wie… ein Fluss am Himmel… aber das… das konnte doch nicht…
Kreischen tat sich um Youma herum auf, dessen Haare ihm, begleitet von einem Donnergrollen, aus dem Gesicht gefegt wurden, während er mit immer kleiner werdenden Augen auf den Himmel starrte, so sehr, dass seine Augen zu brennen begannen. Die schwarzen Wachdämonen flohen; sie flohen heillos in eine andere Richtung, weg von dem Licht, so schnell es ging, so weit weg wie möglich---
Doch obwohl auch in Youmas Kopf sämtliche Alarmglocken schrillten und er spürte, dass seine gesamte Haut von Gänsehaut überzogen wurde, so blieb er als einziger Dämon stehen - zu erstarrt und zu schockiert, um sich zu bewegen.
Das konnte einfach nicht sein.
Es konnte nicht sein.
Sein Kopf sagte ihm, dass es nicht wahr sein konnte, aber sein Gespür konnte er nicht täuschen - es erkannte die Aura. Youma war bereits einmal tödlich vom Urheber dieser Aura verwundet worden… unter eben diesem Fluss, der auch damals… den Himmel durchzogen hatte… gigantischer, aber… definitiv… gleich… Aber es war nicht alleine sein Körper, der deswegen sofort warnend und abwehrend reagierte, es war auch sein Element und als er seinen Kopf zum Ursprung der Aura herumwandte war ihm, als schrie sein Element ihn an, dass er es nicht tun sollte; dass er dort nicht hindurfte, nicht einmal hinsehen durfte.
Denn die Aura war Hikarus.


In genau dem Moment, in welchem Youma sich schockiert herumgewandt hatte, hatte Blue gerade noch in der letzten Sekunde Greens Stab mit seinem Unterarm abgefangen - ansonsten wäre dieser geradewegs gegen seinen Kopf gedonnert. Gewaltige Funken sprühten, schossen in den Himmel, wo die Lichtflüsse in Aufruhr gerieten.
Eben diese Stellung hatten sie auch in ihrem letzten Kampf eingenommen; damals war es Blue ein Leichtes gewesen, ihren Stab zu parieren. Auch jetzt war die Stärke, die sie in denselben Stab hineingelegt hatte, nicht immens; sie besaß einfach an sich keine Körperstärke. Aber das Licht, welches die Spitze ihres vibrierenden Stabes umgab, war unaufhaltsam für ihn. Damals hatte es nur ein wenig geprickelt; jetzt spürte Blue, wie sehr seine Haut unter seinem dunkelgrünen Ärmel um Erlösung schrie und dass diese Erlösung schnell kommen musste, ansonsten wäre seine Haut schnell weggeätzt - und sein Fleisch gleich darauf.
Blue hatte erwartet, dass Green diese Chance ausnutzen würde, indem sie ihre Lichtmagie verstärken würde, doch stattdessen stellte sie ihm plötzlich eine Frage - und irgendwie schockierte Blue die Tatsache, dass sie ihr Wort an ihn richtete, als hätte er nicht erwartet, dass sie noch in der Lage war zu sprechen:
"Warum hast du meinen Bruder umgebracht?! Warum musste Grey sterben!?" Diese Chance nutzte Blue, um wegzuspringen - und sein Arm dankte ihm wahrlich für diese Aktion. Einen Augenblick lang dachte er, Green würde ihm sofort hinterherhetzen, doch das tat sie nicht. Sie verblieb, wo sie war. Einige Meter von ihm entfernt, aber in Hörweite.
Nocturn musste zugeben, dass er das nun ziemlich interessant fand - weitaus interessanter als die leuchtenden Magieflüsse am Himmel, die zu stocken anfingen, versiegten - denn für diese Frage von eben dieser Person hatte er Blue keine Antwort geliefert. Jetzt würde Nocturn sehen können, wie effektiv seine Manipulation wirklich gewesen war und ob Blue seinen Erwartungen entsprach… Komm schon, Blue, enttäusch mich ni…
"Warum willst du das wissen?" Nocturn himmelte sofort aufgebend mit den Augen: was für eine langweilige Antwort! Dieser Junge brauchte definitiv noch Nachhilfe!
"Weil es keinen Grund gab, ihn umzubringen! Grey hat mit unserem Kampf überhaupt nichts zu tun gehabt!" Einen Moment lang sah Blue sie zweifelnd an, bis ihm ein abgebrochenes Lachen entfloh, an welchem man irgendwie hören konnte, dass die Angst noch in seinen Knochen steckte, obwohl Green… wieder mehr wie… Green wirkte:
"Du glaubst wirklich… alles dreht sich nur um dich, was, Green? Wahrscheinlich glaubst du sogar, dass ich es getan habe im Versuch, dein Glöckchen ein weiteres Mal zu brechen. Aber nein, das ist nicht der Fall, immerhin bist du nun mit deinem Licht und den damit verbundenen Heilfähigkeiten um einiges interessanter für die Hohen als tot." Zornig funkelte Green ihn an und schleuderte ihm folgende Worte giftig entgegen:
"Du kannst deinen Hohen ausrichten, dass ich sie gerne heile, aber es könnte ja sein, dass mir ein paar Fünkchen Licht ausrutschen!"
"Aber, aber, Green, du warst doch früher nicht so pingelig", erwiderte Blue gelassen tuend, aber er war nicht gelassen, denn sein Arm war taub geworden - er war absolut nicht gelassen. Er musste den Kampf abbrechen… so schnell es ging…
"Früher gab es auch welche, die meine Heilung verdienten!", schrie Green mit Inbrunst; eine Antwort, die das gespielte Grinsen auf dem Gesicht des Halbdämons verschwinden ließ und einen Moment spürte Green in ihrem frustrierten und verletzten Gefühlstumult so etwas wie Triumpf, denn sie glaubte, dass es ihr Verdienst war - doch da irrte sie sich und ihr Triumpf stürzte in sich zusammen wie ein unsicheres Kartenhaus, als Blue antwortete.
"Es ist ironisch… Dämonen kannst du ziemlich gut heilen, aber deine Elementarwächter werden dir noch einer nach dem anderen wegsterben, wenn du nicht aufpasst. Kannst du dich noch daran erinnern, wie Kari gestorben ist, weil du sie nicht heilen konntest? Oder hast du das schon verdrängt, wie du alles verdrängst? Ich kann mich noch deutlich daran erinnern, wie am Boden zerstört du warst, du hast dich immerhin ziemlich bei mir ausgeheult. Das hätte nicht passieren müssen; wenn du talentierter gewesen wärst, hättest du sie heilen können. Aber Dämonen kannst du heilen. Woher kommt das wohl?" Greens Gesichtszüge entgleisten ihr, als er Karis Namen erwähnte, doch monoton fuhr er fort, als wäre es ihm vollkommen egal:
"Und jetzt ist Grey tot. Ich frage mich, wer als nächstes von deinen Elementarwächtern stirbt, du nicht auch, Green? Fireys Überlebenschancen scheinen ja schon nicht mehr allzu hoch zu sein, wenn du sie ganz unbehelligt in Lerenien-Sei rumstreunen lässt…"
"Woher…" Blue sah kurz prüfend nach oben zum hellen Himmel, dann wieder zu Green, ihre Frage ignorierend:
"Du wolltest doch hören, weshalb Grey sterben musste. Nun, der Grund war, dass Grey ein talentierter Wächter war. Es war daher vorteilhaft, ihn so früh wie möglich aus dem Verkehr zu ziehen. Man widmet sich im Krieg immer zuerst den Elementarwächtern, Green… du solltest dich also schon daran gewöhnen, dass sie ausgetauscht werden." Silence runzelte die Stirn über diese Worte; reizte er Green aus Dummheit oder war das… abgekartet? Hatte er genau wie sie bemerkt, dass die Magieflüsse am Himmel zum Stillstand gekommen waren mit jedem weiteren Wort, das Blue an sie gerichtet hatte?

"Aber ich muss zugeben… dein verweintes Gesicht ist ein netter… Nebeneffekt."

Und da geschah es. Die Lichtflüsse über ihnen waren versiegt, es war dunkel geworden: aber Green erhellte die Dunkelheit wieder, als Blue von der zähnefletschenden Hikari einen so heftigen, leuchtenden Faustschlag bekam, dass er mit zerfetzter Wange zu Boden geschleudert wurde.
Diese Attacke hatte ins Ziel getroffen; diese Attacke war ernsthaft gefährlich für ihn. Enorme Schmerzen breiteten sich von der offenen Fleischwunde aus und das Lichtintus lähmte Blues rechte Gesichtshälfte; wenn er nicht schnell Anti-Licht erhielt, würde es sich zu seinem Gehirn hocharbeiten und er würde sterben.
Silence, welche bereits auf Green zugesteuert war, weil sie befürchtet hatte, dass ihre Entschlossenheit durch Blues zielgerichtete Worte ins Bröckeln geraten war, blieb bei dieser Aktion erstaunt stehen und bemerkte genau wie Youma einige hundert Meter entfernt, dass die eigenartige Aura nun komplett verschwunden war. Auch der Himmel war wieder komplett schwarz.
Die Schmerzen in Blues Gesicht nahmen zu, als Green ihren pulsierenden Stab unbeirrt vor seinem Gesicht platzierte, doch für einen Augenblick rückten seine Schmerzen in den Hintergrund. Für einen Moment… als Blue nicht die geflügelte Spitze ihres Stabes anvisierte, sondern hochsah und in ihre entschlossenen blauen Augen... hineinblicken konnte… da… spürte er etwas in sich. Ein Gefühl, welches nicht ihm galt, sondern ihr.

Stolz. Er war stolz auf das schwache Mädchen, welches den Weg der Stärke eingeschlagen hatte.

"Ich werde nicht mehr weinen, Blue. Du wirst kein verweintes Gesicht mehr sehen. Die einzige Flüssigkeit, die du in meinem Gesicht sehen wirst, ist Blut. Und ich werde diesen Krieg so lange führen, bis es dein Blut ist!"


"Hol deinen Bruder. Und beeil dich."
Das brauchte Ri-Il nicht zweimal sagen, immerhin hatte Silver die ganze Zeit auf genau diese Worte und die Chance gehofft, zu Blue zu kommen - eine Chance, die er erhielt, als Ri-Il die Wächter um Silver herum zum Erstarren brachte. Und dass die Sorge um seinen Bruder nicht unberechtigt war, bemerkte er auch schneller als ihm lieb war, denn er kam in genau dem Moment an, in welchem Green mit dem Stab ausholte.
"NICHT!" In der gleichen Sekunde, in welcher Silver dies panisch gerufen hatte, musste er schon ausweichen, denn ein pfeilschneller Gegenstand, welchen er nicht klar definieren konnte, sauste auf ihn zu, zwang ihn zum Ausweichen.
Doch der plötzliche Tumult hatte ausgereicht, um Green abzulenken; einen Moment, den Blue nutzte, um auf die Beine zu kommen und sich von ihr zu entfernen. Es war jedoch eher ein kläglicher Versuch, denn kaum dass er auf die Beine gekommen war, entglitt ihm die Balance und er wäre wieder zu Boden gestürzt, wären Silvers Hände nicht plötzlich da gewesen, um ihn zu stützen.
"Silver… was machst du…hier?"
"Dich offensichtlich retten, würde ich meinen! Du brauchst Anti-Licht und das ganz schnell!" Green bekam von dem Gespräch der beiden Brüder nichts mit, denn sie hatte sich umgewandt, als Saiyon auf sie zugerannt kam, nachdem er seinen Bumerang wieder aufgefangen hatte, welcher eben noch auf Silver gezielt hatte.
Saiyon hatte ihn von Weitem geworfen und war noch nicht ganz bei seiner Verlobten angekommen, als Green plötzlich traurig ausgesprochene Worte hinter sich hörte:

"Du hast dich… mit ihm verlobt, nicht wahr? Als du mich geschlagen hast, habe ich einen Ring gespürt… er ist es also, der den passenden Ring dazu trägt…. Ihr zwei… seid ein hübsches Paar. Er wird… sicherlich gut auf dich…aufpassen… Er ist der Richtige für dich, Green… meine Glückwünsche."

Greens Herz fror plötzlich zu Eis, als sie diese traurigen Worte höre - und gleichzeitig zerbrach es in viele kleine Einzelteile. Wieder hatte sie das Gefühl, dass sie plötzlich ganz alleine war auf der Welt; nicht in Henel, nicht in der Menschenwelt oder im Tempel. Sondern in ihrer eigenen Welt… sie alleine und diese Stimme.

Garys Stimme.

Als sie sich herum wandte, war sie wieder in der Dämonenwelt und es war niemand mehr da, der etwas hätte sagen können.
Stattdessen spürte sie die Hand Saiyons auf ihrer Schulter und hörte auch sofort seine Worte, dass er erleichtert war, sie endlich gefunden zu haben… das Licht, wie hätte sie… sie sollten zurück… man mache sich sicherlich Sorgen um sie. Die Tatsache, dass er Blue erkannt hatte, kommentierte er allerdings nicht.


Ein ganzes Stück von ihnen entfernt hatte Nocturn aufgehört zu lachen; seine gute Laune war verflogen und gedankenverloren kippelte er auf seinem Sitzplatz ein wenig vor und zurück, bis Youma plötzlich neben ihm auftauchte, was seine Laune auch nicht gerade besserte.
"Was ist hier geschehen?", fragte dieser und wäre Nocturn nicht mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, wäre ihm wohl aufgefallen, wie verwirrt und sogar nervös Youma klang.
"Nichts besonderes", antwortete der Flötenspieler daher nur missgestimmt, ohne weiter auf seine Worte einzugehen.
"Hast du eine besondere Aura gespürt?", bohrte Youma daher weiter nach, doch Nocturn reagierte nur mit einem Schulterzucken darauf:
"Die Aura von der Hikari hat sich kurzweilig verändert, aber das war alles."
"Das ist alles?! Hast du das Licht am Himmel gesehen, du Idiot?! Du magst so wahnsinnig sein, dass deine anderen Sinne nicht funktionieren, aber deine Augen werden ja wohl gegen deinen Wahnsinn immun sein?!" Nocturn zuckte noch einmal gleichgültig tuend mit den Schultern, was Youma noch wütender machte:
"Und du sagst, dass dieses enorme Licht von dem Medium von Silence stammte?! Dieses schwache Ding? Das… kann ich mir nicht vorstellen. Unmöglich." Nocturn interessierte sich ganz offensichtlich nicht für die Probleme, die Youma hatte; er ignorierte sie ganz offensichtlich. Aber hatte Youma sich nur eingebildet… sie zu spüren? Es musste sein. Eine andere Erklärung gab es nicht… durfte es nicht geben…
Denn Hikaru war tot. Musste tot sein.


Wie viele Dämonen in der Schlacht gestorben waren oder wie problemlos der Rückzug geschehen war, das war für Mekare egal: alles was sie interessierte war Blues Zustand - und dieser war kritisch. Ein besorgter, aber spitzer Schrei entfloh ihr, als sie den zugerichteten, fast bewusstlosen Blue sah; wie die leuchtenden Fünkchen über seiner offenen Wunde spöttisch tanzten und sich spielerisch auf seinem Gesicht ausbreiteten, um die Wunde immer weiter zu vergrößern. Immer mehr Haut blätterte von seinem Gesicht herunter… Sein Kopf war auf Silvers Brust gesackt, seine Augen flackerten, aus seinem Mund lief das Blut in Strömen heraus. Sein Atem ging nur sehr langsam und stoßweise; mit jedem weiteren Atemzug schien mehr Haut von seinem Gesicht abzublättern, zersetzt zu werden.
"… Si…lver… es… tut mir… Leid… das… habe… ich n…icht… kommen…"
"Rede nicht, Mann!"
"… gesehen…"
"Blue!"
"… verzeih… mir…"
"ANIKI!"
Der Schrei Silvers und seine Tränen weckten Mekare aus ihrem Schockzustand, der zum Glück auch nur wenige Sekunden angedauert hatte, ehe sie sich entschlossen an die zwei nächstbesten Mädchen wandte:
"Bringt mir sofort Anti-Licht aus der obersten Schublade meines Nachtschranks! Und dazu heißes Wasser und einen Lappen! Und beeilt euch, Mädchen!" Offensichtlich interessiert es sie nicht, dass sie für den Einsatz von Anti-Licht eigentlich Ri-Ils Erlaubnis benötigte, immerhin war es überaus teuer und schwer zu beschaffen. Anstatt sich darüber allerdings Gedanken zu machen, beorderte sie den völlig aufgelösten Silver sofort dazu, den Verletzten in das Zimmer der beiden Brüder zu bringen.
Sie würde um nichts in der Welt zulassen, dass einer ihrer beiden Söhne vor ihrer Nase wegstarb!





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1 Glühwürmchensturm, die Zweite
2 Glühwürmchensturm, die Dritte